Platz genug

In Erwiderung eines – wie nennt man das bei Westerwelle? Wenn der etwas sagt? Statement? Seifenblase? Schaum? – in Erwiderung eines Bonmots von Guido Westerwelle, der als Redner auf dem jüdischen Weltkongreß in Budapest gesagt hatte: “Antisemitismus hat weder in Berlin noch in Budapest noch sonstwo in Europa oder in der Welt einen Platz”, in Erwiderung dieser Behauptung hat der Antisemitismus, der zur Zeit mit seinem pickligen Arsch auf Ungarn sitzt, eine seiner Käsemauken auf Deutschland geparkt hat, ein Knie in Österreich und seinen runzligen Ellbogen auf Polen gestützt, auf diese Bemerkung hin sagte der Antisemitismus, er könne sich über mangelnden Platz in Europa nicht beklagen. Er habe schon besser gesessen, er habe aber auch definitiv schon schlechter gesessen, und Platz habe er reichlich.

Auch habe er nicht vor, sich diesen Platz von irgendwem madig machen zu lassen, schon gar nicht von so einem Jüngelchen wie Wieheisterwelle? – Westerwelle. Dem. Eine Rhetorik habe es am Leibe, das Jüngelchen, daß es die Sau grause: “Wir werden aufstehen, wenn Israel bedroht oder seine Legitimität in Frage gestellt wird”, habe es zum Beispiel gesagt. Und: vor dem Hintergrund dieses Aufstehens werde Berlin “eine iranische Atomwaffe nicht akzeptieren”. Wenn er, so der Antisemitismus, die iranische Atomwaffe wäre, würde er darüber so fürchterlich lachen müssen, daß er um die Verschlußkraft seines Schließmuskels zu fürchten hätte.

Bei diesen Worten lüpfte der Antisemitismus das Gesäß und ließ einen gewaltigen Schiß auf Ungarn, der ein Gutteil des Landes versaute, auf den Namen Jobbik hört und stolz darauf ist. Viktor Orbán, der dem Antisemitismus noch schnell ein Kissen unter den Arsch hatte schieben wollen – “nicht, damit er komfortabler sitzt, um das Land zu schützen!” -, kriegte was ab, tat aber so, als röche er es nicht. Er wischte sich die Scheiße vom Revers und sagte, Ungarn werde “null Toleranz” zeigen. Bei diesen Worten kriegte der Antisemitismus vor Lachen den Schluckauf.

Nicht nur in Ungarn, sondern überall in Europa verstärkten sich Antisemitismus und Rechtsextremismus, fuhr Orbán fort, und der Antisemitismus nickte dazu. Europa müsse sich fragen, was es falsch gemacht habe. Und Europa müsse sich von ihm, Orban, sagen lassen, was es falsch gemacht habe: es habe seine starke nationale und christliche Identität aufgegeben, daß sei es, was Europa falsch gemacht und was den Antisemitismus stark gemacht habe.

Der Antisemitismus, gefragt, wie er das sehe, zog den Schnodder herauf, wandte den Kopf und rotzte eine grüngoldene Aule in die Gegend von Athen. Er sei, sagte der Antisemitismus, ihm ganz egal, was Europa mache. Er sei in Europa geboren worden, und das schon vor ziemlich langer Zeit, und er gedenke, hierzubleiben. Hier gefalle es ihm. Er werde hier nicht weggehen. Er habe die starken nationalen Identitäten kommen und gehen und wiederkommen und den Bach runtergehen sehen. Er sei stets derselbe geblieben. Er habe auch die Christen kommen sehen und wieder gehen, und die Türcken, und die Gottlosen auch, und mancherley Spinner. Das fechte ihn alles nicht an. Und wenn die Ägypter, die Griechen, die Römer kommen wollten, oder gar die Chinesen, ihm sei es recht. Er könne mit allen. Er sei auch mit nach Amerika ausgewandert, seinerzeit, zusammen mit dem Ahasver.

Der wetze, was er könne, aber es nutze ihm nichts. Ihn werde er nicht los.

Mittlerweile war Orban in seiner Rede so weit gediehen, mitzuteilen, seine eigene Verantwortung als Regierungschef sehe er darin, die gesellschaftlichen Ursachen von Antisemitismus zu bekämpfen. Das geschehe, indem er Antworten auf die Wirtschaftskrise suche.

“Guter Junge!” sagte der Antisemitismus anerkennend, “so soll es sein. Sollen sie glauben, ich käme aus der Wirtschaftskrise! Sollen sie das glauben. Glauben sie ja ohnehin. Denn Wirtschaft = Juden, das weiß jedes Kind. Meine Kinder wissen das. So wie sie im Mittelalter gewußt haben, daß die Mäuse aus Lumpen entstehen. Aber was mich angeht, ist ja heute noch Mittelalter. – Ach, Ungarn, herrliches Land! Ich war schon immer gerne in Ungarn. – Ja, ja, in Deutschland auch,” fügte er gönnerhaft hinzu, bewegte die Zehen, pulte sich etwas Unrat aus den Zwischenräumen und schnippte damit nach Westerwelle, “aber bei Euch ist grad keine Wirtschaftskrise.”

“Wird aber schon wieder werden.” fügte er in tröstendem Ton hinzu. “Dann kann man auch wieder offen sagen, wer man ist. Ist ja nicht so, daß eine Wirtschaftskrise gar nichts mit mir zu tun hätte.”

“Auch die Mäuse fühlen sich ja unter Lumpen wohl.”

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