Bildbeschreibung

Die Farbe ist die von schäbig gewordenem Silber. Bestellt worden war sie als chromfarben, aber als sie ankam, war sie silbern. Nicht so angestoßen wie jetzt, aber auch nicht glänzend. Die Teelöffel meiner Großmutter hatten diese Farbe. Sie war “aus gutem Hause”, meine Großmutter, weswegen ihr eine Zugehfrau zustand, ihr zur Hand zu gehen. Jedenfalls war sie überzeugt von der Zuständigkeit. Allerdings hatte sie keine, denn mein Großvater – sie hatte “unter ihren Stand” geheiratet – war nicht in der Lage, ihr diesen Komfort zu finanzieren. Außer keiner Zugehfrau hatte sie Messerbänkchen, nicht aus Silber allerdings, sondern messingne. Wo die abgeblieben sind, mag der Kuckuck wissen. Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich wüßte es, und ich wünschte, ich hätte sie. Ich wüßte zwar nicht, was damit anfangen, aber haben täte ich sie gerne. Immerhin habe ich einen ihrer Teelöffel, 925er Silber, aus dem Schweinetrog gerettet, mit den Schweinekieferspuren in der Laffe. Mein Lieblingslöffel. Das Schwein ist längst von uns gegangen, jedoch die Spur von seinen Erdentagen habe ich täglich im Mund und spüre ihnen mit der Zunge nach. Wie der Löffel in den Trog geraten ist, hat nie ermittelt werden können, und ich als der Täter werde den Teufel tun und petzen. Ich fühle mich dem Schwein affektiv verbunden. Allen Schweinen. Wer aber den Silberlöffel im Mund mit mir teilt, ist Familie.

Es ist ein warmer Sonntagmorgen im April. Ein typischer Sonntagmorgen, typisch insofern, als Tausendschönchen irgendwann aus dem Schlafzimmer kommt und sich die Sonne auf den Rücken scheinen läßt. Das kann sie nicht vor April, wenn die Morgensonne erstmals über Quastels First geklettert kommt, und nicht vor halb elf Uhr morgens, es sei denn, sie stellte sich draußen vor das Küchenfenster. Das tut sie nicht. Vielleicht ist es ihr zu frisch. Auch ich habe vorgezogen, ein Hemd zu tragen, als ich um sechs mit den Hunden im Revier war. Sogar eine Jacke. Da war es aber auch noch frischer als jetzt. Herrlich ist es dort, um Georgi herum, um diese Zeit. Der Schwarzdorn explodiert. Da will man sich den Genuß nicht verderben, indem man fröstelt. Und Schönchen fröstelt schon, wenn ich ihr nur davon erzähle, daß es eine Uhrzeit gibt, die sich sechs Uhr nennt. Vielleicht stellt sie sich aber auch deswegen nicht nach draußen, weil die Kaffeemaschine drinnen steht. Mir wärs gleich, wo sie stünde – die Kaffeemaschine ohnehin, ich bin Teetrinker. Aber auch Schönchen, denn ich sitze am Küchentisch, trinke meinen Tee und habe Drinnen wie Draußen im selben Blick. Vor der Haustür liegt ein Hundehaufen, ein Haufen aus drei Hunden, zum Drittel auf-, zum Drittel unter-, zum Drittel nebeneinander, und drinnen steht Tausendschönchen und macht sich an der Maschine zu schaffen. Mir und der Sonne dreht sie den Rücken zu. Die Maschine, aus dem Schlaf gerissen, benimmt sich wie die Hunde um halb sechs, wenn ich sie wecke (und nicht, wie es sich ihrer Meinung nach gehört, sie mich): sie gähnt, gibt Laut, schüttelt sich, rüttelt sich, streckt die Gliedmaßen, läßt Wasser, steckt die Nase in den Wassernapf und erklärt vorwurfsvoll, daß derselbe leer sei. Für den Moment gibt Schönchen den Blick auf die Maschine frei, während sie mit dem Napf zum Wasserhahn unterwegs ist. Der Bohnenbehälter ist noch halb voll, gottseidank. Merkwürdigerweise nämlich mahnt die Maschine einen leeren Bohnenbehälter nicht an. Statt dessen mahlt sie einfach immer weiter, wie ein leerer Magen, der sich selbst verdaut; und ich, der Teetrinker, kann nicht umhin, aufzuspringen und dem Gemetzel ein Ende zu machen. Sprich: die Maschine ausstellen, den Vorratsbehälter öffnen, Kaffee suchen gehen, ihn nicht finden, Schönchen fragen, mir die Hand vor die Stirn schlagen, ‘Richtig, ich vergaß!’ sagen, den Küchenschrank meiner Großmutter öffnen, links unten – wo eigentlich die Teller ihren Platz haben, den sie unerforschlichem Ratschluß nach aber mit einigen Vorräten teilen müssen, selbstgekochter Schlehenmarmelade zumal, die kein Mensch essen mag, weil es ein Mitbringsel von Zuckerfeinden der strengen Observanz ist, die außerdem halten, daß Marmeladen sich, was die Konsistenz der Früchte angeht, möglichst nicht allzuweit vom Vorbild unreifen Obstes entfernen sollten = weshalb ihren Marmeladen jede Marmeladigkeit abgeht =, aber auch, wie sich immer wieder zeigt, mit Kaffeepaketen – ein Kilopaket Kaffee finden, den Vorratsbehälter füllen, ‘Fuck!’ sagen, denn es paßt kein Kilo hinein, die runtergefallenen Bohnen aufheben, vorsichtig gucken, ob Schönchen nicht guckt, und den aufgehobenen Kaffee zurück ins Kilopaket befördern, dabei hoffend, daß schon nicht allzuviele Hundehaare zwischen den Bohnen sein werden.

