Queen redet Margaret Thatcher ins Gewissen

Queen Elizabeth the Second, by the Grace of God Queen of this Realm and of Her other Realms and Territories, Head of the Commonwealth, Defender of the Faith, eine Dame, die immer ein bißchen so wirkt, als sei sie aus einem fernen Jahrhundert gepurzelt, dem letzten beispielsweise, hat sich, was selten vorkommt, zum aktuellen politischen Geschehen geäußert. In einem vielbeachteten Statement sagte sie am Sonntag nach dem Kirchgang in Balmoral, einer ihrer zahlreichen Residenzen, in Richtung Maggie Thatcher, einer ihrer zahlreichen Premierministerinnen, sie hoffe, die Regierungschefin werde gut über die Konsequenzen ihres Regierungshandelns nachdenken.

Das verwundert nicht so sehr wegen der ungewöhnlichen Einmischung eines gekrönten Staatsoberhauptes in die Niederungen der Tagespolitik, das verwundert vor allen Dingen deswegen, weil man ihr nicht zugetraut hätte, mitgekriegt zu haben, daß nicht mehr Antony Eden Ihrer Majestät Ministerpräsident ist, oder Neville Chamberlain oder Benjamin Disraeli oder Lord Grenville, sondern jemand anders, auch wenn dieser jemand anders mittlerweile auch nicht mehr gerade Maggie Thatcher heißt, nun wollen wir mal nicht päpstlicher werden als das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche.

Maggie Thatcher, ein Cyborg, halb Engländerin, halb Handtasche, die immer ein bißchen so wirkte wie die Vorbotin des Unheils kommender Jahrhunderte, z.B. diesem hier, war bekannt dafür, daß es ihr völlig Piepenhagen war, was die Leute von ihr dachten, solange diese jedenfalls nichts gegen sie machen konnten. Wenn sie das gewährleistet wähnte, machte sie, was sie wollte, vorzugsweise alles kaputt. Allerdings neigte sie dazu, zu übersehen, daß die Schotten, anders als die Engländer (die können nicht weglaufen, denn England, was viele nicht wissen, ist eine Insel), die sich alles gefallen lassen müssen, sich nicht alles gefallen lassen müssen. In dem Jahr, in dem sich unser Autor und Schotte honoris causa auf der Hebrideninsel Skye den Arm brach (bei einer Schußfahrt mit dem Fahrrad, unter grandiosem Theaterhimmel, die C1239 hinab, von Kylerhea kommend über den Paß hinunter nach Broadford) und die dortige Jugendherberge mit dem dortigen Krankenhaus des nicht minder grandiosen National Health Service vertauschen mußte, gründete sich unter nämlichen Himmel die Musikkapelle Runrig, die in der Folge dem lieben Publikum lange Jahre mit dem Lied ‘Loch Lomond’ das Leben sauer machen sollte, ein Lied, von dem P.G. Wodehouse seine Figur Alaric, Duke of Dunstable, zurecht sagen läßt, daß der Dichter verrückt sein müsse, zu glauben, Loch Lomond reime sich auf “afore ye”. Wodehouse, als Mann der Feder, der die Schotten – meist wortkarge Männer der Tat – als Gärtner brauchte, die ‘Hmph’ und ‘Grmph’ sagten und dabei schottisch aussahen, hätte, so darf man annehmen, die Sezession Schottlands wohl nicht begrüßt.

Runrigs Keyboarder allerdings ist mittlerweile der Oppermann – sorry: Obmann der Scottish National Party in Westminster und betreibt dort den Abfall Schottlands vom Vereinigten Königreich, wohingegen Germanistenfuzzi seine Tage damit zubringt, Mountainbiker zu hassen und in Gewaltphantasien, so gut das mit einem Arm gehen will, Feuer an alle Kliniken zu legen, an denen neuerdings das häßliche H der Helios-Kliniken-Gruppe steht. Die Helios-Kliniken seien, so bringt er vor, für das Gesundheitswesen etwa das, was Margaret Thatcher zu ihrer Zeit für das zu ihrer Zeit noch Vereinigte Königreich gewesen sei. Auch sie gründeten ihr Geschäftsmodell darauf, daß ihre Patienten, wenn man sie nur flächendeckend genug bedrücke, nicht weglaufen könnten.

Kaum hatte die Queen mitgekriegt, es muß um 2014 herum gewesen sein, daß Thatchers Politik auf lange Sicht geeignet sein könnte, Ihrer Majestät schönes Königreich zu zerfleddern, weil die Schotten es nicht lustig fanden und so bald auch nicht lustig finden würden, eine Kopfsteuer aufs Haupt gedrückt zu kriegen, da begann sie auch schon, über ihren Schatten zu springen. Kein besonders langer Schatten, was das angeht; nur wenn die Abendsonne an der Westküste von Skye alle Jubeljahre einmal unter die Wolken sinkt, und Elizabeth II. gerade dann am Kopf der Klippe im braunen Heidekraut stünde, um sinnend hinüber nach Lewis zu blicken und sich zu fragen, wo die Zeiten dahin sind, und warum alles Schöne vergehen muß und wo wir alle einmal hingehen, dann würfe sie einen Schatten, über den sie wohl nur mit ordentlich Anlauf hinüberkäme.

