Integrationshindernis Deutschland

Eine Studie des Käsdorfer Freundeskreis Integrationshindernisse kommt zu dem Schluß, daß eines der massivsten Integrationshindernisse, wenn nicht das massivste Integrationshindernis in Deutschland Deutschland heißt.

Die Studie, deren Aufgabe es war, herauszufinden, ob die Integrationshindernisse in Deutschland so massiv sind wie sie sein könnten, und ein jährliches Integrationshindernisranking zu etablieren, wird am Sonntag, dem 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, im Käsdorfer Haus der Leitkultur einer weitgehend desinteressierten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Die Ergebnisse – oder das Ergebnis – sind je nachdem. Man könnte sie überraschend nennen, wenn man sie für überraschend hält, aber es gibt auch Stimmen von Leuten, die damit gerechnet haben, die sagen, damit habe man rechnen müssen. Die dickste Überraschung – oder Selbstverständlichkeit -: so massiv wie erhofft sind die Integrationshindernisse eigentlich nicht.

Es ist im wesentlichen ein Integrationshindernis, dessen Massivität allen übrigen Integrationshindernissen, die gar nicht so besonders massiv sind – die Studie schlägt für diese Gruppe den Begriff ‘Integrationshindernisse light’ vor -, den Schnitt versaut.

Da ist zum Beispiel die Sprachkenntnis, von der es immer heißt, daß ihre Abwesenheit der Integration im Wege herumstünde. Heißt es ja immer. Doch, heißt es doch. Ist aber anscheinend nicht so. Denn, so hat die Studie festgestellt, die Gegenden, in denen Deutschland wirklich kein Deutsch kann, sind gar nicht so viele, wie man immer dachte: da ist Baden-Württemberg, richtig. Aber das war es im großen und ganzen auch schon. Sicher, es gibt ländliche Gegenden, in Ostfriesland z.B., in denen die Kinder frühestens in der Grundschule mit Hochdeutsch konfrontiert werden, und zum Teil im Alter noch nicht wissen, wozu es gut gewesen sein soll, aber die meisten Deutschen sprechen eigentlich ein ganz passables Deutsch.

Sie wollen bloß nicht.

Die Studie hat nun nachgewiesen, daß die Integrationshindernisse in Baden-Württemberg und in den ländlichen Gegenden Ostfrieslands nicht signifikant höher sind als in, sagen wir mal, Berlin Neukölln, wo praktisch jede Sprache der Welt gesprochen wird. Neuköllns Immunsystem reagiert aber genauso heftig auf Integration wie das von Böblingen oder Großefehn.

Zweites Beispiel: Schulbildung. Auch von ihr kursiert das Gerücht, sie fördere die Integrationsunwilligkeit, wenn man versäume, sie zu verabreichen. Doch auch mit diesem – soll man sagen Vor-? – Urteil räumt die Studie auf: deutsche Schüler und Schülerinnen, die den Matheleistungskurs aktiv schwänzen und statt dessen im Eiscafé Venezia Skat spielen, sind auch nicht integrationsverhindernder als die, die sich einer erichkästnerschen Lerndisziplin befleißigen. Allerdings sind sie schlechter in Infinitesimalrechnung.

Aber nicht viel.

Viertes Integrationshindernis: die Religion. (Doch, viertes ist richtig. Das dritte Integrationshindernis, fehlender Berufsabschluß, hat sich als so massiv herausgestellt, daß es unsere These zu torpedieren drohte. Wir behandeln es daher als Meßfehler und lassen es weg.) Pfarrer Beffchen, unser Gewährsmann für alle Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt, streitet ab, daß es einen Zusammenhang gebe zwischen der Religiosität der Menschen und ihrer Bereitschaft, den Fremdling im Land zu plagen und zu bedrücken.

Wie sieht es aus, Herr Pfarrer, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Religiosität der Menschen und ihrer Bereitschaft, den Fremdling im Land zu plagen?

“Nein.”

Geht das vielleicht ein Ideechen ausführlicher?

“Ja.”

Äherrmmh. – Hrrmphf. – Ja, also, wir wollen ja nicht drängeln, aber – ja?

“Sehen Sie sich meine Käsdorfer an,” sagt Beffchen, und sprudelt plötzlich nur so los, “und sagen Sie von ihnen, was sie wollen: religiös sind die nicht. Etwa drei Viertel könnten einem Fremden den Weg zu meinem Kirchlein beschreiben, wenn sie mit dem Fremden reden würden – was sie nicht tun -, aber selber hingehen, das fiele denen nicht ein. Religiös sind die nicht. Von fromm gar nicht erst zu reden. Oder von gläubig.

Das sei ferne!

