Offener Brief

an die Frankfurter Allgemeine Zeitung
Frankfurt a.M.

Verehrte FAZ,

wie ich momentan ganz allgemein im Netz erfahre, hast Du einen Blogger abgemahnt, weil der einen Link gesetzt hat. So isser, der Blogger. Immer vorneweg, wenn es einen Link zu setzen gilt. Das geht wie das Brezelbacken bei Brezel Benno, das Linksetzen, und das geht bei seinereinem womöglich als Journalismus durch. Aber das am Rande. Wie ich durch die Berichterstattung der übrigen Blogger – die ihrerseits aber auch mit den Links nicht schlecht zu Fuß sind, mein lieber Mann! Mein lieber Krokoschinski! Man hat den Eindruck, daß diese Blogger sich keinen lieberen Zeitvertreib wissen, als Links zu setzen, oder daß Linksetzen vielleicht ihr zweitliebster Zeitvertreib wäre, während sie am allerliebsten – wir sind schließlich alle nur Menschen! – ihren Sinnesfreuden frönten und, wie jeder von uns, wenn er es sich aussuchen kann, am allerallerliebsten FAZ-Wissenschaftskorrespondentinnen schmähten – wie ich also von denen erfahre, ging es bei deinem Abmahngerede darum – um Vergebung: Abmahnbegehren -, das üble Nachgerede, das der Blogger Deiner Wissenschaftskorrespondentin in Form seiner Links hinterher- und der Wehrlosen in den Rücken geredet habe, zu stoppen. Daß es damit ein Ende habe. Und wieder Ruhe einkehre.

Ruhe, die nun aber erst richtig nachhaltig gestört ist, und zwar, glaubt man den Bloggern, durch Dich. Und wie das in deren Kreisen üblich ist, zeigen sie, wenn sie jemand mit Marmelade an den Fingern, am Kragen und im Gesicht, aus der Vorratskammer kommen sehen (das wärest diesmal Du), mit den Fingern, tanzen Ringelreihn und singen im Chor “Streisand, Streisand, Streisand!”

Streisand, verehrte FAZ, damit ist wahrscheinlich Barbra Streisand gemeint, die Frau, die gegen Ende des Films ‘Is’ was, Doc?’ im Flugzeug zu Ryan O’Neal sagte: “Lieben bedeutet, niemals um Verzeihung bitten zu müssen,” woraufhin O’Neal antwortete: “Was Dümmeres habe ich noch nie gehört.” Was ja sein kann. Aber man darf, FAZ, sicher davon ausgehen, daß O’Neal Dich damals, als er das sagte, nicht kannte. Oder vielleicht, wenn er Dich gekannt hätte, damals, dann hätte er trotzdem noch nie etwas Dümmeres gehört, als das, was Streisand im Flugzeug sagte, weil Du – auch das kann sein – damals noch nicht so dummes Zeug von Dir zu geben pflegtest. Obwohl Du schon immer dummes Zeug von Dir gegeben hast, aber nicht so dummes Zeug. Heute gälte das jedoch nicht mehr, denn das muß man Dir schon sagen dürfen, FAZ: Das war ein Riesenblödsinn, den Du da veranstaltet hast. Selbst wenn Du auf der ersten Seite der FAZ von Nils Minkmar schreiben ließest: “Liebe bedeutet, niemals um Verzeihung bitten zu müssen,” wäre das nicht solch ein Riesenblödsinn. Obwohl es auch Blödsinn wäre, klar, denn richtig müßte es natürlich heißen: “Liebe bedeutet, niemals eine strafbewehrte Unterlassungserklärung abgeben zu müssen.”

