Machtwort

Die Bundeskanzlerin Merkel, von der man zuletzt im September am Rande der großen Stuttgarter Bahnhosfsdemonstrationen etwas gehört hat, bei denen sie sich auf die Seite der Bahnhofsgegner geschlagen und verlangt hatte, das häßliche Ding so bald wie möglich unter die Erde zu bringen, hat ihre Stimme wiedergefunden.

Am Rande eines Interviews mit dem Hamburger Abendblatt erklärte sie, es sei ganz einfach gewesen, die Stimme habe zusammen mit der Brille, die sie ebenfalls verloren geglaubt hatte, in der Handtasche, die sie damals bei Obi, als sie und ihr Mann sich das Laminat aus dem Sonderangebot angesehen hätten, und wie sie mal hätte die Örtlichkeiten aufsuchen müssen, und auf den Örtlichkeiten unter der Trennwand plötzlich ein Rattenschwanz zu sehen gewesen sei, woraufhin sie mit fliegendem Hosenanzug wieder raus sei, sich ihren Mann geschnappt habe, und sie beide Obi ohne Laminat, ohne Handtasche und ohne Brille verlassen, und der Personenschutz die Ratte erschossen und OBI dem Erdboden gleichgemacht habe – und jedenfalls sei die Stimme erst einmal weggewesen, aber nun sei sie wieder da. Einer der Personenschützer hatte die Handtasche gerettet und im Mannschaftsbus vergessen.

Weiter innen im Interview gab Frau Merkel dann praktische Ratschläge zu allem und jedem, wie man das von einer Bundeskanzlerin auch verlangen darf.

Vorab möchten wir gern zu Protokoll geben, daß das Interview sterbenshilfelangweilig ist. Es wiederzugeben, wäre Belästigung. Wir haben uns daher entschlossen, was ganz anderes zu schreiben, und hoffen, daß der Mangel an Authentität durch die Exklusivität wettgemacht werden kann. Und wir hoffen, daß es wirklich Authentität heißt, und nicht etwa Authentizität. Das wäre furchtbar.

“Da wäre zunächst einmal,” sagte Frau Merkel in unserem Interview, “der Hartz IV-Satz, von dem es heiß, er sei zu niedrig, von dem es andererseits heiß, er sei zu hoch, von dem es dann wieder heiß, er sei verfassungsfest, beziehungsweise, er sei es nicht. Nun könnte man sich hinstellen und sagen ‘Ja, was denn nun?’, aber man könnte genausogut sagen, wenn alle daran herumzumosern haben, dann werde er schon irgendwie in Ordnung gehen, so wie bei diesen kleinen Magnetkreiseln, kennen Sie die? Die in der Luft kreiseln, ohne runterzupurzeln, jedenfalls wenn genügend abstoßende Magneten ringsum angeordnet sind. Die müssen nur alle gleich stark sein. Ich habe mich aber entschlossen, mit meiner wiedergefundenen Stimme auch was anzufangen, und deshalb spreche ich jetzt ein Machtwort: Der Satz ist zu niedrig.

“Es stimmt zwar, daß Frau Ministerin von der Leyen meine fähigste Ministerin ist, aber dazu gehört auch nicht mehr viel, weil ich das Niveau des Kabinetts insgesamt stark habe absenken müssen, damit dem Abstandsgebot Genüge getan wird. Das Niveau der Kanzlerin muß schließlich immer über dem Niveau des Kabinetts liegen, sonst fördert man Faulheit und Dekadenz, und die Leute sind zufrieden damit, Minister für Gedöns zu sein, anstatt sich anzustrengen und Bundeskanzlerin zu werden.”

“Gleichwohl ist Frau von der Leyen aber eine fähige Frau, und ich weiß, daß sie lange und zäh an dem neuen Berechnungsmodell für den Hartz IV-Satz gefeilt hat. Ich weiß es deswegen, weil ich meine Leute in den Ministerien habe, die mir zutragen, was dort so gemacht wird, und von denen weiß ich, daß Frau von der Leyen immer neues Balserholz und Uhu und Schleifpapier nachbestellt hat, zeitweilig hat sie einen ganzen OBI-Markt alleine unterhalten. Und schließlich kam dieses Modell dabei heraus.”

“Wenn nun die Opposition an dem Modell herummäkelt und sagt, hier, an dieser Schraube müsse aber noch so gedreht, an jener so, und dort, der Parameter müsse von 15 auf 20 erhöht, und überhaupt: Zirkelbezüge raus! und was nicht alles, dann kann ich davor nur warnen: Ja, man kann das machen, aber man sollte es nicht machen. Wer weiß, was dabei rauskommt. Wir kennen – wir Physiker zumindest, Sie wissen vielleicht, daß ich Physikerin bin – wir kennen aus der Chaosforschung Funktionen, die nach außen hin völlig stetig und ausgeglichen und vernünftig wirken, es innerlich aber sozusagen faustdick hinter den Ohren haben. Wenn sie die mit den falschen Parametern füttern, fangen die plötzlich an, wie wild um sich zu schlagen.”

“Das ist dann wie mit den Luftkreiseln. Eine kleine Exzentrizität, ein mangelhaft justierter Magnet, und das Ding kreiselt nicht mehr, sondern fliegt Ihnen durch die Bude. Eine Kastanie im Beton, an der richtigen Stelle, hat schon Brücken einkrachen lassen. Ein Schmetterling, der in der Karibik seine Gespielin beglückt, ist die Ursache dafür, daß in Westeuropa das Wetter bleibt, wie es ist. Schlüge er sich stattdessen mit einem Rivalen, brächen in Hamburg die Deiche. – Sie stellen die Stellschraube ‘Bemessungsgrundlage’ von 15% der einkommensschwächsten Haushalte auf 20%? – Machen Sie das, aber wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen als nächstes der gesamte Bankensektor um die Ohren fliegt!”

