100 Tage Mindestlohn

Es verheert unser Land eine pechschwarze Unke,
die ihr Gift den Lebenden und den Toten einspritzt
und alles Sein bedroht.
Arator

Die Tatsache, daß der Mindestlohn nicht die katastrophalen Verwüstungen am Arbeitsmarkt herbeigeführt hat, von denen die deutsche Wirtschaft prophezeit hat, daß er sie herbeiführen werde, ist nach Ansicht der deutschen Wirtschaftschaft dem Mindestlohn zuzuschreiben. Wem denn sonst?

Man habe es ja gleich gesagt. Es sei ja nicht so, daß man nicht davor gewarnt hätte. Die deutsche Wirtschaft jedenfalls könne nichts dafür. Diesmal nicht. Sonst nehme sie ja gerne alle positive Entwicklung am Arbeitsmarkt auf ihre Kappe. Andererseits: das Ausbleiben katastrophaler Verwüstungen als “positive Entwicklung” zu bezeichnen, darauf müsse man ja auch erstmal kommen. Sicher, wenn bei dem schon totgeglaubten 95jährigen Erbonkel das vorhergesagte Nierenversagen ausbleibe, die Sepsis abklinge und vom Schlaganfall nur eine halbseitige Lähmung zurückbleibe, dann könne, wer geschmacklos sei, auch das eine “positive Entwicklung” nennen. Es hätte ja auch der Erbfall eintreten können, was man ja niemandem wünschen möchte. Jedenfalls niemandem, der mehr zu erben hat als man selber. Aber im speziellen Fall von positiver Entwicklung zu reden sei ganz besonders unpassend, denn wie stehe man denn jetzt da, als deutsche Wirtschaft? Als deutsche Wirtschaft, die vor Kraft schon in praktisch keine Unterhose mehr paßt, oder als dumme Unke? Mit der Prophezeiungspotenz eines Forsa-Praktikanten?

Ein bessere Entwicklung als die gute Entwicklung wäre jedenfalls eine schlechtere Entwicklung gewesen. Oder umgekehrt. Woraus folge, daß die gute Entwicklung eine schlechte Entwicklung sei, die es einem nur noch erlaube, wider das bürokratische Monster “Dokumentationspflicht” anzustänkern, welches das Land verheere, sein Gift den Lebenden und Toten einspritze und alles Sein bedrohe.

Ich hab es schon einmal gesagt und sag es gerne noch einmal: das Monster kriegt man doch einfach in den Griff! Wieviele Stunden hat ein Tag? – 24. 24 mal 8,5 Euro sind 204 Euro. – 204 Euro sind nicht die Welt. Eure Unternehmensberater haben ganz andere Stundensätze. - Stundensätze! Ein Jahr hat 365,25 Tage, macht 74.511 Euro Jahresgehalt, im Monat 6.209,25 Euro. Brutto! Da geht allerhand von ab. Nicht, daß jetzt irgendeiner meint, er wird bei Euch auf Rosen gebettet. 6.209,25 Euro im Monat sind nicht schlecht, aber das sind auch keine Reichtümer. 13. und 14. Monatsgehalt z.B. sind da schon mit drin. Es gibt nichts extra! Ein Thomas Middelhoff etwa würde für solch einen Hungerlohn gar nicht erst das Gefängnis verlassen. – Wem Ihr ein solches Gehalt zahlt, der braucht nicht dokumentiert zu werden. Die Dokumentation ist implizit geführt, und Ihr habt keinen bürokratischen Aufwand. – Problem gelöst!

He? Hah! – Zu teuer? – Dann gebt mal Obacht:

Ok, kein Mensch arbeitet 24 Stunden am Tag, schon gar kein Thomas Middelhoff. Also rechnen wir mal mit 8 Stunden am Tag, mehr ist auch gar nicht gesund. Macht 68 Euro am Tag, 24.387 Euro im Jahr – halt, stopp, abzüglich Sams- und Sonntage, handvoll Feiertage: 17.289 Euro Jahresgehalt oder 1440,75 im Monat. Brutto! Jetzt aber Urlaubs- und Weihnachtsgeld dazu, wenn ich bitten darf! Mindestens ein 13. Gehalt, es sei denn, Ihr wolltet vor aller Welt von mir Knickstiebel geheißen werden. – Ok, Ihr habt es so gewollt, Knickstiebel! – Also 17.289 Euro Jahresgehalt, bedeutet für Euch: Einsparpotential von 74.511 – 17.289 = 57.222 Euro im Jahr. Pro Nase! – Allerdings brutto, das will ich einschränkend dazusagen. Was Ihr dafür tun müßt? – Dokumentieren. Und zwar – hier kann man es nachlesen – “ca. 15 bis 20 Minuten im Monat”, bei 10 Angestellten. Also pro Nase 18 bis 24 Minuten im Jahr – rechnen wir der Einfachheit halber mit 20 Minuten -, für die es 57.222 Euro gibt. Mal drei macht 171.666 Euro die Stunde.

Na, ist das ein Stundenlohn?! Das sind Jahr für Jahr um die 300 Millionen, konservativ gerechnet. Das schafft kein Erbonkel. Dafür spitzt sogar ein Thomas Middelhoff schon mal die Ohren.

Nur, wie gesagt, leider brutto. Ich kann schon verstehen, wenn Ihr davon weder Urlaubs- noch Weihnachtsgeld zahlen wollt.

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