One from the Vault

Ein Hoch der Bezahlschranke!

Als man dies im Dorf erfuhr, war von Trauer keine Spur
Kurt Tucholsky

Die Bezahlschranke! Sie lebe hoch! Sie ist die Plazentaschranke des Internets und ebenso segensreich wie die Plazentaschranke der Plazenta, indem daß sie verhindert, daß der Fötus sich bekifft, und die Mutter high wird, weil nämlich die kostbaren Tetrahydrodingenskirchenmoleküle in dieselbe gelangen, um alldort im Hippocampus und den angrenzenden Regionen Allotria mit Rezeptoren und Botenstoffen zu treiben, und zwar ohne daß die Mutter dafür etwas bezahlen müßte.

Bzw., das geschieht eben nicht … was? – Umgekehrt? Andere Richtung? – Wie ich soeben sagte: es geschieht nicht, dann spielt die Richtung ja wohl keine Rolle. Ist doch egal, in welcher Richtung etwas nicht geschieht, solange es nicht geschieht. – Nicht? Dann nicht. Wenn Ihnen danach ist, kleinlich zu sein – bitte, seien Sie kleinlich! Ich werde mir bei Gelegenheit erlauben, ebenfalls kleinlich zu sein.

Das Prinzip der Plazentaschranke jedenfalls ist, zu verhindern, daß Schadstoffe aus dem einen Organismus in den anderen Organismus gelangen. Und wenn sie es doch tun, dann nur zu einem hohen Preis, den der geschädigte Organismus später dafür zu berappen hat. Darum nennt man sie ja auch die Bezahlschranke; nachdem man sie früher einmal Blutschranke genannt hat, zu meiner Zeit, als ich in dem Alter war, in dem ich die für mich zuständige Plazenta quasi noch mit bloßem Auge sehen konnte, weil näher dran – aber das ist lang vorbei, und meine neue Brille kommt erst nächste Woche. Damals hatte man noch keine Scheu vor Ausdrücken, die Blut enthielten – ‚Blut und Boden‘ etwa, da war man noch viel näher dran -, das ist heute nicht mehr so. Der moderne „glückssüchtige“ (Gauck) Mensch kann kein Blut mehr sehen, geschweige denn hören.

Bezahlschranke also. Im Internet ist sie dazu da, zu verhindern, daß die Schadstoffe, die von einer bekifften oder schickergezwitscherten Edelfeder abgesondert werden, in den Blutkreislauf des unschuldigen Surfers gelangen, es sei denn, derselbe bäte darum, zückte seinen paypal-Account und latzte gehörig ab für den Wind. Selber schuld. Wir anderen freuen uns der Schranken, der Zunahme ihrer Zahl und ganz besonders der Zunahme der Zahl der Federn, die hinter denselben verschwinden. Wenn es gut geht, für jetzt und alle Zeit.

„Wegsperren, und zwar für immer“ (Schröder)

So hat die Welt WELT dankenswerter Weise z.B. Herrn – komm nicht mehr drauf – hinter die Schranke gesperrt. Der schrieb hier früher für umsonst, und man las es aus Versehen, und merkte es erst halbwegs im Artikel, wenn einem schlecht wurde. Ich wünschte, ich könnte Ihnen den Namen nennen, damit Sie sich vorsehen könnnen, aber er ist weg, der Name. Ich weiß nur noch, daß er eine eigene Mittelinitiale und ein eigenes Blog hat. Das ist ja das Gute, der Kollateralnutzen der Schranke, daß man ihre Namen vergißt, wenn man sie nicht mehr so oft liest.

Wenn’s gut geht für immer.

Manch einer, das sei noch gesagt, wird sogar noch weiter weggeschickt, von hinter der Bezahlschranke ab in die Wüste. So einer sondert Schadstoffe in solchen Konzentrationen ab, daß für die Funktionstüchtigkeit der Schranke nicht dauerhaft gebürgt werden kann. Aber das sind seltene Ausnahmen. In der Regel hält die Schranke, und Problemfälle schickt man zur Pißpottpresse-Plus, wie der Bereich hinter der Pißpottpressenschranke heißt. Die Schranke ist aus naheliegenden Gründen natürlich nicht wasserundurchlässig, aber was da durchsickert, tröpfelt nur auf die Premium-Addicts, und die wollen das so.

