Loch Lomond

Ein Land-Blog (der Name ist der Redaktion nur zu gut bekannt) hatte bei seiner Freundin einen Besuch gemacht, einem Stadt-Blog, das sich von jeher was darauf zugute getan hatte, wunders was Besseres zu sein als “Ihr da draußen. Was um Himmels willen macht man bei Euch nach dem Abendbrot?”

“Klingt wie von Woody Allen,” hatte das Land-Blog geknurrt, und das Stadt-Blog hatte geantwortet: “Wäwäwäwäwä!” und die Zunge rausgestreckt.

Es nannte sich “Mein Gott bin ich froh, daß ich in der Stadt wohne! Stimmt es, daß Ihr da draußen alle eine Anhängerkupplung habt?” Natürlich stimmt das, aber wir haben ja auch alle ein Auto. Zwei Autos, wenn wir berufstätig sind, drei Autos, wenn wir Kinder haben. Und ein SUV, um die Rehe von der Straße zu schleifen. Und ein Quad, um die Rehe aus dem Wald auf die Straße zu hetzen. Das Stadt-Blog hatte nämlich kein Auto, und dachte, wir hätten die Anhängerkupplung direkt am Po. Das ist aber nicht so.

Das Stadt-Blog hatte seinem Freund schon seit Jahren in den Ohren gelegen, es, das Land-Blog, müsse es einmal besuchen kommen, man speise dort schon ganz anders, “als bei Euch da draußen. Stimmt es, daß man bei Euch an der Tanke noch nicht mal Zitronengras bekommt, wenn man am Sonntagabend spät mal kochen will?” – Schon möglich. Indessen gibt es bei uns an der Tanke alles, was man zum Leben braucht, z.B. Abschleppseile. Denn die conditio sine qua non dafür, daß man am Sonntagabend Lust hat, zu kochen, ist ja wohl die, daß einen zuvor einer aus dem Straßengraben gezogen hat. Solange man darin liegt, geht es wohl auch einmal ohne Zitronengras.

Sonntagabends spät allerdings gibt es an der Tanke auch kein Abschleppseil, da hat die zu.

“Du bist ein recht großer Tor”, hatte das Stadt-Blog zum Land-Blog gesprochen, “daß du da draußen so kümmerlich dein Leben fristest, während du es in der Stadt so glänzend führen könntest wie ich. Gehe mit mir in die Stadt unter Menschen, dort hast du Vergnügen und Überfluß.” Das Land-Blog aber wußte, warum es aufs Land gezogen war, selbst wenn das bedeutete, daß es vierteljährlich den Gegenwert eines Quads in Tabaksvorräte umwandeln mußte, um nicht sonntagabends spät eine böse Überraschung an der Tankstellentüre zu erleben. Menschen! Es waren Menschen gewesen, die damals, als das Land-Blog noch im Hinterhaus gewohnt hatte, allabendlich mit Baseballschlägern in der Toreinfahrt gelungert hatten. Menschen im Überfluß, so daß es schon kein Vergnügen mehr war, zwischen den lichtscheuen Gestalten hindurch zu müssen.

“H”, “A”, “S”, “S”

hatte der eine auf seine Fingerknöchel tätowiert gehabt,

“M”, “A”, “K”, “L”, “E”, “R”

der andere,

“V”, “E”, “R”, “M”, “I”, “E”, “T”, “E”, R”

der dritte,

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“D”, “I”, “E”, ” “, “P”, “U”, “P”, “P”, “E”, “N”

der vierte,

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“D”, “A”, “S”, ” “, “K”, “A”, “N”, “N”, “S”, “T”, ” “, “D”, “U”,
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der fünfte und

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der letzte.

Endlich aber ließ das Land-Blog sich breitschlagen, fuhr in die Stadt, und wurde vom Stadt-Blog am Bahnhof in Empfang genommen, wo das Unheil auch schon anfing, denn sowohl auf dem U-Bahnhof als auch in der U-Bahn wurden experimentelle Kurzfilme gezeigt, die das Land-Blog aber nicht sehen wollte, denn es war seinerzeit u.a. deswegen aufs Land gezogen, weil es keine experimentellen Kurzfilme sehen wollte. Nicht beim U-Bahnfahren. Und auch sonst nicht. Es verlangte, sie sollten aussteigen und eine andere U-Bahn nehmen, eine mit weniger experimentellen Kurzfilmen, am besten mit gar keinen, und ein böses Wort gab das andere, und nach kurzer Zeit war es wieder wie früher, als das Stadt-Blog immer den Fleischsalat im gemeinsamen Kühlschrank hatte antrocknen lassen und das Land-Blog gestichelt hatte, was man denn Fleischsalat brauche, wenn man ihn antrocknen lasse? Es sei doch wohl besser, sich frischen Fleischsalat von der Tanke zu holen, wenn man denn mal welchen brauche, was es, das Land-Blog aber verneine, woraufhin das Stadt-Blog das Bügeleisen nach dem Land-Blog zu werfen pflegte, so daß dicke Bügeleisenbeulen in der Kühlschranktür zurückgeblieben waren.

