Die Gegenwut

Eine Trittbrettfahrt

Wegen seiner polemischen Muslim-Schelte steht Thilo Sarrazin am Pranger, aber eines begreifen seine Kritiker offenbar nicht. Der Provokateur verkörpert etwas, das sich nicht ausgrenzen lässt, weil Chimären sich nun einmal nicht ausgrenzen lassen: die Wut von Leuten, die es satt haben, für ihre Integrationsangebote beschimpft zu werden.

Wie Waldorf und Statler, die beiden Seniorenheimer auf dem Balkon am Ende des Pfaffenackers, die mit ihren Integrationsangeboten an den Käsdorfer Muslim immer wieder auf die Schnauze fallen. Heh, Kümmeltürk, ruft es vom Balkon, wenn Wahid seinen Mini unten parkt und die Instrumententasche vom Rücksitz nimmt, um seine Patienten zu besuchen, mit ihnen zu scherzen und ein paar Viertelstündchen Licht in ihre triste Woche zu bringen, heh, Kümmeltürk, soll ich dir ein Integrationsangebot machen?

Schmunzelnd und kopfschüttelnd geht Wahid dann über die Terrasse ins Haus, wobei er Statler zuruft, Waldorf, Waldorf, wie oft soll ich dir noch sagen, daß ich Perser bin, nicht Türke?

Und wie oft soll ich dir noch sagen, daß ich Statler heiße, und nicht Waldorf? fragt es vom Balkon zurück, und die beiden Pestbeulen wollen sich vor Lachen nicht wieder einkriegen.

Das Idyll trügt. Nichts ist mehr wie es war. Es ist die Saison des Volkszorns, längst wächst der Fall Sarrazin über Sarrazin hinaus. Er ist viel größer als der Mann oder das Buch. Er ist beinahe noch größer als Matthias Matussek vom Spiegel, aber das ist gottseidank nicht möglich.

Es bleibt gefährlich in Deutschland, nach dreißig Jahren politisch korrekten Wegsehens. Zwei Seniorenheimerinnen sind bereits gesprengt worden, nur weil sie maßvolle Kritik an des Herrn Persischen Ministerpräsidenten Unrasiertheit geäußert hatten. Glücklicherweise ist Wahid immer aufs akkurateste rasiert, wenn er seinen Hausbesuch macht, auch wenn, wie er zwinkernd zugibt, die bei einem Mann seines Temperaments eigentlich fällige Mittagsrasur häufig dem engen Terminplan eines Landarztes zum Opfer fällt. Leidtragende dieser Tatsache aber seien ausschließlich seine Frau, seine Tochter und sein Sohn bei der abendlichen Begrüßung, nicht die Seniorenheimer und nicht die Seniorenheimerinnen, denn im Heim begnüge man sich mit dem üblichen mitteleuropäischen Handschlag.

Die Seniorenheimerinnen nicken dann verständnisvoll, mit einem kleinen bedauernden Tränchen im Auge und einem melancholischen Ja-damals-Seufzer im Busen.

Im Fall Sarrazin geht es um gar nichts, bzw. um alles, bzw. um jedes bzw. um das, was einem Trittbrettfahrer wie mir soeben durch die beleidigte Volksseele rauscht. Sarrazin ist zur Chiffre geworden für die Empörung darüber, wie das Justemilieu der Konsensgesellschaft, daß sich, wie jeder weiß, der sich einigermaßen mit konstruktivistischen Theorien auskennt, also ich, hauptsächlich über die virtuelle Zeitungsöffentlichkeit herstellt, dem Rest der Bevölkerung aber komplett am Hinterteil vorüberzieht, was die dort hausenden Karawanenkläffer aber nicht vom Gebell … wo war ich? … wo bin ich hier?

Richtig, Sarrazin. Er ist nicht telegen. Er verheddert sich in Statistiken. Er vergreift sich im Stil. Er steht ziemlich struppig in den Infotainment-Talkshows unserer Spaßgesellschaft herum. Er sieht aus wie eine Vogelscheuche. Er rutscht aus auf den bekannten Bananenschalen der politischen Korrektheit, er rutscht vor allen Dingen aus, auf den Bananenschalen seiner eigenen Selbstverliebtheit, mit angreifbaren biologischen Verknappungen. Wobei nicht ganz klar ist, wo er die Verknappungen im Moment des Ausrutschens hat. In den Taschen? In den Händen? Unter den Achseln? Und rutschte er aus wegen der Verknappungen oder trotz der Verknappungen? Oder mit den Verknappungen? Und sagte ich Verknappungen? Daß hieße ja, daß er, wenn er das biologisch Verknappte nur biologisch wieder entknappte, daß es dann nicht mehr angreifbar wäre. Und er dann nicht ausgerutscht wäre. Hieße es das? Habe ich das sagen wollen? Oder was habe ich sagen wollen?

