Vom Kriege

Heimo Schwilk ist, wie viele Pastoren im spirituell ausgedünnten Deutschen Blätterwald, eine Art Wanderprediger. Er hält Gottesdienst abwechselnd in Welt, Welt am Sonntag und der WamS. Hier, mitten in Berlin, in Kreuzberg (“Golgata”), Ecke Nato-Doppelbeschluß- / Nachrüstungsstraße, steht die Stammkirche des Sprengels, die Axel-Springer-Basilika. Als die neugotische Backsteinbasilika 1953 von der Kaiserin Elly Heuss Knapp eingeweiht wurde, gehörte der Glaube gewissermaßen noch zur konradinischen Staatsräson. Heute ist er ein Phänomen.

Schwilk orientiert sich bei seiner Predigt an der Jahreslosung, einem Paulus-Wort aus dem Römerbrief: “Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.” Der Satz beziehe sich auf das Gemeindeleben der frühen Christen, sagt der Pastor, und meint damit, daß es schon zu Zeiten der Urkirche Streit und Deutungshoheitskämpfe gegeben habe. Man dürfe ihn aber auch auf das Verhältnis von Christen zu anderen Religionen beziehen, denn es handele sich gewissermaßen um die knappe Zusammenfassung der christlichen Ethik. Schnell ist der Prediger mit der Frage fertig, ob solch eine Lösung nicht etwas wohlfeil, ja utopisch sei, in einer “Leistungs- und Ellenbogengesellschaft”, und ob das Böse in derselben heute nicht in Strukturen der Konkurrenz und des Habenwollens eingewoben sei?

Was so typisch protestantisch und wenig moraltheologisch klingt, die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen des Bösen, findet dann doch noch eine schwilkische Antwort: Das Böse ist in dir selbst! Doch es gibt Hoffnung: Der Mensch kann auch das Gute wählen, Böses mit Gutem vergelten. Indem er seine Feinde liebt, lasse der Christ Mißgunst, Rechthaberei, Kampf und Rache hinter sich.

Der Christ, wohlgemerkt. Indem der Mameluck das nämliche täte, täte er nämlich nichts dergleichen, sondern bliebe derselbe Schurke, der er vorher war.

An dieser Stelle riskiert der Prediger lieber nichts, sondern begnügt sich mit dem Hinweis auf die Christen im Nahen Osten, die gerade jetzt für ihren Glauben mit grausamer Verfolgung bezahlen müssen. Vom Schicksal der Kopten in Ägypten oder der aramäischen Christen im Irak ist der Gedankensprung zum Bundeswehr-Engagement in Afghanistan nicht weit, wo deutsche Soldaten Dienst tun, um Menschen vor der terroristischen Herrschaft von Radikalislamisten zu bewahren.

Was ihnen zwar nicht gelingt, aber gut gemeint, und zwar von den richtigen Leuten gut gemeint, ist allemal besser, als zwar auch gut gemeint, aber von den falschen Leuten. Die nämlich – die falschen Leute – sind schuld daran, daß die UN-Mission hierzulande stigmatisiert ist, seitdem die frühere EKD-Präsidentin Käßmann, die falscheste von allen, befand, nichts sei gut in Afghanistan. Sterben, damit andere menschenwürdig leben, ist nicht populär in einer durch und durch pazifizierten Gesellschaft, wie etwa der afghanischen, in der es sehr unpopulär ist, sich beim Benzinzapfen bombardieren zu lassen, damit die anderen, deren Heimat fern des Hindukusch ist, aber gleichwohl verteidigt werden will, menschenwürdig in ihren fern des Hindukusch verlegten Zeitungen und Blogs herumpredigen können.

