Unions-Wähler fürchten Mindestlohn-Bürokratie und haben Schiß im Dunkeln

Beinahe die Hälfte der Bundesbürger (44 Prozent) sind davon überzeugt, dass der Mindestlohn die Bürokratie in kleinen und mittleren Unternehmen vergrößern wird. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der mittelständischen Wirtschaft (BVMW), die ein großes Interesse daran hat, nicht so laut darüber zu reden, daß 56 Prozent der Bundesbürger davon aber gar nicht überzeugt sind. Mmh, mmh, nicht überzeugt. 56 Prozent, das sind 12 Prozent mehr als 44 Prozent, oder, wenn man es in Prozenten ausdrückt, 27 Prozent, nicht überzeugt davon. Das ist eine stramme Minderheit, wenn man so rechnet, wie das Handelsblatt im Auftrag der Mittelständler es tut. Wenn man es nicht tut, ist es die absolute Mehrheit. Aber, so sagt das Handelsblatt, das schon ganz andere Sachen gesagt hat, absolute Mehrheiten sind etwas für Diktaturen. Wir aber sind eine Demokratie, in der die Minderheit das Sagen hat.

Oder die Mehrheit. Kommt drauf an, was sie sagt, die Mehrheit. Oder die Minderheit. So sagt zum Beispiel eine Mehrheit der Unions-Wähler (53 %) und eine Minderheit der SPD-Wähler (42 %), daß die Überzeugten Recht hätten. Das ist, wenn man es – gewichtet nach dem Zweitstimmenanteil bei der letzten Bundestagswahl – arithmetisch mittelt, eine deutliche Mehrheit unter den Anhängern der Koalitionsparteien, nämlich 48,27 %. Kaufmännisch gerundet – mittelständisch vielmehr, oder auch handelsblättisch; es ist nicht ganz klar, von wem die Vorgabe stammt, daß eine Mehrheit gegen den Mindestlohn notfalls mit Gewalt errechnet werden muß -, handelt es sich dabei um mehr als die 51,73 % der Koalitions-Anhänger, die den Unüberzeugten zuneigen.

Immerhin ist dem Handelsblatt zuzubilligen, daß 48,27 % mehr sind als 44 %.

“Viele Bundesbürger,” fährt das Handelsblatt fort – und läßt damit eine gewisse Formschwäche erkennen, denn was soll das heißen, ‘viele’ Bundesbürger? Soll das etwa heißen: ‘nicht alle’? Soll das heißen, daß es Bundesbürger gibt, die nicht – äh, ja, was denn eigentlich? -, “erwarten auch negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.”

Achso, der Scheiß. Na, schaun mer mal: “So befürchtet mehr als ein Drittel der 2.013 Befragten (36 Prozent), dass ein gleicher Mindestlohn über alle Branchen und Regionen hinweg Arbeitsplätze gefährdet.” Mehr als ein Drittel! Ungeheuerlich! Das hieße ja doch wohl, daß die, die das nicht befürchten, daß die nicht einmal mehr eine Zweidrittelmehrheit auf sich vereinigen können? Hieße das das? Soweit sind die schon abgeschlagen?

“Vor allem Befragte zwischen 25 und 34 Jahren (41 Prozent) sehen diese Gefahr.” – Ach! Guck an. Was ist denn das für eine Kohorte? Sind das ganz besonders Schissige? In den Achtzigern geboren, was? An deren Geburt sich keiner, der dabei war, erinnern kann? Die, von denen sich deren Eltern die Erde bloß geborgt hatten. Mußten schon in den Windeln Schilder mit “Ich Krieg Angst” auf Demos herumtragen. Durften, als Tschernobyl hochging, nicht in den Sandkasten. Durften nicht brüllen, wenn der Volkszähler vor der Tür stand. Kein Wunder, daß die die Hosen voll haben! Wieviel Prozent? 41? Das sind ja, boah ey, das sind ja – doch, auch das sind mehr als ein Drittel. Kann man unterschreiben. – Wen haben wir da noch?

“Auch bei den Wählern von CDU/CSU (52 Prozent), AfD (51 Prozent) und FDP (47 Prozent) ist die Sorge vor Arbeitsplatzverlusten besonders groß.” – 52 % Unions-Wähler? Fürchten sich? Vor Arbeitsplatzverlusten? Wessen Arbeitsplatzverlust – dem eigenen oder dem anderer Leute? – Ok, 52 % – das kommt einer Zweidrittelmehrheit auf handelsblättischem Zahlenstrahl schon recht nahe. Denn es ist ja deutlich näher an 100 als an 0 Prozent, richtig? Das kann man beruhigt “besonders groß” nennen, denn es ist ja groß, größer jedenfalls als 51 % (AfD), was ja – im Vergleich zu 52 – schon beinahe wieder näher an 0 ist als an 100, und größer auch als 47 %, die die FDP angeblich auf die Beine bringen. Apropos FDP: nehmen wir es mal als gegeben an, daß hier die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust anderer Leute abgefragt wurde, nicht jedoch die Furcht vor dem eigenen. Denn wer, und er hätte einen Arbeitsplatz, der weniger als 8 Euro fuffzich die Stunde einbrächte, einen Arbeitsplatz, der an 8 Euro fuffzich die Stunde schier verröcheln und eingehen müßte – nicht, daß es sowas nicht gäbe, aber wer, der damit vorliebnehmen müßte, würde FDP wählen? Warum? Weshalb? Wieso? Wozu? Wäre dem zu helfen? Und wenn ihm zu helfen wäre, wäre ihm auch dann noch zu helfen, wenn er es einem Mitarbeiter eines Meinungsforschungsinstitutes auf die Nase bände?

