Thilo Sarrazin versehentlich nach Rumänien abgeschoben

1. September 2010

Aus einer Lesereise durch arische Buchhandlungen, die er heute in Frankreich beginnen wollte, wird vorerst nichts. Der aus Funk und Fernsehen bekannte und beliebte Entertainer Thilo “Stinkstiebel” Sarrazin ist bei einer Razzia in Clichy-sous-Bois mitgefangen und mitgehangen worden.

Sarrazin war gestern zu einer Tournee aufgebrochen, auf der er sein neues Buch “Deutschland verklappt sich” promoten wollte. Die erste Station sollte nicht zufällig der Pariser Vorort Clichy-sous-Bois sein, der ehemals für seine Algerische, Tunesische and Marokkanische Bevölkerung notorisch und nicht überall (Monsieur Sarkozy) beliebt war, mittlerweile aber von Monsieur Sarkozy saubergekärchert wurde.

Zigeunergen an Verwechslung schuld?

Inzwischen aber hat M. Sarkozy ein anderes Hobby, das Abschieben von fahrendem Volk nämlich, und so kam es, daß Sarrazin, der sich in Clichy-sous-Bois auf sicherem Terrain wähnte und die Deckung vernachlässigte, aus heiterem Himmel die Faust des Gesetzes am Kragen spürte, und sich mit Bettlern, Hausierern, Leichten Mädchen, Kesselflickern, Hundefängern und Rumtreibern in der Grünen Minna wiederfand und nun auf dem Weg nach Temeswar ist.

Die französische Regierung hat sich nach heftigem Protest bei Rumänien entschuldigt. Der vorübergehend vom Dienst suspendierte Flic, der seine Unschuld beteuert und darauf beruft, er habe nicht wissen können, das Sarrazin kein Zigeuner sei, ausgesehen habe er wie einer, wurde nach Zahlung von 20 Centimes in die Kaffeekasse wieder rehabilitiert und bekam seine Sporen zurück. Die Roma, die das Flugzeug mit Sarrazin teilen müssen, sollen eine Entschädigung erhalten.

Diplomatische Verstimmungen zwischen Frankreich und Deutschland werden nicht befürchtet.

 

Versuch über die Eiswinde der Globalisierung (Fragment)

31. August 2010
Wenn ich das Grandiose des Linksseins richtig verstanden habe, dann war es stets getragen von der Lust und dem Verlangen, die Welt zu verändern und zu verbessern.
U. P.

Wenn die Eiswinde der Globalisierung morgens die Bettdecke wegstrampeln, beim Räkeln bis 10 zählen und dann mit einem Fitsch aus dem Bett sind, um nicht lang zu säumen, sondern den Tag zu nutzen und an diesem hier ihr ganz persönliches Bruttosozialprodukt mal wieder sowas von zu steigern, wenn sie sich dann, so gegen zehn, gar zum Hurrikan gemausert haben und an allen acht Ecken der Windrose den Rubin Carter raushängen lassen, wenn sie dann dort und anderswo das Zeug einsammeln, das sie zum Rumschmeißen brauchen, Wohnanhänger, Schuppendächer, Eisdielentische, Palmenkübel, vieles was nicht niet-, manches was nicht nagelfest ist, und etliches, was niet- und nagelfest sein mag, was aber den Eisstürmen der Globalisierung deswegen noch lange nicht zu widerstehen vermöchte – dann, und nicht nur dann, sieht der aufgeweckte Tornadospotter vielleicht unter tintengrauem Himmel, im silbrigen Wind, zwischen Zeitungsfetzen und Gelbsäcken ein flaches Brett dahinfliegen, in dem zwei lockere Schrauben krampfhaft Haltung zu bewahren suchen.

Lustig geht es dahin, bald kopfüber, bald -unter, jetzt sich rechtsdrehend um die Längsachse schraubend, dann wieder wie die Windmühlenflügel, kantapper kantapper, nun wie ein Geschoß so gerad, nun gemächlich im Gleitflug dahin, einmal so, andermal so, nicht kann man’s vorhersagen, aber man muß kein Wettermann sein, zu wissen, wohin die große Richtung geht: any way the wind blows.

