Gefahr für Deutschland

Wie fast allgemein bekannt, driftet die SPD stetig nach links. Es ist nicht ganz klar, seit wann, die einen (FDP) sagen: seit der Ära Schröder, die anderen (FDP) sagen: seit der Ära Brandt, wieder andere (FDP) sagen: seit jeher. Der bekannte Parteienforscher Christian Wulff (FDP) hat sich des Casus’ einmal angenommen und festgestellt, daß dies nicht sprungweise geschieht und daher auch nicht an bestimmte Ären und deren Ende gekoppelt ist, sondern daß die Drift der SPD, ähnlich wie bei den großen Kontinentalplatten, kontinuierlich, ja täglich vor sich geht, und zwar nach links.

Beobachter am linken Ufer allerdings – ein paar Rentner, die dort auf ihren Bänken sitzen und warten, daß die guten alten Zeiten wiederkommen – sagen übereinstimmend aus, daß die SPD dort bislang noch nicht angekommen ist und auch mit einem guten Fernglas (Leica Ultravid 10 x 25 BR, Urteil Stiftung Warentest (2006): Sehr gut (1,5)) noch nicht zu sehen ist. Man wolle nicht ausschließen, daß sie eines Tages noch kommt, aber in den letzten 24 Stunden seien nur ein Ast (Esche), ein Heringseimer (Homan Dill-Happen), eine halbvolle Wasserflasche (Evian, 1,5 l), eine Deutschlandfahne (schwarzrotgold) mit Autofensterhalterung und ein Ballen unidentifizierbares Zeugs verknäult mit allem möglichen anderen unidentifizierbarem Zeugs angetrieben worden. Keine SPD.

Es sei denn, in dem Geknäuel wäre etwas Sozialdemokratie mitverknäult. Könne man nicht ausschließen. Könne man aber auch nicht erkennen. Und anfassen möge man es nicht.

Für die Diskrepanz zwischen stetiger Linksdrift der SPD einerseits und gleichzeitiger SPD-Freiheit des linken Ufers andererseits müßte es eine Erklärung geben, denn ansonsten wäre sie unerklärlich. Was nicht sein darf. Und wie immer, wenn etwas unerklärlich ist, gibt es mehrere Erklärungen dafür. So ist zum Beispiel die Rede davon, daß es die Achse des Flusses selbst sei, die sich immer weiter verlagere, und zwar nach links. Und zwar nicht erst seit gestern, sondern bereits seit 1989, wie die einen sagen, seit 1968, wie die anderen sagen, oder vielleicht auch schon seit 1848, was man auch schon gehört hat. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch die Möglichkeit der Existenz von Paralleluniversen und Wurmlöchern; und wir hier bei TaE hangen der schönen Theorie an, daß es an der FDP liegt, und daran, daß sie, wenn sie den Mund aufmacht, sowieso nur Blech redet. Nicht ausschließlich dann, wenn sie den Mund aufmacht, aber zuverlässig immer dann, wenn sie den Mund aufmacht.

Denn in all den Jahren, in denen die SPD nun schon nach links driftet, ohne dort je anzukommen, in all den Jahren hat sich die FDP überhaupt nicht bewegt, jedenfalls nicht vom Fleck, sondern ist immer nur um ihren eigenen Nabel gekreist.

Wie herum? Wer vermöchte es zu sagen? Links herum wohl nicht, rechts herum aber auch nicht, denn nach eigenem Verständnis ist die FDP weder links noch rechts, sondern sie ist ihre eigene Mitte. Und mitten in dieser Mitte, genau in deren Zentrum, sitzt ein Wurmloch.

Darinnen haust ein Wurm namens Lindner. Und der redet Blech.

Dieser Lindnerwurm nämlich attestiert der SPD im heutigen Spiegel-Online-Geknäuel, sich unter dem Parteivorsitzenden Gabriel “nach links bewegt zu haben”. Auch schon was! Jeder, der unter den Vorsitzenden Gabriel gerät, kann froh sein, wenn er zu irgendeiner Seite hin entkommt, egal zu welcher. Hauptsache, er wird nicht zerquetscht. Schlimm ist allein das Verharren in der Mitte.

Denn da sitzt bereits der Tatzelwurm und nennt die SPD eine “Gefahr für Deutschland”.