Dann aber saßen sie in prachtvollen, mit Damast überzogenen Sesseln, und dem Land-Blog gefiel es nicht, daß man am Nachbartisch orangefarbene Hosen trug, aber das Stadt-Blog meinte, das Land-Blog solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, und das Land-Blog überreichte sein Gastgeschenk, ein Überbrückungskabel, so gut wie nicht gebraucht, nur einmal, und da falsch gepolt, weswegen die Kunststoffumhüllung der roten Kupferklammer etwas unorthodox aussehe, und das Stadt-Blog sagte “Doofmann!”, warf das Gastgeschenk in die Ecke und bestellte Nudeln und das Land-Blog bestellte aus Opposition Kartoffeln, aber es gab keine Kartoffeln.

Ringsumher nahm das Festmahl seinen Fortgang, und nach den Nudeln bestellte das Stadt-Blog Fisch, und das Land-Blog bestellte aus Opposition Blutwurst mit Bratkartoffeln, aber es gab nur Scaloppine alla Milanese, und das Land-Blog wollte unter diesen Umständen lieber ein Bier, aber es gab Bier nur aus Flaschen im Goldwams, und während das Land-Blog darüber nachsann, wie gemütlich es doch jetzt im Pilgrimhaus sein müßte, und wann es das letztemal so auf dem Nagelbrett gesessen habe, wie heute abend, kam es drauf, daß das im letzten Winter gewesen sein müsse, als es mit dem falschen Auto in der Feldmark gewesen und in einer Schneewehe steckengeblieben war, wo es eine dreiviertel Stunde frierend auf Hilfe hatte warten müssen und sich einen hübsch raschelnden Bronchialkatarrh zugezogen hatte. Was aber noch gar nicht mal das Schlimmste gewesen war, das Schlimmste war es gewesen, daß es sich zu seiner bodenlosen Scham eines Wegwerftelefones hatte bedienen müssen. Es schüttelte es noch heute bei dem Gedanken, was das Stadt-Blog zu der indiskreten Frage verleitete: “Woran denkst du gerade?”.

“Abschleppseile!” sagte das Land-Blog, und brachte damit die Unterhaltung zum Kippen, indem das Stadt-Blog zeterte, es, das Land-Blog, sei ein unmöglicher Kerl, immer schon gewesen, der, während das Stadt-Blog sich über das Wiedersehen freue, bloß ans Abschleppen denke.

An Abschleppseile korrigierte das Land-Blog knurrig, und ein böses Wort gab das andere, und über kurz war man wieder so weit wie früher, als man sich trennte wo man ging und stand. Das Stadt-Blog argwöhnte, es habe wohl nicht viel Sinn, zu fragen, ob das Land-Blog noch einen Cappucino mittrinken wolle, und das Land-Blog sagte, es wolle nicht nur keinen Cappucino, sondern es wolle darüberhinaus noch nicht mal einen Espresso; möge das Stadt-Blog die High-Road nehmen, es, das Land-Blog nehme hier und jetzt die Low-Road, es wolle, es müsse und es werde heute noch in Schottland sein, und das einzige, was es sich jetzt noch vorstellen könne, sei ein Highland Single Malt Whisky, ein Dutzend Jahre alt und aus dem letzten Jahrtausend herübergrüßend, aber sie hatten bloß 10 Jahre alten.

Denn eben nicht.

Auf dem Weg zum Bahnhof mußte das Land-Blog durch die U-Bahnstation und sah mit Mißvergnügen schon beim Betreten, daß die lichtscheuen Gestalten, die am Ende des Bahnsteigs herumlungerten, zum Überfluß auch noch orangefarbene Hosen trugen, und daß es sich zwischen ihnen würde durchzwängeln müssen.

“I”, “N”, “F”, “L”, “U”, “E”, “N”, “Z”, “A”, ” “, “A”

hatte der eine auf seine Fingerknöchel tätowiert,

“I”, “N”, “F”, “L”, “U”, “E”, “N”, “Z”, “A”, ” “, “B”

der andere,

“P”, “A”, “R”, “A”, “I”, “N”, “F”, “L”, “U”, “E”, “N”, “Z”, “A”

der dritte,

“R”, “S”, “-”, “V”, “I”, “R”, “U”, “S”

der vierte,

“C”, “O”, “R”, “O”, “N”, “A”, “V”, “I”, “R”, “U”, “S”

der fünfte und

“R”, “H”, “I”, “N”, “O”, “V”, “I”, “R”, “U”, “S”

der letzte.

Die Baseballschläger hatte das Land-Blog zu spät gesehen. “Der röchelt noch,” war das letzte, was es hörte, “los, gib ihm.”

Dann dämmerte es dahin.

10 Tage war das Blog dann krank. Jetzt raucht es wieder.

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