„Hehehehehehe, do geiht he hen“ (Torfrock)

Und zwar zum Focus. Wer? Na, er. Und zwar muß ich etwas ausholen. Damals, als ich zum erstenmal das Wort Info-Elite – Wort? Ich glaube, es ist an der Zeit, kleinlich zu werden. Ich hatte es angekündigt, richtig? – damals, als ich zum erstenmal das „Wort“ Info-Elite zur Kenntnisnahme um die Ohren gehauen kriegte, und vom Fernsehen den zugehörigen „Markwort“ zur Abschreckung um die Augen, da dachte ich bei mir: Wenn es eins gibt, was schlimmer ist, als der Klang von Info-Elite auf meinem Trommelfell, dann ist es das Bild von dem da auf meiner Netzhaut: unter welchem Stein ist der denn hervorgekrochen?

Dann aber ging ich in mich, schämte mich und sprach, wiederum zu mir: So spricht man nicht von einem Mitgeschöpf! Das ist zynisch, das ist menschenverachtend. Das ist zynisch und menschenverachtend. Laß ab! Und ich formulierte etwas weniger zynisch und etwas weniger menschenverachtend: Unter welchem Stein ist das denn hervorgekrochen?

Später dann blätterte ich in einem trüben Wartezimmer im nicht minder trüben Spätwinter unter heftigen Kieferschmerzen und dito Mangel an körpereigenen Dopaminen in diesem neuen Heftchen da, und dachte mir: Für die einen mag es das Basismedium der Info-Elite sein, für die anderen ist es die natürlichste Bezahlschranke der Welt. Selbst wenn der Focus – bei der Gelegenheit: was ist das für eine Unsitte, jeden Dreck mit „c“ zu schreiben? Ok, Dreck wird mit „c“ geschrieben, schon recht, aber – ist das „k“ kaputt? Nein, es ist nicht kaputt! Ihr schreibt schließlich auch nicht Cuß! Und vollgecocst schreibt Ihr auch nicht! – selbst wenn diese Zeitung Zeitschrift dieses Heftchen Basismedium minus Null Mark fünfzig kosten würde, und strikter Zahnarztlektüre vorbehalten wäre, so würdest du darin gleichwohl nicht lesen – geschweige denn es durchblättern – nicht einmal dann, wenn der Oberciefer das verfluchte Pochen sein ließe und ganz allgemein aufhörte, sich wie das nozizeptorische Äquivalent eines „Facten, Facten, Facten“ bellenden Marcworts aufzuführen. Was in dieser Zeitung Zeitschrift diesem Heftchen Basismedium steht, mag stark mit Schadstoffen angereichert sein, aber es ist ein sicheres Endlager. Die Asse ist ja auch sicher.

