Kirchentags-Special

Daring Night

… und in diesem Augenblick wußte ich,
daß dies der Tanz Shivas war,
des Gottes der Tänzer, den die Hindus verehren.
Fritjof Capra


Einmal traf ich meinen Nachbarn an der Bank neben der Sparkasse, wo er sich eine Zigarette drehte und ganz die in die Aushänge vertieft war. Als er mich sah, leckte er mit der Zunge am scharfen Rand eines Gizeh-Blättchens entlang und deutete, weil er keine Hand frei hatte, mit den Augen auf den Gemeindeschaukasten. Dort hingen allerlei Zettel, auf deren einem stand, daß der mittlere Frauenkreis sich nunmehr wiederum mittwochs zur Singestunde einfinden wolle, und zwar wegen des derzeitig warmen Wetters bei geöffnetem Fenster. Ganz links oben stand, getauft werde in diesem Jahr außer am Pfingstmontag noch an folgenden Tagen: 18. Juni, 13. August, 10. September. Freie Slots gebe es an den drei Sonntagen. Frühbucherrabatt werde gewährt für den August- und den Septembertermin. Neu im Programm sei die Schnuppertaufe. Spontan- und Nottaufen seien nach wie vor möglich, die Nummer der Hotline sei: …

Aber das war wohl nicht der richtige Aushang, denn als ich bei der Telefonnummer angelangt war, packte mich die nunmehr freie Hand des Nachbarn am Nacken und drehte meinen Kopf nach Südosten, wo auf einem dritten Zettel stand, daß der ‚FOK’ oder die ‚FOK’ oder das ‚FOK’ zu einer Lesung mit Gesang und Tanz und GOtteslob in das Refektorium einlud.

Was denn das bedeute ‚FOK’, wollte ich wissen und der Nachbar antwortete, das sei, wenn ein Herr und eine Dame sich sehr, sehr lieb hätten, und der Herr sein Zeugungsglied entblöße und in die ebenfalls mindestens teilentblößte Dame einführe, mit der Absicht, es dort nichtlinear beschleunigt und dito verzögert hin und her zu bewegen, um ehebald eine Ejakulation von Mannessamen herbeizuführen, häufig begleitet von teils erwünschten, teils unerwünschten Seiteneffekten, wie euphorischen Gefühlen, unkontrolliertem Schweißfluß oder dem Verlust der Fähigkeit zu differenzierter Artikulation.

Das wußte ich selbstverständlich auch, weil ich das einerseits natürlich sowieso wußte, andererseits aber auch weil ich den Film kannte, dem der Nachbar diese Antwort spaßeshalber entnommen hatte, und in dem der Filmdetektiv seinerzeit die Frage der Filmschönen nach der Bedeutung des Akronyms ‚FOC’ beantwortet hatte, wobei er so getan hatte, als hätte er ‚Fuck’ verstanden, oder vielleicht hatte er auch wirklich ‚Fuck’ verstanden, aber jedenfalls hatte die Filmschöne die Bedeutung von ‚Fuck’ nicht wissen wollen, weil sie die als Amerikanerin wahrscheinlich schon kannte, sondern die Bedeutung von ‚FOC’, und das hatte in dem Film für ‚Friends of Carlotta’ gestanden und eine Geheimorganisation der Filmunholde bezeichnet, die wahrscheinlich – so genau wußte ich das zwar auch nicht mehr, war ja schließlich noch nicht so lange her, aber das tun Filmunholde ja immer – die Weltherrschaft angestrebt hatten. Und auch der Nachbar wußte das alles, darauf hätte ich wetten mögen, und er leugnete auch nicht lange sondern gab zu, daß die Bedeutung von ‚FOK’ eine ganz ähnliche sei, wie die von ‚FOC’, auch ‚FOK’ bezeichne eine Organisation von Unholden die, allerdings nicht geheim, sondern beim Licht der Sonnen, innerhalb der hannoverschen lutherischen Landeskirche die Auffassung vertrete, daß man den Liedersänger Kunze zu offiziellen kirchlichen Veranstaltungen einladen solle, während die anderen Kirchenmänner zusammen mit der Mehrheitsmenschheit der Meinung sei, daß man das nicht tun solle. Und demzufolge stehe ‚FOK’ für ‚Friends of Kunze’.

Der Einfluß dieser Unholde dürfe nicht unterschätzt werden, reiche zwar vielleicht nicht in Griffweite der Weltherrschaft, doch gehe er mittlerweile so weit, daß man den Kunze kirchenoffiziellerseits mit der Fabrikation von Kirchentagshymnen beauftrage. Er, der Nachbar, sei als Katholik einerseits versucht, sich die Sache leicht zu machen und rhetorisch zu fragen, was man von einem solchen Ketzerhaufen groß anderes erwarten wolle, andererseits aber ändere das nichts an der Tatsache, das die ‚FOK’ mittlerweile auch über einen Trojaner im Kloster verfügten, und zwar auf hoher Ebene, nämlich den Herrn akademischen Studienleiter persönlich.

Der – der Herr akademische Studienleiter persönlich – sei übrigens auf diesen Posten gelangt, weil er sich als für den Schuldienst ungeeignet erwiesen habe, indem er nämlich erstens darauf bestanden habe, mit Namen gut calvinistisch ter Schlicht zu heißen, zweitens den Doktorgrad zu erwerben, drittens mit dem ihm zustehenden Titel auch angeredet zu werden und viertens beleidigt zu tun, wenn man das nicht tat. Das habe natürlich den durchschnittlichen Sechstklässler restlos überfordert, der mehrheitlich die These vertreten habe, der neue Religionslehrer heiße schlicht Schlicht, mit einem Doktor davor, wohingegen eine nicht unqualifizierte Minderheit den Nachnamen zwar richtig begriffen habe, aber der Meinung gewesen sei, er heiße mit Vornamen Doc. Korrekt angestottert habe man ihn frühestens in den Oberstufenklassen, nur sei es dort zu signifikant erhöhter Abwahl des Religionsunterrichtes gekommen, weswegen man den Doktor schließlich in die Erwachsenenbildung getan habe, wo man Gewähr dafür vermutet habe, daß er dort nicht ständig beleidigt werden würde, und wenn, dann jedenfalls nicht aus Versehen. Dem Rechnung zu tragen und um ihn für die Kunze Connection zu strafen sowie aus allgemeiner und pennälerhafter Freude an Bosheit, wolle er den Herrn Studienleiter von nun an denn auch den Doktor Schlicht nennen.

Er, der Doktor Schlicht, lasse ihn, den Kunze, ihm, dem Nachbarn, nun bedrohlich nahe kommen, indem er den Kunze ins Kloster einlade, wo er vorlesen, singen, vermutlich auch tanzen und GOtt schön tun solle, und die Tatsache, das GOtt das zulasse, nachdem er bereits den Luther zugelassen habe, was man als gläubiger Katholik aber immerhin noch als Strafe für gottvergessene Päpste wo nicht begrüßen, so doch begreifen und gehorsam ertragen könne, diese Tatsache nun lege die Axt an die den Stamm seines Glaubens schützende Borke des GOttvertrauens, denn habe GOtt nicht seinerzeit, nach der Sintflut, einen Bund gestiftet in welchem er solche Heimsuchungen für alle Zukunft ausschloß?

Wundersamerweise hielt der Nachbar an dieser Stelle inne und blickte mich derart fragend an, daß man den Eindruck haben konnte, er habe nicht nur nichts dagegen, daß ich zwischendurch auch einmal etwas sagte, sondern er warte geradezu darauf. Darum beeilte ich mich ihm zu versichern, ja, durchaus, einen solchen Bund habe es der Überlieferung nach gegeben, Symbol dessen sei der Regenwurm.

Sei was? fragte mein Nachbar interessiert, und ließ Tabak auf die Straße fallen.

Sei der Regenbogen, wiederholte ich. Aber, fuhr ich dann fort, aber sei es denn nicht übertrieben, den Kunze der Sintflut zu vergleichen?

Ich kannte ja den Nachbarn, und wußte, daß er bei meinen Worten innerlich abwehrend mit den Händen fuchteln und sich darauf freuen, würde, mir ein dröhnendes Nein, das sei ganz und gar nicht übertrieben, entgegenzuschmettern, und auch ich freute mich schon darauf, denn das Schmettern des Nachbarn ist ein sehenswertes Schmettern, auch ein hörenswertes Schmettern. Und um die Vorfreude noch etwas länger auszukosten, legte ich schnell noch ein Brikett auf das Feuer und sagte, ich kennte den Kunze eigentlich nur als einen Mann mit Brille, der aussehe wie etwas, von dem man lieber kein Bier ausgegeben kriegen wolle. Das kriege man ja aber auch nicht, denn selten nur kämen die Gäste des Klosters einmal in das Pilgrimhaus, vom Bibel und Schwert nicht zu reden, und vom Menschensohn an der Kreuzung gleich gar nicht, da gehe man ja selber kaum hin. Zu Zeiten des Brennenden Dornbuschs möge das anders gewesen sein, heute aber sei das Credo der Klosteraner ‚Laß dich nicht mit der Kanaille ein’, und die Kanaille, das seien wir Käsdorfer.

Stop, donnerte mir der Nachbar dazwischen, tiefgefurchter Stirn und hochgezogener Braue, die Hand erhoben und mit ihr klarstellend, daß er jetzt wieder dran sei. Ich hatte wohl meinerseits übertrieben, und das Timing seines Textes aus dem Tritt gebracht; aber das machte nichts, er würde schon wieder reinkommen.

Stop, wiederholte der Nachbar, milder, von den Klosterlingen ein andermal mehr, dieser Tanz gehöre Kunze. Und bevor ich mir müßige Gedanken darüber machte, was von seinen Worten übertrieben, was untertrieben und was angemessen sei, solle ich, der ich nicht wissen könne was er, der Nachbar, wisse, lieber lauschen, was er, der Nachbar, erlebt habe, es mir zur Lehr’ und Mahnung dienen lassen, und danach erst urteilen.

Zuvor aber möge ich schaudern.

Nun hebe es an.

Es sei im Jahre des HErrn 1983 gewesen, und der damalige Kirchentag habe wiederum nicht unter dem Motto gestanden, unter dem von Rechts wegen alle Ketzertage stehen müßten, mämlich ‚Gottseibeiuns’, und auch nicht unter dem hübschen Motto ‚Einkehr zum Leben’, wozu das offizielle Kirchentagsplakat vielleicht einen Krug Bier, eine Brotzeit und einen frischgescheuerten Schenkentisch hätte zeigen können, aber nein, statt lebensfreundlichem Gerät habe das Plakat einen nicht besonders vertrauenerweckenden Prellbock gezeigt, der einem entschlossenen Zug der Zeit nicht viel entgegenzusetzen gehabt haben würde, und das Motto des Tages habe dementsprechend dumm ‚Umkehr zum Leben’ gelautet. Ich solle ihn, flocht der Nachbar ein, wenn er mit Kunze fertig sei, daran erinnern, eine Schenke zu eröffnen und ihr den Namen Einkehr zum Leben zu geben.

