Selbstkritik

Tropfen am Eimer muß sich bei seinen Lesern entschuldigen. Tropfen am Eimer war ein böses Blog. Tropfen am Eimer hat Strafe verdient und bittet um eine gehörige solche.

Schuld ist Fürchtegott. Fürchtegott hat das in ihn gesetzte Vertrauen, daß er nämlich zuverlässig, pünktlich und preiswert die Kolumne S.P.O.N. – Der Schwarze Kanal unseres Hausfeindes Jan Fleischhauer auseinandernehmen und mit genagelten Stiefeln auf deren Überresten tanzen werde, enttäuscht. Er hat – ob im Suff oder nüchtern, nolens oder volens, aus Irrtum oder Bosheit, aus Faulheit oder warum immer, das zu kären obliegt einem Schauprozeß, der am kommenden Montag, dem 94. Jahrestag der Oktoberrevolution, stattfinden und auf youtube live übertragen werden soll, einen vollkommen falschen Artikel, noch dazu aus einer völlig falschen Zeitung und von einem völlig falschen Autor, genommen, für Fleischhauer seinen ausgegeben – nicht einmal das! Die Mühe hat er sich nicht einmal gemacht. Er kam, sah ihn, nahm ihn und machte ihn nieder.

Wie konnte das passieren? Warum mußte das passieren? Es hätte niemals passieren dürfen!

In einer höchst empörten Redaktionskonferenz sollte die Kostümprobe für den Schauprozeß stattfinden, sollte sich der Autor dem Vorwurf stellen, Selbstkritik üben, sich an die Brust schlagen, sein Gewand zerreißen, und Asche auf sein Haupt streuen. Problem: es war keine Asche da. Drei Stunden später, drei Stunden und einen fünfsechstel Karton Lübecker Reserve später, drei sehr aufgeräumte Stunden, waren genug Zigarren geraucht, war immerhin soviel Asche da, daß Fürchtegott schon mal seinen guten Willen demonstrieren konnte, auch wenn es mit dem An-die-Brust-Schlagen nicht mehr so recht klappen wollte, weil, wie er sagte, die Brust nicht stillehielt. Er zerraufte sich also ein wenig das Haar, öffnete den obersten Westenknopf, warf sich auf den Boden und sprach:

Fürchtegott
Domine meus, creator deus, peccavi tibi, ignosce mihi. Nee, umgekehrt.
Gero
Fürchtegott, laß den Scheiß.
Germanistenfuzzi
Steh auf. Entdecke dich.
Fürchtegott
Non sum dignus.
Gero
Dann bleib liegen.
Germanistenfuzzi
Du hast, mein lieber Fürchtegott, du hast, wenn ich das so mal so sagen darf, ich, der ich dich, was deine Autorschaft im Blog angeht, quasi an meinem Busen nährte, und der ich seither quasi mütterliche Gefühle für dich hege, du hast dieses Blog, in dem bis heute keine Zeile, kein Wort, ja nicht einmal ein Komma – jetzt weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte.
Gero
Du hast es besudelt.
Fürchtegott
Zweimal ‘quasi’.
Germanistenfuzzi
Wollte ich das sagen?
Gero
Was?
Germanistenfuzzi
Egal. – Du hast, mein lieber Fürchtegott – bzw. andersrum: Fürchtegott, wie konntest du!
Fürchtegott
Qui tetigerit picem, inquinabitur ab ea.
Gero
Was?
Germanistenfuzzi
Was?
Fürchtegott
Ich kann nicht aufstehen.
Gero
Warum?
Germanistenfuzzi
Wer?
Fürchtegott
Da ist ein Stuhl, der nach mir schnappt. Und auf des Daches Haus sitzet der Richter und kräht: Bringt mir den Schelm her!
Gero
Bist du betrunken?
Germanistenfuzzi
Wer?
Fürchtegott
Non sum – was heißt besoffen auf Latein? Gab es das schon, damals?
Germanistenfuzzi
Was?
Gero
Ich will dir nicht zu nahe treten, aber du bist heute entschieden einsilbig. Entschieden einsilbig.
Fürchtegott
Wer?
Gero
Er.
Fürchtegott
Germanistenfuzzi? Der ist doch nicht einsilbrig. Der ist nämlich eins, zwei, drei … vielsilbrig. Entschieden vielsilbrig.
Germanistenfuzzi
Leute, ich habe einen Vorschlag: warum lassen wir nicht Fürchtegott einfach mal Selbstkritik üben?
Gero
Dazu ist er, glaube ich, zu besoffen.
Germanistenfuzzi
Wer?
Gero
Fängst du schon wieder an?
Fürchtegott
Non sum sobrius.
Germanistenfuzzi
Was sagt er?
Gero
Er ist zu besoffen.
Germanistenfuzzi
Zu besoffen für Selbstkritik? Bei mir ist es umgekehrt.
Fürchtegott
Du bist zu selbstkritisch, um besoffen zu sein?
Gero
Vielleicht sollten wir dich mit der Selbstkritik betrauen.
Fürchtegott
Non est dignus!
Germanistenfuzzi
Angenehm, Germanistenfuzzi.
Fürchtegott
Jag heter Fürchtegott. Vad heter du?
Germanistenfuzzi
Jag kommer från Käsdorf.
Gero
Ich denke, du bist Westpfale?
Germanistenfuzzi
Bin ich auch. Aber so einfach ist das nicht. Ich bin mütterlicherseits, also mütterlicherseits habe ich Vorfahren, väterlicherseits jedoch bin ich Preuße.
Fürchtegott
Sagt mal da oben, ihr zwei, oder wieviele seid ihr?
Germanistenfuzzi
Wer?
Gero
Wir?
Fürchtegott
Fliegen eigentlich die Raben immer noch um den Tisch?
Gero
Was für Raben?
Germanistenfuzzi
Er meint wahrscheinlich die Reben.
Gero
Was für Reben?
Fürchtegott
Oder kann ich wieder raufkommen?
Germanistenfuzzi
Raufkommen! Was machst du da unten überhaupt?
Fürchtegott
Selbstkritik. – Mir ist nicht wohl.
Gero
Wie heißt das auf Latein?
Germanistenfuzzi
Il mio nome e Germanistenfuzzi. Sono di Prussia.
Fürchtegott
Non est sobrius.