Wieder später fand ich auf der Weide – wie Kurt Tucholsky das ausgedrückt haben würde – außer mir noch andre Boviden, namentlich den Kollegen Helmut B., und dieser Kollege Helmut B. erwies sich als Grundwassereinbruch in meine Regel. Kollege Helmut B. bestand darauf – gesprächsweise, mehrfach, vielfach in unserer gemeinsamen Bürozeit, in zwar stochastischen Abständen, aber mit immer denselben Worten -, diese Zeitung Zeitschrift dieses Heftchen Basismedium Dingsbums zu lesen, resp. gelesen zu haben, „früher, zu Zeiten von Markwort“, heute lese er es nicht mehr, denn es sei „nicht mehr lesbar“, mangels Markwort, wie er andeutete. Ich sah ihn dann immer von der Seite an, wenn er es nicht gewahr wurde, in der Erwartung, vielleicht irgendeine Fehlbildung zu entdecken, die dieses Verhalten wo nicht plausibel gemacht so doch begleitet haben würde, aber er sah ganz normal aus. Zwar fuhr er Mercedes, zugegeben, aber das war vermutlich seiner realsozialistischen Sozialisation geschuldet; jahrelanges Trabifahren hatte sein Immunsystem korrumpiert. Ich als der marktwirtschaftlich Sozialisierte von uns beiden würde meinen Po nicht in einen Mercedes packen. Zwar erkenne ich die Notwendigkeit von Personenkraftwagen an, aber die Notwendigkeit von Mercedessen erkenne ich deswegen noch lange nicht an. Dem Kollegen Helmut B. hingegen erglänzte alles, was nicht sozialrealistisch daherkam, sondern privatwirtschaftlich, gabdalisdisch und möglichst unsolidarisch, in reinem Gold. Die unsichtbare Hand des Marktes, das war ihm die Hand des Königs Midas.
Bis auf die Treuhand. Die Treuhand war ihm nicht golden, groß und gabdalistisch, die Treuhand war ihm mies und klein und böse. Beinahe volkseigen, eigentlich. Da sie das aber nun auch nicht gerade war, bot ich ihm die Lösung an, sie sei vielleicht vom Himmel gefallen. Auch das war ihm aber nicht so richtig recht.
Sonstige Fehlbildungen, wie gesagt, waren nicht offensichtlich, und ich sehe mich gezwungen, anzuerkennen, daß es sone und sone gibt. Und möglicherweise auch sone. Gleichwohl glaube ich aber, daß auch kein Kollege Helmut B. das in Rede stehende Dingsbums jemals für lesbar gehalten hat, auch zu Helmut M.s Zeiten nicht; es dürfte die Vornamensvetternschaft gewesen sein, die ihm den bellenden Faktenschaumschläger attraktiv machte.

Dem sei, wie ihm wolle. Fest steht, wer als Journalist zum Focus wechselt, wechselt hinter den eisernsten aller Vorhänge. Für alle praktischen Zwecke ist er aus dem Autorenpool der aus Versehen oder Nachlässigkeit (zumindest an-) gelesenen Artikel verschwunden. Und das ist gut, das ist rücksichtsvoll, das will ich loben.

Loben will ich daher den hier:

Falls es Sie beruhigt: Sie werden weiter von mir hören.

Mit diesen Worten verabschiedet sich der Kollege Jan F. von den Lesern von SPIEGEL-ONLINE. Von den Spiegellesern hinter der Bezahlschranke will er sich bereits hinter der Bezahlschranke verabschiedet haben, was vermutlich nicht stimmt, denn wir kennen ihn als einen Mann, bei dem nichts stimmt, jedenfalls nicht das, was er sagt, auch nicht dessen Gegenteil, weshalb es im vorliegenden Fall also sogar stimmen mag: einigen wir uns doch einfach darauf, daß es uns egal ist, ob er sich verabschiedet, oder sich schleicht, wichtig ist der Effekt. Und der Effekt ist so oder so der gleiche. Vielleicht sogar derselbe.

Mir bleibt einstweilen nur, mich bei meinen Lesern zu bedanken: bei denen, die mich geschätzt haben, und bei denen, die mich hassten. Sie haben mir über all die Jahre die Treue gehalten.

Zur Feier des Tages will ich mein Steckenpferd mal beim Schwanz aufzäumen und zitiere den Kolumnentext zwar der Reihe nach, aber von hinten nach vorn. Warum auch nicht? Wäre es bei einer Kolumne des Kollegen Jan F. schon einmal auf die Reihenfolge angekommen? – Aber wo!
Also bedanken mag er sich?
Ziemt sich.
Bei seinen Lesern?

… bei denen, die mich geschätzt haben, und bei denen, die mich hassten.

Und was ist mit uns anderen? Die wir das Geschreibsel für schäbiges Pörkölt hielten, uns aber zu schade waren, Trotzköpfchen dafür zu hassen? Kriegen wir kein Lebewohl?

