Offener Brief

an die Piratenwahlplakatpiratin
à la lanterne

Liebes Piratenfrollein,

die Sie seit neuestem dort hängen, wo der Folklore zufolge unsere Aristokraten hingehören, aber gewiß keine Piraten – denn Piraten werden geköpft, jedenfalls wurde Störtebeker geköpft, ich war selbst dabei, als man uns Jungens die Legende erzählte, außerdem 73 seiner Kollegen plus der Scharfrichter, was ein Gemetzel! Anschließend hat man die 75 Köpfe auf Stangen am Elbestrand aufgereiht. Und selbst, wenn das nicht die historische Wahrheit sein sollte, was schiert das unsereinen? Seit damals ist es wahr -, verehrtes Frollein, wollte ich sagen, es sei mir ferne, zu verlangen, daß man auch Ihren Kopf abmache – außer früher oder später von der Laterne, “aber das ist nicht mein Werk, ich sage es nur voraus” (Saruman) -, wie Sie da also derzeit noch hängen mit Ihrem reizenden Rotköpfchen – und uns Vorübergehende neckisch fragen: “Warum hänge ich hier eigentlich? Ihr geht ja eh nicht wählen!” -, ich hätte da – also bezüglich dieser Frage – aber wie sag ich’s meinem Kinde? Ohne das Sie es in den falschen Hals bekommen?

Denn so alt bin ich weißgott noch nicht, daß es mir wumpe wäre, ob ein rothaariges Frollein etwas von mir in den falschen Hals kriegt. Etwas, was ich sage, meine ich. Noch nicht! Obwohl die Kollegen neulich schon einen Nachruf auf mich verfaßt haben, nicht weil sie mich für tot hielten, aber für so gut wie. Nur weil ein unbedeutendes Ereignis im Jahresablauf mich in eine Jahrgangsstufe versetzt hat, in der Sie – den Kollegen zufolge – meine Enkelin sein könnten. Deshalb, so ihre Argumentation, sei ich jetzt aus dem Rennen und marginalisiert und fiele nicht mehr ins Gewicht.

Ich verbitte mir das! – Nicht Ihretwegen, um Himmels willen, bitte nicht in den falschen Hals kriegen. Bitte! – Aber ich bin schließlich noch nicht einmal so alt wie Abraham, als diesem erstmals ein Sohn geboren wurde. Ein Sohn, wohlgemerkt, und nicht etwa sofort eine Enkelin. Eines immer hübsch nach dem anderen. Wenn die Kollegen also hätten anmerken wollen, daß ich nun in dem Alter sei, in dem Sie meine Schwiegertochter sein könnten – nun gut. Auch ich verschließe meine Augen nicht vor der Realität. Das hätte ich ja noch akzeptiert. Aber Sie als Enkelin möchte ich mir doch verbeten haben! – Flegelvolk!

Denn wer sagt denn, daß ich nicht noch einen Sohn bekommen werde? Oder zwei? Die dann allerdings ein paar Jährchen brauchen würden, bevor sie Sie zu meiner Schwiegertochter machen könnten; und dann wäre ich wahrscheinlich wirklich in einem Alter, in dem Ihre Kinder meine Urenkel sein könnten. Je nun, ich habe gesäumt im Leben, aber will man mir das bis an dessen Ende vorwerfen? Indem man es vor der Zeit herbeiredet?

Dabei ist gar nicht mal sicher, daß ich meinen Sohn nicht enterben würde, wenn er mit Ihnen an der Hand um die Ecke käme. Nicht mit Ihnen persönlich, bitte nicht falsch verstehen! Sie sind ja wahrscheinlich nur ein Model und über eine Agentur gebucht und haben mit den Piraten überhaupt nichts zu tun; ich meine, wenn einer meiner Söhne mit einer Piratin an der Hand daherkäme und sie zu ehelichen begehrte. Nichts gegen rothaarige Enkel, und schon gar nichts gegen rothaarige Enkelinnen, ich habe da keine Vorurteile, obschon – das soll keine Kritik sein, aber gibt es Sie vielleicht noch einmal genauso, aber mit Grübchen? Wenn nicht, dann müßte mein Sohn halt Grübchen haben und die vererben – Sie mir mit Grübchen und Sommersprossen noch einen Ticken besser gefallen würden. Nichts für ungut!