Anschließend stand Fürchtegott wieder auf, warf dabei den Stuhl um, hob den wieder auf und setzte sich dabei auf den Fußboden, wo er vorsichtshalber bis zum Ende der Redaktionssitzung sitzenblieb.

Dann erklärte er, wie es zu dem Versehen hatte kommen können.

Fürchtegott
Es war die Maus. Deren Batterien waren fast alle. Und wenn die Mausbatterien fast alle sind, dann tanzt der Mauszeiger immer so hin und her und im Kreis, als wäre er Cassius Clay und der Tab von Spiegel Online wäre George Foreman. Und wenn er dann hinlangt, dann trifft er nicht mehr richtig, so wie ich vorhin meine Brust, und plötzlich ist es Joe Frazier, der die Gerade abbekommt. Will sagen, ich habe wohl aus Versehen auf Welt Online geklickt, alles rüberkopiert, was da stand, es auseinandergehackt und kommentiert, wie ich das immer mache. Ist ja keine Zauberei. Geht ja praktisch von alleine, denn es ist ja immer dasselbe, was da steht.
Germanistenfuzzi
Hah! Hat ihn schon. Kann ja gar nicht dasselbe gewesen sein, denn die Layouts von Spiegel und Welt sind ja total unterschiedlich.
Fürchtegott
Ja, aber den Putz kopiert man ja nicht mit. Es ist ja nur der nackte Text. Und wenn du so einen Text erstmal ins Bett gezogen hast, und sein Layout liegt im ganzen Zimmer auf dem Fußboden herum, und du hast deinen Rhythmus endlich gefunden, und es fängt an, dir Spaß zu machen, dann ist dir doch sowieso alles egal, Text ist dann bloß noch Text, da knipst du doch nicht noch einmal das Licht an und fragst nach dem Namen! Oder?
Gero
Das wäre aber deine …
Germanistenfuzzi
Sei mal kurz still …
Gero
Was ist los?
Germanistenfuzzi
Ich will mal eben in mich hineinhorchen, ob ich indigniert bin …
Gero
Dummes Zeug! Es wäre Fürchteg …
Germanistenfuzzi
Jawohl, ich bin’s.
Gero
Du bist was?
Germanistenfuzzi
Indigniert.
Fürchtegott
Es sind schon Leuten in der Brautnacht, Germanistenfuzzi, mein Großer, und entschuldige bitte, daß ich dir nicht mit erigiertem Zeigefinger auf die Brust tippen kann, aber von hier unten reiche ich dir nur bis an das Knie, nimm du daher bitte den Wunsch für die Tat, bzw. das Knie für den Busen, es ist …
Gero
Es wäre …
Germanistenfuzzi
Halt stopp.
Gero
Was ist los?
Fürchtegott
Halt stopp was?
Germanistenfuzzi
Nicht alle durcheinander!
Fürchtegott
Es sind …
Gero
Es wäre …
Germanistenfuzzi
Fürchtegott war zuerst.
Fürchtegott
Es sind schon Leuten in der Brautnacht Bräute untergeschoben worden, und die haben auch nichts gemerkt. Wer bin ich denn eigentlich, daß ich das hier erst groß verklickern muß? Und wer bist’n du eigentlich, daß ich dir das erst verklickern muß?
Germanistenfuzzi
Sono ingegnere.
Gero
Es wäre Fürchtegotts …
Germanistenfuzzi
Sono indignere … was heißt wohl indigniert auf italienisch?
Gero
Es wäre Fürchtegotts verdammte Pflicht gewesen, das Licht wieder anzuknipsen, und nach dem Namen zu fragen. Wäre es nämlich. Verdammte Pflicht.
Germanistenfuzzi
Genau, Pflicht. Bzw. Licht, vielmehr. Und zwar bin ich deshalb indigniert, weil mein Fürchtegott, mein früherer Kumpel und frühes Vorbild, weil der im Bett genierlich ist und das Licht ausknipst. Hat man dergleichen je gehört? Alle mal herhören! Fürchtegott knipst das Licht aus, wenn er im Bette … äh … zugange …
