Man fragt sich

Andreas Baaders, des RAF-Terroristen, Lieblings – nunja – “lied” sei, so las ich einst, Paranoid von Black Sabbath gewesen. Karl Theodor zu Guttenberg, der deutsche Verteidigungsminister, sei, so las ich erst kürzlich, bekennender AC/DC-Fan. Krücke Mißfelder nannte, auch das war zu lesen, Karl Theodor zu Guttenberg Germany’s Top Gun, und Andreas Baader würde, hätte man ihm diesen Titel angetragen, sicher nicht wild um sich geschossen haben, und wenn doch, dann jedenfalls nicht aus Empörung darüber.

Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, es werde Inkommensurables verglichen. Darum ausdrücklich diese Feststellung: Krücke war zu jung, Kommandant der Rote Armee Fraktion zu werden. Möglicherweise wäre er auch aus anderen Gründen nicht dazu bereit gewesen. Wenn aber doch, würde er sie zuvörderst Germany’s Red Army Faction genannt haben.

So reicht sich Deutschlands Jugend zu den Klängen von Hottentottenmusik über die Schützengräben der Generationsgrenzen hinweg die Hand, auch wenn sie dazu die Knarre kurz in die andere nehmen muß.

Es war auf einem dieser Raves, die man heutzutage allerorten hat, und bei denen eine eigenwillige Garderobe einer äußerst laxen Etikette nicht widersteht; wenn zum einen oder anderen Hosenlatz die Vaterlandsliebe herausbaumelt, denkt kein Schelm Böses dabei, und man kann noch froh sein, wenn sie nicht schwarz-rot-golden angemalt wurde. Ich glaube, es war das Deutschlandtreffen der Jungen Union in Berlin. Dabei handelt es sich, wie bei allen Raves, im wesentlichen um eine Sauftour, mit der Besonderheit, daß bei dieser mit beliebiger Waffe – Wort, Rede, Dartpfeil, Harnstrahl – auf Deutschland gezielt werden darf. Woher der Name? – Wer die meisten Treffer landet, rückt ins CDU-Präsidium auf.

Es war beim Deutschlandtreffen der Jungen Union, daß Krückes Worte über zu Guttenberg fielen, es war beim Deutschlandtreffen der Jungen Union, daß zu Guttenberg zu australischem Akustikkehricht ins Konrad-Adenauer-Haus vorrückte, und es war im Konrad-Adenauer-Haus, daß zu Guttenberg sich mit vor Empörung bebender Unterlippe fragte, ob die guten Umfragewerte der Grünen gerechtfertigt seien.

Die junge Union applaudierte. Man war aus allen Teilen der Republik nach Berlin gekommen, hatte im Intercity reichlich vorgeglüht und war seit Stunden auf den Beinen, in einer Stadt, in der der Alkohol für kleine Münze feil ist: man hätte zu allem geklatscht. Außerdem war man zum Klatschen herbestellt.

Er frage sich ferner, so Guttenberg ferner, ob das überhaupt eine sinnvolle Frage sei? Ob es nicht vielmehr so sei, daß eine Umfrage eine Umfrage eine Umfrage, und als solche von vornherein gerechtfertigt sei? Jahaha, antwortete sich Guttenberg, der unter seinen Geleehaaren ein leistungsfähiges Oberstübchen führt, die Umfrage als Umfrage qua Umfrage und das Ergebnis als Ergebnis qua Ergebnis, die seien natürlich a priori gerechtfertigt, aber die Frage sei doch, wisse das das Publikum? Oder könne man sich nicht eine Rechtfertigungslehre aus dem wohlmanikürten Zeigefinger saugen, bei der es auf das Wohlverhalten des Umfrageergebnisses ankomme, und nicht auf sein Vorhandensein?

Die Junge Union wünschte, sie wäre vor der Rede noch zur Toilette gegangen. Sie fragte sich, ob es wohl mit der Etikette eines Deutschland-Raves vereinbar sei, zwischendurch zur Toilette zu gehen, oder ob man auch im Konrad-Adenauer-Haus, wie auf der Straße des 17. Juni, einfach die nächste Ecke bemühen durfte?

Zu Guttenberg hinter dem Rednerpult fragte sich unterdessen, ob er zwischendurch schon mal eine Antwort auf die eine oder andere Frage probieren, oder ob er sich lieber erst zu Ende fragen sollte? Er beantwortete sich diese Frage negativ bezüglich der ersten Option, und fuhr vorerst mit der Fragerei fort. Auch die Junge Union war zu einer Antwort gelangt, beschied die Frage nach dem Pinkeln in die Ecken des Konrad-Adenauer-Hauses ebenfalls negativ, denn, so die Junge Union – mit etwas Mühe, aber moralisch unwankend – es sei ein Unterschied zwischen der Straße des 17. Juni und dem Konrad-Adenauer-Haus, dessen Natur ihr momentan nicht erinnerlich seien, aber die Tatsache selber sei ihr erinnerlich. Oder?