Heute ist genug Bohne im Depot, und ich brauche nicht zu springen. Meine Großmutter kaufte Kaffee viertelpfundweise. Sie, die Emdenerin, trank Tee aus einem ortsansässigen Teehandelshaus, und ich tue es ihr gleich. Der Kaffee war für den Gatten. Sie mahlte den Kaffee mangels Zugehfrau per Hand im eigenen Schoß. Mehr als ein Viertelpfund hätte sie auf diese Weise gar nicht gemahlen gekriegt. Es ging ihr auf den Rücken. Aber mein Großvater tat nichts, um ihr das Leben leichter zu machen. Der Gatte mochte von niedererem Stand sein als die Gattin, aber er wußte genau, wo sein Platz nicht war: in dieser komischen Küche. Merkwürdigerweise dehnte er diese strikte Rollentrennung nicht aufs Kinderbaden, -pudern und -wickeln aus. Diesbezüglich soll er großes Engagement und dito Gewandtheit an den längst vergangenen Tag gelegt haben. Leider habe ich es nicht erlebt, denn als ich meinen Großvater kennenlernte, war dessen Sohn aus irgendeinem Grund bereits erwachsen und wurde nicht mehr gebadet.

Statisch gesehen war das Mahlen des Kaffees im Schoß Unfug. Das mindeste wäre gewesen, die Kaffeemühle irgendwo fest zu montieren, wie man es auch zu meines Großvaters Zeiten bereits mit Fleischwölfen, Schnippelbohnenschnipplern und Nußmühlen machte. Aber mein Großvater ermangelte jeden Düsentriebs. Physikalisches Verständnis beschränkte sich streng auf das Hebelgesetz, und selbst dieses wurde bei ehester Gelegenheit (Kaffeemühle) stracks wieder vergessen. Seiner Frau die Kaffeemühle aus dem Schoß zu nehmen und sie auf den Küchenschrank zu nageln oder an die Wand zu dübeln, wäre ihm buchstäblich nicht eingefallen. Er vermachte diese Einfallslosigkeit seinen Söhnen, die die Küche genausowenig betraten wie er. “Nüms sla sin egen kinner dod,” pflegte mein Vater voll spöttischer Anerkennung zu sagen, wenn unsereins ein Werkzeug – sagen wir einen Hammer oder einen Kochlöffel – in die Hand nahm und erfolgreich seiner Bestimmung zuführte, “he weet nich, wat ruut wärn kunn.”

