Bedauerlich, aber nicht zu ändern

Über die Tatsache, daß der Storch hierzulande nicht zum jagdbaren Federwild gehört, und die Frau vom Storch auch nicht,

gibt es eigentlich kaum etwas zu vermelden. Es ist so. Es ist auch gut so. Denn was wäre denn die Alternative? Ein Horde Jäger, denen die Flinte ohnehin schon viel zu locker sitzt, stünde an der Balkanroute und ballerte auf alles, was ein schwarzweiß Röcklein anhat und rote Strümpfe trägt, das wäre die Alternative. Und das nur, weil es über die Grenze will, um auf unsrer Wiese zu gehen, durch unsre Sümpfe zu waten und unsere Frösche zu fangen, schnapperdischnapp. Und wenn ihr glaubt, es sei möglich, nur den Klapperstorch abzuknallen, nicht aber die Frau vom Storch, dann irrt ihr euch: das ist nämlich nicht möglich. Man kann das vom Boden aus unmöglich ausmachen, was da oben fliegt.

Der Storch und die Frau vom Storch sind ein ausgesprochen androgynes Geflügel. Vollkommen durchgegendert. Sie sehen quasi komplett gleich aus. Sie benehmen sich auch gleich. Nicht einmal am Geklapper kann man sie unterscheiden. Außer, daß das Geklapper der Frau vom Storch noch ein Ideechen nervtötender ist, als das Geklapper vom Klapperstorch. Roher. Erbarmungsloser. Von einem widerwärtigen Charakter erzählend. Aber das ist Spekulation, wie auch die Vermutung, daß die Frau vom Storch ihre Frösche möglichst lange quält, ehe sie sie verschluckt, und daß sie mit Wonne und vorzugsweise die jungen Frösche frißt und deren Mütter zwingt, dabei zuzusehen. Das kann man nicht wissen, man kann nur annehmen, daß es so ist, weil es in dem Gedicht von Rudyard Kipling ja heißt: “The female of the species is more deadly than the male”. Sechs mal steht es da, in dreizehn Strophen, geschrieben vor über hundert Jahren – das wird also schon stimmen.

Für die Praxis hat man aber nichts davon, weil man nicht so nah an die Tiere herankommt, daß man sie auf Gendermerkmale hin untersuchen könnte. Wer ihnen einmal so nah war, daß er es hätte können, wird es in Zukunft bleiben lassen, denn sie stinken fürchterlich. Nicht nur der Storch, auch die Frau vom Storch. Beide. Und beide gleich stark. Nehme ich jedenfalls an. Mir ist nichts Gegenteiliges bekannt. Ich wüßte von keinem Gedicht Kiplings in dem es etwa hieße: “The female of a species is more smelly than the male”. Darum ist es wahrscheinlich auch nicht so. Wenn es so wäre, könnte man sich daran machen, das Jagdgesetz dahingehend zu ändern, daß die Frau vom Storch ganzjährig bejagt werden darf. Weil man sie am Geruch erkennen könnte.

Kann man aber nicht. Ist auch besser so, denn es wird sowieso viel zu viel herumgeballert. Im Wald zum Beispiel, im Feld und auf der Heide. Wie leicht wird dabei nicht einmal ein Hund getroffen, der überhaupt nichts angestellt hat. Außer ein paar Rebhühner gescheucht, oder haste was kannste über den Acker gewetzt, weil er am anderen Ende den Storch gesehen zu haben glaubt. Oder die Frau vom Storch. Die würde er zu gern einmal in die roten Strümpfe kneifen wollen. Ihr solltet mal sehen, wie er sich anstellt, wenn ich ihn mit “Horch!” necke: “Horch!” – mehr brauche ich eigentlich gar nicht zu sagen, dann sabbert er schon. “Horch! – Wo ist der Storch?” Wenn ich dann die Haustüre öffne, geht er über Tisch und Bänke. Oder umgekehrt, erst auf die Bank, von da aus auf den Terrassentisch, im Bestreben, von diesem irgendwie auf das Garagendach zu gelangen, von wo aus sich – weiß man’s denn, man war ja noch nie dort – Wege finden lassen würden, vielleicht durch beherztes Springen auf den First des Nachbarhauses zu kommen, wo er meistens sitzt, der Storch, und vor sich hinstinkt. Oder die Frau vom Storch.