Guttenberg erweiterte die Frage nach der Rechtfertigung von Umfrageergebnissen nunmehr hinsichtlich der Zulässigkeit derselben. Wenn man denn mit einer gewissen Rechtfertigung davon ausgehen durfte, ja mußte, daß Umfrageergebnisse, wie auch immer sie im einzelnen aussahen, so oder so und aus eigenem Recht gerechtfertigt waren, wäre es dann nicht möglich, und nicht nur möglich, sondern angezeigt und höchste Zeit, sich zu fragen, ob sie denn aber auch in jedem Fall als zulässig zu gelten hätten? Und wenn nein, was er vermutlich gleich als Antwort auf diese Frage geben werde, er wolle nicht vorgreifen, aber die Wahrscheinlichkeit sei hoch, wenn nein, wie man dann die Zulässigkeit der Ergebnisse a) fest- und b) sicherstellen könne?

Die Junge Union kam unabhängig von zu Guttenbergs Überlegungen zu dem Schluß, daß es höchste Zeit sei, und daß bald etwas geschehen müsse. Auch zu Guttenberg kam zu dem Schluß, daß bald etwas geschehen müsse. Die Unzulässigkeit eines Umfrageergebnisses festzustellen und festzuhalten, sei das eine. Durchzusetzen, daß alle Ergebnisse von vornherein das Zertifikat ‘zulässig’ erhalten könnten, bzw. sicherzustellen, daß nur zertifizierte Umfragergebnisse veröffentlicht würden, sei das andere, sei das Ganz Andere, sei das Eigentliche, bzw. die eigentliche Aufgabe, die man nur lösen werde, wenn man zu einem professionellen Umfragemanagement finde. Bis es soweit sei, frage er sich allerdings, ob es nicht gerechtfertigt sei, zwischendurch eine kleine Rauch-, Kaffee- und Pinkelpause …

Wuschsch! Wie ein Mann war die Junge Union verschwunden. Die Erleichterung war ungeheuer. Der Wasserverbrauch im Konrad-Adenauer-Haus war auch ungeheuer, war aber, auch in dieser Höhe, gerechtfertigt. Zu Guttenberg war der Held der Jungen Union.

Krücke Mißfelder gratulierte dem Helden. Er frage sich, so Krücke zu zu Guttenberg, ob ein Andreas Baader in vergleichbarer Situation diese menschliche Größe gehabt haben würde? Er wolle nicht den Eindruck erwecken, als vergleiche er Inkommensurables, aber das sei eben der Unterschied!

Allerdings fragte man sich derweil in der Abgeschiedenheit des Örtchens, ob man sich den Rest der Rede noch antun wolle, oder ob es nicht, angesichts der Kostbarkeit der Zeit, die Gott dem Menschen geschenkt habe, gerechtfertigt und zulässig sei, den Rave irgendwo da draußen fortzusetzen? Einerseits sowieso und andererseits mit Rücksicht darauf, daß man da draußen jederzeit eine wohlgezielte Harnstange in Deutschlands Ecken stellen konnte, ohne groß nach Rechtfertigung und Zulässigkeit zu fragen?

Zu Guttenberg nahm es sportlich. Als nach einer Viertelstunde die ersten nicht zurückkamen, fragte er sich nicht lange, woran das liegen mochte, sondern antwortete sich: sie werden eines Tages auch mal jung gewesen sein wollen. Laß sie auf die Straße des 17. Juni pissen, es ist ja nicht das Konrad-Adenauer-Haus. Laß sie pissen, solange ein glücklicher, freier, deutscher Strahl ins Freie drängt und – pouring down like a hurricane – munter sein Ziel sucht. Eine vergrößerte Prostata kriegen sie früh genug. Ich frage mich bloß, ob ich meine Fragen schon jetzt an die Presse geben soll, oder ob ich mir noch ein paar Antworten aus den restlichen, nicht minder wohl manikürten Fingern sauge?

Beim Käsdorfer Metropolitan (KM), wo man das Zeug aus dem Ticker zog, fragte man sich, was man sich wohl antworten würde, wenn man sich selbst nach seinem Lieblingslied fragte? Man antwortete sich, das wechsele natürlich mit der Zeit und der Stimmung. Und gegebenem Anlaß.

Zur Zeit sei es wohl S’ist alles dunkel, s’ist alles trübe.

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