Vignetten

Streik

Es ist gesagt worden, und es ist nachgeplappert worden, daß die dritte industrielle Revolution ihre Attraktivität für das Kapital der Tatsache verdanke, daß Roboterstraßen im Gegensatz zu Schichtarbeitern nicht streiken täten. Stimmt aber nicht.

Jetzt, nachdem die (noch nicht) durch Assistenzsysteme (Lane Assist, Park Assist, Emergency Assist, Autonomous Cruise Control und “Wenn die Torfköppe im Türbereich denselben einfach mal freigeben würden, dann könnten wir auch abfahren” Assist) ersetzten Lokführer wieder arbeiten, streiken, wie sich das anscheinend gehört, die Signale. Kein Unterschied zu früher, als noch der Bahnwärter Thiel mit der Laterne an der Strecke stehen mußte, wenn er nicht gerade Visionen hatte.

Außerdem streikte heute morgen die Heizung.

Pubertät

FBI-Agenten haben drei Mädchen aus den USA gestoppt, die unterwegs nach Syrien waren, wo sie sich von den IS-Milizen steinigen lassen wollten. Sie hatten die Schule geschwänzt und waren von der Schulleitung bei den Eltern verpetzt worden. Am Frankfurter Flughafen wurden sie geschnappt. Die 15 und 17 Jahre alten Geschwister und deren 16-jährige Freundin seien zurück zu ihren Familien in Denver gebracht worden, sagte eine FBI-Sprecherin. Ein Regierungsvertreter in Washington sprach von einem “beunruhigenden” Fall.

Beunruhigend, in der Tat. Was kann die Mädels umgetrieben haben? Ist es nur das Alter? Spielt eine Rolle, daß in Colorado zu Beginn des Jahres der Marihuana-Handel legalisiert wurde?

Es ist nicht geklärt.

Auch nicht geklärt ist, wieso die drei wußten, wo Syrien ungefähr liegt, und wie man hinkommt. Als Amerikanerinnen. Noch dazu aus Colorado. In dem Alter. Andere Mädels in dem Alter kaufen Klamotten bei Primark, anstatt sich steinigen zu lassen. Als jemand, der beides bleiben läßt, möchte man nicht entscheiden müssen, was schlimmer ist.

Besser: Aus dem Gröbsten raus sein, was das Alter angeht.

“Spurende Kunden helfen uns, die Bereitstellung unserer Dienste zu verbessern. Durch das Parken in unserem Parkhaus erklären Sie sich mit allem einverstanden, was wir jetzt schon mit Ihnen treiben und was uns künftig noch so alles einfallen mag”

In vielen Parkhäusern in Deutschland werden nach Medien-Recherchen systematisch die Kennzeichen der Autos erfaßt und gespeichert. Gleiches geschehe auch auf Campingplätzen und Firmen-Parkplätzen, heißt es. Die betroffenen Autofahrer wüßten in der Regel nichts davon, außerdem sei es ihnen schnurzpiepegal.

Der Betreiber der Parkhäuser, Google, sagte gegenüber dem Käsdorfer Metropolitan (KM), man speichere die Daten nur, weil man sie einmal gesammelt habe. Daten zu sammeln und sie nicht auch zu speichern, sei ja wohl Blödsinn. Und sammeln würde man die Daten, weil man sonst nicht wüßte, was man speichern soll. Teuren Speicherplatz vorzuhalten, ohne etwas zu haben, was man dort speichern könne, sei nämlich auch Blödsinn.

Außerdem geschehe alles um des lieben Kunden willen. Dem lieben Kunden will Google künftig maßgeschneiderte Parkplätze anbieten können, wenn er das nächste Mal an der Schranke auftaucht.

Mexiko

Ein Kreuzfahrtschiff aus den USA hat sich geweigert, bei Cancún in Mexiko an Land festzumachen, weil es sich nicht mit Mexiko infizieren will. Das Kreuzfahrtschiff ist aus den USA gekommen, eine Weile in der Karibik herumgeplanscht und hatte ursprünglich vor, vor Cancún zu ankern, damit die 5.000 Kreuzfahrer die Nase in die yucatánsche Luft tauchen könnten, um mal zu schnuppern. In Cancún gibt es Ruinen aus der Zeit der Maya, aber die gibt es in der Eifel auch. Die interessieren keinen. Was interessiert, sind die ca. 1 Million Studenten – na, auf die ist gepfiffen! – und Studentinnen, die im Frühjahr (“Spring Break”) hierherkommen, um sich – nein, nicht steinigen zu lassen. Aus dem Alter sind die meisten raus. Außerdem steinigt man in Mexiko nicht. Mit einer Steinigung macht man es dem Tod zu einfach, ist gängige Meinung dort. Die 500.000 Studentinnen kommen hierher, um sich starken Alkohol- und Drogenkonsums, sexueller Freizügigkeit, Promiskuität und Zurschaustellung von Nacktheit zu befleißigen, wie Wikipedia, allerlei Yellow Press und unsere Altherrenphantasien übereinstimmend berichten. Die fünftausend Kreuzfahrernasen wollten alle mal schnuppern, ob sich von diesem attraktiven Sündengemisch eventuell noch was im genius loci verfangen hätte.