Ich versprach es.

Bis dahin aber sei man auf das Pilgrimhaus angewiesen. Ob wir dorthin gehen wollten? Ich – er tippte mir mit seinem Nikotinfinger auf die Brust – gäbe einen aus. – Mir war es recht und wir gingen.

‚Umkehr zum Leben’, wiederholte der Nachbar. Wie ein Mann seien die Kirchentagslemminge daher denn auch stehen geblieben, wo immer sie eines solchen Plakats ansichtig geworden seien, hätten auf dem Hacken kehrum gemacht, zurück dorthin, wo sie gerade hergekommen waren und wo laut Kirchentagsplakat eigentlich das Leben hätte sein müssen, das sie aber aus irgendeinem Grunde bisher wohl übersehen hatten. Es sei daher im seinerzeitigen Austragungsort, dem Städtchen Hannover, ein Hin und Her gewesen, ein Gewese und Gehusche, sehr lilaviolett, sehr warm auch, sehr trocken, und das weiche Wasser habe sich gar nicht erst blicken lassen.

Nun war es an mir, die Hand vorschnellen und Einhalt heischen zu lassen. Was für ein weiches Wasser, wollte ich wissen.

Jenes Wasser, das, einem on dit zufolge, den harten Stein kaputt mache, erklärte der Nachbar. Es sei dies das verlogene Motto eines Themenabends im Gärtchen hinter dem Welfenschlößchen gewesen, wo man eine Bühne für Gesang, Tanz und GOtteslob und ambulante Verkaufsstände für Erfrischungswillige aufgebaut hatte, und wo man sich anbeträchtlich der arg mitgenommenen und kurz vor dem Verdursten stehenden Grasnarbe schon gefragt habe, ob man dies angeblich so bellizistische Wasser nicht des Defaitismus und der Drückebergerei zeihen müsse, und ob als Motto ‚Der weiche Prellbock bremst die Lok’ oder ‚Das weiche Messer schabt den Bart’ nicht besser gewesen wäre.

Bevor meine Hand noch irgendwas unternehmen konnte, ergänzte der Nachbar von sich aus, Epplern seiner sei gemeint. Ein Herr dieses Namens und unlieblichen Gesichts sei damals künstlerischer Gesamtleiter der Veranstaltung gewesen, und sei in die Geschichte eingegangen als einer, dessen Bart nicht habe gestutzt werden dürfen, weil die Ökobilanz eines Vollbarts soviel besser sei als die einer Glattrasur, wie auch die Ökobilanz eines sozialdemokratischen Rollkragenpullis besser sei als die einer neoliberalen Hemdbrust, und die einer kalten Dose Ravioli besser als die einer warmen Dose Ravioli. Sehr viel evangelischer könne man eigentlich nicht werden, und das ungeschabte Kinn sowie die ungebügelten Rindsledernen Pfarrer Beffchens seien Spätfolgen eben dieses Kirchentages. Und wenn sein, des Nachbarn, Kind ihn morgen frage, könne er sagen, er, der Nachbar, sei dabeigewesen. Auf der häßlichen Betonterrasse des Welfenschlößchens, wo er sich besseren Überblick habe erschleichen wollen, einerseits und vordergründig über die Darbietungen auf der vis à vis gelegenen Bühne, andererseits aber, und bis heute ungebeichtet, über die vorhandenen und vor allem die nicht vorhandenen Oberbekleidungsstücke der Kirchentaglerinnen.

Moment, bat ich. Gleich, versprach der Nachbar.

Der Grund für seine Anwesenheit sei nämlich nur zum Teil darin gelegen, daß man als Einwohner der Stadt der Stampede sowieso nicht aus dem Weg habe gehen können, zum besseren Teil aber habe der Grund in einer Erzählung einer Jugendgespielin des Nachbarn gewurzelt, die diesem einige Zeit zuvor zu Ohren gekommen sei. Hochroten Ohren, wie der Nachbar ungefragt versicherte, aber ich habe bezüglich der Ohren des Nachbarn und insbesondere deren Rotwerdens keine Illusionen. Meist bin ich es, der rote Ohren bekommt. So auch diesmal.

Mit dieser Jugendgespielin habe er einige Zeit vor dem Kirchentag – es sei aber schon warm gewesen, sehr warm – mit dieser Jugendgespielin also habe er eines sehr warmen Maimorgens desselben Jahres auf einer Lichtung im hannoverschen Stadtwäldchen gelegen, und bevor ich jetzt rote Ohren bekäme, sollte ich zur Kenntnis nehmen, daß alles in Ehren und jugendfrei gewesen und geblieben sei, es gebe keinen Anlaß für rote Ohren, und wenn doch, dann werde er mich explizit darauf hinweisen.

Wie es zu dieser trauten Zweisamkeit gekommen sei, gehe mich nichts an und werde er aus Gründen der Diskretion und des Jugendschutzes außerdem für sich behalten. Jedenfalls hätten sie dieses wunderbar milden, ja warmen, von einer sacht schleierverhangenen Sonne durchtränkten Morgens, den GOtt in SEiner Güte den Hannoveranern geschenkt gehabt habe, auf eben dieser Lichtung gelegen.

Nebeneinander, wie er anbeträchtlich meiner Ohrspitzen vielleicht vorsichtshalber noch hinzufügen sollte.

Diese Lichtung nämlich, sei, was immer ihre Ursprungsbestimmung gewesen sein möge, in jenem Jahr zu dem Zweck umgewidmet worden, müßiggehenden Hannoveranern und stillenden Müttern eine Begegnungsstätte zu sein. Es sei selbst zu dieser frühen Morgenstunde sehr belebt gewesen, sehr lilaviolett auch, überall seien stillende Mütter, Hunde, strickende Mütter, Fahrräder, wickelnde Mütter, krakeelende Kinderwagen, Brigittezeitungen, Decken, Nadeln, Wolle und müßiggehende Hannoveraner herumgelegen. Mittendrin der Nachbar und die Jugendgespielin, ohne Kinderwagen und Strickzeug, denn stricken habe die Gespielin merkwürdigerweise nicht können, obwohl sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr regelmäßige Kirchentagsgängerin gewesen sei, wie sie dem Nachbarn auf der Lichtung gebeichtet hatte.

Wahrlich, sagte der Nachbar, er sage mir, man hocke im Sandkasten und ahne nicht, wem man gegenüberhocke. Ahnte man es, man haute härter mit dem Förmchen zu, zöge ärger an den Zöpfen, oder, was das Wahrscheinlichste und wahrscheinlich Beste wäre, man flöhe den Sandkasten. Aber, so fuhr der Nachbar fort, man ahne es nicht und fliehe nicht. Das Erwachen komme dann eines warmen Frühsommermorgens auf einer belebten Stadtwaldlichtung.

Aber, wandte ich ein, oder wollte ich einwenden. Gleich, beschied mich der Nachbar.

Die einstige Sandkastengespielin habe ihre Oberbekleidung ganz und die Unterbekleidung zu Teilen abgelegt, was der Etikette jener Lichtung aber nicht widerstanden habe, und habe ihre Brust in das Morgenlicht getaucht. Ein Anblick, der dem Nachbarn gut gefallen, und an dem er seine stille Freude gehabt habe; überhaupt sei er für eine Weile mit sich und GOtt sowie der Welt in Form dieser Lichtung im Einklang gewesen, auch wenn er als Verantwortlicher für das Arrangement auf die herumliegenden Hannoveraner verzichtet haben würde. Allerdings gebiete die Gerechtigkeit es, daß er auch den Hannoveranern die ihnen gebührende Ehre nicht abspreche, und so wolle er für die Nachwelt festhalten, daß nicht einer von Ihnen das Idyll mit Handyklingeln gestört habe.

Aber Handys, wandte ich flink ein, seien 1983 doch noch gar nicht erfunden gewesen.

Ein Glück, konterte der Nachbar, wenn man sich die Popmusik des Jahres 1983 vor Ohren halte, könne man ermessen, was einem auf der Lichtung an Klingeltönen erspart geblieben sei. Ein Grund mehr, den Hannoveranern noch einmal für ihre Zurückhaltung zu danken.

Was aber die Zurückhaltung der Sandkastengespielin angehe, so habe diese diese bald aufgegeben. Als habe sie nicht mehr stilliegen wollen oder können, weil sie in der vorangegangenen Nacht vielleicht falsch gelegen oder sich ungeschickt bewegt hatte, habe sie sich aufgesetzt und bald die linke, bald die rechte Schulter gymnastisch kreisen lassen, auch den Handrücken zwischen die Schulterblätter gepreßt und überhaupt alles getan, damit der Nachbar ihre Brust im Blick behielt und nicht etwa vergaß, daß sie eine hatte. Der Nachbar habe sogar überlegt, ob die Einladung auf die Lichtung vielleicht eine etwas umständliche Kritik an seinem Kurzzeitgedächtnis hatte sein sollen, hatte den Gedanken an jenem Morgen aber als störend und nicht zielführend verdrängt. Ja, wenn es meine Sandkastengespielin gewesen wäre und mein Kurzzeitgedächtnis, fügte der Nachbar jetzt hinzu, dann wäre diese Form der Kritik vielleicht angemessen gewesen.

Das ging gegen mich. Es war nicht das erste mal, daß mein Nachbar mich meines angeblich schwächelnden Kurzzeitgedächtnisses wegen hänselte, was ich als kränkend empfinde und auch diesmal wieder als kränkend empfand, und ich bat ihn, das sein zu lassen. Ich fand das ungerechtfertigt. Meines Wissens hatte ich überhaupt kein Kurzzeitgedächtnis.

Das möge Hugo walten, bestätigte der Nachbar, und bevor ich mir noch schlüssig war, welchen Hugo er meinte, bzw. welcher Hugo mir als erstes einfallen würde, war er bereits wieder auf der Mailichtung, wo ihm die Sandkastenbekanntschaft nunmehr erzählte, wie sie als vierzehnjähriges Gör sich auf dem für sie zuständigen Kirchentag herumgetrieben habe, wozu sie sich reif genug gefühlt habe, weil sie die obligatorische Konfirmandenfreizeit in Schweden mit eigenhändigem Brotbacken bereits erfolgreich hinter sich gebracht hatte.

Er, der Nachbar, habe am Abend zuvor Gelegenheit gehabt, von dem selbstgebackenen Brot der Sandkastenbekanntschaft zu probieren, und habe kauend, lange kauend, überlegt, ob man einer Protestantin wegen eines solchen Brotes wohl die Konfirmation rückwirkend aberkennen könnte, diese Überlegung aber aus Zartgefühl für sich behalten.

Das glaubte ich ihm nicht, hielt das zumindest für unwahrscheinlich. Meines Wissens verfügte der Nachbar nicht über Zartgefühl. Aber ich behielt diesen Einwurf ebenfalls für mich, zumal der Nachbar mich sowieso nicht hätte zu Wort kommen lassen.

