cui bono?

Neues Hobby: Benzinskepsis

Es kommt nur auf den Weg an,
auf den Weg zu den Sternen.
Alles andere ist für des Leibes Notdurft.
Eduard Stucken

Es ist zwar so in diesem Land, daß alles, wes der Mensch für des Leibes Notdurft bedarf, nicht in erster Linie durch gemeinwirtschaftlich orientierte Unternehmungen oder sozialistische Kollektive, Volkseigene Betriebe oder freiwillige Arbeitseinsätze der Komsomolzen zur Verfügung gestellt wird, sondern durch privat wirtschaftende Unternehmen, die auf Gewinn aus sind – es hat dies weitgehend damit zu tun, daß es sich bei dem unsrigen um ein kapitalistisches Land handelt, und zwar nicht um irgendeines, was das angeht, sondern um die Nummer 4 auf der nach unten offenen Weltherrenskala – wer’s nicht glaubt, der kann ja gerne einmal Grieche werden und den Unterschied ausprobieren -, und diese privat wirtschaftenden Unternehmen, sie kümmern sich um Alles: vom Brot auf dem Teller über den Teller selbst, den Tisch nicht zu vergessen, bis hin zur Schüssel, in der das Brot landen wird, wenn es dann irgendwann zur Notdurft im eigentlichen Sinne …

Genügt!

Ja, selbst das Papier, und der Plastikbeutel, in dem der Bürger das Papier aus dem Kofferraum in den dritten Stock …

Genügt, sagte ich!

… die Klobürste …

Ja, ja, ja! Das alles ist zu irgendeinem Zeitpunkt Profit gewesen. Irgendeiner wird versucht haben, sich einen goldenen Arsch daran zu verdienen, und dieses Prinzip des Goldenen Arsches, es wird von uns nicht mehrheitlich infrage gestellt. Vielleicht stellt der eine oder andere es grundsätzlich infrage, macht sich Gedanken über ein anderes, im Idealfall besseres Wirtschaften, aber zu Konsequenzen führt das im allgemeinen nicht. Niemand würde die Tauglichkeit von Klopapier für dessen propagierten Zweck anzweifeln, nur weil ein anderer daran Geld verdient.

Aber wehe!

Wehe, es handelt sich um etwas weniger Banales als Klopapier. Etwas Geheimnisvolleres. Etwas, das den archaischen Urgrund unserer Existenz rührt: eine magische Flüssigkeit. Zaubertrank! Es macht Blech sich fortbewegen, wie von Geisterhand geführt, so heißt es. Benzin!

Dann kommen sie hervor, die alten Ängste. So geschieht es dieser Tage, da immer mehr Bürger ihre grundsätzliche Skepsis gegenüber dem kapitalistischen System entdecken, jetzt nicht, was ihr Brot angeht, oder ihren Teller, den Tisch, den Fußboden, die Wand, den Flur, das Bad, die Kloschüssel, die Klobürste, das Klopapier, ihren Kaffee, ihre Zeitung, ihre Flatrate, ihre Schuhe, ihr Fitnessabo, ihre Unterhosen, ihr Shampoo, ihren Kühlschrank, ihren Urlaubsflug, ihre Brille, ihre Winterjacke …

Genügt!

… ihr Federbett, ihre Nachtcreme, ihren Nagellack, ihren Rasierapparat, ihre dritten Zähne …

Erbarmen!

… ihre Waschmaschine, ihren Trockner, ihre Trockenhaube, ihren Friseur …

Wo ist mein Strick?

… oder ihren Strick, wohl aber: beim Benzin für ihr Auto. Jemand verdient Geld damit? Mit dem, was ich in meinen Tank tue? Er hat also ein Interesse daran, nicht wahr? Liegt es da nicht auf der Hand, mal zu fragen: cui bono? Nutzt Benzin überhaupt etwas? Außer der Industrie? Brauchen Autos überhaupt Benzin? Sind nicht Autos ohne Benzin viel gesünder? Und wenn das Auto stehen bleiben sollte – was ich persönlich ja nicht glaube, ich glaube, es handelt sich um Propaganda der Ölindustrie – dann ist es für den Organismus des Fahrzeugs sicher besser, wenn es stehen bleibt. Benzin ist schädlich. Benzin ist giftig. Die Produktion von Benzin verursacht Umweltschäden in Milliardenhöhe, und die Industrie verdient daran. Das sieht man schon daran, daß die Industrie immense Summen für Schadenersatz berappen kann. Wer kann das denn, wenn nicht einer, der vorher immense Summen daran verdient hat, daß er den Leuten Gift andreht? Aber das wird natürlich verschwiegen und unter der Decke gehalten. Aber nicht mit mir! Ich beuge mich dem Diktat der Schulphysik nicht! Die angeblichen Studien zur Wirkungsweise von Verbrennungsmotoren sind doch alle von der Ölindustrie gesponsert! Eine Umwandlung einer Translationsbewegung in eine Rotationsbewegung ist nämlich mechanisch gar nicht möglich; der Kolben würde sich im Zylinder verkanten und steckenbleiben. Ganz abgesehen davon, daß es gar keine Bewegung geben kann, das hat schon Parmenides von Elea gewußt, aber dessen Erkenntnisse werden von der Industrie auch unterdrückt, weil sie von der Illusion fahrender Autos nur profitiert, hah!

Entschuldigung, haben Sie vielleicht irgendwo meinen Strick gesehen?

Nun wäre es ja nicht so schlimm, wenn einer so denkt, Knallköpfe gibt es überall. Schlimm aber ist es, wenn immer mehr Benzinverweigerer ihren Tank einfach nicht mehr auffüllen, aber trotzdem losfahren und dann an der Abfahrt Peine Ost liegenbleiben, während ein Knallkopf aus der Gegenrichtung in Peine West verreckt. Auch das wäre noch nicht so schlimm, wo ist man selbst nicht schon überall liegengeblieben, als man noch den Felicia hatte? Fachleute haben ausgerechnet, daß einzelne Liegenbleiber den Verkehr nicht nachhaltig kollabieren lassen. Kritisch wird es, wenn der Anteil der Benzinverweigerer bei fünf oder mehr Prozent liegt. Rechtzeitiges Tanken ist dann keine reine Privatsache mehr. Die “Durchtankrate”, wie die Fachleute das nennen, sollte bei 95 Prozent …

So ein unscheinbares Stück Strick, aus Hanf, gar nicht lang, aber mit einer Schlinge am Ende?

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