Lohnabstandsgebot

18. Februar 2010

Die Sarah Palin des deutschen Wirtschaftsfeuilletons, Guido Westerwelle, hat angeregt, die notwendig werdende Abtragung der Stadt Köln dazu zu nutzen, auch gleich den ganzen Sozialstaat mit abzutragen.

“Dann werden wir ja sehen, wer tatsächlich hilfebedürftig war, und wer nicht,” sagte Westerwelle den Fox News des deutschen Onlinegewerbes, Welt online. “Die, die dann verhungert oder erfroren sein werden, an heilbaren Krankheiten gestorben, an Bagatellverletzungen verreckt, von den verzweifelten Eltern erschlagen, beim Sturm auf die Suppenküche der Franziskaner zu Tode getrampelt – das werden die sein, die unserer Hilfe wirklich bedurft hätten. Und das werden die sein, denen die FDP mit zielgenauer Hilfe hätte zur Seite stehen wollen.”

“Die anderen aber, die dieses Gottesgericht überleben werden, werden damit bewiesen haben, daß sie der Hilfe der Allgemeinheit nicht bedürfen. Denen soll kein Pfennig gezahlt werden, kein Bissen Brot soll aus unseren Händen in die ihren finden, den Schluck Wasser werden wir ihnen weigern.”

“Nur so kann das Lohnabstandsgebot, von dem ich, nebenbei, anregen möchte, daß es in Verfassungsrang erhoben werden möge, gewahrt bleiben.”

Soweit Sarah Palin.

Die Abtragung Kölns wird nötig, weil notleidende Baufirmen die Einhaltung des Lohnabstandsgebotes zwischen dem Einkommen der Nichtseßhaften auf den Ubahnschächten und den in den Schächten gezahlten Dumpinglöhnen bei gleichzeitiger 25prozentiger Eigenkapitalrenditevorgabe ihrer Eigentümer anders nicht mehr gebacken kriegten, als daß sie die Zuverdienstgrenzen ihrer Bauleiter und Poliere lockerten und deren Eigenverantwortungsgedanken stärkten.

Stellenweise wurde der Eigenverantwortungsgedanke daraufhin so stark, daß nunmehr ganz Köln wackelig geworden ist. Man wird es abtragen müssen und nachsehen, ob überhaupt irgendwo Beton und Stahl zum Einsatz gekommen ist, oder nur Sand und ein bißchen Balserholz.

Während die Abtragung Kölns (in Düsseldorf) allgemein begrüßt wird, könnte sich die Abtragung der Sozialstaatsschichten als weniger gute Idee erweisen. Manch einer, der sich für aus dem Schneider hält, wird dumm kucken, wenn er seine in den sechziger Jahren vollgemalten Schulbücher nachträglich bezahlen soll.

Der Sozialstaat war 1949 gegründet und von allen Parteien gepäppelt worden, mit Ausnahme der FDP, die von Anfang an davor gewarnt hatte, dem Volk kostenlose Schulbücher zur Verfügung zu stellen, da dadurch zu spätrömischer Dekadenz eingeladen werde. Auch warnte die FDP davor, das Schulgeld abzuschaffen.

Noch heute klingt diese Warnung in Westerwelles Sätzen nach, wenn er sagt: “Ich bleibe dabei: der, dessen Vater sich eine Quetsche für seinen Sohn leisten kann, muß bessere Chancen haben als der, dessen Vater ein Habenichts ist.”

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