Es habe, fuhr der nun fort, dieser ihr Initiationskirchentag nicht in der Provinz stattgefunden, sondern in der damaligen Frontstadt Berlin, was sie, die Gespielin, schon einmal – zwar ohne Grund, aber jedenfalls grundsätzlich – für verschärft, zu deutsch etwa: gut, schön, befürwortenswert gehalten habe, und weswegen ihre Noradrenalinproduktion in den Dreischichtbetrieb umgeschaltet habe, um die erhöhte Grundlast im Begeisterungsbedarf zu decken. Nun habe sie also mit ohnehin schon hoch drehender Nebennierenrinde auf einem der Eröffnungs- oder Abschluß- oder Interimsgottesdienste herumgehockt, und zwar auf dem Fußboden, wie sich das für ein Rockkonzert jener Tage gehört habe. Die Phrase ‚Die Halle ist bestuhlt’ habe es zwar gegeben, dem Kenner aber schon von ferne signalisiert, daß der Act das Ticket nicht wert sein würde.

Diese Kirche aber sei unbestuhlt gewesen, und nun habe es sich zugetragen, daß auf dem Fußboden neben der hockenden Sandkastengespielin ein Kirchentagler und eine Kirchentaglerin sich plötzlich ganz, ganz liebzuhaben begonnen hätten, und der Kirchentagler habe sein Zeugungsglied entblößt, die Kirchentaglerin habe sich mit dem Rücken auf den unbestuhlten Fußboden gelegt und habe sich dem Motto des Kirchentages, das auf einem Laken über dem Altar geweht und gelautet habe ‚Einer trage des Anderen Last’ ganz und gar hingegeben.

Drumherum habe der Kirchentag seinen Fortgang genommen, und die Provinzchristen hätten ein Gesicht gemacht, das behauptet habe, sie möchten ja vielleicht nicht ganz so vorne sein wie die Frontstadtchristen, aber sowas passiere bei ihnen zuhause in der Dorfkirche alle Tage. Nur die Ohrspitzen hätten hier und da das Gesicht Lügen gestraft.

Wenn ich wollte, sagte der Nachbar gönnerhaft, könnte auch ich an dieser Stelle rote Ohren bekommen, was mich natürlich ärgerte, und weswegen ich auch prompt rote Ohren bekam. Auch die Sandkastengespielin habe rote Ohren bekommen, fuhr der Nachbar fort, knallrote, wie sie ihm versichert habe, sogar rote Backen, denn das ganze Geschehen in seinem Zauber und seiner Widersprüchlichkeit, dem rhythmischen Aufeinanderklatschen von Eros und Sexus, Christ und Christin, Öffentlichkeit und Privatheit, Sakralität und Banalität, der sich stoßweis’ steigernden Spannung, die sich schließlich in ekstatischem Choralgesang aufgelöst hatte, das alles habe sie, die sich ja damals noch in der Prägephase befunden habe, derart begeistert, daß sie hyperadrenaliert habe, und noch heute komme es bei ihr zu unkontrollierten Erinnerungsschüben, wenn sie unbestuhlten Veranstaltungsorten begegne.

‚Noch heute’ bedeute: noch damals auf der Sonnenlichtung, präzisierte der Nachbar, die, wie ein schneller Rundumblick ihm bestätigt habe, deutlich unbestuhlt, ja, bedrohlich unbestuhlt gewesen sei, von ein paar minderen Sitzgelegenheiten wie Kinderkarren und Rentnerbänken abgesehen. ‚Noch heute’ könne aber auch heißen: noch heute, davon habe er dann aber keine Kenntnis, denn seit damals habe er die Sandkastengespielin nicht wiedergesehen. ‚Seit damals’ heiße: seit damals, als er die Lichtung vorzeitig verlassen habe.

Warum denn das, fragte ich, oder wollte ich jedenfalls fragen, nicht, weil ich den Nachbarn zur Fortsetzung hätte ermuntern wollen oder müssen, da hatte es keine Not, sondern weil ich ihn gern unterbrochen hätte, um in der Vorstellung noch etwas bei dem Geschehen in der unbestuhlten Kirche zu verweilen, denn das Umschalten auf die grüne Wiese selbst empfand ich als als vorzeitig und unwillkommen. Was genau ich gefragt habe, ist mir nicht erinnerlich, gefragt haben aber muß ich, denn der Nachbar antwortete grob, ich solle still sein.

Noch stehe ihm vor Augen, fuhr er fort, wie die Nebennierenrinde der Sandkastenfreundin, wohl durch die Erinnerung stimuliert, plötzlich wieder die Ärmel aufgekrempelt und mit beiden Händen auszuschütten begonnen habe, wie das Wangenrot ganz ausgezeichnet mit der frühsommerlich blassen Brust kontrastiert und wie die ganze Freundin den Eindruck von Rabenhorster Saft gemacht habe. Dann habe sie sich mit einer letzten komplizierten Verrenkung, die ihre Brust in sichtbare, aber gedämpft abklingende, des Nachbarn Testosterondrüsen hingegen in unsichtbare, aber umso andauerndere Unruhe versetzt hatte, mit dem Rücken auf die unbestuhlte Waldwiese gelegt und die Augen geschlossen.

Er, der Nachbar, habe vorderhand weiter nichts getan, als mit den Fingern in der trockenen Grasnarbe gekratzt, den Sand unter den Fingernägeln mit vorgeschobenem Interesse betrachtet und darauf gewartet, daß die Drüsen ein Einsehen oder mindestens Erbarmen gehabt hätten. Ein populärwissenschaftliches Werk mit Übersetzungen aus dem Körpersprachlichen ins Verbale, wie man es heute an jedem Bahnhof bekomme, sei nicht zur Hand gewesen, er habe also aus dem Kontext schließen müssen, daß die letzten Worte der Sandkastenfreundin etwa die folgenden gewesen seien: Der damalige Kirchentag sei gelaufen gewesen. Es sei ihr nicht gelungen, vor dem Ende des Gottesdienstes noch einen gleichermaßen willigen und fähigen, wie auch als Partner in Frage kommenden Kirchentagler aufzutreiben. Aber wenn sie groß sei, diesen Beschluß habe sie damals dort auf dem Fußboden gefaßt, dann wolle sie auch, mit Abendmahl, mit großer Liturgie und mit allem Avec. Nun sei sie groß, ein Partner wäre zuhanden, und diese Wiese hier, nun ja, besser als nichts. Dem wahrhaft Frommen werde ja alles zum Tempel. Breche nicht von Osten her der Glast durchs Blatticht wie durch grüngläserne Kathedralenfenster? Der Gesten aber seien nun genug gewechselt, es sei am Nachbarn mit Taten aufzuwarten, so, bitteschön.

Ich staunte. Was man nicht alles mit dem Körper auszudrücken vermochte! Aber ich staune immer, denn ich habe Körpersprache nur als Zweitsprache erworben und kann sie nicht sehr gut. Manchmal glaube ich, die Mutterkörpersprachler verstehen meine Aussprache nicht, denn mein Nachbar hat mir einmal beigebracht, was ich tun muß, um auf körpersprachlich zu sagen, die Leute sollten alle weg- und nach Hause und mir jedenfalls nicht länger auf die Nerven gehen, das Leben sei schwer genug auch wenn sie nicht da seien und partout im selben Rewe einkaufen müßten wie ich, und mir ständig von vorne auf die Zehen und von hinten in die Hacken träten. Das sei sehr einfach zu lernen, hatte der Nachbar gemeint, jedenfalls für mich, ich müßte dazu nämlich nur mein ganz normales Gesicht machen. Nun gehen die Leute aber nicht weg, ganz egal, was für ein Gesicht ich mache, deswegen kann es sein, daß der Nachbar mich auf den Arm genommen hat; wenn es aber stimmt, daß man mit einem einzigen Gesicht einen doch ganz schön komplexen Sachverhalt ausdrücken kann, dann ist es ja vielleicht auch möglich, mit dem Wogen eines Busens z.B. eine Novelle zu erzählen.

Das Kratzen im Sand aber, soviel hatte ich behalten, denn der Nachbar hatte es mir oft genug gesagt, wenn ich mit seinen Zigarettenkippen im Aschenbecher spielte und dabei ganz schmutzige Fingernägel bekam, das Kratzen im Sand sei nichts weiter als das Scharren des Kükens, das zurückwolle unter das Mutterhuhn, wenn der Habicht kreise. Übertragen heiße das, ich hätte Angst davor, erwachsen zu werden und sehnte mich meiner Kindheit. Ich hatte dann immer interessiert meine Fingernägel betrachtet und gewartet, daß sie irgendwas sagten, aber sie sagten mir nichts, außer, daß sie, da ich Kind war, weicher gewesen waren als sie heute sind. Dreckig waren sie damals auch.

Das Kratzen im Sand übrigens, fuhr der Nachbar fort, das müßte ich mir eigentlich selbst sagen können, denn er habe es mich gelehrt, sei nichts weiter gewesen, als der untaugliche Versuch, sich selbst in die trügerische Sicherheit des Sandkastens zurückzukratzen. Als er aber innerlich dort angelangt sei, habe die Gespielin bereits da gehockt und verlangt, sie und der Nachbar sollten Vater, Mutter und Kind spielen, und er, der Nachbar, sei der Vater, der gerade von der Arbeit nach Hause gekommen sei, sie, die Gespielin, die Mutter, die das Abendbrot bereitet habe, und der Inhalt der Sandförmchen sei das selbstgebackene Brot, das er, der Vater, nun essen solle. Ob dieser Zumutung jedoch hätten seine Testosterondrüsen den Schwanz wieder eingezogen und sich für unzuständig erklärt.

Interessanterweise, sagte der Nachbar, gingen die Bahnhofswissenschaftler im körpersprachlichen Konnex nie auf die Funktion der Drüsen ein, wohl weil sie als von außen nur mittelbar wahrnehmbar gelte. Er schlage daher vor, der Drüsensprache den Status des inneren Monologs zuzuerkennen.

Den Fängen der Drüsen entronnen, habe der Nachbar dann damals beschlossen, sie, die Drüsen, auch weiterhin niederzuhalten, indem er sich mit Lektüre ablenke, und er habe seiner Jutetasche das Taschenbuch vom Alexis Zorbas, der Lektüre jener Woche, entnommen. Wie er es aber an der mit dem Gizehheftchendeckel markierten Stelle aufgeschlagen habe, habe Antony Quinn ihm empört entgegengeschleudert, es gebe nur eine Sünde, die GOtt niemals verzeihe: das sei, wenn eine Frau einen Mann auf eine belebte Eilenriedelichtung rufe, und er, der Mann, wolle nicht gehen!