Ich kann den IT-Mann und alle ihm Seelenverwandten trösten. Dies ist mein letzter Text im SPIEGEL. Nachdem ich mich am Wochenende schon von den Lesern im Heft verabschiedet habe, nun auch allen SPIEGEL-ONLINE-Lesern ein herzliches Farewell.

Was für einen IT-Mann?

Letzte Woche erfreute sich ein Tweet einer gewissen Beliebtheit, in dem ein politisch aufrechter IT-Spezialist aus Norderstedt darüber nachsann, ob man nicht eine Browser-Erweiterung entwickeln könne, die es ermögliche, dass meine Texte nicht mehr angezeigt würden.

Aha. – Gut, ich gebe zu, es hat seine Tücken, die Reihenfolge durcheinanderzubringen. Aber jetzt hat es sich ja geklärt. Auch ich kriege ein geziemendes Lebewohl, jedenfalls wenn und falls und sofern ich ein Seelenverwandter eines Mannes sein sollte, eines IT-Mannes zumal, eines IT-Mannes aus Norderstedt obendrein, eines IT-Mannes aus Norderstedt, der nicht nur nicht kultiviert genug ist, die Finger von Twitter zu lassen, sondern – und das als IT-Mann – nicht weiß, daß man keine Browsererweiterung entwickeln muß, weil es ja längst eine gibt.

Sie nennt sich Bezahlschranke. Sie lebe hoch!

Seelenverwandtschaft allerdings …

Einige Leser drohen mit Abokündigung. Andere legen feierlich einen Schwur ab, dass sie keinen SPIEGEL mehr kaufen werden, solange ich dort beschäftigt bin.

… mit Abokündigungsdrohern? Abokündigungsdroher! – Als Werther erfährt, daß Charlotte dem Göttinger Musenalmanach mit Kündigung ihres Abos gedroht hat, weil der nämlich Clopstock mit C geschrieben hatte, neigt er sich auf ihre Hand und cüßt sie unter den wonnevollsten Thränen?

Ich fürchte – und ich hoffe -, Seelenverwandschaft mit Abokündigungsdrohern kann es nicht geben. Mit Einzelheftboykotteuren auch nicht. Jedenfalls nicht mit solchen, die den Magerkäse mit Schwüren aufzupimpen versuchen, welchselbe sie aber nicht etwa leisten, wie man mit Schwüren tut, oder thun, wie man mit Schwüren auch thut, oder zur Noth schwören, sondern die sie ablegen. Zu welchem Zweck sie allerdings gut thäten, sich einen Eid oder ein Gelübde herzukriegen, dieselben kann man ablegen, wenn es denn sein soll; und feierlich – das sei dem Henri-Nannen-Schulabsolventen doch noch hinterhergehänselt -, feierlich ist eine feierliche Betheuerung sowieso.

Ich werde wohl ohne Lebewohl weiterleben müssen.

Jetzt ist Schluss!

Ich darf doch bitten! Ein Paar Jährchen möchte ich mir schon noch zutrauen. Ich werde dann irgendwann abtreten, wie jeder von uns, aber nicht jetzt gleich, alles was recht ist!

Nach achteinhalb Jahren, 438 Kolumnen und unzähligen Aufforderungen an die Chefredaktion, dem Autor zu kündigen, endet heute „Der schwarze Kanal“ auf SPIEGEL ONLINE.

Ah! – Gewiß. – Mein Fehler. – Ich sprach es ja oben schon an:

Falls es Sie beruhigt: Sie werden weiter von mir hören.

Falls es mich beruhigt! – Und falls es mich nicht beruhigt, was dann? – Dieter Hildebrandt sagte mal – in seiner Rolle als Spiegelberg in ‚Der Moor ist uns noch was schuldig‘ -: „Wenn was ist, ich bin im Büro. Ja, wenn nichts ist, auch.“ Aber das war Hildebrandt. Die sieben Google-Treffer, die ich eben besucht habe, kennen nur die erste, die dumme Hälfte des Satztupels. Auch Kollege Jan F. kennt nur die erste Hälfte, obwohl er immer „eine Schwäche für Hildebrandt“ gehabt haben will:

Falls es Sie beruhigt: Sie werden weiter von mir hören.

