R.O.T.K.Ä.P.P.C.H.E.N. – Der volle Kanal

Montägliche Märchenstunde mit Onkel Jan und seinen kleinen Vorurteilen. Heute: das Märchen vom Plattscheitelchen.

Es war einmal eine kleine emanzipierte Ministerin, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihr Onkel Jan, der wußte gar nicht, was er alles dem Kinde geben sollte, so emanzipiert war es. Und Onkel Jan kriegte immer, wenn er sie sah, sooo einen Präsentkorb, denn wenn es etwas gab, bei dem Onkel Jan sooo einen Präsentkorb kriegte, dann waren es kleine emanzipierte Dirnen Ministerinnen. Diese Ministerin aber war ganz besonders emanzipiert, nämlich so emanzipiert, daß sie, als sie eines Tages eines Töchterleins genas, schon 10 Wochen später wieder am Bügelbrett stand und sich die blonden Haare bügelte, denn sie hatte eines Tages herausgefunden, daß man die blonden Haare auf dem Bügelbrett plattbügeln konnte. Seitdem hieß sie bei aller Welt nur noch das Plattscheitelchen.

Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm „komm, Plattscheitelchen, da hast du einen Präsentkorb mit Kuchen und Fördergeldern und einer Flasche Rotspon, bring das dem Onkel Jan hinaus in sein Wolkenkuckucksheim; er ist schwachen Sinnes und kränkelnden Geistes und wird sich daran laben. Mach dich auf bevor es heiß wird, und wenn du hinaus kommst, so geh hübsch sittsam und emanzipiert, bleib auf der rechten Straßenseite und laß dich nicht vom rotgrünen Jägersmann ansprechen, sonst kriegt der Onkel Jan noch den Haschmich und zerbricht das Glas, zertrampelt den Korb und streut die Fördergelder im Hause herum. Und wenn du in seine Stube kommst, so vergiß nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in alle Ecken. Und laß das Bügeleisen in Ruhe, der Onkel braucht es, um seine Zipfelmütze zu bügeln.”

„Ich will schon alles rechts machen“ sagte Plattscheitelchen zur Mutter, und gab ihr die Hand darauf. Des Onkels Wolkenkuckucksheim aber lag draußen im Wald, eine halbe Stunde vorm Dorf. Wie nun Plattscheitelchen in den Wald kam, begegnete ihm der braune Wolf. Plattscheitelchen aber wußte nicht was das für ein böses Thier war und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Plattscheitelchen,“ sprach er. „Schönen Dank, brauner Wolf.“ „Wo hinaus so früh, Plattscheitelchen?“ „Zum Onkel Jan.“ „Was trägst du unter der Schürze?“ „Einen Präsentkorb und Fördergelder. Und Rotspon. Gestern haben mein Ministerium und ich die Förderrichtlinien geändert. Da soll sich der kranke und schwache Onkel etwas zu gut tun, und sich damit stärken.“ „Plattscheitelchen, wo wohnt dein Onkel?“ „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht sein Wokenkuckucksheim, unten sind die Kuckucke und oben die Wolken, das wirst du ja wissen“ sagte Plattscheitelchen. Der braune Wolf dachte bei sich „das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als der alte Knochen: du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst.“ Da gieng er ein Weilchen neben Plattscheitelchen her, dann sprach er „Plattscheitelchen, sieh einmal die schönen Blumen, die rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wenn du zum Ministerium giengst, und ist so lustig haußen in dem Wald.“

Plattscheitelchen schlug die Augen auf, und als es sah wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten, und alles voll schöner Blumen stand, dachte es „Rechter Weg hin, rechter Weg her, wenn ich dem Onkel Jan einen frischen Strauß mitbringe, wird er mich für umso emanzipierter halten; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,“ lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein. Der braune Wolf aber gieng geradeswegs nach dem Haus des Onkels, und klopfte an die Thüre. „Wer ist draußen?“ „Plattscheitelchen, das bringt einen Präsentkorb und Rotspon, mach auf.“ „Drück nur auf die Klinke,“ rief der Onkel, „ich kann nicht aufstehen, ich freue mich sooo über deinen Besuch, es wäre indezent, wenn ich die Decke zurückschlüge.“ Der braune Wolf drückte auf die Klinke, die Thüre sprang auf und er gieng, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett des Onkels und verschluckte ihn. Dann that er dessen Kleider an, schnippte ein Stäubchen vom Schlafrock, legte sich in sein Bett und zog die Vorhänge vor.