Denn schaun wir’s mal an, was Du da gesagt hast, nolens oder volens, wir nehmen mal an nolens, und wenn doch volens, dann umso schlimmer! Nicht nur gibst Du ja damit zu verstehen, daß Du nicht damit rechnest, dieser Blogger einer könnte Dich lieben, lieben in dem Sinne, in dem Ryan O’Neal in dem Film ‘Love Story’ zu Ali McGraw sagte: “Ich liebe dich, werde die Meine, komm!” – das ist schließlich nicht anders zu erwarten, einen solchen Satz würde einer Zeitung wie Dir gegenüber wohl nur Rupert Murdoch über die trockenen Greisenlippen bringen, und was desseneiner unter Liebe versteht, das wollen wir, die wir uns unseren Kinderglauben ins Mannesalter gerettet haben, lieber gar nicht wissen. Was Du aber außerdem en passant mit bloßlegst, nämlich dadurch, daß du von dem Blogger verlangst, er möge nicht mehr behaupten, Deine im Gerede stehende Wissenschaftskorrespondentin würde eine bekannte ehemalige Wissenschaftsministerin niemals um Verzeihung bitten müssen wollen, – habe ich schon wieder ‘Gerede’ gesagt? Da muß ich wohl noch einmal um Verzeihung bitten; ich meine: Deine in Rede stehende Korrespondentin – das ist doch, ja, das ist doch – was soll man denn dazu sagen? FAZ? Das hat doch auch niemand behauptet! Jedenfalls der Blogger nicht. Und auch nicht das von ihm verlinkte Blog. Und schon gar nicht Unterzeichneter, der dergleichen auch niemals behaupten würde.

Unterzeichneter, der sich seinen Kinderglauben ins Mannesalter zu retten versucht, ihn dort in einen Sack sperrt, denselben oben zubindet, und sich draufsetzt, damit er ihm nicht entkommt, Unterzeichneter hält es mit der Königin Victoria, die der Idee, die der Möglichkeit, es könnte zwei Frauen geben, deren beide die je andere niemals um Verzeihung bitten müßten, in ihrer Vorstellung schlichtweg keine Audienz einräumte. Diese Möglichkeit kam bei ihr nicht einmal in die Antichambre, sondern wurde in den Burggraben geworfen, zwischen Froschlaich und Entengrütze. Du aber, FAZ, Du führst uns mitten hinein in die Kemenate, in der unsereiner nichts verloren hat, um uns dann mit auf den Weg zu geben, wir sollten aber über das Gesehene stilleschweigen. Stilleschweigen über etwas, von dem wir nichts wüßten, zerrtest Du uns nicht die behütende Hand von den Augen. Und machtest uns damit zum Gespött, denn wie mein Kinderglaube mir sagt, kann, wer sieht, auch gesehen werden. Ich will aber nicht gesehen werden, nicht von Dir, und schon gar nicht von Tausendschönchen. Nicht wenn ich – wie drücke ich das züchtig aus? – nicht wenn ich gerade im Kämmerlein niemanden um Verzeihung zu bitten brauche. Aber was tust du? Du lenkest unser Augenmerk geradezu hin auf die nackte Tatsache der Existenz fremder Gemächer! Und auf die Existenz von Frauen in denselben. Ja, schlimmer noch, auf die Existenz von Frauen! Von Frauen schlechthin und – damit nicht genug – von Frauen in Deinen Reihen!!

FAZ! Um Alles in der Welt! Bei allen Göttinen des Olymp! Bei Sappho und Aphrodite! Warum? FAZ?? – Ist es wahr, daß Du eine Korrespondentin beschäftigst? Du? Eine der konservativsten im Lande? Ja bist Du denn … Wie konntest Du … Was tatest Du … Eine Frau?! Und verlangst von anderen Abbitte? Siehest nicht den Zimmermannsbalken in Deinem Auge, wohl aber die geknickte Wimper im Auge des Nächsten? Was ritt Dich, o FAZ? Was schwante Dir? Tat das denn not? – Hast Du es mit einer Abmahnung probiert? Und trotzdem bleibt sie? Und geht nicht fort? – Na bitte! Ich sag’s ja: Abmahnungen nutzen nichts. Sie schaden bloß.

Wie steh ich denn jetzt da? Wie soll ich denn vermitteln, daß ich eine Zeitung lese, in der fremde Frauen schreiben? Es Tausendschönchen vermitteln, meine ich. Die ist imstande und mahnt mich ab. Nun, streng genommen lese ich Dich ja gar nicht, FAZ, da hast Du schon recht. Nur wenn was ist, wie jetzt, dann schau ich mal rein, damit nachher nichts ist. Im allgemeinen laß ich Dich ja liegen, wo Du grad liegst, und geh meiner eigenen Wege. Keine Frage. Aber das ist ja nicht die Frage, die Frage ist vielmehr: Glaubt Tausendschönchen mir das? Und ich glaube, sie glaubt es mir nicht. Mein Kinderglaube ist an der Stelle mit einer strammen Portion Skepsis verschnitten. Und ich bin mir gar nicht mal sicher, daß es hülfe, wenn ich argumentieren könnte, daß die im Ger … daß die in Rede stehende Korresp … die in Rede stehende Journa … Perso … Dame ihrerseits nur Damen nicht um Verzeihung zu bitten zu brauchen gewohnt ist, denn bezüglich Damen, die nur Damen nicht um Verzeihung zu bitten brauchen, hat Tausendschönchen, wie zu fast allen Dingen dieser Welt, ihre eigene Meinung.