Nein, ich habe keine Vorurteile, auch nicht gegen Piraten, ich kenne keine Piraten und weiß nichts über sie, wie soll ich da Vorurteile haben? Wo sollen die denn herkommen? Ich habe nur ein einziges Vorurteil: ich mag die Farbe Orange nicht. Ich finde sie zum Kotzen! Ich will nicht sagen, daß ich orangene Haare auch zum Kotzen fände, ich muß nicht würgen, wenn ich sie sehe. Vielleicht muß ich würgen, wenn ich, wie man das ja manchmal hat, ein orangenes Haar in den Hals bekomme und es nicht wieder los werden kann, aber das geht einem bei anderen Haaren ja nicht anders, bei grünen zum Beispiel. Wobei die Wahrscheinlichkeit, daß ich ein grünes Haar in den falschen Hals bekomme, deutlich geringer ist, da ich mich von Leuten mit grünen Haaren fernzuhalten verstehe. Ich habe keine Vorurteile gegen Leute mit grünen Haaren, aber es muß schließlich Grenzen geben. So wie die Bundesstraße Käsdorf in “wo man wohnt” und “wo man nicht wohnt” teilt, so muß es eine Grenze geben, die die Leute in “die man küßt” und “die man nicht küßt” einteilt, und ich persönlich ziehe diese Grenze bei einer Wellenlänge von etwa 550 Nanometern, was Haarfarbe angeht, oder bei 550 Terahertz Frequenz. Und dabei bin ich schon großzügig. Was darunter ist (Wellenlänge) oder darüber (Frequenz) ist vom Übel und von der Natur nicht für Haarfarbe vorgesehen.

Darum komme ich Leuten mit so welchenen Haaren gar nicht erst so nahe, daß etwas passieren könnte, geschweige denn, daß ich ihnen etwa in die Haare bisse, außer vielleicht aus Versehen und bei Nacht. Aber dann sind ja eh aller Katzen Haare grau. – Dabei bin ich selbst ein Grüner. Nicht nur in politicis – ich bin kulturpolitischer Sprecher der Grünenfraktion im Ortsrat von Käsdorf, mit Dienstphaeton und eigenem Schneidewind -, ich war zu meiner Zeit außerdem ein großer Fan alles Rothaarigen und Sommersprossigen, sofern es nur aus Irland kam, und Irland ist nun mal die Grüne Insel, die zwar ihrerseits etwas Orange in den Nationalfarben trägt, aber Himmel! Ich war auch schon im Amphitheater von Orange, aber wo war man nicht schon überall, und ich kann das Hare-Krishna-Mantra auswendig, aber das ist ja auch nicht schwer. Nun wollen wir mal nicht päpstlicher werden als der Papst, oder wollen wir das? Das bißchen Orange in der Flagge!

