Hund beißt Mann

Na ja, Schmidt las sie auf dem Umschlag,
das kling ja ganz normal, ein anständiger Name
Otto Jägersberg

Um darauf hinzuweisen, daß es neben den Herrschaften Bofinger und Franz (Namen, die man in dem Zusammenhang kennt) im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auch einen Herrn Schmidt gibt (ein Name, den man auch schon mal irgendwo gehört hat), hat Herr Schmidt darauf hingewiesen, daß es ihn gibt.

Zu diesem Zweck hat er eine Stellungnahme zum Thema Mindestlohn abgegeben und mit ‘Schmidt’ unterzeichnet. Herr Schmidt (ein Name, den man sich merken sollte) legt Wert auf die Tatsache, daß er persönlich den Mindestlohn für eine Katastrophe hält. Da trifft er sich mit mir, der ich ihn auch für eine Katastrophe halte, weil es ihn nicht gibt, und weil man von Armutslöhnen nicht leben kann. Auch Herr Schmidt stimmt der Einschätzung zu, daß man von Armutslöhnen nicht leben kann, denn er legt ebensogroßen Wert auf das biografische Detail, daß er seinerzeit die Übung “Grundrechenarten für Wirtschaftsweise” mit Bravour absolviert hat, was ihn noch heute zum Wirtschaftsweisen prädestiniert. Denn mit dem Namen ‘Schmidt’ alleine ist diesbezüglich nichts zu reißen. Allerdings hält er die Armutslöhne nicht für zu niedrig, sondern für “entschieden zu hoch”. Auch das prädestiniert Herrn Schmidt natürlich zum Wirtschaftsweisen.

Die Tatsache, daß die Armutslöhner von ihrem Armutslohn nicht leben können, ist in Herrn Schmidts Sicht der Welt vielmehr dem Umstand geschuldet, daß die Bedürftigkeit der Armutslöhner zu hoch sei. Ein Armutslöhner mit Familie sei natürlich arm dran, aber das liege an der Familie und sei nicht gottgegeben. Es sei in Mitteleuropa nicht üblich, und niemals üblich gewesen, daß ein Armutslöhner eine Familie gegründet und diese von den Früchten seiner Erwerbsarbeit ernährt habe. Das möge ein Franziskaner vielleicht anders sehen, aber es sei schließlich kein Zufall, daß der Papst nicht Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geworden sei, und er, der Herr Schmidt, nicht Papst. Denn anders als der Papst habe er die Übung “Kapitalismus für Wirtschaftsweise” besucht und habe die zweitbeste Klausur im Jahrgang geschrieben (nur Lieschen Müller sei besser gewesen), und er wisse daher, daß kein Kapitalist etwas zu verschenken habe. Und darum wisse er auch, daß jeder Arbeitsplatz (mit Ausnahme des des Vorsitzenden des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung) sich wirtschaftlich tragen müsse, sonst falle er weg, so steckte er der Pißpottpresse am Ostersonntag (PamO), die den Stiefel gerne druckte. Denn auch die Pißpottpresse hat nichts zu verschenken, und ein Mann namens Schmidt ist für sich genommen auch für die Pißpottpresse keine Nachricht. Da trifft es sich schon ganz gut, wenn so einer etwas Absonderliches absondert.

Allerdings hatte neulich auch schon der neue Chef des BDI, ein Mann, der auf den Namen Ulrich Grillo antwortet, was der Pißpottpresse eigentlich Nachricht genug sein müßte, zwar nicht in dieser, aber im Deutschlandfunk den Pflug in den Boden gesenkt, in dem die üble Saat demnächst wohl aufgehen soll, indem er nämlich nebensätzlich darauf bestand, daß der gezahlte Armutslohn zwar zum Leben reichen sollte, aber – feine Nuance – immer man nur hübsch für ein Leben, nicht etwa obendrein für das des Ehepartners, das der Kinder, der Oma, des Autos, der Wohnung, des Kanarienvogels, der Katz und des Hundes, oder was den Leuten sonst noch alles einfallen mag.

Anscheinend also ist Herr Schmidt kein Einzelfall, und wenn er feinkrümelt, was Grillo aufgebrochen hat, dann ist natürlich das Honorar für die zwei ein gut angelegtes, und tragen sich diese zwei Arbeitsplätze ohne weiteres, auch wirtschaftlich, selbst. Vorschläge, wie man der übergroßen Nachkommenschar der Armutslöhner entgegenwirken könne – für Schmidt sind bei alleinerziehenden Armutslöhnern auch Einzelkinder bereits eine Schar – sucht man vergebens. Sollte Schmidt die entsprechenden Laborübungen – “Fertilität vs. Arbeitsschutz” – “Redefining Child Labour” – etwa geschwänzt haben?

Ein naheliegende Lösung wäre etwa die, daß die Armutslöhner, bevor sie in Zukunft Kinder zeugen, den Rat eines Wirtschaftsweisen einholen müssen. Darauf kommt Herr Schmidt merkwürdigerweise aber nicht, obwohl ihm schon einfällt, daß man sich als Wirtschaftsweiser doch hier und da noch untentbehrlicher machen könnte, als man ohnehin schon zu sein glaubt: etwa indem man sich den Tarifparteien als Anstandswauwau empfiehlt, welchselbe künftig vor Tarifverhandlungen, sofern diese auf Änderungen des Lohngefüges aus und nicht reine Folkloreveranstaltungen sind, bestimmen, wie hoch die Lohnanpassungen sein dürfen. Da ist der Schritt ins Schlafzimmer nicht weit; die Pißpottpresse hätte was zu berichten, und wer von uns hätte nicht gerne einen Herrn Schmidt zugegen, bevor es zur Sache geht?

Vielleicht beim nächsten Mal. Für diesmal bleibt es bei der Empfehlung, die Armutslöhner möchten es den chinesischen Wanderarbeitern gleichtun. Wenn sie bereit wären, ihre Bedürftigkeit auf deren Bedürftigkeitsniveau herabzuschrauben, in einer möblierten Fabrik zu wohnen, die Kinder bei den Großeltern zu lassen, und sich diesen ganzen vormodernen Ehe- und Familie-Quatsch von der Backe zu kratzen, dann wäre der Standort Deutschland auch wieder attraktiv für Wanderausbeuter. Und das sei gut für die Ausgebeuteten, denn dann sei er, Schmidt, auch bereit, mit der nonchalanten Großzügigkeit eines Billy the Kid, mit welcher dieser Lucky Luke den Deal anbot, ihn, Kid, laufenzulassen, wofür er, Kid, ihn, Luke, nicht umlegen werde -, in diesem Sinne könne er, Schmidt, zwar den Armutslöhnern auch keine Garantie für irgendwas geben, denn im Kapitalismus gebe es keine Garantien, aber er könne gutachten, und er gutachte wie folgt:

Dann, und nur dann, bestehe die Chance – nicht, daß sich irgendwas zum Besseren kehre, bewahre!, das nicht – aber wer sage denn, daß es nicht beispielsweise noch schlechter werden könnte?

Nicht wahr!

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