Tausendschönchen kauft den Kaffee kiloweise. Auch sie hat keine Zugehfrau, aber sie hat eine selbstmahlende Kaffeemaschine. Ihr Rücken ist ungebeugt und, zu dieser Jahreszeit, blaß. Und sie hat mich. Klugerweise habe ich mich, wie ich es immer tue, mit dem Rücken zur Ostwand der Küche gesetzt, und kann der Sonne unbehelligt von hinten beim Scheinen zusehen. Sie scheint auf Schönchens Rücken, während diese den Wassernapf auf die Maschine praktiziert und an den Knöpfen rumhantiert. Hinter ihrem Rücken – von Osten gesehen, von Westen also vor ihrer Brust – ist auf halbem Wege zum Gipfel, etwas unterhalb des Wasserreservoirdeckels ein kleines Hochplateau mit Chromreling. Darauf stehen – wie Wanderer auf einer Jausenstationsterrasse – rotweiße Espressotäßchen, schmale rote und weiße Streifen, breite rote und weiße Streifen, breite rote und schmale weiße Streifen, zwei sehr breite rote und ein sehr schmaler weißer Streifen – wie ein sommerlich verbrannter Rücken mit milchfarbenem Bikiniabdruck. Droben auf der kahlen Kruppe des Rinderberges, unweit der Bergstation des Lifts. Eine Bluse hängt über einer Krüppelkiefer. Eine Biene verkriecht sich in der Bluse und sorgt beim Abstieg für muntere Sprünge, die leichten Steinschlag auslösen. Ich kann die Maschine nicht sehen, aber ich weiß um die Tassen. Außer diesen stehen dort schlanke Kaffeebecher in RGB-Farben. Die großen Becher hängen an Haken über der Tür. Ein Gorilla könnte wohl hinlangen, ohne den Platz vor der Maschine zu verlassen, Schönchen muß einen Schritt tun und sich etwas recken. Sie tut ihn und sie reckt sich. 8 Becher sind es, aber nur 6 Haken, macht 20 Millionen vierhunderachtundvierzig Möglichkeiten sie aufzuhängen, denn sie haben alle eine andere Farbe. Die sieben Spektralfarben plus eine weitere – nunja, Farbe. Schönchens Becher. Schönchens Becher hängt immer am zweiten Haken von links oder steht im Abwasch. Dadurch schrumpfen die Variationsmöglichkeiten gewaltig. Es sind nunmehr noch achthundertdreiunddreißigtausenddreihunderteinundfünfzig. Er hat die Farbe bretonischer Hortensien, eine Farbe, die Gott nicht gewollt haben kann. Der Regenbogen krümmt sich in Schmerzen, wenn er sie sieht.

