Berlin Paywall

Hundekot auf den Straßen und Trottoirs ist für Berlin bisher eine Erfolgsgeschichte. 10 Millionen Besucher kommen jährlich in die Stadt, nur um beim Rumlaufen in die Kacke zu latschen, und dabei sind nur die gezählt, die abends mit dreckigen Schuhen in die Hotels kommen, um dort zu übernachten; die Laufkundschaft, die sich mit ihren müffelnden Tretern in den ICE oder in das Flugzeug setzt, damit die Lieben daheim auch was davon haben, die ist da noch gar nicht einmal mitgerechnet. 182 Millionen Besuchertage zählte Berlin im Jahr 2012, und wenn man rechnet, daß jeder Besucher am Tag mehrfach in einen Haufen tritt, dann macht das im Minimum 364 Millionen Tritte im Jahr oder eine Million pro Tag.

Nicht ganz schlecht.

Leider, leider aber ist das nicht die ganze Wahrheit. Wie die Zeitungen unserer Tage mit schwindenden Werbeeinnahmen zu kämpfen haben, so leiden die Städte Deutschlands nach dem Zensus von 2011 unter schwindenden Zahlungen aus dem kommunalen Finanzausgleich, denn dieser bemißt sich nach der Zahl der Einwohner, nicht der Touristen. Daher leidet in besonderer Weise die Stadt Berlin: 180 000 Bürger haben sich ein letztes Mal die Schuhe abgetreten und der Stadt den Rücken gekehrt. Darunter viele Ausländer, die von Innenminister Friedrich bereits als Festposten für die Propaganda wider die ungezügelte “Einwanderung in unsere Sozialsysteme” einkalkuliert waren, und die nun, da sie nicht mehr da sind, ebendort und überhaupt schmerzlich fehlen. Man wird sie dafür zur Rechenschaft ziehen und Schadensersatz verlangen, aber dazu muß man sie erst einmal haben, und da sie nicht mehr hier sind, geht das jedenfalls nicht mal eben so hopplahopp.

Also hat Finanzsenator Nußbaum sich etwas einfallen lassen müssen, um in der Übergangszeit liquide zu bleiben, und da kam ihm das Vorbild der Pißpottpresse eben recht: diese will ab dem 11. Juni einen Teil ihres Inhalts vor den Internetnutzern verstecken, was rücksichtsvoll von ihr ist und viel gelobt wird – aber darum geht es ihr nicht. Vielmehr geht es ihr darum, zwischen dem Nutzer und dem Pißpott eine Paywall einzurichten, in der Hoffnung, daß es dem Nutzer Geld wert sein möge, die Paywall beiseite rollen zu lassen, und einen Blick in den Topf zu erhaschen. “Für die reinen Nachrichten,” so Pißpottpressenchefredakteur Hart, werde der User nichts abdrücken müssen, wohl aber für die unreinen: die “exklusiven Geschichten, die besonderen Interviews und Hintergründe, die einzigartigen Fotos”, eben alles, was nur bei der Pißpottpresse im Topf liege.

Nun will Berlin für seine attraktivsten Sehenswürdigkeiten – seine vollgekackten Trottoirs – ebenfalls eine abgestufte Paywall einführen. Finanzsenator Nußbaum erklärt die Logik: „Für das reine Hierherkommen muß der User nichts bezahlen. Aber das, was nur Berlin kann und nur Berlin hat, die exklusiven Zweipfünder bei Kaiser’s vor der Eingangstür, die besonderen Schmierwürste und Gleitcremeballen auf den Gehwegplatten, der gelegentliche Grashalm im Kot des Köttelstreifens – das sind zukünftig BERLINplus-Inhalte.“

Gedacht ist daran, vom Besucher Berlins den Erwerb einer Tages- oder Monatskarte für Berlins Trottoirs zu verlangen. Diese enthält einen Kot – Verzeihung, einen Code -, mit dem er den Zutritt zu und den Tritt in Berlins Hundehaufen freischalten kann. Anschließend kann er in soviele Scheißhaufen treten, wie er während der Gültigkeitsdauer schafft. Entscheidet er sich gegen den Erwerb – gezwungen wird niemand, noch sind wir eine Demokratie, trotz des Internets – so kann er nach wie vor alle Trottoirs Berlins nutzen, aber man wird ihm keine Hundewürstchen in den Weg legen. So weit kommt das! Das fehlte ja wohl noch! Das kann er vergessen! Das kann er sich aus der Sohle kratzen! Schluß mit kostenlos!

Jakob Augstein, der Nikolaus Blome des Freitag, sagte dazu im Freitag – nein, stimmt nicht: sagte dazu im Käsdorfer Metropolitan (KM):

Der Erfolg von Berlin bei dem Versuch, aus Scheiße Geld zu machen, wird der Erfolg des ganzen deutschen Journalismus sein. Insbesondere wir Qualitätsjournale, die wir unsere Leser nicht verscheißern, und die wir uns während unserer Print-Zeit stets geschmeichelt haben, nicht mit Scheiße zu handeln, sondern mit den Arschwischen von Morgen – wie wir es ja in den Zeiten von Donnerbalken und Dunggrube tatsächlich, nein, buchstäblich getan haben -, gerade wir Qualitätsjournaille werden von diesem Erfolg profitieren. Und das gilt umgekehrt auch, wenn Berlin auf dem schmalen Pfad voll in die Scheiße latschen und ausglitschen sollte. Dann werden wir alle, wir Presse, uns den Qualitätssteiß prellen.

Ein Kommentar zu “Berlin Paywall

  1. jodelue sagte am 23. August 2015 um 20:30:

    …schönes Stück, vielen Dank

    Gruss, Jott


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