I could habe been most anything I put my mind to be
But a cowboy’s life was the only life for me
Don McLean

Er wisse noch genau, sagte mein Nachbar, wobei er aus Daumen, Zeige-, Ring- und Mittelfinger braunfeuchtes Gewölle in ein Blättchen fallen ließ, oder richtiger sollte er vielleicht sagen, er habe keine Ahnung, wann er das erstemal eine Marlbororeklame gesehen habe, in irgendeinem Kino? Vor dem Camel-Typen oder nach dem Camel-Typen?

Er rollte das Stäbchen zusammen, legte es dann auf die Oberlippe, die er, um es festzuhalten, oberkieferzähnebleckenderweise nach oben rollte, und dachte nach. In der Phylogenese, sagte er dann, der Zigarette komme wahrscheinlich – auch das stehe ihm nicht mehr plastisch vor Augen, aber das könne er erschließen – als erstes die Overstolz. Oder Ernte 23. Wahrscheinlich aber Overstolz. Onkel und Tante hätten sie geraucht, dieser diese und jene jene. Als drittes Nil ohne Filter, platt. Die habe in der Schublade des Großvaters gelegen, für vornehme Gäste. Und Juno, rund, des Nachbarn Großvaters Nachbarn Marke.

Er ließ die eigene Zigarette, die irgendwo zwischen platt und rund beheimatet war, auf den Pilgrimhaustisch purzeln, half ihr wieder auf, klopfte sie, drehte sie um, klopfte erneut, steckte sie in den Mund und dann an.

Stuyvesant. Was eigentlich aus der Marke geworden sei? Sie gehöre zweifellos in eine Zeit, als Schiffe noch Transportmittel waren, und keine Rumtreiberaufbewahrungskästen, die sich wie ein lebensmüder Pottwal quer vor irgendwelche Inseln legten, und die außerdem Dampfer geheißen hätten, nicht Liner.

Ich wollte ihm zu bedenken geben, daß auch eine gewisse Titanic in ihren Erdentagen bereits ein Rumtreiberkasten gewesen sei, und daß sich Zynismus im Angesicht des Todes doch vielleicht auch verkneifen ließe, wenn man sich ein wenig Mühe gäbe, aber der Nachbar meinte, das Angesicht des Todes mache aus Zynismus überhaupt erst Zynismus. Ohne die Augen des Todes im Nacken sei Zynismus kein Zynismus, sondern eine Sandkastenbeschäftigung, wobei die Sandkästen heutzutage auch nicht mehr das seien, was die Sandkästen früher gewesen seien, und die Mütter rund um die Sandkästen, nicht mehr das, was die Fräuleins einst gewesen seien, die auf den Bänken bei den Sandkästen gesessen hätten. Im – wie heiße noch der Große Park?

Welcher große Park, wollte ich wissen. Na, dieser große Park in der großen Stadt, durch die man komme, wenn man, weil man Cowboy werden wollte, auswanderte, mit dem Dampfer. Gleich wenn man reinkomme, bei der Freiheitsstatue. Diese Stadt. Und dieser Park.

Hyde Park?

Er wollte mir den Mittelfinger zeigen, was aber nicht ging, da er zwischen Mittel- und Ringfinger die kurz gewordene Zigarette geklemmt hatte. Er zeigte mir beide Finger und würgte dann die Glut im Aschenbecher.

Ok, lenkte ich ein, Central Park.

Central Park! Da hätten sie gesessen, die Fräuleins. Mit Kinderwägen, die den Namen noch verdient gehabt hätten, Kinderwägen mit Weißwandreifen und Fuchsschwanz. Und im Hafen seien die Schiffe eingelaufen, denn die Auswanderer, auch die, die in die Prärie gewollt hätten, hätten alle durch New York gemußt, das damals übrigens noch Neu York geheißen habe. Zurecht. Dort sei es losgegangen, in einer Stadt voll frischer Brise, voller Aufbruch und Verheißung. Und alles das sei in der Stuyvesantreklame gewesen, die, so gesehen, die mächtigste Reklame überhaupt gewesen sei, rich choice.

