Offener Brief

an
wen immer. Keine Ahnung. Will’s auch nicht wissen.
Wo auch immer.

Liebe Unbekannte,

ich schreibe diesen Brief in einer Flasche, die ich bei erster Gelegenheit aus dem Zug werfen werde. Ich hoffe, daß er Euch, meine Plagegeister erreicht, denn mehr als Hoffnung ist mir in meiner Situation nicht vergönnt.

Wie es sich fügte, hatte ich heute im unweit des Höhenzuges Deister gelegenen Städchen Hannover zu tun, und wie ich nach getaner Arbeit, vorhin, keine 10 Minuten her, wie ich da also aus dem Städtchen kommend, von Süden her, dem Bahnhof zustrebe, wo ich eine Verabredung mit einem Intercity hatte, da fällt mein Auge, wie von ungefähr, auf die Bahnhofsfassade. Kennen Sie den Bahnhof Hannover? Nicht? Wie kommt es dann, daß Ihr Plakat dranhängt?

Sei es, wie es sei. Der Bahnhof Hannover ist nichts, über das man Offene Briefe in die Welt senden müßte, aber er hat ein bewegtes Leben hinter sich, wurde schlimm zerbombt, wieder aufgerichtet, gentrifiziert, und hat es als Veteran nicht verdient, daß man ihm Stirn, Nase und Wangen mit Plakaten vollpappt. Meine Meinung.

Ich hatte früher schon Anlaß, darauf hinzuweisen, daß ich, wenn ich Hannover gegen seine mannigfachen Verächter aus den Metropolen des Landes in Schutz nehme, daß ich das dann gerne und aus alter Anhänglichkeit und mit dem Stolz des Landmannes über den spröden Charme einer Provinzschönheit tue; aber ich tue es nicht wegen seines Bahnhofs. Und die Frage, was man mit dem Bahnhof machen könnte oder sollte, ob das Städtchen gewönne, wenn man ihn etwa unter die Erde brächte, diese Frage ist mir nicht so interessant wie die Frage, die ich Ihnen stellen möchte: “Ist das Ihr Bahnhof?”

Warum hängen dann Ihre Plakate dran?

Die Bahn vermietet die Fassade? – Gut möglich. Da es nichts gibt, was ich der Bahn nicht zutraue, kann ich auch nicht mit Fug sagen, daß ich ihr das nicht zutraue. Obwohl ich es ihr nicht zugetraut hätte.

Sei es, wie es sei. Aber die Fassade vermieten, ist das eine. Die Fassade mieten ist das andere, und dessen haben Sie sich wohl unstrittigerweise schuldig gemacht. Sind Sie der Meinung, daß die Fassade dadurch schöner wird?

Ich bin anderer Meinung. Aber selbst wenn wir uns darauf einigen könnten, was wir nicht werden, würden wir uns immer noch nicht darauf einigen können, daß sie durch Ihre Plakate schöner werden.

Ok, Sie haben recht. Ich bin persönlich geworden. Stimmt. Aber wer hat denn damit angefangen? Sie haben damit angefangen, indem Sie mir ins Auge gesprungen sind! Meine Augen gehören zu meiner Intimsphäre, da springt mir keiner so einfach rein, und tut er’s doch, dann lebt er anschließend mit den Konsequenzen!

Was mir an Ihrem Plakat so sehr mißfällt? Das will ich Ihnen gerne sagen: das Blau. Das Blau, daß Sie einsetzen, entstammt nicht dem Regenbogen. Nein, kommen Sie mir nicht mit “kann nicht sein”! Ich weiß, daß im Regenbogen Alle Farben enthalten sind, aber das gilt nur für die Regenbogenfarben. Andere Farben – wie zum Beispiel Ihr Blau – gehören nicht dazu. Das Blau, Ihr Blau, es ist das das Blau der Oberhemden mäßig beliebter Kollegen, die einem den Besprechungsraum zum Augenknast machen. Das Blau nicht nur ihrer Oberhemden, muß ich leider sagen, denn wie ich heute in der Besprechung erfuhr, erlebte, nein erlitt, ist es auch das Blau ihrer Schnürsenkel, die sie sich in ihre - schwarzen - Schuhe einziehen, das muß man sich nur mal vorstellen.

Und was man sich auch nur mal vorstellen muß: Wenn Sie etwa eine Autovermietung oder ein Carsharingunternehmen wären, und wir fürchten müßten, daß demnächst lauter Autos in diesem Blau …

Nein, das darf man sich gar nicht vorstellen.

Zwotens: es ist dies gar kein Plakat. Es ist dies ein irgendwie elektronisches, selbstleuchtendes, automatisch die Motive wechselndes Dingsbums in Plakatform, so eine Art riesiger elektronischer Bilderrahmen mit Slideshow und rechts und links zwei herkömmlichen Plakaten als Sidekicks. Mit anderen Worten: ekelhaft. Meine Meinung.

Und drittens: Sie fordern mich allen Ernstes auf, zu Facebook zu gehen, um mehr über Sie zu erfahren?! Ich weiß jetzt schon mehr über Sie, als ich je wissen wollte, nämlich daß es Sie gibt. Was soll ich da noch bei Facebook? “Eher geh ich noch zum heiligen Rock nach Triere, als ins Facebooksche!” hat Arno Schmidt mal gesagt, und ich schließe mich dem gerne an. Ich kenne da einen guten ICE nach Trier, das geht ganz fix, ich muß bloß sitzenbleiben.

So, jetzt wissen Sie’s.

Neinnein, keine Sorge, Ihre Identität werde ich nicht enthüllen. Ich finde, die soll Ihr kleines Geheimnis bleiben, welches Sie eines Tages mit ins Grab nehmen werden. Nicht wahr?

Na sehn Sie. – Wann kann ich damit rechnen? – - – Was denn, was denn, sooo lange noch??

Hilf Himmel! – Schaffner! – Eine Anschlußfahrt nach Trier bitte. – Und könnten Sie für mich diese Flasche nach draußen werfen? – Vielen Dank!

Radagast

Die Kommentarfunktion für diesen Post wurde deaktiviert.

Navigation