Kernkundschaft

Wir sind modern und gehen gern ins Tuchgeschäft für bessere Herrn
Kaspar, Jesper und Jonathan

Die Investitionsruine Karstadt soll nach dem Willen des Ruineninvestors Banquo, der erst kürzlich in die Ruine investiert hat – bzw. in das, was sein Vorinvestor Berggruen von ihr übrig gelassen hat, der sie, beziehungsweise das, was ihr Manager Middelhoff, der zuvor schon AOL und Napster ruinierte, aus ihr gemacht hatte, einst aus der Konkursmasse von Arcandor herausgekauft und zum Anschaffen auf die Straße geschickt hatte, sie zwang, ihren Mädchennamen wieder anzunehmen (sie war zwischenzeitlich eine verehelichte Schickedanz gewesen), und ihr für das Recht, diesen Namen zu führen, den kompletten Verdienst abnahm (Middelhoff pflegte die gleiche Praxis; er hielt die Patsche für die ‘Benutzung der Örtlichkeiten’ auf, die er sich zuvor selbst verkauft hatte) -, Karstadt soll nach dem Willen Banquos auch weiterhin seinen kompletten Verdienst abliefern, und zwar an ihn. Er habe, brüstet sich Banquo, mit seinen Investitionen bislang stets Geld verdient, mal mehr, mal weniger, aber er habe noch nie zugesetzt und das auch nicht vor. Wenn seine Investition irgendjemanden ruinieren wollen sollte, sollte sie es von ihm aus bei seinen Angestellten probieren, aber nicht bei ihm.

Das Geld, das er seinen Angestellten vorenthalten will, soll von den Kunden kommen. Und zwar will man sich konsequent aufs Ausnehmen der Kernkundschaft kaprizieren, und die Kernkundschaft sei nun einmal die etwas ältere Kundschaft, heißt es, so ab vierzig aufwärts. So ab vierzig aufwärts, um das kurz zu verdeutlichen, sind diejenigen alten Knacker, die 1994, als Netscape 1.0 vom Stapel lief, bereits viel zu alt waren, um das Internet noch zu begreifen, nämlich zwanzig.

Also wir.

Und um uns das Geldausgeben schmackhaft zu machen, soll die Zahl der Kassen und die Zahl der Angestellten an den Kassen renditeträchtiger gestaltet werden. Also mehr Kassen und mehr Angestellte. – Ha. Haha. Trauriger kleiner Scherz. – Ein kluger Schachzug, das! Daß man das Angebot kernkundschaftskompatibel zu gestalten bemüht war, war uns bereits an den Bundweiten der auf den Stapeln zuoberst liegenden Jeans aufgefallen: ab vierzig aufwärts. Aber hat man auch bedacht, daß wir Alten nicht nur dicke Bäuche haben und zu doof sind, bei Zalando einzukaufen, sondern auch zu schusslig, unsere Brille mitzubringen? Wir können die Geldscheine nicht mehr gut voneinander unterscheiden, und die PIN unserer Maestro-Karte, die wir auf einem kleinen Zettelchen im Portemonnaie notiert haben, die können wir nicht lesen. Wieso überhaupt Maestro? Früher hieß das ec-Karte. Und war gut genug für uns. Aber heute genügt das wohl nicht mehr. – Nachdem wir das der Kassenkraft mitgeteilt haben, fällt uns das Portemonnaie runter und das Kleingeld rollt unter den Ständer mit den Hannover-96-Nikoläusen. – Es wird, so ist anzunehmen, zu Staus an den Kassen – pardon: zum Stau an der Kasse – kommen.

Übrigens – die Tatsache, daß wir überhaupt bei Karstadt einkaufen, liegt eher nicht daran, daß wir uns dem Grabe nähern, sondern weitgehend daran, daß Karstadt unweit des Bahnhofs gelegen ist, was uns erlaubt, zwischen zwei Zügen eine Jeans zu kaufen. Sofern wir beim Graben in den Stapeln schnell genung auf eine unserer Bundweite stoßen, heißt das, und an der Kasse sofort drankommen. Würde das Erreichen des Anschlußzuges durch Personalreduktionsmaßnahmen zum Hazard, wäre das kernkundenbindungskontraproduktiv. Ruckzuck wären wir bei Kaufhof, der ist auch nicht weit. Das weiß auch Banquo, weswegen er auch schon Interesse an Kaufhof geäußert haben soll.

Mag sein. Noch ist das Kapital stärker als wir. Noch profitiert es davon, daß in den Zügen der Bahn das WLAN nicht funktioniert, und wir in 3D einkaufen müssen. Noch hält es der eine oder andere vielleicht für angezeigt, analog zur Differenzierung zwischen Proletariat und Lumpenproletariat das klassische Ausbeutertum vom Lumpenausbeutertum zu scheiden, und kauft deshalb nicht bei Zalando. Je heftigere Anstrengungen das klassische Ausbeutertum aber macht, diesen Unterschied zu nivellieren, desto egaler wird es ab einem Tag X auch sein, wo man kauft. Das mache auch Banquo sich klar. Dann ist er uns los. Er unterschätze die Marktmacht von uns Kernkunden nicht! Es kommen auch andere Zeiten. Es kommt die Zeit, da diejenigen vierzig werden, die beim Untergang des Netscape Navigators erst zwanzig waren. Von denen lassen wir uns zeigen, wie Zalando geht. Wir haben schon Nokia kleingekriegt, indem wir auf zalandotaugliche Handys umgestiegen sind, und mit Opel sind wir auch fertig geworden, indem wir noch nie einen gekauft haben. Wir werden auch Karstadt kleinkriegen.

Beziehungsweise das, was Banquo davon übriglassen wird.

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