Kardinal will nicht

Kardinal Meisner, der Schrecken von Köln, hat es abgelehnt, “zuhause zu bleiben und Vater zu werden.” Ein entsprechender Vorschlag war zuvor von Germanistenfuzzi ergangen. “Und zwar bei sich zuhause, nicht bei mir zuhause!” (Germanistenfuzzi).

Meisner war zuvor in der Presse vernommen worden mit dem Vorschlag, Frauen sollten ermuntert werden, zuhause zu bleiben und drei bis vier Kinder zu kriegen. Wie er sich eine solche Ermunterung vorstellt, ging dem Vernehmen nach aus dem Vernommenen nicht hervor, ganz allgemein wird aber angenommen, daß die Finanzierung des Vorhabens durch die katholische Kirche ganz gehörig zur Munterkeit beitragen würde. Wenn die sowohl für die Kompensation des Verdienstausfalls der Frauen, wie für einen Zuschuß zum Lebensunterhalt der betroffenen Familien geradestünde, wegen deren erhöhten Bedarfs, wenn sie für Kleidung, Nahrung, Notdurft, Obdach und Bildung der Kindlein aufkäme, für Windeln, Laufställe, Spielzeug, größere Wohnungen, größere Familienautos, Urlaube, das erste iPhone, Reitstunden, Ballkleid, Abiturssause am Schwarzen Meer, Studium, Prekariat und schließlich, wenn die nachfolgenden Generationen die künstliche Rentnerblase nicht mehr stemmen könnten, für deren Altersversorgung und Begräbnis, wenn sie sich bereiterklärte, dem aus dem Rückzug der Frauen ins Private folgenden Mangel sowohl an Fach- als auch an Niedriglohnkräften zu wehren, indem sie den Unternehmen die höheren Löhne für männliche Angestellte subventionierte – ja, dann man zu! Genug Geld habe die Kirche schließlich.

Dem stimmte Germanistenfuzzi “im Großen und Ganzen” (Germanistenfuzzi) zu. “Aber,” so hatte er hinzugefügt, man solle “Bischöfe und Kardinäle, Erzbischöfe, Weihbischöfe, Äbte, Prälaten, Päpste, Propste, Probste, Pröbste, Kardinalsstaatssekretäre, Apostolische Räte, Nuntii, Priester, Pastoren, Kaplane, Kapaune, Vikare, Ordensgeneräle, Patriarchen, Metropoliten, Kapitulare, Konventualen, Schwarzröcke, Kuttenbrunzer, Pfaffen, Popen, Diakone, Monsignori, Eminenzen, Magnifizenzen, Protuberanzen, Domherren, Subsidiare, Hilfsprediger, Prioren und Fratres” allesamt ermuntern, zuhause zu bleiben. Um dort Vater zu werden. Zuhause allerdings. Dreifacher Vater, vierfacher Vater, wie’s beliebe. Aber zuhause. Fünffacher Vater, von ihm aus. Wichtig sei, daß sie zuhause blieben. Bei vier Kindern werde jede Hand gebraucht.

Der finanzielle Schaden, der der Gesellschaft dadurch entstehe, werde wohl vernachlässigbar sein, da “die Brüder” eh aus Kirchensteuermitteln finanziert würden. “Wat fott es, es fott.” (Germanistenfuzzi) Da könnten sie ebensogut zuhause bleiben. Besser, denn das koste dasselbe. Aber der gesellschaftliche Nutzen! Wenn sie nicht mehr öffentlich aufträten, sondern nur noch zuhause den Mittagstisch vergatterten! Den dürfe man nicht vernachlässigen.

Gleichwohl, Meisner will nicht. Er habe selbst drei Brüder gehabt und sei in einem katholischen Haus groß geworden. Brrr! Er wisse, was er seinen Kindern erspare.

Germanistenfuzzi zuckte daraufhin nur mit den Schultern.

“Mäht nix,” sagte er. “Wat wells de maache? Et es wie et es un et kütt wie et kütt.” Joot jejange hät et ävver och noch emmer.

Morton Stein

Vom Älterwerden

Harold Morton Stein wird älter. Das kann er nicht unkolumniert lassen, und das wird er nicht unkolumniert lassen. Da hätte das Alter eben besser aufpassen müssen, mit wem es sich anlegt.

Ich hatte als Kind ein dickes Buch mit Märchen, mit dem ich mich gerne auf den Sessel neben den Dauerbrandofen meines Opas setzte. Dort war es heiß und trocken. Das Holz der Armlehne war spröde geworden, obwohl ein blecherner Schirm den Sessel vor der Ofenhitze schützen sollte. Man konnte den Unterarm in seinem Wollärmel auf den Blechschirm legen und ausprobieren, wie lange man es aushielt. Gegenüber saß mein Opa, trotz der Hitze in eine Decke gemümmelt, und hatte Asthma. Hin und wieder beugte er sich vor, um in einen Napf zu spucken.

In dem Buch ging es, während ich die Beine mit auf den Sessel nahm, und die Holzarmlehne an den Rückenwirbeln spürte, hoch her. Da gab es Drachen mit sieben Köpfen, die versuchten, mich mit dem Feuer ihrer sieben Rachen zu dörren. Und im Waldhaus konnten die Tiere reden, sagten aber immer nur das unterirdisch grummelnde unverständliche ‘Duks’. Wenn ich heute nach Lesungen eine Restauration aufsuche, in der Duckstein ausgeschenkt wird, dann muß ich damit leben, daß unsensible Zeitgenossen – oder, wie ich manchmal versucht bin, zu sagen: Zeitgenossen – bei der Bedienung ein ‘Ducks’ in Auftrag geben. Ich bekomme dann immer eine Gänsehaut.

