Funeral for a Friend

Nicht nur wir sind mitten im Leben von Lärm umfangen, Quatsch, vom Tode, sondern auch unsere Gadgets. Zumal unsere Lärmgadgets. Gestern noch trieb er mich mit Hilfe Joe Zawinuls und der WDR-Bigband zu den Klängen von Brown Street so virtuos durch den Käsdorfer Heidesand, daß die Kiefern mit Wurzeln und Ästen zuckten und begeistert ihre Zapfen auf die Bühne warfen; heute morgen jedoch hing er leblos am Ladekabel, das LCD-Auge gebrochen: mein MP3-Player. Oder wie die Dinger heute heißen. Die spielen ja längst nicht mehr nur MP3, die spielen ja alles. Oder, in meinem Falle, nichts. Das sofort herbeigerufene Windows 7 konnte nur noch den Tod feststellen: “Das angeschlossene Gerät könnte eine deutlich höhere Leistung erzielen, wenn es noch am Leben wäre.”

Mit ihm dahin gehen 8 Gigabyte feinster Lärm sowie ein Dutzend bei Librivox gezogener Hörbücher, allesamt unhörbar, vielleicht sogar unzumutbar, jedenfalls unzuhörbar, da die Vorleser_innen – ist das eigentlich jetzt korrekt so? Oder muß es Vorleser_Innen heißen? Daß VorleserInnen nicht mehr ok ist, habe ich mir sagen lassen, obwohl ich es nicht wissen wollte. Auch habe ich gehört, daß ‘die Vorlesenden’ ebenfalls problematisch sei, denn unter den Vorlesenden würden die vorlesenden Männer die vorlesenden Frauen sprachlich unsichtbar machen, jedenfalls unhörbar, es müsse wenigstens die Vorlesendinnen heißen. Ich könnte mir die Sache genauso leicht machen, wie die Universität Leipzig, und, unter Hinweis darauf, daß die männlichen Vorleserinnen immer mitgemeint sind, nur mehr von Vorleserinnen reden, aber ich bin mir nicht so sicher, daß das richtig verstanden werden würde, denn das, was ich über die Vorleserinnen zu sagen habe, ist ja nichts Schmeichelhaftes. Ich habe nämlich vor, sie allesamt der mangelnden Beherrschung der abschließenden Tonhöhenbewegung zu zeihen. Wird man da nicht glauben, ich ziehe – typisch Mann – nur die Vorleserinnen der Unfähigkeit, nicht aber die Vorleserinnen? Man würde es glauben, obwohl ich das gar nicht sagen will. Die Vorleserinnen sind im Schnitt nämlich etwas besser als die Vorleserinnen, obwohl auch sie mit der Tonhöhenbewegung, speziell vor Relativsätzen, auf dem Amazonenfuß stehen. Dem gehe ich lieber aus dem Weg, indem ich für das gemischtgeschlechtliche Sprachteilnehmende als Genus Neutrum und als Numerus Singular benutze: das Vorlesende für die Vorleserinnen, das Studierende für die Studierenden, das Wissenschaftelnde für Wissenschaftlerinnen und das Senta-Trömel-Plötzende für das geschlechtsgerecht Sprachwissenschaftelnde.

Was ist kaputt? Der vorhergehende Satz? Dann fange ich ihn eben noch einmal an: Wir tragen heute zu Grabe nicht nur den treuen Freund in Feld-, Wald- und Wieseneinsamkeit, sondern auch den magischen Schutz gegen das Plappernde, das Schwatzende, das Durcheinanderredende und das Telefonierende in der Verlassenheit und Wüstenei des den Vorortzug Überbevölkernden. Denn wir wissen seit heute morgen aus erster Hand, aus erstem Ohr vielmehr, daß das dort Redende, das sich Unterhaltende und das dem Anderen ins Wort Fallende ohne weiteres über die abschließende Tonhöhenbewegung gebietet, daß es zu betonen versteht, Akzente setzen kann und ohne große Anstrengung in der Lage zu sein scheint, den Sätzen, Halbsätzen und Anakoluthen einen Spannungsbogen mit auf den kurzen Weg in das Ohr des Nächstsitzenden zu geben, sofern es, ja, eben, sofern es diese Sätze freelancen kann und nicht irgendwo ablesen muß. Dann aber wehe! Man kann schier hören, wie es das Lesende im Geiste zurückzieht in die dritte Klasse, und wie der Finger unter der Zeile hergleitet, sich an jedem Komma festhakt, und wie die Stimme, für den Fall, daß es doch kein Komma, sondern ein Punkt ist, den Satz vorsichtshalber schon mal abschließt. Und wenn kein Komma da ist, dann spätestens nach dem siebten Wort. Besser ist besser. Man kann ihn ja wiederauferstehen lassen, den Satz, falls er doch noch nicht am Ende gewesen sein sollte.

