Alle Wege des Sozialismus führen zu einer Tirade von Gröhe vor dem Bundestag

In der Tat, das muß Gesine Lötzsch sich vorhalten lassen: sie hätte wissen müssen, daß aus ihrem Beitrag für die Junge Welt ratz fatz einer der Gröheschen Schmutz-und-Schund-Vorträge werden würde, wie ihn keiner hören will, und den man im Vorabendprogramm, wenn Kinderohren anwesend sind, auch nicht haben will.

Nun könnte, wer wollte, einwenden, daß Gesine Lötzsch ja nicht gewollt hat, daß Gröhe eine Rede hält, aber wer wollte, und ich will, könnte dem wiederum entgegen halten: “Ach ja? Ist das so?”

Hat denn – ich greife wahllos ein Beispiel aus meiner großen Beispieltrommel – hat denn beispielsweise – wie heißt das hier? Glauben sie vielleicht, ich könnte meine eigene Sauklaue – Max? Merckx? Merkel? – Ach, jetzt weiß ich: hat denn Karl Marx gewußt oder gewollt, daß das Gespenst, das er in Europa umgehen sah, auf den Namen Gröhe hört? Ich drehe den Zettel um und lese die Antwort: Nein, er hat es nicht gewollt!

Warum er es dann nicht verhindert hat? Das steht auf einem anderen Blatt. Auf diesem Blatt steht: “Nein, er hat es nicht gewollt!” Und das müssen wir zunächst einmal zur Kenntnis nehmen, denn ich selbst habe es dorthin geschrieben. Karl Marx hat es nicht gewollt, aber! ganz großes Aber: er hat sich auch nicht von Gröhe distanziert.

Warum nicht, könnten Sie jetzt mit gewissem Recht fragen, warum denn nicht? Heißt das denn nicht, daß er Gröhe eben doch gewollt hat, daß er Gröhe sozusagen als Endzweck der Geschichte angesehen hat? Auf den die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft unweigerlich hinauslaufen müsse? Eine berechtigte Frage, aber die Antwort lautet, ich habe sie hier auf diesem zweiten Zettel, ich drehe ihn um, bitte lesen Sie selbst: die Antwort lautet: “Nein, das heißt es nicht!”

Bevor sie nun weiter fragen: “Aber warum heißt es das denn nicht?”, verrate ich Ihnen die Antwort: Gröhe hat Marx gar nicht gekannt. Und umgekehrt auch nicht. Aber anders als diesem, dem es erspart geblieben ist, ist es uns nicht erspart geblieben. Wir kennen Gröhe, leider Gottes. Auch Gesine Lötzsch tut das, oder sollte es doch wenigstens tun.

Denn machen wir uns nichts vor: Naivität steht uns nicht mehr zu. Dies sind nicht die swingenden 60er, dies ist nicht Carnaby Street. Die kreischenden Mädels, die 1964 hinter den Beatles hergerannt sind, wollten die etwa John Lennons Tod? Moment eben, ich schau nach – “Sie wollten ihn nicht!” steht hier.

Aber spricht sie das von der Verantwortung für seinen Tod frei? Können wir heute noch von ‘unschuldiger’ Massenhysterie hie, und den Mark Chapmans dort reden, den Pol Pots der Heldenverehrung, die den ‘an sich’ guten Fankult ‘bloß’ pervertieren? Was sagt mein Kärtchen dazu? Mein Kärtchen sagt: “Natürlich können wir das! Was ist das für eine dämliche Frage?”

Gute Frage. Mal sehen, ob ich auch dafür ein Antwortkärtchen habe? Habe ich hier, und hier steht: “Das ist eine selten dämliche Frage!”

Aber machen Sie nicht den Fehler, das in die Junge Welt reinzuschreiben. Binnen 48 Stunden steht Gröhe im Bundestag und teilt uns mit, daß alle Wege der Heldenverehrung vor das Dakota führen, den Püster in der Hand. Wollen wir das wissen? – “Wir wollen das nicht wissen!”

Wenn wir Glück hätten, kennte Gröhe am Ende sogar die Abhandlung “Kommunismus, Hypnotismus und die Beatles. Eine Analyse der kommunistischen Verwendung von Musik” des Rev. Dirk A. Niebel und zitierte daraus, und Alles wäre – schwuppdiwupp – mit Allem im Innern verknotet, wie ich es gern habe. Aber ich glaube, die Chance ist nicht groß. Wie groß mag die Chance sein, Kärtchen?

“Nicht groß!”