Damit will ich mich nicht als den hypersensiblen Zeitgenosse darstellen. Das will ich nicht. Obwohl ich natürlich schweinesensibel bin. Geradezu dünnhäutig. Anders könnte ich meinen Beruf gar nicht ausüben. Wir werden dafür bezahlt, daß wir sensibel sind, wir Kolumnisten. Der Leser will das. Immer wieder kommen nach Lesungen Damen zu mir und loben mich für meine Sensibilität. Ich denke dann bei mir: das hätte euch vor 43 Jahren auch schon mal einfallen können! Ich bin nämlich 53. Jahrgang 53. 1953. Ein hochsensibler Jahrgang. Ich will nicht sagen, daß der Jahrgang 52 nicht sensibel gewesen wäre, denn das war er nicht, bzw. das war er doch. Aber er war schon gekippt. Der war zu sensibel. Das war schon Essig. Und von denen, die nach uns kamen, wollen wir schweigen. Und als ich 17 war, kamen die Damen keineswegs zu mir, um mich zu loben, oder Autogramme zu fordern. Aber das denke ich nur bei mir, das sage ich ihnen natürlich nicht. Denn das implizierte ja, daß ich sie für älter hielte als 43. Das sind sie zwar, aber warum soll ich mir das eingestehen? Was ist falsch daran, in einer Märchenwelt zu leben, in der die Damen jung sind und die Dichter höflich?

Und die Schleimhäute intakt. Jedenfalls die Nasenschleimhäute. Ich hätte mir als sensibler 17jähriger nicht träumen lassen, wie boshaft das Alter sein kann. Meine Nasenschleimhaut fühlt sich an, als sei sie in Drachenfeuer gedörrt. Tocken. Was noch gar nicht mal das Schlimmste wäre, einer, der Tage und Wochen und ganze Winter neben dem heißen Ofenschirm verbracht hat, der hat die Feuerprobe bestanden. Der ist geglüht, gestählt und zum Manne gemacht. Der kann was vertragen. Obwohl so eine trockene Nasenschleimhaut schon grenzwertig ist. So wie das Wort ‘grenzwertig’, das ist auch grenzwertig. Ein sensibles Ohr kann empfindlich reagieren, wenn es das Wort ‘grenzwertig’ zu oft hören muß. Auch ein Trommelfell kann veröden. Sagen wir: eine trockene Nasenschleimhaut ist schlimm. Schlimmer aber ist, daß sie anschwillt, die Haut. Was muß sie schwellen? Was hat die Schwulst für einen Sinn? Wär’s nicht besser, sie schwölle nicht?

In einem der Märchen gab es einen Soldaten, der hatte fünf Kumpel, und zusammen kamen sie durch die ganze Welt. Da war einer dabei, der konnte in der Ferne sieben Windmühlen betreiben, indem er das eine Nasenloch zuhielt und durch das andere blies. Mein linkes Nasenloch ist so zugeschwollen, daß ich damit sieben Windmühlen anhalten kann.

Nicht fern von hier, zwischen Käsdorf und Brieburg, stehen sieben Windräder.

Sie stehen.

Seit zwei Jahren geht das so. Anders als der Bläser im Märchen, muß ich mir das Nasenloch nicht zuhalten, sondern ich muß es mit den Fingerspitzen so zu weiten suchen, daß ein feiner Luftstrom hindurchfindet. Anders bekomme ich an manchen Tagen nicht genug Luft. Ich nenne es Yoga: bewußt atmen. Man bekommt ein ganz anderes Körpergefühl. Man lernt sich kennen. Man weiß, wie eine Nasenwand sich anfühlt, wenn sie normal, und wie, wenn sie geschwollen ist. Wenn ich des Morgens am Frühstückstisch meine Nasenwand abtaste und dazu probeweise dreimal tief Luft hole und sie hörbar wieder entlasse, dann kann es geschehen, daß Ilse sagt, sie habe den Kaffee auf, und sich in der Küche zu schaffen macht.

“Dir bleibt immer noch Paris,” sagt sie dann zum Kühlschrank, “dir bleibt immer noch Paris!”

Offener Brief

an die Versager
in Luftwaffe und Verteidigungsministerium sowie bei EADS

Betr.: Aufklärungsdrohne Euro-Hawk, hier: Projektausstieg und Versenkung von Steuergeldern

Sehr geehrte Damen und Herren,

um Sie über ein paar Grundtatsachen des menschlichen Lebens aufzuklären, mit denen Sie offensichtlich nicht hinreichend vertraut sind:

Für Aufklärungszwecke nimmt man Bienen. Bienen und Gänseblümchen.

Bienen. Keine Drohnen. Drohnen benutzt man als Metapher für fettgefressene, überflüssige Nichtstuer, die sich gleichwohl mächtig wichtig vorkommen, weil sie die Königin befruchten sollen.

Da Sie vermutlich nicht nur nichts von Projektmanagement verstehen, sondern auch nicht wissen, was man unter Befruchtung vesteht: denken Sie sich zwei Gänseblümchen auf der Wiese. Sagt das eine zum anderen: “Ich liebe dich!” Sagt das andere: “Ich liebe Dich auch.” Sagt das erste wieder: “Ich bestell uns mal ‘ne Drohne.”

Und soll ich Ihnen was sagen? – Bei den beiden wird das auch nichts.

Alles in allem jedoch: sehr gut gemacht! Als nächstes wollen Sie bitte ein Panzerprojekt aufsetzen.

Wenn das erledigt ist, sagen Sie Bescheid; dann machen wir uns an die U-Boote.

Frohgemut & gut gelaunt
Germanistenfuzzi

Morton Stein

Vom Älterwerden

Harold Morton Stein wird älter. Das kann er nicht unkolumniert lassen, und das wird er nicht unkolumniert lassen. Da hätte das Alter eben besser aufpassen müssen, mit wem es sich anlegt.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mein kleines Kolumnenbrevier, das Brevier der kleinen Dinge, schon zum Gegenstand einer kleinen Dingbetrachtung gemacht habe. Ich will es annehmen, aber sicher kann ich nicht sein. Ich bräuchte eigentlich ein zweites Brevier, in dem ich die erledigten Dinge eintrage, damit ich weiß, daß sie erledigt sind. Aber ich vergesse immer, mir eines mitzubringen. Hinterher weiß ich zwar, daß ich eines mitbringen wollte, und vorher weiß ich es auch, aber das nutzt mir ja währenddessen nichts. Hinterher übrigens auch nicht. Vorher würde es mir nur dann was nützen, wenn ich währenddessen dran denken würde, was ich aber meistens vergesse. – Doch wem erzähle ich das?