Aber natürlich sind sie Protestanten. Und legen größten Wert darauf! Ich weiß noch, wie vor Jahren der Katholik hierher zog, und wie sie dann bei Rewe eine Karte zur Kommunion ins Glückwunschkartenregal stellten, und nun immer darauf warteten, daß er kam und sie kaufte. Erinnerte mich ans Anfüttern von Wildsauen durch den Hegering. Aber was wollte ich sagen?”

“Ja, dies: der war fromm. Als einziger im Dorf. Fuhr 10 km weit zur Messe ins Nachbardorf. Kein Käsdorfer fährt freiwillig ins Nachbardorf. Nicht, solange Leben in ihm ist. Der Mann war also ein richtiger Fremdkörper im Dorf.”

“Und war doch voll integriert. Denn als es galt, ein Neubaugebiet für Neubürger auszuweisen, wer führte da die Bürgerschaft in den gerechten Krieg? Und setzte durch, daß das Neubaugebiet jenseits der Bundesstraße lag? Und dort blieb? Und von einem Sichtschutzwall umgeben wurde? Auf Karten schraffiert, auf Luftbildern verpixelt?”

“Genau der.”

Bleibt als letztes Integrationshindernis eigentlich nur Deutschland übrig. Und genau das ist auch der Tenor der Studie. Deutschland sei – zumindest in Deutschland – derart präsent und apriori vorhanden und unentfernbar wie der Igel in der Furche. Wann immer einer komme und sich ein Plätzchen zur Integration aussuchen wolle, kriege er zu hören Ick bün all dor. Darüberhinaus sei Deutschland schwer adipös, habe eine Knochendichte von etlichen peak bone masses pro ccm und eine relative Atommasse wie Germanium. Hyperfluid sei es, habe die Viskosität von Quecksilber und fließe in jede Ritze, jede Kaverne und jeden Hohlraum, der sich etwa irgendwo auftue, hinein und fülle ihn in nullkommanichts bis zum Kragen aus. Wo es einmal gelegen habe, sei der Boden bis in ungeahnte Tiefen getränkt, mit seinen feurigen Wurzeln fingere bis ins Erdinnere, und beanspruche den Luftraum obendrüber bis zum Dorthinaus und darüber hin. Spatzen pickten ihm die Käfer aus der Nashornhaut.

Wenn es sich schubbere, erbebe der Kontinentalschild, und wenn es einen fahren lasse, falle Europa ohnmächtig vom Stier. Um die Stirn habe es noch den Druckstreifen, dort, wo früher die Pickelhaube altpreußischer Ordnungsliebe gesessen hat, die es heute nicht mehr gibt. Aber wie bei einer Gürtelrose üblich, sei es damit niemals ganz vorbei. Immer noch jucke es Deutschland, und es fühle sich unbehaglich, wenn es wo nicht ganz mit rechten Dingen zuzugehen scheine.

Der Integrand, der sich hier irgendwo häuslich niederlassen und es sich womöglich sogar wohnlich machen will, tut gut daran, zunächst einmal eine Integrationsvoranfrage zu stellen und dann zu warten. Und wenn ihm das Warten lang wird, soll er sich damit trösten, daß irgendwann der Integrationsvorbescheid schon kommen wird, und zwar ganz ohne Bakschisch, ja?! Wir sind hier nicht auf der Levante! Bestechlichkeit ist bei uns der Vorstandsetage vorbehalten, auf den unteren Ebenen wäre es Anmaßung.

Als Integrationsvorbescheid bezeichnet man im deutschen Integrationsrecht eine vorgezogene verbindliche Entscheidung der Integrationsgenehmigungsbehörde über Teilfragen der Vereinbarkeit eines Integrationsvorhabens mit dem öffentlichen Integrationsrecht. Besonders häufig bezieht sie sich beispielsweise nur auf die integrationsplanungsrechtliche Zulässigkeit, typischerweise hat sie die Frage zum Inhalt, ob eine bestimmte Art oder ein bestimmtes Maß der Integration grundsätzlich zulässig ist. Die Integrationsordnungen aller deutschen Bundesländer kennen diese Abart der Integrationsgenehmigung, normieren sie jedoch unterschiedlich und verschieden stark. Als Beispiel sei § 74 der Niedersächsischen Integrationsordnung (NIntO) genannt. Der wie für eine Integrationsgenehmigung oder eine Teilintegrationsgenehmigung oder eine Integrationsteilgenehmigung oder eine Teilintegrationsteilgenehmigung erforderliche Antrag oder Teilantrag wird Integrationsvoranfrage oder Integrationsteilvoranfrage oder Teilintegrationsvoranfrage oder Teilintegrationsteilvoranfrage genannt.

