Offener Brief

an die »Mea culpa«-Presse,
Allüberall und lästig

Tua culpa, Presse,

ganz allein Deine Schuld. Niemand hat Dich tragen müssen, als Du zur Jagd auf Wulff bliesest. Du tatest es aus freien Stücken. Nun, da Du die abgesägten Stangen in den Händen hältst und die Enden gezählt hast, und siehe, es sind statt ihrer achtzehn bloß mickrige elf, da schlägst du dir die Tintenfaust gegen die Brust und klagst, es sei nicht rechtens gewesen, was du tatest, du habest dich vergaloppiert: »Mea culpa, mea maxima, maxima culpa!«

Höre, Presse! Vergallopiere Dich soviel Du magst. Wenn Du meinst, du müßtest im Gallop über den Parcours fegen, dann tu das. Reite full speed in den dreifachen Oxer oder koppheister in den Wassergraben und brich deinem Pegasus sämtliche Knochen, aber erzähl mir hier keinen vom Pferd! Oder vom Bobby Car. Erst muß es herhalten als Symbol für die Maßlosigkeit von Wulffens Gier, jetzt als Symbol für die Maßlosigkeit deines “Tugendfurors” (Gauck! Ein Mann, über den noch zu reden sein wird). Deines Tugendfurors? – Unseres!

Denn wer ist letztlich an allem schuld? – Wir. Du tust das doch alles nur unseretwegen, was du tust. So ein kleines bißchen auch der Rendite wegen, aber auch die Rendite wäre nicht, wenn wir nicht wären, also tust du es unseretwegen. Darum höre, was ich dir sage: hör auf damit! Tu es meinetwegen meinetwegen, aber laß es sein.

Ich will nicht, daß du dir an die Brust schlägst, zumindest will ich nicht dabei sein, wenn du es schon tust, vor allen Dingen aber will ich nichts mehr vom Bobby Car hören! Und daß es ein Zeichen sei, ein Symbol, ein Icon, ein Dingens. Für unsere Gnadenlosigkeit und Vergebungsunwilligkeit. Unsere? – Meine!

Ich weiß es doch, wer hier eigentlich an allem schuld ist: ich. Ich muß es wissen, denn ich bin protestantisch erzogen worden. Wir vergeben nie. Das ist bei uns gebet – genet – genetisch so angelegt. Uns fehlt das Vergenungsgen – um Vergebung: das Vergebungsgen. Warum sollten wir jemandem vergeben? Wenn einer nicht verdammt werden will, kann er ja alles richtig machen, so einfach ist das doch. Darum vergeben wir niemandem. Bloß, weil wir ja Protestanten sind, fühlen wir uns anschließend scheiße. Weil wir ja wissen, daß wir vergeben sollten! Insbesondere dann, wenn einer gefehlt hat, so wie Wulff. Oder wie wir. Und doch tun wir es nicht. – Das vergeben wir uns nie.

Und darum will ich nichts von deinen Selbstanklagen hören. Warum sollte ich? Wenn sich hier einer selbst anklagt, dann bin ich das. Ich bin darin sehr viel besser als du. Ich brauche dich dafür nicht. Willst du mich etwa daran erinnern, daß ich unvollkommen bin? Du? Mich? – Da sind wohl bei jemandem die Maßstäbe verrutscht, und, unter uns zwei beiden: nicht bei mir! Ich war schon unvollkommen, da hattest du noch Bleisatz. Und schriebest aufwändig mit e.

Also, einfach mal die Fäuste stillhalten und Ruhe geben. Denn jetzt rede ich. Und zwar zum Thema Wulff. – Ich habe mich nämlich entschieden, einmal alles anders zu machen – jetzt, in der Fastenzeit – und auf liebgewordene Angewohnheiten zu verzichten. Und darum werde ich jetzt sieben Wochen lang aufwendig mit ä schreiben.