Da knallt es gegen die nichtvernagelte Scheibe, die geht zu Bruch, das Brett zu Boden, doch die Eiswinde der Globalisierung sind nicht faul, noch dulden sie Faulheit, dem Brett wird in den Hintern getreten, es muß wieder auf, die Straße hinab, daß den Schrauben bange wird, gegen die Mülltonnen geklappert, mit diesen gerollt, unter ihnen durch, über sie weg, dann packt es eine grimmige Bö und treibt es hoch hinauf in die Mittagsdämmerung, wo man’s kaum noch sieht.

Am Abend ist es neunhundert Meilen von zu Haus, aber immer noch kennt es kein Verschnaufen, vorwärts, vorwärts, das Projekt der Moderne ist noch nicht vollendet. Wer die Welt verändern will, muß sie in ihrer Bewegung verstehen und aufhören, sich dieser entgegenzustellen. Wer stehen bleibt, hat Unrecht.

Von hier oben, glaubt das Brett, hat es den Überblick. Hat es nicht die Welt gesehen? Weiß es nicht wo oben, wo unten, wo links und wo rechts sei, wo hinten, wo vorn? Wie es dort aussieht und wie man von hier nach da kommt? Was zu tun ist? Und es selbst, es Brett, ist es nicht ein Meister des Fortschreitens, des Fortschritts, des Furthur? Ein Überflieger? Wem hat es nicht heute alles eins an den Hinterkopf gegeben? Nun, praktisch niemandem, weil keiner draußen gewesen ist bei dem Sauwetter, aber es würde haben, würde wer gewesen sein. Immerhin hat es den Leuten an die Türen geklopft und ihnen Bescheid gesagt, hat gegen ihre Satellitenschüsseln gegongt, ihre Briefkästen verbeult. Sogar mal eine Dachpfanne mitgehen lassen. Aaah, was war es doch für ein Brett! Sehe sich einer diesen Segen da unten an! Das waren alles wir. Wir Leistungselite. Ohne ein Brett wie es, wo wären da die Eiswinde der Globalisierung heute?

Wie’s es da wieder greift und wirbelt, flapp, und flapp, flapp, und nun, von eisiger Faust nach unten gedrückt, und tčukh! – in den Matsch. Da steckt es, der Wind duckt es, es liegt längelang im Schlick, der Wind drüber weg, aber vorwärts geht’s nimmer, die eine Schraube hakt irgendwodran, die andere ist lang weg. Und nun ist erst einmal Chillen angesagt, denn vorerst geht’s nicht weiter. Aber noch merkt das Brett es nicht, noch ist es auf Phantomspeed. Was für ein Tag! Was ist nicht alles geschafft worden! Wem soll ich dich vergleichen, Tag? Einer der großen Revolutionen des Pop, sicherlich. Glen Miller und wie er die Carnegie Hall swingen läßt. Frank, Dean & Sammy, wie sie Nancy zeugen, damit Lee später, some velvet morning, eine Duettpartnerin hat. Die Miss Centerfold des Monats Januar, 1955. Die Geburt der Elvis-Imitation aus dem Geiste des Hüftschwungs. Die Geburt des Mod aus den Anzügen des Thelonius Monk. Miles Davis und ein dämmerblaues Studio in der 30. Straße. Mary Quant, wie sie Ursula Andress photographiert, auf einem Arne Jacobsen Stuhl im Trevi Brunnen. Radio Caroline – good times never seemed so good. Race riots turned down by spiked Kool-aid in Watts. Mick Jaggers Entdeckung des Schokoriegels! Jimi Hendrix verschüttet Benzin! Ein Zebrastreifen in St. John’s Wood läßt sich beim Überqueren photographieren! Led Zeppelin revolutioniert das Anglerlatein! Kraftwerk und Can tragen die Avantgarde ins Herz der westpfählischen Provinz, Bryan Ferry seine Knickerbockerhosen in den Musikladen nach Bremen. Sid & Courtney & Nancy & Kurt! Deutschland erwacht und wird von Niederländern zum Aufstehen aufgefordert! Stefan Remmler entdeckt das zweite Ende der Wurst! Love Parades! DJ Culture!! Westerwelle!!! Katrina & the Waves in New Orleans: Das Altamont des Jazz!!!! Schwarz-Gelb in Berlin: Das Woodstock, na, sagen wir: das Fehmarn, oder vielleicht Scheeßel? des – der – des – Karaoke?? Jekami???