Da lobe ich mir das hingehauchte Grün der Feldmark mit dem Schimmelweiß des Schwarzdorns an Rain und Knick. St. Georg kommt nach alten Sitten, auf seinem Schimmel hergeritten. In der Tat, begegnete man dieser Farbkombination im Kühlschrank, sagen wir auf einer lang vergessenen Salami, man würde bedenklich dreinschauen. (Die Hunde hoffnungsfroh.) Vor der Maschine stehen bleiben, nachdem man aufs Knöpfchen gedrückt hat, empfiehlt sich. Man muß anschließend an der rechten Gehäuseseite eine Klappe öffnen und dem Gerät tief in die Innereien fassen. Dort unten geht es nicht mit rechten Dingen zu. Es knackt und würgt und murkst. Mein physikalisches Verständnis sagt mir, daß es irgendwie mit dem Hebelgesetz zu tun hat. Irgendeinem Zahnrad, dessen Aufgabe es ist, einen Kolben tief in einen Zylinder hineinzupressen – oder andersherum formuliert: dessen Aufgabe es ist, einen Zylinder, der das Mahlgut enthält, über einen Kolben zu stülpen, und das Mahlgut so weit es nur gehen will gegen das Sieb an dessen Eichelspitze zu pressen, ehe der kochende Dampf losgelassen wird – diesem Zahnrad geht es anscheinend auch nicht anders, als es homo erectus und homo habilis ergangen ist, seit die beiden laufen konnten: Kieferprobleme, Parodontose, Zahnverlust. Das erste, was man von den Jungs gefunden hat, waren Kieferfragmente, und das erste, was man eines Tages, wenn man die Überreste dieser Maschine ausgraben wird, nicht mehr wird finden können, sind die Zähne des Zahnrades. Nun macht ein fehlender Zahn aus dem Rad noch keinen Krüppel, aus dem homo erectus ja auch nicht. Wenn aber von 32 Zähnen nur noch 6 übrig sind, schrumpfen die Reproduktionschancen eines von der Jagd lebenden Fleischfressers gewaltig, und eine Kaffeemaschine dieser Bauart kriegt buchstäblich keinen mehr hoch.

Jedenfalls nicht hoch genug. Denn die Dampfschleusen öffnen erst dann, wenn der Zylinder weit genug über den Kolben gestülpt worden ist. Wie die Schleusen davon Wind kriegen, weiß ich nicht. Mein physikalisches Verständnis reicht dazu nicht aus. Es beschränkt sich auf das Hebelgesetz. Ich vermute: Magie. Zauberei. Aber es ist so. Deswegen muß man vor der Maschine stehen bleiben, im rechten Moment die Klappe öffnen, den Zeigefinger in die Brühgruppe einführen, den Pleuel ertasten und dann – aber erst, wenn der Pleuel soweit ist, vorher nutzt es nichts – kräftig nachhelfen. Ein fehlender Zahn ist für ein Zahnrad nichts anderes als ein fehlender Kraftarm, und der entschlossene Zeigefinger, der aber zugleich zartfühlend sein und den richtigen Zeitpunkt zu ertasten wissen muß, muß diesen Kraftarm ersetzen. Dann, und nur dann strömt es durch den Kolben und braune Brühe tröpfelt in den Becher.

Verglichen mit dem eher faden Ritual des Teeaufbrühens ist das Anfertigen einer Tasse Kaffee mit Hilfe dieses Monstrums eine hochsinnliche Angelegenheit. Allein die Geräusche, die die Maschine von sich gibt, erwecken den Eindruck von orgiastischer Zügellosigkeit. Es soll Leute geben, die die Maschine nur um der Geräusche willen gekauft haben. Andere behaupten, ihre Maschine mit verbundenen Augen aus hunderten heraushören zu können. Ich habe die Maschine gekauft, um Schönchen schön zu tun. Sie hat es mir gedankt, durch den Genuß von 12.983 Tassen Kaffee plus die, die sie soeben anfertigt.

“Fräulein,” so soll der Großvater um die Großmutter geworben haben, “Fräulein, meine Heimat ist sehr schön.” Es galt nämlich, das Fräulein aus Ostfriesland herauszulocken, wo es nicht bleiben konnte, wenn es mit der Familiengründung etwas werden sollte. Trotzdem ein erstaunlicher Satz. Daß nämlich ein werbender Jüngling jener Tage ästhetische Kriterien auf die Natur anwenden sollte und nicht, wie es seiner bäuerlichen Herkunft entsprochen hätte, strikt utilitaristische. Unterstellt, daß der Jüngling mit ‘Heimat’ schlicht ‘Gegend’ meinte, denn zur Heimat gehören ja ein paar Dinge mehr, Leute beispielsweise. Die aber – er stammte von dort, wo sich norddeutsche Tiefebene und beginnende Mittelgebirgslandschaft am Händchen halten, aber weder die eine, noch die andere sich durchsetzt. Ein zwiegesichtiger, entscheidungsschwacher Menschenschlag gedeiht dort – schöner als anderswo sind die Leute deswegen aber nicht. “Fräulein, in meiner Heimat gibt es fette Schweine,” wäre doch auch ein hübscher Gesprächseinstieg gewesen. Allerdings hätte es dann so weitergehen müssen: “Allerdings werden Sie mir in die Stadt folgen müssen, wo wir als Nebenerwerbsackerbürger allenfalls noch ein Schwein werden halten können.”

