Stolz

Übrigens, liebe Genossinnen und Genossen, ich bin stolz – und das ist auch gut so.
Klaus Wowereit

Irgendwo – ich weiß nicht mehr wo, aber es könnte in einem Taschenbuch von George Mikes gewesen sein, denn es handelte sich um einen Text von George Mikes – las ich einmal einen Text von George Mikes, und wenn ich mich recht erinnere, war es in einem Taschenbuch, und es war ein Text über – wenn ich mich auch darin nicht irre – New York und einige seiner Einwohner. Und einer dieser Einwohner erzählt dem Erzähler, er stamme von da und da und gehöre dieser oder jener Ethnie an und sei mithin das und das, und außerdem oder deswegen oder überhaupt sei er “proud of it. And you?”

Proud of it. Sie sehen daran, daß ich vergessen habe, was der Betreffende war – wahrscheinlich war es ohnehin gelogen, denn Mikes wollte ja lediglich seine Witze reißen, über wen, war ihm ganz egal -, daß es unwichtig war, was der Betreffende war, denn sonst würde ich es mir ja gemerkt haben. Hauptsache – darum habe ich mir das nämlich gemerkt – er war stolz darauf.

Er sei auch stolz, versetzt daraufhin der Erzähler – und da wird dann auch klar, daß wirklich alles gelogen ist, denn er läßt sich weiter fragen, woher er von Haus aus stamme und was er von Haus aus sei – “polnischer Neger” – Neger? Er sei doch weiß? – Das seien die polnischen Neger alle. – Tatsache? – Das alles lasse ich am besten unter den Tisch fallen, wer weiß, was wieder los ist, wenn ich einen Witz zitiere, den ein humorig Haus im Jahr 1948 gerissen hat, ohne schon mal die Empfindlichkeiten seinerzeit noch ungeborener Sprachpuritaner zu antizipieren – wer weiß! Ich will das gar nicht wissen.

Schnell weg hier, und zwar ins Jahr 2001. Eben hat Jürgen Trittin den Generalsekretär der CDU – Laurenz Meyer, einer der zahlreichen Mißgriffe Angela Merkels – als einen Skinhead bezeichnet, und zwar sowohl was das Innere als auch das Äußere des Meyerschen Schädels betrifft. Grund dafür war, nein falsch – der Grund für Trittins Vergleich war, wie gesagt, Aussehen und Mentalität Meyers; der Anlaß dafür war die Meyersche Behauptung, stolz zu sein. Darauf, daß er Deutscher sei, dochdoch. Vermutlich war es gelogen, denn er kommt aus Salzkotten, und ist in Hamm zur Schule gegangen. Man ist nicht stolz, wenn man aus Salzkotten kommt, und man ist auch nicht stolz darauf, aus Hamm zu kommen. Das ist empirisch erwiesen. Googelt man bei Google nach dem String “ich bin stolz, ein” erhält man 78.700 Treffer. Die Übergangswahrscheinlichkeit für “ich bin froh, ein Deutscher zu sein” liegt bei 17,3% und ist interessanterweise geringer als die Übergangswahrscheinlichkeit für “ich bin stolz, ein Hesse zu sein” mit 24,8%. Hesse sein – daß man darauf stolz sein kann?! Die anderen Landsmannschaften mit nennenswerten Prozentsätzen sind Bayern (4,6%, ein Drittel davon Franken), Berliner (1,8%) und Schwaben (1,7%). Schwaben, Kunststück! – Aber Hessen?? – Alemannen, Badener und Württemberger hingegen verlieren sich mit zusammengenommen 0,01%. Russlandversteher und Russland-Versteher kommen zusammen auf 0,9%, das sind mehr als die übrigen Bundesländer zusammen auf die Beine kriegen, mit Ausnahme der Hamburger (0,9%), Sachsen (0,6%) und Saarländer (knapp 0,4%).

Am Hinterteil der Tabelle sieht es daher so aus:

Ich bin stolz, ein Westpfahle zu sein 2 (0,002%)
Ich bin stolz, ein Ostwestpfahle zu sein 1 (0,001%)
Ich bin stolz, ein Salzkötte zu sein 0 (0,000%)

Stolz darauf, ein Hammer zu sein, kann man nicht sein, weil Hämmer keinen Stolz haben. Es muß wahrscheinlich heißen: “Ich bin stolz auf meinen Hammer” (6.040.000 Treffer, entspricht 7.674,7%). Das wäre einleuchtend und scheint mir wahrscheinlicher zu sein, sehr viel wahrscheinlicher, als popelige 3 Treffer (alles dieselben, also eigentlich nur einer) für “Ich bin stolz, ein Hammer zu sein.”