Sie war nämlich einmal, als sie noch Genderstudentin war, mit anderen Genderstudentinnen zusammen auf einer Genderstudentinnenfreizeit, und in der Genderstudentinnenpension gab es eine Genderstudentinnenbadewanne – stopp! – gab es eine Badewanne. Betonung auf 1 Badewanne, die sich die Genderstudentinnen teilen mußten. Und zu dieser Badewanne gab es die Geschäftsregel, daß diejenigen Genderstudentinnen, die auch Herren nicht um Verzeihung zu bitten brauchten (davon gab es eine oder zwei), diese Badewanne nicht benutzen durften, weil die Studentinnen, die ausschließlich Damen nicht um Verzeihung bitten mußten (das war der Rest), so beschlossen hatten. Sie erhofften sich davon irgendwas, oder befürchteten es. Vielleicht waren sie auch einfach nur plemplem. Jedenfalls wird auch die entschlossenste Genderstudentin Tausendschönchen nicht davon abhalten, zu baden, wenn sie zu baden wünscht, und wenn die restlichen Studentinnen gewußt hätten, auf was sie sich einlassen, würden sie die Regel eventuell ausgesetzt oder nicht angewendet haben. Das Ergebnis des Wochenendes jedenfalls war, daß etliche ehemalige Genderstudentinnen den Beruf wechselten und Floristin, Theologin, Leichenwäscherin oder Journalistin wurden, nur um Tausendschönchen nicht wiedersehen zu müssen, während Tausendschönchen mit der Attitüde nach Hause kehrte, daß sie den sehen wolle, der ihr dreinzureden habe, wenn sie konsensuellen Verkehr mit einer Badewanne ihrer Wahl zu haben wünsche – also im wesentlichen unverändert.

Warum erzähle ich Dir das alles, FAZ? – Nun, zum einen deswegen, weil ich, wenn Dir alle Senf ans Bein schmieren, nicht abseits stehen will, sondern meinen halt dazuschmieren. Nicht, daß nachher was ist. Zum anderen denke ich, daß uns diese kleine Geschichte etwas lehren will, nämlich daß es nicht unsere Sache ist, wer wann wo mit wem oder allein mit welcher Badewanne Umgang hat. Es besteht auch keine Notwendigkeit, dem einen oder dem anderen vorzuwerfen, daß er es tut oder läßt. Wir haben ihn auch nicht dafür zu denuzieren. Und es besteht auch keine Notwendigkeit, den, der niemanden denunziert hat, dafür abzumahnen. Oder? Können wir uns immerhin darauf einigen? Ich weiß es noch, wie ich im Kindergarten war – ich mag so um die fünf gewesen sein, gewiß nicht sehr viel älter, denn kurz darauf haben sie mich bereits in die Schule geschafft -, da hatte ich morgens beim Kakao, wenn die Leiterin, eine Tante Annette – ich kann nichts dafür, daß sie Annette hieß! Sie hieß nun einmal so. Es steht nicht in meiner Macht, das zu ändern, schon gar nicht rückwirkend, nach all den Jahren! Wir alle müssen damit leben – da hatte ich, wenn die Leiterin, Tante Annette, die den ganzen Tag in ihrem Büro verbrachte, denn sie machte sich nicht gemein mit den operativen Kräften – Tante Ursula, Tante Angela, Tante Sabine, Tante Ilse und Tante Kristina – wenn die Leiterin also des Morgens aus dem Bürokabuff kam, um Frühstück zu fassen, denn das tat sie merkwürdigerweise nicht in der Privatheit ihres Allerheiligsten, sondern setzte sich damit an einen der Tische, der zu dem Zweck von Spielzeug zu räumen war, bebötete das Essen demonstrativ und führte es dann der Verdauung zu – wenn also Tante Annette dort am Tisch kauerte, mit gekrümmten Rücken freudlos über dem lieblos zubereiteten, aber mutmaßlich gesegneten Graubrot, dann hatte ich die gemixte Vision, wie ich mit der entkleideten Tante Annette in wehrloser Blöße eine Badewanne teilen mußte, wie ich das von meiner leiblichen Tante Theda her kannte – ça suffit!