Geht es noch größer? Aber immer! Die größte Revolution des Pop – ?: zweifellos die Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für Hoteliers. Superpop! Total camp! Wem wollte ich dich vergleichen, Tag?

Mählich dunkelt’s. Ein Schlammkrüstchen wächst über das Brett. Die Eiswinde der Globalisierung gehen duschen und bauen sich vor der Stechuhr auf. Ein Flachmann macht die Runde. Man wartet auf das Signal.

Ulf Poschardt, so nennen wir das Brett, eine Flachplanke im besten Mannesalter, eine Schlapplatte von Gnaden, ein Plattsparren, eine Halbschwarte, Sparbalken und Notbohle, hat sein Zuhause gefunden. Wohlig träumend liegt er im Sud und näßt sich ein. Die Welt druckt es ab, und wir

 

Bielefeld

31. August 2010

Bahnchef Gruber möchte sich schon bald mit den Gegnern des 21. Jahrhunderts treffen. Ein solches Treffen mache hoffentlich alles wieder gut. Bislang sei er nur davon getroffen, sagte Gruber dem Käsdorfer Metropolitan (KM), und zwar tief getroffen, nicht rechtzeitig gemerkt zu haben, daß nicht alle relevanten Bürger Stuttgarts dem 21. Jahrhundert positiv oder zumindest neutral gegenüberstehen. Wenn er ja nur geahnt hätte …

Schuld an dem Debakel sei möglicherweise ein Kommunikationsgau. Die Informationsdienstleister (BND, Verfassungsschutz, Landesregierung, MAD) verstünden sich zu seiner uneingeschränkten Unzufriedenheit immer noch als reine Datensammler, nicht als Datenmanager, und hätten die Daten der Zeit immer noch nicht dahingehend analysiert, daß es an ihnen sei, und an ihnen ganz zuerst, die Daten, derer die Wirtschaft für ihre Entscheidungen nun einmal bedürfe, zunächst einmal zu schaffen, und dann erst zu sammeln. Der alte Beamtenschlendrian! Es fehle hier wie überall an Kundenorientierung und Serviceaffinität.

Er, Grube, habe nicht gewußt, nicht wissen können, und nicht einmal geahnt, daß Menschen in der Bundesrepublik sich mit ihren Städten und deren Aussehen, deren architektonischer Substanz und deren – wie solle man sagen – Identität? – Charakter, Eigenart und dergleichen – ah ja, hier sei das Wort, er habe gewußt, daß er es dabei habe: deren Brand, daß sie sich mit der Stadt als Marke nicht nur auseinandersetzten, sondern identifizierten. Das habe er allem, was ihm vorgelegen habe, nicht entnehmen können.

Er habe davon ausgehen müssen, daß es den Leuten egal sei, wie ihr Bahnhof aussehe. So wie ihnen das Aussehen ihres Aldi egal sei, denn der sehe ja überall gleich aus. Oder ihre Autos, die sähen ja auch alle gleich aus. Oder die ICEs, was das angehe. Warum sie da ausgerechnet bei ihren Bahnhöfen, und, darüberhinaus, auch bei ihren Städten, einen Unterschied machten, sei ihm immer noch nicht klar. Er habe angenommen, daß die Leute ihre Heimatstädte an der Durchsage im Zug erkennen, so wie einer, der im Bistrowagen mit der Nummer 11 frühstücke, auf die Kassenquittung schauen müsse, um zu sehen, was er da gerade ißt: Frühstück »Basic«, oder irgendeinen eingeschweißten Klumpatsch.