Und das klingt dann so:

Wie froh bin ich
Daß ich weg bin
Bester Freund
Was ist das Herz des Menschen

Wir hören die Geschichte eines Leierkastenmannes, der einen Brief an seinen besten Freund schreibt, und damit klar wird, daß der Brief an den besten Freund geht, und nicht an den liebsten Feind, erhält der Freund den Akzent. Gleiches gilt für das Herz des Menschen, denn es könnte dem Schreibenden ja auch um die Lunge des Frosches gehen – könnte es, tut es aber nicht, und darum kriegen allebeide den Akzent. Sage niemand, die Lunge des Frosches sei ein unwürdiger Gegenstand für einen Brief an den besten Freund! Die Lunge des Frosches ist kein unwürdiger Gegenstand für einen Brief an den besten Freund. Nicht für einen Jüngling der Empfindsamkeit. Nicht während der Paarungszeit der Frösch_inn_e_n. Ein Großteil der Mordphantasien, die ein Jüngling der Empfindsamkeit, der ohne Gehörschutz im Vorortzug unterwegs sein muß, wider das Quakende entwickelt, hat Ursache darin, daß das Quakende Lungen hat. Und diese benutzt. Und da wir nicht annehmen dürfen, daß Werther seine Briefe in einem überfüllten Vorortzug schrieb, sondern annehmen dürfen, nicht nur annehmen dürfen, sondern wissen, daß er aus einem idyllischen Dorfe schrieb, und zwar im Mai, kannte er auch Frösche. Frösche, wenn ich irgendwas von idyllischen Dörfern verstehe, und ich verstehe was von idyllischen Dörfern, gehören zu idyllischen Dörfern wie schmachtendes Mondlicht zur Romantik, und Frösche haben Lungen. Insbesondere im Mai. Nicht zu reden vom Junius.

Reden wir also vom Junius. Da heißt es, unter dem 16.:

kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht
Die mein Herz her angeht. Ich habe – ich weiß nicht

Ich weiß auch nicht, ob ich – von der abschließenden Tonhöhenbewegung hinter gemacht, die dem, oder einem, zentralen Satz des Buches das Rückgrat bricht und es im Rollstuhl zurückläßt – ich weiß wirklich nicht, warum im Relativsatz das Herz den, oder einen, Akzent bekommen muß. Welches andere Organ könnte die Bekanntschaft denn sonst noch näher angehen? Die Schulter? Das können wir, glaube ich, ausschließen. Werther ist nicht Germanistenfuzzi, der ständig Bekanntschaften macht, die im Zusammenhang mit seiner Schulter, seinem invaliden Daumen oder sonst einem altersbedingten Gebresten stehen. Werther ist ein junger Mann. Voller Sturm, voller Drang. Der trägt das Herz ganz vorne auf der Zunge. Das muß man nicht groß betonen.

Gehen wir doch mal systematisch vor:

Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die

Soweit sind wir. Wir haben eine Bekanntschaft gemacht, die. Fehlt die nähere Bestimmung: eine Bekanntschaft, die was?

mein Herz näher angeht.