Aber wir wollen auch nicht protestantischer werden als Pastor Paisley, und wenn ich auch seit Jahren nicht mehr in der Republik Irland gewesen bin, aus Mangel an Dingen, die ich dort verloren habe, so gehört zu den Dingen, die ich dort nicht verloren habe, jedoch nach wie vor meine Wut über den feigen Verrat an den MacDonalds von Glen Coe, den der Usurpator Wilhelm von Oranien befohlen hat, Sie erinnern sich: “They came from Fort William with murder in mind // the Campbell hat order King William had signed” (J. McLean). Was ein Gemetzel! Mit dem Schwert (“put all to the sword under seventy”)! Dabei waren die MacDonalds Viehdiebe von Erwerb, und “Viehdiebe werden gehängt” (Volksmund). King William! Jawohl. Zu dessen Ehren, jawohl, “Ehren”, der sog. “Onanierorden” (MS-Word) jedes Jahr zu Ian Paisleys Selbstbefriedigung oranierend durch die Straßen Derrys marschiert, um den von einem fiesen Finanzinvestor finanzierten Sieg besagten Usurpators über den rechtmäßigen König Jakob zu feiern, jawohl, zu “feiern”. Und nichts wird und kann mich dazu bewegen, jemals etwas anderes als “Derry” zu Londonderry zu sagen, “so weit kommt es noch, meine Damen und Herren! So weit kommt’s noch.” (Guttenberg) Eher werde ich Schotte, um beim Referendum über den Verbleib Schottlands im Königreich gegen den Verbleib zu stimmen. Habe ich bei der vergangenen Niedersachsenwahl nun für MacAllister gestimmt, ja oder nein?

Hab ich vergessen. Aber jedenfalls habe ich nicht für die Piraten gestimmt, und ich will Ihnen auch sagen, warum ich nicht für die Piraten gestimmt habe: weil ich kein Orange mag. Ich tue der Einfachheit halber mal so, als hielte ich Sie nicht für ein Model, sondern tatsächlich für eine Seeräuberbraut, die vielleicht nicht glaubt, was sie sagt, aber immerhin weiß, was da steht. Und wenn ich eine Partei sehe, die, unabhängig davon, ob sie ein Programm hat oder nicht, und was das für ein Programm wäre, und was ich von diesem Programm hielte, sich die Symbolfarbe Orange erwählt, dann denke ich mir, Germanistenfuzzi, denke ich mir, Orange steht in der Tiefenpsychologie für Vereinigungswillen und Harmonie, das weißt du, denn du hast es vorhin erst irgendwo gelesen, und wenn du’s dir nicht mal während dieser kurzen Zeitspanne merken könntest, in deinem Alter, was läsest du es dann erst? Das weißt du also, aber was schiert, gottseidank, unsereinen die Tiefenpsychologie? Nichts gegen den Vereinigungswillen, dort, wo er hingehört, zeitlich und räumlich, aber doch bitte nicht überall und immer! Und auch die Harmonie wird irgendwo in der Welt einen Platz finden, wo sie nicht stört und sich harmonisch ins Gesamtensemble fügt, und es mag andere Plätze geben, wo sie als Mißton wahrgenommen wird. Und wer, wenn nicht wir Separatisten, wüßte: auch so ein richtig schöner, separatistischer Separatismus ist nicht von schlechten Eltern. Oder richtiger: nicht von schlechter Mutter und nicht von schlechtem Vater, um mit dem Separatismus schon an der Wiege Ernst zu machen und die beiden frühzeitig auseinanderzureißen. “You take the High Road and I take the Low Road” (R. Burns), “and all that sort of rot” (P.G. Wodehouse).

Was also will das Piratenorange mir sagen? – Keine Ahnung, aber – und das bringt mich zurück zum Anlaß dieses Briefchens, Ihr Köpfchen am Laternchen – Sie hatten ja schließlich auch zuerst gefragt. Tja, warum hängen Sie da? Die Frage ist auf jeden Fall gut gestellt, denn sie schwebt, schwebt im Raum, also lassen wir sie doch am besten da hängen. Zumal man sie nicht einmal so beantworten kann: “Weil irgendeine Agentur Geld dafür gekriegt hat”, denn ich höre, für Agenturen und so Zeugs, also Leute, die zwar nicht glauben, was da steht, es aber immerhin wissen, denn sie selbst haben es dahingeschrieben, für soetwas sind Sie Piraten viel zu basisdemokratisch, und haben Sie die Motive alle selbst zusammengetwittert. Respekt! – Darf ich dem denn aber entnehmen, daß die Kollegen Recht haben, wenn sie behaupten, ich sei, in meinem Alter, nunmehr aus jeder relevanten Zielgruppe, nicht nur der werberelevanten, sondern aus praktisch jeder, für was auch immer relevanten Gruppe herausgefallen. Ist das so? Rechnen Sie mit mir als Wähler schon gar nicht mehr? – Dafür spricht, daß Sie dem intendierten Leser unterstellen: “Ihr geht ja eh nicht wählen.”