Ich konnte ihm zwar nicht sagen, was aus der Marke geworden war, stellte aber die Möglichkeit, daß es sie noch gebe, und daß sie in irgendeinem verschlafenen Winkel der Welt wohne, in den Raum, wo sie ein vom Nachbarn gefauchtes “Ach was!” provozierte. Selbst wenn! Das sei nicht mehr dieselbe Stuyvesant. Weil es ja auch nicht mehr dieselbe Welt sei. Niemand, so tönte der Nachbar, das Fingergeviert erneut im Kraut, könne zweimal dieselbe Zigarette rauchen, denn weder er, noch die Zigarette …

Hier verstummte er, winkte Christa, Louis, des Wirtes, Tochter herbei, bot ihr die frisch gerollte Zigarette an und lud sie ein, sich zu uns zu setzen, vorausgesetzt, sie bringe drei wohleingeschenkte Gläser mit.

Christa lehnte ab, mit Hinweis auf die frühe Abendstunde und den späten Feierabend einer Zapferin. Der Nachbar erbot sich, immerhin ihr Bier zu trinken, wenn er ihre Gesellschaft schon entbehren müsse, denn alles, was ihm nurmehr bleibe, sei ich, und da könne einer alles Bier gebrauchen, dessen er habhaft werde.

Und sein geliebter Tabak, fragte ich ihn? Der bleibe ihm doch auch.

Schall und Rauch, grunzte der Nachbar. Oder jedenfalls Rauch. Für den Schall sei er zuständig. Wo wir stehen geblieben wären?

NY, sagte ich, wurde aber sofort korrigiert: HB. Verglichen mit dem Duft der weiten Welt sei HB Provinz gewesen, und Bruno stamme wahrscheinlich aus Herne. Gleichwohl, auf die HB-Reklame habe man im Kino gespitzt, die Stuyvesant, obgleich von höherem Wallungswert, habe man mitgenommen, niemand wäre ihretwegen ins Kino gelaufen. Wegen Lord Extra sei man aus dem Kino gelaufen, an Lux Filter habe man keinerlei Erinnerung, außer, daß es sie gegeben habe, Peer Import habe man als Schüler geraucht, im unsinnigen Ehrgeiz, sich einmal quer durch den Garten zu rauchen; Gib einem Mann eine Chester!, Rothmans, Roth Händle, Reval, schließlich Gitanes und Gauloises.

Ich versuchte, in meiner Erinnerung eines sonnigen Austauschschülermorgens auf der Rue Soufflot habhaft zu werden, sowie des Namens jenes Parks an deren Ende, was mir wahrscheinlich besser gelungen wäre, wenn der Nachbar weitergeredet hätte; man kann so schön abschalten, wenn er schimpft, und sich auf ferne Boulevards träumen, wo blaue Zigarettenschachteln auf Bistrotischchen herumliegen, während man in die Tasche faßt, um den Cinzano zu bezahlen und um festzustellen, daß man in der Nacht ausgeraubt worden ist.

Leider aber schwieg der Nachbar, und in meinem Kopf verschwamm alles.

Camel sei zuerst dagewesen, fuhr er dann fort, und mir fiel der Name wieder ein, der Cameltyp, der kilometerweit durch irgendwelche Gegend marschiert sei, die es damals wahrscheinlich schon gar nicht mehr gegeben habe, und die extra für ihn im Studio nachgebaut worden sei. Irgendwas habe aber nicht gestimmt an dieser Reklame, denn er, der Nachbar, habe seines Wissens in seinem Leben nicht ein einziges Mal eine Camel geraucht.

Und er habe viel geraucht.

Sprach’s, drückte eine aus und rollte sich eine neue. Außerdem habe er nicht an den Amazonas gewollt, sondern in den wilden Westen. Er hätte schon gern auch an den Amazonas gewollt, warum nicht, aber immer schön eins nach dem anderen. Erst sei der wilde Westen an der Reihe gewesen. Und für den sei nicht der Cameltyp, sondern der Marlboromann zuständig gewesen.

Wieder schwieg der Nachbar, und ich vergaß den Namen wieder. Jardin de quelque chose, es sei denn, ich verwechselte das mit diesem Nachtisch, Mousse au quelque chose? Ich winkte Christa, um mich nach der Verfügbarkeit von Nachtisch zu erkundigen, nur um zu erfahren, daß Andi, der Zonenkoch, sich selbständig und wieder rüber gemacht habe. Damit habe er schon jahrelang gedroht, ohne daß ihn jemand ernst genommen hätte. Aber nun sei er weg, und nun müßten alle erst einmal mit der neuen Situation fertig werden, Louis und sie, wir Gäste, aber auch die Menschen in Andis alter Heimat. Im Moment sei es jedenfalls Essig mit Nachtisch.