Ich dachte es mir. Und doch, und es ist mir ernst damit, wir dürfen es nicht zulassen, daß der Name Gröhe im Verständnis der Menschen unwiderruflich mit dem Begriff ‘Kommunismus’ verknüpft wird. Wenn es erst dahin gekommen ist, daß die Kinder fernerer Geschlechter fragen: “Kommunismus? Ist das nicht dieser böse Onkel, der immer im Bundestag herumgepoltert hat?”, dann wird es zu spät sein. Davon wird die Idee des Kommunismus sich nicht mehr erholen, das wird ihr Tod sein. Schon jetzt ist es so, daß – in den Köpfen von CSU und CDU – der Name Rosa Luxemburg fest mit den Morden vom Landwehrkanal und also der Unterdrückung der Freiheit des Andersdenkenden verknüpft ist.

Auch das hätte Frau Lötzsch – man muß es ihr vorhalten – wissen dürfen.

Wie man es anders, besser machen kann, zeigt das Beispiel von Gero. Gero lädt seit Jahren die Käsdorfer Jugend am 18. Dezember, dem Geburtstag des Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, zur Stalinbowle ein, um sie, wenn ihr Kontrollzentrum ausgeschaltet ist, sacht zu indoktrinieren. Stalin sei, so bringt er ihnen nahe, so eine Art Dieter Bohlen gewesen, die Schauprozesse so etwas wie das Dschungelcamp. Wenn die jungen Leute aus dem Koma erwacht sind und den mörderischen Kater soweit niedergerungen haben, daß sie das Frühstücksbier bei sich behalten können, kommt er zur Sache: Kommunismus – das müßten sie sich so vorstellen: die Kopfschmerzen ließen nach, die Zunge löse sich stückweise vom Gaumen, das Schläfenpochen werde matter, die Welt bekomme Farben, die sie vorher nicht hatte, das Zwitschern der Vögel werde erträglich, des Glockentones Fülle klinge ahnungsvoll, ein unbegreiflich holdes Sehnen fülle die Brust, unter den Schlucken des kalten Frühstücksbieres fühle man eine Welt in sich entstehen, ein Lied verkünde muntere Spiele und freies Glück, und wenn man dann geduscht und sich frisch gekleidet habe, habe die Erde einen wieder.

Das sei Kommunismus. Kapitalismus sei: zwei Alka-Seltzer für die, die es sich leisten können, der Rest soll sehen, wo er bleibt.

So, das muß man Frau Lötzsch vielleicht nur einmal nahebringen, geht es nämlich auch. Kärtchen, geht es so? – “Nur so.”

Es wäre doch fatal, würde dem – ich wiederhole mich: machen wir uns nichts vor – ohnehin problematischen Image jener “Sache, die so einfach, aber schwer zu machen ist” (Degenhardt) – jetzt auch noch der Schaden zuteil, daß ihm neben allen Greueln, vermeintlichen und tatsächlichen, Gröhe in die verfilzten, löcherigen Socken geschoben würde, der Generalsekretär der CDU. Was ist ein Generalsekretär, Kärtchen, im Allgemeinen? – “Die niederste Form politischen Lebens überhaupt!” – Genau. Und Gröhe im Besonderen? – “Die Yoko Ono der CDU.”

Sie solle sich, sprach die Yoko Ono der CDU, und meinte mit ‘sie’ Gesine Lötzsch, von der menschenverachtenden Ideologie lossagen, die “in der Geschichte Millionen Menschen das Leben gekostet habe,” zum Beispiel Rosa Luxemburg, zum Beispiel Karl Liebknecht, zum Beispiel John Lennon. Denn ohne die menschenverachtende Ideologie des Kommunismus würde es die Opfer Liebknecht und Luxemburg nicht gegeben haben, ohne die menschenverachtende Musik der Beatles nicht den Mörder Chapman und ohne das menschenverachtende Kambodscha keinen Pol Pot.

Wa?

Ja, sehen Sie, sehen Sie? Das meine ich eben! – Das hält doch keine Socke aus.


Auf vielfachen Wunsch hier das Rezept für die Stalinbowle:

1 Krimananas in Stücken
mit Krimzucker überzuckert
1 Liter Krimvodka

3 Tage ziehen lassen.

Vodka abgießen.
Vodka erneuern.

Das ganze dreimal.

Mit Krimsekt auffüllen. Internationale singen (Strophen 1, 3, 7 u. 13). Sich aufführen wie die Krimtataren. Freund und Feind niederbrüllen.

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