Nnng! – Bei der Niedersachsenwahl nicht für die Piraten gestimmt zu haben, heißt nicht notwendigerweise, gar nicht wählen gegangen zu sein! Ich bin wählen gegangen, wenn ich mich recht erinnere, und ich habe für meinen Kumpel MacAllister gestimmt. Jedenfalls will ich das hoffen, denn auf das Kurzzeitgedächtnis eines greisenhaften Zielgruppendropouts ist ein halbes Jahr später kein Verlaß mehr. – Ok. Sie zielen, wenn ich das richtig sehe, auf den Hipster, der zu hip ist, wählen zu gehen, und dem Sie signalisieren wollen, daß Sie noch einen Ticken hipper sind als er, und daß er das nur toppen kann, wenn er doch wählen geht, usw., usw., und zwar Sie. Hab ich recht? Aber warum signalisieren Sie das in Orange? Ist das denn eine Signalfarbe, Orange? Ok, es mag eine Signalfarbe sein, aber davon wird sie ja noch nicht schön. Sie ist nicht schön, die Farbe. Sie ist vielmehr für die Augen das, was Sand im Schlafsack für den Sonnenbrand ist. Und wenn das aus dem Munde von jemandem, der nie am Strand von Kreta hat schlafen müssen, weil er seines Wissens da noch weniger verloren hat als in Irland, zu wenig authentisch klingen sollte, dann lassen Sie es mich mit einem etwas irischeren Bild einen Ticken authentischer machen: wenn Sie am Hafen frische Schollen gekauft haben, und den ganzen Tag nach einem Platz gesucht haben, an dem Sie ein Feuer machen und die Schollen braten können, aber keinen vernünftigen Platz haben finden können, weil es Bindfäden regnete, und kurz bevor es dunkel wird, oder sagen wir: kurz bevor es noch dunkler wird, und die Schollen bereits zu riechen anfangen, finden Sie endlich einen halbwegs ebenen Zeltplatz, und es ist halbwegs trocken, und Sie können den Gaskocher vor dem Zelt aufbauen und die Schollen in die Pfanne hauen, und es fängt wieder an zu regnen, und sie müssen die Schollen im Zelt zuende braten, und dann wird der Regen stärker, und nachts rächt es sich, die Heringe nicht tiefer in den steinigen Grund geklopft zu haben, denn Wind kommt auf, und nach und nach lösen sich die Schnüre, und alles Nachspannen hilft nichts, und das nasse Zeltdach flappt gegen die nasse Seitenwand, und gegen halb zwei ist es vorbei: Sie wickeln sich aus dem klammen Schlafsack, rollen die zusammengekrachte Leinwand zum Bündel und stopfen selbe zu der ungespülten Schollenpfanne unters Auto und versuchen, den Rest der Nacht auf den Vordersitzen eines Käfers zu verbringen, Sie, weil Sie die kürzeren Beine haben, auf der Fahrerseite, wo Sie sich den Fußraum mit einem Dutzend Pedale teilen müssen, und gegen sechs müssen Sie Ihrem Rücken erklären, was eigentlich los ist, und ob das jetzt so weitergehen soll, und der Rücken hält fest, er für seinen Teil würde Sonnenbrand und Sand im Schlafsack allemal vorziehen – so etwa ist die Farbe Orange für das Auge. Sie wirkt auf die Netzhaut wie das Geschlömere und Ponadere in der medialen Piratenparteiberichterstattung auf das Gemüt eines unschuldigen Zeitungslesers. Der nämlich wünscht sich, nachdem er das hat miterleben müssen, weit, weit weg, räumlich sowie zeitlich, an den Rand von Connemara, wo er, durchfröstelt und zerschlagen, ein leeres Sixpack Smithwicks im Schoß und das nach Scholle stinkende Zelt unter dem Auto, den übernächtigen Blick durch eine mückenverklebte Windschutzscheibe auf den ewig grauen Atlantik gerichtet, wünschte, er wäre noch viel, viel weiter weg.