Begreifen kann ich das. Will sagen, mir ist intellektuell nachvollziehbar, was einen Hund, dessen Lebenszweck und -ziel es ist, Haus und Hof von Eindringlingen frei zu halten, dazu bringt, die Eindringlinge, die sich nicht von seinem Gepaule abschrecken lassen, in die Beine zu beißen. Ich glaube nicht, daß er die Frau vom Storch würde fressen wollen. Nicht, weil sie besonders widerlich wäre; Widerlichkeit ist dem Hund normalerweise kein Hinderungsgrund, irgendwas zu fressen. Widerlichkeit spornt seine Freßlust wie’s scheint sogar an. Widerlich wird die Frau vom Storch schon sein, außerordentlich widerlich sogar, dem Hund also ein gefundenes Fressen. Nein, ich glaube nicht, daß er sie fressen würde, denn es heißt, der Storch – und die Frau vom Storch – hätten hierzulande außer der Hochspannungsleitung keine natürlichen Feinde. In Afrika Hyänen und Schakale, aber was nutzen Hyänen und Schakale in Afrika, wenn der degenerierte Storch, wie ich neulich las, gar nicht mehr bis Afrika kommt, sondern in Spanien bleibt und die dortigen Müllkippen leerfrißt? Und dann hierher zurückkommt und doppelt stinkt?

Mir fällt eben auf, wie unvorsichtig es doch ist, immer die Phrase “Die Frau vom Storch” zu benutzen: wie leicht vertippt man sich nicht einmal, und dann steht da ein “von” wo ein “vom” stehen sollte, und das ganze sieht aus wie ein Eigenname und führt zu Verwechslungen. Das ist nicht meine Absicht. Ich werde der Frau vom Storch einen Namen geben – sagen wir Beatrix – und von nun an per Trixi von ihr reden.

Wie gesagt, begreifen kann ich den Hund, aber verstehen kann ich ihn nicht. Verstehen hieße ja: eigene Möglichkeiten sehen, sich eine Situation vorstellen zu können, in der man sich genauso verhielte, in der man selbst hinter Trixi herlaufen würde, um ihr ins Bein zu beißen. Ich würde aber nicht hinter Trixi herlaufen, um ihr ins Bein zu beißen. Nicht, daß ich etepetete wäre. Ich bin mir nicht zu schade, hinter einer Frau herzulaufen, und ich habe auch schon in das eine oder andere Bein gebissen – wenn es sich anbot, und wenn es willkommen war, bittesehr, ich bin kein Unhold! Aber ich habe immer zuvor gefragt. Und mich versichert, wenn ich da vor mir habe. Als konservativer, weißer, straighter Cisgender-Mann trete ich für ein traditionelles Familienbild ein und lehne das Beißen in gleichgeschlechtliche Beine für mich persönlich ab. Und darum würde ich Trixi nirgendwo hinbeißen, darum und wegen des Gestanks nicht. Und glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede. Einmal hat sich der Sohn vom Storch oder die Tochter vom Storch bei Flugübungen in unserem Kirschbaum verheddert und sich beim Absturz den linken Flügel gebrochen. Da stand er nun, flatterte mit rechts, kam nicht hoch, und stank. Man hätte ihn ganz leicht abknallen können. Oder sie. Aber wer schießt schon auf Kinder? Unsereiner, der – selbst noch ein Kind – mit der Erzählung vom barmherzigen Samariter indoktriniert worden ist, jedenfalls nicht. Auch ist unsere Silberbüchse aus Holz, Lauf Silberbronze, Kolben dunkle Beize und mit Polsternägeln besetzt, Abzug ein krummgeklopfter Nagel. Ein Erbstück und als solches in Ehren gehalten, aber ungeeignet, damit das Jagdgesetz zu brechen. Unsereiner ruft statt dessen auf eigene Kosten bei der Wildtierstation an, damit dieselbe kommt und Öl und Wein in die Wunden des Stinkers gießt. Oder ihn zumindest entfernt, und zwar möglichst gründlich und möglichst weit weg. Und unsereiner lernt bei der Gelegenheit, was das Gefährlichste am Storch ist, oder an der Frau vom Storch – pardon: an Trixi -: der Schnabel. Wenn man sich den Storch unter den Arm packt, um ihn zum Wildtierstationskleinbus zu tragen: Schnabel nach hinten! Trixi weiß, was Augen sind, und Trixi weiß, wo ihr Schnabel ist; und was sie damit anstellen kann, weiß sie auch.

Also, wenn ihr mal wo eine Störchin hinauszuwerfen habt, irgendsoeine Radaubraut, deren unausstehliches Geklapper euch auf den Rappel geht – nicht gleich am Abzug fummeln! Jagd ist nicht. Das Jagdgesetz ist da ganz eindeutig. Das heißt aber nicht, daß keine Hilfe wäre. Unter den Arm genommen, Schnabel nach hinten! Luft anhalten. Und die Storchenstation angerufen.

Dort hat man Schutzkleidung und ist an den Gestank gewöhnt.

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