Warum nicht? Wir waren auch mal jung und haben die Insel Neuwerk besucht, wo es zu Vitzliputzlis Zeiten mal einer Obersekunda gelungen sein soll, zu mehr als der Hälfte mit Alkoholvergiftung an Land geschafft werden zu müssen und die Rettungshubschrauberei vor ernste Herausforderungen zu stellen. Na, Rettungshubschrauber wird es damals noch nicht gegeben haben, Chichén Itzá war ja gerade erst gegründet worden. Es war eine reine Jungenklasse, was besagt, daß die übrigen Spring Break Aktivitäten entweder ausfielen und durch Alkohol kompensiert, oder stattfanden, und nachfolgend die Scham mit Alkohol kleingetrunken, oder aber stattfanden, und anschließend die Begeisterung darüber mit Alkohol übertüncht, oder im Einzelfall auch stattfanden, und die Begeisterung darüber mit Alkohol gefeiert werden mußten. Auf jeden Fall wurde gesoffen, und die Trostlosigkeit von damals hing noch immer in den Salzwiesen. Schon im Watt überfiel uns Depression.

Aber nun: kurz vor Cancún drehte das Schiff wieder ab und fuhr zurück nach Galveston. Man hatte eine Risikopatientin an Bord, die möglicherweise einmal an einem Ort gewesen war, wo zuvor ein Ebolapatient gesessen hatte, und wollte sich nun nicht obendrein auch noch Mexiko einfangen. Denn mittlerweile ist Mexiko sehr viel tödlicher als das Ebolafieber. Pro Jahr kommen dort mehr Leute durch Gewalt ums Leben, als das Ebolavirus seit Gukumatz’ Zeiten auch nur infiziert hat. Wobei die Mexikaner darauf achten, daß es sich keiner zu einfach macht, und etwa stirbt, ohne vorher gequält worden zu sein. Oder daß die Mörder jemanden einfach so totschlagen, den man statt dessen auch vergewaltigen, erpressen, ausrauben, schänden, schinden, verstümmeln, zerstückeln und im Tod noch verhöhnen könnte.

Andererseits will auch Mexiko kein Ebola im Land haben und verbot den Landgang. Man fragt sich, warum? Ebola wäre doch ein guter Ersatz für die G36-Gewehre von Heckler & Koch, die wg. gewisser Endverbleibsthematiken im Prinzip momentan nicht ins Land gelassen werden können. Im Prinzip. So wie es in Colorado vor dem 1. Januar im Prinzip kein Marihuana gegeben hat. Sie wissen schon. Aber das G36 leidet momentan nicht nur an Endverbleib sondern auch an Treffsicherheit, so daß Ebola mit dem Streufaktor der abgesägten Schrotflinte eines Alan Bourdillion Traherne – na sagen wir, kein Ersatz fürs G3, aber eine Ergänzung wäre. Die Mexiko bei der Bekämpfung von Mexiko gut gebrauchen könnte.

Aber vielleicht macht Ebola es dem Tod auch einfach zu einfach.

Streik II

“Wo ist die deutsche Maggie Thatcher?” fragt der SPIEGEL angesichts des Lokomotivführerstreiks und tut, als wäre er richtig böse. Warum so böse, lieber SPIEGEL, möchte man fragen, du weißt es doch, und deine Leser spüren es auch, daß dein Autor in der Reminiszenz an die große Zeit seiner Mannwerdung bei Abfassung des Artikels die allerbeneidenswerteste Entspannung erfahren hat. Und das nicht zum ersten Mal. Die routinierte Hand ist klar erkennbar. On revient toujours à son premier … naja, amour? So sagt man halt. Und da wir nicht wissen, was ‘Wichsvorlage’ auf französisch heißt, und ob sich das auf ‘toujours’ reimen würde, mag es bei amour bleiben. Aber das Böse-tun gehört wahrscheinlich zum Ritual, so wie bei anderen Leuten das Vorspiel in cis-Moll von Rachmaninoff. Wie auch das So-tun, als wäre diese beknackte Frage eine nicht ganz leicht zu beantwortende solche.