Jemandem, der von meinem Brevier schon weiß. Tut er aber auch, wenn ich mich richtig erinnere. Da ich mir dessen aber nicht sicher sein kann, erzähle ich es lieber noch einmal.

Schön ist das nicht. Ich möchte nicht enden wie der Kollege H., der immer die gleichen Anekdoten erzählt und sich partout nicht merken kann – oder will -, wem er sie schon erzählt hat (Mir!). Aber in der Güterabwägung – einmal zuviel vs. einmal zuwenig – entscheide ich mich dann trotzdem lieber für einmal zuviel. Wenn ich nachts harndranghalber wach werde, und eine Entscheidung bezüglich eines Toilettenganges fällen muß, entscheide ich mich auch lieber für einmal zuviel, als einmal zuwenig. Das Zuviel hat in dem Fall ganz praktische Vorteile gegenüber dem Zuwenig. Ich stelle daher heute vor, aus meiner Serie “Kleine Dinge mit ‘H’”: Harndrang, nächtlicher.

Er gehört zu den weniger geschätzten Begleitern des Älterwerdens, wird aber andererseits gemildert durch die zunehmende Vergeßlichkeit. Wenn ich mich heute frage, ob ich in der vergangenen Nacht Harndrang verspürt habe, so antworte ich mir: Harndrang? Letzte Nacht? – Ich nehme es mal an. Aber sicher kann ich mir nicht sein. Er ist, der nächtliche Harndrang, eine Sache des Augenblicks. Sehr hier und sehr präsent, wenn zugegen, aber auch sehr weg und sehr vergessen, wenn nicht mehr da. Kaum wert, daß man Aufhebens davon mache. Es sei denn, man hauste in einem finnischen Mökki, bei minus 18° und anderthalb Fuß Neuschnee und ausgelagerten sanitären Anlagen. In welchem Fall der Harndrang zum ernstzunehmenden Gegner wird. Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr ich in Finnland gewesen bin – ich bin 53, Jahrgang 53, es muß also zwischen 1953 und heute gewesen sein. Vielleicht auf halbem Wege? 1983? – Ein gutes Jahr! Auch wenn man die Achtziger als Jahrzehnt glatt vergessen kann. Eine Dekade, die von sich selbst sagt, wer sich an sie erinnern könne, sei nicht dabei gewesen – phh! was ein Schmarrn. Ich war dabei und kann mich genau erinnern: die kann man vergessen! Allen voran 1982. Und was nach 83 kam, gleich mit.

83 ist das Jahr. Ich wurde dreißig, und hatte in der Nacht mit einem der unvergeßlichsten Harndränge zu kämpfen, die ich je niedergerungen habe. Aber ich will verdammt sein, wenn ich noch einen meiner dreißig Geburtstagsgäste mit Namen kenne. Ich weiß noch, daß ich zu irgendjemandem immer was anderes gesagt habe, ich weiß nicht mehr, was, und ich weiß auch nicht mehr, zu wem. Anke statt Antje, oder irgendetwas in der Art. Oder umgekehrt. Hinterher wußte ich es dann, aber da nutzte es nichts mehr. Ich will nicht hoffen, daß es Ilse war. Aber was hätte ich zu Ilse sagen sollen, anstatt Ilse? Inge? Ines? Ich hoffe nicht, daß ich eine Ines kenne. Bzw. gekannt habe. Oder habe ich eine Inke gekannt und Ilse zu ihr gesagt?

In diesem Jahr werde ich sechzig werden. Ich hätte Lust, in Finnland zu feiern. Mit sechzig Gästen, und mitten in der Mückensaison. Damals hatte ich 53 Stiche auf dem Rücken. Ines hat sie gezählt. Aber in welches Mökki mit ausgelagerten Sanitäranlagen kriegt man sechzig Leute? Außerdem will ich verdammt sein, wenn ich sechzig Leute auch nur vom Sehen kenne. Geschweige denn beim Namen.

Als ich letztens vom nächtlichen Toilettengang zurückkam und Ilse weckte und sie fragte, ob es eine Imme oder eine Imke gewesen ist, zu der ich immer Ilse gesagt habe, stellte sie sich tot. Später hörte ich sie unter der Decke murmeln: “Dir bleibt immer noch Paris, Ilse. Dir bleibt immer noch Paris.”

Platz genug

In Erwiderung eines – wie nennt man das bei Westerwelle? Wenn der etwas sagt? Statement? Seifenblase? Schaum? – in Erwiderung eines Bonmots von Guido Westerwelle, der als Redner auf dem jüdischen Weltkongreß in Budapest gesagt hatte: “Antisemitismus hat weder in Berlin noch in Budapest noch sonstwo in Europa oder in der Welt einen Platz”, in Erwiderung dieser Behauptung hat der Antisemitismus, der zur Zeit mit seinem pickligen Arsch auf Ungarn sitzt, eine seiner Käsemauken auf Deutschland geparkt hat, ein Knie in Österreich und seinen runzligen Ellbogen auf Polen gestützt, auf diese Bemerkung hin sagte der Antisemitismus, er könne sich über mangelnden Platz in Europa nicht beklagen. Er habe schon besser gesessen, er habe aber auch definitiv schon schlechter gesessen, und Platz habe er reichlich.

Auch habe er nicht vor, sich diesen Platz von irgendwem madig machen zu lassen, schon gar nicht von so einem Jüngelchen wie Wieheisterwelle? – Westerwelle. Dem. Eine Rhetorik habe es am Leibe, das Jüngelchen, daß es die Sau grause: “Wir werden aufstehen, wenn Israel bedroht oder seine Legitimität in Frage gestellt wird”, habe es zum Beispiel gesagt. Und: vor dem Hintergrund dieses Aufstehens werde Berlin “eine iranische Atomwaffe nicht akzeptieren”. Wenn er, so der Antisemitismus, die iranische Atomwaffe wäre, würde er darüber so fürchterlich lachen müssen, daß er um die Verschlußkraft seines Schließmuskels zu fürchten hätte.