Ganz richtig. Nun wollen wir, aber gezielt, nicht mit der abgesägten Flinte, etwas Akzentschrot auf diesen vier Wörtern verteilen:

Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die

mein
Herz
näher angeht

Kleiner Hinweis: Option 3 ist richtig. Man kann den Akzent auf mein setzen, das geht schon, denn man kann ja mein ohne weiteres durch dein substituieren, etwa so:

Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die dein Herz wahrscheinlich näher angehen würde als meins, bester Freund, wenn du an meiner Stelle wärest, und wenn du diese Bekanntschaft gemacht haben würdest; bist du aber nicht und hast du nicht, und mich läßt sie eher kalt, denn mir fallen solche Bekanntschaften gemeinhin in den Schoß, gähn! Ganz schnucklig ist sie aber schon, ja, doch.

aber das wäre ein völlig anderer Roman geworden. Herz/Schulter hatten wir, näher kann man gewiß auch für sich allein akzentuieren, um die Bekanntschaft Lotte einzusortieren, weil er seine Bekanntschaften zu sortieren gewohnt ist, in solche, die sein Herz näher angehen, und solche, die es nur so obenhin touchieren, wenn überhaupt. Aber auch das wäre ein ganz anderer Roman geworden. Es ist dies doch kein Buch eines Sammlers von Bekanntschaften, der über seine gesammelten Bekanntschaften schreibt, als wär’s der Inhalt seines Kleiderschranks. Der hier schreibt, ist ein Kind der Empfindsamkeit und nicht Bettina Wulff. Wir sind hier noch sehr am Anfang des ersten Buches und wissen noch nichts über den weiteren Verlauf, aber schon quaken es die Frösche von den Dächern: das wird nicht gut ausgehen. Am Ende des zweiten Buches wird der junge Mann sich wahrscheinlich mit einer geliehenen Pistole eine geliehene Kugel geben. Wundern würd’ es niemanden.

Und so endet der schicksalhafte 16. Junius 1771, vorgelesen vom Vorlesenden:

Wir traten ( = wir krochen nicht etwa) ans Fenster
Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land
Und der erquickendste Wohlgeruch
Stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand (nicht auf ihren Krückstock, sondern) auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend
Sie sah gen Himmel und auf mich
Ich sah ihr Auge tränenvoll
Sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte:
»Klopstock!«

Jedes Kreuz symbolisiert eine abschließende Tonhöhenbewegung und damit den vorzeitigen Tod eines Satzes. Das »Klopstock!« am Ende, muß man sich, trotz des Ausrufungszeichens, sehr, sehr uninspiriert und unengagiert gelesen vorstellen, nicht etwa gehauchte Verehrung, ja Vergötterung, sondern etwa so: »Gewitter anyone? Hashtag #klopstock«.

Ist es erlaubt, zu spekulieren? Daß nämlich, wäre der Werther nicht erst in Printform erschienen, sondern 1774 sofort als Hörbuch, sich die empfindsamen Jünglinge nicht nach der Lektüre in Rudeln erschossen hätten, sondern wahrscheinlich während der Audüre eingeschlafen wären? Was dann als Werther-Effekt in die Soziologie eingegangen wäre? Nun, dann eben nicht. Man kann auch unerlaubterweise spekulieren. Und was den unausgesprochenen Vorwurf angeht, ich sei ja selbst schuld, ich könne schließlich bei Librivox und für lau nicht die gleiche Qualität erwarten, wie bei der Deutschen Grammophon für Hunderte von Euros, so muß ich den aus formalen Gründen zurückweisen: schuld ist in KW 31 Germanistenfuzzi. Ich selbst bin erst wieder im September an der Reihe. Zur Sache selbst aber muß ich etwas weiter ausholen:

Hermann Mostar hat zu Beginn der sechziger Jahre in einem Büchlein mit frivolen Couplets und Illustrationen von Kurt Halbritter die Kulturgeschichte der Altherrenphantasie von Hammurabi bis Hermann Mostar in Verse gebracht, und darin die These, was nichts koste, sei auch nichts wert, wie folgt paraphrasiert (ich zitiere nach dem Gedächtnis; ich muß nach dem Gedächtnis zitieren, denn meine Mutter kam damals in mein Zimmer, gab mir eine Ohrfeige und nahm mir das Buch weg, das ich bis heute nicht wiedergesehen habe): “Denn kostenlos sieht man nur Busen // Vor denen schütteln sich die Musen.” Das war im Zusammenhang der im Jahre 1961 in der Bundesrepublik eben erst spärlich ins öffentliche Bewußtsein tröpfelnden Tatsache, daß der Mensch nicht am Badeanzug aufhört, sondern darunter weitergeht, auf die Insel Sylt gemünzt, auf deren Kampener Nacktbadestrand solche Adonisse wie der soeben als Außenminister vereidigte Gerhard Schröder herumstorchten und ihre Krampfadern herzeigten. Dem gegenüber stellte Mostar der Feier der Nackheit gewidmete, privatwirtschaftlich organisierte Etablissements, wie etwa das Moulin Rouge, zu denen ein deutscher Außenminister in der Tat keinen Zutritt hatte – als zahlender Gast natürlich, aber nicht, um sich auf der Bühne zu entblößen – was prima vista Mostars These zu stützen scheint. Um ihr aber wirklich gerecht zu werden, müssen wir, glaube ich, ein paar Tatsachen genauer analysieren und sie dann unter den Tisch fallen lassen:

Erstens einmal: Kampen ist ja nun auch nicht billig! Zweitens: Daß wir hier den männlichen Blick auf den weiblichen Körper vor uns haben, unverhüllt, sozusagen nackt, ist gar keine Frage. Der bei Mostar pars pro toto stehende Busen ist ihm nichts anderes als Mittel zu irgendeinem Zweck, dazu gedacht, alten Säcken schmieriges Plaisir zu bereiten oder Musen in die Flucht zu schlagen oder Shareholdern von Bumslokalitäten den Sack zu füllen. Er ist Produktionsmittel, oder er ist nicht. Es ist aber schon die Frage, ob Mostar es 1961 bereits besser wissen konnte. Konnte er zum Beispiel, war es ihm überhaupt möglich, den Busen zu denken als etwas, über das dessen Besitzerin nach eigenem Gutdünken zu verfügen hat? Auf so etwas muß man schließlich erstmal kommen. Konnte er, mit anderen Worten, konnte er vor über 50 Jahren Femen vorhersehen?

Ich meine, das konnte er nicht. Auch ich habe Femen nicht vorhergesehen, und wenn ich es getan hätte, weiß ich nicht, was ich getan haben würde. Außer vielleicht etwas in der Nase geknibbelt und den Popel weggeschnipst. Ich denke daher, wir können ihn als rehabilitiert betrachten, und ich kann mich im nachhinein um so ungenierter zur – vergnügten – Lektüre bekennen, als ich hoffe, mit meinen obigen Ausführungen zur Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache meinen Ruf bereits hinreichend ruiniert zu haben, so daß es nicht mehr drauf ankommt; und meiner Bekanntschaft mit Halbritter habe ich mich ohnehin nicht zu schämen. Auch wenn ich mich damals vor meiner Mutter schon etwas geniert habe, und das sicherlich nicht wegen Mostars Versen. Aber noch einmal zur Sache: stimmt es denn? Bis heute nehmen die Femen-Aktivistinnen keinen Eintritt, soviel ist richtig, aber wenn sie es täten: hätte Putin dann mehr oder weniger Freude an ihren Auftritten? Ist es nicht vielmehr so, daß das Schlagwort von der Gratiskultur haltloses Gerede ist, da es so etwas wie ein kostenloses Mittagessen nämlich gar nicht gibt, weil uns die Rechnung an anderer Stelle präsentiert wird?

Aber sicher ist das so. Und um die Kurve zurück zum Werther zu kriegen: die Analogie zwischen der Wohlgeformtheit weiblicher Brüste hie und der Kunst lebendigen Vorlesens da, die zwar strenggenommen nicht von Mostar hergestellt wird, sondern von mir, aber dessen ungeachtet: sie ist ein Unding, einfach unsäglich, unmöglich. Zuendegedacht wären demnach die freiwilligen Librivoxer die von Mutter Natur stiefmütterlich Behandelten und Gert Westphal auf der anderen Seite die Raquel Welch des Hörbuchs? – Geht gar nicht!

Und stimmt nicht. Über Kampen kann ich nicht mitreden, da ich es nicht kenne, und wenn es so bleibt, wie man es kennt, dann bleibt das auch so. Aber ich habe schon an manchem Kiesteich gebadet, doch keinen so fluchtartig verlassen müssen, wie den Librivox-Werther. Und zwar an der Stelle, wo es heißt:

Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen
Den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie
Unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder
Edler!
Hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen
Und möcht’ ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen ren!

