Offener Brief

an den 31. März 2013
Käsdorf, Am Pfaffenacker

Lieber Ostersonntag,

laß Dich mal loben! Ich finde Dich klasse, auch wenn du zwischendurch immer wieder kuckst wie sieben Tage Regenwetter. Tausendschönchen meint zwar, ich soll mit dem Lob bis heute abend warten, aber ich finde, bei einem Tag wie Dir kann man ruhig mal eine Ausnahme machen, die ausgetretenen Pfade verlassen und etwas Neues ausprobieren. Außerdem gehörst Du zu den raren Gesellen, die, anders als die anderen, schon nach 23 Stunden wieder in die Kiste müssen, da wollen wir mal keine davon verschwenden. Die Kraft Deiner Sonne, sie ist gewaltig, so gewaltig, daß der Schnee vor Schreck vom Baum fällt, wenn sie sich durch einen Deiner Wolkenschlitze zwängt. Fast bekäme man Lust, auf dem Garagenvorplatz Unkraut zu kratzen, aber nur fast. Dazu ist es denn doch noch zu kalt. Das kann man noch nicht wirklich Unkraut nennen, was da den müden Kopf aus den Fugen streckt. So wie man Dich ja auch noch nicht wirklich Frühling nennen mag. Dein Vorgänger, Karsamstag, war immerhin noch eitel Schneetreiben, und im Forst lag der Schnee an geschützten Stellen noch bis in Hundebauchhöhe. Ein rechter Mann ist er ja schon, dieser Winter, kernfest, und auf Dauer in seinen Beziehungen aus, und wie jeder Macho ist er sentimental und glaubt, daß es ohne ihn nicht geht. Die haben nie gelernt, loszulassen, die Kerls. Frag Tausendschönchen, die weiß so was. Man soll den Mann nicht vor dem Abschied loben, ist ihr Wahlspruch. Aber ich habe gar nicht vor, den Winter zu loben. Dich will ich loben, Ostersonntag, und lasse mir das auch nicht ausreden, auch nicht von Tausendschönchen. Auch wenn die Krokusse da draußen gucken wie jemand, der nicht böse wäre, wenn seine Erdentage für diesmal rum wären. Die jährliche Wiederauferstehung sei ja schön und gut, so scheinen sie zu sagen, aber in der Zwiebel sei es auf seine Art auch nicht schlecht gewesen. Und wenn man nicht sicher sein könne, was einen draußen erwarte, könne man sich die ganze Sache doch auch schenken, oder?

Eigentlich will Tausendschönchen ja auch gar nicht, daß ich tue, was sie sagt, denn wenn sie eine Sorte Kerle noch wenige ausstehen kann als die Kerle, die nicht wissen, wann sie über sind, dann sind es die Kerle, die nicht wissen, was sie wollen. Und sich rumkommandieren lassen. Aber da kann ich sie beruhigen. Ich werde jetzt meinen Osterspaziergang machen. Vom Eise befreit waren heute morgen immerhin Klosterteich und Aue. Wenn sich die Gräben auch noch schwer tun. Weit weg, noch hinter der Türkei, schlagen die Völker aufeinander wie eh und je. Also alles in Ordnung, soweit. Jetzt will ich mit Lenchen ins Moor; dort weiß ich mir ein paar Stellen, die sowas von unter Naturschutz stehen, daß es schon eines Germanistenfuzzis bedarf, sich um des Betretens Verbot den Mephistopheles zu scheren. Dort ist heute keine Sau, vielleicht mit Ausnahme der drei, die Lenchen neulich im Birkenbruch aufgestöbert hat. Gott, was konnten die wetzen! Guter alter Bibru! O der Tage der Weltflucht im Bibru! Dort ist des Kauzes wahrer Himmel, dort bin ich Menschenfeind, dort darf ich’s sein.

Hehehe, eine ganzen Tag vor dem Abend gelobt. Weit vor dem Abend. Tja, gelernt ist gelernt, das gute alte Rebellenblut, es zwängt sich halt noch immer heiß und dünnflüssig an den arteriellen Kalkdepots vorbei! Und warum sollte ich nicht? Was soll mir schon groß passieren? So lang bist du ja nicht mehr, Ostertag. Den Rest kriegen wir schon auch noch rum. Wir müssen bloß aufpassen, daß wir nicht steckenbleiben, Lenchen und ich. Das Moor weiß auch nie, wann es genug ist, und wann es wieder loslassen sollte. Jetzt, wo der Boden nicht mehr zuverlässig gefroren ist, sieht man die Wasserlöcher ja auch nicht besser als vorher, und plötzlich steckt man im Sumpfllchchllckk

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


vier + = 5

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Navigation