Fürchtegott
Ja und? Ausses Licht ist manchmal eine gute Gabe Gottes.
Gero
Aber deine Pflicht wäre es gewesen! Verdammte Pflicht.
Fürchtegott
Gottes Licht ist Gottes Gabe für die Genanten.
Germanistenfuzzi
Was für Licht ist was für wen?
Fürchtegott
Ausses Licht ist Gottes Gabe für den Genierlichen. Heißt es genierlich oder genant?
Germanistenfuzzi
Das kommt drauf an.
Gero
Und da hätte er halt das Licht wieder anknipsen müssen. So einfach ist das. Guten Tag, mein Name ist Fürchtegott und sonst nichts auf der Welt.
Germanistenfuzzi
Stopp. Nicht alles durcheinander!
Fürchtegott
Worauf denn? Germanistenfuzzi? Worauf kommt es denn an?
Gero
Und darf ich mir die Freiheit nehmen, mich nach dem entzückenden Namen zu erkundigen? So macht man das. Wenn man schon jemanden mit ins Bett nimmt, um ihn niederzumachen und mit genagelten Stiefeln auf den Überresten zu tanzen! Wie es sich gehört! Dann kann man auch vorher ein bißchen galant sein.
Germanistenfuzzi
Das kommt darauf an, ob einem etwas gênant oder genierlich ist.
Gero
Ein bißchen comme il faut. Wie es ja auch einem seine verdammte Pflicht wäre!
Fürchtegott
Aber wenn es einem beides ist? Weil, ich möchte nicht gesehen werden, wenn ich einen Text von Fleischhauer dabei habe, da will ich nicht gesehen werden. Da mach ich lieber das Licht aus.
Gero
Weil es ja auch so in seinem Werkvertrag steht: Niedermachen, steht da, und auf Überresten tanzen. Mit Schuhen.
Germanistenfuzzi
Aber dann kannst du doch nicht lesen, was da steht.
Gero
Da steht: Niedermachen, steht da. Im Werkvertrag. Fett mit Friedrich Wilhelm und Stempel. Und tanzen.
Fürchtegott
Da steht doch immer dasselbe.
Germanistenfuzzi
Montag ja aber wohl nicht.
Fürchtegott
Montag aber ja wohl auch. Montag aber stand da ja wohl ganz genau das, was da immer steht, am Montag.
Gero
Und da wird auch nie was anderes stehen. Niedermachen, steht da, und nageln.
Germanistenfuzzi
Ich meine, ja, aber es war nicht von Fleischhauer.
Gero
Will sagen: und tanzen. Mit genagelten Schuhen, nämlich.
Fürchtegott
Ja, aber woher sollte ich das denn wissen? Es stand ja nicht dran.
Germanistenfuzzi
Ja sicher hat das drangestanden.
Fürchtegott
Ja, aber ich habs nicht gesehen! Es war ja dunkel.
Gero
Und warum war es dunkel? Das frage ich. Was steht im Werkvertrag? Daß es dunkel zu sein hat? Das steht da nicht!
Germanistenfuzzi
Aber du mußt das doch gemerkt haben, daß der Text nicht von Fleischhauer war.
Fürchtegott
Woran soll ich das denn merken?
Gero
Das steht im Werkvertrag!
Germanistenfuzzi
Was weiß denn ich? Am Inhalt vielleicht?
Fürchtegott
Am Inhalt, ausgerechnet! Das ist doch immer derselbe, nur anders angezogen.
Germanistenfuzzi
Na gut, dann am Stil!
Fürchtegott
Im Dunkeln?
Germanistenfuzzi
Na, dann mach halt Licht!
Gero
Wie es im Werkvertrag steht.
Fürchtegott
Dann wird mir unwohl!
Germanistenfuzzi
Stell dich nicht so an! Bist du ein Mann?
Fürchtegott
Weiß nicht. – Mir ist nicht wohl!
Germanistenfuzzi
Wenn dir schlecht wird, setz dich nicht so dicht neben meine Knie. Setz dich an Geros Knie.
Gero
Wie es im Werkvertrag steht.