Wenn es aber so sei, wie er nunmehr annehmen müsse, daß es sei, dann hätte man ihm proaktiv kommunizieren müssen, daß es so sei. Denn dann sei vieles andere ja vielleicht auch nicht so, wie er angenommen habe, daß es sei. O über ihn Narren, der er wähnte, ein Bahnhof sei schlicht der Kassenbereich eines multinationalen Logistikkonzerns, Punkt! Nun steh’ er und erfahre mit Zähneklappern und Heulen, daß zwei Projekte wie Stuttgart 21 den Bau der gesamten sittlichen Welt zugrunde richten würden. Zwar könne er sich immer noch nicht vorstellen, was genau einen Bürger erkennen lasse, daß er in Stuttgart sei und nicht in Bielefeld – er jedenfalls erkenne seinen Mantel immer am »Gucci«-Label; stehe dort irgendwas anderes, sei es nicht seiner und er lasse ihn hängen. Und das Schild »Stuttgart HBF« werde auf jeden Fall wieder aufgehängt, das könne er jedem Kritiker versichern.

Eine Verwechslung mit Bielefeld sei daher auch nach dem Umbau so gut wie ausgeschlossen.

 

Broder beklagt Hexenjagd

29. August 2010

Wie der Focus heute morgen berichtet, hält der Publizist Henryk M. Broder die Kritik an Sarrazin für ungerechtfertigt. Focus sagt: “Broder sagte: “Es ist der erste Fall von Hexenjagd in Deutschland seit Mitte des 17. Jahrhunderts.“”

Es ist dies nicht der erste Fall des Vorwurfs einer Hexenjagd in Deutschland in Deutschland, aber der erste Vorwurf einer Hexenjagd seit vorgestern. In den vergangen zwei Tagen wurde der Vorwurf einer Hexenjagd von niemandem erhoben und niemandem gemacht. Warum, weiß man nicht.

Broders Vorwurf war seit einigen Tagen erwartet worden. In der Redaktion des Käsdorfer Metropolitan (KM) war heftig gewettet worden, wann man mit Broders Vorwurf würde rechnen können. Dort hatte man extra einen Volontär (Germanistenfuzzi) vors Telex gesetzt, der aufpassen sollte. Allerdings war der in den frühen Morgenstunden eingenickt, unter anderem deswegen, weil das Telex schon seit Jahren nur noch dazu dient, Staub zu fangen und Volontäre zu foppen. Mehr … »

 

Martenstein

29. August 2010

Harald Martenstein, Jahrgang 1953, springt im Tagesspiegel dem Flegel Sarrazin zur Seite und deklariert:

In einem Punkt möchte ich den Sarrazinkritikern widersprechen, auch wenn ich mir den Vorwurf der menschenverachtenden Diskriminierung einhandele.

Holla, Martenstein, ist Er solch ein Kerl? Er widerspricht Sarrazins Kritikern? Mannsbild, wackeres! Wo läßt Er sich den Schneid schneidern? Das es sowas noch gibt, heutzutage!

Dummheit angeboren? Ich hätte nicht gehofft, in meinem Leben noch einmal jemandem zu begegnen, der diese einfache Wahrheit so rücksichtslos in die Welt schleudern würde. Dummheit angeboren! Wo doch alle Welt immer behauptet hat, Dummheit sei erworben!

Aber nicht alle Welt. Erinnert Er sich noch, tief drunten, unter dem Gerümpel, was die Großen Ihm nachsangen, wenn Er, den Tornister aufgeschnallt, aus dem es weißgehäkelt herauswimpelte, an der Schulhofmauer vorbeiging? “Dbddhkp”? “Dumm geboren, und nichts dazugelernt”?

Es gab dieses Wissen um die Wahrheit einmal, nicht wahr, Martenstein? Schulkindermund tat sie kund. Es ist nur untergegangen, hat sich nicht gegen die Gutmenschheit behaupten können. Und wäre auf immer verloren, wäre es nicht in manchen Hirnen, ganz tief drunten, unter dem Gerümpel, da, wo das Angeborene, nicht das Erworbene liegt, in Erz gegossen und für die Ewigkeit bewahrt. Von wannen es bei Gelegenheit von einem Helden abgerufen und wieder in die vergeßliche Welt getrötet wird.

