Die drei kleinen Schweinchen

11. März 2010

Es waren einmal drei kleine Schweine. Nein, keine Priester an Klosterschulen oder Pädagogen an Elitegymnasien, es waren ganz normale kleine Ferkelchen. Rosane.

Die hatten jedes ein Haus für sich, eines eins aus Stroh, eins eines aus Holz, und das dritte hatte sein Haus aus Ziegelsteinen bauen lassen, und zwar von der Baufirma Bilfinger Berger.

Ich höre schon, wie meine kleinen Leser nun sagen: Oha, das kann nicht gut ausgehen, und in der Tat, meine lieben kleinen Leser, ihr habt allen Grund, Oha! zu sagen, denn Bilfinger Berger, das ist die Baufirma, die in ihrem Wappen die Worte: “Denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht (Faust, 1. Teil, Studierzimmer)” zu stehen hat.

Die Studierstube von Opa Faust war übrigens noch aus richtig festen Steinen gemauert, mit ordentlich Mörtel dazwischen, und als einmal der Teufel in die Studierstube hineinwollte, da schaffte er es nur mit einem Trick, so solide war die Stube gebaut. Aber damals gab es auch die Baufirma Bilfinger Berger noch nicht.

Das Haus von dem kleinen Schweinchen aber – nein, anders. Das erste Schweinchen, das mit dem Strohhaus, hatte das Stroh gegen seine Borsten eingetauscht, und das zweite Schweinchen, das mit dem Holzhaus, hatte seine Borsten gegen das Holz eingetauscht. Das dritte Schweinchen aber war ein ganz gerissenes. Es hatte sich gesagt, pah, was soll ich meine ganzen schönen Borsten für das Haus hingeben – ich mache eine Ausschreibung.

Eine Ausschreibung machen heißt: das Schweinchen schreibt auf ein Stück Pappe, daß es ein Haus aus Stein haben will, und hängt die Pappe bei Rewe ans schwarze Brett. Und dann wartet es, daß die Baufirmen zu ihm gelaufen kommen und sagen “Laß mich dein Haus bauen, ich gebe dir meine Borsten dafür.” Nein, Quatsch, Baufirmen haben ja gar keine Borsten. “Ich baue dir dein Haus, aber du mußt alle deine Borsten dafür geben.” So muß es richtig heißen.

Aber das Schweinchen wartet noch ab, ob nicht eine andere Baufirma kommt, die vielleicht nur drei Viertel von seinen Borsten haben will, oder wer weiß, vielleicht gar nur die Hälfte. Das nennt man eine Ausschreibung.

So auch bei Schweinchen Schlau, das sich, wie ich schon gesagt habe, für oberschlau hielt, und das deswegen die Baufirma Bilfinger Berger beauftragt hatte, denn die wollten am allerwenigsten Borsten für das Haus haben.

Aber noch schlauer, als unser Schweinchen Oberschlau war die Baufirma Bilfinger Berger. Und die sagte sich, pah, was sollen wir dem Schweinchen hier ein Haus aus dicken, schweren Steinen hinstellen, an denen man lange und mühselig zu schleppen hat, und der ganz teure Mörtel, und das alles für die paar Borsten – wir machen das anders.

Also suchte sich die Baufirma Bilfinger Berger eine andere Firma, die bereit war, für noch weniger Borsten zu bauen, aber so dumm war natürlich keine. Trotzdem taten sie es. Weiß einer von euch vielleicht, warum sie es trotzdem taten? Anna-Lena, du?

Richtig! Die Baufirma, die für Bilfinger Berger arbeitete, war schließlich auch nicht auf den Kopf gefallen. Sie machte es ganz genauso. Man nennt so eine Firma einen Subunternehmer. Und so blieb für den, der ganz zuletzt die dicken Steine schleppen und den teuren Mörtel anrühren mußte, nicht viel mehr als eine handvoll Borsten über, aus denen man nicht einmal mehr eine Schnurrbartbürste machen konnte. Darum ging er her, und verkaufte, damit er trotzdem noch ein bißchen was an seiner Arbeit verdiente, den teuren Mörtel für gutes Geld an den bösen Wolf, und die Steine höhlte er aus und verkaufte das Innere der Steine für gutes Geld an den bösen Wolf, und die Türen und Fenster machte er gar nicht, sondern vergab diese Arbeiten an einen Subunternehmer, der überhaupt kein Geld dafür kriegte, weil er nicht zum vereinbarten Zeitpunkt fertig geworden war. Dem waren die Anker immer wieder aus den ausgehöhlten Steinen gebrochen, und darum hatte er länger gebraucht als gedacht. Darum mußte er Strafe zahlen.

Das hatte er aber schon geahnt, denn auch er war ja auch nicht auf den Kopf gefallen, und deswegen hatte er schon vorher das Messing für die Beschläge auf die Seite geschafft, und für gutes Geld an den bösen Wolf verkauft. Der böse Wolf verkaufte das Messing auf dem Schwarzmarkt und machte sich eine Notiz in seinem kleinen Büchlein, daß bei dem Haus von Schweinchen Schlau die Fensteranker nicht richtig fest saßen, und die Beschläge aus billigem Kunststoff waren, der bloß aussah wie Messing.

Schließlich zog das kleine Schweinchen mit Gesang in sein neues Eigenheim ein, und nachdem die Einzugsgäste die Haustür, die beim Klingeln ins Haus gefallen war, notdürftig mit Tesafilm wieder festgeklebt hatten, feierten sie ein schönes Fest, und zwar so laut, daß der Putz von der Decke fiel.

