Grim Reaper

Paradies

Nun ist sie also im Himmel. Man sieht es auf dem Bilde hier.

Was man auf dem Bilde außerdem sieht, ist, daß man auf dem Bilde überhaupt keinen Himmel sieht, nicht ein Fitzelchen. Es ist alles Garten-Eden-mäßig grün. Das liegt daran, daß der wahre Himmel auf der Erde liegt. Irgendwo mag es noch andere Himmel geben, denn irgendwoher muß ja das Licht kommen. Aber deswegen muß ich nicht gleich metaphysisch werden.

Von irgendwoher kommt es ja auch, das Licht: morgens kommt es von Osten, mittags von Süden, und wenn es von Westen kommt, kann man sehen, daß der Weg nur scheinbar ins Dunkel führt; denn dann ist es dort licht, und man sieht, daß zwischen den Fahrspuren im Gras Pfifferlinge wachsen. Deren keinen gäbe ich für für einen Himmel, der weniger grüngolden wäre als dieser hier. Ein himmelblauer Himmel kann mir gestohlen bleiben. Wenn er womöglich noch voller Geigen hängt, und Laienorchester auf Wattewolken arme Seelen mit Harfen plagen, dann will ich ihn nicht geschenkt.

Nur wenn das Licht von Norden kommt, wird es finster. Aber nicht deswegen schaut sie so unverwandt dorthin. Das unverwandte Schauen hat mit dem Sinn des Lebens zu tun. Mitten im Paradies steht ein Baum, der kleine, harte Wildkirschen trägt. Die meisten fallen herab. Wenn niemand da ist, die restlichen zu pflücken, fallen auch die. Man sieht ihn auf dem Bilde nicht, aber er ist da. Der Hund kann ihn sehen, und er sieht auch den Sinn des Lebens.

Der sitzt auf einem Ast und hat Knopfaugen. Er liegt mehr, als daß er sitzt, und bewegt sich nicht. Was er denkt und fühlt, könnt’ ich nicht sagen, außer vielleicht, daß das seine Kirschen sind. Und daß er, solange der Köter da unten hockt, oben auf dem Baum besser dran ist als unten im Gras. Mich in Knopfauge hineinzufühlen, überfordert meine Spiegelneuronen. Vielleicht geht es ihm wie unsereinem, vielleicht hat er Zahnschmerzen, einen Floh, Liebeskummer? Und jetzt auch noch den Hund!

Was mag der Sinn des Lebens für einen Marder sein? – Keine Ahnung.

Der Sinn des Lebens für den Hund hingegen –

Das Putzige: der Marder brauchte gar nicht da zu sein. Es hatte genügt, daß er einmal dort oben gesessen hatte. Ab da war der Baum verzaubert und die Tage verwunschen und das Dasein hatte seinen Zweck weg. Nichts lockte sie mehr. Ich wollte schwimmen gehen, aber sie wollte nicht schwimmen gehen. Ich wollte wandern, aber sie wollte nicht wandern, sie wollte den Baum hüten. Er hätte ja wiederkommen können. Des Morgens erster Gang war der zum Baum, mußte sie nachts raus, konnte es passieren, daß sie nicht wiederkam, dann saß sie im Mondenschimmer, und ich mußte mich verdammt zusammenreißen, sentimentaler Kerl, um mich nicht daneben zu hocken. Im Jahr darauf ging es aus dem Auto nur kurz zum Saufen zur Regentonne, dann zum Baum; und später, als wir sie schon aus dem Auto heben mußten, war es nicht anders; und als ihre Augen so trübe wurden, daß man’s mit bloßem Auge gewahr wurde, daß kein Marderabbild es mehr auf die Netzhaut schaffen würde, da fand sie den Baum noch ohne Mühe.

Tja, und nun? Was soll das geben, wenn alle Widersprüche aufgehoben sind, wenn Wolf und Lamm zusammen weiden und der Löwe Stroh frißt? Sollen dann etwa auch Hund und Marder in Frieden zusammen unter dem Kirschbaum hocken? Wäre das nicht kontraproduktiv? Was macht sie denn noch ticken, wenn die Hoffnung auf das Große Dermaleinst aus allen Zellen sickert?

Da wünsche ich ihr doch lieber eine Ewigkeit unter dem Baum, gute Augen, keine Zahnschmerzen, wenig Arthrose, mondschimmernde Nächte, und hin und wieder einen Floh. Nur so, zur Abwechslung. (Den Liebeskummer nehme ich. Ich hab ihn ja eh schon.)

Und du, Knopfauge, sei wachsam.

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