Um Vergebung, aber in einem solchen Satz die Losung dermaßen zu betonen, das nimmt den Leser beim Nacken und stupst ihn mit der Nase auf jene andere Bedeutung, die das Wort auch noch hat. – Edler Goethe! – Würdest du die Verhunzung deines Textes in dieser Aufnahme gehört haben müssen! – Und möchte ich diesen Brief nun nie wieder hören müssen! Ist es doch so, daß die Bekanntschaft mit Klopstocks Gewitterode das Herz dieses Blogs näher angeht, denn es verdankt ihr manches. Vielleicht hat das der MP3-Player gewußt, als er – Oh mein Gott!

Ist es erlaubt, zu spekulieren, daß sich das Gerät um meinetwillen geopfert hat? Daß es heimlich vorgelauscht hat, wie ein guter Vorkoster soll, um dann seine Brust den vergifteten Pfeilen der Schakaräh entgegenzuschleudern, damit ich, wenn die Lage aussichtslos – halt! Stop! Falsches Buch.

Oder hat er selbst es nicht mehr ertragen? Hat er, ehe er noch zuende gelauscht hat, wie so viele empfindsame Jünglinge vor ihm – ach nee, die hatten ja zuende gelesen. Auch er? Waren die Liebesperlen auf meinem Schreibtisch gar keine Liebesperlen? Oder Liebesperlen nur in einem sehr sophisticatedtem Sinne? War es zierliche Rokokomunition? Darf ich ihn überhaupt christlich bestatten, oder handelt es sich um Selbstentleibung, und sei diese noch so verzeihbar?

Von seltenen Erden bist du genommen, zu seltener Erde kehrst du zurück. Ich danke dir für die Zeit, die ich mit dir zusammen verbringen durfte, für all den Lärm, den du mir ohne zu meckern zuverlässig in die Ohren pumptest, für die plötzliche Stille, wenn deine Stimme versagte, weil nach einem langen Tag deine Kraft nicht mehr reichte. Nicht immer habe ich dir geben können, wes du bedurftest. Vergib mir die Tage, an denen ich dich achtlos in der Ecke liegen ließ, die Tage, in denen ich dich mit deinem Onkel oder Großonkel betrog, weil ich dich samt Jackett in den Schrank gehängt und dort vergessen hatte. Du hast dich wahrlich nicht geschont, wie ein Kerze, die an allen vier Ecken brennt. Entsinne ich micht recht, oder träumte es mir, daß das letzte Lied, das du mir sangest, Elton Johns berühmte Beerdigungsballade war:

Und es deuchte mich
Du verzehrtest Dich
Wie ein Adzventzkranz im Sturm
Und du wußt’st bloß nich
Wohin mit Dich
Wenn der Himmel sich mal wieder der Segensfüll’ entlasten und die dürstende Erd’ erquicken tät.

Gräme dich nicht länger des verbumfeiten Werther, es war ja nicht deine Schuld, der du nur lasest, was dir aufgetragen ward.

Der Herr vollende an dir, was zierliche Hände an einem chinesischen Fließband begonnen haben. Die Liebe aber zum ohrenschützenden Lärm, die mich mit dir verbindet, sie bestehe fort. Und was das ewige Licht angeht, so wollte ich schon immer mal ein Wörtchen zum ewigen Licht loswerden: es ist überhaupt nicht nötig, wirklich nicht, daß heutzutage jedes von euch so ein ewiges Licht mit sich rumschleppt! Ich bin kein Depp. Ich kann hören, ob ihr an seid oder aus. Hören! Und wenn ihr einen Schiebeschalter habt, was sowieso besser ist, dann kann man es zusätzlich auch noch ertasten. Aber zurück zur Leuchtdiode: was soll der Quatsch? Kein Mensch kann mehr des Abends das Notebook zuklappen und aus dem Bett schmeißen, weil zuverlässig so eine dusselige Leuchtdiode anfängt, die Nacht zum Tage zu machen. Und ihr Player braucht gleich doppelt keine, denn ihr wohnt in meiner Jackentasche. Da ist es duster, und soll ruhig duster bleiben. Ich will gar keinen Sichtkontakt. Ich will euch blind bedienen können. Das muß manchmal zackzack gehen, instantan, wenn ich aus einem Track rauswill, da habe ich nicht erst Zeit, und schon gar keine Lust, euch groß aus der Jacke zu ziehen und mich umständlich zu orientieren.

So. Das mußte ich doch endlich mal loswerden. Entschuldige bitte!

Und nun ruhe in Frieden.

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