R.O.T.S.P.O.N. – Der volle Kanal

“Ich will nicht werden was mein Alter ist”

Konnte meine Mutter mich nicht als Kind ganz normaler Leute zur Welt bringen? Warum nicht? Andere Mütter können das! Anderer Mütter Kinder können als Kinder ganz normaler Mütter geboren und anschließend ganz normale Leute werden. Ich nicht.

Als Kind linker Eltern muß ich alles gut finden, was normale Leute hassen. Zahnschmerzen zum Beispiel. Das ist vielleicht ein Elend! Zahnschmerzen sowieso, aber auch das Gutfinden! Aber es geht nicht anders. Die Linken finden Zahnschmerzen nämlich zum Kotzen. Das verpflichtet unsereinen.

Hier also eine antizyklische Verteidigung der Zahnschmerzen. Antizyklisch? Antizyklisch deshalb, weil ich Zahnschmerzen habe, Zeter! Mordio! Wo einst die palatinalen Molaren saßen, sieht der Kieferkamm aus wie Claudia Roth: geschwollen und blau. Nicht blau, rot. Aber wer weiß schon, wie Claudia Roth gerade aussieht? Blau oder rot? Heute so, morgen so. Nein warte – war das nicht ein Lied eines linken Sängers?

Ich muß es anders formulieren. Nicht, daß mich noch wer für einen linken Sänger hält. Claudia Roth, wie sieht sie aus? Bald so, bald so, bald anders. Ein Freak. Oder, mit den Worten der Linken, die ich mir aber nie zu eigen machen würde, eine Freakin. Die Quotenfreakin der Grüninnen.

Mein Vater, der ein Linker war, war im Krieg. In Rußland, daselbst man ihm die palatinalen Molaren zog, und zwar, da das Morphium für die harten Fälle reserviert war, auf Vodka. Bis zu drei Backenzähne, oder zwei Backenzähne und ein Weisheitszahn, gingen mit einem Liter Vodka dahin, ab dem vierten Backenzahn gab es Morphium. Das ist der Kommunismus, wie ihn die Linken sich erträumen. Wir liberales Bürgertum hingegen sind so vornehm, daß wir uns drei Backenzähne auf Rotspon ziehen lassen, in schwereren Fällen ersetzt die Privatkasse das Laudanum und ein Opiumbett aus ostindischem Rosenholz.

Ah, ja, was ist Glück? Hanseat sein und Zahnschmerzen haben! Nein warte – hat das nicht ein linker Dichter gesagt? Ich muß es anders formulieren. Nicht, daß mich noch wer für einen Dichter hält. Hanseat sein und auch so aussehen. Und Zahnschmerzen haben.

Mein Vater, der Gott der vornehmen Hanseaten hab ihn selig, ließ sich die Zähne ziehen, trank den Liter Deputatvodka und fluchte so sehr, daß Nowaja Semlja pikiert ein Weniges nach Norden wich, Wladiwostok ostwärts und Odessa ein Stück nach Süden. Insgesamt hat mein Vater die große rote Sowjetunion um ein paar Werst vergrößert.

Mein Vater war ein Linker und haßte Zahnschmerzen. Ich liebe sie. Zahnschmerzen und Guido Westerwelle.

Es ist – zugegeben ein heikles Unterfangen, Guido Westerwelle verteidigen zu wollen. Man setzt sich sofort der Gefahr aus, für so unzurechnungsfähig gehalten zu werden, wie man ist, wenn man sich vor Zahnschmerzen nicht zu helfen weiß, sich aber vom eigenen Vater partout absetzen will, nein muß. Und daher nicht zum Vodka greifen kann. Aber es ist an der Zeit, ein gutes Wort für ihn einzulegen – Guido Westerwelle, nicht meinen Vater, bewahre, schon aus Gründen der Fairness, die allen aufgeklärten Menschen angeblich so am Herzen liegt. Angeblich. Ist aber natürlich nicht der Fall, denn außer mir ist praktisch keiner aufgeklärt, und mit liegt Fairness nicht einmal in der Nähe des Herzens.

Über keinen deutschen Politiker ist so viel Abträgliches im Umlauf wie über den Parteichef der FDP. Westerwelle kann machen, was er will, am nächsten Tag steht in den Zeitungen, warum es falsch war. Kaum einer außer mir kennt noch die Karikatur eines großen Karikaturisten, der einen Bürger zeigt, von hinten, und der Bürger hält zwei Papptafeln hinter dem Rücken, auf denen ‘falsch’ und ‘falsch’ steht, und er sagt zu einigen Polizisten, die vor ihm stehen: ‘Macht mal was, Polizisten. Irgendwas.’

