Raging Bull

23. Februar 2010

Guido, der böse Bulle des Bauern Westerwelle, hat gestern mittag für ein gutes Stündchen das Dorf in Atem gehalten. Wieder einmal, denn es ist nicht das erste Mal, das Guido einen Ausflug unternimmt, und dann ist jedesmal ein großes Hallo.

Wie es scheint, müssen ein paar Schulkinder auf dem Nachhauseweg, namentlich Jakob und Anna-Lena, vorneweg, wie soll es auch anders sein, ferner Hermann, der Sohn des Dorfschulzen, Pastors Ulrike, der Sohn des Schöffen Fibelkorn und Johannes aus dem Armenhaus, täglich an Westerwelles Hof vorbei.

Wie bei Zehnjährigen so üblich, kamen sie an Westerwelles Hof und angesichts der offenen Stalltür auf die glorreiche Idee, sich gegenseitig herauszufordern und sich Mut und Traute abzusprechen, einmal zu Guido, dem bösen Bullen in den Stall zu gehen. Wer wollte sie dafür tadeln? Haben wir es selbst, als wir jung waren, doch nicht anders gemacht. Auch ich hätte heute noch hin und wieder Lust, Guido aus dem Stall zu lassen; und wenn ich ganz ehrlich bin, haben Quastel und ich es auf dem Weg vom Pilgrimhaus nach Hause schon manchmal gemacht.

Wie auch immer. Wer es dann war, der das Stöckchen, mit dem Guidos Verschlag verriegelt war, herausgezogen hat, war bis Redaktionsschluß nicht bekannt. Ist ja auch egal.

Guido kam zunächt ganz ruhig auf den Hof getrottet, blinzelte, schnaubte ein paarmal und scharrte mit dem rechten Vorderhuf in den Schneeresten. Dann beschnoberte er die Milchkannen auf dem Bänkchen, warf sie herunter, scheute vor dem Scheppern und keilte zweimal aus, denn irgendwer mußte ja Schuld sein an dem Lärm. Feuer kam aus seinen Nüstern.

Dann aber, berichten die Kinder einhellig, dann habe Guido den roten Schopf des Transferzahlungsempfängers Johannes Bärensprung gesehen und sei ausgerastet. Denn wenn Guido eines nicht leiden kann, ist anstrengungsloser Wohlstand, und den vermutet er bei dem rothaarigen Bengel, der mit seiner Mutter und seinem Großvater der Gemeinde zur Last fällt. Was heißt, daß die drei ein von der Gemeinde gestelltes Zimmer bewohnen, in dem der Junge, Opa Andreas und dessen Holzbein sich ein Bett teilen müssen, Johannes mit dem Kopf zum Fußende, der Opa mit dem Kopf zum Kopfende und das Holzbein im Stehen und an die Bettstatt gelehnt.
Diese spätrömische Dekadenz nun versuchte Guido auszumerzen, indem er Johannes in den Schnee trampelte.

Dazu mußte er ihn aber erst kriegen, und bei drei war Johannes bereits auf der Mauer, und die anderen fünf ebenfalls. Guido riß ein faustgroßes Stück aus dem gemauerten Torpfosten, hielt sich damit aber nicht weiter auf, sondern stürmte aufs Hirtenende, zwang den obsidiangraumetallicfarbenen Kia Sorrento des Zahnarztes, der in der Mittagspause schnell das Wildschwein suchen gehen wollte, das er am Sonntag angeschossen, aber nicht wiedergefunden hatte, auf den Bürgersteig. Dort stieß er zusammen mit dem obsidiangraumetallicfarbenen Nissan Xtrail des Tierarztes, der, aus der Feldmark kommend, wo er ein verendetes Wildschwein gefunden hatte, das irgendein Idiot angeschossen haben mußte, ohne sich darum zu kümmern, ebenfalls auf den Bürgersteig mußte, um Guido auszuweichen. Nur aus der anderen Richtung.

Zahn- und Tierarzt belegten einander zunächst mit den zuständigen Ausdrücken, dabei immer wieder hinter den eingedötschten Karosserien Deckung suchend, machten sich dann aber daran, zu überlegen, wie man den Bullen wieder in seinen Stall kriegen konnte. Der Zahnarzt, hatte schon auf den Rücksitz gegriffen und seine Büchse hervorgeholt, der Tierarzt fragte ihn, auf die Kinder und dann auf seine Stirn deutend, ob er noch ganz richtig im Kopfe sei, und während der Zahnarzt dem Tierarzt maulend vorhielt, dann solle er doch mal einen Vorschlag machen, versenkte Guido sein linkes Horn in der hinteren Kiatür, und hatte anschließend damit zu tun, es wieder freizukriegen, was seine Laune nicht besserte.

Wenn man ein Betäubungsgewehr da hätte, könnte man ihm jetzt eine ordentliche Dosis in den Pöter schießen, sagte der Tierarzt, nur habe er sein Betäubungsgewehr leider nicht dabei. Schade eigentlich. Wenn man ein Handy hätte, ergänzte der Tierarzt, könnte man die Polizei rufen. Er habe ein Handy, sagte der Tierarzt, aber was er die Polizei anrufen solle, die riefen bei ausgebüchsten Bullen höchstens ihn an, das könne er billiger haben. Aber irgendwas müßten sie ja jetzt machen, sagte der Zahnarzt, und der Tierarzt gab ihm recht.