5 Kommentare zu “Selbstkritik

  1. Friederich sagte am 3. November 2011 um 14:39:

    Ah, ein Schauprozeß! Workuta! Permafrost! Weißmeerkanal! Sbrinz mit dem Triumpf im Ärmel ist ja wohl noch einmal hinweggekommen, ausgerechnet wegen seines Drahtes zu Nadine, aber nun wenigstens Pürckhauer! Das wurde aber auch mal wieder Zeit. Es war so still geworden in den letzten Jahrzehnten um dieses bewährte Instrument gelebter innerparteilicher Demokratie. Man fragte sich schon, was mit den Linken los ist, ob sie es etwa nicht mehr könnten oder gar nicht mehr wollten. Man reserviere mir einen Platz.


  2. Friederich sagte am 7. November 2011 um 19:15:

    Die Sonne schwindet am Horizont, der Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution neigt sich, und noch immer keine Nachricht vom Gerichtsberichtserstatter. Floß nach vollstrecktem Urteil Blut in den Kellern der Lubjanka? Hat die Partei in ihrer unausforschlichen Gnade auf Perekowka am Polarkreis erkannt? Hat der Delinquent weitere Verbrechen (z. B. den Plan, Germanistenfuzzi unter Zuhilfenahme jüdischer Ärzte zu vergiften) gestanden oder die Namen von anderen Volksfeinden genannt? Gab es schon weitere Verhaftungen? Wann erscheint das »Best of« aus dem Selbstbezichtigungsschreiben in der Prawda? Oder hat Pürckhauer gestanden (der Name … Pürckhauer … man kann es nicht ausschließen …) selbst ein jüdischer Arzt zu sein? Was ist das für ein Schauprozeß, wenn er praktisch hinter verschlossenen Türen stattfindet?


  3. Ja,ja: nun ist genug gekotaut! Der neue Fleischhauer ist draußen und harret eurer. Also der von SpOn…
    Nun aber drauf und gasgeben. Er vergreift sich an Habermaß, den er auch nicht gelesen hat. Habe persönlich daraufhin Fleischhauers Notizzettel für die nächsten Ergüsse gestolen… waren nur ein paar Stichworte drauf, aber vielleicht hilft es euch weiter:
    1.) Wo Emanuel Kant völlig danebenlag!
    2.) Jugenderinnerungen – Aristoteles und ich
    3.) Adorno hat den Deutschen Schäferhund gehasst!
    4.) Die Weltklima-Lüge
    5.) Freie Energie – der Magnetmotor, die Lösung aller Energieprobleme!
    6.) Budda und ich: Frühstücksgedanken
    7.) Zuviele Gesetze in Deutschland: Die 10 Gebote aus konservativer Sicht.(Hysteriker Moses!)
    8.) String-Theorie leicht gemacht. Eine kurze Einführung von J.F.
    9.) Jesus ist nicht auferstanden! Aber Ich! Jeden Morgen
    10.)….unleserlich
    So – jetzt hoch die Ärsche und macht was draus!
    Mit kollegialen Grüßen
    Pantoufle


  4. Germanistenfuzzi sagte am 8. November 2011 um 06:19:

    @Friederich

    Dr. Pürckhauer ist abgängig.
    .
    Die letzte Handy-Ortung ergab Coyoacán, Mexiko. Zuletzt lebend gesehen wurde er auf dem Flughafen Greven, in Begleitung zweier seiner Freundinnen, Charlotte Roche und Charlotte Corday.

    Uns schwant Übles.


  5. Fürchtegott sagte am 8. November 2011 um 06:24:

    @Pantoufle

    Erbarmen! Erbarmen!! Bitte nicht!!!

    Ich habe Frau und Kind. Freundinnen. Kebsweiber. Ich kann nicht die ganze Woche lang auf Fleischhauer aufpassen. Ich muß Brot nachhause bringen.


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