Nein, das werde ich nicht tun. Aber ich werde sieben Wochen lang Wulff verzeihen. Und zwar werde ich ihm Alles verzeihen. Alles. Ich werde darauf verzichten, ihm vorzuhalten,

  • daß er Niedersachsen regiert hat wie ein ein RCDS-Student, der jahrelang das Finanzgebaren des linken ASTA als verfassungsfeindlich kritisiert hat und ihm die Wahrnehmung des allgemeinpolitischen Mandats hat verbieten lassen wollen, bloß um in dem Moment, als die bescheuerte Studentenschaft ihm den ASTA-Vorsitz andiente, das allgemeinpolitische Mandat wahrzunehmen, daß es nur so schepperte, und das, obwohl das allgemeinpolitische Mandat bei drei auf dem Baum war,
  • daß er dem RCDS Niedersachsen zur Plünderung überließ wie Tilly Magdeburg den Pappenheimern,
  • daß er eine ausgemachte Hackfresse zum Abschiebeminister ernannte,
  • einen erklärten Feind niedersächsischer Fauna und Flora zum Umweltminister
  • und ein Schnabeltier zur Putenbeauftragten,
  • daß er niedersächsische Schüler zum Abitur nach 12 Jahren verdonnerte, in der Hoffnung, daß der politische Nachwuchs des Landes dann zukünftig mangels Allgemeinbildung auch keine klügeren Entscheidungen treffen würde als er,
  • daß er bei allem, was er tat, es so tat, daß man sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, er tue es vorrangig, um die sozialliberalen Siebziger, seine eigene Jugend, nachträglich ungeschehen zu machen, sie unterzupflügen und Salz zu säen, wo sie einst gewuchert hatten,
  • daß er seinen Feldzug gegen den Sozialliberalismus auf alles ausdehnte, was das Lexem ‘sozial’ im Namen führt, zum Beispiel den Sozialstaat, nicht nur in der Gestalt an privat verramschter Landeskrankenhäuser, sondern zum Beispiel auch in Form des Landesblindengeldes, das abzuschaffen selbst für einen Konservativen – der ja nicht nur unrecht hat, wenn er reklamiert, daß der Staat nicht jedes individuelle Lebensrisiko abfedern kann und sollte, der sich aber durch die von ihm daraus gezogenen falschen Konsequenzen halt eben doch in aller Regel ins Unrecht setzt, und der dort in diesem Fall besonders weich sitzt, denn was sollte ein von Geburt an blinder Mensch denn wohl tun, um für den Fall der Fälle Vorsorge zu treffen, vorgeburtlich so weise gewesen sein, einen Notpfennig beiseite zu legen? – was also, sage ich, selbst für einen Konservativen eine bemerkenswerte Herzensrohheit darstellt und wahrscheinlich nur mit RCDS-Mentalität zu erklären ist, eine Mentalität, die nicht eigentlich konservativ zu nennen ist, denn selbst von der Seniorenunion wird sie als Albernheit abgetan, eine Mentalität, die sich vielmehr einem Gendefekt verdankt, denn eigentlich müßten die Kinder in dem Alter Sozialisten sein, sagt Churchill – und sage auch ich, konservativ können sie sein, wenn sie so alt sind wie ich, und selbst ich lasse mir Zeit damit, Himmel! was soll das denn? Läuft mir vielleicht irgendwas weg? -, eine Mentalität, die Wulff sich bis ins Mannesalter bewahrte, wie sich zeigte, als er
  • mit unglaublicher Naseweisheit behauptete, physisch – jawohl: physisch – darunter zu leiden, daß er keinen unbefangenen Bundespräsidenten habe, womit er den amtierenden Bundespräsidenten Johannes Rau meinte und nicht den erst zehn Jahr später amtierenden Christian Wulff, von dem er zwar damals noch nichts wissen konnte, der aber seinerseits ein Ausbund an Unbefangenheit gewesen sein muß, in Rechnung gestellt, daß sein Gewissen ihn vom Abend seines Einzugs ins Schloß Bellevue an eigentlich nicht mehr hätte schlafen lassen dürfen, und zwar wegen dieser damaligen Ungezogenheit nicht, welche du, Presse, als du selbst noch unbefangen warst und dir nicht ständig an die Brust pochen mußtest, ihm zurecht, und zurecht genüßlich, um die Ohren gehauen hast,

die ich ihm aber heute vergebe, weil Fastenzeit ist.

