Der neue Thiloterror

“Das erste Opfer eines neuen Sarrazin ist immer die Wahrheit.”

Das sagt sich so leicht dahin und ist ja auch naheliegend, denn wenn T. Sarrazin seine intellektuellen Faßbomben auf den ohnehin schon geschwächten Menschenverstand fallen läßt, dann herrscht asymmetrischer Krieg, und im asymmetrischen Krieg, heißt es, kommt immer zuerst die Wahrheit unter die eine der beiden Panzerketten. Liegt also nahe und ist entsprechend platt.

Stimmt aber nicht. Als nämlich die Wahrheit davon erfuhr, daß T. Sarrazin ein neues Buch plane, beantragte sie Opferschutz. Die Wahrheit bekam eine Perücke, eine dunkle Brille, ein Kopftuch, einen Paß, eine Legende, Geld, eine geheime Telefonnummer, eine Gesichtsoperation, geliftete Ohren, Brustverkleinerung und eine gefakete Facebookseite, und lebt unter dem Namen Monika mit ihrem Söhnchen Justus als allein erziehende Mutter zur Untermiete im Neubaugebiet Am Pfaff … beziehungsweise: an einem unbekannten Ort. Kann auch sein, sie heißt gar nicht Monika sondern Monique und hat Zwillinge. Wie dem auch sei. Wen aber immer Sarrazin da in seinem Keller gefangen hält und Tag für Tag schändet, die Wahrheit ist es diesmal nicht.

Was ihn nicht hindert, sie dafür auszugeben. Sie? Ist es denn überhaupt eine sie, den/die/das er da hat?

Vielleicht ist es ja eine Fummeltrine. Wie wir alle wissen, haben Männer mit Geschmack nichts am Hut: “Welchem Mann, außer einem Hundertfünfundsiebziger, würde der Einfall kommen, Socken oder Haarfarbe mit dem Überzieher abzustimmen?! Iss eben ne andre Menschensorte!).” Schrieb, schon vor 60 Jahren, Arno Schmidt. Also gut: nicht Männer schlechthin haben mit Geschmack nichts am ‘schnöden Filz’ (auch Schmidt), sondern eine bestimmte Sorte Männer. Männer wie Schmidt. Der für sich reklamierte, daß er “dergleichen grundsätzlich nicht ‹wählte›, sondern eben einfach anzog”, seine Klamotten nämlich. Diese Sorte Männer. Die haben besseres zu tun, als sich darum zu kümmern, was morgens bei ihnen über der Stuhllehne hängt, behaupten sie. Und behaupten sie gerne. Aber wehe ihre Frau legt ihnen das Korselett und die Stöckelschuhe raus! Oder das geschlitzte Abendkleid. Dann ist das Geschrei groß. So kann ich doch nicht auf die Straße gehn! Was sollen die Leute sagen?!

Soviel zur angeblichen Unabhängigkeit der Kerle, oder sagen wir der besser: der Kerle von Äußerlichkeiten. Ist es da nicht möglich, daß Sarrazin, der ja – sein Äußeres in die Rechnung genommen – dazu neigen dürfte, alles, was besser angezogen ist als eine Vogelscheuche, für weiblich zu halten, denn welcher Mann – oder sagen wir: Kerl – würde sich die Mühe machen? Für nichts und wieder nichts auf sein Äußeres zu achten? Ist es da nicht möglich, frage ich, kann es da nicht sein, daß Sarrazin, als er morgens den Keller verließ, um sich Frischfleisch für sein Verlies zu fangen, daß er da das erste, was ihm entgegengesprungen kam und das schöner war als er, für eine Frau ansah? Und dabei war es der Geschmack, der an diesem Morgen Geschmack daran gefunden hatte, ein Korselett zu tragen und in Pumps auf die Straße zu stöckeln? Und Sarrazin stellte ihm ein Bein, schleifte ihn in seine Gruft, in die er zweimal am Tag hinabsteigt, um ihm/ihr/dem Ding ein Buch zu machen?

Gehen wir es mal von hinten an und fragen wir: Wer soll es denn sonst sein?