Das setzte mich ziemlich außer Gefecht. Kein Nachtisch? Was sollte ich denn jetzt machen? Mein Bier würde gleich der Nachbar trinken, das tat er immer, und das Rauchen hatte ich mir damals in Paris abgewöhnt, als ich nicht einmal mehr einen Stuhl im Jardin du Luxembourg bezahlen konnte.

Der Nachbar, der der sich zurückziehenden Christa mit festem Blick nachgesehen hatte, und dem ich, was sein Interesse an Christa angeht, platterdings Unlauterkeit unterstelle, im Gegensatz zu mir, der ich an ihrer Erscheinung interesseloses Wohlgefallen habe, winkte mich jetzt mit dezenter Handbewegung zu sich über den Stammtisch und blies mir, als ich ihm gefolgt war, mehrere Liter Lungenrauch ins Gesicht, fortfahrend, es sei, mit der Marlbororeklame, im übrigen auch die Geschlechtlichkeit in sein Leben getreten.

Nanu? Was mußte er dann, wenn die Dinge so lagen, so indezent hinter Christa herstarren, während andere, soigniertere Leute, sich damit beschieden, mit interesselosem Mißfallen ihres Nachbarn Rauchergesicht anzusehen?

Aber der Nachbar schüttelte den Kopf: nicht so herum. Indirekt. Es habe sich ganz einfach die Geschlechtlichkeit, als ihre Zeit gekommen war, das ihr zustehende genommen und sich des Nachbarn bemächtigt. Die Übereinstimmung mit der Marlbororeklame sei eine zeitliche gewesen. Nicht zeitlich, sondern geheimnisvoll jedoch sei die Übereinstimmung, daß alle Frauensleute, mit denen der Nachbar in der Folge seiner erwachten Geschlechtlichkeit bekannt geworden sei oder es zu tun bekommen habe, durch die Bank egalweg eine wie die andere Marlboro geraucht hätten. Light. Und nichts anderes. Es sei wie ein tertiäres oder quartäres Geschlechtsmerkmal gewesen.

Dabei pustete der Nachbar den Rauch der Abwechslung halber zur nikotinfarbenen Schankstubendecke. Und ferner, sprach er, vorerst ebenfalls zur Decke, ehe er den Blick wieder senkte, wo er von ungefähr die an den Tisch getretene Christa mitten auf die Brust getroffen haben würde, hätte diese nicht ein Tablett mit drei wohleingeschenkten Gläsern vor dem Busen getragen. Wie ein Führerscheinneuling, der die Komplexität einer Kurve unterschätzt und sich, nachdem er sie unterschätzt hat, samt Auto in der Kläranlage wiederfindet, so habe auch der Nachbar als Neuling im Geschlechtsleben die Komplexität der Pfade vom Ich zum Du nicht proper abschätzen können und sei bäuchlings irgendwo hineingeraten, von dem er nicht sagen könne, ob es eine Kläranlage gewesen sei. Ich könne aber zu den Akten nehmen, daß er sich beschissen gefühlt habe. Andere gingen, oder seien gegangen, als die Dinge noch anders waren, als sie damals gewesen seien, in die Fremdenlegion. Das sei für den Nachbarn nie eine Option gewesen, weil ihm die Fremden leid getan hätten, insbesondere er selbst, der dort ja auch fremd gewesen wäre. Aber Marlboro County sei ihm als gute Alternative erschienen. Am Feuer sitzen, mit Stöckern in der Glut rumstochern, Kaffee aus Blechbechern trinken und niemals mehr auf’s Klo müssen.

Denn niemals sei einer in einer Marlbororeklame auf’s Klo gegangen, ob mir das schon einmal aufgefallen sei? Nicht einmal die Kühe. Auch die Pferde nicht. Und der Marlboromann schon überhaupt nicht. Für einen Jüngling, der gerade die Erfahrung gemacht zu haben glaubt, sich mit einem ungeschickten Annäherungsversuch in die Scheiße gesetzt zu haben, sei das eine paradiesische Vorstellung. Also habe er seinerzeit den Jünglingsentschluß gefaßt, in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern, und zwar subito.

