R.O.T.S.P.O.N. – Der volle Kanal

Warum die Grünen nicht die neuen Gelben sind (Gott sei es getrommelt, gepfiffen und gedankt).

Die Grünen empfehlen sich enttäuschten FDP-Wählern als politische Alternative. Dabei sind sie allerdings eines gewiß nicht: Gelbe. Wohl sagt man bisweilen scherzhaft, wenn man ein Postauto sieht: Kuck mal, ein Gelber auf Rädern, jedoch ist das Pendant ‘Kuck mal, ein Grüner auf Rädern’ weder belegt noch sinnvoll. Ein Grüner im übertragenen Sinn wäre ein Polizist, und ein Grüner auf Rädern wäre halt eben ein motorisierter Polizist, etwas ganz normales also, wohingegen ein Gelber in synekdochischer Verwendung eine Aule ist, und eine Rotzbemme auf Rädern ist etwas dem Pennälerhumor ganz außerordentlich zu Herzen Gehendes. Außerdem ist bei den Grünen statt Staatsskepsis die umfassende Staatsliebe Programm. Was ein klarer Fall von Etikettenschwindel ist.

Bzw. wäre, wenn es dem liberalen Bürgertum um Freiheit und Staatsferne ginge. Was es aber, wie jedem Denkenden einleuchtet, nicht tut. Apropos Denkenden – ich war eben vorne, um mir ein Bier zu holen, und da sehen sie fern – um des lieben Himmels willen! Ist das immer so? Das ist ja fürchterlich! Da zeigten sie Reklame mit Autos und Streichwurst und Schnittlauchkäse und Hastdunichtgesehen und alles durcheinander und kein Äffle dazwischen und kein Pferdle und nicht ein Mainzelmann. Die reine Gottesferne. Aber das ist nicht das Schlimmste, das Schlimmste ist, was sie drumherumschmieren, das eigentliche Fernsehen, das ist ja schlimmer als die Reklame. Da machten sie Reklame für die nächste Sendung, in der sich Männer zum Narren und Frauen zu Närrinnen machen wollten, und das Ganze sollte gefilmt und gesendet werden unter dem Titel: “Krethi und Plethi bei der Arbeit. So sind sie halt. Wir hingegen, das liberale Bürgertum, wir verdienen hier bloß unser Geld.”

Ein bißchen erinnert das an – ist Ihnen das auch schon mal aufgefallen, daß wir modernen Menschen uns nicht mehr am Stück konzentrieren können? Ständig fällt einem irgendwas ein, und dem geht man dann nach, anstatt mal einmal in Ruhe was zuende zu denken. Gestern las ich, daß das an Junkfood liegen soll. Da heißt es, die Junkfood schwäche das Konzentrationsvermögen, mache doof, und hijacke das Belohnungszentrum des Gehirns, so daß anschließend nur noch nach dem Essen von Junkfood Dopamin ausgeschüttet wird.

Teuflisch.

Aber unterschlagen tun sie natürlich, daß Junkfood nur den doof macht, der sie ißt, nicht aber den liberalen Bürger, der damit sein Geld verdient. Oder – ‘unterschlagen’ ist vielleicht das falsche Wort, sie wissen es nicht besser, und, weil sie ihr Hirn jahrelang mit Convenience-Food bombardiert haben, ist es auch nicht mehr in der Lage, ihnen solch eine Erkenntnis zu servieren. In den meisten Hirnen von Convenience-Food-Junkies, gibt es nicht einmal mehr Servierschüsseln, Anrichteplatten oder Tranchierbesteck. Wozu? Ist doch eh alles tellerfertig verpackt.

Das Belohnungszentrum von liberalen Journalisten schüttet denn auch nur noch dann Dopamin aus, wenn das Hirn mal wieder einen tellerfertigen Gedanken ausgepackt und die Verpackung, um die Grünen zu ärgern, in den Restmüll geworfen hat. Mir kam diese Erkenntnis, nachdem ich 30 Stunden in der Küche gestanden hatte, um mir ein Kabuli Pilaw, sowie Blumenkohl im Bierteig zu kochen. Doch, das dauert so lange. Wenn Sie die Geduld nicht haben, den Teig 24 Stunden quellen und den Reis einen Tag lang erkalten zu lassen, dann vergessen Sie’s. Gehen Sie zum Spiegel und lesen da weiter.

Dort können Sie z.B. lesen:

Zu den politischen Wieselwörtern, die derzeit in Mode sind, gehört das von den Grünen als “neue FDP”. Die Grünen, so heißt es, könnten dem liberalen Bürgertum, das sich von den Freidemokraten abwendet, eine neue Heimstatt bieten.

In einem bemerkenswerten Interview mit dem “Handelsblatt”, das marktwirtschaftlich denkenden Menschen naturgemäß besonders nahe steht, hat der Parteivorsitzende Cem Özdemir gerade alle enttäuschten FDP-Wähler eingeladen, doch beim nächsten Mal Grün zu wählen. “Unsere Arme sind weit geöffnet”, erklärte er und setzte hinzu: “Der von mir sehr verehrte Ralf Dahrendorf würde sich heute (…) bei den Grünen wohler fühlen.”

Das Bemerkenswerte an diesem Zitat ist das Wort von dem bemerkenswerten Interview. Was soll daran bemerkenswert sein, daß das Handelsblatt mit Cem Özdemir ein Interview führt? Was hatte der Schreiber dieser Zeilen zum Frühstück – Aspirin?