Nun, es hatte auch so geklappt. Allerdings muß ich der großväterlichen Behauptung inhaltlich widersprechen: der Boden ist gut und ernährt seinen Mann, seine Frau, seine Kinder, seine Altenteiler, seine unverheiratet auf dem Hof lebenden Anverwandten und seine dreißig Erntehelfer, und die Schweine sind fett. Beziehungsweise: so war das. Das alles ist längst Plusquamperfekt. Aber schön ist es dort nicht. Die Hügel sind bewaldet, und im Spätsommer sinkt die Sonne schon um fünf hinter das Dunkelgrün. Zusammen mit dem kühlen Fallwind macht dies einen Sechsjährigen auf seinem Fahrrad bange und schwermütig und ein Leben lang bange vor der Schwermut. Die Ahnung von Vergänglichkeit weht da vom Walde herab. Ist das etwa schön? Das ist nicht schön. Wenn schon Hügel, dann mit kahlen Kuppen, von denen man eine große rote Aprilsonne aus weißen Bruchwiesen steigen sieht. Drunten, wo geisterhaft die Köpfe der Wasserbüffel auf dem Kriechnebel treiben. Zauberhaft!

“Fräulein, meine Heimat ist sehr schön,” hatte ich um Tausendschönchen zu werben versucht, “beziehungsweise sagen wir mal: die Gegend. Von den Einwohnern wollen wir nicht reden, die sind weder schöner noch häßlicher als anderswo. Mit der Ausnahme von Ihnen, selbstverständlich,” fügte ich sicherheitshalber noch schnell hinzu. Denn eigentlich ist es ja gar nicht meine Heimat, sondern ihre. Ich bin hier nur zugegen da zugezogen. Prompt wollte Tausendschönchen seinerzeit denn auch wissen, was ich eigentlich daherredete, und wieso ich sie auf einmal siezte. Und was ein Fräulein sei?

Ich habe es dann mit der Kaffeemaschine versucht, und siehe da, der gute alte Utilitarismus, er hat seine Meriten. Seitdem sind wir zu zweit, will sagen zu dritt. Mit den Hunden zu sechst. Zu fünft, eigentlich, denn damals waren es noch zwei Hunde, also noch eigentlicher zu viert, aber seitdem ist die Maschine da, und sie diktiert, was im Haus zu tun ist. Sie entscheidet, wann ihr Wasserreservoir leer ist, sie entscheidet, wann sie entkalkt wird, und wenn man ihr nicht willfährt, gibt es keinen Kaffee, und wenn man ihr nicht unaufgefordert jede Menge Kaffeebohnen nachkippt, schreit sie. Seitdem bin ich Dauergast auf den Forumsseiten der Kaffeemaschinennerds. Nicht, daß ich sowas freiwillig läse! Aber wer soll’s denn machen? Eine Zugehfrau kann ich nicht finanzieren. Von der man auch nicht wüßte, ob sie es als ihre Aufgabe ansehen würde, Kaffeemaschinenforumsseiten zu lesen.

