Auf ein Wort, Grübchen!

Solange Sie und Ihre Lokführer Ihre Tarifauseinandersetzung noch nicht auf meinem Rücken führen, was ja sicherlich früh genug kommt – ? – Ja, ich kann mir vorstellen, daß Sie am heutigen Dienstag andere Prioritäten haben, als meine Fragen zu beantworten, das kann ich mir gut vorstellen, aber dem halte ich entgegen, daß ich es aber wissen will.

Und zwar bin ich gestern abend bedürfnishalber auf der Toilette eines IC gewesen – ? – Ja, richtig, Intercity, Intercity ohne Expreß. Es war sogar ein richtiger Intercity, mit richtigen Vordersitzrückseitenklapptischklappen, keiner von diesen alten Interregiozügen mit den Notebookfestplattenkillerklappen, die Sie mir morgens immer schicken – ? – Das kann ich gar nicht mal sagen: momentan vermisse ich die Klimaanlage noch nicht so sehr, und im Sommer ist mir ein Vintage-IC mit Fenstern, die sich öffnen lassen, allemal lieber als eine ausgefallene Klimaanlage in einem Hightechzug, dessen Fenster gar nicht daran denken.

Ich war also zur Toilette gegangen und hatte nach dem Händewaschen, wie es so meine Art ist, mit nassen Händen von unten in den Handtuchspender zu fassen versucht, der jedoch – ? – Leer? Keineswegs, der war nicht leer. Da waren schon Handtücher drin. Papierhandtücher.

Man kriegte sie bloß nicht raus.

Sehn Sie, das ist auch der Grund meines Schreibens. Sie sind übrigens, respektive Ihre Züge sind, genauer gesagt: die Handtuchspender in Ihren Intercitys sind gar nicht mal die einzigen Handtuchspender, die auf meinem Rücken Arbeitsverweigerung betreiben, das ist heutzutage Gang und Gäbe. Warum das so ist – ? – Ich vermute, es ist überall dasselbe, wie bei Ihnen. Ich sage nur: planmäßige Budgetentlastung, planmäßige Leistungsbreite, planmäßige Leistungstiefe, planmäßige Kundenzufriedenheit. Mit einem Wort: DB-Services. Aber ja doch.

Zunächst aber zu den Grundlagen – ? – Doch, Sie hören mir jetzt zu! Die Lokführer streiken nachher auch noch, da entgeht Ihnen nichts.

Es ist ganz offensichtlich so, daß es hierzulande zwei Sorten Handtuchspender gibt, sone und sone. Wollen wir sie, der Einfachkeit, System Märklin und System Fleischmann nennen – ? – Aber ich möchte gerne, daß wir sie System Märklin und System Fleischmann nennen. Es vereinfacht die Sache und macht mir Freude. Die beiden Systeme – Handtuchspender ‚Fleischmann‘ und Handtücher ‚Märklin‘ und vice versa – sind miteinander so kompatibel wie die Spurweiten in Bangladesch. Wenn nun die geballte Prozeßkompetenz von DB-Services daran geht, im Einkauf die Margen des Handtuchlieferanten von innen her auszuhöhlen und die geretteten Cents in die Bilanz der Deutschen Bahn einzubringen, dann kann es schon mal vorkommen, daß die Budgetanpassung die Oberhand über die Kundenzufriedenheit gewinnt, und der Einkauf sagt: Scheiß doch auf die Leistungstiefe, Handtuch ist Handtuch.

Wahrscheinlich ist das sogar die Regel. Bei uns in der Firma werden grundsätzlich Märklin-Tücher in die Fleischmann-Spender gepackt. Es gibt da, glaube ich wenigstens, ein Service-Level-Agreement mit dem Dienstleister, das besagt, wenn die Reinigungskräfte vor dem Beschicken der Spender den Typ prüfen, und – Gott behüte – die richtige Sorte Handtücher aus dem Keller holen, dann haben sie zuviel Zeit. Zuviel Zeit heißt: der Dienstleister ist zu teuer.