Das: Was all die Ausgrenzungstechniker nicht begreifen, ist, daß sich das, was Sarrazin verkörpert, nicht ausgrenzen läßt. Das Vogelscheuchenhafte, es ist dem Volke teuer. Das Verknappte, es entspricht der allseits reduzierten Volksseele. Das Bananenschalenhafte, es erinnert das Volk an die Fresse, auf die es gemeinhin selber bekommt. Und fällt.

Es ist die Wut von Leuten, die es satt haben, das Mittelalter, von dem sie nicht wissen, wann genau es gewesen ist – von 1933 bis 1945? von dunnemals bis wannwardasnochgleich? von sieben fünf drei bis drei drei drei? – in ihrer Gesellschaft zurückkehren zu sehen. Die einen langen und mühevollen Prozess der Aufklärung – von der sie nicht wissen, worum es sich handelt, und die sich nicht wollen würden, wenn sie es wüßten – hinter sich haben. Die es satt haben, über terrornahe islamistische Vereine zu lesen, und nicht genug davon kriegen können, die es satt haben, über Ehrenmorde zu lesen, und nicht genug davon kriegen können, über Morddrohungen gegen Karikaturisten und Filmemacher, und nicht genug davon kriegen können, und die es satt haben, zu hören, daß auf Hauptschulhöfen “du Christ!” als Schimpfwort benutzt wird. Die wütend zur Kenntnis nehmen, das Wahid noch niemanden als “Christen” beschimpft hat, daß Wahid seine Ehefrauen nicht steinigt, daß er nicht einmal zwei Ehefrauen hat, geschweige denn drei, nicht zu reden von vier. Und statt dreizehn Kindern hat er eine Tochter und einen Sohn. Unverschämt!

Merkwürdigerweise aber sind nun zumindest viele der bei uns lebenden türkischen Mitbürger – und in der “SZ” am Wochenende werden acht junge vorgestellt – nicht darüber empört, sondern über Sarrazins Buch.

Sollten die Repräsentanten geglückter türkischer (Wahid: “Darf ich noch einmal, und ich hoffe, ein letztesmal, darauf hinweisen, daß ich nicht türkischer, sondern persischer Abstammung bin?”) Vorzeigebiografien nicht einwirken auf ihre Landsleute und Milieus, damit der Koran endlich sein Gesicht von Sanftmut und Nächstenliebe zeigt?

Nein? – Warum nein? – Warum sie das sollten?

Nun, genauso wie wir Christen – Sie nicht? – Ts! – Na gut – genauso wie ich Christ mich für jede Verfehlung eines Christen auf dieser Welt verantwortlich fühle und in die Pflicht nehmen lasse, und genauso wie Sie als Nicht-Christ sich für jede Verfehlung eines Nicht-Christen auf dieser Welt verantwortlich zeigen und deren Opfern Kompensation anbieten, genauso wie ich als Westpfahle jede Verfehlung eines Westpfahlen auf dieser Welt als meine Verfehlung empfinde und Sie jede Verfehlung eines Niedersachsen als Ihre – wie, kein Niedersachse? Ich denke – ? – Sie auch? – Ok, ok, ich trete Ihnen die Hälfte der westpfälischen Verpfehlungen ab – so, wie wir als Westpfahlen mit den Verfehlungen unserer Mitwestpfahlen umgehen, so sollten wir auch verlangen, daß die Türken und Muslime und – jaaa, von mir aus, auch die Perser! Wichtigkeit! – die Verantwortung für alles, was auf der Welt sonst noch so geschieht, übernehmen.

Vor allem aber wäre es schön, wenn sie sich irgendwo zu Pluralität und Meinungsfreiheit ausließen.