Mittlerweile hatte der böse Wolf sich überlegt, daß er die kleinen Schweinchen fangen und fressen wollte, und so ging er zunächst zu dem Haus von dem kleinen Schweinchen, dessen Haus aus Stroh war, und rief das kleine Schweinchen heraus. Aber wer nicht kam, war das kleine Schweinchen, denn das war auf der Einzugsfete von Schweinchen Schlau. Da ärgerte sich der Wolf und versuchte, zu trampeln und zu strampeln und zu husten und zu prusten und das Strohhaus über den Haufen zu pusten, was ihm aber schlecht bekam. Denn er war Allergiker, und der Strohstaub kam ihm in die Nase, so daß die triefte, und seine Augen tränten, und der Wolf gar nicht mehr richtig Luft kriegte.

Da ging er dann zu dem Haus von dem Schweinchen, dessen Haus aus Holz war, aber das Schweinchen war natürlich auch auf der Einzugsfete. Da ärgerte sich der Wolf, und wollte das Holzhaus über den Haufen pusten, aber wegen seiner asthmatischen Beschwerden kam nur noch ein ganz schwaches Lüftchen aus seiner Schnauze. Da trat der böse Wolf vor Wut gegen die hölzerne Haustür und rammte sich einen Holzsplitter unter den Nagel des großen Zehs, und wer nicht weiß, wie gemein weh es tut, wenn man sich einen Holzsplitter unter den Nagel des großen Zehs rammt, der sollte froh sein und es lieber nicht ausprobieren.

Es war daher ein bitterböser Wolf, der schließlich an dem Haus von Schweinchen Schlau ankam, um Schweinchen Schlau zu packen und zu fressen, aber als er rufen wollte, daß Schweinchen Schlau herauskommen und sich packen und fressen lassen sollte, da kam nicht der allerkleinste Laut aus ihm heraus, und jetzt wurde der Wolf erst richtig zornig. Mit dem Fuß gegen die Tür zu treten, traute er sich nicht, obwohl die nur notdürftig mit Tesafilm festgeklebt war, aber sein großer Zeh war dick und entzündet und sah aus wie eine Rote Beete, und tat ganz furchtber weh.

Darum versuchte der Wolf, auf andere Weise ins Haus zu kommen, kletterte aufs Dach, und wollte durch den Kaminschornstein hinab und sich das Schweinchen holen und fressen, aber wie er aufs Dach kletterte und zum Kaminschornstein kam und sich dort mit der Vorderpfote festhalten wollte, löste sich ein Ziegel, fiel hinab und landete in dem Punschkessel, der dort unten über dem Feuer hing. Der Wolf hielt sich mit der Vorderpfote mühsam fest und scharrte mit den Hinterpfoten nach Halt, den er aber nicht fand, sondern statt dessen Dachpfannen, die sich auch lösten, zur Traufe rutschten und aufs Pflaster fielen.

“Still!” rief Schweinchen Schlau da aus, und nach einer Weile, als es alle seine Gäste überschrien hatte, wurden sie tatsächlich für einen Moment leise, “still! Hat es da nicht geklopft?”

Aber wie die plötzliche Stille einsetzte, merkte man, daß das Haus bislang nur von dem Krach der Feiernden zusammen gehalten wurde, und als der Krach nicht mehr da war, merkten die Decken, daß kein Putz mehr da war, der sie noch halten konnte, und die Wände merkten, daß sie hohl waren, und das Dach merkte, daß es keine Lust hatte, neben dem Gewicht des Schornsteins auch noch das des bösen Wolfes zu tragen, tat einen letzten Seufzer und brach mitsamt dem Haus zusammen und fiel den drei kleinen Schweinchen auf den Kopf.

Tja, ihr Lieben, nun fragt ihr sicher, ob ihnen denn wohl auch nichts passiert ist. Nun, das eine kleine Schweinchen lebt nach wie vor glücklich und zufrieden in seinem Strohhaus, und das andere kleine Schweinchen lebt nach wie vor glücklich und zufrieden in seinem Holzhaus. Der Wolf ist in der Rehaklinik, Bilfinger Berger baut weiterhin munter U-Bahnschächte und Autobahnen, und Schweinchen Schlau, das erst auf Anraten seines Anwalts in ein Hotel gezogen war und die Rechnung an Bilfinger Berger schickte, Schweinchen Schlau konnte die Rechnungen irgendwann nicht mehr bezahlen, wurde obdachlos, ging in die Fremde, und wenn es nicht gestorben ist, dann irrt es noch heute ruhelos umher und sucht nach einer Bleibe.

Bilfinger Berger hatte seiner Haftpflichtversicherung untersagt, den Schaden zu regulieren, und Schweinchen Schlau statt dessen an den Subunternehmer verwiesen, dessen Versicherung sich aber jahrelang mit der Versicherung von dessen Subunternehmer herumzankte, und dessen Versicherung mit der Versicherung von dessen Subunternehmer. Diese Versicherung aber hatte kein Geld, sondern ihre Forderungen an dessen Subunternehmer genommen, sie verbrieft, an die Börse gebracht und für gutes Geld an den bösen Wolf verkauft, der aber unpäßlich war – jedenfalls: irgendwann blickte keiner mehr durch, und Schweinchen Schlau hat nie eine seiner Borsten wiedergesehen. Man nennt ein solches Verfahren – ja, Jakob?

Richtig. Man nennt ein solches Verfahren Qualitätsmanagement.

Und wenn alle mitmachen, heißt es Total Quality Management.

 

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