Noch.

Außerdem vergebe ich ihm,

  • daß er einen Mann zum Pressesprecher erkor, der von sich selbst als ‘Schnulli’ redete,
  • sich mit Menschen umgab, die keine Scheu kennen, die Insel Mallorca ‘Malle’ und ihren dort gelegenen Immobilienbesitz ‘Finca’ zu nennen,
  • Menschen, sehr wohlgemerkt, die aussehen, als würden sie nach Haarwasser riechen,
  • Menschen, die, selbst wenn sie es nicht tun sollten, immer noch so aussehen, als täten sie es doch, so sehr so aussehen, daß man den Geruch wahrzunehmen glaubt, wenn man sie nur sieht,
  • billiges Haarwasser, was das angeht (Ich sage bloß: Goldwell. Auf die Gefahr hin, daß irgendein Heiopei von brandpatrol.com – oder wie die Marke heißt -, der sein Leben damit vertut, das Netz nach den Markennahmen seiner Auftraggeber zu scannen, hier aufschlägt und sich aufregt, weil ich den Markennamen seines Auftraggebers mit dem Adjektiv ‘billig’ in Verbindung gebracht habe – ja und? Ich rede ja nicht vom Preis, ich rede vom Geruch. Unterzeichneter hat, als er noch prekärer Paketbote war, einen Teil seines Lebens damit vertan, Pakete mit Haarwasser an Friseurläden auszuliefern, und einen größeren Teil des Lebens mit dem Versuch, den Geruch wieder aus der Nase zu bekommen. Ich weiß, wie es riecht, wenn einem so ein Karton auf der Ladefläche ausläuft. Es riecht, wie dieser Freund von Wulff aussieht, dieser da mit der einen Frau und der Finca auf Malle. Selbst jetzt beim Schreiben habe ich den Geruch in der Nase, und ich bin nicht amüsiert),
  • daß er sich überhaupt nicht schämte
  • und sich sogar mit der Pißpottpresse einließ, weil Schnulli das so wollte, und er selbst nicht schnallte, was er da tat, oder nicht schnallen wollte, oder es selbst so wollte, weil er dachte, er hat es im Griff und kann jederzeit aufhören,

und was ich ihm wirklich nur sehr schwer verzeihen kann. Praktisch kaum. – Aber was tut man nicht alles, um sich zu kasteien!

Leichter fällt es mir da schon, ihm von der Leyen zu verzeihen, schon wegen des Reims. Oder seinen berühmten Aphorismus

Der Spott über die katholsken Pieterpaters gehört zweifelsfrei zu Niedersachsen. Der Judenhaß gehört zweifelsfrei zu Niedersachsen. Das ist unser protestantisches Erbe. Aber die Verachtung des Islam gehört inzwischen auch zu Niedersachsen.

mit dem er den Islamophobikern unter Leitung ihres Chefdirigenten Henryk Broder damals einen kleinen Sommerhit geschrieben hat. Na gut, Spätsommerhit. Oktoberhit. Das verzeiht sich praktisch von selbst, denn es ist gut und richtig, die Islamkritiker hin und wieder zu ärgern. Es ist zu deren eigenem Besten. Es hält sie schlank und alert. Wie die Nilgänse auf dem Klosterweiher, die mittlerweile auch ganz zweifelsfrei zu Käsdorf gehören. Die soll ich ruhig tüchtig von den Hunden rumscheuchen lassen, wie mir die Försterin erst gestern wieder gesagt hat. Das verhindere, daß ihr Blut dick wird, der Herzmuskel verfettet, und sie in ihrer Wachsamkeit nachlassen. Denn wir brauchen sie noch, die Gänse. Sie haben schon einmal durch ihr Schnattern die zivilisierte Welt vor den Barbaren gerettet.