Das sei nun natürlich nichts als mediterraner Macho-Mumpitz, aber andererseits sei GOtt auch kein Trottel und mache für kleine Deckel die Zeche sofort, weshalb er, der Nachbar, seit damals in der Hölle der Verpaßten Gelegenheiten schmore. Und wenn er sich den Ruf der Gespielin bloß eingebildet haben sollte, so schmore er seit damals eben in der Hölle der Eingebildeten Verpaßten Gelegenheiten, die noch einen Kreis tiefer liege.

Merkwürdigerweise schwieg der Nachbar an dieser Stelle. Zwar rollte er sich eine Zigarette, aber das verhinderte ihn ja auch sonst nicht am Reden. Vielleicht wollte er mir Gelegenheit geben, ihm Trost zuzusprechen, und ich überlegte, was man in einem solchen Fall wohl sagt und was auf den einschlägigen Karten steht; aber seit sie bei Rewe umgeräumt hatten, fand ich die Beileidskarten nicht wieder. Mich in seine Situation zu versetzen, war auch nicht so ganz leicht, denn ich wußte von der Sandkastenfreundin nur, daß sie rote Bäckchen gehabt hatte, den Rest konnte ich mir aussuchen. Was schlecht ist, denn wenn man sich alles aussuchen kann, ist das wie wenn bei Rewe alle Parkplätze frei sind, und man nicht weiß, welchen man nehmen soll. Ich konnte mich daher auch nicht entscheiden, außer dafür, der Freundin eine Unterhose anzuziehen, auf der eine junge Katze mit einem Wollknäuel spielte, das schien mir am besten zu den drum herumliegenden Stricknadeln zu passen. Die Sache fing an, mir Spaß zu machen; es gefiel mir auf der Lichtung. Meine Testosterondrüsen traten in den Inneren Monolog ein und spekulierten darüber, wie es denn nun weiter gegangen sei.

Wie es denn nun weiter gegangen sei, reichte ich die Frage an den Nachbarn weiter.

Das sei eine komplizierte Frage, die eine komplizierte Antwort erfordere, antwortete der. Zum einen sei es gar nicht weitergegangen, gegangen sei er; er habe das Buch zugeklappt, seine Birkenstocksandalen zusammengesucht und sei gegangen.

Denn es habe nicht sein sollen.

Zwar sei er ein großer Freund sexueller Verirrung, sexueller Verirrung als solcher, der sozusagen platonischen Idee sexueller Verirrung; auch danke er, gehorsamer Sohn, GOtt für das Geschenk der Ausschweifung, Gabe des liebenden Vaters an seine geliebten Kinder, aber das könne nicht heißen, daß ihr, der Ausschweifung, gar keine Grenzen gezogen sein sollten oder dürften, und bei der Vorstellung, jemand könne in seinem Exzessbegehren so dezenzvergessen sein, es darauf anzulegen und Honig daraus saugen zu wollen, von müßiggehenden Hannoveranern umstanden zu werden, während er seine Sandkastenbekanntschaft begatte – bei der Vorstellung treibe es ihm Runzeln in die Stirn und die Braue in die Höhe.

Hugo der Bäcker fiel mir als erster Hugo ein. Ich wußte noch, wie Hugo mir einmal erzählt hatte – da war er schon emeritiert und hatte die Muße, spät abends mit mir am Biertisch zu stehen und mich darüber aufzuklären -, daß die Nacht des Bäckers zum Backen da sei, und daß der Bäcker und die Bäckersfrau, wenn sie sich sehr, sehr gern hätten, gut daran täten, den Tag zu nutzen, und tatsächlich hatten Hugo und seine Frau den dem Bierabend vorangegangenen Tag genutzt, und zwar auf der Hühnerwiese am Pfarrgarten, wo ich die beiden komplett vollgespritzt hatte, sie und ihn sowie zwei Hennen und einen Zwerghahn, allerdings unabsichtlich, denn ich hatte nur die Thujen im Pfarrgarten wässern wollen, bzw. müssen, denn Beffchen hatte mich dazu verdonnert, oder richtiger: ich hatte in meiner Naivität zugesagt, die Thujen vorübergehend wässern zu wollen, nicht ahnend, daß der Pfarrer meine Gutmütigkeit sofort ausnützen würde, indem er nicht nur für drei Wochen mit den Konfirmanden nach Schweden gefahren war, sondern anschließend seinen Privaturlaub und eine zweiwöchige Fortbildung drangehängt hatte – jedenfalls hatte Hugo mir an dem Abend am Biertisch gesteckt, es gebe nichts Schöneres, als sich in actu die Sonne auf den Po scheinen zu lassen, weswegen die Bäckersfrau und er die Hühnerwiese gewählt hätten, ihrerseitseits nicht ahnend, daß die Thujen trotz Abwesenheit des Pfarrers gewässert werden würden, noch dazu am hellichten, heißen Sommertag, was ihnen generell nicht bekomme, den Thujen, und gestern – also damals – garantiert nicht bekommen sei, aber ich finde, ab der fünften Woche kann die Schöpfung im Pfarrgarten froh sein, wenn sie überhaupt noch gewässert wird; ohne das Engagement von uns Ehrenamtlichen wäre sie längst vertrocknet. Immerhin, so hatte Hugo sich und mich getröstet, hätte es auch schlimmer kommen können, indem ich vom Pfarrer nämlich nicht zum Wässern der Thujen, sondern zum Ausführen Paddys ausersehen worden wäre, und er, Hugo, von ihm, Paddy, am Fuß aus dem Gebüsch gezogen worden wäre, denn er, Hugo, gehe mit der Bäckersfrau ebensogerne in den Klosterwald wie auf die Hühnerwiese.

Ob er jenen Hugo gemeint habe? fragte ich den Nachbarn, und der fragte zurück, ob ich ihm wohl mal erklären könnte, wovon zum Teufel ich eigentlich redete, und als ich mich innerlich rüstete, darzulegen, welcher Hugo jener Hugo sei, beschied mich der Nachbar, noch bevor ich mit Rüsten halbwegs fertig war, unwirsch, das wolle er gar nicht wissen, ich solle ihm gefälligst zuhören, und aufhören, solch abwesende Gesichter zu machen, wenn er mir etwas erzähle.

Es sei dies aber, fuhr er fort, nur die Legende, die er sich zurechtgelegt habe, für den Fall, daß er seine Sünde doch noch einmal beichten wolle. In Wahrheit sei es vielmehr so, daß er den jungen Leuten in den Kinderkarren kein schlechtes Vorbild habe geben wollen, solange deren Mütter in der Nähe waren, denn er habe aus eigenem Erleiden plastische Vorstellung davon, wie eloquent Eilenriedemütter werden könnten, schon dann werden könnten, wenn man ihrem Nachwuchs in keiner übleren Weise zu nahe trete, als daß man in Reichweite der jungen Augen bei Rot die Walderseestraße überquere. Nicht auszudenken, was er zu hören bekommen haben würde, würde er, in Riechweite der jungen Lungen, in postkoitaler Tristesse öffentlich zur Zigarette gegriffen haben.

Mit einem kleinen Seufzer griff der Nachbar zum Tabak. Genauer gesagt, ungerührt griff der Nachbar zum Tabak. Der Seufzer kam von mir, und zwar im Auftrag der Drüsen. Erst hatten die es sich auf der Lichtung bequem gemacht, dann kam er ihnen mit roten Ampeln dazwischen, und wenn sie ihm dahin zu folgen versuchte kehrte er wieder zur Lichtung zurück und war schon bei der Zigarette danach. Das ging meinen Drüsen zu hopplahopp.

Zum anderen, fuhr der Nachbar unter dem Drehen fort, sei die Sache ja noch nicht zuende, sondern gehe munter weiter, wenn ich so wolle, und wie das Ende aussehe, wer wolle es sagen? Ihm jedenfalls habe die Erfahrung eine solide fundamentierte Abneigung gegen Kunze eingetragen.

Kunze – wer war denn das noch gleich wieder? Ach richtig, der Kirchentagskapellmeister. Und was hatte der nun wieder damit zu tun? So ging das nicht weiter; ich beschloß, mich vorerst wieder um die Erzähling des Nachbarn zu kümmern, und erst danach um die Drüsen. Ich war schließlich auch nur ein Mann.

Mit der Frage, ob der Kunze etwa auch auf der Lichtung gewesen sei, gelang es mir, den Nachbarn zu unterbrechen.

Was? Wer? Wieso? fragte der verblüfft. Wo? Auf der Lichtung? Der Kunze? Nein. Oder vielleicht schon, das könne er weder sagen noch wissen, denn an jenem Morgen habe er noch zu dem glücklichen Teil der Menschheit gehört, der nicht gewußt habe, wer oder was Kunze sei, noch daß er sei. Nach der Denkbarkeit eines Kunze befragt, würde er nur sehr obenhin mit den Schultern gezuckt haben, dem körpersprachlichen Äquivalent für: Was frage man ihn? Denkbar sei vieles. Die Frage sei doch, ob der Mensch alles, was sich denken lasse, auch denken müsse.

So habe er den Wald verlassen, gerunzelter Stirn und gereffter Braue, dem körpersprachlichen Ausdruck dafür, daß einer gerade dem Versucher widerstanden habe und dementsprechend deprimiert sei. Bösen Willens voll habe er die Straßen bei Rot gequert und habe am Lister Platz den Alexis Zorbas in eine Gebrauchtbücherkiste gestellt, in der Hoffnung, daß der Käufer sich über die herausgerissene Seite beschweren würde.

Wenige Wochen später dann habe er sich auf der Welfenschloßterrase wiedergefunden, halb hingesunken, von zum weichen Wasser wollenden Lemmingen überrannt, halb hinangezogen vom halbangezogenen Weiblichen, beziehungsweise von den Drüsen erpreßt, die mit Arbeitszeitverlängerung und um dreißig Prozent erhöhter Produktion gedroht hatten, für den Fall, daß er nicht gehe. Später hätten sie sich auf ein Mißverständnis herauszureden versucht, gemeint gewesen sei eine Drosselung der Produktion und Arbeitszeitverkürzung, aber der Effekt wäre natürlich in beiden Fällen derselbe vorauseilende Gehorsam des Nachbarn gewesen.

Gehorsam also habe er auf der Terrasse gestanden, habe sich das Gewimmel und Getue angesehen und so getan, als warte er auf den Top Act des staubwarmen Juniabends, Hannes Wader, einen Sänger, über den manches zu sagen wäre, sicher auch Kritisches, wie z.B. daß er mit ‚Heute hier, morgen dort’ den Sängerinnen des Mittleren Frauenkreises ein weitere Gemme für deren Nichseßhaftenzyklus gestiftet habe, wie der Nachbar erst neulich zu seinem Gram habe feststellen müssen, als die Singestunde des Frauenkreises bei der Hitze halber weit geöffneten Gemeindehausfenstern stattgefunden habe.