Sagen will ich damit, daß mir schon klar ist, das es häufig genug gar nicht darum geht, jemanden nicht um Verzeihung bitten zu müssen, sondern es geht geraden Wegs und fleischesroh um die gemeine Sinnesfreudenfron. Wie sagt das kleine I-Männchen in Alexander Spoerls ‘Memoiren eines mittelmäßigen Schülers’ zur Lehrerin: “Du weißt Bescheid, Frollein, und ich weiß Bescheid,” – nämlich bezüglich des Klapperstorches, und daß es einen solchen gar nicht gebe – “und die Rotznäsen jet et nix an.” – Wir beide wissen es auch, FAZ, Du und ich, und daß nicht alles, was man sieht, wenn man sich die Augen zuhält, ein wünschenswerter Neuzugang und eine Bereicherung des inneren Bilderschatzes ist, das wissen wir auch. Es ist ein Segen und eine Gnade, wenn man über den Inhalt mancher Badewanne keinen genaueren Bescheid hat. Nicht jeder Badewanneninsasse ist so erfreulich, wie meine Tante Theda es in den Tagen ihrer frühen Tantenschaft gewesen ist – ich war fünf, wie gesagt, und hatte bezüglich der meisten Dinge auf dieser Welt noch keine Qualitätsstandards: sie waren einfach da, die Dinge, man fand sie vor, und sie gehörten dahin. Die Ungehörigkeit meiner Kindergartenvision und deren Wurzelboden waren mir denn damals auch noch kein Thema; Visionen hatte man, wie man Albträume hatte; sie gehörten zum schlechthin Vorgefundenen und wurden allenfalls kategorisiert danach, ob man anschließend eine Schürze brauchte, unter der man sich verkriechen konnte, oder ob man ohne Schürze damit fertigwurde.

Tante Annette gehörte, wie ich damals glaubte, zur zweiten Kategorie, aber, FAZ, verdrängt ist nicht verarbeitet, und am Entkorken der Flasche, die diesen speziellen Geist beherbergte, trägst Du Dein gerüttelt Maß an Schuld: was glaubst denn Du, wie weit du mit Deiner Verdrängungsstrategie kommen wirst? In diesen Tagen, da unsere Vorstellung vom Verhältnis zwischen Politik und Presse von einem ehemaligen Wirtschaftsminister und seiner Hotelbartresenmuse auf die Chiffre ‘Dirndl’ eingekocht worden ist: Du brauchst doch nur in deinem Abmahngere … -begehren die Worte ‘Lebenspartnerin’ und ‘Freundin’ zu untersagen suchen, schon sagt er plopp!, der Kork, und wir sehen vor unserem Visionsauge eine ehemalige Wissenschaftsministerin aus der Flasche steigen, der dreimal recht ist, was jenem billig war. Und das zurecht! Denn hätte sie etwa nicht die gleichen Rechte und Privilegien wie jeder hergelaufene Ex-Kabinettskollege? Doch, hat sie, hätte sie zumindest, wie eine mir bekannte Ex-Genderforscherin mich wissen läßt, als deren Freund und Lebenspartner ich mich fein hüten werde, eine andere Auffassung zu haben.

Jedoch: es grauset einen vor diesem Alb, und zwar so sehr, daß man unter eine Schürze kriechen möchte, aber unter wessen, FAZ? Die deinige? – Uuhuahähähäh! Dann doch lieber unter Barbra Streisands, die mich angenehm an meine Tante Theda erinnerte, wie sie da in Ryan O’Neals Badewanne lag: Wie sagte sie noch, als sie erfuhr, daß er und Eunice – “Eunice? Es gibt jemanden, der Eunice heißt?” – zwar keine Lebenspartner waren – “Glückwunsch!” -, aber bald welche werden wollten: “Mein Beileid!”

Willst Du, FAZ, nicht auch Deine Berufswahl überdenken? Totengräber ist nicht der schlechteste Job, wenn man mit Liebe bei der Sache ist.

Und Du müßtest nicht groß umschulen.

Germanistenfuzzi

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