Also mache ich’s. Es nutz bloß nichts. Zwar rechts, hinter der Klappe, durch die Schönchen jetzt die Hand steckt und – ich kann es nicht sehen, aber ich weiß, wie es geht – mit dem Zeigefinger nach dem Pleuel tastet, sieht alles einigermaßen aufgeräumt und modular und durchdacht aus. Von vorne nach hinten: Tresterbehälter, Brühgruppe, Platz für eigene Ideen – obendrüber: Mahlwerksmotor, Mahlwerk, Bohnendepot – daneben Einfüllstutzen für Espressopulver, Steuereinheit, Bedienfeld. Voilà. Auf der linken Seite – von Osten gesehen – scheint es auf den ersten Blick so weiterzugehen, indem hinten der abnehmbare Wassertank seinen Platz hat, davor besagtes Hochplateau. Wehe aber, man schraubt hier und da ein Schräubsken lose und klappt die ganze Haube nach hinten! Darunter sieht es ganz ausgesprochen aus. Wie im Räuberhaus, bevor Tante Sophie dort für Ordnung sorgte. Als hätten sie alle Kabel, die sie auf der Werkbank fanden, hineingeworfen und wahllos irgendwo angelötet. Hier hat das Hebelgesetz jede Zuständigkeit verloren, hier gilt das Gesetz des Dschungels. Wer durch dieses Gewirr hindurch wollte, um an das Getriebe zu gelangen, brauchte eine Machete. Zumindest einen Seitenschneider. Zwei Seitenschneider. Ich aber bin kein Mann des Seitenschneiders. Als mir der Elektriker vor Jahren den neuen Sicherungskasten spendiert hatte, kam es zu mysteriösen und unheimlichen Effekten. Immer, wenn ich beim Basteln wo eine Ader durchgeknipst hatte – eine, wohlgemerkt, nicht etwa zwei auf einmal, so schlau bin ich auch -, flog irgendwo anders eine Sicherung heraus. Magie! Zauberei! Woher weiß mein Sicherungskasten, was ich tue? Der Elektriker murmelte was von FI-Schaltern, aber was erklärt das schon? Teure Wörter nachschlagen und damit herumschmeißen kann ich auch. Tu ich auch. Ständig.

Jedenfalls gelang es mir nicht, bis zum Getriebekasten vorzustoßen, und als ich endlich dort war, stellte sich heraus, daß ich es nicht um die Kurve kriegen würde, ohne vorher den Durchlauferhitzer zu demontieren. Ich wollte mich aber nicht auch noch mit der Thermodynamik anlegen. Wer weiß, was der Sicherungskasten dazu sagen würde? So blieb mir nur der strategische Rückzug. Ich lötete die abgerissenen Kabel wieder an, wo es mir sinnvoll erschien, die anderen ließ ich baumeln, und seitdem stecken wir halt den Zeigefinger in die Brühgruppe, wenn wir Kaffee haben wollen. Manchmal vergessen wir es auch. Die Geräusche, die dann aus den Eingeweiden der Maschine kommen, sind eine stumme Klage über die Vergeblichkeit maschinellen Tuns. Stumm zwar nun nicht gerade, aber unberedt. Der Aufschrei der gequälten Apparatur. Das Trommelfell zuckt vor Schmerzen, wenn es ihn vernimmt.

Eben entzieht mir das Fräulein den Blick auf das weite Flachland seines sonnenbeschienenen Rückens und dreht mir seine Mittelgebirgsseite zu, zwischen deren Hügeln es einen dampfenden Becher von der Farbe bretonischer Hortensien im Morgenlicht hält. Ein trotz des Blaus schönes Bild, das es gewiß verdient hätte, eines schönen Tages auch beschrieben zu werden. Aber nicht heute. Nicht von mir. Schönchen setzt sich auf ihren Platz an der Westseite des Tisches, mir gegenüber, aber sie sitzt noch nicht, als ich auch schon den Löffel fallen lasse und aufspringe, wie nur je, wenn das Mahlwerk schrie. Es schreit zwar nicht, aber tempus fugit mal wieder sowas von! Schon fallen die Magnolienblätter. Diese Bildbeschreibung, sie soll in die Wolke, solange das Grün zart ist. Ehe der Frühling ins zuchtreife Alter kommt, und überall der Geilwuchs beginnt.

Und dann will ich noch mal raus. Der Schwarzdorn blüht nicht ewig.

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