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Ist das verstanden worden? Ich erkläre das nämlich nur einmal.

Ist der Integrationsvorbescheid erteilt, fängt für den Integranden der eigentliche Leidensweg erst an. Er bekommt zwei Integratoren zugeteilt, den Integrator zur Linken und den Integrator zur Rechten, deren Aufgabe es ist, darauf zu achten, daß die Integration nicht aus dem Ruder läuft, einen Abstand von fünf Metern zum Nachbargrundstück hält, die Hecke stutzt, den Rasen schneidet und das Laub wegbläst. Man nennt sie auch Integrationsgrenzen und bezeichnet sie gern mit a und b. Außerdem kriegt er eine symbolische Integrationsvariable zugeteilt. Sei die Integrationsvariable beispielsweise x, dann spricht man auch von Integration über x. Die Integrationsvariable ist aber austauschbar. Statt

kann man ebensogut

oder

schreiben.

Der Bestandteil „dx“ wird Differential genannt, und war dran, als wir im Venezia einen grandiosen Null Ouvert vergeigten. Daher wird hier hier darauf verzichtet, ihn zu definieren. Am Differential liest man die Integrationsvariable ab.

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Als beliebtes Mittel, den Fremdling im Land zu foppen, hat sich bei den Integratoren der Austausch des Differentials im laufenden Betrieb eingebürgert. Da muß ein Integrand schon gute Nerven haben, wenn er eines Morgens aus der Haustür tritt, und sowas im Vorgarten sieht:

Auch gerne genommen sind Brennesseln im Bett, zugenähte Schlafanzugärmel, Zahnpasta auf der Türklinke und die Hand eines schlafenden Integranden in eine Schüssel mit lauwarmem Wasser tauchen. Mancherorts wird der Integrand auch wegen eines vermeintlich fehlenden Integrationsstellenschildes gebührenpflichtig abgemahnt:

Bei der Ausführung nicht verfahrensfreier Integrationsvorhaben hat der Integrand an der Integrationsstelle ein Schild, das die Bezeichnung des Integrationsvorhabens sowie die Namen und Anschriften des Integrationsentwurfsverfassers, des Integrationsleiters und der Verantwortlichen für die Rohintegration enthalten muß, dauerhaft und von der öffentlichen Verkehrsfläche aus sichtbar anzubringen.

Leitfaden: Wie plage ich den Fremdling im Land?

Die Studie kommt zu dem Schluß, die Massivität der Integrationshindernisse in Deutschland seien auf einem im internationalen Vergleich durchaus hohen Niveau, was im wesentlichen der erfreulich bürokratischen Gängelei der Integranden geschuldet sei. Allerdings gebe die mangelnde Vielfalt der Integrationshindernisse Anlaß zu Kritik. Ein gescheites Ranking lasse sich so nicht ins Werk setzen.

Von der Weiterverfolgung der ‘Integrationshindernisse light’ rät die Studie ab. Sie hätten nicht gehalten, was man sich von ihnen versprochen habe; man solle die Sprachkenntnisse und Allgemeinbildung der Deutschen ruhig weiter fördern, das habe noch keinem geschadet. Vielversprechender seien engagierte Einzelne, wie etwa T. Sarrazin, mit dessen Photographie man in Käsdorf erfolgreich ein Kolonie von Krähen habe vergrämen können. Es stehe zu hoffen, daß er bei der Vergrämung von Integranden, vielleicht unterstützt durch Tonaufnahmen, ähnlich einschlagen werde.

Nicht empfohlen wird das Käsdorfer Modell, Integration nur jenseits der Bundesstraße, hinter den Lärmschutzbergen, bei den Gartenzwergen, zu erlauben. Das fördere Parallelgesellschaften mit exotischen Ritualen (“Angrillen”) und gefährlichen Ansammlungen potentiell gefährlicher Geräte (“Aufsitzmäher”, “Laubbläser”) auf gefährlich engem Raum, auf die man je länger desto weniger Einfluß habe, weil man auch gar nicht mehr mitkriege, was da laufe. Statt dessen empfiehlt die Studie, die Integranden mit reichlich Nachbarschaft zu umzingeln, sowie ehrenamtlichen Integrationspaten, die, nach dem Vorbild der Integratoren, dem Integranden von links und rechts auf die Pelle rücken und alles bekritteln, was er tut. Auf diese Weise könne man frühzeitig reagieren, wenn die Integration irgendwo glatt verlaufen sollte.

Denn, so faßt die Studie zusammen, auch der Frömmste könne sich nicht in Frieden integrieren, wenn es dem aufmerksamen Nachbarn nicht gefalle.

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