“Aber wollen wir das Chaos wirklich in den Arbeitsagenturen haben? Wollen wir es nicht lieber dort herauslösen und zurückholen an den Kabinettstisch, wo es hingehört? Ich meine, wir sind Frau von der Leyen zu Dank verpflichtet, daß sie das Chaos fürs erste im Vermittlungsausschuß hat unterbringen können. Ein kleiner Fortschritt, gewiß, aber in chaotischen Systemen haben kleine Fortschritte mitunter große Wirkungen.”

“Und doch bin ich auch der Meinung, daß der gegenwärtige Hartz IV-Satz zu niedrig ist. Ja, Sie haben richtig gehört. Zu niedrige Hartz IV-Sätze – es ist dies mein fester Glaube – sind kontraproduktiv. Denn sie führen zu Trägheit und Bequemlichkeit und Einrichtung im Status Quo. Ein niedriger Hartz IV-Regelsatz, der “genügend” Abstand zu den “Einkommen” der einkommensschwachen Haushalte hält, verführt die verantwortlichen Ressortleiter zur Trägheit. Es rentiert sich nicht, so sagen sie, sich dafür ins Zeug zu legen, daß die Lohngruppen am unteren Rand des Spektrums Geld verdienen, oder mehr Geld verdienen, oder sogar soviel Geld verdienen, daß es zum Leben reicht. Warum denn? Macht bloß Arbeit!”

Aber wenn der Hartz IV-Satz so erhöht würde, daß die unteren Lohngruppen sich fragten, warum sie für ihre schüttere Asche überhaupt noch malochen gingen, und sie ließen es sein, und die Damen und Herren Ausbeuter würden quengeln kommen, dann würde sich vielleicht der eine oder andere Ressortkollege überlegen, den Damen und Herren Ausbeutern mal nahezulegen, den Leuten verdammt nochmal doch den einen oder anderen Euro Lohn zu zahlen, dann würden die Leute schon kommen, oder ob sie mal kurz die Gesetze des Marktes erläutert haben wollten?

Merkel: “Darum meine ich, wir sollten den Hartz IV-Regelsatz auf jeden Fall deutlich erhöhen. Ich schlage eine Erhöhung um 5 Euro auf 364,- Euro vor.”

Und da wäre zweitens, fuhr Frau Merkel fort, der Ressortkollege Guttenberg, oder zu Guttenberg, sie wisse nie, was bei der Revolution 1919 abgeschafft worden sei und was nicht. Egal, das sei ihr zweitbester Mann, nach Kollegin von der Leyen, was also, nach dem oben Gesagten, nicht viel besagen wolle. Der habe gerade jede Menge Dreck am Fock- und am Besanmast. Hähähähähä! – Landratte!

Jedoch – auch im Fall Guttenberg oder zu Guttenberg habe sie sich entschieden, sich hinter Guttenberg oder zu Guttenberg zu stellen und nicht vor Guttenberg. Oder vor zu Guttenberg. Denn die Erfahrung zeige, daß es hinter zu Guttenberg sicherer sei als vor zu Guttenberg, und vor Guttenberg prekärer als hinter Guttenberg. Denn Leute, die in der Vergangenheit vor zu Guttenberg gestanden hätten, hätten ganz unangenehme Erfahrungen gemacht. Denn Guttenberg wisse seine Designerknobelbecher zu führen. Drum stelle sich die erfahrene Kanzlerin hinter ihre Minister, nicht davor.

Und aus der sicheren Deckung von hinter zu Guttenbergs knackigem Hintern, teile sie dem Volke folgendes mit: “Mit der Suspendierung des Kommandanten der Gorch Fock ist kein Urteil gesprochen. Mit dem Abreißen seiner Epauletten auch nicht. Mit seiner Enthauptung vor versammelter Mannschaft und den Augen seines Schiffes auch nicht. Nicht mit dem Tanz genagelter Schuhe auf seinem Grab. Nicht mit der Tilgung seines Namens aus den Annalen. Nicht mit der Verbrennung seines Konterfeis. Auch nicht mit der Durchbohrung des Herzens einer Wachspuppe, in die seine Barthaare geknetet wurden. Und auch nicht damit, daß man sein Schiff dem Erdboden gleichmacht. – Kann man das sagen, bei einem Schiff? Dem Erdboden gleichmachen?”

Alle diese Maßnahmen dienten ja auch dem Schutz des Kapitäns vor Vorverurteilung. Wenn sich herausstellen sollte, daß der Kapitän des Schiffes sich nichts zuschulden habe kommen lassen, werde man ihm sein Schiff, seinen Kopf und seine Ehre unversehrt wieder zurückerstatten. Gleichwohl aber könnten atavistische Rituale, hunnische Mannbarkeitsriten und sinnlose Saufspiele Zurückgebliebener auf den Planken eines hochmodernen Ausbildungsschiffes nicht geduldet werden. Eines Schiffes der fortschrittlichsten Streitkräfte, die je deutschen Boden verlassen hätten, um sich in der Welt beliebt zu machen, Streitkräfte, die sich vor Bürgersinn in Uniform nicht zu lassen wüßten, und die vor innerer Führung schier bersten wollten.

Es sei das Verdienst des Verteidigungsministers, diese sinnlosen und demütigenden Rituale bei der Marine, nein, bei allen Teilstreitkräften mit Stumpf und mit Stiel auszujäten, und sie zurückzuholen in die Politik, wo sie hingehörten.

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