In welchem Zyklus sie nun die bisherige Standardlüge, sein, des Mittleren Frauenkreises, Vater sei ein Wandersmann gewesen, und ihm, dem Mittleren Frauenkreis, liege es auch im Blut, verdränge. Denn in der Behauptung, heute sei man hier, morgen dort, kaum sei man da, müsse man fort, werde der Wille zu größerer Wahrhaftigkeit wahrhaftig nicht offenbar, denn der Mittlere Frauenkreis sei ungefähr so unstet und flüchtig wie Hausschwamm.

Er wisse von Mittleren Frauenkreislerinnen, die nur deshalb nicht bei Rewe einkauften, weil sie dazu über die Kreuzung müßten, und was eine rechte Mittlere Frauenkreislerin sei, die bleibe auf ihrer Seite der Bundesstraße und verlasse das Dorf ohne Not höchstens hier und da zugunsten der Insel Mallorca, was der Hausschwamm zugegebenermaßen nicht tue, was aber ihn, den Nachbarn, eher für den Hausschwamm einnehme.

Nicht daß er den Hausschwamm sonderlich gern hätte.

Aber man dürfe bei alledem nicht übersehen, daß der große Verdienst des Sängers Wader, für den man diesen nicht genug loben könne, eben der sei, nicht Kunze zu heißen und vor allem nicht Kunze zu sein.

Nun habe es sich aber begeben, daß um die Zeit des Konzertbeginns herum, zwei noch junge Kirchentagler in der Nähe des Nachbarn, er Männlein, sie Weiblein, am Geländer der Terrasse zu turteln beschlossen haben müßten, denn sie hätten die Köpfe wohl enger zusammengesteckt als nötig, mal die eine, dann die andere, bald alle beide Hände ineinander gehalten, auch Küsse getauscht und Arme um schlanke Körper geschlungen, sowie dem inneren Dialog der Drüsen lebhaft-roten Widerschein auf den jungen Gesichtern erlaubt. Man habe im Hier und Jetzt der Terrasse schon das äußerste befürchten müssen, als es plötzlich aus den Lautspielern geheißen habe, heute sei man hier, morgen dort, kaum sei man da, müsse man fort, habe sich aber niemals deswegen beklagt, und der junge Mann, froh der Ablenkung, beide Hände auf den Handlauf und den linken Turnschuh auf die Fußstrebe gesetzt und sich der Bühne zugedreht habe. Die junge Frau habe sich das vielleicht ein halbe Minute lang gefallen lassen, dann habe sie die verlorene Aufmerksamkeit zurückzuerobern versucht, indem sie – und da sei es passiert, da sei er zum erstenmal gefallen, der Name – indem sie den schrecklichen Satz „Ey, kennst du Kunze? Fähig, oder?“ der Konkurrenz des Sängers entgegengestemmt habe.

Er, der Nachbar, habe dem keine große Bedeutung beigemessen, denn der Name Kunze habe ihm ja nichts gesagt. Er erinnere sich, wie er statt dessen mit mäßigem Interesse registriert habe, daß der Verlust der Artikulationsfähigkeit bei jungen Damen anscheinend schon während des Vorspiels eintrete, daß das Kinderwort für gut, schön, befürwortenswert in jener Saison ‚fähig’ gelautet haben müsse, und wie er das für überkrass gehalten habe. Im Rückblick erkenne er aber GOttes Weisheit, die sich damals auf der Terrasse durch Kindermund offenbart habe: Fähig sei der Kunze in der Tat, zu manchem, wie viele sagten, zu vielem, wie manche sagten, wenn nicht zu allem, wie die Umtriebe der FOK befürchten ließen.

Wenige Generationen zuvor auch würde das Etikett, das ein Backfisch einem wie Kunze aufgepappt haben würde, nicht ‚fähig’ sondern ‚göttlich’ gelautet haben, und dieses ihm, dem Nachbarn, der Welt und nicht zuletzt der jungen Kirchentaglerin selbst erspart zu haben, dafür sei GOtt zwischendurch auch einmal gelobt. Prost.

Es war mittlerweile sechs Uhr geworden, und Christa, des Wirtes Tochter, hatte uns Biere gebracht, wie wir es sie gelehrt hatten. Diese leerten wir nun.

Seine Aufmerksamkeit dem Biere widmend, hatte mein Nachbar keine Einwände dagegen, daß ich nunmehr Verständnis- und Zwischenfragen anbrachte. Vielleicht hatte er auch einfach nur den Mund voll Bier, jedenfalls stellte ich ihm nun endlich die Frage, warum er das alles, wie er schon mehrfach betont habe, nicht, ja nie, gebeichtet habe. Zumal er doch, wie er sage, in der Hölle verpaßter Gelegenheit schmoren müsse, aus der ihn eine Absolution doch sicher befreien würde?

Mein Nachbar dachte nach und nahm einen Schluck Bier. Dann dachte er nochmal nach und nahm noch einen Schluck Bier. Dann sagte er, aus zwei Gründen, und angelte nach seinem Tabak.

Grund Nummer eins, sagte er, die Leimkante des Blättchens schon in Reichweite der Zungenspitze, sei, daß er nicht wisse, was es denn da zu beichten gebe? Einen coitus interruptus praecox? Einen interruptus praecox perquam?

Jetzt schnellte seine Zunge kurz zwischen den Lippen hervor, zog sich aber gleich wieder zurück, und kam nicht wieder hervor. Die Zigarette rotierte um 60 Grad nach Südosten und wieder retour, und der linke Zeigefinger drückte die Leimkante mit routiniertem Strich fest auf den Papierzylinder.

Hm, sagte ich, das wisse ich freilich nicht, als Lutherischer müsse ich ja nicht beichten, worüber ich auch froh sei, denn dabei würde man bestimmt rote Ohren kriegen, aber ich hätte mir das so vorgestellt, daß man seinem Beichtvater einfach sage, was man angestellt habe, also quasi sozusagen die Wahrheit, und danach gehe es einem dann wieder besser.

Wie nach dem Erbrechen! höhnte der Nachbar. Die Wahrheit? Das könne auch nur einem Protestanten einfallen. Was ich denn wohl glaubte, wie es im Beichtstuhl zugehe? Alles kleine Mönchlein auf schwerem Gang, hier stehend und nicht anders könnend?
Neinnein. Er habe immer auf einen Beichtmix geachtet, in dem sich begangene Sünden, verschwiegene Sünden und ausgedachte Sünden die Waage hielten, und er sei gut damit gefahren. Niemals habe sich ein Beichtvater bei ihm beklagen müssen, daß er ihm etwas Unschickliches gebeichtet hätte.
Die Wahrheit! schnaubte er ums andere Mal. Da sei gar keine Zeit dafür. Irgendwann müsse ja auch mal Feierabend sein, und zeitig gegessen werde auch.

Der andere Grund sei, daß er die Beichte des Erlebten nicht habe verantworten können.
Er habe als erfahrenes Beichtkind nicht einen möglicherweise noch jungen und sittlich ungefestigten Beichtvater in der dunklen Enge seines Beichtstuhls mit einer solchen Bilderwelt alleinlassen und selber seines unbeschwerten Weges gehen können.

Außerdem – das sei Grund drei, schob der Nachbar nach und nahm zur Bekräftigung den letzten Schluck Bier – außerdem beichte er ja gerade. Mir. Er signalisierte mir, daß sein Tabak zuende gehe, und er neuen gebrauchen könne.
Und mir könne er auch zumuten, womit er den Beichtvater verschonen wolle, denn ich sei sittlich gefestigt, wenn er mein unruhiges Rutschen auf der Pilgrimshauseckbank vorhin richtig gedeutet habe, nämlich als adäquaten körpersprachlichen Ausdruck dessen, den seine sittliche Festigung temporär am entspannten Sitzen verhindere.

Der Mund des Nachbarn schloß sich wieder. Ich ärgerte mich, weil ich mich ertappt fühlte, und weil ich mich ärgerte, bekam ich rote Ohren und fühlte mich gleich noch ertappter. Zur Ablenkung bestellte ich noch zwei Biere und einen Drumtabak, und überlegte, was ich den Nachbarn fragen könnte, um auch den auf andere Gedanken zu bringen. Kunze, dachte ich, frag ihn nach Kunze, das wird ihn ablenken.

Wie denn nun seine Bekanntschaft mit dem Kunze weitergegangen sei?

Des Nachbarn Gesicht verdüsterte sich, und er schaute böse in sein leeres Glas.

Es sei gegangen, wie es halt so gehe. Man sehe einander hier und da, man rede, man trinke, man höre, was aus den Lautsprechern dränge, man höre auch wieder weg, bis man sich, unter Freunden, gegenseitig frage, was denn das sei bzw. gewesen sei, und der Freund dann zurückfrage, was, das kenne man nicht, das sei doch der und der. So habe er den Kunze wohl kennengelernt, ohne es zu recht merken.
In gewisser Weise sei die Geschichte ihrer Bekanntschaft weitergegangen wie der Erwerb einer Gürtelrose: erste Anzeichen des bevorstehenden Ausbruchs würden ignoriert, denn man bringe Müdigkeit und Abgespanntheit nicht automatisch mit eben gehörter Musik in Verbindung. Da aber habe das Virus meist schon über Jahre im Körper geschlummert, warum es beim einen ausbreche, beim anderen weiter schlummere, wer wolle es sagen? Man könne sich nicht wirklich davor schützen; es gebe aber Provokationsfaktoren, wie ein allgemein geschwächtes Abwehrsystem, oder, in seinem Fall, eine Hauptmieterin.

Eine was, fragte ich perplex, und klammerte mich an das nasse, kühle Glas.

Hauptmieterin, wiederholte der Nachbar. Bei ihm sei das Abwehrsystem kollabiert, als er als Gast einer Orgie in einer Altbauwohnung, unmittelbaren, unvermeidbaren und ungeschützten Ohrenkontakt mit Kunzeschem Gesang gehabt hatte.

Man habe es der Orgie anfangs nicht angesehen; es sei eine ganz normale Altbauwohngemeinschaft gewesen, der der Nachbar lose assoziiert gewesen sei, und die Orgien dort seien, der Vielzahl und Volatilität der Bewohner geschuldet, hochfrequent gewesen.
Mit der Zeit habe sich eine gewisse Routine eingeschliffen, man habe die Stühle ins Treppenhaus geschafft, die Küche mit Fladenbrot, Oliven und Tsatsiki weitgehend unbewohnbar gemacht, den Balkon hätten sich die Raucher und das ungekühlte Bier geteilt, das größte Zimmer sei zum Tanzen freigegeben worden und die Einzelzimmer nach Bedarf zu Besucherjackendepots, für Geselligkeitszwecke oder die Aufnahme der Musikanlage umgewidmet worden. Man kenne das. In der Hinsicht hätten sich die Orgien nicht von den Orgien in anderen Albauwohnungen unterschieden.