Heißt ja wohl: Falls es mich nicht beruhigt, falls es mich beunruhigt, falls ich darob das Nägelbeißen kriege – auch dann werde ich von ihm hören. Sieht das nicht aus wie eine Drohung? – Sicher, wir wissen aus der Linguistik, daß sich Versprechen und Drohung formal nicht auseinanderhalten lassen: „Und bist DU nicht willig, so brauch ICH Gewalt“ – das kann Alp-, das kann aber auch feuchte Träume auslösen, umso mehr, wenn es sich um ein Versprechen handelt, dessen Einlösung hinter der Bezahlschranke eines hinreichend übel beleumundeten Etablissements avisiert wird.

Da wir gerade bei hinreichend übel beleumundeten Etablissements sind:

Bevor sich allerdings alle, die auf diesen Tag hingefiebert haben, zu sehr freuen, vielleicht ein Wort der Ernüchterung. Ich werde weiter schreiben, ab August nur an einem anderen Ort, nämlich beim „Focus“.

Yrrhg!

Wer in den sozialen Netzen unterwegs ist, bleibt also auch in Zukunft nicht verschont. So leicht entkommt man einem Kolumnisten nicht, jedenfalls nicht, wenn er über eine ausreichende Zahl an Followern verfügt. Das Internet kann in dieser Hinsicht brutal sein.

Aha, also doch eine Drohung: „nicht verschont“, „so leicht entkommt man nicht“, „in dieser Hinsicht brutal“ – das ist sie, die Spache des Unmenschen. Nein Quatsch, das ist die Sprache des kleinen Doofi mit Plüschohren und Samtpfötchen, der sich einen Fäustling hinter den Hosenlatz gestopft hat und nun Eindruck schinden will. Dabei wissen alle: wenn klein Doofi mit Plüschohren und Samtpfötchen was sagt, ist es gelogen.

Ja, wenn er nichts sagt, auch.

Natürlich, wer sich in den sozialen Netzwerken herumtreibt, der wird früher oder später auch Madame Mercedes begegnen, Chefdomina im Üblen Leumund, dem Etablissement für den Liebhaber bizarrer Kolumnen, und wenn er dort die Hosen vollkriegt, so sei ihm das gegönnt, denn darum ist er ja gekommen. Das Internet kann für den Liebhaber bizarrer Kolumnen sehr segensreich sein. Aber: man muß nicht. Sich rumtreiben. Sich versohlen lassen. Sich seinen Segen abholen. Muß man nicht.

Man kann auch zu Hause bleiben. Und wenn man dort mit einer schönen Frau zusammen vor dem Fernseher sitzt – das heißt: sie sitzt, man selbst steht am Pult und schreibt, weil man ja arbeiten muß, immer работа, работа, zehntausend Euro wollen auch erst einmal verdient sein -, und bei Sandra Will-Plasberger sitzt ein putziges Männlein herum, das hin und wieder den Mund aufklappt, und die schöne Frau fragt interessiert, was denn das für ein Kasperkopfschnitzer und unter welchem Stein der hervogekrochen sei? – dann verweist man ihr solches Gerede als zynisch und menschenverachtend, und bittet sie, statt dessen: Unter welchem Stein ist das denn hervorgekrochen? zu fragen.

Denn man mag einen Menschen für einen Kasperkopfschnitzer halten, man kann ihn für klein Doofi mit Plüschohren und Samtpfötchen halten – aber weder Kasperkopfschnitzer noch klein Doofis mit Plüschohren und Samtpfötchen wohnen unter Steinen. Unter Steinen wohnen Asseln. Man kann einen Menschen nicht mit Asseln vergleichen. Asseln schreiben keine Kolumnen, damit fängt’s schon mal an.

Was ich damit sagen will: kann schon sein, daß ich hin und wieder vom Kollegen Jan F. werde hören müssen. Schöne Frauen sind unberechenbar.

Haben mich alle im SPIEGEL geliebt?