Und noch mal zu denen unter unseren türkischen – und persischen! Ich habe es jetzt, glaube ich, häufig genug gesagt!! – Mitbürgern, die wirklich angekommen sind: Sollten sie nicht zum Beispiel auf den Migrationsrat einwirken, der soeben erfolgreich gegen einen Auftritt Sarrazins während des Internationalen Literaturfestivals in Berlin aktiv wurde? So wie ich persönlich die Verbrennung eines Koran-Exemplars durch einen amerikanischen Heiopei verhindern werde, was sich ja wohl von selbst versteht?

Nicht? – Doch.

Apropos doch: Klaus von Dohnányi, der Sarrazin vor den SPD-Gremien zu verteidigen gedenkt, wies in der “SZ” darauf hin, wie in Deutschland vor dem Hintergrund der Holocaust-Vergangenheit eine Kultur der Gesinnungsverdächtigung blüht. “Kaum nimmt einer die Worte ‘Gen’ und ‘Jude’ in den Mund, geht es im deutschen Feuilleton zu wie in der Judenschule”, präzisiert mein Kollege Matussek im deutschen Feuilleton.

Recht hat er. Und mit Recht beklagt er, daß wir Debatten scheuen, die “in anderen Ländern gang und gäbe sind”. Dazu gehöre die Diskussion darüber, “daß bestimmte Volksgruppen bestimmte Eigenschaften haben”. Dort scheue man sich auch nicht, Debatten frei und ohne Scheuklappen und Sprachregelungen zu führen: da werde ein Spaten Spaten genannt, eine Vogelscheuche Sarrazin und ein Großmaul Matussek.

Debatten aber über Identität und Leitkulturen werden überall geführt in einer zunehmend globalisierten Welt, in den USA genauso wie in Großbritannien, in Frankreich wie in Holland, in Dänemark wie im Kongo, in Togo wie in Kaiser-Wilhelms-Land, auf SpiegelOnline wie auf dem Balkon des Seniorenheims am Pfaffenacker.

Das schließt Weltoffenheit nicht im geringsten aus. Oder ein. Es bedeutet nur ein Beharren auf Traditionen und Werten, zu denen auch die Abwesenheit von Weltoffenheit gehören kann, selbstverständlich, warum denn nicht?

Oder die Anwesenheit.

Ein Beispiel gefällig? Aber gern: wir Münsteraner machen am Wochenende gerne Ausflüge mit dem Fahrrad. Auf unseren idyllischen Pättkeswegen. Und zwar in Uniform und im Stechschritt, wie man in jedem Vorabendprogramm im großbritannischen Fernsehen nachprüfen kann. Dann kehren wir irgendwo ein und knüpfen nichtvölkische Mitbürger und politisch unliebsame Zeitgenossen an den reichlich vorhandenen Eichenbäumen auf und schreien uns Militärjargon ins Gesicht. Und mag dies auch seit 65 Jahren nicht mehr so sein, so entspricht es doch unserem Volksgruppencharakter, den man nicht einfach an der nächsten Bude abgeben möchte.

Es sind diese Passagen in Sarrazins Buch, die mir die interessantesten scheinen. In ihnen spricht sich die Melancholie darüber aus, daß die Deutschen nicht nur demografisch an ihrem Verschwinden arbeiten – während sie vormals, als sie noch nicht so melancholisch waren, hauptsächlich am Verschwinden anderer Demographien gearbeitet haben – sondern sich auch von ihren Kultur- und Bildungshorizonten verabschieden.

Abschied
 
Melancholie:
Adieu mein kleiner Kulturhorizont, adieu mein kleiner Bildungshorizont, I’ll be in Scotland afore ye. Geht ihr linkswärts, laßt mich rechtswärts ziehn. Etwas besseres als euch beide, die ihr es hinter meinem Rücken mit Matussek und Sarrazin treibt, werde ich wohl überall finden. Ich geh’ nach Bremen und werde Stadtmusikant. Und doch: Stadtmusikant werden, hat einmal ein weltoffener Franzose gesagt, nach Bremen gehn und Stadtmusikant werden heißt immer auch mourir un peu.
 
Wer das rassistisch nennt, hat nichts kapiert.

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An diesem Text hat unfreiwillig Matthias Matussek vom Spiegel mitgearbeitet. Jene Passagen, die er nicht geschrieben hat, aber eigentlich hätte schreiben sollen, und die also erst mühsam konstruiert werden mußten, habe ich mühsam konstruiert, was in der Tat eine Heidenarbeit war.

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