Plattscheitelchen aber war nach den Blumen herum gelaufen, und als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm der Onkel Jan wieder ein und es machte sich auf den Weg zu ihm. Es wunderte sich daß die Thüre aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte „ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mirs heute zu Muth, und bin sonst so gerne beim Onkel!“ Es rief „guten Morgen,“ bekam aber keine Antwort. Darauf gieng es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag der Onkel, und hatte die gebügelte Zipfelmütze tief ins Gesicht gezogen, und wie immer nach einem guten Mittagessen hatte er einen so mörderischen Präsentkorb, daß sich die Bettdecke buckelte. „Ei, Onkel Jan, was hast du für gemeine Ohren!“ „Daß ich dich besser hören kann.“ „Ei, Onkel Jan, was hast du für eine unegale Nase!“ „Daß ich dich besser riechen kann.“ „Ei, Onkel Jan, was hast du für verschmockte Augenbrauen!“ „Daß ich dich hochmüthiger ansehen kann.“ „Aber, Onkel Jan, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Tja. Nicht wahr? Das ist nun einmal so. Mein Markenzeichen. Aber ein gutes Geschäftsmodell ist es.“ Kaum hatte der braune Wolf das gesagt, so that er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Plattscheitelchen.

Wie der braune Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fieng an überlaut zu schnarchen. Der rotgrüne Jägersmann gieng eben an dem Haus vorbei und dachte „wie der Onkel Jan schnarcht, du mußt doch sehen ob ihm etwas fehlt.“ Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er daß der braune Wolf darin lag. „Finde ich dich hier, du alter Sünder,“ sagte er, „ich habe dich lange gesucht.“ Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der braune Wolf könnte den Onkel Jan gefressen haben, und er wäre noch zu retten: schoß nicht, sondern nahm eine Scheere und fieng an dem braunen Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte gethan hatte, da sah er das blonde Scheitelchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang die Ministerin heraus und rief „ach, wie war ich erschrocken, wie wars so dunkel in dem braunen Wolf seinem Leib!“ Und dann kam der Onkel Jan auch noch lebendig heraus und konnte kaum athmen. Plattscheitelchen aber holte geschwind ein paar Loyalitätserklärungen her, damit der rotgrüne Jägersmann sein Bekenntnis zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ablegen konnte. Als der sich weigerte und sie fragte, ob sie noch rechts bei Groschen sei, mischte sich der Onkel Jan ein, der im Bauch des braunen Wolfes aber erkennbar zuwenig Sauerstoff bekommen hatte, denn er verlangte, der rotgrüne Jägersmann solle entweder das Gelübde thun, oder aber sie beide wieder einnähen.

Während sich die drei noch kabbelten, erwachte der braune Wolf, kratzte sich den Bauch, fror an der Milz, sah sich die Bescherung an, schüttelte den Kopf, nähte sich den Bauch wieder zu, lauschte dem Gekäbbel einen Moment, tippte sich an die Stirn, steckte die Fördergelder ein, aß den Kuchen, trank den Rotspon, zerbrach das Glas, zertrampelte den Korb und machte sich davon in das schöne Land Thüringen mit seinen herrlichen Buchenwäldern.

Ein Kommentar zu “R.O.T.K.Ä.P.P.C.H.E.N. – Der volle Kanal

  1. Und weil sie sich gegenseitig so lautstark versicherten, das es nichts Schöneres gäbe, als das Stakkato von Meineiden auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung, überhörten sie leider das Geräusch des Zeitgeist-ICE, der – ohne auch nur ein wenig zu bremsen – durch die bescheidene Hütte des Konservatismus bretterte und die beiden ganz und gar zermalmte. Jan zuckte ein letztes Mal mit der arroganten Braue und wollte noch etwas über hysterische Lokomotivführer bemerken, als das die Spülung einer der Toiletten betätigt wurde und…
    schönen Tag noch
    Pantoufle


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