War in den 70ern. Macht heutzutage keiner mehr, nicht einmal die taz, huste ich aber drüber weg, denn ist das vielleicht mein Problem? Mein Problem sind die Linken, diese Verständnishaber, diese Mappus, Geißler und Hermann, diese Röttgen, Gabriel und Roth, diese Betroffenheitskaspern, diese Schnullerbacken, diese Polizistensiezer. Dagegen ist doch Guido Westerwelle ein Mann, ein Mann wie Zahnschmerzen, ein Kantholz, ein Vollpfosten!

Sicher, Westerwelle ist ein politischer Freak, aber ist das Claudia Roth nicht auch? Anders aber als bei Claudia Roth, bei der man sich immer auf eine neue Haarfarbe und ein neues Taschentuch gefaßt machen muß, weiß man bei Guido Westerwelle schon heute, woran man am 27. März 2011 sein wird. Was er sagen wird. So wie man weiß, wie Zahnschmerzen sich im Jahr 2027, wenn ich in Rente gehen werde, anfühlen werden: gut!

Es ließen sich noch andere Beispiele für Mandatsträger finden, an deren Auftritten man demonstrieren könnte, wie positiv ich mich von den Linken abhebe, indem daß ich mich nicht blenden lasse von Wichtigtuern, etwa Oskar Lafontaine, Sigmar Gabriel, Horst Seehofer, Angela Merkel, Daniel Bahr, Rainer Brüderle, Patrick Döring, Ulrike Flach, Wolfgang Gerhardt, Birgit Homburger, Christian Lindner, Dirk Niebel, Cornelia Pieper, Philipp Rösler, Frank Schäffler und Hermann Otto Solms. Aber nur bei Westerwelle sind sich die Meinungsmacher, die ich hier mal eben so als Klasse denunziere, die Klasse der Meinungsmacher eben, wobei ich natürlich außen vorbleibe, nur bei Westerwelle und bei Zahnschmerzen sind sich die Meinungsmacher so einig, daß Westerwelle ein Wichtigtuer und Blender, und das Zahnschmerzen ein Unglück für – naja, vielleicht nicht Deutschland, aber immerhin den Betroffenen – seien. Man sollte erwarten, daß es irgendwann langweilig wird, immer den gleichen Sack zu prügeln, aber es scheint schlichten Hirnen Spaß zu machen. Oder die Schmerzen zu lindern. Oder beides. Wie Vodkagenuß. Oder sagen wir: wie Vodkagenuß für diejenigen unter uns, denen feinere Genüsse, Zahnschmerzen etwa, nicht zugänglich sind. Linke.

Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber ich könnte mir ja mal eben was ausdenken, bei dem die Linken schlecht wegkommen. Etwa so:

Nicht einmal sein Bekenntnis zur Homosexualität hat ihm geholfen, dabei ist die Zugehörigkeit zu einer allgemein anerkannten Opfergruppe zumindest im linken Lager normalerweise ein verlässlicher Schutz gegen hässliche Bemerkungen, tragen sie einem doch sofort den Vorwurf ein, ein Rassist, Sexist oder Schlimmeres zu sein.

Das ‘linke Lager’ dürfen Sie nicht so wörtlich nehmen. Es ist nicht so, daß mein Vater in einem Lager gelebt hätte. Wir hatten schon ein Haus, und ich hatte einen Schrank und Hosenbügel. Ich konnte also immer mit gebügelten Hosen rumlaufen. Aber das klingt so schön pejorativ und nach Gulag. Und dann: im Lager kommt ja der ganze Humanismus unter die Räder der Latrinenkarren. Lesen Sie mal:

Bei Westerwelle sind alle Schmähungsbarrieren außer Kraft gesetzt, was einen zu der Vermutung bringen kann, dass sich in Bezug auf seine Person Vorbehalte artikulieren, die man sonst in den progressiven Kreisen nicht zu äußern wagt. Zu den beliebtesten Verballhornungen seines Namens gehört, wie sollte es anders sein, das Wort “Schwesterwelle”. Was bei jedem anderen sofort einen Strafbesuch in einem Gender-Seminar nach sich zöge, erzeugt in seinem Fall nur beifälliges Gelächter.