Vorerst aber noch im Jahr 2001 geblieben, wo der Bundespräsident Rau in die Debatte eingreift, und dem Meyer – aus Salzkotten, ja? Hochstift Paderborn, wenn ich das richtig sehe? Da ist er mit einer Wahrscheinlichkeit von gut siebentausendsechshundertundnochwas Prozent katholisch und hat von Puritanismus keinen Schimmer -, der von Puritanismus, Bescheidenheit und Anstand keinen Schimmer hat, steckt, daß man nicht auf etwas stolz sein könne, das man nicht selbst gemacht hat. Voilà un homme! Auf den kann der liebe Gott stolz sein, anders als Rau, der nach seiner eigenen Definition auf den lieben Gott nicht stolz sein durfte. Obwohl er’s wahrscheinlich war. Die meisten Leute sind ja auf ihren jeweiligen Gott stolz, ganz so, als hätten sie ihn sich selbst ausgedacht. Wir hingegen haben uns den Rau nicht ausgedacht, aber wir haben ihn selbst gewählt, beziehungsweise von einer obskuren Bundesversammlung wählen lassen, weswegen wir es im Zweifel auch nicht gewesen sind. Wir bräuchten uns also unserer Bundespräsidenten nicht zu schämen, tun es aber doch. Weil wir nämlich Puritaner sind. Puritaner sind zwar auch stolz auf das, wofür sie nichts können, aber sie schämen sich wenigstens dafür. Und darauf sind wir sogar ein klein wenig stolz. Die Engländer zum Beispiel. Wie Mikes mitteilt, äßen sie genauso gerne wie die Franzosen, aber anders als diese seien sie darauf nicht stolz, sondern schämten sich dessen. Hingegen seien sie stolz darauf, keine Fremdsprachen zu erlernen. Denn dafür könnten sie ja was.

Ganz richtig. Wir zum Beispiel sind stolz darauf, noch nie etwas von Apple gekauft zu haben. Wir würden uns schämen, damit in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Und wenn wir heimlich damit spielen würden, würden wir uns erst recht schämen. Das ist bei uns Puritanern nun mal so. Einmal saß ich im Zug neben einer schönen Frau, die war jung und entfachte mein Begehren, und ich schämte mich heimlich dafür. Nach außen tat ich, als wäre nichts, und wir unterhielten uns über dies und das, und kamen vom Hölzgen aufs Stöcksgen, und vom Stöcksgen auf ihre Schwangerschaft, und von ihrer Schwangerschaft auf den iPod auf ihrem Bauch, und sie gestand mir ihre Liebe zu Apple-Produkten. Da legte sich Asche auf meine Glut, und ich schämte mich doppelt. – Anderen mag es anders gehen. Mancher würde nichts anfassen, was Bill Gates schon mal in der Hand gehabt hat. Das kann ich auch verstehen. Ist ja auch ok. Kann ja jeder machen.

Jetzt aber: heute, drei Bundespräsidenten weiter. Oder genauer: vor ein paar Tagen. Da geht um die Welt, daß der Chefkoch von Apple, Tim Cook, ebenfalls kein Puritaner ist. Er ist stolz, was wohl heißt, er war schon immer stolz, nicht erst seit ein paar Tagen. Aber vorher war er es heimlich. Jetzt ist er es öffentlich. Jetzt ist er sozusagen Franzose, was seinen Stolz angeht, und stolz darauf. Vorher war er Engländer.

Ja und? – Ja, genau, sehr richtig! Ja und?!

Aber “Ja und?” fragen heißt, nicht verstanden haben, daß man selbst aber Deutscher ist. In Deutschland gibt es kein “Ja und?”! Das muß jetzt erstmal ausdiskutiert werden. Ist es etwa in Ordnung, wenn jemand sagt, Franzose zu sein sei das größte Geschenk, das Gott ihm gemacht habe? Also quasi: Epikuräer zu sein? Und stolz darauf obendrein? Was sollten denn da die Engländer sagen?

Lassen Sie mich dazu sagen, daß es egal ist, was die Engländer dazu sagen. Sie könnten es ja ohnehin nur auf Englisch sagen, und auch das – wenn man Herrn Mikes glaubt – nicht besonders fehlerfrei. Außerdem muß so etwas in Deutschland entschieden werden. Nur wir haben den nötigen sittlichen Ernst. Der Engländer würde es vermutlich als Geschenk Gottes betrachten, kein Franzose zu sein, und ich, als zum Schiedsrichter berufener Deutscher, sage dazu: Muß es denn immer so konfrontativ zugehen? Kann man sich nicht irgendwo in der Mitte treffen? Wie wäre es denn mit den Kanalinseln?