Was mich zu der Frage bringt: Was mache ich eigentlich hier? Das liest doch eh keiner.

Das mag ja sein. Ich könnte das Schreiben genausogut bleiben lassen, so wie Ihre Wähler das Wählen. Aber wissen Sie: ich habe die Erfahrung gemacht, daß Nichtschreiben den Trafic hier herum nicht signifikant reduziert. Die Bingbots und wie sie alle heißen kommen vorbei wie eh und je und geben sich munter die robots.txt in die Hand. Das Internet ist mittlerweile groß genug, um sich tagelang mit sich selbst zu beschäftigen, und wenn keine Contents mehr dazukämen, würde es frühestens 2017 irgendwem auffallen. So gesehen kann ich auch ebensogut weiterschreiben, wobei ich mir klar darüber bin, daß das den Trafic auch nicht signifikant erhöhen wird. Aber macht das was? Heißt das nicht im Umkehrschluß, daß ich schreiben kann, was ich will? Ohne dadurch den Traffic zu gefährden?

Genau das heißt das, und weil mir danach ist, ein paar Worte über Ihre beiden perlweißen Schneidezähnchen zu schreiben, werde ich mir erlauben, noch einmal auf Ihr Plakätchen zurückzukommen: sind sie nicht wie vor die Säue geworfene Perlen? Ihre Hasenzähne? Vor hippe Säue, meinetwegen, Säue aber gleichwohl? Die gehen doch eh nicht wählen!

Da ist unsereins ja anders. Wissen Sie, auch ich habe mich oft gefragt, Germanistenfuzzi, habe ich mich gefragt, bringt es denn überhaupt was, wählen zu gehen? Und dann habe ich mir geantwortet, nein, das ist wie mit dem Schreiben, das bringt nichts. Aber, habe ich dann noch hinzugefügt, genauso wie das Nichtschreiben, das ja auch nichts bringt, müßte das Nichtwählen ja dann auch nichts bringen. Tut es auch nicht, sage ich dann. Ja, wenn das so ist, gebe ich zu bedenken, dann können wir auch ebensogut wählen gehen. Oder es sein lassen, sage ich und frage: Willst du ein Bier? Zwei, antworte ich mir, und ich sage, au ja, ich will auch zwei, sollen wir ins Pilgrimhaus gehen?

Und da wir am Wahltag eh ins Pilgrimhaus gehen – ich bin halt Spießer, gehe in ein unhippes Lokal und trinke unhippes Getränk im Sitzen und aus Gläsern, aber ich sage mir, Germanistenfuzzi, sage ich, du bist nun gottseidank in einem Alter, in dem du das Recht hast, dich einen feuchten Schmutz darum zu scheren, was gerade angesagt ist, und was nicht, und bevor du anfängst, Matetee zu trinken oder irgendwas Laktosefreies, oder orangene Latzhosen zu tragen, trinkst du doch lieber ein Bier. Zwei Bier, korrigiere ich mich und füge hinzu, cool ist sowieso nur, wem das egal ist, und da wir, wie oben schon mal gesagt, am Wahlabend eh ins Pilgrimhaus müssen, können wir den Spieß auch gleich rund machen, gehen 10 Minuten eher, machen im Saal unser Kreuz und setzen uns dann in die Gaststube, wo die Kollegen schon sitzen, der Stalinist Gero Hof hält, auf seinem Stammplatz am Stammtisch, das Szepter in der einen, die Fernbedienung in der anderen Hand, und der Fernseher uns erzählt, was wir eben gerade gewählt haben.