Aber was hält Er von meiner neuen Theorie, auf die ich eben gekommen bin, und von der ich hoffe, daß sie mir, bevor ich sie wieder vergesse, den Vorwurf menschenverachtender Diskriminierung einträgt: Es ist Blödsinn, zu sagen, gute und schlechte Jahrgänge gäbe es nur bei Weinen, nicht bei Menschen. Das ist Geschwafel und Gutmenschengeseire. Es gibt durchaus intelligente und unintelligente Jahrgänge. In so manchem Jahr wird nichts geboren, in dessen Oberstübchen irgendeine Funzel etwas erhellen könnte. Mangels Erhellbarem, nämlich. Einige Fälle sind mir sogar persönlich bekannt.

Der gesamte Jahrgang 1953 – glaub Er es einem, der es wissen muß – ist für die Tonne.

 

Erkenntnisse in der DB-Lounge

26. August 2010

Nicht nur sind 51% der Population zu dick, 78% der zu dicken Population haben auch zu dicke Koffer.

78% der Population mit zu dicken Koffern können sich außerdem nicht zwischen Erdbeereis und Schokoladeneis entscheiden.

Junge Weibchen mit langen Haaren lassen sich bei der Arbeit am Notebook durch die Arbeit am Notebook nicht davon abhalten, mit dem Zeigefinger Strähnen zu drehen.

Es ist in einer Session nicht entscheidbar, ob Erdbeer-Schoko-Erdbeer oder Schoko-Erdbeer-Schoko die befriedigendere Eissequenz ist.

Es gibt nur eins, das schlimmer ist als in einem Wagon mit ausgefallener Klimaanlage zu sitzen, und das ist, in einem Wagon mit ausgefallener Klimaanlage und runtergefallenem Oskar-Wilde-Aphorismen-Buch zu sitzen.

Bei 78% der Paare holt das Männchen das Eis. Das Weibchen verteidigt unterdessen die elegante Sitzlandschaft.

51% der Service-Mitarbeiterinnen können sich nicht entscheiden, ob sie das Erdbeereis in den linken oder den rechten Korb räumen wollen.

Die unbefriedigenste Eissequenz ist Schoko-Erdbeer-Erdbeer, wenn man eigentlich Schoko-Erdbeer-Schoko wollte.

Die angeblich elegante Sitzlandschaft besteht in Wahrheit zu 78% aus zu dicken Koffern.

Wenn alle die Weibchen, die bei heißem Wetter mit wattierten BHs in der DB-Lounge sitzen müssen, plötzlich anfangen würden, sich, unter schamanischen Gesängen um ein Parkettbohlenfeuer tanzend, die wattierten BHs vom Leibe zu reißen, dann würde es ja noch heißer.

 

Organspenden

25. August 2010

Dem Mangel an qualifizierten Spenderorganen könne, so kann man hin und wieder lesen, am besten dadurch begegnet werden, daß man von einer Zustimmungslösung (schlecht!) zu einer Widerspruchslösung (gut!), oder mindestens zu einer Mirdochegallösung (mir doch egal, soll ich mich jetzt vielleicht auch darum noch kümmern?) käme.

Indes krankt die Widerspuchslösung daran, daß, sollte der Spender einer Organentnahme tatsächlich widersprechen, die Organentnahme nicht mehr möglich, bzw. zumindest – genau genommen – nicht mehr legal wäre. Die Ethik mal beiseite gelassen, die gehört nicht hierher.

Eine Zustimmungslösung, bei der die Organspender zu Lebzeiten bereits einer Organentnahme zustimmen müßten, wäre da effektiver, vorausgesetzt, man kriegte es hin, daß der Zwang, einer Organentnahme zuzustimmen, nicht als Zwang empfunden, sondern als Chance kreativer Gestaltung und Selbstverwirklichung begriffen würde.

Dem Ziel versucht eine Initiative nahe zu kommen, die vom Kandidaten für das Amt des Ortsbürgermeisters des Fleckens Käsdorf und geschätztem Autor dieses Blogs, Germanistenfuzzi, ins Leben gerufen wurde. “Wir nennen sie,” sagt Germanistenfuzzi, und meint die ihm vorschwebende Lösung, “die Variomatic-Lösung. Sie entnehmen dem schon, daß es sich um eine Automatik handelt, aber, eine variable, den Umständen, den Zuständen, den Verhältnissen, wie Sie wollen, angepaßte Automatik.”

