Offener Brief

an den Vorsitzer der
Partei der Freiheitlichen
Philipp Rösler Esq.
z.Zt. Frankfurt a.d. Franke
Parteitag

Sehr geehrter Herr Rösler,

wie man allseits berichtet, hat der Parteitag – ob im Hinblick auf Sie oder mit Ihnen im Hinterkopf, weiß man nicht, aber wen anders als Sie sollte der Parteitag denn gemeint haben? Wenn nicht Sie? Können Sie uns das sagen? Na sehen Sie! – gefordert: “Schluß mit der Träne!

Wir finden das gemein, auch und gerade angesichts der Kürze der Zeit, die Ihnen zur Verfügung stand, um die FDP vom ohnehin sumpfigen Ufer, das Ihr Vorgänger Ihnen als Ausgangsbasis hinterließ, noch tiefer ins Schilfmeer zu führen, dortselbst die Teilung der Wasser vorzunehmen und die Partei ins Land zu führen, da Milch und Honig fleußt – was soll das denn überhaupt heißen, Träne? Ist das metaphoriell zu nehmen, im Sinne von Null, Flasche, Niete, Weihnachtsmann, Nachtwächter?

In dem Fall fänden wir es noch gemeiner. Niemand von uns käme auf die Idee, Sie am Weihnachtsabend in die Stube zu bitten, damit Sie Anna-Lena und Jakob die Rute zeigen können, bilden Sie sich doch bitte keine Schwachheiten ein, Sie Pfeife! Und ob eine Nulpe wie Sie dazu taugte, als Nachtwächter einer, sagen wir, in der Käsdorfer Heide gelegenen Gurkendosenverschließerei auch nur soviel wie einen streunenden West Highland Terrier zu vergraulen, daran erlauben wir uns, begründeten Zweifel zu hegen. Welchselben wir nicht hegen bezüglich der Frage, ob es denn sein muß, deswegen gleich Schluß mit Ihnen zu fordern. Das deucht uns mit Mörsern auf Zaunkönige scheißen zu heißen.

Schießen zu heißen muß es heißen, um Vergebung. Und apropos Flüchtigkeitsfehler: wie wir gerade, beim ersten Korrekturlesen, merken, haben wir die Spiegel-Überschrift mißrezipiert und mißzitiert; es heißt dort nämlich, hrmmh!, meingott wie peinlich, es heißt dort “Schluß mit den Tränänn. Mehrzahl. Äh! Wie doof! Das hieße ja, daß, genau genommen, dieser ganze Brief hinfällig ist, für die Katz, über, ein Schuß in den Ofen, ein Griff in den Eimer! Den Hasen kann man ihn geben, in der Pfeife rauchen, vergessen. Denn Tränänn, Mehrzahl, das können Sie ja nicht sein, oder? Wer denn aber? Die Schäffler-Leute? Aber reicht es denn nicht, die mundtot zu machen? Müssen Sie sie gleich eliminieren? Terminieren? In deren Blut baden?

Wissen Sie was? Vergessen Sie den Brief bis hierher, wir machen anders weiter, ganz anders. Wir schauen einfach mal, was Sie gesagt haben, und nicht was wir gedacht haben, daß Sie gesagt hätten, aber nicht haben. Zum Beispiel:

In seiner Rede erteilte der Wirtschaftsminister und Vizekanzler Forderungen nach einem flächendeckenden allgemeinen Mindestlohn eine klare Absage. “Für die Lohnfindung sind die Tarifpartner zuständig und niemals der Gesetzgeber”, sagte Rösler. Auch ohne allgemeinen Mindestlohn habe Deutschland derzeit die geringste Arbeitslosigkeit seit langem.

und hier verengen wir unser Augenmerk noch einmal, und zwar auf den Satz:

Auch ohne allgemeinen Mindestlohn habe Deutschland derzeit die geringste Arbeitslosigkeit seit langem.

Es hat, lieber Herr Rösler, Zeiten gegeben in Deutschland, da sich die FDP noch mit Wirtschaftskompetenz zu schmücken wußte, und nicht darauf angewiesen war, sich einen alten Socken dorthin zu stopfen, wo ein wählerisches Volk die Wirtschaftskompetenz einer Partei vermutet und entsprechend kennerisch und ungeniert hinschielt. Die Zeiten aber sind vorbei, lang, lang vorbei, bestimmt schon einige Monate. Also lange vor Ihrer Zeit. Fassen Sie es daher bitte nicht als Naseweisheit von uns auf, wenn wir Ihnen kurz erklären, wie die wirtschaftlichen Zusammenhänge – äh, zusammenhängen und – äh, polymere Molekülketten bilden:

Es ist nicht so, wie Sie zu denken scheinen, daß der Allgemeine oder Flächendeckende Mindestlohn etwa dazu gedacht wäre, Arbeitsplätze zu schaffen, sondern der Allgemeine oder Flächendeckende Mindestlohn (AoFM) ist dazu da, Arbeitsplätze zu vernichtänn! AoFM ist etwas Linkes, und wir Linken, Sozialisten, Kommunisten, Radikalinskis, usw. sind nicht scharf darauf, arbeiten zu gehen. Sie vielleicht? – Tatsächlich? – Und warum sind Sie dann nicht Arzt geblieben?