Je nun. In meinem Alter hat man das um sechs meist auch schon wieder vergessen. Und, unter uns, es ist ja auch egal.

Liebes Frollein, es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben. Wenn das mit dem Sohn noch klappen sollte, melde ich mich – und Sie sind bitte so nett und fragen in der Agentur nach jemandem mit Grübchen? Ansonsten am besten genau wie Sie? Neulich – aber das ist Zufall und hat mit dem Thema nur am Rande zu tun – lernte ich eine junge Dame mit einem reizenden kleinen Diastema kennen. Das sieht auch sehr gut aus. Es handelte sich um – aber auch das ist Zufall, ich erzähle es nur, weil ich vor Jahr und Tag schon einmal über meine erzürnte Schulter zu berichten die Ehre hatte. Damals war ich auf der Suche nach einem Physiotherapeuten an Herrn Spock geraten, aber Herr Spock stellt sich im Nachhinein als Faulpelz heraus, der mich und meine Schulter die Arbeit machen ließ, während er selbst kluge Reden schwang; und als es in diesem Sommer wieder soweit war = ich weiß nicht, was das ist, aber unter normalen Umständen schon plagt mich die Schulter, als hätte ich die Nacht im Käfer verbracht = da geriet ich an das Frollein Diastema. Zwar hätte auch sie meine Tochter sein können, aber sie ist es nicht, sie kann auch nicht meine Enkelin sein, insofern ihr Vater ja noch nicht geboren ist; ich glaube, sie ist eine Tochter Herakles’. Ich habe einmal beim Orthopäden in der Schmuddelecke so ein Western-Heftchen ohne Umschlag gefunden und gelesen, und darin kam so eine Western-Type vor, die eine mit mindestens zwei Pferden, wenn nicht vier Pferden oder gar sechs Pferden bespannte und durchgegangene Postkutsche mit der Hand wieder einfing und festhielt, und zwar so, daß die sechs Gäule keine Schnitte hatten. Mit einer Hand. Ich erzählte Frollein Diastema – die zwar leider keine roten Haare hatte, aber gottseidank auch keine grünen, sondern ganz normale, also solche, wie ich sie habe, oder sagen wir, wie ich sie hatte, als ich noch nicht grau war, unspektakuläre halt, aber das winzige Zahnlückchen machte vieles wett -, ich erzählte ihr von der Type, und ich erzählte ihr auch, daß ich zwar keine sechs Gäule mit einer Hand zu halten vermöchte, aber drei Hunde, und zwar drei Hunde, die der Meinung sind, daß die eben flügge gewordenen Jungstörche sich einer Grenzüberschreitung schuldig gemacht haben und von ihnen zurück in die Schranken gewiesen werden müssen; und was die Grenze angeht, die die Störche nicht zu überschreiten haben, so ziehen die Hunde diese Grenze exakt durch die Straße von Gibraltar. Da könne sie sich vorstellen, was meine Schulter für ein Gezerre auszuhalten habe. Es sei nicht ganz einer sechsspännigen Postkutsche zu vergleichen, aber wieso eigentlich nicht?