Dabei ist die Frage sehr leicht zu beantworten: die deutsche Maggie Thatcher ist tot.

Warum? Nun, erstens ist das Original auch tot, da soll das dem deutschen Klon doch wohl billig sein. Aber die deutsche Maggie Thatcher war von Anfang an nicht lebensfähig. Das Gemisch aus “Maggie Thatcher” (humorlos zum Quadrat) und “deutsch” (humorlos hoch drei) ist mit den heute zur Verfügung stehenden Techniken und Materialien nicht realisierbar. Normale Frauen bestehen zu ca. zwei Dritteln aus Wasser, zu dem auch – zu von Frau zu Frau schwankendem Anteil – der Humor beiträgt. Bei Männern ist es nicht viel anders, wenn man sich das Wasser durch Bier ersetzt denkt. Die deutsche Maggie Thatcher aber war in etwa so feucht wie die Schokolade Lindt Excellence 99%, von der Kenner sagen, daß sie einem buchstäblich im Halse stecken bleibe, und vor deren Genuß die Firma empfiehlt, den Gaumen schrittweise an Schokoladen mit hohem Kakaoanteil zu gewöhnen, indem man zunächst mit Brikettasche anfängt. Verglichen mit ihr war die Marsoberfläche sumpfig, und Sandstürme zogen den Hut. Schon im Reagenzglas war klar, daß sich die beiden Ingredienzen nicht miteinander mischen würden, im Gegenteil. Sie hielten sich, so gut es gehen wollte voneinander fern, so als traute eins dem anderen nicht über den Weg bzw. könnte jenes diesem ums Verrecken nicht aufs Fell gucken.

Das Ergebnis war darnach. Auf der Liste der humorlosesten Entitäten aller Zeiten nimmt die deutsche Maggie Thatcher (humorlos hoch fünf) postum einen ehrenvollen dritten Platz ein, hinter Jan Fleischhauer vom SPIEGEL und Claus Weselsky von der GdL.

30 Prozent der Deutschen verzichten darauf, vermögend zu sein

Die Einsicht in den Wert und die Vorteile eigenen Vermögens geht den Deutschen anscheinend immer weiter verloren. Das Vermögensbarometer des Deutschen Sparkassen-, Giro- und Kontoüberziehungszinsenabgreiferverbandes förderte einmal mehr zutage, daß ein wachsender Anteil der Deutschen – 30 Prozent – glaubt, kein eigenes Vermögen zu brauchen. 16 Prozent – und das ist besonders alarmierend – glaubt sogar, sich kein eigenes Vermögen leisten zu können. In der durchaus irrigen Annahme, für eigenes Vermögen brauche man Geld. Und das habe man nicht.

Daß das nicht stimmt, zeigt der Blick auf den “Freundeskreis überhöhter Dispokreditzinsen”, der sich ganz und gar aus fremder Leute Geld finanziert und mit der Zeit, natürlich nicht sofort, nach und nach ein Vermögen aufzubauen vorhat, ganz ohne eigenes Geld. Wenn man kein eigenes Geld hat, muß man eben fremder Leute Geld nehmen, so einfach ist das doch. So einfach kann es jedenfalls sein, wenn man es richtig macht. Aber wie macht man es richtig?

Dabei wird der Wert von Vermögen eo ipso theoretisch grundsätzlich anerkannt, bloß eben als etwas betrachtet, das mit einem selbst nichts zu tun hat. Und zwar sind es, wie das Vermögensbarometer zeigt, vor allem Menschen mit geringem Einkommen, die meinen, kein Vermögen zu brauchen. Unter denen, die monatlich weniger als 1000 Euro zur Verfügung haben, liegt der Anteil derer, die auf eigenes Vermögen verzichten, bei etwas über 100 Prozent. Der Verbandspräsident der Sparkassenfritzen fordert daher politisches Umdenken: “Gerade im Blick auf mittlere und einkommensschwache Haushalte muß die Bedeutung eigenen Vermögens bei der Vermögensbildung wieder besonders betont werden.” Denn wer deutlich mehr Geld zur Verfügung hat – und das haben Vermögende, vermöge ihres Vermögens, deshalb nennt man sie so – als er zum Lebensunterhalt benötigt, behält Geld über. Geld, das er prima nutzen kann, um keine Überziehungskreditzinsen davon zu berappen.

Sondern lieber ein Vermögen damit aufzubauen.

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