Wie auch immer. Richtig jedenfalls muß Ihr Satz lauten:

Ohne allgemeinen Mindestlohn hat Deutschland derzeit die geringste Arbeitslosigkeit seit langem.

Nicht: “auch ohne”. “Auch ohne” verkehrt den Satz in etwas, was Sie nicht sagen wollen sollten, wenn Sie sich nicht als Träne outen wollen, mitten auf dem Parteitag, vor allen Leuten, am Rednerpult! Und selbst so bleibt der Satz schwach. Besser wäre:

Ohne AoFM usw. usf., mit AoFM hingegen verabschiedet sich dieses Land von seinen Wurzeln, verabschiedet es sich von den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft (SozMaW), verabschiedet es sich von den Werten der SozMaW, legt es die Axt an den Stamm des Baumes, dessen Fallobst die Schweine in der Weide jenseits des Zaunes mästet, die dort bräsig in der Sonne dösen, diesseits des Zaunes aber wollen wir es als ein Privileg verhökern, den Zaun frisch tünchen zu dürfen, ein Privileg, für das man zahlt, und nicht auch noch AoFM dafür fordert.

Wenn Sie der Meinung sein sollten, so wie skizziert eigne sich der Satz nicht für die politische Diskussion, er lenke vom Thema ab, leiste sich zuviele Bilder und komme nicht auf den Punkt: – da haben Sie recht. Aber was wollen Sie damit sagen? Haben Sie mal Ihren Kollegen zugehört? Westerwelle zum Beispiel? Der Parteitag soll getobt haben, als jener sprach. Und das ist kein Zufall. Hören Sie dagegen mal hier rein, das ist aus dem Spiegel:

Nach Röslers Worten haben die Menschen Angst um ihr Erspartes.

Der Rösler, von dem da die Rede ist, das sind Sie. Und mit Verlaub: wenn die Menschen Angst um ihr Erspartes haben, dann liegt das doch auch an diesem Rösler! Soll er Ihnen doch Angst um ihr Seelenheil machen:

Der Allgemeine oder Flächendeckende AoFM ist die Hölle! Wenn Sie den Allgemeinen oder Flächendeckenden AoFM umdrehen, sehen Sie unten einen kleinen eingeprägten Stempel “666″. Das ist nicht der Silbergehalt, wie der Arbeiterflügel der CDU wähnt, das ist die Zahl des Tieres. Der Allgemeine oder Flächendeckende AoFM ist die erste von sieben Schalen mit Gottes Zorn, die erste der Plagen, eines von 10 Hörnern des Siebenköpfigen! Die erste der Posaunen. Wehe!

dann ist es mit dem materialistischen Geflenne um das Ersparte ganz schnell vorbei.

Aber das nur am Rande. Tja, Herr Rösler, was machen wir mit Ihnen? Sehn Sie mal, wie soll ich Ihnen das nahebringen, ohne daß Sie am Ende glauben, ich wollte Ihnen in puncto irgendwas zustimmen? Das will ich keineswegs, aber das Problem ist: eigentlich bin auch ich der Meinung, daß die Politik sich aus dem Thema Lohnfindung raushalten soll. Ein AoFM ist nämlich ein zweischneidiges Krummschwert: es ist gut möglich, daß man den einen oder anderen Mittelständler erst auf dumme Gedanken bringt, wenn man öffentlich macht, für wie wenig anderswo Leute zu arbeiten gezwungen sind. Sehr viel besser – es bringt ja alles nichts, ich stimme Ihnen jetzt ganz einfach mal zu, was soll ich machen – sehr viel besser wären natürlich ein hoher Organisierungsgrad, spurende Gewerkschafter, stolze und selbstbewußte Arbeitnehmer und eine blitzblankgeputze Streikkultur, die einsatzbereit im Spind hinge und auf der kein Feldwebel ein Stäubchen finden würde.

Das wäre sehr viel besser. Jede Form von Politik nämlich, Gesetzgebung und so Zeug, wird hingegen von Politikern gemacht, Tränen wie Ihnen also, und daß man dergleichen nicht im Spind hängen haben möchte, darüber sollten zwei wie wir schnell einen Konsens finden können.

Na denn. Weiterhin gutes Gelingen im Schilfmeer. Sie wissen, wie Sie den Stab halten müssen, damit die Flut zurückweicht?

Ok, ok, Nichts für ungut! Wir wollen uns nicht aufdrängen.

Germanistenfuzzi

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