Gefahr für Deutschland? Mag sein. Nach der Wahl vielleicht. Vielleicht ja, vielleicht nein. Für Deutschland, sehr wohl gemerkt. Keine Gefahr nämlich dürfte die SPD bislang für das linke Ufer sein, welches von einer starken linken Strömung natürlich unterspült und unterhölt werden würde, was auf die Dauer dazu führen würde, daß einzelne Brocken abbrechen und ins Wasser plumpsen und mitgerissen und ins Meer gespült werden, und die Rentnerbänke würden absacken, und die Rentner müßten sehen, daß sie ihren Hintern hochkriegten usw. usf. Aber diese Gefahr besteht hierzulande überhaupt gar nicht. Das linke Ufer ist bei uns entschieden sicherer als ein durchgeweichter Oderdeich. Zwei entschlossene Bisamratten können sehr viel größeren Schaden am Ufer anrichten als die gesamte Sozialdemokratie. Vorausgesetzt, man läßt ihnen genügend Beinfreiheit.

Apropos Beinfreiheit: er schätze den Kanzlerkandidaten der SPD, Peer “Sansculotte” Steinbrück, läßt der Nabelwurm uns wissen, denn der sei ein ehrenwerter Mann. Eine respektable Persönlichkeit. Ob er aber in seiner Eigenschaft als respektable Persönlichkeit ein Gesprächspartner für die FDP sei, das stehe noch dahin. Denn dazu müßte es ja in der FDP ebenfalls respektable Persönlichkeiten geben. Woher solle aber er, ein einfacher Tatzelwurm, diese nehmen? “Solange die SPD ihre Linksdrift nicht in den Griff kriegt, solange sie sich weiter auf einem Kurs weg von der Agenda 2010 bewegt, solange sie sich an der schädlichen Politik von Frankreichs Präsident François Hollande orientiert, und solange die FDP niemanden hat, der respektabel wäre, oder der eine Persönlichkeit hätte, oder den man mit in die Öffentlichkeit nehmen könnte, solange sehe ich keine ausreichende Gesprächsgrundlage.”

Einer von denen, die man nicht mit in die Öffentlichkeit nehmen kann, was den aber nicht kümmert, er kommt einfach trotzdem mit, ist der Fraktionschef Rainer “Narrenmund” Brüderle, das schwarzgelbe Loch der sternhagelblauen FDP-Galaxie. Der äußert sich ganz ähnlich wie der Lindwurm, denn auch er nennt Peer Beinfrei eine respektable Persönlichkeit. Und sagt, das SPD-Programm stehe auf einem anderen Blatt. Auf diesem Blatt hier – er hält ein imaginäres Blatt an spitzen Fingern in die Höhe, auf diesem Blatt stehe: – “Moment! Hoppla!” – (Das imaginäre Papier ist ihm runtergefallen, er muß es erst aufheben. Ist ein bißchen naß geworden. – Aber jetzt kann es weiter gehen:) – “Zwar Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht wär’ / doch Beinfrei ist ein ehrenwerter Mann!”

Weshalb er – Narrenmund – auch keine ausreichenden Schnittmengen mit der FDP sehe: “Da sehe ich keine ausreichenden Schnittmengen mit der FDP.” Es sei ja übrigens keineswegs sicher, daß die FDP einem Bundestag, aus dem heraus die SPD zu einer Gefahr für Deutschland werden könnte, überhaupt angehören würde. “Vielleicht ja, vielleicht nein. Hoffentlich ja. Vielleicht aber auch nein. Ist für die Größe der Schnittmenge aber egal, denn davon haben wir ja bei uns immer noch keine Ehrenmänner.”

Wenn die FDP die hätte, ja wenn, dann, ja dann, könnte sie zusammen mit der SPD zu einer Gefahr für Deutschland werden, die sich gewaschen hätte. Dann bräuchten sich die beiden hinter den anderen möglichen Gefahren für Deutschland (der schwarzgrünen Gefahr, der schwarzroten Gefahr oder der rotrotgrünen Gefahr) nicht zu verstecken.

Was sollen wir sagen? Müßten wir unsere These, daß die FDP immer nur Blech rede, revidieren? Sollten wir in uns gehen? Abbitte leisten? Sagen, daß die FDP zwar in neun von zehn dokumentierten Fällen Blech rede, aber einmal auch, und sei es unfreiwillig, mit recht brauchbarem Blech daherkomme? Nämlich, wenn sie hackestramm sei?

Wir sehen da, was uns betrifft, eine große Schnittmenge mit der FDP.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


zwei + 2 =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Navigation