Der Nachbar stand auf, als wolle er den Entschluß von damals nunmehr zur Ausführung bringen, aber er mußte nur zum Klo. Christa, die zwei reizende Hinterbacken ihr eigen nennt, und sich mit der Hälfte der beiden einer auf die Bank am Kopf des Tisches gesetzt und von dort dem Nachbarn zugehört hatte, das zur freien Backe gehörende Bein über das andere geschlagen und das linke Rotbäckchen auf die kleine Faust gestützt, stand auf, um ihn herauszulassen und das leere Tablett zum Tresen zurückzutragen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe den Eindruck, auch ihrer Attitüde dem Nachbarn gegenüber fehlt es an Lauterkeit. Mißmutig beschloß ich, mein Bier diesmal selber zu trinken. Es schmeckte schal. Damals, als ich unter Hintanlassung eines ungetrunkenen Cinzanos das Straßencafé floh um mich in den Park am Ende der Straße zu retten, wäre es willkommen gewesen.

Der Nachbar kam zurück, trank die zwei Biere und zog ein Blättchen aus dem Umschlag. Was ihn denn eigentlich daran gehindert habe, wollte ich wissen, auszuwandern? Ob ihm was dazwischen gekommen sei? Und was?

Dies und das, antwortete der Nachbar, und was immer es gewesen sein mag, wurde von ihm mit zwei Streichen des Blättchens beiseite gewischt. Was er mir aber habe erzählen wollen, bzw. worüber er habe schimpfen wollen, weswegen er mich heute hierher habe kommen lassen, denn Schimpfen ohne zwei oder mehr Ohren, für die man schimpft, das sei manieristisch, – worüber er habe schimpfen wollen, das sei das Marlboroplakat an Gleis 1. Das was, wollte ich wissen? Das Marlboroplakat? Welches Marlboroplakat?

Das an Gleis 1, sagte mein Nachbar. Ich hatte nicht gewußt, daß an Gleis 1 ein Marlboroplakat war, und fragte daher, ob an Gleis 1 etwa ein Marlboroplakat sei, und der Nachbar sprach, er habe den Eindruck, mich wegen Obstruktion verwarnen zu müssen. Und ob dort ein Marlboroplakat sei. Dieses Marlboroplakat sei die schändliche Umwertung aller Werte, für die der Marlboromann einst gestanden habe, Freiheit, Abenteuer, Selbstbestimmtheit, Autonomie und schwarzer Kaffee. Dieses Marlboroplakat sei ein Rückfall in den Stalinismus, insofern es dem Adressaten mitteile, im Imperativ, was er zu tun habe, schlimmer, was er zu lassen habe! Das ihm, dem Nachbarn! Einem Krebs! Einem Krebs nicht nur von Geburt, sondern aus Überzeugung! Einem Krebs aus Eigensinn! Einem Krebs, der sich niemals, von niemandem, vorschreiben lasse, was er zu sein habe! Nicht einmal von seinem Sternzeichen! Das schon überhaupt nicht, und erst recht nicht von einem schmuddelfarbenen Reklameplakat, das von intellektuellen Flachwurzlern zusammengetüftelt worden sei, denen man ihre Sandkastendefizite deutlich anmerken könne, insbesondere das Fehlen dezenter Kinderwägen und englischer Fräuleins während der Prägephase.

Der Nachbar stand nun halb auf der Bank und dozierte mit geballter Faust quer über den Tisch und sehr von oben auf mich herab, was ich zum Anlaß nahm, ihn aufzufordern, sich mal wieder einzukriegen, in der Hoffnung, daß er es nicht tun würde. Tatsächlich zog es mir seinen Zorn zu, dem er Luft zu schaffen suchte, indem er mit dem Zeigefinger nach mir stach und dazu sagte, und von mir, und von mir, von mir – dreimal – lasse er sich noch weniger sagen, als von Plakat und Sternzeichen zusammengenommen, beziehungsweise …

Er merkte wohl, daß hier der tückische Sumpf doppelter Verneinung, des negierten Oder, der mit -1 multiplizierten Subtraktion oder ähnlich finsteren Logikwerkes begann, und er auf die Schnelle wahrscheinlich keinen sicheren Pfad hindurch finden würde, und als ich ihm spaßeshalber sagte, er solle sich jetzt wieder hinsetzen, das sei ein Befehl, setzte er sich tatsächlich hin. Nahm mein Bier, und trank es nachdenklich aus.

Was denn eigentlich auf dem Plakat stehe, wollte ich wissen, während die lautlos zurückgekommene Christa sich wieder ans Kopfende setzte und dem Nachbarn eine Marlboro light anbot. Der nahm sie, zerknüllte sie, warf sie in den Aschenbecher und griff nach seinem Tabak. Christa sah ihn wohlwollend an.