Unterschieden hätten sie sich vielleicht, aber das sei Spekulation, denn so häufig wie in dieser Altbauwohnung sei er in anderen Altbauwohnungen nicht zu Gast gewesen und wisse über deren Bewohner nicht so gut Bescheid, unterschieden hätten sich die in Rede stehenden Orgien von vergleichbaren Orgien möglicherweise durch die Person der Oberwohngemeinschafterin, die diesen Orgien und überhaupt dem Leben in dieser Wohnung vorgestanden, und, ja, dem ganzen Altbau, ihren Stempel unübersehbar aufgedrückt habe. Möglicherweise. Möglicherweise auch nicht, denn vielleicht finde sich im Auge eines jeden Hurricans eine solche Hauptmieterin, die den ganzen Wirbel verursache, die Teilchen beschleunige und dafür sorge, daß die Dinge für eine Weile in Bewegung blieben, aber, wie schon gesagt, dazu könne der Nachbar Fundiertes nicht sagen.

Von dieser Wohngemeinschafterin aber könne er Zeugnis ablegen. Kennengelernt habe er sie am späten Abend des Hannes Wader Konzertes, als sich der arg verbeulte und nicht sehr saubere Citroën des Sängers seinen Weg von der Bühne zum Schneiderberg über die geschundene Grasnarbe und durch die Prellbocktouristen gebahnt, und die Hauptmieterin ihm, dem Nachbarn, im Ausweichmanöver auf den Fuß getreten habe.

Sie habe Charme gehabt, durchaus, sie habe, was diesen Artikel angehe, den Vergleich mit keiner ihrer großen Vorfahrinnen, Kirke etwa, zu scheuen brauchen, und sie habe ihn genutzt. Von Woche zu Woche sei ihr Koben größer, und von Mal zu Mal der Teilnehmerkreis der Orgien unübersichtlicher geworden. Doch wenn sie, die Wohngemeinschafterin, auch in der Serialität zur Vielmännerei geneigt habe, so habe sie sich doch in der Parallelität monströsester Monogamie verschworen, dergestalt, daß der jeweilige arme Kerl 168 Stunden in der Woche für praktisch Alles habe herhalten müssen, mindestens aber die Hotline besetzt zu halten gehabt, falls nicht überhaupt Residenzpflicht bestanden habe.

7/24 Stunden Telefondienst – man müsse sich vor Augen halten, sagte der Nachbar, daß wir uns immer noch in Vorhandyzeiten befänden – 7/24 Stunden Telefondienst seien eine seelische Grausamkeit, die damals noch automatisch aus einem Mordvorwurf den des Totschlags im minder schweren Fall gemacht habe. Als mildernden Umstand könne man nur geltend machen, daß die wenigsten Männer so lange durchgehalten hätten. Mancher sei, Wochen später zur Orgie eingeladen, wie von einer großen Last befreit erschienen, als ein Freier unter Freien, der erstmals ganz Mensch sein durfte und einen Abend lang machen konnte, was er wollte.

Wie mit den Männern, so sei sie aber auch mit der von ihr konsumierten Musik verfahren – er, der Nachbar, scheue in diesem Zusammenhang das Wort ‚geliebt’. Die Rotationsgeschwindigkeit, mit der sie die Favoriten gewechselt habe, habe ihm, dem Nachbarn, den Atem genommen, und er, der Nachbar, für den in der Musik Dauer, Verläßlichkeit, Gegenseitigkeit und Treue hohe Werte seien, ja, der immer Beziehungen für sein ganzes Leben gesucht und angestrebt habe, der sich jeder Neuigkeit gegenüber spröde gegeben habe, Nähe nur schüchtern habe zulassen können, um sich nach intimem Kennenlernen umso fester und freudiger zu bekennen, er, der Nachbar, habe einen Kulturschock erlitten, als er zum erstenmal mitansehen habe müssen, mit welch ranschmeißerischer Rolligkeit die Hauptmieterin die teils wildfremde Musik nicht nur an sich herangelassen, sondern deren Nähe proaktiv gesucht, ja sich mitten hineingestürzt habe, wahllos irgendwelche Texte in den Mund genommen und mitgesungen habe, sich links und rechts Melodien hineinstecken lassen und dazu lautiert habe, Bässen das Becken entgegengestemmt, jedem Schreihals bei der kleinsten Avance schamlos die Trommelfelle dargeboten und sich in akustischem Ejakulat gesuhlt habe.

Aber das gehe ihn, den Nachbarn, wenig an, die Welt sei groß und bunt, wir alle seien GOttes Kinder und die Geschmäcker verschieden.

Was ihn aber sehr wohl angegangen sei, sei ihre Unart, sich für jeweils mindestens einen Abend einen Favoriten ausgesucht, sich seiner versichert und ihm die klebrigste Treue gehalten zu haben, dergestalt, daß die arme Sau praktisch nicht mehr vom Plattenteller heruntergekommen sei, durchgenudelt bis zum Gehtnichtmehr, mitleidslos zum Objekt der Begierde, dem Zentrum der Orgie gemacht worden sei, bis sie, die Sau, ihrer Würde entkleidet, ihrer Persönlichkeit beraubt, was weniges an Kraft in ihr gewesen sein mochte vergebens aufbäumend, von fettigen Händen begrapscht, von Nikotinfingern geschändet, von scharfen Saphiren zerkratzt, mit Kerzenwachs bekleckert und mit Sambuca bespritzt, mit Zigarettenasche bestreut und von Glut versengt, im Morgendämmer noch zweimal hergenommen worden sei, um für den Rest ihres Daseins im Plattenregal, nie wieder gerufen, zu verdämmern.

Das gehe ihn schon an, denn das greife nicht nur an die Würde der musizierenden Mitkreatur, so schwer die musizierende Mitkreatur es einem im Einzelfall auch mache, in ihr, der musizierenden, die Mitkreatur zu erkennen, dies gehe auch an seine, des Nachbarn, Würde und ihm via Ohren auf den Sack.
So sei es auf der ersten Orgie, derer der Nachbar teilhaftig geworden sei, einer Sängerin gegangen, die mit abgedunkelter Stimme und Lockenwicklern im R verkündet habe, sie wisse, es werde einmal ein Wunder geschehen.
Immer wieder.
Und nochmal. Und nochmal. Und noch einmal.
Es sei aber kein Wunder geschehen. Nicht an diesem Abend.
Was anfangs nach triumphaler Gewißheit geklungen habe, sei über Beteuerung, trotzige Selbstbehauptung, Zweifel, Gebet und Furcht zu Flehen um Erbarmen und Verzweiflung geworden, aber genutzt habe es ihr nichts.

Und so wie dieser, so sei es manchen gegangen.

Schließlich, auf der Gürtelrosenorgie, sei es der Sänger Kunze gewesen, der Residenzpflicht auf dem Plattenteller gehabt habe, und zum erstenmal in dem, was den Nachbarn an jenem Abend ein verpfuschtes Leben zu sein gedeucht hatte, habe ihn etwas wie eine Ahnung von wahrem Christentum angeweht, indem er nämlich die Fähigkeit in sich zu spüren geglaubt habe, sogar mit jemandem wie dem Kunze Mitgefühl haben zu können, wenn der nur in die Klauen der Hauptmieterin geriet.

Aber das habe nicht lange vorgehalten, dazu sei es zu gräßlich gewesen. Wenn das Opfer einer rituellen Schlachtung, bereits auf dem Opferstein liegend, kurz bevor man ihm bei lebendigen Leib das Herz ausreißen würde, dem Publikum eben dieses Herz zu eigen anbiete, noch handwarm sozusagen und von Herzblut triefend, so sei das unpassend, oder jedenfalls nicht geeignet, des Publikums Mitleid zu erwecken. Das aber habe der Kunze getan, indem er behauptet habe, wiederholt behauptet habe, sein – sein, des Nachbarn – sei sein – sein, des Kunze – ganzes Herz. Das aber habe der Nachbar nicht haben, das habe er auch nicht wissen wollen, schon gar nicht habe er es in fünfminütigem Abstand gesagt kriegen wollen. Wiederholt gesagt kriegen. Und nochmal gesagt kriegen. Und immer wieder gesagt kriegen.

Verschärfend, durchaus verschärfend, sei hinzugekommen, daß man den Kunze schlecht habe verstehen können. Auf die zweite Zeile des Refrains, die mit der Reimsilbe ‚schmerz’ habe sich der Nachbar durchaus keinen Reim machen können. Gehört habe er immer ‚Einlaufschmerz’, aber nicht verstanden, was der Kunze damit habe sagen wollen: er, der Nachbar, sei sein, des Kunze, Einlaufschmerz? Das habe er sich bis dahin noch von niemandem sagen lassen müssen, und er habe auch an dem Orgienabend nicht vorgehabt, sich dergleichen sagen zu lassen. Und auch nachdem er sich, auf der Suche nach jemandem, mit dem er Streit hätte anfangen können, von weniger sensiblen Orgienteilnehmern habe erklären und sich davon überzeugen lassen, daß er sich lediglich verhört habe, weiterhin verhöre und, wie die Dinge lägen, sich wohl noch des öfteren an diesem Abend verhören werde, auch danach habe er sich nicht zu kunzefreundlicher oder immerhin kunzefreundlicherer Einstellung verstehen können, sondern habe einen rechten Widerwillen gegen jenen und speziell gegen seinen Gesang entwickelt, der nun, Hörfehler hin oder her, neben der chirurgischen auch eine unangenehm proktologische Anmutung bekommen habe; und je länger die Orgie gedauert habe, je häufiger die Platte gespielt worden sei, desto lebhafter, unabweisbarer und bedrängender sei das Phantomgefühl geworden, ihm, dem Nachbarn, werde rektal Flüssigkeit zugeführt.

Sei zu Beginn der Orgie der Name Kunze dem Nachbarn neutraler Begriff gewesen, der ihn hinter keinen Ofen gescheucht haben würde, so sei er nach der Orgie zum magischen Wort geworden, mit dem man den Nachbarn zuverlässig aus Wohnungen, aus Gastwirtschaften, Shopping Malls, Hallenbädern und, ja, aus ganzen Stadtteilen habe vertreiben können. Noch sei es nicht soweit gewesen, daß ihn die Drohung Kunze aus der Provinz Hannover habe treiben können, aber die Grundlage dafür sei auf jener Orgie gelegt worden.

Man sage, sagte ich dem Nachbarn, und der ließ es diesmal durchgehen, man sage, denn das hatte ich mal gelesen, man sage dem John Lennon nach, beim Billardspielen einst immer und immer wieder Wonder Boy in der Jukebox gedrückt zu haben.

Ja, sagte mein Nachbar nach einer kleinen Weile, die er brauchte, um seine Zigarette sorgfältig auszudrücken. Und?

Nichts, nichts, meinte ich. Ich meinte ja nur. Es konnte auch beim Krökeln gewesen sein, ich wollte mich nicht auf Billardspielen versteifen. So genau konnte ich mich dessen nicht erinnern, dazu war es noch nicht lange genug her, daß ich das gelesen hatte, höchstens zehn Jahre. Vielleicht elf.

