Kein Mindestlohn für Faule

In einem faulen Kompromiß haben sich die Koalitionsparteien darauf geeinigt, mehr Ausnahmen vom geplanten Mindestlohn zuzulassen, als ursprünglich behauptet, daß es geplant gewesen sei. Bislang war nur bekannt (gemacht) worden, daß unter 18jährige kein Anrecht auf Mindestlohn haben sollen. Diese Gruppe soll jetzt noch einmal deutlich erweitert werden, und zwar um folgende Merkmalsträger:

Langzeitarbeitslose: Das Arbeitsentgelt darf nicht dazu führen, daß es sich für den Arbeitslosen lohnt, zu arbeiten, nicht aber für den Unternehmer, ihn einzustellen. Wir sind Abendländer. Wir haben eine dualistische Weltsicht. Wir sind hier nicht im buddhistischen Kloster, wo alles eins ist, alles Gott und alles gut. Davon hat der Langzeitarbeitslose nichts, zumindest keine Arbeit. Es muß einen Unterschied geben zwischen Ausbeuter und Ausbeutling. Das Arbeitsentgelt, es muß so sein, daß es sich für den Ausbeuter lohnt, den Ausbeutling auszubeuten. Es darf nicht dazu führen, daß es sich für den Ausbeutling lohnt, sich ausbeuteln zu lassen. Dazu würde es aber führen, wenn es nennenswert wäre. Also darf es nicht nennenswert sein. Ein nennenswertes Arbeitsentgelt, es würde den Langzeitarbeitslosen geradezu unsichtbar machen. Nur ein Lohn unterhalb des Mindestlohns, vermag den Langzeitarbeitslosen überhaupt aus dem Nebel des All-Eins herauszuheben, ihm Konturen zu verleihen und ihn zum Individuum werden zu lassen. Er ist der, der billiger zu haben ist, wofern man zu warten versteht. Gäbe es den einheitlichen Mindestlohn, dann würde es sich nicht lohnen, den Arbeitslosen noch ein paar Wochen schmoren zu lassen, bis er die 12 Monate voll hat, die ihn als Langzeitarbeitslosen qualifizieren. Man könnte ihn statt dessen sofort ausbeuten. Das darf nicht sein. Es gebräche der Ausbeutung dann an der sozialen Komponente.

Junggebliebene: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Oder anders gesagt: Jung und gesund sind sie, das ist doch fein / Lassen Sie Mindestlohn Mindestlohn sein (G. Kreisler). Für Geld arbeiten können Sie, wenn Sie so alt und vertrocknet sind wie Germanistenfuzzi. Allerdings für weniger Geld, denn:

Alte Säcke: Ja, wieso? Brot vom Vortag ist doch auch billiger.

Frauen: Der Mindestlohn darf nicht dazu führen, daß Frauen auch weiterhin der Zugang zu den besser dotierten Jobs vorenthalten wird, nur weil sie dasselbe Geld verdienen wollen, wie ihre männlichen Vorgesetzten. Die Gesellschaft sollte sich irgendwann mal entscheiden: will sie Leichtlohngruppen oder will sie keine Leichtlohngruppen? Wenn wir keine Leichtlohngruppen wollen, dann brauchen wir hier nicht weiterzudiskutieren, dann ist der Fall klar, dann können sich die Frauen gleich hinter den Langzeitarbeitslosen anstellen. Wenn wir aber Leichtlohngruppen wollen – und ich möchte meinen, wir sollten sie wollen – dann sollten wir auch die Konsequenzen daraus ziehen wollen. Dann darf es nicht länger ein Tabu sein, über Leichtmindestlöhne und Mindestleichtlöhne nachzudenken und Schwangerschaftsvertretungen und Fehlzeiten wg. Frauenwehwehchen von vornherein in die Entgelthöhe mit einzupreisen.

Faule: Faule sollen ganz allgemein keinen Mindestlohn bekommen. Es widerspräche das dem gesunden Rechtsempfinden. Für einen Mindestlohn sollte man einen gewissen Mindestfleiß an den Tag legen. So weit, so gut. Aber was ist eigentlich Faulheit?

‘Faulheit’? – Da gibt es verschiedene Definitionsversuche; durchgesetzt hat sich in letzter Zeit der Ansatz, denjenigen als faul zu bezeichnen, der weniger als fünfzig Prozent von dem zum Leben hat, was der Durchschnitt hat – Moment, kann das stimmen? Das klingt vertraut, das klingt aber auch schief, das klingt – halt, ich weiß, verkehrt! Alles verkehrt: das ist die Armutsdefinition. Mein Fehler. Es soll nicht so aussehen, als würde ich dem Irrglauben anhangen, wer arm sei, sei selbst dran schuld. Wenn es einen Zusammenhang gäbe zwischen zwischen Reichtum und Fleiß, dann wäre man selbst ja reich. Aber man selbst ist nie reich, egal wer man ist, also gibt es da auch keinen Zusammenhang. Auch keinen reziproken, denn man ist ja auch nicht arm, man ist mehr so Mittel. – Hingegen ist klar, daß der Faule selbst schuld ist, und faul ist, wer weniger als fünfzig Prozent von dem tut, was der Durchschnitt tut. ‘Durchschnitt’ ist definiert als das arithmetische Mittel zwischen den Faulen und einem selber. Man selbst ist fleißig. Damit es aber nicht allzu subjektiv und auch arbeitsrechtlich einwandfrei ist, sollen es die Arbeitgeber entscheiden, wer faul ist und wer nicht. Sie haben den Überblick, sie haben die Expertise, sie haben auch die Mittel, es festzustellen. Zum Beispiel den Werkvertrag: bei Rewe die Regale vollräumen. Der Fleißige kommt auf 8 Euro 51 und hat sogar noch Zeit, die durchgeschwitzten Klamotten zu wechseln, ehe er zur U-Bahn hastet, um rechtzeitig zum Zweitjob zu kommen, hurtig, hurtig, auch bei Edeka füllen sich die Regale nicht von alleine – und der Faule eben nicht. Voilà.

Wie sagte Andrea Nahles so treffend? “Arbeit ist nun keine Ramschware mehr”, sagte Nahles so treffend. “Wir geben der Arbeit ihren Wert zurück.”

Und der liegt bei 8 Euro 50 oder ein bißchen darunter, je nachdem.

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