Was verdient eigentlich so ein Meinungsforschungsinstitutsmitarbeiter? Die werden unterschiedliche Gehaltsgruppen haben, nehme ich an; sagen wir mal die, die die Leute befragen. Nicht die, die die Drecksarbeit machen und sich die Fragen ausdenken, die nicht. Oder die, die mit den Auftraggebern im Lotterbett liegen, die auch nicht. Der kleine Mann auf der Straße. Der arme Tropf im Callcenter. Was verdient der so? Kann es sein, daß der Mindestlohn hier und da die Bilanz verunschönt? Wieso wurde eigentlich nicht danach gefragt, ob der Bundesbürger nicht vielmehr vorm Anblick einer solchen Bilanz bibbere?

Ah – wen will ich denn mit solch rhetorischen Fragen foppen? Aber was ich sagen will: ich nehme dem Handelsblatt, ich nehme dem BVMW, ich nehme Insa die 47 % von der FDP nicht ab. Wann hätte die FDP jemals vor dem Arbeitsplatzverlust anderer Leute Sorge gehabt? Nein, nein, mich foppt Ihr nicht. Ich schätze den Anteil der spezifischen Arbeitsplatzverlustsorgenmacher bei der FDP auf allenfalls 46 %.

Hingegen glaube ich das folgende ohne weiteres: “Mittelstandspräsident Mario Ohoven wertet das Ergebnis der Insa-Umfrage als eine „bittere Pille für Schwarz-Rot“. Beim wichtigen Thema Mindestlohn stünden „nicht einmal die eigenen Wähler hinter der Großen Koalition“, sagte Ohoven dem Handelsblatt”. Das heißt, ein paar Korrekturen hätte ich schon anzubringen: ‘Nicht einmal die eigenen Wähler’ muß heißen ‘Nicht einmal alle eigenen Wähler, sondern bloß deren Mehrheit’, und anstelle von ‘bittere Pille für Schwarz-Rot’ muß es heißen ‘bittere Pille für den Mittelstand, der jetzt sehen muß, wie er seine verunschönten Bilanzen wieder in den Griff kriegt, von dem bürokratischen Aufwand der Dokumentationspflicht erstmal gar nicht zu reden; sollen wir jetzt etwa zusätzliche Leute einstellen?’. Alles andere hingegen – 1. Ohoven ist Mittelstandspräsident, 2. er hat mit dem Handelsblatt gesprochen – stimmt. Und das hier: “Als Konsequenz daraus forderte der Unternehmer die Bundesregierung auf, den „hyperbürokratischen“ Mindestlohn im Sinne der mittelständischen Unternehmen „erheblich“ nachzubessern. Das betreffe besonders die Dokumentationspflichten.” Stimmt wahrscheinlich auch.

Ist allerdings Quatsch. Wenn die Dokumentationspflicht eine solch drückende Last ist, wüßte ich, wie man sie ganz unbürokratisch leichter machen könnte: man schaffe sie ab. Jedem Mittelständler sei es freigestellt, zu dokumentieren, wieviel die Mitarbeiter arbeiten und wieviel Geld sie bekommen, oder es bleibenzulassen.

Wenn allerdings ein Mitarbeiter Klage führt, daß er noch Lohn zu bekommen habe, so soll auch ihm die Nachweispflicht erlassen sein. Statt dessen soll der Mittelständler den Anspruch der Sache und der Höhe nach anerkennen und ohne rumzuzicken zahlen, und zwar ein bißchen subito!

Oder aber in den Schuldturm wandern.

Will ein Mittelständler das nicht haben, sei es, weil er nicht übers Ohr gehauen werden will, sei es, weil er keinen Bock auf Wasser und Brot, feuchte Mauern, Stroh, Ungeziefer und Ratten hat, ei, so gehe er hin und entwickle er ein gescheites Dokumentationswesen, er innovativer Mittelstand, er! Das wird ja wohl so schwer nicht sein! Es müßte zuverlässig funktionieren, einfach zu bedienen sein, wasserdicht, und keinen Betrug zulassen. Keine Rechentricks! Wo eine Stunde plötzlich 90 Minuten hat, oder 48,27 % die Mehrheit von irgendwas sind, das Weihnachtsgeld plötzlich futsch ist, und Überstundenkonten auf mysteriöse Weise undicht werden. So nicht! Er könnte sich das patentieren lassen, und alle Mittelständler müßten ihm Lizenzgebühren zahlen. Und täten es gerne! Denn sie möchten den Mindestlohn ja zahlen. Sie lieben ihre Mitarbeiter und quellen über vor Fürsorge. Sie haben bloß Schiß vor der Bürokratie. – Auf geht’s! Privat vor Staat! Die großen Fortschritte der Zivilisation, ob in Architektur oder Malerei, in Wissenschaft oder Literatur, in Industrie oder Landwirtschaft, in Bürokratie oder Dokumentationswesen sind niemalen nicht vom Staate ausgegangen! Der Unternehmer ist der bessere Unternehmer! Zeigt es ihm!

Zusammengefaßt: Eine Mehrheit der mittelständischen Unternehmen (44 %) lehnt den Mindestlohn als solchen nicht ab. 41 % – das sind knapp zwei Drittel von ihnen, haben schon immer ‘Lohn’ gezahlt und wollen es auch weiterhin tun. Sie sperren sich nur gegen das ‘Mindest’. Eine Minderheit (53 %) unter den 25- bis 34-jährigen Unions-Wählern (48,27 %) ist allerdings der Meinung, daß Lohnbuchhaltung für den Mittelständler ein ‘hyperbürokratisches Monster’ sei. Bei einem Mindestlohn in Höhe von 8 Euro 50 lohne sie sich außerdem nicht, da es für den Schwachlohnempfänger ohnehin unerheblich sei, ob das bißchen Geld tatsächlich fließe.

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