Ich wolle doch hoffentlich ein harmloses, wenngleich mehrfaches, Drücken einer Jukeboxtaste nicht mit der rituellen gottesanbeterischen Hinmeuchelung unschuldiger Musik im Rahmen einer Altbauwohnungsorgie vergleichen? Oder sollte ich das wollen? Und ich wollte doch hoffentlich mit meinem fahrlässigen Namedropping nicht verantwortlich dafür sein, daß der Name Kunze hier in einen Zusammenhang gezerrt werde, in den er nicht gehöre. Das könne dem Kunze nämlich so gefallen, mit den Klassikern der Popmusik im selben Halbsatz wohnen zu dürfen, so à la Lennon, Kunze, Kinks, aber den Gefallen werde er, der Nachbar, ihm, dem Kunze nicht tun.

Frevelhaft bleibe Lennons Tun immerhin, fuhr der Nachbar fort. Offen gestanden wundere es ihn, daß GOtt dem tatenlos zugesehen haben sollte. Oder ob die Jukebox vielleicht mysteriöserweise plötzlich den Geist aufgegeben habe? Lennon eines gewaltsamen Todes gestorben sei? Oder es unerwartet und heftig zu regnen begonnen habe?

Daran konnte ich mich auch nicht mehr erinnern, fand es aber schicker zu sagen, das gebe die Quellenlage nicht her.

Das gebe die Quellenlage nicht her, sagte ich stolz.

Mein Nachbar merkte nichts. Es sei nicht ungefährlich, sich an Musik zu vergreifen, an der ihm, dem Nachbarn, gelegen sei, erzählte er. Die Hauptmieterin habe das eines Tages erfahren müssen, als sie sich auf einer weiteren von ihr präsidierten Orgie dazu verstiegen habe, sich Van Morrisons anzunehmen und ihm die gleiche Mißbehandlung widerfahren lassen, die – vier Jahre zuvor – dem Kunze begegnet war.

Ich bemerkte, daß er soeben Kunze und Herrn Morrison im selben Satz hatte wohnen lassen. Das hätte ich mal versuchen sollen! Aber da ich sowieso nicht dazwischen gekommen wäre, hob ich mir das für später auf.

Und es bedeute keineswegs, den Kunze in einen Zusammenhang zu stellen, in den er nicht gehöre, wenn er ihn hier in einem Atemzug mit Van Morrison nenne, sagte der Nachbar. Es gehe vielmehr um eine Zusammenschau der, einer natürlichen Rangordnung geschuldeten, Unterschiede, die sich umso exemplarischer herausarbeiten ließen, je stärker das Gemeinsame betont würde. Ich sollte nicht glauben, der einzige zu sein, der gespreizt daher reden könne.

Mit dem Herrn Morrison sei es so gewesen: es habe sich ein Gast mit dem goldenen Schwan von Avalon Sunset unter dem Arm zur Orgie eingefunden und der Hauptmieterin vorgespielt. Ein Fehler, den der Nachbar sofort als solchen erkannt haben will, dem er aber nicht rechtzeitig habe wehren können. So habe das Unheil seinen Lauf genommen. Als eines der Lieder – das Lied -, es möge gegen zehn Uhr abends gewesen sein, bereits zum vierten Mal gespielt worden sei, habe etwas geschehen müssen.

Der Nachbar habe plötzlich den Drang verspürt, sich in das Zimmer zu begeben, in dem sich außer der Musikanlage nichts befunden habe, denn Tanzen habe man dort nicht können, weil der zu Schwingungen neigende Altbaufußboden die Plattenspielernadel habe hüpfen lassen, und der Rest der Orgie habe sich, wie bei Altbauorgien üblich, in der Küche abgespielt. Dort – im Musikzimmer, nicht der Küche – habe er sich einen Sessel neben den Plattenspieler gerückt und habe gewartet. Lange Zeit sei nichts geschehen.

Was genau es gewesen sei, was ihn in das Musikzimmer getrieben habe, könne er auch heute noch nicht sagen. Er sei in einer merkwürdigen Stimmung gewesen. Wenn ihm etwa jemand aufgetragen haben würde, in die große Stadt Ninive zu gehen und wider sie zu predigen, so würde er an jenem Abend nicht nur ohne Widerworte gegangen sein, er würde sich sogar darauf gefreut und insgeheim gehofft haben, daß die Niniveter sich möglichst bockig geben möchten, damit er einen Grund zum Rumschreien gehabt hätte. Dann sei, wie der Nachbar es nicht anders erwartet habe, die Hauptmieterin erschienen, Ducksches Glitzern in den Augen, Liedfetzen in den Lefzen, und habe in den Plattencovern gefingert, die, auf dem Fußboden stehend, schräg gegen das Ivarregal gekippt waren. Draußen sei es wie Wetterleuchten gewesen. In dem Wetterleuchten habe der Nachbar, wie so häufig in den letzten Jahren, die Sandkastengespielin gesehen, die sich mit dem Handrücken zwischen den Schulterblättern zu massieren gesucht habe, und wie so häufig bei der Vision habe der Nachbar gemerkt, daß seine Finger sich ohne sein Zutun in imaginären Sand zu graben versuchten, wobei sie wie von ungefähr einen Masturbationsgriff formten – eine Stellungnahme, die er ihnen in der Öffentlichkeit aus Schicklichkeit nicht habe gestatten können, obwohl er für körpersprachliche Äußerungen das Prinzip der freien Rede natürlich nicht grundsätzlich außer Kraft gesetzt wissen wolle – und wie er die Finger mit Macht wieder gestreckt habe, sei ihm aufgefallen, wie dringend sie einer Maniküre bedurft hätten.

Mir wurde ein wenig bange. Diese ganze Körpersprachengeschichte schien mir über den Kopf wachsen zu wollen. Wenn ich in Zukunft nicht nur damit rechnen sollte, daß meine Hände mit mir reden wollten, wenn und wann es ihnen in den Kopf kam, sondern auch damit, daß sie sich über Themen auslassen würden, die die Öffentlichkeit nichts angingen, während ich noch alle Hände voll damit zu tun hatte, rauszukriegen, was sie überhaupt von mir wollten, was sollte ich denn dann nur tun? Sie ganz und gar in der Hosentasche lassen? Aber was würde das dann wieder bedeuten?

Dann habe die Hauptmieterin die gesuchte Platte gefunden, ein Stück auf der zweiten Seite gesucht, die Nadel vorsichtig aufgesetzt, den Verstärker lauter gestellt und sei wieder hinausgelaufen.

Der Nachbar habe dagesessen, der Musik gelauscht, in Ehrfurcht und Bewunderung dem Schauspiel des Lichts über den Dächern und an den Backsteinwänden der Straßenschlucht zugesehen, den Rhythmus seines Atems gefühlt, den Schweiß der Tänzer gerochen, als er sich plötzlich seiner Umgebung, Van Morrisons, der Haupmieterin, der Orgiengäste, ja, selbst Kunzes als Teil eines gigantischen kosmischen Tanzes bewußt geworden sei. Er habe ja gewußt, daß die Plattennadel und der Tonarm, der Altbaufußboden und die Gewitterluft, das Wetterleuchten und die Brust der Sandkastengespielin, das sich dies alles aus vibrierenden Molekülen und Atomen zusammensetze, ja letztlich aus Teilchen bestehe, die durch Erzeugung und Zerstörung anderer Teilchen miteinander reagierten. Das alles sei ihm vertraut gewesen, seit er, der ja auch einmal Residenzpflicht bei der Hauptmieterin gehabt habe, von dieser, die natürlich esoterisch bis zum Gehtnichtmehr gewesen sei und angenommen habe, alles, wo Tao draufstehe, sei gut für den Nachbarn, und wenn es das Tao der Physik sei, zur Lektüre des Taos der Physik angeregt und von ihr dabei überwacht worden sei. Er habe das Buch gerne und mit Interesse gelesen und bedaure nur, daß er über das Vorwort nicht hinausgekommen sei, weil er seinen Platz und das Buch seinem Nachfolger habe übergeben müssen, aber jetzt, bzw. später, bzw. damals, als er auf diesem Sessel gesessen habe, sei sein Buchwissen lebendig geworden: er habe förmlich gesehen, wie aus dem Weltenraum Energie in Blitzen auf die Erde geschleudert wurde und ihre Teilchen rhythmisch erzeugt und zerstört worden seien. Er habe die Moleküle aus den Lautsprechern kommen und als Teil dieses kosmischen Energie-Tanzes durch die rauchgeschwängerte Luft und in seinen Körper marschieren sehen, er habe seinen Rhythmus ‚gefühlt’ und seinen Klang ‚gehört’, und in dem Moment, in dem ihm gerade klar werden wollte, wessen Tanz dies sei, sei Shiva, die Wohngemeinschaftshündin in das Musikzimmer gekommen, der, mit wenigen Schwanzeslängen Abstand, die vielleicht zweieinhalbjährige Tochter eines Orgiengastes gefolgt sei, die, selber lachend, freudig auf den ausgreifend und rhythmisch wedelnden Schwanz Shivas deutend und diesen vergeblich zu fassen und noch vergeblicher zu halten versuchend in die Musik hinein gerufen habe: ‚Shiva :: lacht!’.

Schlagartig habe sich der Nachbar aus seiner seltsamen Stimmung herausgerissen gefühlt, und schlagartig und unerwartet sei auch die Musik aus gewesen, und in der vorzeitigen Stille habe man das Rauschen des senkrecht in die Straßen fallenden Regens gehört.

Wenig später, in der Aufruhr und mit dem Gesichtsausdruck dessen, dem kurz vor dem Höhepunkt ein Malheur passiert und der nun bemüht ist, den status quo ante wieder herzustellen, ehe die Erektion nachläßt, sei die Hauptmieterin wenn auch auf Strümpfen, denn sie habe strumpfsockend zu tanzen beliebt, so doch ohne Rücksicht auf den schwanken Altbauboden in das Musikzimmer gestampft, und habe erneut Van Morrison aufzulegen versucht, was aber mißlungen sei, denn die Plattennadel habe nicht mehr fassen wollen, nirgendwo, sondern sei mit einem scheußlichen Ratschton sofort zur Mitte des Plattentellers gefahren.
Ich müsse bedenken, sagte der Nachbar, daß wir uns immer noch in Vorhandyzeiten befänden, und die CDs hätten damals ausgesehen wie die Telefone: groß und schwarz.

Ich mußte doch sehr bitten! Ich wußte noch sehr gut, was Schallplatten gewesen waren und wie sie ausgesehen hatten. Ich sag’ doch, mein Gedächtnis ist in Ordnung.

In dieser Nacht sei ein ungeheurer Regen auf Hannover gefallen.

Schallplatten hätten nicht mehr gespielt werden können, was schade gewesen sei, aber mit sich gebracht habe, daß auch Daring Night nicht mehr gespielt werden konnte, was vom Nachbarn sehr begrüßt worden sei, denn er habe das Lied damals sehr geschätzt und schätze es auch heute noch, wenn er, was allerdings nicht jeden Tag vorkomme, sich einmal Avalon Sunset anhöre.