Die Frage ist falsch gestellt. Sie muß lauten: Hat mich einer beim SPIEGEL geliebt?

Ganz sicher nicht, aber darauf kommt es auch nicht an.

Ja, großer Krieger! Viel Feind, viel Feind! Viel Ehr auch! Bist tapfer! Brav, brav! Mein Held! – Aber überleg doch noch mal: Einer wird sich doch wohl gefunden haben! Einer von den Kleinen vielleicht, der sogar zu dir aufschaute?

Meine Chefs haben alles gedruckt, was ich am Kolumnentag an sie geliefert habe, …

Das ist nicht unbemerkt geblieben. In der Tat: Alles. Und wenn es einen Gott gibt, und dieser Gott gerecht ist, dann werden diese Chefs nach dieser Welt bis in alle Ewigkeit immer weder lesen müssen, was sie da zu Druck befördert haben. Und wenn einer fragte, was es denn wohl zu Abend gebe, so würde er beschieden: Nichts! Noch eine Kolumne!

… selbst wenn ich damit quer zur Mehrheit der Redaktion lag.

Bedarf das der Erwähnung? Will sagen: hat es das mal gegeben, daß das nicht so war? In dem Fall bitte einmal die laufende Nummer der Kolumne sowie die Namen der Kollegen, die seinerzeit d’accord mit ihm waren. Am besten mit Bild. Mich würde interessieren, ob sich irgendwelche Fehlbildungen erkennen lassen, die ein solches Verhalten plausibel machen würden, oder ob die ganz normal aussehen.

Mehr kann man als Journalist nicht erwarten.

Wer als Kolumnist von seinen Kollegen geliebt werden will, hat nach meiner Meinung ohnehin den Beruf verfehlt. Entscheidend ist nicht, ob man gemocht, sondern ob man gelesen wird. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.

Da ich vertraglich verpflichtet bin, Allem zu widersprechen, mit dem der Kolumnist seinen Beruf verfehlt, selbst dann, wenn er damit einmal nicht quer zur Mehrheit unserer Hausredaktion liegt, kann ich auch diese Feststellung nicht stehen lassen, so blaß und mager der Quark auch daherkommt. Richtig muß es heißen: Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge, ob man gelesen oder ob man nicht gelesen wird. Liebe, Liebe hat damit nichts zu tun. Wer wird nicht einen Klopstock loben? Wer wird nicht seinem Hund von Herzen zugetan sein?

Aber wird er auch was von ihm lesen wollen? – Nein.

Auf der anderen Seite hat man schon Sachen von Leuten gelesen, bei denen man sich fragt, ob wirklich eine Mutter an deren Bettchen hat wachen und weinen mögen? Und ob die Mutter nicht wenigstens einen Spuckeimer dabei hatte, für alle Fälle.

Ob sie in der SPIEGEL ONLINE-Redaktion einen Spuckeimer haben, für alle Fälle, entzieht sich unserer Neugier. Was wir über die SPIEGEL ONLINE-Redaktion haben, ist aber dieses Snippet:

Die Eingaben an die Redaktion haben nichts mit meiner Demission zu tun, auch das muss ich anfügen. Wenn ich den Beteuerungen der Chefredaktion Glauben schenken darf, wird mein Ausscheiden sogar ausdrücklich bedauert. Den Leuten, die mit Abokündigung drohten, standen zum Glück mindestens so viele Leser entgegen, die meine Texte schätzten, und sei es nur, weil ich ihnen damit verlässlicher als jeder Espresso den Blutdruck hochtrieb. 13 Millionen Klicks pro Jahr ist eine Zahl, die auch den hartgesottensten Chefredakteur nachdenklich stimmt.

Unserer Daumenregel nach kann das nicht stimmen. Unserer Daumenregel nach muß es also vielmehr so heißen: 13 Millionen Klicks pro Jahr machen auch aus dem nachdenklichsten Chefredakteur einen hartgesottenen Alkoholiker. Pardon: Melancholiker. Nicht Alkoholiker – Melancholiker.

