Intensivschimpfer

10 Monate Anspannung, die Niederlage im Fingerhakeln gegen eine Popelgewerkschaft, der Frust darüber, daß alles Treten unter dem Tisch nichts genutzt hatte, daß jeder Versuch, die GDL auf die legale Tour fertig zu machen zum Scheitern verurteilt gewesen war, und die unfreiwillige Selbsterkenntnis, nicht mehr der zu sein für den er sich bislang gern gehalten hatte und fürderhin gern gehalten hätte, brachen sich mit der Wucht einer Norovireninfektion Bahn, als Hartmut Mehdorn am gestrigen Montag einen seiner von den Medien geliebten Pöbelanfälle bekam, vor Kameras und Mikrofonen herumspektakelte und einen gewaltigen Krakeel anzettelte.

Wer es zuerst geschrieben hatte, weiß man nicht mehr, aber als es einmal geschrieben war, schrieben alle anderen es nach, und nannten Mehdorns Hanswurstiade eine Brandrede. Brandrede? Brandrede. Brandrede, Brandrede, Brandrede – das klang gut, das gefiel ihnen recht. Schon stand es da.

Was aber hatte nun Mehdorn gesagt?

Mehdorn hatte die Welt nicht im Zweifel darüber gelassen, daß er es lieber gesehen hätte, wenn die Lokführer länger arbeiten würden, weniger verdienen würden, sich nicht in der GDL, sondern in einer willfährigeren Gewerkschaft organisieren würden, das Maul halten würden, die Mütze ziehen und warten würden bis sie gefragt werden. Daß das nicht die üblichen Ergebnisse einer Tarifrunde seien, wisse auch er, er sei ja nicht von gestern. Aber er sei ja auch kein üblicher Manager. Er habe gehofft, mit Tricksen und Drohen und Poltern und Zicken und Schreien und Toben und Seiten aus den Büchern Reißen und Stühle Kaputtschlagen und der GDL eine Kartoffel in den Auspuff stecken es trotz allem schaffen zu können. Leider hätten die Gerichte nicht mitgespielt, und dafür müsse nun die GDL, die Belegschaft, die GDBA, die Journalisten, die Transnet, Deutschland, die Fahrgäste, der Standort, die Arbeitsplätze, die Fahrpreise und wer sonst ihm noch heute über den Weg laufe und nicht rechtzeitig die Mücke mache, wenn er ihn anfauche, die alle müßten jetzt die Zeche dafür bezahlen und, wenn er pfeife, bei ihm zu Hause den Rasen mähen.

Die GDL habe gerade beispielhaft vorgeführt, was Deutschland bevorstehe, wenn „die Methode, daß Minderheiten in einem Unternehmen sich auf Kosten der Gesamtbelegschaft bedienen, Schule machen wird. Eine Methode, die, das sei hier einmal ganz ausdrücklich betont, in diesem Land ausschließlich den Minderheiten von Management und Vorstand zugestanden wird. Das ist Konsens.“

Der Abschluß mit der GDL werde die Bahn in den kommenden fünf Jahren irgendwas zwischen 20 Millionen pro Jahr und vielen, vielen Milliarden zusätzlich kosten. Genaue Zahlen nannte Mehdorn nicht, „aber es sind viele, viele Milliarden. Die müssen irgendwo herkommen. Das wird Folgen haben. Das wird Konsequenzen nach sich ziehen. Für die Bahn und für die Bundesrepublik.“

Man werde es schaffen, aber es werde bitter werden. Solle sich also bitte niemand wundern, wenn demnächst mal irgendwo ein paar Meter Gleis fehlten. Das habe dann abmontiert und auf dem Schwarzmarkt verkauft werden müssen. Außerdem werde er, Mehdorn, die Fahrpreise erhöhen, die Angestellten entlassen, die Schaffner nebenher Versicherungspolicen verkaufen lassen, die Klimaanlagen abschalten, die gesamte Bahn nach Rumänien verlegen, das Nokia Werk in Bochum schließen, 2000 Stellen bei EMI streichen, die Fahrgäste outsourcen und den illegalen Download von Fahrkarten unterbinden. Außerdem werde er den IC 2443 ab sofort nicht mehr pünktlich fahren lassen, nie, nie mehr. Das hätten wir nun davon.

Anschließend machte Mehdorn sich daran, infolge seiner Rede stark im Kurs gefallene Aktien – es kam zu Panikverkäufen – zu Schnäppchenpreisen wieder aufzukaufen. Der Hinweis, es handele sich dabei nicht um Aktien der Bahn, diese nämlich seien noch gar nicht im Börsenhandel erhältlich, trug aber nicht zur Beruhigung Mehdorns bei, sondern löste nur einen neuen Wutausbruch aus, der noch verstärkt wurde, als Bundesverkehrsminister Tiefensee dem Bahnchef als Trostpflaster ein großes Paket mit Märklin Gleismaterial, darunter eine schöne Dreifachweiche und mehrere doppelte Kreuzungsweichen für seine Anlage „und als Bonus für 2007“ überreichte. Insider halten das für eine grobe Unüberlegtheit, wo nicht gar gezielte Provokation Mehdorns, der sich sofort daran machte, einige der Gleise mit den Zähnen zu verbiegen, weil, so wurde hinter vorgehaltener Hand kolportiert, Mehdorn im Grunde seines Herzens Eisenbahnen hasse.

Es wird damit gerechnet, das es dem Wüth’rich in ein paar Tagen, vielleicht schon heute, wieder besser geht.

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