Bei uns werden deswegen die Dienstleister spätestens alle zwei Monate rausgeworfen. Das gesparte Geld bringen wir damit durch, daß wir pro Handwäsche ein Pfund Handtücher – Typ Märklin – aus dem Spender holen und die nicht gebrauchten in den Papierkorb werfen. Oder neben den Papierkorb, denn das macht so ein Papierkorb natürlich nicht lange mit.

Einmal entdeckte ich morgens im Fahrstuhl eine ganze Palette mit Handtüchern vom Typ Fleischmann, offensichtlich vorübergehend herrenlos, und meine Prozeßkompetenz riet mir, die Palette mitgehen zu heißen und im Serverraum zu verstecken, wo der Dienstleister nichts verloren hat, weil er kein vereidigter Dienstleister ist. Das war eine schöne Zeit. Beinahe ein halbes Jahr lang hatten wir Handtücher, die man mit einer Hand aus dem Spender ziehen konnte, ohne sich die Fingernägel zu brechen. Dann wurde es Sommer, und die Kollegen kamen, ihr Mineralwasser im klimatisierten Serverraum zu kühlen, und vorbei war’s mit unserem kleinen Geheimnis.

Ja doch, Sie können gleich zu Ihren Lokführern. – Ich also gestern abend im IC, frisch gewaschene, also nasse Hände im Ärmel, was ich ohnehin schon nicht gut haben kann, und dann: kein Handtuch da. Weil, wenn Fleischmann-Handtücher im Fleischmann-Spender stecken, kuckt ein halbes Blättchen unten raus, und zieht man daran, kommt es raus und zieht den Nachfolger zur Hälfte mit sich ins Freie, so daß der planmäßig zufriedene Kunde den Erfrischungsraum auch so verlassen kann, wie er ihn vorzufinden wünscht. Kuckt aber nichts raus, ist entweder nichts drin, was schlimm genug wäre, oder aber Märklin-Handtücher, was schlimmer ist.

Es kuckt also nichts raus. Ich von unten im Schlitz gefummelt, und das unterste Handtuch, mit den Worten: „Huch das kitzelt!“ nach oben weg, die anderen vor sich her treibend. Ich also wieder, kurz gewartet, bis sie sich beruhigt und wieder hingelegt haben, dann vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger ans Handtuch angepirscht, um ihm plötzlich von unten in den Po zu kneifen und es rauszuziehen. Zusammen mit 25 anderen.

Es funktionierte auch, aber das funktioniert nur solange wie noch ein gewisser Fundus an Handtüchern im Spender ist, der ein spürbares Gewicht auf die Wage bringen würde, wenn man ihn wöge. Aber das bleibt bei dem künstlich hohen Verbrauch nicht lange so.

24 davon liegen jetzt im Papierkorb, denn ich habe mir erlaubt, zwei Blättchen zu benutzen. Ich hoffe, daß Sie dafür nicht die Preise erhöhen müssen. Andere Fahrgäste scheinen übrigens nicht so duldsam zu sein wie ich, die lassen den ganzen Brassel ins Waschbecken fallen und dort liegen.

Nun also meine Frage – ? – Ich sagte doch vorhin, daß ich eine Frage hätte, an deren Beantwortung mir liegt. – ? – Ist Ihnen das noch nie passiert? Sie haben doch bestimmt so einen Salonwagen, wie Mr. Morton, den man Ihnen hinten an den Zug hängt, wenn Sie mal wohin müssen – ? – Nicht wahr. Und? Wer – Ach? Leinene Handtücher? Vorgewärmte? Und Sandelholz und Aloe und wohlriechende Essenzen?

Ja, dann nichts für ungut. Ich hatte nur gedacht, daß Sie vielleicht auch … und … Handtuchspender … neenee, das ist schon in Ordnung. – Ja. – Leinenhandtücher!

Dann gehn Sie man jetzt zu Ihren Lokführern.

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