Bei diesen Worten lüpfte der Antisemitismus das Gesäß und ließ einen gewaltigen Schiß auf Ungarn, der ein Gutteil des Landes versaute, auf den Namen Jobbik hört und stolz darauf ist. Viktor Orbán, der dem Antisemitismus noch schnell ein Kissen unter den Arsch hatte schieben wollen – “nicht, damit er komfortabler sitzt, um das Land zu schützen!” -, kriegte was ab, tat aber so, als röche er es nicht. Er wischte sich die Scheiße vom Revers und sagte, Ungarn werde “null Toleranz” zeigen. Bei diesen Worten kriegte der Antisemitismus vor Lachen den Schluckauf.

Nicht nur in Ungarn, sondern überall in Europa verstärkten sich Antisemitismus und Rechtsextremismus, fuhr Orbán fort, und der Antisemitismus nickte dazu. Europa müsse sich fragen, was es falsch gemacht habe. Und Europa müsse sich von ihm, Orban, sagen lassen, was es falsch gemacht habe: es habe seine starke nationale und christliche Identität aufgegeben, daß sei es, was Europa falsch gemacht und was den Antisemitismus stark gemacht habe.

Der Antisemitismus, gefragt, wie er das sehe, zog den Schnodder herauf, wandte den Kopf und rotzte eine grüngoldene Aule in die Gegend von Athen. Er sei, sagte der Antisemitismus, ihm ganz egal, was Europa mache. Er sei in Europa geboren worden, und das schon vor ziemlich langer Zeit, und er gedenke, hierzubleiben. Hier gefalle es ihm. Er werde hier nicht weggehen. Er habe die starken nationalen Identitäten kommen und gehen und wiederkommen und den Bach runtergehen sehen. Er sei stets derselbe geblieben. Er habe auch die Christen kommen sehen und wieder gehen, und die Türcken, und die Gottlosen auch, und mancherley Spinner. Das fechte ihn alles nicht an. Und wenn die Ägypter, die Griechen, die Römer kommen wollten, oder gar die Chinesen, ihm sei es recht. Er könne mit allen. Er sei auch mit nach Amerika ausgewandert, seinerzeit, zusammen mit dem Ahasver.

Der wetze, was er könne, aber es nutze ihm nichts. Ihn werde er nicht los.

Mittlerweile war Orban in seiner Rede so weit gediehen, mitzuteilen, seine eigene Verantwortung als Regierungschef sehe er darin, die gesellschaftlichen Ursachen von Antisemitismus zu bekämpfen. Das geschehe, indem er Antworten auf die Wirtschaftskrise suche.

“Guter Junge!” sagte der Antisemitismus anerkennend, “so soll es sein. Sollen sie glauben, ich käme aus der Wirtschaftskrise! Sollen sie das glauben. Glauben sie ja ohnehin. Denn Wirtschaft = Juden, das weiß jedes Kind. Meine Kinder wissen das. So wie sie im Mittelalter gewußt haben, daß die Mäuse aus Lumpen entstehen. Aber was mich angeht, ist ja heute noch Mittelalter. – Ach, Ungarn, herrliches Land! Ich war schon immer gerne in Ungarn. – Ja, ja, in Deutschland auch,” fügte er gönnerhaft hinzu, bewegte die Zehen, pulte sich etwas Unrat aus den Zwischenräumen und schnippte damit nach Westerwelle, “aber bei Euch ist grad keine Wirtschaftskrise.”

“Wird aber schon wieder werden.” fügte er in tröstendem Ton hinzu. “Dann kann man auch wieder offen sagen, wer man ist. Ist ja nicht so, daß eine Wirtschaftskrise gar nichts mit mir zu tun hätte.”

“Auch die Mäuse fühlen sich ja unter Lumpen wohl.”

Zugabe

Die schwarzwälder Hersteller von Qualitätsknarren, Heckler & Koch, haben sich nach reiflicher Überlegung erstmalig dazu entschlossen, zuzugeben, daß die 1a-Qualitätsknarren, die in Mexikanischen Ähemm-Provinzen aufgetaucht sind, und auf denen dick zu lesen ist: “Heckler und Koch, 1a-Qualitätsknarren, Heckler & Koch GmbH, Heckler & Koch-Str. 1, Oberndorf am Neckar. For more information or to find out how to volunteer go to double-u double-u double-u heckler minus koch dot com”, daß diese Knarren von Heckler & Koch stammen und nur, leider, leider in die falschen Hände geraten sind, nämlich in die Hände von Leuten, die sich mit Waffen auskennen, weil sie sie täglich brauchen, und die Qualität schon von ferne von Schrott unterscheiden können, und die sich ohne Zögern für die 1a-Qualitätsware von Heckler & Koch entschieden haben, und die bloß leider auf der – ähemm – Liste stehen.

Schuld daran – daß die Waffen in deren Hände geraten seien, nicht daran, daß die Leute auf der Ähemm-Liste stünden, dafür könnten die Leute nichts – seien zwei Mitarbeiter, die speziell zu diesem Zweck eingestellt worden seien, nämlich schuld zu sein, wenn es rauskommt. Nun sei es rausgekommen, und die beiden seien vertragsgemäß schuld. Das sei ganz normal, daran sei nichts komisch oder bemerkenswert. Dafür hätten sie jahrelang ihr Salär bezogen, und zwar kein kleines. Heckler & Koch selber aber habe damit überhaupt nichts zu tun.