Aber wir wurden vorhin unterbro – was? Wie meinen? Geht noch weiter, der Artikel? Machen Sie keine Witze – tatsächlich:

Auf den ersten Blick spricht einiges für die Annahme, dass die Grünen die immer neuen Tiefständen entgegentaumelnde FDP beerben könnten. Ihre Anhänger rekrutieren sich in großer Zahl aus einem Milieu, das mit dem der Liberalen viele Gemeinsamkeiten aufweist: Sie sind wie diese überdurchschnittlich gebildet, überdurchschnittlich gut verdienend, ausgesprochen statusbewusst und politisch interessiert. Oft wohnen beide Wählergruppen sogar Tür an Tür, also in den durchgrünten Innenstadtlagen mit Altbaubestand, wo die ärgerlichen Begleiterscheinungen des Großstadtlebens in angenehmer Distanz bleiben.

In angenehmer Distanz? – Soll wohl heißen: leicht zu erreichen. Denn zu den ärgerlichen Begleiterscheinungen des Großstadtlebens gehört vor allen Dingen Starbucks, wie jeder weiß, der in Käsdorf lebt, wo es gottseidank kein Starbucks gibt. Und bei Starbucks nehmen Journalisten Latte und Hörnchen zu sich, deren Auswirkungen auf das journalistische Hirn zwar noch nicht erforscht sind, deren Auswirkungen auf das journalistische Hirn aber mit katastrophal nur unzureichend charakterisiert sind. Denn das Belohnungszentrum des journalistischen Hirns gerät vollkommen in Auflösung, und es belohnt Sachen, da kann man nur den Kopf schütteln! Sachen, sage ich – was für Sachen? Lest doch, lest …!

So weit mit dem Wort von der “neuen FDP” allerdings auch weltanschauliche Übereinstimmungen gemeint sind, könnte nichts von der Wirklichkeit weiter entfernt sein. Tatsächlich sind die Grünen in ihrem Wesenskern das genaue Gegenstück zu einer liberalen Partei. Von den fünf im Bundestag vertretenen politischen Organisationen ist die FDP heute die einzige, die nicht links ist, weil sie sich einen Rest gesunder Staatsskepsis bewahrt hat. In ihr lebt noch der Gedanke fort, dass der Griff in die Tasche der Bürger zu begründen ist, nicht umgekehrt die Abstinenz davon.

Mal was ganz anderes: haben Sie eigentlich daran gedacht, daß Arno Schmidt gestern Geburtstag hatte? Keine Sau, keine grüne, keine gelbe Sau hat ihm gratuliert. Ich habe aufgepaßt.

Was? – Ja, ich bleibe jetzt beim Thema:

Gesunde Staatsskepsis? Wasndas? Staatsskepsis mit glänzendem Fell? Wie der Golden Retriever, den sie da vorhin in der Fernsehreklame hatten? Der sich nur in Slowmo bewegen konnte? Staatsskepsis in Slowmo mit Gegenlicht? Oder ist gesund nur so ein Adjektivsoßentöpfchen, das dabeilag, als er das Tellergericht Staatsskepsis öffnete? So eine Knabberecke im Gedankenjoghurt?

Früher*, als das liberale Hirn noch mit einer ausgewogenen Mischung aus Eiweiß, Fett, Kohlehydraten, vielen lebenswichtigen Vitaminen und Mineralien versorgt wurde, da überlebte noch in dem einen oder anderen Schläfenlappen die Überzeugung, daß der Staat das sei, was seine Bürger aus ihm machen. Je weniger totalitär der Staat, je abwesender der Despot und je größer der Einfluß des Bürgers** auf seinen Staat, je zahlreicher seine Gestaltungsmöglichkeiten, desto drunter aber geht es in den liberalen Schläfenlappen. Desto drüber auch. Der Staat erscheint nur mehr als etwas, gegen daß man nichts tun kann, außer sich Knoblauch um den Hals zu hängen, Kreuze hochzuhalten und FDP zu wählen. Alle anderen Parteien haben zwei verräterische Löchlein im Hals.

Man weiß nicht, welche Ernährungsgewohnheit es war, die diese Verdunkelung der Schläfenlappen auf dem Gewissen hat. Manch einer schiebt es auf den übermäßigen Genuß von Westerwellen (die rheinische Variante der Donauwellen), andere darauf, daß die liberalen Journalisten sich heute keinen anständigen Rotspon mehr leisten können, es wird ihnen ja alles weggesteuert, eine Schande ist das!

Vielleicht ist es aber auch keine Verdunkelung, sondern der bare Dünkel: Staat? Staat?? Wer soll das sein? Krethi und Plethi? Das möchte ich aber nicht. Staat klingt mir doch sehr nach Krethi und Plethi. Und die sollen da mittun können, im Staat? Etwa auch in meinen Club?

Gesund ist das alles jedenfalls nicht. Apropos gesund: das sind doch Bakterien, die den Auswurf gelb färben, oder? Ich meine, der normale, der gesunde Auswurf wäre farblos. Nein?

Ganz übel allerdings wird es, wenn der Rotz sich grün färbt. Damals, als mein Opa den Spucknapf umgesto – ok, ich weiß, Sie sind der Abschweifungen müde, nur diese Warnung noch: kurze Zeit später starb er.


* Früher ist ein eingetragenes Markenzeichen des Vereins der Kulturkritiker / Vereinigte Zukunftsgegner. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.

** Erhältlich in den Versionen citoyen (gut) und bourgeois (schlecht). Wenn wir vom ‘liberalen Bürgertum’ reden, meinen wir bourgeois. Wenn wir den citoyen meinen, sprechen wir manchmal auch von ‘liberalem Bürgertum’. Ja, das ist doof. Aber was sollen wir machen, haben wir uns das vielleicht ausgedacht?

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