Daß ‘Schwesterwelle’ auch und gerade bei Ultrakonservativen und Reaktionären, bei Arschgesinnungsgeigen im Schwange war und ist, braucht mich ja nicht zu interessieren, da ich die Unterscheidung zwischen Konservativen und Linken aufgegeben habe, und nur mehr unterscheide zwischen Linken und Liberalen, oder zwischen Linken und mir, oder, um es auf den Punkt zu bringen, zwischen meinem Vater und mir. Scheiiiße, mein Zahn! – Wollte sagen, der Zahn, er gibt mir zu verstehen, daß er noch da ist. Ich bin ihm sehr zugetan, dem Zahn. Das Problem ist nur, er ist vor Jahren gezogen worden.

Ich werde der Rollenerwartung nicht gerecht, die gerade in Väterkreisen an Söhne gerichtet wird, was möglicherweise der tiefere Grund für meine nahezu pathologische Abneigung gegen Linke – haltstop, verkehrt, so geht’s weiter:

Westerwelle wird der Rollenerwartung nicht gerecht, die gerade in linken Vierteln an Homosexuelle gerichtet werden, das ist möglicherweise der tiefere Grund für die nahezu pathologische Abneigung, die ihm von dort entgegenschlägt. Schlimm genug, wenn ein Politiker gegen die Ausweitung von Hartz IV ist und den Sozialstaat insgesamt für zu groß und mächtig hält – aber ein Schwuler?

Wenn ich nicht solche verfluchten Zahnschmerzen hätte, könnte ich ja möglicherweise noch soweit denken – das habe ich nämlich gelernt, ich bin auf die Oberschule gegangen und alles -, daß ich zugeben könnte, daß es dem Politiker sogar von Linken zugestanden wird, den Sozialstaat für zu groß und mächtig zu halten, wenn ihm danach ist, daß es ihm aber nicht zugestanden wird, sich gegenüber Menschen, die als solche nicht ein Gegenentwurf zu einer lean-government-Doktrin, sondern in einer aktualen Lebensnot sind, in der Manier besagter Arschgesinnungsgeigen zu positionieren, welche nicht nur ihn – als ‘Schwesterwelle’ – denunzieren, sondern ebenso nonchalant den sozial Schwächeren – als ‘Proll’ -, und deren sonnigen Humor, welcher sog. ‘Penner’ in Honda-Auspüffen übernachten läßt, weswegen die Arschgeige sich des Honda entschlägt, weil er nicht ‘prollig’ erscheinen will, denn das wäre nach seinem Verständnis einer, der ‘Pennern’ Nachtlager gibt, in die Politik portiert – Stichwort ‘spätrömisch’, Stichwort ‘Dekadenz’ – und die Vorbehalte gegen Westerwelle wären demnach – sein Schwulsein hin oder her – völlig gerechtfertigt und verständlich, was sie ja auch sind.

Könnte alles sein. Ist mir aber piepenhagen.

Denn ich habe ihn gefickt! Nicht Westerwelle, meinen Alten! Er hat geglaubt, er kann mir die Vorhaut nehmen und mich damit für’s Leben zeichnen, und mich zu seinem Geschöpf machen, zum Linken. Aahahaber – nicht mit mir! Ich klempnere mir die Vorhaut wieder an! Ich liberal! Ich Bürger! Und Schwesterwelle hilft mir dahahabababbbabb, sorry, Westerwelle hilft mir dabei, indem daß er mir als Keule dient! Und sein Schwulsein beute ich aus, wie nur je eine Arschgeige! Denn:

ich will nicht werden, was mein Alter ist. Nee!
Ich will nicht werden, was mein Alter ist.

Nein warte – ist das nicht von einer linken Rockband? Müßte ich das anders formulieren? Nicht, daß mich wer für einen Sohn meines Vaters hält. – Scheiiiße, mein Zahn!


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es fälschlicherweise, “Ich will nicht werden was mein Alter ist” sei ein Titel der “Toten Hosen” gewesen. Tatsächlich stammt er von der Rockband “Ton Steine Scherben”. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

2 Kommentare zu “R.O.T.S.P.O.N. – Der volle Kanal

  1. Spambart der Schreckliche sagte am 26. Januar 2011 um 23:42:

    Der Facebook Gefaellt mir Button wuerde sich gut auf der Seite machen, oder habe ich ihn uebersehen?


  2. Germanistenfuzzi sagte am 27. Januar 2011 um 10:09:

    Lieber Spambart, du hast ganz recht, der Knopf würde sich gut machen. Und du hast gleich noch mal recht: er ist nicht da.

    Weißt du warum?

    Facebook gefällt mir überhaupt nicht. Was soll ich da mit einem Facebook Gefaellt mir Button?


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