Es sei nämlich nicht so, daß die industrielle Waffenproduktion verlange, daß man bla bla bla bla bla Nachfrage bla bla bla. Alles Quatsch. Das sei überhaupt nicht so. Bzw. das sei schon so. Aber das sei schließlich überall so. Das sei nicht halb so schlimm, wie es immer gemacht werde. Die Nachfrage künstlich hochhalten, was ein Quatsch! Die Nachfrage sei schon da. Nachfrage nach hochwertigen Knarren sei eine ganz natürliche Sache. Wenn man darauf achte, immer beide Seiten eines Konflikts mit den guten Heckler & Koch Qualitätsknarren auszurüsten und auf diese Weise der natürlichen Auslese Beistand zu leisten, dann sei doch alles geritzt. Man mische sich nicht nur nicht ein, sondern habe ein geradezu vitales Interesse an etwa gleichstarken Gegnern. Niemandem – außer den Gegnern – niemandem sei mit toten Gegnern gedient. Heckler & Koch jedenfalls nicht. Ein paar Gegner sollten immer überleben, damit sie, unterstützt von Heckler & Koch, zur Rache schreiten könnten. Tote – Tote füllten keine Auftragsbücher.

In der Hinsicht seien die – ähemm – Verhältnisse da in den Ähemm-Provinzen geradezu vorbildlich. Vorbildlich. Nur, daß man da eben – ähemm – nicht hinliefern dürfe und das deswegen auch nicht tue.

Und wenn man dann doch mal eine Weile friedenshalber auf Halde produzieren müsse, je nun, dann mache man eben einen Midseason-Sale, so wie Karstadt auch. Da rege sich schließlich auch niemand darüber auf, wenn mal zwanzigtausend im Midseason-Sale erwirtschaftete Euros an die FDP flössen.

Was denn?

Selbstverständlich ohne Erwartung einer Gegenleistung! Selbstverständlich! Das verstehe sich doch wohl! Alles andere wäre ja ungesetzlich!

Und wenn doch jemand eine Gegenleistung mit einer Parteispende verbinden sollte, obwohl das nicht statthaft wäre, dann könnte es sich eigentlich nur um Mitarbeiter handeln, die speziell zu dem Zweck eingestellt worden seien, schuld zu sein, wenn es rauskommt.

Morton Stein

Vom Älterwerden

Harold Morton Stein wird älter. Das kann er nicht unkolumniert lassen, und das wird er nicht unkolumniert lassen. Da hätte das Alter eben besser aufpassen müssen, mit wem es sich anlegt.

Ich führe bei mir ein kleines Brevier der kleinen Dinge, der Dinge, die hoffentlich noch unkolumniert sind und die sich dazu eignen, kolumniert zu werden. Dazu müssen sie erst einmal übersehen werden, aber dann kann man sie aufspießen, aufpolieren, in die Kleine Form bringen, gut ausleuchten – und dann wird man dafür bewundert. Dafür, daß man auf der Straße nicht einfach daran vorbeigelaufen ist, sondern stehengeblieben. Daß man seine Augen nicht wie üblich in der Hosentasche gehabt hat, und daß man sich nicht zu schade war zum Bücken. Auf die Dauer schwillt so ein Brevier an, denn nicht alle Dinge eignen sich gleichermaßen zur Veredlung. Außen hat das Brevier einen Einband, innendrin aber ist es alphabetisch.

Das Brevier selbst gehört zu den kleinen Dingen mit ‘B’, und die Dinge als solche gehören zu den kleinen Dingen mit ‘k’, oder mit ‘D’, je nachdem, ob man das Attribut ‘klein’ als konstitutiv für die Dingheit der kleinen Dinge ansieht. Man sollte es. Die großen Dinge sind nicht unbedingt klein, und eignen sich nur bedingt für die Kleine Form.

Ich habe mich im Rahmen dieser Kolumne bisher über die Haare und die Hornhaut ausgelassen, und das Thema der heutigen Kolumne ist ebenfalls eines der kleinen Dinge mit ‘H’: die Hämorrhoide. Rein äußerlich zeichnet sich die Hämorrhoide dadurch aus, daß sie nicht rein äußerlich ist. Sie ist auch nicht rein innerlich, unentschieden west sie im Schatten, an der Dammnaht zwischen Innenwelt und Außenwelt, dort ist ihre Heimat, dort ist sie zuhause und ausgesprochen seßhaft. In früheren Zeiten, als wir Steppenbewohner noch flinkfüßige Nomaden waren und noch nicht die Vielsitzer von heute, da hatten wir vielleicht den Fersensporn. Heute haben wir vermehrt den Siebensitzer, da, wo es früher vielleicht der Zweisitzer getan hätte. Oder wenigstens der Viersitzer, aus dem heute allerdings der Viertürer geworden ist. Und aus dem Viertürer der Fünftürer. Mit optionaler dritter Sitzreihe. Dazu paßt die Hämmorhoide. Besser als der Fersensporn. Sie ist die Begleiterin des Sitzenden.

“Wir müssen zusammen sítzen”, pflegte mein Kollege H. zu sagen, wenn er sagen wollte: “Wir müssen uns zusammensetzen.” Der Idiomatik noch nicht bis ins letzte Divertikel Herr, machte er instinktiv richtig, was wir falsch machen, und legte den Fokus auf die Dauer der Sitzung, nicht deren Beginn.

Die Dauer: ein kleines Ding mit ‘D’, aber ein großes Problem. Auf die Dauer jedenfalls. Mit jeder Hämorrhoide steigt die Dauer der durchschnittlichen Sitzung an, was die Sache nicht besser macht. Mit jedem Tag auf Erden steigt die Dauer meines Wandelns dahier. Auch das ist nicht schön. Irgendwann werde ich den Fersensporn kriegen. Ich bin jetzt 53, nein falsch, ich bin Jahrgang 53, und das nicht erst seit vorhin. Schon immer. Ein schwieriger Jahrgang. Wir sind so unentschlossen. Wenn wir drei Stühle beisammen sehen, können wir uns nicht entscheiden, zwischen welchen zwei wir sitzen wollen. Links sitzt der Jahrgang 52, fest in sich selbst ruhend, keine Selbstzweifel von innen kennend. Wo er einmal sitzt, da sitzt er. Die Reglosigkeit ist ihm Programm. Und die nach uns kommen, die sitzen mal hier mal da. Von dort ist keine Orientierung zu erhoffen. Keine Beständigkeit ist da, kein Konzept, kein Rückgrat, kein Korsett. Ein Pudding am Nagel. Dazwischen wir. Ich zum Beispiel kann mich nicht entscheiden, auf welcher Backe ich sitzen will, auf der rechten Backe, oder auf der linken Backe. Fest steht nur, auf beiden Backen gleichzeitig geht es zur Zeit nicht.