Und in der Folge dann natürlich Alkoholiker. Wir wollen den Verantwortlichen für 13 Millionen Klicks nicht leichtfertig von etwas entlasten, das wir ihm für das gleiche Geld auch an den Rock heften können. Apropos: gibt es hier eigentlich noch irgendwo von dem Rotspon? – Redaktion?

Redaktion: „Tür zu! Wird kalt!“

Denn nicht. Hab ich mein Spuckeimerchen umsonst mitgebracht.

Man will sich nicht langweilen

Ja, warum liest man denn dann SPIEGEL ONLINE?

Da dies meine letzte SPIEGEL-Kolumne ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Dinge klarzustellen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat mich neulich den „Chefprovokateur des SPIEGEL“ genannt. Das war sicher schmeichelhaft gemeint. Trotzdem fühlte ich mich nicht ganz richtig beschrieben. Provokateur klingt so, als wäre es mir in erster Linie darum gegangen, dass sich andere über mich aufregen. Aber darum ging es mir gar nicht, ich habe es in Wahrheit selten auf Provokation angelegt.

Da guck! Die Diva legt Wert darauf, nicht so zu sein wie andere Diven. Das kennen wir von anderen Diven. Die Frau die sagte, sie sei wie alle Frauen, die wäre anders – sagte Kurt Tucholsky einst, es allerdings jemand anders in die Stiefeletten schiebend. Kann das bitte mal jemand rumerzählen: Johann Fürchtegott Pürckhauer kennt misogyne Tucholsky-Zitate, und geht damit hausieren!? Ich hätte auch gerne mehr Ehr und mehr Feind, und wenn das die Leut provozieren tät, möcht es vielleicht dazu helfen. Vielleicht daß auch ich eines Tages einen nachdenklichen Chefredakteur zum Alkoholiker mache.

Redaktion: „Vergiß es!“

Dacht ich’s mir nicht? Doch. Denn nich, denn ebend nich!

Ich glaube, dass viele Menschen in Deutschland über vieles so denken wie ich.

Das glaube ich allerdings auch. Wollen wir sie die Kuhstalldeutschen nennen? Und die Diva die Kuhstalldiva? – Warum? – Nun, warum nicht? – Wegen deren Bedürfnisses nach Wärme, nach der drückenden Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft, zum Beispiel. Mit der hat es der Kolumnist nämlich, wer dieser Tage die „drückende Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft“ googeln wollte, der fände lauter Fleischhaueriana. Das muß ja einen Grund haben. Von nischt kommt nischt, wie Tucholsky einmal sagte.

Selbst in seiner Abtrittsrede bemüht er sie, die Kuhstallwärme:

Wenn das, was ich schreibe, eine Provokation darstellt, dann vor allem in dem Milieu, in dem ich mich bewege, also unter Journalisten und Journalistinnen beziehungsweise unter Menschen, die dort zu Hause sind, wo auch viele Journalist*innen leben, also in den deutschen Großstadtvierteln, in denen der Anteil von Grünen-Wählern seit Jahren verlässlich bei 40 Prozent liegt.

Na, wo bleibt sie denn?

Nichts ist so drückend wie die Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft. Wenn es einen Grund gibt, warum ich bei der Linken Reißaus genommen habe, dann dieser Hang, sich ständig gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, wie widerständig man doch denke.

Voilà. Reißaus nahm er, und den Hang nahm er mit.

Nun könnten sich die beiden Ställe ja die Hand reichen, aber dazu wird es nicht kommen. Rindviecher brauchen ihre Extremitäten um stehenzubleiben. Ein Rindvieh, das dem anderen Rindvieh den gespaltenen Huf reichte, fiele auf die Nase.
So schnell vermischen sich die Schwarzbunten außerdem nicht mit den Rotbunten. Sie zeigen lieber mit dem Finger auf die Flecken des je anderen: wie die schon aussehen!

Manche Kritiker haben mir vorgeworfen, ich sei im Laufe der Zeit immer weiter nach außen gerutscht. Ich finde, das Gegenteil ist wahr.