Und was mir auch leicht fällt zu verzeihen: daß Angela Merkel über ihn gesagt haben soll, er sei ein “Wunderbarer Präsident. Er übernimmt Verantwortung für Deutschland.” Dafür kann er ja nichts. Er kann etwas dafür, daß er aufgestellt wurde, das ja. Das ist schon richtig. Er hätte seine Zustimmung dazu nicht zu geben brauchen. Er hat es trotzdem getan. Aber zu seiner Verteidigung muß man sagen: äußerst halbherzig. Als er von seinem Gegenkandidaten (Gauck!! – Ein Mann, von dem man unbedingt wird reden müssen) erfuhr und seine Fälle schon davonschwimmen sah – Fälle?? – Scheiß Rechtschreibreform! Man wird ganz konfus. Alles, was früher mit e geschrieben wurde, wird jetzt mit ä geschrieben: Als er seine Pälze schon davontreiben sah, die Stromschnällen hinab und auf die Kuckucksfelle zu, da hat er sich für den Fall des Scheiterns die Rückkehr auf den Ministerpräsidentensessel offen gehalten und ist erst zurückgetreten, als er gewählt worden war. Klug von ihm, wie sich alsbald darin zeigte, daß er sage und schreibe drei (3) Wahlgenge brauchte. Wahlgänge. Aber das hat ja nichts damit zu tun, was Merkel daherredet. Die würde auch dann dahergeredet haben, wenn Wulff sich gar nicht erst zu Wahl gestellt haben würde. Man muß ja berücksichtigen, wer da redet, wenn Merkel redet: Merkel. Und man muß bedenken, daß Merkel kapabel ist, zu sagen, man werde über Sanktionen (gegen Rußland) nicht nur nachdenken, sondern sie auch in Betracht ziehen. Sagt sie. Jawohl. Aber Merkel sagt auch, im 21. Jahrhundert löse man Konflikte nicht mit Gewalt. Dabei hat man seit Beginn des Jahrhunderts mindestens ein Dutzend Konflikte mit Gewalt gelöst. Das heißt, gelöst hat man sie nicht. Insofern hat Merkel schon ganz recht. Aber das heißt ja nicht, daß man es nicht probiert hätte. Wie Reich-Ranicki zu sagen pflegte: “Sie können, Lieber, nicht mit jeder Frau schlafen. Das heißt aber noch lange nicht, daß Sie es nicht probieren sollten.” Genau. So ist es. Genauso ist es. Und wenn Merkel postuliert, daß man im 21. Jahrhundert Konflikte mit etwas anderem als mit Gewalt lösen solle, dann predigt sie nichts anderes als Enthaltsamkeit. Einem Putin!

Das wird nichts. Fastenzeit hin, Fastenzeit her.

Wo war ich? – Reich-Ranicki! Nein, nicht Reich-Ranicki, Merkel. Kluger Mann, der Reich-Ranicki, einer der tiefe Einsichten beredt in Worte zu fassen vermochte. Drei oder vier Dinge, die man von Merkel nicht sagen kann. Merkels Sätze klingen immer wie in die Lümmeltüte gesprochen, als sei sie in steter Angst, es möchte ihr mal einer echappieren, den sie sich dann anhängen lassen und für den sie die Vaterschaft übernehmen müßte. So jemand muß sagen, daß ein Kandidat, der über die Möglichkeit seines Scheiterns in der Bundesversammlung nicht nur nachdenkt, sondern sie auch in Betracht zieht, ein wunderbarer Kandidat sei. Ist er ja auch. Oder war er. Und wäre es geblieben, wenn er es geblieben wäre. Aber er mußte ja partout Präsident werden.