Dort stehe, sagte der Nachbar, wobei er die Finger der Rechten mehrfach spreizte und die Handfläche nach vorn drehte – ein sicheres Zeichen dafür, daß er gerne jemanden würgen würde – dort stehe “Don’t be a Maybe”.

Was das denn heißen solle, wollte Christa wissen, aber der Nachbar schüttelte den Kopf. Das sei ihm vollkommen egal. Was immer es heiße, er, der Nachbar, sei so viel Maybe wie es ihm in den Kopf komme und wann es ihm in den Kopf komme, und wenn er es sei, dann sei er es gerne, sagte er entschieden.

Es klinge nach irgend so einem evangelikalen Jerry-Lee-Lewis-Kram, wollte ich, zu Christa gewandt, sagen, à la: Man möge bitteschön entweder heiß oder kalt sein, möge man; denn sei man lauwarm, der Herr werde einen ausspeien. Ob ich damit zu ihr durchdrang, weiß ich freilich nicht, denn der Nachbar hatte das Gesetz des Schimpfens wieder an sich gerissen, und berichtete über die Bahnhofsbuchhandlung, schräg unterhalb und nicht weit von Gleis 1, in deren Auslage ein Monitor laufe, gesponsert von der Süddeutschen Zeitung, auf welchem stehe: Seien Sie anspruchsvoll! Es sei dies zwar nicht der Untergang des Abendlandes, denn Abendländer gingen so schnell nicht unter, dazu seien sie zu aufgebläht, aber es sei nicht weit vom Untergang eines Abendlandes entfernt. Wenn der Leser dieser Unverschämtheit derselben nachkäme, anstatt sie in Würdelosigkeit über sich ergehen zu lassen, würde er den Laden betreten, mit einem ersten gezielten Fußtritt den Monitor zum Schweigen und mit einem zweiten zum Verlassen des Schaufensters bringen. Es sei dies der Einbruch des Paradoxons, und damit – mit Herrn Settembrini zu reden – der Liederlichkeit, des Schimmers faulig gewordenen Geistes in die heile Welt der Reklame.

Heile Welt der Reklame, gab ich mich künstlich skeptisch?

Heile Welt, donnerte der Nachbar. Heile! Niemals habe der Marlboromann auch nur soviel Böses getan, wie einen Haufen in die Prärie zu setzen! Auch seine Kühe nicht! Nicht einmal sein Pferd. Ein guter Mensch! Und davon ganz abgesehen sei die Botschaft der Marlbororeklame stets die gewesen, daß ein junger Mann, den Tücken der Geschlechtlichkeit und der Fremdenlegion gleichzeitig entkommen könne: come to where the flavor is, nur noch Pferde und Rinder und Feuer und Stöcker und Kaffee, und vielleicht einmal ein treuer Hovawart, aber keine Frauensleute dort.

Christa rückte ein Stückchen näher zu ihm. Ich mußte sie mit irgendwas beschäftigen. Aber womit? Wenn ich ein Bier bestellen würde, tränke es der Nachbar, und wenn ich einen Cinzano bestellen würde, müßte ich den trinken. Beides war nicht gut.

Ich hätte immer angenommen, sagte ich zum Nachbarn, um wenigstens den irgendwie zu beschäftigen, die Botschaft der Marlbororeklame sei die, daß man Marlborozigaretten rauchen solle.

Was, fragte dieser entgeistert, rauchen? Das da? Und er zeigte mit einem Finger, dem man deutlich ansah, daß er sich dieses Aktes schämte, auf Christas Schachtel. Das? Das da verhalte sich zu etwas, das man rauchen könne und vor allen Dingen rauchen wolle, wie ein eingebranntes Mehlsüppchen zu einem ausgewachsenen Ochsenschwanz.

Er legte die Schachtel neben sein Tabakspäckchen, damit man den Unterschied sah, und wandte sich dann an Christa mit der Information, ihm, dem Nachbarn, sei nach einem Ochsenschwanz, und mit der Bitte, die Küche möge einen richten.

Christa stand auf und sagte betont abwehrbereit, das werde nichts. Andi weile nun mal nicht länger bei uns, und mit einem neuen Koch sei Louis noch nicht einig.