Wichtig ist mir bei der ganzen Angelegenheit, festzuhalten, daß es keinen Grund gibt, seine Einstellung gegenüber den Produkten der Firma Apple zu ändern. Weder in diese, noch in jene Richtung. Wenn Tim Cook nun hergheht, und seinen großen Vorbildern Robert Kennedy und Martin Luther King nacheifert, indem er benachteiligten Minderheiten durch die Produkte seiner Firma zu mehr Gleichberechtigung verhelfen will, Schwulen etwa, dann habe ich so einen schwachen, aber hartnäckigen Verdacht, mangelnder Zugang zu Glitzergadgets und überteuren Handschmeichlern sei nicht das Kernproblem ausgerechnet dieser Minorität. Und auch beim Zugang der NSA zu Apples diversen Clouds dürfte sich die Diskriminierung schwuler User in gut überschaubaren, hervorragend ausgeleuchteten Grenzen halten. Nein, man mache weiter wie bisher. Derjenige, dem Gott das große Geschenk gemacht hat, trendigem Gelifestyle ablehnend bis indifferent gegenüberzustehen, der tue das. Wer andersrum ist, der bedenke, daß elektronische Orientierung nichts naturgegebenes ist. Es ist nicht unnatürlich, Apple cool zu finden. Es ist aber auch nicht natürlich. Es hat mit Veranlagung nichts zu tun. Es ist eine Frage des Willens. Man hat die Wahl. Wer es wirklich will, kommt davon los. Wer zu schwach dazu ist, findet Hilfe in Therapiegruppen. Wüstenstolz zum Beispiel, oder Wüstenrot oder wie die heißen. Dort wird er beraten. Ergebnisoffen, wie sich von selbst versteht. Eine Sünde ist es schließlich nicht, einen iPod auf dem Bauch liegen zu haben und ihn verliebt zu betatschen. Warum sollte es? In der Bibel findet sich schließlich kein Wort zu Apple.

Wer es dann geschafft hat, wird sehen, wie stolz er auf sich sein wird. Und warum auch nicht? Raus Segen hat er. Asche legt sich auf sein Begehren. Das Leben wird langweilig. Gehaltvoller, wollte ich sagen. Gottgefälliger. Tiefer.

Die frühen Nachkriegsengländer, berichtet Mikes, hätten ihr Begehren nach diesen coolen Lifestyle objects, die man Fernseher nannte, und die sich die Mittelschicht überhaupt nicht leisten konnte, unter der Asche des angeblich freiwilligen Verzichts auf dieselben begraben, und in diese Asche – wie es Puritanern wohl ansteht – die Standarte des Stolzes gerammt, genau wie nebenan in den krautigen Acker fehlender Französischkenntnisse. Fünfzig Jahre später war aus dem Objekt der Begierde der Unterschichtsmarker geworden, der das Fernsehen heutzutage nun einmal ist. Um des lieben Distinktionsgewinns, und um mich von den Puritanern abzusetzen, die zuhause angeblich keinen Fernseher mehr haben (steht im Flur im Einbauschrank und wird zur Weltmeisterschaft rausgeholt) und bei Bedarf auf den Fernseher im Büro zurückgreifen (nur aus dienstlichen Gründen!), und weil ich stolz darauf bin, kein Anthroposoph zu sein, und nicht mit einem Anthroposophen verwechselt werden will, habe ich mittlerweile drei Fernseher. Und ich schäme mich dessen nicht. Aber was ich sagen wollte: fünfzig Jahre haben genügt. Warum sollte es dem iPhone nicht irgendwann auch so gehen?

Wird schon. – Etwas anderes ist es um unsere Geschlechtlichkeit, in all ihren Spielarten. Sie ist schon länger auf der Welt als fünfzig Jahre, aber zum zuverlässigen Unterschichtsmerkmal hat es bei ihr noch nicht gereicht, trotz etlicher Versuche von puritanischer Seite, den Quatsch ganz bleiben zu lassen. Das ist nicht so einfach. In seinem berühmtesten Zitat sagt George Mikes den Engländern nach, anstelle von Sex Wärmflaschen zu haben – aber “anstelle von” ist ja etwas anderes als “Verzicht auf”. Mikes’ Behauptung – die, versteht sich wohl, auch gelogen ist; schließlich ging es ihm nur ums Witzereißen – ist nichts anderes als Diskriminierung einer Minderheit, die ihr Begehren anstatt auf zufällige Zugbekanntschaften auf Gegenstände richtet, sogenannte Fetischisten. Das tut man nicht! Man diskriminiert keine Minderheiten. Nachher geht noch einer hin und schreibt einen herablassenden Artikel über Leute, die sich mit Apple-Gelump umgeben.

Das gehört sich nicht. Daher: nichts gegen Wärmflaschen! Wer eine hat, der sei getrost auch stolz auf sie!

Ich persönlich habe Stücker drei.

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