Hineinwirkungen

“Wenn wir hier über Chancen auf dem Arbeitsmarkt heute reden, dann wirkt das ja unmittelbar in das Leben der Menschen rein, und wenn man da helfen kann, dann ist das toll.”

Andrea Nahles

Man hat es ja gewußt, oder geahnt, daß das nichts werden würde, mit Andrea Nahles als Arbeitsministerin einer großen Koalition, denn wenn eins in der Öffentlichkeit zu singen beliebt, man mache sich die Welt widewidde wie sie einem gefalle, dann wirkt das ganz unmittelbar in die Welt rein, dann weiß die Welt, als unmittelbar Betroffene, daß sie sich für die Zukunft auf was gefaßt machen kann, und daß sich das Leben nicht als das Zuckerschlecken herausstellen dürfte, das sie sich seinerzeit, damals noch ein tolpatschiger Welpe mit pastellfarbenem Fell, für die Zukunft ausgemalt hatte. Wenn man sich da zu helfen weiß, und ein frühneuzeitliches Kettenhemd für die Ohren parat oder ein frühneuzeitliches Ganzkörpervisier zum Runterklappen hat, dann ist das toll.

Hat man im Moment, in dem es darauf angekommen wäre, aber natürlich nicht. Darum muß man das von Nahles Gesagte, das zum einen Ohr hätte hinein, zum anderen aber sofort wieder hätte hinausgehen sollen, jedoch irgendwo zwischen den Ohrwascheln stecken geblieben ist, mühselig wieder aus dem Organismus entfernen. Am besten spült man mit reichlich klarem Wasser, noch besser mit reichlich Klarem. Hat man aber auch nicht.

Wohlan denn: gut finde ich, denn ich habe in meinem Rhetorikkurs über das Zuhören Hören, Hinhören, Weghören, Aufhören! meinen Hörern immer gepredigt, daß man in der Zusammenfassung der Argumente des FeindesGegners immer mit dem Lob beginnen soll, mit dem Lob dessen, was der andere gesagt hat, dann hat man das schon mal hinter sich und kann sich auf den Bereich unterhalb der Gürtellinie konzentrieren, und kann sich schon mal ein paar Stellen merken, an denen man seine Treffer anbringen will: gut finde ich, daß Nahles die adverbiale Bestimmung des Ortes vor der adverbialen Bestimmung der Zeit plaziert, damit ist doch wenigstens einem abstrakten Prinzip – Ort vor Zeit – genüge getan, auch wenn das im Deutschen keine Rolle spielt, aber ob das, was Nahles spricht, Deutsch ist, ist ja noch gar nicht ausgemacht, unter einer Kanzlerin Merkel, die anscheinend auch die Richtlinien des Geplappers vorgibt. Soviel zum Positiven.

Aber! Doch bitte nicht derart weit vor der Zeit! Hier und heute heißt es im WDR, und das nicht ohne Grund, kurz und knapp, und nicht, wie noch unter Helmut Kohl: “kurz und – lassen Sie mich das in aller Deutlichkeit sagen, meine Damen und Herren – knapp.” Das “meine Damen und Herren” stammt, glaube ich, noch von Westerwelle, das lag hier noch rum. Aber egal. Das hat man heute nicht mehr, obwohl Obama das auch sehr schön kann: “short and – let me be very clear about this – to the point.” “Wenn wir hier und heute über Chancen auf dem Arbeitsmarkt reden” – das wäre der Satz der Wahl. Die geringe Chance, daß mit “die Chancen auf dem Arbeitsmarkt heute” die heutigen Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder die Chancen auf dem Arbeitsmarkt von heute gemeint gewesen sein könnten, und dieselben nur von zwei linken Händen verpackt worden wären, den wackligen Milchzahn wollen wir uns mal gleich ziehen – wetten, daß nicht!? Neinnein, dies ist eindeutig merkelsche Schule, wie man dem Hauptsatz ansieht: “dann wirkt das ja unmittelbar in das Leben der Menschen rein”. Noch nicht die hohe Schule – “dann wirkt das ja ganz unmittelbar in das Leben der Menschen auch rein”, aber für eine erste Pressekonferenz ganz ok. Behalten Sie sich das unmittelbare Hineinwirken des Redens hier und jetzt in das Leben der Menschen im Gedächtnis, ich komme im weiteren Verlauf meiner Abhandlung darauf zurück. Hier möchte ich noch etwas zu der Bestimmung von Ort und Zeit im Nebensatz sagen jetzt, nämlich daß sie komplett überflüssig ist. Wir erkennen das daran, daß wir das “hier” und das “jetzt” durch “bei mir im Büro” und “morgen früh” ersetzen können, oder durch “irgendwo” und “demnächst”, ohne daß sich an der Sinnlosigkeit der Aussage etwas ändern würde. Denn ob “wir” – also Nahles und die Hauptstadtjournalisten – “uns über Chancen auf dem Arbeitsmarkt unterhalten”, hier und jetzt oder am Sankt Nimmerleinstag auf dem Mond, ist für das Leben der Menschen vollkommen uninteressant. Was die Menschen am siebten Januar interessiert, ist, ob sie den Weihnachtsbaum ohne großes Nadeln an die Straße geschafft kriegen heute, denn heute wird er geholt. Nicht jeder hat eine Wiese mit Toggenburgern hinter dem Haus und kann den Baum wann immer es ihm in den Kram paßt über den Zaun werfen, damit die Ziegen was zu knabbern haben.