Währenddessen saßen die Kinder auf der Hofmauer und warteten darauf, daß die beiden Ärzte sich hauten, oder daß Guido einen von ihnen auf die Hörner nähme. Hähnchenbraterei Bolte kam mit ihrem Lieferwagen, konnte nicht vorbei, konnte aber auch nicht wenden, blieb also, parkte, und fing an, ein übriggebiebenes Hähnchen zu essen. Mehrere Hunde waren mittlerweile hinter ihren jeweiligen Gartenzäunen und verständigten sich untereinander darüber, daß man, wenn die Zäune nicht wären, Guido schon zur Vernunft bringen wollte.

Der Tierarzt hatte dem Zahnarzt inzwischen klarzumachen versucht, daß einer von ihnen beiden das Betäubungsgewehr holen gehen müsse, daß es aber mit einem gewissen Risiko verbunden sei, zu gehen, solange ein böser Bulle frei rumlaufe. Der Zahnarzt hielt dem entgegen, man müsse aber gehen, denn fahren könne man nicht, er zumindest nicht, weil Guido in seiner hinteren Tür feststecke.

Einer guten Eingebung folgend, zückte der Tierarzt endlich sein Handy, und rief seine Frau an, daß die ihm das Betäubungsgewehr mit dem Cabrio bringen solle, aber sie müsse hintenrum kommen, denn vorne stehe die Hähnchenbraterei Bolte, da komme sie nicht dran vorbei. Die Frau sagte, daß ginge nicht, weder hintenrum noch vornerum, weil sie gerade bei Rewe sei, sie habe Jakob aus dem Kindergarten geholt, und sie werde den Teufel tun und mit dem Kind an die frische Luft gehen, solange Guido Westerwelle frei herumlaufe. Sie bleibe bei Rewe.

Ab da klingelte alle paar Minuten das Handy, weil die Frau wissen wollte, wie der Stand der Dinge sei, Jakob brülle den ganzen Rewe zusammen, denn er wollte unbedingt zu Papa, um ihm zu helfen, Guido zu erschießen. Die Kinder auf der Mauer hatten sich mittlerweile ihrer Handys entsonnen und zuhause angerufen, daß sie nicht zum Essen kommen könnten, weil sie sich nicht von der Mauer runtertrauten. Ab da rief außerdem alle paar Minuten eine der besorgten Mütter an, um zu fragen, ob er oder sie – Sohn oder Tochter – Handschuhe und Mütze aufhabe, und ob es nicht zu kalt sei auf der Mauer.

Zahnarzt und Tierarzt einigten sich schließlich darauf, daß der Tierarzt mit dem Handy des Zahnarztes bei seiner Sprechstundenhilfe anrief, damit sie, die Sprechstundenhilfe, zum Rewe fuhr, dort die Frau des Tierarztes abholte, mit ihr zur Tierarztpraxis fuhr, und das Betäubungsgewehr zum Hof Westerwelle brachte, aber hintenrum, nicht vornerum, den vorne stand immer noch Hähnchenbraterei Bolte und futterte mittlerweile das zweite Hähnchen. Oben auf der Mauer zeigte der Sohn des Dorfschulzen Johannes “Raging Bull”, seine neueste iPhone-App, weil er wußte, daß Johannes sich kein iPhone leisten konnte und sich bestimmt freuen würde, wenn Hermann ihm zeigte, was man damit alles schönes machen konnte.

Und während man unten auf die Zahnarzthelferin wartete, sich auf der Mauer die Zeit mit “Raging Bull” vertrieb, und in der Ferne die von besorgten Eltern alarmierte Polizeistreife ihre Sirene anwarf, kriegte Guido endlich sein Horn aus der Kiatür, schnaubte wütend auf und rannte, Schaumflöckchen vorm Maul, Richtung Hofende davon.

Abends erzählten Jakobs und Anna-Lenas Eltern, daß es Bauer Westerwelle schließlich gelungen sein soll, Guido mit dem Versprechen, zu einer Generaldebatte über die Armenhäusler ins Pilgrimhaus einladen zu wollen, einzufangen und ihn am Nasenring in den Stall zurückzuführen. Das aber, nachdem Guido überall im Dorf noch für jede Menge Blechschäden, umgekippte Kinderwagen, eingenäßte Hosen, weinende Kinder, niedergerissene Gartenzäune, umgepflügte Vorgärten und eine völlig verstörte Haftpflichtversicherung gesorgt hatte.

Rundum zufrieden mit dem gelungenen Tag zeigten sich die Kinder. Zwar ist Guidos Stall jetzt vorsichtshalber auch tagsüber verschlossen, aber, sagt Neffe Jakob, da sei ja noch Angela, die Sau des Bauern Merkel. Bei günstiger Gelegenheit planten sie, die Sau ebenfalls rauszulassen und mal kräftig durchs Dorf zu treiben.

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