Go east, young man, murmelte ich im Stillen und präparierte die Retraite. Hatte keinen Sinn, den Nachbarn zu reizen. Wenn der Essen wollte und keins bekam, tat man klüger daran, zwei Straßen weiter zu wohnen als er als er. Besser noch im Nachbardorf. Das ging nun nicht, aber man tut was man kann.

Ich faßte in die Hosentasche und merkte, daß mein Portemonnaie nicht da war.

Der niedersächsische Verfassungsschutz, sagte mein Nachbar, habe – ob zerknirscht, oder weniger zerknirscht, oder vielleicht sogar mit stolzgeschwellter Brust oder sonstigen Schwellungen, das lasse sich den Pressemeldungen nur schwer entnehmen, das spiele aber für das, was er dazu zu sagen habe, überhaupt keine Musik – der habe jedenfalls zugegeben oder sich damit gebrüstet, die Linke in Niedersachsen eben doch zu überwachen, und nicht nur, wie vom “geistigen Transferleistungsempfänger Friedrich”, wie Sabine Lötzsch ihn genannt habe, behauptet, zu beobachten.

Sofort habe Gregor Gysi daraufhin den Niedersächsischen Verfassungsschutz “ballaballa” genannt, und ihm eine “Vollmeise” attestiert. Und da habe er, der Gysi, natürlich vollkommen recht. Es sei, wenn man ein Eisenhower-Diagramm bilde, mit der Dimension Intellenz und den Ausprägungen “normal” und “Verfassungsschutz halt, was wollen Sie?”, sowie der Dimension Denkvermögen mit den Ausprägungen “durchschnittlich” und “je nun, niedersächsisch”, dann finde sich der niedersächsische Verfassungsschutz im linken unteren Quadranten wieder, und das sei der Quadrant, wo nie einer hin wolle. Darum, so der Nachbar, sei Gysi unbedingt recht zu geben. Der ausdruck “Ballaballa” treffe die Sache, auch und gerade wegen des Infantilitätsregisters, dem er angehöre, recht gut.

Aber, sagte er dann, und machte eine längere Pause, in der er sich eine besonders sorgfältig gerollte Zigarette rollte und so tat, als sei seine Aufmerksamkeit so gefesselt, daß er nicht mehr als hier und da ein gleichwohl einstreuen konnte, ein indes, oder ein dennoch. Dabei weiß jeder, der ihn kennt, daß der Nachbar keinerlei Aufmerksamkeit fürs Zigarettenrollen braucht, sondern die Pausen in hitchcockscher Manier über seine Monologe streut, sehr wohl wissend, daß man das zwar weiß, aber nichts dagegen machen kann.

Dennoch, fuhr er fort. Es habe das Tun des niedersächsischen Verfassungsschutz etwas für sich. Nicht, daß es für irgendwas nutze sei, die Linke zu überwachen, sie zu beobachten oder auch nur anzugucken. Blödsinn. Kinderkram. Dummes Zeug. Aber – das müsse man anerkennen – indem er die Linke beobachte, beobachte er Dr. Dieter Dehm. Oder überwache ihn. Oder gucke ihn auch nur an. Etwas, das er, der Nachbar, sich nicht antun würde, das sei mal sicher.

Nun sei es aber die Frage, ob, bzw. es sei überhaupt keine Frage, daß es massivster Overkill sei, Ressourcenprasserei, Großmannssucht und Vergeudung, wegen eines einzelnen – zugegeben: überwachungswürdigen – Objekts gleich eine ganze Partei unter Beobachtung zu stellen. Nichtsnutzigkeit! Der Großteil der Partei habe überhaupt nichts getan und habe auch nicht vor, in Zukunft etwas zu tun, außer da zu sein. Der Mitwelt aber vorzuwerfen, daß sie da sei, sei kindisch. Das ganze Unterfangen sei kindisch, es sei abzulehen, da gebe es überhaupt nichts zu deuteln.

Und doch: nicht in toto. Denn früher – und er, der Nachbar, sei, allein aufgrund seines Alters, mit einem erklecklichen Haufen “früher” beladen, und stündlich werde es mehr – früher sei der Dr. Dieter Dehm nicht überwacht worden. Es wäre dies aber besser gewesen, wenn man ihn wollte überwacht haben. Nicht, daß er dem niedersächsischen Verfassungsschutz aus diesem Versäumnis einen Strick drehen wollte, denn er, der Nachbar, habe es ja früher auch nicht besser gewußt. Aber dazu sei der Verfassungsschutz ja eben da, es besser zu wissen, als der Bürger! Wozu halte sich der Bürger schließlich einen Verfassungsschutz, wenn der ihm nicht beizeiten sage: “Du, Bürger, auf ein Wort! – Dieser Mensch, dieser, wie nennt er sich – Lerryn? – dieser Sangesmann – zieh dich warm an, Bürger! Da kommt was auf dich zu.”