So, aber nun zur unmittelbaren Wirksamkeit ins Leben rein. Vorab: ich nehme als gegeben an, daß Nahles tiefengrammatisch etwa das Folgende hat sagen wollen “Wir unterhalten uns hier über die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und mithin über etwas, was sich auf das Leben etlicher Menschen ganz konkret auswirkt.” So oder so. Ob einer nächstens mehr oder weniger Kohle hat, früh raus muß oder liegenbleiben kann, sich weiter um die Kinder oder um die Oma kümmern kann oder sich was einfallen lassen muß, das alles ist jedenfalls konkret und wirkt sich aus. Aber doch bitte schön auf das Leben, und nicht in das Leben hinein. Kann überhaupt irgendwas in irgendwas hineinwirken? Ein Abführmittel zum Beispiel, es wirkt innen drin, ja, und es hat unmittelbare Wirkung auf mein Leben in den nächsten Stunden, aber wirkt es auch irgendwo hinein? – Hoffentlich. Bzw. hoffentlich nicht!

Meine Google-Recherchen ergeben nichts Gescheites. Alle, die von hineinwirken reden, scheinen mir zu den stilistischen Desperados zu gehören: die Pietisten wollen in die Gesellschaft hineinwirken, der Glaube soll es, die NPD will es, zwar nicht in die Gesellschaft, aber in die Mitte des Volkes hinein, die Demokratie in die Wirtschaft, der Nachhaltigkeitsrat in die Politik, und frühneuzeitliche Techniken der Selbstbefriedigung wirken angeblich weit bis in die jüngste Geschichte hinein. – Comment? – Ach, ich sehe, es handelt sich um frühneuzeitliche Techniken der Selbstbefriedung. Schade. Ich hatte schon neugierig werden wollen. Jedenfalls, wenn ich mich mit Tausendschönchen unterhalte, egal worüber, egal wo, egal wann, dann hat das Auswirkungen, auf mich und mein Leben, die ich nicht leugnen will: wenn ich ihr z.B. Blumen mitbringe, und sie mich fragt: “Was hast du angestellt?”, und ich zurückfrage: “Wieso angestellt?”, und sie sagt: “Du hast mir noch nie Blumen mitgebracht” – eine blanke Lüge, ich bringe ihr immer Blumen mit, wenn ich es nicht vergesse – “also raus mit der Sprache!”, und ich sage “Gar nichts!”, und draußen hört man das Rückfahrwarngepiepe des Weihnachstbaumwiederaufbereitungsfahrzeugs, und Tausendschönchen fragt mich, ob unser Baum auch an der Straße sei, und ich sage “Was?”, ob was an der Straße sei, und sie: “Der Baum!”, und ich: “Ach der Baum!”, und sie: “Ja, der Baum!”, und ich: “Also, ich habe mir gedacht, daß wir den Baum in den Garten schaffen.”, und sie: “Wieso schaffen? Ist der denn noch nicht draußen?”, und ich “Draußen? Nein der steht noch im Wohnzimmer.”, und sie ” Wieso steht der Baum noch im Wohnzimmer? – Hatten wir nicht gesagt, daß du ihn abtakelst und an die Straße bringst?” und ich “Hab ich vergessen. Außerdem dachte ich, daß wir ihn vielleicht in den Garten stellen und Meisenknödel dranhängen können.”, und sie: “Meisenknödel?? Hast du mal auf’s Thermometer geschaut? 10 Grad plus um sechs in der Frühe! Ein Tag nach Dreikönig! Die Vögel haben genug zu fressen. Adipöse Spatzen fallen wie Steine vom Himmel, und du willst ihnen noch Meisenknödel hinhängen?”, und ich: “Nicht den Spatzen, den Meisen.”, und sie: “Die sollen wohl auch noch Diabetes kriegen!”, und ich: “Früher haben hinter dem Zaun Toggenburger geweidet, da konnten wir den Baum immer über den Zaun schmeißen, und die Ziegen haben ihn aufgefressen.”, und sie “Früher hatten wir auch noch einen Kaiser. Und richtige Winter. Und auf der Weser konnte man Schlittschuh laufen. Und die Männer waren noch richtige Männer. Und wenn so einer sein Wort gegeben hatte, daß er den Weihnachtsbaum abhalftern und an die Straße schaffen würde, dann hätte er sich eher in Stücke reißen lassen, als daß er das vergessen hätte!”, dann wünschte ich mir, genauere Kenntnis von – eventuell frühneuzeitlichen – Wegen der Fremdbefriedung zu haben. Ich hatte gedacht, ein Blumenstrauß wäre das Mittel der Wahl.

Wenn mir da geholfen werden könnte, wäre das toll.

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