Das ist nach unserer Daumenregel allerdings ausgeschlossen: neque neque. Wie soll das denn gehen? Wo rutscht man denn nach außen? In eigens dafür konstruierten Kirmesfahrgeschäften, die sich drehen, schon recht, aber in einer Kuhstallkolumne? Und ein Gerät, in dem man ganz von selbst nach innen rutschte, ist noch keinem Konstrukteur gelungen; es sei denn, es ginge zugleich nach innen und nach unten.

Weswegen wir zu diesen Kritikern auch nicht gehören. Nach unserer Beobachtung hat der Kolumnist …

Im Januar 2011 …

… danke! – bemerkenswert weit unten angefangen, und über …

… seitdem 438 Kolumnen …

… abermals: mein Dank! – hin ein erstaunliches Beharrungsvermögen gezeigt. Der Höllensturz zum Stab dieser Zeitung Zeitschrift dieses Heftchens des Orkus Fokus, der ihm nun bevorsteht, wird also nur ein kleiner, kaum hörbarer Plumps sein, und wahrscheinlich ohnehin auf einem dicken Kissen enden. Einem Kissen, wie man sie früher nutzte, wenn man die Rotsponfässer vom Pferdeanhänger auf den Gehsteig fallen ließ, von wannen sie zur Kellerluke gerollt wurden. Damit sie nicht barsten, legte man dicke, schwere Lederkissen aufs Pflaster, voll mit Sand.

Voll mit Kies, in seinem Fall. Vermute ich.

Was macht eine gute Kolumne?

Wiederum eine Frage, die völlig falsch gestellt ist. Es muß heißen: Was macht ein guter Kolumnist? Antwort: Schlafen, aufstehen, Zähne putzen, Kaffee kochen, usw., was man halt so macht. Und dann schreibt er irgendwann seine Kolumne.

Sollte das aber gar nicht gemeint, sollte vielmehr gemeint gewesen sein: „Was mach einen guten Kolumnisten aus?“, aka „Woran erkennt man einen guten Kolumnisten?“, dann ändert sich die Antwort zu: Einen guten Kolumnisten erkennt man daran, daß er seine Sätze zuende schreibt. Wenn er bespielsweise wissen will, woran man eine gute Kolumne erkennt, dann schreibt er nicht etwa: „Was macht eine gute Kolumne?“ Dann schreibt er: „Was macht eine gute Kolumne aus?“

Nun, über das, was eine gute Kolumne ausmacht, kann man natürlich reden. Die Frage ist nur, ob wir hier darüber reden wollen, in Sichtweite des Üblen Leumunds? Wenn wir uns darüber unterhalten wollen, was gute Küche ausmacht, dann setzen wir uns schließlich auch nicht in den Fettigen Kochlöffel. Auch den hartgesottensten Küchenchef würde die dreizehnmillionste mitangesehene Bestellung von frittiertem Klumpenhuhn mit Normtunke zuerst nachdenklich, dann melancholisch, dann manisch depressiv, dann zum Zyniker, zum Menschenfeind und schließlich gar zum Säufer machen.

Lassen Sie uns das doch bitte an anderer Stelle und bei besserer Gelegenheit diskutieren, hier sind wir nicht sicher vor Sätzen wie:

Man muss sich, zumindest kurzzeitig, aufregen können. Wer alles mit der Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs betrachtet, wird niemals einen Satz schreiben, der Schwung und Kraft hat.

Ich würde ihn von selbst nicht als einen gelassenen Mönch angesehen haben, aber wenn er drauf besteht?! Sätze ohne Schwung und Kraft sind ein starkes Indiz, aber – halten zu Gnaden – möglicherweise notwendiges, wenngleich nicht hinreichendes Indiz für Mönchstum und Gelassenheit. Humorlosigkeit und Ressentiment sind wohl auch tüchtige Ovulationshemmer.

So laßt es uns denn also verabschieden, das Mönchlein – „Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang,“ wie Tucholsky einmal sagte, „geh mit Gott, aber geh.“

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