“Sehn Sie mal, gesetzt den Fall, der Herr über Leben und Tod, wollte mich vor der Zeit zu sich rufen –

Schlechtes Beispiel. Ganz schlechtes Beispiel.

Sagen wir so: gesetzt den Fall, der Herr über Leben und Tod wollte Sie umgehend bei sich sehen, Sie hätten da aber noch zwei funktionierende Nieren, die Sie aber nicht mehr bräuchten, da im Jenseits salzarm gegessen wird – da würde man sich zwar immer noch, schon an der Unfallstelle, um Sie balgen, insbesondere um die beiden Nieren, von denen wir doch hoffen wollen, daß sie zum Zeitpunkt Ihres Ablebens noch pumperlgesund wären. Doch anders als bei der Widerspruchslösung, bei der man sich hüten würde, Ihre Taschen zu durchsuchen, weil man dort womöglich einen Widerspruch fände, würde man bei der Variomatic geflissentlich nachsehen, denn in Ihrem Ausweis stünde nicht, daß Sie Ihre Nieren nicht hergeben wollen, sondern wem Sie sie nicht geben wollen.”

“Oder wem Sie sie geben wollen. Da stünde dann beispielsweise: Meine Nieren soll jedermann kriegen können, mit Ausnahme von Norbert Bolz und Peter Sloterdijk.”

“Oder: Meine Nieren gibt es nur im bundle mit meinen Hämorrhoiden, oder: Sloterdijk kann meine Nieren kriegen, aber nur wenn Bolz die Hämorrhoiden nimmt. Oder: Wenn ich’s mir genau überlege, ist für Sloterdijk eine Niere genug. Die andere kann er auch haben, aber nur wenn er sich den Seitenscheitel weg machen läßt.”

“Oder: Gesetzt den Fall, daß man mich unter einer Dampfwalze hervorzieht, und meine Nieren für eine Transplantation zu flach geworden sind, so soll der Norbert Bolz sie bekommen, zu dem paßt das. Dem Peter Sloterdijk aber vermache ich meine beiden Goldhamster. Die sind etwa so groß wie Nieren und sehen im Gesicht aus wie er, nur haben sie leider keinen Seitenscheitel.

Bzw. gottseidank.”

 

Neues von Krawattenmann

21. August 2010

Wie’s schaut hat der Bundespräsident, Krawattenmann, einen 1a-Redenschreiber, der, wenn nicht alles täuscht, an irgendeinem religionspädagogischen Institut entweder “Verbumfeite Metaphern I” oder “Verbumfeite Metaphern II”, oder aber zumindest “Metaphern für evangelischen Landklerus” belegt hat. Oder anbietet.

Denn am Freitagabend sagte Krawattenmann vor Zeugen, und zwar um seinen Zuhörern was zu bieten, oder die Zeit totzuschlagen, oder weil er sich vor der Stille fürchtete, es sei “jetzt” die Zeit, da müsse man “Mauern in den Köpfen einreißen, Gräben zuschütten und Brücken bauen.“

Darauf muß man kommen. So muß einem die Sprache erst einmal zu Gebote stehen. Und dann muß man die drei Sprachbilder, die sich ja, sich selbst überlassen, mehr oder weniger aus dem Wege gehen würden – denn entweder baut man Brücken, dann kann man die Gräben unzugeschüttet lassen, oder man reißt Mauern ein, nimmt den Schutt und schüttet ihn in die Gräben, aber dann kann man sich die Brücke schenken – diese drei muß man ja auch erst mal in eine Reihe bringen.

Aber Krawattenmann hat es das Doppeltgemoppelte wohl angetan, Hosenträger und Gürtel, Fliege und Schlips, Brücken und, besser ist besser, zugeschüttete Gräben.

Als nächstes müssen dann noch die Zäune in den Herzen niedergetrampelt und die Gartentürchen ausgehängt werden. Und neben dem Törchen zimmern wir, besser ist besser, einen Überstieg.