Nun ja. Vergeben und vergessen. Darüber hinaus vergebe ich ihm

  • Oberschnulli,
  • den Nord-Süd-Dialog,
  • Groenewold,
  • seine Freunde,
  • das, was man sehen muß, wenn man bei Google “wulffs freunde” eingibt und auf ‘Images’ klickt,
  • die Maschsee-Connection,
  • überhaupt Hannover,
  • Osnabrück, wo wir einmal dabei sind,
  • Großburgwedel,
  • sein Haus,
  • seine Yacht,
  • seine Autos,
  • Bettina Wulff,
  • Doris Schröder-Köpf,
  • Hintze,
  • Kunze sowie
  • Dr. Dieter Dehm.

Nein, Dr. Dieter Dehm verzeihe ich ihm nicht.

Doch.

Nein.

Nicht? Doch! – Nein! – Na los! – Kommt nicht in Frage! – Es ist doch Frühling draußen. – Ist mir egal. – Die Buschwindröschen stecken die Köpfe durchs Laub. – Gruff! – Und er ist sein Freund. – Das ist es ja gerade. – Du hast gesagt, du wolltest ihm alles verzeihen. – Alles. Aber nicht den. – Tu es für mich! – Nein! Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich tu’s nicht!

Liebe Presse, der Brief wird für eine halbe Stunde unterbrochen. Das Gedicht zieht sich zur Beratung zurück.

Ene mene micken macken
Ene Fru die kunn nich kacken
Auf dem Berge Sinai
Wohnt der Schneider Kikeriki
Wo die Weser einen großen Bogen macht
Und der Kaiser Wilhelm in die Hose macht
Eine kleine Mickymaus
Zog sich mal die Hosen aus
Ene mene mopel
Wer fährt Opel
Ene mene mink mank pink pank
Ene mene mek
Und du bist weg
Weg bist du noch lange nicht
Sag mir erst wie alt du bist!

Eins zwei drei vier fünf sechs sieben –

Halt, halt, halt, halt, halt! Bitte! So viel Zeit haben wir nicht. Von einer halben Stunde war die Rede. Wenn sich die zwei Seelen in meiner Brust nicht schneller einigen können, dann werde ich eben ein Machtwort sprechen. Im Namen des 1. Käsdorfer Frühlingsstammtisches (unpräjudizierlich dessen Spruchs) ergeht folgendes Urteil:

Dem Angeklagten wird auch die Freundschaft zu und der Umgang mit Dr. Dehm vergeben.

Nein!! – Doch. – Man kann einem Menschen nicht Dr. Dieter Dehm verzeihen! – Doch, man kann. Man muß nur wollen. Aber! Großes Aber, fast schon ein Jedoch. Ein Mais, ein Mas, ein Ma, ein Mäh: Damit ist keinerlei Anerkennung einer Rechtspflicht verbunden. Es ist dies eine freiwillige Leistung. Die Fastenzeit, sie ist auch mal wieder vorbei. Gleich am Ostersonntagmorgen, wenn der Stein zur Seite gerollt, die Frohbotschaft in der Welt und der Tod seines Stachels verlustig gegangen sein wird, dann wird wieder gelten: auf ihn mit Gebrüll. Dann nämlich kriegt Wulff jede Talkshow, in der der Dehm sich blicken läßt und Partei für ihn ergreift, aufs Butterbrot geschmiert. Und für Hintz und Kunz gilt das nämliche. Nemliche? – Nämliche.

Denn warum, o Presse, reibe ich dir das alles so aufw…w..w.wendig unter die Nase? Weil ich – was ich will ist – worauf ich hinauswill, das ist: ich verzeihe Wulff alles. Alles!

Aber nicht das Bobby Car!