Habe der Verfassunsgschutz aber nicht getan. Und da frage man sich als Bürger natürlich schon, warum man den unnützen Esser weiterfüttere?

Jedenfalls habe der Verfassungschutz ihn, den Nachbarn, nicht davor gewarnt, daß Herr Dr. Dieter Dehm drauf und dran war, sich mit der niederländischen Musikkapelle Bots zusammenzutun – ewig sei das her. Es falle zusammen mit dem Ende der gottbehüteten Jugend des Nachbarn, in der er tun und lassen habe können, was er wollte, und niemandem Rechenschaft habe ablegen müssen – ja, ja, müsse er heute auch nicht, gab er zu, als ich es ihm unter die Nase rieb, Klugscheißer! Aber irgendwann sei seine Jugend doch zuende gewesen, und schuld daran sei Dr. Dieter Dehm!

Er haute mit der flachen Hand auf seinen Tabak. Man wisse, daß der Nachbar eine Hand hat, der ein Päckchen Tabak, und sei es auch noch jung und drall, nicht viel entgegenzusetzen hat. Aufstehn! raunzte er und haute noch einmal zu, Das weiche Wasser bricht den Stein!!

Diesmal hatte er die Faust genommen.

Ich überlegte, was ich machen sollte. Ich mußte ihn da irgendwie wieder runter kriegen, so ging das ja nicht. Christa, die ihn vielleicht hätte beruhigen können, war noch nicht da, und wir mußten den Schankraum des Pilgrimhauses mit Louis teilen, der es am frühen Mittwochnachmittag langsam angehen ließ und ein Bier vor sich stehen hatte, dem er hin und wieder etwas erzählte, ohne auf Antwort zu rechnen. Gut möglich, das Louis noch in der Lage war, zu zapfen.

Was wollen wir trinken? fragte ich den Nachbarn, um zu erleben, daß der Nachbar den Tabak vom Tisch wischte, selben von sich stieß und “sich erhob”.

Das ist wörtlich zu nehmen. Er “erhob sich” und “wuchs über mich hinaus”. Und sagte, ich solle das noch einmal sagen. Dem entnahm ich, daß es besser wäre, es nicht noch einmal zu sagen. Weshalb ich es sein ließ. – Gnade vor Recht, sagte der Nachbar dann irgendwann, bückte sich, hob den Tabak auf, setzte sich, öffnete das Päckchen, lockerte den Inhalt, indem er ihn mit den Fingern ordentlich durchzwiebelte, und fing an seine Blättchen zu suchen.

Gnade vor Recht, wiederholte er, wolle er dem Verfassungsschutz angedeihen lassen, den wer weiß, vielleicht habe der Verfassungsschutz den Dr. Dieter Dehm damals gar nicht beobachten können, weil der damals noch nicht der Linken angehört habe. Denn, dozierte der Nachbar, inspizierte den Fußboden, fand die Blättchen auch dort nicht, und zog schließlich ein frisches Heftchen aus der Tasche des Parkas, der hinter ihm am grünen Sparkassensparvereinskasten hing, denn es sei hierzulande so, daß man nur die linken überwache, die anderen aber nicht. Das habe damit zu tun, daß man, wie Peter Rühmkorf es einmal formuliert habe, die Linken vergelten lasse, was man an den Rechten versäumt habe. Wobei Rühmkorf aber unterschlage – Kommunist eben und immer auf Beugung der Wahrheit aus – daß, wie Heiner Geißler herausgefunden habe, die Nationalsozialisten in erster Linie Sozialisten gewesen seien. Vice versa seien die Internationalisten in erster Linie Nationalisten gewesen. Rechts und links sei demnach alles eine Soße also, weshalb es auch seinen guten Sinn gehabt habe, nach den Verbrechen der Nazis die KPD zu verbieten. Denn, wer aus der Geschichte nicht zu lernen bereit sei, der, nicht wahr … Er brauchte seine Zunge für das Blättchen. Das machte aber nichts, denn ich kannte die Maxime: der sei gezwungen, sie zu wiederholen.