Ganz zum Schluß reißen wir das Schild “Privat. Betreten verboten.” aus der Erde und schmeißen es in den See.

 
5 Kommentare zu “Neues von Krawattenmann”
  • Friederich schreibt:

    Also erstens mal: Wenn da schon im Einleitungstext des citierten Artikels etwas von »Sülze aus Berlin« steht und man dann trotzdem weiterliest, darf man sich hinterher aber auch nicht beschweren, wenn einem von Bundespräsidenten dann tatsächlich Sülze serviert wird. Dann hat man das eben so gewollt. Und zweitens: So ein Präsident muß nicht irgendwie präsidieren, sondern präsidial. Er muß das Große und Ganze im Blick haben, ganz Deutschland also, oder allerwenigstens die Bundesrepublik. Also: Ein Mäuerchen hier einreißen, einen Graben ganz woanders zuschütten und dann vielleicht noch in Dresden die Feld- Wald- und Wiesenschlößchenbrücke bauen. Oder endlich mal die Merseburger Brücke, die der Goldschmied mit seiner jüngsten Tochter zerbrochen hat. So präsidiert man nämlich und da dürfte es germanistischerseits eigentlich nichts zu mäkeln geben.
    Im nächsten Absatz wäre die Sülzdichte, derer man sich hätte annehmen können, mit dem Aufeinandertreffen von »Welt«, »Segen« und »Zufall« übrigens viel größer gewesen.

  • Germanistenfuzzi schreibt:

    Mag sein.
    Aber: ist Sülze nicht vergleichsweise nahrhaft? Verglichen mit leergedroschenem Stroh? Ohne daß ich die Bedeutung von Ballaststoffen für das Gelingen des Verdauungsvorganges kleinreden wollte.
    Was immer Sie unter Sülzdichte genau verstehen – das Verhältnis von Sülze zu Bratkartoffeln und Remouladensoße auf dem Teller, oder die Konzentration von Restfleisch im Knochensud? – ich bin nicht der Meinung, daß man sich ihrer annehmen müßte. Der Sülzabsatz ist doch vergleichsweise originell, denn so häufig laufen einem Politiker, die noch Reste von “Segen” zwischen den Zähnen haben, schließlich nicht über den Weg. Landklerus vielleicht, aber der hätte keinen “Zufall” im Bart.
    Ich weiß nicht, ob Großganzland, wie von Ihnen hübsch umrissen, in dieser Form überhaupt Platz in einem Präsidentenköpfchen fände, oder ob es dort nicht mit Bellevueschen Mauern, Schloßgräben und Zugbrücke schon voll genug ist; ich weiß auch nicht, ob Germanisten an dieser oder jener Präsidentenrede was zu mäkeln haben würden. Vermutlich, aber was geht uns das an?
    Wir Bauingenieure jedenfalls, ob Hoch- ob Tief-, stehen den Vorschlägen unseres Präsidenten fest zur Seite und lassen’s uns nicht nehmen, Lob zu streuen, wo Lob am Platz ist.

  • Friederich schreibt:

    Ich will ehrlich sein: Ich esse gar keine Sülze. Nie. Sie ist mir zutiefst suspekt, trotz ihrer scheinbaren Transparenz. Das mag daher rühren, daß meine erste Sülze sozialistische Schulspeisungssülze war. Frühkindliches Trauma, sozusagen. Entschuldigt alles. Sogar subjektlose Sätze. Prädikatlose gar. Ich kann mir deshalb auch keine fundierten Stellungnahmen zum Nährwert der Sülze erlauben, nur so theoretische, vom Elfenbeinturm des Sülzophobikers herunter.
    Mir war nur eben aufgefallen, daß man dem Metaphernhäufchen seine präsidiale Würde zurückgeben könne, indem man es regional aufteilt: Auf daß auch das ganze Deutschland etwas von Mauern, Gräben und Brücken und deren Nicht- bzw. Vorhandensein habe.
    Was den heurigen Landklerus angeht, so habe ich diesen freilich im Verdacht, doch mehr über Zufall als über Segen nachzudenken, während Politiker sich zufällig zunehmend mit Segen zu schmücken versuchen – verbal jedenfalls.

