Ablaßhandel

Die SPD weinte vor Glück, als sie aus dem Mund von Volker Kauder erfuhr – ausgerechnet von Volker Kauder! -, daß sie sich für 8 Euro fuffzig aus dem Fegefeuer der Opposition sollte heraus- und in den Regierungshimmel einkaufen können. “Für die SPD sind die 8,50 Euro ein Glaubensbekenntnis. Und das nehme ich zur Kenntnis. Und deswegen ist es schon richtig, dass irgendwo diese 8,50 Euro auftreten werden.” sagte Kauder dem Käsdorfer Metropolitan (KM), und die SPD weinte vor Glück. All die Sünden der Vergangenheit – die Deregulierung, die Förderung des Finanzmarktes, die Abschaffung der Steuern auf Veräußerungsgewinne, die Zulassung von Hedgefonds, die Beschäftigung von Lobbyisten in Ministerien, die Senkung des Spitzensteuersatzes, die Schwächung der Arbeitnehmervertretungen, die Flutung der Stammbelegschaften mit Leiharbeitern, das Lohndumping, die Zerspanung der Sozialsysteme, die Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln bis an die Grenze des Sittenwidrigen, die Demütigung der Chancenlosen – alles vergessen, alles vergeben – und das für nur 8 Euro fuffzig.

“Gott hat einen fröhlichen Geber lieb,” teilte Volker Kauder dem Käsdorfer Metropolitan noch mit, und die SPD, der das Wasser aus den Augen rann, machte sich klar, daß sie ja jetzt auch davorherkommen würde, darum herumkommen würde, sich auch nur Gedanken darüber zu machen, daß der Mindestlohn ein Scheißdreck war, ein Realsymbol für die Tatsache, daß er überhaupt notwendig geworden war. Wieso DAX-Vorstände, die sich selbst das 53fache an Gehalt zahlen, das sie ihren Mitarbeitern geben, nicht in der Lage sind, davon 53% Spitzensteuersatz zu berappen. Nicht einmal das. Dabei wäre das ziemlich einfach: weil jedes Gramm Steuer, welches über 42% hinausgeht, das zarte Pflänzchen der himmlischen Regierungsbeteiligung am нет! des Unionswirtschaftsflügels zerschellen lassen würde. Oder, wenn zerschellen nicht das richtige Tatägkeitswort für die Tätigkeit eines zarten Pflänzchens ist, dann würde es vielleicht vielmehr unter ohrenbetäubendem Gepolter zusammenkrachen, das zarte Ding.

Ja, sie hatte in der Vergangenheit gesündigt, die SPD, und das Fegefeuer war verdient. Sie hatte es zugelassen, daß Leiharbeiter andersfarbige Overalls tragen mußten, als die Stammbelegschaft. Das hätte nicht sein müssen. Ein RFID-Chip in der Kleidung hätte es auch getan. Das hatten die Grünen verhindert, diese Technikfeinde. Denn es war ja nicht darum gegangen, die Leute schon äußerlich erkennbar und sortierbar zu machen, es war nur darum gegangen, sie erkennbar und sortierbar zu machen, denn vor Gott sind wir alle gleich. Die, die von jetzt auf gleich hinausgeworfen werden können, und die, die sich auf Kündigungsschutz berufen können. Noch. Kein Mensch ist deswegen weniger wert, weil er weniger auf dem Gehaltszettel hat. Was in der Lohntüte des einen fehlt, entgeht bei dem andern dem Spitzensteuersatz, wenn man es nur richtig anfängt. So ist allen geholfen. Es war aber ein Hausvater, der einen Weinberg zu vermarkten hatte, und er ging zum Markt und stellte Arbeiter ein, die kriegten je einen Denar und Altersvorsorge und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und einen Betriebsrat und Mitbestimmung kriegten sie auch. Und mittags ging der Hausvater noch einmal auf den Markt, und lieh sich von der Agentur manpower einen weiteren Satz Arbeiter, die kriegten einen halben Denar, denn es war ja schließlich schon Mittag, und für die Lohnfortzahlung war manpower zuständig und zur Altersvorsorge konnten sie sich alle mal mit der bloßen Hand über den Hintern fahren, das war doch besser als nichts. Und zur elften Stunde dachte der Hausvater: “Mist! Ich hätte den Ersten nicht einen Denar geben sollen, sondern ein halber, hätte es auch getan.” aber er konnte sie nicht hinauswerfen, denn Kündigungsschutz – hatte ich oben vergessen – Kündigungsschutz hatte er ihnen auch gewährt. Schön dumm! Aber er wußte sich zu helfen, warf die manpower-Leute hinaus, ging zum Markt und holte sich Ersatz von Randstad, und die Leute von Randstand kriegten keinerlei Denare mehr, keine ganzen und keine halben, ein As tat es für die auch. Es war immerhin kurz vor Feierabend. Und morgen würden sie den ganzen Tag für ein As arbeiten, oder den ganzen Tag gammeln und gar nichts kriegen. Das konnten sie sich aussuchen. Sie waren freie Menschen. Die Ersten – nun gut, den Fehler würde der Hausvater nicht noch einmal machen – die Ersten würden die Ersten sein, aber die Letzten würden von den Hunde gebissen. Ach, das Christentum war doch eine wunderbare Religion!

“Sündige stark!” hatte Volker Kauder gedonnert, Quatsch, nicht Kauder, Martin Luther hatte das gedonnert, der Gründungsvater der SPD. – Was? – Nicht? – August Bebel heißt der? – Kann sein. – Also: August Bebel hatte die Partei geheißen, “sündige stark, aber glaube auch stark!”

“Ich glaube,” sagte Sigmar Gabriel, der SPD-Vorsitzende, schwitzend, den linken Fuß noch im Fegefeuer, und rieb sich das Wasser der Rührung vom Gesicht, “- 8 Euro fuffzig!? Mehr nicht? Vergeben und vergessen? Alles? Man sollte es nicht glauben!” – Und unternehmungslustig ließ er im rechten Schuh die Zehen kreisen.

“Ich glaube, wir werden jetzt erstmal wieder eine Runde sündigen. – Das andere da, diesen Bebel’schen Rest, den stellen wir unter Finanzierungsvorbehalt.”

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