„Ich hoffe, die Menschen werden gut über die Zukunft nachdenken,“ sagte die Queen also, und ließ keinen Zweifel daran, daß sie auch Thatcher unter ‘die Menschen’ zu fassen gewillt war, womit sie in der Presse so manches Erstaunen auslöste, nicht zuletzt deswegen, weil jeder weiß, daß Margaret Thatcher Weicheierargumenten nicht zugänglich ist. Zum Teil deswegen, weil sie seit ihrem Tod vor zwei Jahren überhaupt keinen Argumenten mehr zugänglich ist, nicht nur Weicheierargumenten, zum anderen Teil deswegen, weil sie auch zuvor schon überhaupt keinem Argument zugänglich gewesen war. Der dritte Grund ist der, daß Margaret Thatcher heute gar nicht mehr Margaret Thatcher heißt, sondern David Cameron, und ein Mann ist, der von sich behauptet, es bräche ihm das Herz, wenn Schottland sich vom Königreich trennen würde. Jeder weiß, daß das nicht stimmt. In früheren Jahrhunderten haben Kopfsteuergesetze mitunter zu Aufständen geführt, in deren Verlauf der ein oder andere Adlige seinen Kopf und damit die Grundlage für seine Besteuerung verlor. Woran man schon sieht, daß die Menschen nicht gründlich über ihre Zukunft nachdenken, denn dann hätte den Bauern klar sein müssen, daß für die der Krone solcherart entgangene Steuer irgendjemand seinen Kopf würde hinhalten müssen – im Zweifel sie.

Aus dem gleichen Grund, aus dem man einen enthaupteten Adligen nicht mehr besteuern kann, kann David Cameron auch nicht das Herz brechen, ganz egal wie das schottische Referendum ausgehen wird. Möglicherweise kann sich sein Darm zur Unzeit entleeren, das ja; den Besitz eines solchen wird ihm schon deshalb niemand absprechen wollen, weil man ja dessen Ausgangs bedarf, um ihn – Cameron – adäquat auf die Metapher zu bringen. Er selbst hält es – einen Kopf hat er immerhin und weiß ihn zu benutzen – für denkbar, daß die Schotten zu großen Teilen nur deshalb für den Abfall stimmen werden, weil sie die verhaßten Tories in das den Darmausgang umgebende Muskelfleisch treten wollen.

Schade, daß die Queen Elizabeth zu alt ist, um noch mitzukriegen, daß sie einen neuen Premierminister hat. Sonst könnte sie ihn dazu aufrufen, gut über die Zukunft nachzudenken. Vielleicht hätte sie Erfolg, und Cameron dämmerte es, daß es seine Sache wäre, dem Zusammenhalt des Königreichs Ihrer Majestät zu dienen, indem er das eigene Hinterteil der guten Sache opferte, und in den sieben kommenden Jahren die Backen hinhielte. In Pubs, auf Märkten, bei den Highlandgames und am Rande der Klippen von Neist Point, könnten die Schotten, die er meint, dann nach Belieben dem ‘effing Tory’ in den gluteus maximus treten, und zum Ausgleich am Donnerstag für den Verbleib im Königreich stimmen.

Er fände das besser, läßt sich unser Hausschotte vernehmen, und er hoffe, “daß meine Landsleute eherenhalber gut über ihre Zukunft nachdenken.” Es sei in einer Ehe immer gut, mit etwas drohen zu können, z.B. mit Trennung von Tisch und Bett. Das sorge für eheliche Disziplin. Mit Trennung von Tisch und Bett zu drohen, wenn man schon seit Jahren getrennte Schlafzimmer habe und morgens das Frühstück ausfallen lasse, mittags in der Kantine esse und abends bei der Nachbarin, sei vom Disziplinierungspotential her sehr viel ineffektiver.

“Außerdem heiß es in ‘The Bonnie Banks of Loch Lomond’: ‘You will take the high road, and I will take the low road and I will be in Scotland afore ye.’ Soll Runrig in Zukunft als Rausschmeißer vielleicht ‘I took the high road und you took the low road and I was in Scotland without ye’ singen? – Das geht doch nicht! – ‘Me and my true love will never meet again’ – das ist doch eine Zeile der Morgenröte, der Hoffnung, der Zuversicht, des Versprechens! Man sieht doch vor sich, wie sie sich, allen Widrigkeiten zum Trotz, eines Tages eben doch wieder in den Armen liegen werden. – Dagegen: ‘Me and my ex we did never meet again’ … ”

“Da geht doch alle Poesie zum Teufel.”

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


7 × = zwanzig eins

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Navigation