Nun, Frollein Diastema ließ sich von nichts beeindrucken, sondern ging meine Schulter frontal an, stauchte sie, knetete sie, zog sie auf links, dehnte sie, verdrehte sie, klappte das Schulterblatt raus und wieder rein, als sei es ein Lichtschalter, und brachte ihr überhaupt alles mögliche bei, was eine Schulter anscheinend zu können, bei mir aber nicht gelernt hat. Woher soll ich es denn aber auch wissen? Ich brauchte, meines Wissens, die Schulter nur, damit die Hunde dran reißen können, nicht aber, um sie Ballett tanzen zu lassen. Was sie aber anscheinend kann, wenn man es ihr bestimmt genug befiehlt. Jedenfalls wurde die Schulter, je länger sie zur Brust genommen wurde, desto kleinlauter, und momentan hält sie den Mund. Alles Frollein Diastemas Werk, über die ich, in Paraphrase eines Urteils, das ich einmal über den Papst Johannes Paul II gelesen habe, nämlich, daß dieser mehr Hirn im Ellbogen habe, als der Pastor Paisley im Kopf, sagen will, daß sie mehr Kompetenz in den Fingerkuppen hat, als Herr Spock in den Ohren, denn sie vermochte es, mich nur mit diesen am herausgeklappten Schulterblatt in die Höhe zu reißen, daß ich mir vorkam wie ein Türrahmen, an dem ein Extrembergsteiger seine Klimmzüge macht, und ich ihr beim Zuklappen des – vor Schmerz oder Ekstase, das weiß man ja nie – aufgerissenen Mundes unversehens ins zum Zopf geflochtene Haupthaar biß – das wäre mal eine Enkelin für einen, sagen wir doch, wie es ist: alternden Tropf… oh, Entschuldigung! Das geht nicht gegen Sie! Bitte nicht in den falschen Hals bekommen. Gemeint habe ich natürlich: “auch das”. Hätte ich auch sagen sollen. Wollte ich ja auch sagen. – Was sind denn Sie eigentlich von Erwerb, wenn Sie nicht modeln?

Also, wenn es Sie mit Grübchen nicht gibt – Sie mit einem dezenten Diastema täten es auch. Sie denken an mich? Das ist lieb von Ihnen! – Und den Piraten können Sie sagen, ich hätte noch einmal recherchiert, Piraten seien schon auch gehängt worden, aber nicht an Laternen. Vielmehr habe es in den Häfen ganz reguläre Galgen gegeben, denn es habe sich beim Aufknüpfen von Piraten nicht um revolutionäre Akte gehandelt, sondern um ganz normale, alltägliche Strafverfolgung seitens der zuständigen Behörden; man wußte ja, daß man hin und wieder Piraten fangen würde, und daß man dann einen Galgen brauchen würde. Man konnte sich darauf vorbereiten und die nötige Infrastruktur bereithalten, und brauchte sich nicht die Nägel zu beißen und zu fragen: “Was tu ich nur, was tu ich nur, nun habe ich einen Piraten gefangen und ermangle des Galgens! Ach, wie trefflich, da steht eine Laterne, die kömmt uns zupaß. – Mehr zum Thema Piraten könnten die Piraten bei Interesse auf helles-koepfchen.de, kidsweb.de, powerpiraten.de und beim Woffelsbacher Piratenpack erfahren, oder bei Google unter dem Stichwort: … ach, wissen Sie was? Sagen sie denen gar nichts!

Ich geh die eh nicht wählen.

Germanistenfuzzi

Ein Kommentar zu “Offener Brief

  1. jodelue sagte am 23. August 2015 um 19:10:

    Verehrter G-Fuzz

    Sie hätten die virtuellen Heringe auch mit aller zu Gebote und zur Verfügung stehenden Kraft in den Boden versenken können. Das imaginierte Zelt wäre trotzdem zusammengefallen…
    Es sei denn, Sie hetten die Heringe mit Aumlaut geschrieben, wie es sich geziemt, zumindest
    für einen Germanistenfuzzi. Der hergelaufene Nicht-Germanist darf diesen seltsamen
    Metallfisch selbstverständlich auch mit Emil schreiben.
    Wenigstens sind nicht die Plattfische versehentlich unter den Hammer geraten,
    trotzdem der Hering in die Scholle gedroschen wurde.

    Mit freundlichstem
    Gruss, Jott


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