  • Germanistenfuzzi schreibt:

    Es kann aber doch, halten zu Gnaden, nicht unsere Aufgabe sein, dem Präsidenten die präsidiale Würde hinterherzutragen. Der kleine Dötz, der mit dem nackten Finger auf den Kaiser zeigte, trug diesem ja auch nicht den Hermelinkragen hinterher, sondern machte ihn – freundlicherweise – auf einen Defekt in seiner Garderobe aufmerksam.
    Das ist auch unser Theil.
    Denn ob wir gleich wollten – wir kämen ja schon nicht an der Security vorbei. Und dann: wo kann er die Würde nicht überall liegengelassen haben! Ich für mein Teil bin nicht bereit, auch nicht für Geld, nach Mallorca zu fliegen.

  • Friederich schreibt:

    So gesehen … dafür habe ich volles Verständnis. Vollstes. Na, sagen wir mal [ein stückweit zurückrudernd]: Volleres Verständnis zumindest. Mallorca ist schlimmer als Autobahn, und die geht ja bekanntlich schon gar nicht. Außerdem: Wer »Theil« schreibt (zumindest theilweise), hat ganz bestimmt kein solches an Mallorca.

  • Unternehmer unternehmen mal was

    20. August 2010
    von Gero

    “Das gab es lange nicht”

    schreibt Spiegel Online auf Spiegel Online, und meint damit einen Tagesbefehl, den “Dutzende Wirtschaftsführer” – darunter die Strombosse und prominente Kiez-Größen wie Ackermann Joe – in einem “offenen Brief” der Regierung – darunter Angela Merkel – ab morgen in ganzseitigen Anzeigen zustellen lassen wollen.

    “Energiepolitischer Appell” steht über der Anzeige, nicht “Tagesbefehl” – und tatsächlich ist es mehr als ein einfacher Tagesbefehl, was Deutschlands Bürger in den kommenden Tagen in der Presse finden werden. Es ist der Versuch, öffentlich den Eindruck zurechtzurücken, Deutschland würde nicht von der Regierung, sondern vom Syndikat regiert. Es ist der Versuch, der Öffentlichkeit weiszumachen, die Regierung empfange keine Weisungen, sondern nehme – huldvoll – Appelle entgegen, und getragen wird dieser Versuch nicht nur Managern und Unternehmern, die es eigentlich besser wissen müßten, sondern auch von ehemaligen Politikern, die es eigentlich besser wissen müßten.
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    Update: Rente mit 67

    18. August 2010
    von Gero

    In der SPD wird heftig um das Projekt 20,29 gerungen: jenen Versuch, die Wählerschaft der SPD bis zum Jahr 2029 schrittweise zu halbieren (20,29%, gemessen am Wahlergebnis von 1998), was dem Kanzlerkandidaten Frank Walter Steinmeier mit einem beeindruckenden Absturz von 34,2% auf 23% beinahe schon im Jahr 2009 gelungen wäre. Die Genossen, die ihre Partei gerne noch ein bißchen behalten würden, wollen den Beschluß am liebsten rückgängig machen. Nun meldet sich der Ex-Parteichef und Ex-Kanzler Gerhard Schröder zu Wort – und warnt vor einer Rolle rückwärts.

    Berlin – Er habe es sich abgewöhnt, Tagespolitik zu kommentieren, sagte der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder dem Käsdorfer Metropolitan (KM). Und tut es dann doch. Im Interview mit dem Blatt warnt er seine Partei, die SPD, vor einer Abkehr vom Projekt 20,29.

    Das Projekt 20,29 wurde von der Großen Koalition unter Mitwirkung von Schröders Weggefährten Franz Müntefering beschlossen. Schröder aber, so Schröder, habe es ja mit vorbereitet. Und angeordnet. Und abgesegnet. “Und wenn ich gedacht hätte, daß ich falsch liege, hätte ich es nicht gemacht”, sagte er dem KM, um einschränkend hinzuzufügen, zur Diskussion des Projektes könne er sich allerdings “eigentlich nicht melden, weil ich natürlich ungeheuer privilegiert arbeite”.
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