Dieses Bobby Car war zwar nicht vom Teufel, aber von einem Audihändler, was zumindest in dieselbe Richtung geht, wie ich mir von meinem Phaetonhändler habe sagen lassen. Von einem Audihändler zumal, bei dem die Wulffs einen Audi Q3 bestellt oder angeguckt oder geleast oder probegefahren hatten, welches Auto, wie mein Phaetonhändler versichert, nicht einfach nur ein Audi ist – was schlimm genug wäre -, sondern ein Audi hoch drei, quasi. Ein Auto mit einer ausgemachten Hackfresse. Selbst unter Audis sei der Q3 ein auffallend häßlicher Vertreter, sagt mein Phaetonhändler. Wer so ein Auto bestelle oder angucke oder lease oder probefahre, der mache auch Urlaub auf Malle.

Sagt mein Phaetonhändler, Herr Agent oder Frau Agentin von brandpatrol.com, das sage nicht ich. Nun kommen Sie mal wieder runter. Mir wär’s egal. Mir ist es egal. Ich hatte mal einen F102 mit Lenkradschaltung und ohne Kopfstützen, vier Türen, drei Zylinder, zwei Takte, eine durchgehende Vorderbank. Schönes Auto! Das fuhr beinahe noch mit Gemisch. Beinahe. Wenn es denn fuhr. Leider fuhr es nur, wenn es das wollte, und im Winter wollte es meistens nicht. Seitdem habe ich kein Auto mit Ringen mehr angeguckt, denn ich habe den Schluß gezogen, daß die Ingolstädter keine Autos bauen können. Das sei auch so, bestätigt mein Phaetonhändler, und die Tatsache, daß Audihändler ihren Absatz mit Giveaways zu stabilisieren versuchen müssen, spricht doch für sich, oder was sagst du dazu?

Ist mir übrigens egal, was du dazu sagst. Außerdem geht es darum gar nicht. Es geht darum, daß Wulff über dieses doofe Bobby Car gestolpert, lang hingeschlagen und kurz wieder aufgestanden ist, und niemand daran schuld ist als er selbst. Was nimmt er das doofe Ding an? Verdient er kein eigenes Geld als Bundespräsident? Kann er seinen Kindern kein Einrad kaufen? Keinen Roller? Kein Dreirad? Es muß vier Ringe haben, geltja? Auch wenn es aussieht wie ein Töpfchen auf Rädern!

Und für lau muß es sein. Geschnorrter Gaul mit gebleachtem Maul. Wiewohl innen pfui. Was mir übrigens auch egal sein könnte. Kinder, deren Eltern an übersteigerter Brand Awareness leiden, haben sowieso kein leichtes Leben. Sollen sie also auf einem Bobby Car rumrutschen, darauf kommt es dann auch nicht mehr an. Ist mir aber dann nicht egal, wenn der Vater, anstatt abends durch die Gänge seines Schlosses zu patroullieren und das liegengelassene Spielzeug beiseite zu räumen, wie es nun einmal die Aufgabe von Vätern ist, die Bestechungsplaste liegen läßt, wo der Nachwuchs das Interesse dran verlor, und dann des Nachts, auf dem Weg zum Emir oder zum Telefon oder dahin, wohin selbst Bundespräsidenten nicht mit dem Q3 fahren, unversehens drüber stolpert, auf die Schnauze fällt und sich den Fangzahn in den eigenen Kiefer rammt. Und wenn er dann da liegt und jammert und wehrlos mitansieht, wie ein großer Kuckucksvogel über ihn hinwegsteigt und sich ins gemachte Nest setzt, sich Amt und Schloß und Dienstwagen krallt, und sagt: “l’État, c’est moi. Et la société civile, c’est moi aussi. Le citoyen, c’est moi. Et le bourgeois. Et la constitution. Et le président. Et l’émir. S’il y avait des émirs. Mais le roi, c’est moi. Et le maréchal général des camps et armées du roi. Maintenant, je suis le patron.”

