Angstkulturwandel

Dieselgate

Zwingend für dieses unethische Verhalten und für diese Trickserei und die Illegalität, die man dort gezeigt hat, ist einzig und allein die Angstkultur, [...] ein Spezifikum von Volkswagen, und dieses Spezifikum hat man jetzt aufgehoben.
Ein gewisser Helmut Becker, ehemaliger Chefvolkswirt von irgendwo, im Deutschlandfunk

Dieses Spezifikum hat man jetzt aufgehoben, und zwar mit Karacho.

Dem Vernehmen nach ist der neue Vorstandsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns, Müller, dermaßen sauer auf die Scheiß-Angstkultur im Konzern, die denselben beinahe an den Rand des Ruins gebracht haben würde, wenn es denn so gekommen wäre, daß er dieselbe mit sofortiger Wirkung verboten hat. Seine Sekretärin hat die anderen Vorstände angewiesen, die Bereichsleiter anweisen zu lassen, den Abteilungsleitern mitteilen zu lassen, das sie umgehend ihre UAs davon in Kenntnis zu setzen hätten, daß auch noch dem hinterletzten Mitarbeiter ganz klar zu machen sei, daß, wer nach wie vor darauf bestehe, Schiß vor einem Vorgesetzten zu haben, sich gleich die Papiere abholen könne. Der Personalvorstand solle persönlich dafür sorgen, daß da nicht lange gefackelt werde, und daß nicht falsch verstandene Sentimentalität und Solidarität und Sozialgedöns verhinderten, die giftige Liane der Angst abzureißen und auszuroden und zum Werkstor hinauszuwerfen, so daß sich niemand mehr darin verheddern könne. Da dürfe man keine Angst haben, da müsse man furchtlos zupacken und die Furchtsamen und Timiden, die Angsthasen und Hasenfüße, die Abscheißer und Memmen, die Krummbuckel und Bangebüxen zusammenfalten, sie zusammenstauchen und -scheißen, daß ihnen das Steißwasser in der Kimme siede, so leid es ihm für die auch tue.

Beziehungsweise es tue ihm überhaupt nicht leid. In keiner Weise. Nie wieder dürfe die Angstkultur ihr häßliches Haupt im Konzern erheben, und wenn er ihr ein Rollkommando schicken müsse, da habe er überhaupt keine Scheu. Und danach solle sie mal versuchen, auch nur soviel wie ein verkrustetes Auge zu öffnen, es solle ihr nicht gelingen. Und wer das nicht einsehe oder nicht einsehen wolle und nicht spure und nicht an seinem Platz dafür sorge, daß alle die, für die er Verantwortung trage, ebenfalls spurten und Einsicht zeigten, der habe seine Zukunft im Konzern hinter sich! Der brauche sich nicht einzubilden, daß es für ihn noch so etwas wie Karriere geben könne. Der solle sich mal umdrehen: was er da um die Ecke verschwinden sehe, daß seien seine Chancen im Unternehmen gewesen. Da gingen sie hin! Und, wo er sich jetzt schon einmal umgedreht habe, solle er sich nur darauf gefaßt machen, daß er sich nicht zu wundern brauche, wenn er eine gewaltige Stiefelspitze im Hintern gewahr werde.

Um zu zeigen, wie ernst es ihm damit ist, den Kulturwandel im Hause voranzutreiben, und zwar mit der Reitgerte in der Hand vor sich her durchs Haus zu treiben, damit der Kulturwandel gar nicht erst auf die Idee kommt, sein alter Kumpel, der Schlendrian, und er, sie könnten über kurz oder lang die alte Fettlebe wieder aufnehmen, und zwar dort, wo sie sie hatten fallen lassen müssen, hat Müller in einer Email an alle sechshunderttausend Mitarbeiter darauf hingewiesen, daß es im Haus nicht gern gesehen werde, respektive gehört werde, wenn in der internen Kommunikation von Dieselgate gesprochen wird. Es sei zwar nicht explizit verboten, es zu tun, aber es werde nicht gern gesehen. Respektive gehört. Er hoffe, er brauche nicht mehr zu sagen.

Das Wort, das nicht genannt werden solle, sei ein Wort aus alter Kultur, alle Wörter mit -gate darin seien dies, sie legten nahe, daß Fehler gemacht worden seien, Fehler gemacht und Verbrechen begangen. Fehler und Verbrechen aber entsprängen der Angstkultur, die es nun nicht mehr gebe. Zwar dürften Fehler begangen werden, aber nur, wenn aus ihnen gelernt werde. Aus Fehlern nicht zu lernen, sei ein Fehler. Fehler um ihrer selbst willen zu feiern, sei ebenfalls ein Fehler, und zwar einer, den man nicht begehen sollte; und die Verwendung des Wortes, an dessen Stelle man besser das vom Vorstand bevorzugte Wörtchen Krise verwenden sollte, wenn man wisse, was gut für einen sei – wenn man verstehe, was er meine -, die Verwendung dieses Wörtchens sei so ein Fehler. Es sei leicht mißzuverstehen, das Wörtchen. So, als freute man sich anwenderseits an den Fehlern, zu denen es gekommen sei. Was aber ein Fehler wäre!

Und um zu vermeiden, daß dieser Fehler begangen werde, werde er sich sporadisch den Emailverkehr seiner Schutzbefohlenen vorlegen lassen, und gnade Gott demjenigen, der sich nicht an die neue Fehlerkultur halte! Wer nicht aus seinen Fehlern lernen wolle, dem werde man es eben auf die harte Tour klarmachen müssen, das es aber besser wäre, aus seinen Fehlern zu lernen, und zwar beizeiten!

Das sei schließlich die Kultur, die Volkswagen groß gemacht habe!

„Wir werden es nicht zulassen, daß uns Dieselgate lähmt“, rief Müller am Donnerstag in Wolfsburg. „Beziehungsweise Dieselgate.“

„Oder besser: diese Krise.“

„Wenn sie es trotzdem versuchen sollte, dann kann sie sich schon mal auf was gefaßt machen!“

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