So trippelt man vom rechten auf den linken Fuß, bis sich schließlich einer der beiden für den Fersensporn entscheidet, und man kann es sich aussuchen, was unangenehmer ist: Hämorrhoide oder Sporn. Das heißt, wenn man es kann. Ich kann es nicht. Wenn ich in meiner Ratlosigkeit zu Ilse gehe und sie frage, ob sie lieber einen Partner mit Fersensporn hätte oder einen mit hämorrhoidaler Disposition, dann schließt sie nur die Augen und bewegt die Lippen. Einmal fand ich in der Küche einen bleistiftgeschriebenen Einkaufszettel, mit den rätselhaften Worten auf dem Rücken: “Dir bleibt immer noch Paris, Ilse! Dir bleibt immer noch Paris.”

Neues von unter der Sonne

Fracking

Dirk Niebel, der “erfolgreichste Entwicklungsminister der letzten 20 Jahre” (Merkel) und erfolgreichste Putschist und Cäsarenmörder, den die FDP je hatte, will nach seinem Ausscheiden aus dem Bundeskabinett im Herbst sein Ausnahmegehirn dem “Haus der erfolgreichsten Geschichte der Bundesrepublik” zur Verfügung stellen. Denn er wird es dann ja nicht mehr brauchen.

Für den Fall, daß er wider Erwarten und wider alle Wahrscheinlichkeit doch auch nach der Wahl noch einmal Minister oder Nachwuchsstaatssekretär sein sollte, will er sich in einer Klausel die Option zur leihweisen Überlassung des Hirns vom Hausmeister des Hauses, Prof. Dr. Hans Walter Hütter, zusichern lassen. “Für die Dauer des Einsatzes,” so Niebel zum Käsdorfer Metropolitan (KM), “danach kriegen sie es gleich wieder. Aber ich glaube nicht, daß ich von der Option Gebrauch werde machen müssen.” Zu unwahrscheinlich erscheine die Möglichkeit, daß die Gewinnerin der Wahl, Angela Merkel, noch einmal auf ihn zurückgreifen werde. Entweder kriege einer aus der SPD das Ministerium, oder die FDP müsse die Hälfte ihrer Ministerien an die Unionsparteien abgeben, so oder so, in beiden Fällen werde es ihn treffen, Niebel.

Prof. Dr. Hans Walter Hütter weiß nicht recht, was er mit dem Hirn anfangen soll. “Wir werden es wohl ins Lager legen,” sagte er dem KM, “neben die Mütze. Aber ob das was bringt?” Aus der Mütze könne man ja mit der Methode des Fracking vielleicht noch etwas fossilen Brennstoff pumpen, “mindestens aus dem Schweißband. Aber aus dem Hirn?”

Fracking hin oder her, er glaube nicht, daß da was rauskomme.

Merkel

Wohin mit den Armen? frägt n-tv und erweckt mit der Überschrift “Merkel lüftet Geheimnis” den Eindruck, ein Klick auf den Link werde, wie wir es von n-tv gewohnt sind, Auskunft darüber produzieren. Tut er aber denn doch nicht. Was man kriegt ist Auskunft darüber, was Merkel mit ihren Fingern anstellt.

Wohin denn aber nun mit unseren Armen? Slowakei? Bangladesch? n-tv?

“Alles andere wäre DDR” (Chr. Lindner)

Christian Lindner (Wahlspruch: “Alles andere wäre DDR”) hat anläßlich des Einsturzes eines Fabrikhochhauses in Bangladesch seine Kritik an der Kritik unternehmerischer Gier aus dem Jahr 2011 erneuert.

Damals hatte Lindner in einem Interview mit der Welt am Sonntag gesagt, ein gieriger Mensch möge ein unangenehmer Geselle sein. Ein Unternehmer aber, der nicht alles tue, um seine Kosten niedrig und seinen Profit hoch zu halten, sei DDR. Darauf angesprochen, ob das auch für die Ausbeutung von Textilarbeitern und die billigende Inkaufnahme deren Zuschandenwerdens durch vorsätzliche Investitionsunterlassung in marode Produktionsstätten gelte, sagte Lindner dem Käsdorfer Metropolitan (KM), er habe seinerzeit die DDR nicht loben wollen. Wenn das so rübergekommen sei, sei es falsch rübergekommen. In der DDR seien Kapital, Rohstoffe, Energie und Arbeitskräfte, in der DDR sei alles verschwendet worden, weil niemand ein Interesse daran gehabt habe, es dem anderen vorzuenthalten. Die Verschwendung von Energie aus Braunkohle habe nicht nur der Umwelt geschadet, was einem noch egal sein könne, weil es sich bloß um DDR-Umwelt gehandelt habe, und was man darunter zu verstehen habe, davon könne man sich leicht ein Bild machen, wenn man sich ausmale, wie es früher in Bitterfeld ausgesehen habe. Mein lieber Herr Gesangsverein! Darum sei es nicht schade. Schade aber sei es um die Kohle, die man mit der Braunkohle hätte machen können, wenn man sie nicht verschwendet hätte.

Selbst die Ermordung von Republikflüchtlingen sei in der DDR nur unter Verschwendung von Menschen, Material und Munition möglich gewesen. Anstatt die Leute kostengünstig von einstürzenden Fabriken erschlagen zu lassen.

Sage niemand, daß das zynisch sei. Als Zeitgenosse mag ein Zyniker ja ein unangenehmer Geselle sein. Aber ein Parteivorsitzender, der nicht mit allen Mitteln seinen Profit hoch zu halten und die Kosten seiner Politik auf die Schwächsten zu wälzen suchte, der wäre SBZ.