Gauck!!! – Ja, da sitzen wir jetzt hübsch in der Tinte. Der Typ hört sich sowas von gerne reden, daß sein Ruf nicht nur im Frühjahr in der Feldmark, sondern praktisch ununterbrochen und ubiquitär zu hören ist. Was er zu sagen hat, ist grauslich. Wo sein Vorvorgänger, der Wasch- und Jammerlappen Köhler, über die Forderung nach Wirtschaftskriegen noch stolperte, mit denen er die Konflikte des 21. Jahrhunderts lösen wollte (und tagsdrauf zurücktrat, weil er kein Blut sehen konnte – oder wollte, jedenfalls sein eigenes nicht), da hält sich Gauck nicht lange mit drögen Wirtschaftskriegen auf, sondern fordert schlankweg Wirsindwiederwerkriege, Krieg auch mal ohne jeden Anlaß, Krieg um der Verantwortung willen, mehr Gefallene, mehr Tote, und wenn es keinen Bedarf für weitere Auslandseinsätze geben sollte, könne man die bestehenden ja auch ein bißchen blutiger machen. Konflikte wollen nicht gelöst, Konflikte wollen überhaupt erst einmal gestaltet sein. Dabeisein ist alles. Wer nicht dabei ist, kann auch nicht gestalten. Hauptsache vorne, Hauptsache mitten im Gewühl, auf sie mit Gebrüll. Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.

Wo sagte ich sitzen wir? In der Tinte? Oder in der Druckerschwärze? Jedenfalls kommen wir da so schnell nicht wieder heraus. Da können wir lange warten, daß der zurücktritt. Und wer ist daran schuld? – Ein hundskotzjämmerliches Bobby Car! – Nein, Wulff, der es sich hat aufschnorren lassen. – Nein du! Du hast uns dieses Kuckucksei doch überhaupt erst ins Nest geschrieben. Du warst doch von Anfang an für Gauck und gegen Wulff! “Ein wunderbarer Kandidat!” – von wem stammt denn das Zitat? – Von dir doch wohl! – Nicht? So? Von Merkel? – Aber du hast es verbreitet. – Wer auch? – Ich auch?

Ok, ich bin schuld. – Ich habe ja auch gedacht, daß Gauck der bessere Präsident wäre. Ich konnte doch nicht ahnen, wie gerne der Kerl redet. Ich rede ja selbst gerne. Gauck dir diesen Post an – entschuldige bitte: Guck dir diesen Post an – mal wieder viel zu lang. Dreitausendzweihundertzehn Wörter. Dreitausendzweihundertelf – zwölf – dreizehn – vierzehn! Es werden immer mehr. Jetzt schon, da sind die letzten Sätze noch gar nicht mal mitgerechnet.

Na schön, ich mache Schluß. Nein, nein, ich mache nicht Schluß – ich beende den Brief. Ich krieche in mich. – Ich vgngn – Ich vergebe Wulff gngngn – ich vergebe ngggng – gng – ich vergng – WulffauchdasBobby Car. – Geschafft!

Wie lange noch bis Ostern? Vier Wochen? Vier lange Wochen und ein Tag? Und der Rest von heute? Wäre das nicht – das wäre ja – das wäre ja exakt ein Mondzyklus!? Ein Frühlingsmond! Mit Betrachten, mit Loslassen, Erschaffen und Werden. Zufall? Oder Fügung?

Wo sind meine Hunde? – Zu mir! Kommt mit! – Neinnein, wir gehen nicht auf die Jagd; heute wollen wir den Mond anheulen:

Mea culpa! Mea culpa! Mea maxima, maxima culpa!

Germanistenfuzzi

PS
Und du, Presse, wenn du wirklich etwas wiedergutmachen möchtest, dann hab ich was für dich: hör auf, aufwendig mit ä zu schreiben. Es ist nicht zum Ansehen!
Das sieht aus, wie es riecht, wenn einem im Laderaum ein Karton mit Haarwasser ausgelaufen ist.

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