Vielleicht, schlug ich dem Nachbarn vor, habe die Linke ja nicht aus der Geschichte gelernt, und sei deshalb gezwungen, sich ihrerseits jetzt, wo nicht verbieten, so doch vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen, und …

Schmarrn! donnerte der Nachbar, bzw. und mit gezuckten Schulten: von ihm aus. Er sei da leidenschaftslos. Einer jedoch habe aus der Geschichte gelernt, und das sei er, der Nachbar. Er lasse sich die Jugend nur einmal nehmen. Kein zweites Mal. Und nicht von Dr. Dieter Dehm. Deswegen halte er, daß es besser sei, Dr. Dieter Dehm vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen, als ihn nicht vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen. Und wenn das nur gehe, indem man die ganze Linksfraktion überwachen lasse – ciel! – wir alle müßten Opfer bringen.

Der Gerechtigkeit halber – um abwechslungshalber mal wieder Recht vor Gnade walten zu lassen – der Gerechtigkeit halber aber wolle der Nachbar zu Protokoll geben, daß Dr. Dieter Dehm nicht nur ungute Dinge getrieben habe, sondern zwischendurch auch vernünftige: so habe er in den siebziger Jahren dem Ministerium für Staatssicherheit über die Frankfurter Jungsozialisten berichtet. Nach dem oben Gesagten, sei die Überwachung von Jungsozialisten als den Rechtsnachfolgern der Nationalsozialisten natürlich eine sinnvolle Angelegenheit, und eine feinsinnige Unterscheiderei zwischen Staatssicherheit hie und Verfassungsschutz da wäre – nach dem oben Gesagten – geradezu geschmacklos.

Außerdem, und das mache ihm den Dehm beinahe sympathisch, mache er den Hubertus Knabe brechen. Beinahe. Beinahe sympathisch, denn tatsächlicher Sympathie stehe entgegen, daß der Dehm ihn, den Nachbarn, ebenfalls brechen mache. Und – der Nachbar senkte die Stimme – das Grauen: Dehm sei verbündet mit: Kunze.

Der Nachbar hatte den Kopf gesenkt. Gesenkt ist nicht das richtige Wort: er hatte den Kopf zur Tischplatte bewegt und machte Geräusche. Biß er in die Platte? Schluchzte er?

Als er sich wieder aufrichtete, waren deutliche Bißspuren im Holz.

Er könne, sagte der Nachbar, und ließ den Kopf wieder hängen, bei diesem Sujet nicht zu einer klaren Haltung, sei’s pro, sei’s kontra, finden. Dehm gut, Dehm böse? Überwachen, nicht überwachen?

Ein schwacher Trost sei es ihm, daß Dehms Bots-Verbrechen, die sich ja mal als politisch mißverstanden hätten, seit dreißig Jahren auf Sampler mit dem Label “Neue deutsche Spassmusik (SpasMus)” gepreßt oder gebrannt würden, und wenn er, der Nachbar so pervers veranlagt wäre, wie die Deutschen es angeblich – Rühmkorf zu folgen – seien, dann hätte er längst Trio und Ideal vergelten lassen, was er bei Bots damals nicht verhindert habe, und ihrer Musik entsagen.

Was er tue.

Das Versagen des Verfassungsschutz damals, und die Eifrigkeit des Verfassungsschutzes heute würden ihm, dem Nachbarn, erheblich glatter runtergehen, wenn es nicht bei der planen Beobachtung, Überwachung oder dem bloßen Hingucken bliebe, sondern wenn erkennbar wäre, daß etwas für den Bürger verwertbares dabei herauskäme: zum Beispiel, sagen wir mal, sagte der Nachbar, eine App. Etwa eine, die einen Bürger rechtzeitig davor warnte, daß ihm Dr. Dieter Dehm auf dem Bürgersteig entgegen komme, und daß es angezeigt wäre, beizeiten die Straßenseite zu wechseln, oder umzudrehen.

Andererseits: der Overkill. Selbst wenn man Dehm seinerzeit überwacht haben würde, würde es nichts genutzt haben, denn man würde das Schadenspotential von Bots nicht wirklich haben einschätzen können.

Heute werde Dehm überwacht, aber zu welchem Ende? Man wisse heute um die Gefährlichkeit von Bots, aber mit Bots habe Dehm heute nichts mehr zu tun, hoffentlich. Oder? Verfassungsschutz?? Oder???

Die Linke hingegen sei in dieser Hinsicht vollkommen ungefährlich, denn die Linke singe ja nicht.