Offener Brief

an die meist nicht geschätzten Nazis
allerorten, insbesondere aber in der Nähe des Bahnhofs

Meist nicht geschätzte Nazis!

Wie geht’s? Was macht das lebensunwerte Leben? – Was denn? – Nanu!? – Tatsächlich? – Und ich hatte immer gedacht, ‘lebensunwertes Leben’ sei der Ausdruck, mit dem man eure spezifische Art und Weise, die Zeit totzuschlagen (Springerstiefel) und dem lieben Gott den Tag zu stehlen (Arisierung) charakterisiert? – Nicht? – Na, dann nicht.

Aber meine Definition finde ich besser. Denn das erste und bislang einzige Mal, daß ihr etwas Vernünftiges zwar nicht gewollt, aber immerhin bewirkt habt, das war, als ihr irgendwas zu loben oder zu tadeln hattet, von dem ihr wolltet, daß auch die Öffentlichkeit davon erführe, weil ihr wußtet, daß das die Antifa auf den Plan rufen würde, und ihr deswegen eine Demonstration für oder gegen etwas angemeldet hattet, und zwar in der Nähe des Bahnhofs. Was prompt die Antifa auf den Plan rief, die eine Gegendemonstration anmeldete, und zwar ebenfalls in der Nähe des Bahnhofs.

Ob eine der beiden tatsächlich stattgefunden hat, oder gar beide, und wer gewonnen hat, das weiß ich nicht und das ist auch vollkommen unerheblich. Berichtenswert bleibt, daß die fürsorgliche Polizei, die nicht wollte, daß man euch Fahrräder an den Kopf wirft – warum sie das nicht will, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es fällt mir leicht, es zu akzeptieren, und zwar aus folgendem Grund: weil nämlich die fürsorgliche Polizei alle Fahrradbesitzer, die ihre Fahrräder in der Nähe des Bahnhofs aufzubewahren pflegen, aufforderte, die Räder vor der Demonstration zu entfernen, sonst werde sie es tun. Man sollte sich in dem Fall nach der Demo das Rad irgendwo wieder abholen können, und weil ich dazu zu faul war, ließ ich das Rad also für das Wochenende der Demo stehen und ging zu Fuß zum Bahnhof, nicht ohne mir unterwegs mehrfach zu versichern, daß ich die “Spinner” (Gauck), die mir das eingebrockt hatten, für nicht besonders schätzenswert hielt.

Das war aber ein Fehler. Denn am Montag, als ich abends einen Platz für das Fahrrad suchte, fand ich erstmals keinen völlig überfüllten Fahrradpark mehr vor, sondern einen großen leeren Platz, auf dem ich mir aussuchen konnte, wohin ich das Fahrrad stellen wollte, und aufgrund einer momentanen Entscheidungsunfähigkeit beinahe den Zug verpaßt hätte. Noch viel erstaunlicher war, daß diese gähnende Leere in den kommenden Monaten und Jahren sich nur langsam wieder füllen sollte. Wir leben scheints nicht nur in einer Wegwerfgesellschaft, sondern in einer speziellen Wegwerfgesellschaft, in der die Leute die Vorhängeschlösser, die sie nicht mehr brauchen, nicht einfach ins Wasser werfen, sondern am Brückengeländer anschließen, und die Fahrräder, die sie nicht mehr brauchen, die ketten sie am Bahnhof an alles, was ihnen niet- oder nagelfest erscheint. Und wenn unsereins dann kommt, um ein Vorhängeschloß ans Brückengeländer zu schließen, damit der Liebsten tausendjährige Treue zu geloben, bis zum Herbst oder so, je nachdem, mal sehen, wie lange es diesmal dauert, dann findet er dort keinen freien Platz. Und wenn er nach Feierabend einen Platz für sein Fahrrad sucht, dann findet er keinen Stellplatz.

So war es vor eurer Demonstration, und so ist es bei kleinem wieder. Viele Fahrräder sind seit Monaten nicht bewegt worden und werden auch so bald nicht bewegt werden, wie man an platten Reifen, fehlenden Sätteln, krummgetretenen Felgen und geknickten Speichen leicht abliest. Es wäre mal wieder soweit. Wie wär’s? Hättet ihr nicht in nächster Zeit was zu loben oder zu tadeln? Vorzugsweise in Bahnhofsnähe?

Ich wüßte das zu schätzen.

Radagast

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