Betreuungsgeld

Die bayrische Staatsregierung hat dementiert, daß die Klage des Freistaates gegen den Länderfinanzausgleich ihre Ursache in den horrenden Zahlungen an die Familienangehörigen bayrischer Landtagsabgeordneter habe, da das Land beides zusammen nicht stemmen könne. Bayern sei keineswegs zahlungsunfähig, auch machten die Zahlungen im Rahmen des Länderfinanzausgleichs nur einen Bruchteil der Kosten des bayrischen Parlamentes aus. Demokratie koste nun mal, aber Bayern könne sich auch das leisten, im Gegensatz zu Bremen oder Brandenburg.

Die Familienbetreung durch den Landtag sei im übrigen durch das Betreuungsgeld solide gegenfinanziert, wie das gesamte Betreuungsgeldgesetz und überhaupt alles aus dem Familienministerium. Im Bund wie in Bayern. Man sei hier ja nicht in Bremen oder Brandenburg. Oder – behüte! -Berlin. Oder – noch schlimmer! – Baden-Württemberg. Wieso fingen eigentlich fünf von sechzehn Bundesländern mit ‘B’ an? Das sei doch bar jeder Wahrscheinlichkeit?!

Wie auch immer. Der Fehler, den der bayrische Landtag gemacht habe, liege darin, daß die Gewährung des Betreuungsgeldes an das Zuhausebleiben der Abgeordneten gekoppelt sei. Man werde umgehend dafür sorgen, daß die betroffenen Volksvertreter ihre eigenen Gesetze verstünden und sich daran hielten. Und also entweder zuhause blieben – dann gebe es weiter Geld – oder aber ihre Angehörigen in eine Kita brächten. Darauf gebe es im übrigen ab demnächst einen Rechtsanspruch.

Dann gebe es keine Ausrede mehr.

Kirchentags-Special

Daring Night

… und in diesem Augenblick wußte ich,
daß dies der Tanz Shivas war,
des Gottes der Tänzer, den die Hindus verehren.
Fritjof Capra

Einmal traf ich meinen Nachbarn an der Bank neben der Sparkasse, wo er sich eine Zigarette drehte und ganz die in die Aushänge vertieft war. Als er mich sah, leckte er mit der Zunge am scharfen Rand eines Gizeh-Blättchens entlang und deutete, weil er keine Hand frei hatte, mit den Augen auf den Gemeindeschaukasten. Dort hingen allerlei Zettel, auf deren einem stand, daß der mittlere Frauenkreis sich nunmehr wiederum mittwochs zur Singestunde einfinden wolle, und zwar wegen des derzeitig warmen Wetters bei geöffnetem Fenster. Ganz links oben stand, getauft werde in diesem Jahr außer am Pfingstmontag noch an folgenden Tagen: 18. Juni, 13. August, 10. September. Freie Slots gebe es an den drei Sonntagen. Frühbucherrabatt werde gewährt für den August- und den Septembertermin. Neu im Programm sei die Schnuppertaufe. Spontan- und Nottaufen seien nach wie vor möglich, die Nummer der Hotline sei: …

Aber das war wohl nicht der richtige Aushang, denn als ich bei der Telefonnummer angelangt war, packte mich die nunmehr freie Hand des Nachbarn am Nacken und drehte meinen Kopf nach Südosten, wo auf einem dritten Zettel stand, daß der ‚FOK’ oder die ‚FOK’ oder das ‚FOK’ zu einer Lesung mit Gesang und Tanz und GOtteslob in das Refektorium einlud.

Was denn das bedeute ‚FOK’, wollte ich wissen und der Nachbar antwortete, das sei, wenn ein Herr und eine Dame sich sehr, sehr lieb hätten, und der Herr sein Zeugungsglied entblöße und in die ebenfalls mindestens teilentblößte Dame einführe, mit der Absicht, es dort nichtlinear beschleunigt und dito verzögert hin und her zu bewegen, um ehebald eine Ejakulation von Mannessamen herbeizuführen, häufig begleitet von teils erwünschten, teils unerwünschten Seiteneffekten, wie euphorischen Gefühlen, unkontrolliertem Schweißfluß oder dem Verlust der Fähigkeit zu differenzierter Artikulation.

Das wußte ich selbstverständlich auch, weil ich das einerseits natürlich sowieso wußte, andererseits aber auch weil ich den Film kannte, dem der Nachbar diese Antwort spaßeshalber entnommen hatte, und in dem der Filmdetektiv seinerzeit die Frage der Filmschönen nach der Bedeutung des Akronyms ‚FOC’ beantwortet hatte, wobei er so getan hatte, als hätte er ‚Fuck’ verstanden, oder vielleicht hatte er auch wirklich ‚Fuck’ verstanden, aber jedenfalls hatte die Filmschöne die Bedeutung von ‚Fuck’ nicht wissen wollen, weil sie die als Amerikanerin wahrscheinlich schon kannte, sondern die Bedeutung von ‚FOC’, und das hatte in dem Film für ‚Friends of Carlotta’ gestanden und eine Geheimorganisation der Filmunholde bezeichnet, die wahrscheinlich – so genau wußte ich das zwar auch nicht mehr, war ja schließlich noch nicht so lange her, aber das tun Filmunholde ja immer – die Weltherrschaft angestrebt hatten. Und auch der Nachbar wußte das alles, darauf hätte ich wetten mögen, und er leugnete auch nicht lange sondern gab zu, daß die Bedeutung von ‚FOK’ eine ganz ähnliche sei, wie die von ‚FOC’, auch ‚FOK’ bezeichne eine Organisation von Unholden die, allerdings nicht geheim, sondern beim Licht der Sonnen, innerhalb der hannoverschen lutherischen Landeskirche die Auffassung vertrete, daß man den Liedersänger Kunze zu offiziellen kirchlichen Veranstaltungen einladen solle, während die anderen Kirchenmänner zusammen mit der Mehrheitsmenschheit der Meinung sei, daß man das nicht tun solle. Und demzufolge stehe ‚FOK’ für ‚Friends of Kunze’.

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Kapitalismus geht gegen Kritiker vor

Der Kapitalismus, der seine Teilnehmer dazu zwingt, entweder nach seinen Regeln zu spielen oder vom Markt zu verschwinden, hat deutlich gemacht, daß er realistische Schilderungen seiner Auswirkungen auf den Bürger und insbesondere den Bürger, der sich, da durch Krankheit geschwächt, nicht adäquat wehren kann, nicht hinnehmen wird.