Beim Benzinzapfen zu Tode kommen ist übrigens nicht etwa der Preis, den man für den Irrglauben, das Benzin sei umsonst, zu zahlen hat, sondern Pech. Zur falschen Zeit (Bombenangriff) am falschen Ort (steckengebliebener Tanklaster) gewesen sein: Pech. Zur richtigen Zeit (Mitternachtsmesse) am richtigen Ort (Kirche) gewesen sein ist hingegen: der grausame Preis, den man für seinen Glauben zu zahlen hat. Und zwar den Leuten, die die Worte des 12. Kapitels des Römerbriefes “ihre Leiber hinzugeben als Opfer und dabei möglichst viele andere mitzunehmen” ohne Wenn und Aber und buchstäblich so verstanden zu haben scheinen, als hießen sie: Töten, um andere vor Tod und Erniedrigung zu bewahren.

An dieser Stelle riskiert der Prediger etwas, nämlich daß eine leichtfertig durch die Gegend getragene Maxime ‘Gleiches Recht für alle’, ein Wahlspruch, der für viele gilt, aber eben nicht für alle, so aussieht, als rechtfertige er auch den Totschlag des Christen durch den Nichtchristen, dessen Mord und dessen Totschlag aber durch keinen Römerbrief gedeckt ist. Denn was dem flüchtig hinschauenden Auge aussieht wie ein Recht, ist in Wahrheit ein Auftrag, ihn anzunehmen kein Privileg, sondern Gehorsam, des Christen Schmuck.

Der Mameluck, der sich an einen solchen Auftrag gebunden fühlte, er hätte dazu kein Recht. Er nicht! Er ist nicht erniedrigt und darf sich und die seinen auch nicht dafür halten. Auch nicht irrigerweise! Das könnte er wissen. Wenn er es nicht wüßte, könnte er es erfragen bei Heimo Schwilk, c/o WamS. Aber er müßte es wissen! Doch, müßte er!! Doch!!!

Der List des Heiligen Geistes ist es wohl zu verdanken, daß Schwilk den Gedanken an die ecclesia militans, die streitlustige Kirche, unter deren Einfluss diese Basilika vor fünfzig Jahren errichtet wurde, der ihm eben durch den Kopf schwirrt, weil ihm immer militans durch den Kopf schwirrt, wenn er ecclesia denkt, für eine Eingebung des Heiligen Geistes hält. Das aber ist er genau nicht. Der Heilige Geist nämlich hat die Basilika 1966 zum letzten Mal besucht, hat sich umgesehen, sich an den Kopf gefaßt, drei Kreuze geschlagen, alles verwirrt, was je in diesem Hause zur Feder greifen sollte, und sich davongemacht, um ja nie wiederzukommen.

Schwilk läßt das 1733 entstandene Lied von Johann Ludwig Konrad Allendorf anstimmen, in dem Jesus für normale Gläubige zwar alles mögliche ist – Ursach’ zum Leben, Grund ewiger Freude, Quelle der Gnaden u. dgl. Gutmenschengesäusel, in der WELT Schwilks, in der der Heilige Geist als Drohne daherkommt, aber eine Art Landser, der seine Christen nach GSG-9-Manier raushaut: “Jesus ist kommen, der starke Erlöser.”

Wohl dem, der einen Liederdichter des 18. Jahrhunderts einfach das sein lassen kann: einen Liederdichter seiner Zeit, der nicht vorgehabt und nicht verdient hat, mit seinen Liedern in die kulturelle Mobilmachung des 21. Jahrhunderts hineingezogen zu werden. Wer dies aber nicht kann, sondern, um Böses mit nicht minder Bösem zu vergelten, aus dem Zusammenhang gerissene Liedverse den eigenen finsteren Zwecken dienstbar macht und ihren Sinn auf den Kopf stellt, dem stellt der Heilige Geist ein Bein, indem er ihn über den Satz

“Spürst du den Stärkeren, Satan, du Böser?”

stolpern, grinsen, und den schließlich hemmungslos Lachenden verdientermaßen gegen einen Laternenpfahl laufen läßt, die WamS in der Hand.

Wer: Pfarrer Heimo Schwilk

Wo: Axel-Springer-Basilika Kreuzberg

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