Nichts habe fruchten wollen: kein Drehen am Auflagegewicht und an diversen Pro- und Antiskatingschräubchen, es sei fast gewesen, als habe sich jemand mit einem inappropriaten Gegenstand an der empfindlichen Saphirspitze zu schaffen gemacht. Aber das sei auszuschließen, denn außer dem Nachbarn, der friedlich im Sessel gesessen und sich die Nägel gefeilt habe, sei niemand im Musikzimmer gewesen, und niemand außer Shiva und deren kleiner Jüngerin sei hereingekommen.

Er der Nachbar, habe argumentiert, daß hier ganz fraglos die Hand GOttes, die fraglos gut manikürte Hand GOttes im Spiel gewesen sein müsse, der mit seinem Eingreifen in den Weltenlauf Herrn Morrison, der ja ein frommer Sänger sei, welcher, auf den Folterteller der Hauptmieterin genagelt, sich keinerlei Zweifel anheim gegeben habe, nicht gezagt und nicht gefragt habe, sich nicht einmal die allermenschlichste aller menschlichen Fragen gestattet habe, die bis ans Ende aller Tage und durch großes Leid geadelte Frage: warum GOtt ihn verlassen habe?, sondern schlicht und fromm die Bitte geäußert habe, nicht verlassen zu werden, der aber auch das kindliche Vertrauen darein verströmt habe, nicht verlassen, sondern gehalten zu werden, nicht fallen zu können, nicht tiefer fallen zu können als in die Hand dessen, der ihn auch unter widrigen, ja widrigsten Umständen halten werde, wie etwa denen einer profanen Altbauorgie in Linden Nord, GOttes Hand eben, die diesen Van Morrison, der besseres verdient habe als Kunze, welcher – er, der Nachbar habe es nicht vergessen, und GOtt werde es auch nicht vergessen haben – in vergleichbarer Situation einen Kuhhandel mit seinen Organen versucht habe, die diesen Van Morrison aus dem Feuerofen habe erretten wollen, glühe dieser auch siebenmal heißer als er für Kunze geglüht habe, dessen Herrschaft gezählt und beendet sein möge, dessen Gewicht nur halbes Maß habe und dessen Musik geteilt und den Persern und Medern gegeben werden möge: — aber, habe er, der Nachbar, bescheiden hinzu gefügt und dabei wohlgefällig seine Fingernägel betrachtet, wie GOtt wolle, nicht, wie er, der Nachbar, wolle.

Jedoch – der Nachbar habe nicht gegen die Esoteriker angekonnt. Die hätten sich schließlich darauf geeinigt, daß es der Tanz Shivas gewesen sein müsse, bei dem der Plattenspieler zum Teufel gegangen sei, vielleicht daß Shiva in Unterschätzung ihrer Kräfte ihren muskulösen Schwanz in Anschlag gebracht habe, oder auf, unter, hinter oder neben dem Plattenspieler herrenlosen Tsatsiki gewittert und beizutreiben versucht habe, wie auch immer, Shiva zerstöre nicht um des Zerstörens willen, habe es geheißen, sondern damit Neues entstehe. Und das Neue sei entstanden: aus einer befreundeten Altbauwohnung sei das Neue geholt worden, mit vereinten Kräften habe man den Plattenspieler abgeräumt und durch einen CD-Player ersetzt. Auch CDs seien erschienen, hier eine, da eine, da eine ganze Rotte. Bald auch habe sich gezeigt, daß der CD-Player über ein teuflisches Werkzeug verfügt habe, teuflisch jedenfalls unter den skrupellosen Fingerspitzen der Hauptmieterin: eine Repeat-Taste: ein kleiner Stups nur für den Finger, aber ein großer Rückschritt für die Menschheit.

Es sah beinahe so aus, als lasse der Nachbar den Kopf hängen. Es drängte mich, ihm Mut zuzusprechen, aber ich hätte nicht gewußt, was man in einem solchen Falle sagt, außer vielleicht, das sehe schlimmer aus, als es sei, das werde schon ganz von selbst wieder werden, er solle mal sehen, wenn er morgen früh aufwache, sei die Repeat-Taste bestimmt wieder weg. Aber der Nachbar bückte sich nur und hob seine Blättchen wieder auf, und ich sagte Achso, und er fragte Wieso Achso, und ich sagte ihm wieso, aber er schüttelte nur den Kopf und hielt ihn betont höher, als er ihn hätte halten müssen, wenn er mich hätte ansehen wollen, was er aber gar nicht wollte.

Es gebe keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Jeder Sieg trage die kommende Niederlage in sich und jede Niederlage den Keim künftigen Sieges. Das habe er an jenem Abend einsehen müssen. Sein Sieg über die Hauptmieterin habe den grindigen CD-Player im Schoße getragen und in kürzester Zeit geworfen, der Sieg des CD-Players über den Nachbarn aber habe das Gift der Miniaturisierung in den Knochen gehabt: er schwinde, der CD-Player, bald sei er weg. Und seinen Erben, den iPod, den könne man leicht ausschalten, mit einem Aquarium, einem Goldfischglas, ein Goldfischglas reiche schon, ach was, Goldfischglas, ein Gebißreinigungsglas tue es auch. Ein wenig leid sei es ihm schon darum, daß er nie wieder zu einer Orgie gebeten worden sei; er stelle es sich lustig vor, wenn Esoteriker zu erklären versuchten, wie Shiva den Orgien-iPod in einen Sangriakübel versenkt habe.

Das Fazit jener Nacht sei aber dennoch positiv. Das Mysterium bleibe unaufgelöst, bleibe aber wohl auch verantwortlich dafür, daß sein, des Nachbarn, Verhältnis zu Van Morrison ein nach wie vor herzliches sei, im Gegensatz zu seinem, des Nachbarn, Verhältnis zu Kunze, das als definitiv zerrüttet gelten müsse, als wirtschaftlicher Totalschaden, denn die Kosten für eine Wiederherstellung würden den Zeitwert des Kunze um ein Mehrfaches übersteigen.

Um diese Zeit, fuhr der Nachbar fort, sei ein Schatten auf Hannover gefallen, von Norden her, und die Menschen hätten begonnen, die Eilenriede den Düsterwald zu nennen. Es habe praktisch nur noch geregnet.

Gerüchte seien umgelaufen, daß es sich bei der Macht, die sich in der alten Schmiede von Brelingen eingenistet habe, um Sauron handele, …

Um wen? fragte ich verblüfft, und warf unwillkürlich des Nachbarn Tabak vom Tisch.

… was ihn, den Nachbarn, in falscher Sicherheit gewiegt habe, denn, wie sich über kurz herausgestellt habe, sei es leider doch nicht Sauron gewesen, dem das Anwesen verkauft worden war, sondern ein Sänger aus Osnabrück.

Aufgescheucht, habe der Nachbar nunmehr gemeint, reagieren müssen. In einer Bittschrift an den Stadtbaurat habe er angeregt, die alten Pläne aus dem Jahr 1944 wieder zu aktivieren, nach denen man die Überreste Hannovers dem Erdboden hatte gleich machen und die Stadt woanders komplett neu wieder aufbauen wollen, und, so habe er ihm, dem Baurat, geraten, nicht zu säumen, sondern sich zu tummeln.

Der habe sich aber als genauso bockig erwiesen wie die Niniveter, bzw. wie der Stadtbaurat von Sodom vielmehr, als Lot dem geraten habe, seine, des Stadtbaurats – Sodoms, nicht Hannovers -, Finger von den beiden Herren zu lassen, die unter Lots Dach übernachten sollten, woraufhin der HErr, wie bekannt, von seinem Weisungsrecht Gebrauch gemacht – GÖttliches Recht breche nämlich das in einem solchen Fall nachrangige Gemeinderecht – und den warmen Abriß Sodoms top down angeordnet habe, und jedenfalls habe der Stadtbaurat – Hannovers, nicht Sodoms – gemeint, eine Stadt, die 88 Bombenangriffe und alle seine – des Baurats – Vorgänger, zwar mit Blessuren, aber immerhin überstanden habe, werde wohl auch mit dieser Heimsuchung fertig werden, was der Nachbar für eine völlige Verkennung des realen Gefährdungspotentials gehalten habe: 88 Bombenangriffe seien schließlich das eine, die Anwesenheit eines Sängers von des Kunze Fähigkeiten vor den Toren der Stadt sei das Ganz Andere; und ein Stadtbaurat, der etwa dem Verkauf eines Anwesens im Schlafgürtel von Rom an einen Herrn – sagen wir – Hannibal zugestimmt haben würde, würde, mangels Rom, nicht lange Stadtbaurat von Rom geblieben sein, aber, so habe der Nachbar hinzugefügt, wie der Herr Stadtbaurat wolle, nicht wie er, der Nachbar wolle.

Er, der Nachbar habe seine Siebensachen gepackt und sei, damit nicht auch er verdorben würde in der Missetat der Stadt, ins Preußische ausgewandert.

Und die Sonne sei aufgegangen auf Erden, als er im Preußischen angekommen sei; da habe er allerdings auch noch nicht geahnt, daß dort ein Sänger namens Grönemeier gehaust habe und wohl noch hause, der noch undeutlicher gesungen habe und wohl immer noch singe und vermutlich noch protestantischer sei als Kunze.

Aber man könne nicht immer flüchten, man müsse auch mal standhalten.

Die Gläser waren leer. Christa, hinter dem Tresen, massierte sich mit dem Rücken der Linken zwischen den Schulterblättern. Gespreizter Zeige- und Mittelfinger ihrer Rechten hießen zu deutsch: Soll ich euch noch zwei Bier bringen?

Über dem Klostertor hing schwerbleiernes Maigewölk. Ein weicher Regen setzte ein. Am Fensterkreuz vorbei sah ich, wie zwei Herren aus Richtung Pforte sich dem Pilgrimhaus näherten, beschleunigten, aber immer noch gemessenen Schritts. Fast sah es so aus, als wollten sie sich mit der Kanaille gemein machen.

Besorgt besah ich mir die Falten auf des Nachbarn Stirn. Eine Braue wölbte sich. Hatte ich ihn nicht an irgendwas erinnern wollen? Ich nahm mir einen seiner Zigarettenstummel und malte damit in der Asche. Die Sandkastengespielin fiel mir ein, sie hatte Christas Gesicht. Ich versuchte, mich unauffällig ein wenig kommoder hinzusetzen.

Dann öffnete sich die Tür, und der Doktor Schlicht und ein mir nicht bekannter Mann mit Brille betraten die Gaststube. Sie sahen nicht aus wie etwas, von dem man gern ein Bier ausgegeben kriegen würde.

„Fuck!“, enfuhr es dem Nachbarn, aus Herzensgrund.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


6 × = zwanzig vier

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Navigation