Anlaß zu der Stellungnahme – ja bitte? – Ich höre, der Kapitalismus nimmt nicht Stellung, sondern erläßt Bullen – wohlan denn: Anlaß für die Bulle war die Berichterstattung des Göttinger Tageblattes über gewisse Auswirkungen, die der Verkauf von vier landeseigenen Krankenhäusern an den Kapitalismus – ja bitte? – Ich muß mich abermals korrigieren: es handelt sich, wie ich höre, nicht um den Verkauf von Landeskrankenhäusern des Landes Niedersachsen, sondern um deren Überlassung zu wirtschaftlichen Zwecken, der sog. Christianschen Schenkung von 2007 -, die die Überlassung von vier Krankenhäusern an den Kapitalismus auf die Produktionsmittel (sog. Patienten) gehabt hat. – Ja was denn nun schon wieder? – Ich habe mich gerade belehren lassen müssen, daß es sich bei Patienten nicht um Produktionsmittel handelt, das wären vielmehr die Krankenhäuser, sondern um Rohstoff. – Ich bitte vielmals um Entschuldigung! Ich habe niemandem zu nahe treten wollen.

Die Zeitung aus Göttingen, ein nach kapitalistischen Grundsätzen operierendes Unternehmen, hatte mit einem Bericht über die Auswirkungen des Kapitalismus auf die Qualität der Rohstoffverarbeitung in zweien dieser Produktionsmittel nach Anzeigen-Investoren geangelt, und hat vom Kapitalismus sofort dafür in die Schnauze bekommen, und zwar auf die legale Tour (sog. Rechtsprechung). – Was ist los? Will mich keiner korrigieren? Ich rede hier despektierlich von der Justiz, und keiner korrigiert mich? Sollte das etwa stimmen?!!

Nach Ansicht des Kapitalismus nämlich handelt es sich bei dem Ausdruck “Sparmaßnahmen”, mit dem die Zeitung gewisse Optimierungsmethoden beim Rohstoffhandling umschrieben hatte, um Schmähkritik. Desgleichen bei Berichten über Medikamentenausgabe, therapeutische Gespräche und Physiotherapie. Es sei ihm nicht zuzumuten, so die Anwälte des Kapitalismus, sich von Schmähkritik nachsagen zu lassen, daß er therapeutische Gespräche mit seinem Rohstoff zu führen pflege. Er sei ein rationales Prinzip und keine esoterische Veranstaltung. Woraus auch unmittelbar folge, daß er Medikamente hauptsächlich dazu einsetze, sie den Krankenkassen in Rechnung zu stellen, nicht aber, sie unter den Rohstoff zu mischen. Und schließlich, daß es schon gar keine Physiotherapie gebe. Was solle das überhaupt sein? Esoterik zum Quadrat, oder was?

Gegen die Christiansche Schenkung, bei der acht von zehn Landeskrankenhäuser verschleudert wurden, ist im Nachhinein wenig zu machen, da die Verschleuderung von Landesvermögen durch landesherrliches Unvermögen als dessen Privatvergnügen gilt, und außerdem weisen die Anwälte des Kapitalismus darauf hin, daß ihr Brotherr auf die Akkumulation von Kapital angewiesen sei, und wo solle es denn herkommen, wenn nicht anderswo ein nützlicher Idiot auf seins verzichte? Diesen aber juristisch dafür zu belangen, sei juristisch ausgeschlossen. Wenn man wolle, könne man ihn für die Annahme eines Bobbycars verfolgen lassen, nicht jedoch für die vorsätzliche Ruinierung des Bundeslandes, das ihn gewählt hat.

Ein ehemaliger Leiter eines der Krankenhäuser hat darauf hingewiesen, daß im Kapitalismus die medizinische Versorgung der Patienten der Ökonomie abhängig nachgeordnet sei, und daß der Bär in den Wald scheiße. Der Kapitalismus hat sich entschlossen, ihm das durchgehen zu lassen, weil, so der Kapitalismus, das stimme. Der Bär scheiße tatsächlich in den Wald. Deswegen dürfe der ehemalige Leiter der Klinik das auch sagen. Andere Leute aber, z.B. ein Leserbriefschreiber des Göttinger Tageblattes, der anscheinend keine Ahnung davon hat, wer hierzulande wohin scheißt, und was dem blüht, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist, müssen es erleben, daß der Kapitalismus für den Betroffenen ganz unangenehme Aspekte haben kann.

Warum er so drauf ist, der Kapitalismus, weiß man nicht. Es hat auch schon Phasen gegeben, in denen er sich zu sagen schien: “Scheiß drauf! Laß sie reden. Machen können sie ja doch nichts.”

So wie damals, als der Kapitalismus noch das Antlitz des geizigen Bäckers aus Hirschberg hatte, der den armen Bauern beim Holzhandel übertölpelte – ja, bitte? Ich höre? – Also, es war kein Übertölpeln, sondern jeder Einkauf arbeitet so. Jeder! Und muß so arbeiten, sonst ist er als Einkauf ein Versager und als Marktteilnehmer ganz schnell weg vom Fenster. – Jedenfalls sagte der Geizkr – sagte der Bäcker dann zu seiner Frau, die ihm vorhielt, er versündige sich an den Menschen, “Rede du nur! Aber während du redest mach mir ein Hühnchen, gute Geschäfte machen hungrig.” Und es muß erst Rübezahl kommen, und dem Bäcker eine Lektion erteilen.

Nun ist die Historizität dieses guten Geistes – Rübezahl – leider nicht verbürgt; ob er jemals existiert hat, weiß man nicht, ob man ihn noch irgendwo zu fassen kriegen würde, auch nicht, und ob er, wenn man ihn fände, bereit wäre, beim Kapitalismus vorstellig zu werden, etwa dort, wo er das feiste Gesicht der Asklepios-Kliniken Hamburg hat, sich ein Bein auszureißen und dort mal ordentlich Kleinholz zu machen, das weiß man leider auch nicht.

Aber schön wär’s halt.