Die Schönheit ist es nicht. Die Schönheit muß brechen, wenn sie Sarrazin sieht. Und auch ein Sarrazin dürfte es bei aller Zeugungswut mit Schwellkörperschwund zu tun bekommen, wenn er unter sich die Schönheit in ihrer eigenen Kotze liegen sieht, oder wenn die Herzensgüte stumpf ins Kissen weint. Obwohl – weiß man’s? Gerade die ach so straighten Typen haben ja oft die verquersten Fetische. Ich kannte mal einen, der tat sich Butter in den Kaffee. So eine gute Messerspitze voll. E-kel-haft! – Aber bitte! Was wollen Sie? Chacun à son mauvais goût. Die Perversität ist ein hohes Gut. Soll man sie vielleicht den Queeren überlassen? – Bosheit und Schadenfreude sind es übrigens auch nicht. Die beiden sitzen hier bei mir. Vorhin saßen sie jedenfalls noch hier. Was sie jetzt machen, weiß ich nicht; den Geräuschen nach zu urteilen probieren sie nebenan mein neues Sofa aus und haben jede Menge Spaß dabei. Und die Gemeinheit, die ist im Hause Sarrazin Concierge.

Also mein Tip: es ist der Geschmack, den Sarrazin vergewaltigt. Aber da kann er natürlich lange pimpern, das wird nichts. Dem Erfolg von Zeugungsanstrengungen sind gewisse, enge Grenzen gesteckt. Da helfen auch die fuffzig neuen Geschlechter nichts, die sie jetzt bei Facebook haben. Mein Vorschlag wäre ja gewesen: ein neues Geschlecht, fürs erste. Bis jetzt sind wir asymmetrisch, was die Chromosomenpaarungen angeht: da haben wir xx und xy, woraus dann, beim Pimpern, wiederum xx oder xy werden kann, je nachdem, ob sich vom xy das x oder das y durchsetzt. Wie wäre es mit yy, wäre mein Vorschlag. Dann könnten sich und yy und xy paaren, und xy und xx, wie gehabt, und xx und yy auch, wobei dann grundsätzlich nichts anderes als xy herauskommen könnte. xy sind übrigens wir Männer, was unsere Mittelmäßigkeit und Unentschiedenheit nicht schlecht erklärt. Halbe Portionen eben. Es ist nämlich das y, was uns ausmacht, und wir laufen immer Gefahr, daß sich das x die Oberhand verschafft, und so ein yx dann anfängt, Korseletts zu tragen und darauf zu achten, daß die Sockenfarbe zu den Pumps paßt. Iss eben ne andre Menschensorte! Da verläuft eine Fruchtbarkeitsgrenze. Und darum geht xy und xy auch nicht, oder xy und yx, was das angeht, oder von mir aus auch yx und yx – da kommt nix bei raus. Denn was sollte dabei schon rauskommen? Etwa ein yy? Ein Kerl? Mit einer Fummeltrine und einer Vogelscheuche als Vätern? Wie soll das gehen? yy oder besser YY – das wären ja die wahren Kerle. Beinahe schon Kerls. Kerls, denen alle Äußerlichkeiten egal sind. Kerls, die morgens ohne hinzusehen das Gesicht aufsetzen, das ihre Frau ihnen rausgelegt hat.

Und zwischen T. Sarrazin und dem Geschmack verläuft ohnehin eine Fruchtbarkeitsgrenze. Wir haben es mit zwei unterschiedlichen Arten zu tun. Sowieso aber entsteht aus der Notzüchtigung von welcher allegorischen Figur auch immer keine Literatur. Nie. Literatur, lesenswerte Literatur entsteht nur durch Triebverzicht. Nicht automatisch zwar, das weiß ich schon, aber er ist ihre unbedingte Voraussetzung. So weiß ich z.B. nicht, ob diese Sätze hier lesenswert sind, meines Wissens hat nie jemand ausprobiert, sie zu lesen, aber wer sie läse, der spürte: sie dampfen geradezu vor Triebverzicht. Unter Opfern habe ich mir jeden einzelnen von ihnen durch die Rippen geschwitzt. Mit diesem Hemd kann ich niemandem mehr unter die Nase treten. Schon gar nicht den drei Chariten nebenan.

Ja, drei. Vorhin hat es geklingelt und dann gab es ein großes Hallo und jemand sprach französisch, und ich sehe es kommen, wenn das so weitergeht, dann wird es sich was haben mit meinem Triebverzicht, Hemd hin, Hemd her, dann werde ich umsatteln auf Textverzicht und diesen Post mitten im Satz

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