Booster Maxx

Er verstehe sich, sagt mein Nachbar, als das genaue Gegenteil eines young urban professionals, denn professional deute auf Lohnabhängigkeit hin, welche Eigenschaft er nicht schon im Namen vor sich hertragen wolle. Alles Urbane, worunter er im wesentlichen Lausejungs mit Umhängetaschen voller Laptops und Henkelmännern voll Sushi verstehe, könne ihm gestohlen werden, und jung sei er auch nicht mehr.

Deshalb nenne er sich lieber middle aged rural gentleman of leisure, wobei er als solcher allerdings doch hin und wieder unter Menschen gehe, um sich dort einzureden, hier sei er selbst einer und dürfe es auch sein.

So habe er unlängst den Intercity bemüht, der ihn zu einem Jahrmarkt getragen habe, dem sich der Nachbar aus Jugendzeiten verbunden fühle, dessen geographische Zugehörigkeit zum Regierungsbezirk Arnsberg mit seinen Orten Warstein, Krombach und Meschede sich aber negativ auf das dort ausgeschenkte Bier auswirke. Es habe auf dem Markt praktisch nur gleichgeschaltetes Bier gegeben.

Was die Unterhaltungsmechanik angehe, so sei ihm das Fehlen des weiblichen Elementes, der Raupe, der Raketenfahrt zum Mond, der Bayernkurve, der Petersburger Schlittenfahrt, Calypso, Hully Gully, Polyp, Round Up, Allround usw., überhaupt die Abnahme von Karussels mit Ø-Symbolik aufgefallen. Das phallische Element habe überwogen, genauer gesagt, das phallische Element mit Dauerständerqualität. Der Welt zu demonstrieren, welch dauerhafte Erektionen sie durch das ununterbrochene Pumpen liquider Mittel in die Schwellkörper ganzer Industriezweige zu erzeugen imstande seien, hätten jene urban professionals, die sich Finanzinvestoren nennten, den Spaßmaschinenbau entsprechend aufgepumpt und sich ein grell erleuchtetes Disneyland als Auslage geschaffen.

Wo früher der Haut den Lukas gestanden habe, den für 3 Groschen jedermann einmal hochkriegen konnte, wenn er sich nur geschickt anstellte, stehe heute ein Gerät wie aus der Apokalypse des Johannes, das nenne sich Booster Maxx und zeige dem lieben Gott den Stinkefinger.

Wofür Gott den Booster Maxx mit technischen Problemen gestraft und zum Stillstand verdonnert habe. In dessen Schatten habe der Nachbar bei einem Glas Landbier aus dem benachbarten Regierungsbezirk über den Niedergang der Schankkultur philosophiert: das siebenminütige Vorspiel unter dem Zapfhahn, die kurzlebige Steifigkeit der Blume, der Tropfen am Glase, alles das werde heutzutage dem Booster Maxx geopfert.

Wie er noch überlegt habe, dem VdK/VZ beizutreten, habe über seinem Kopf ein blecherner Drache Feuer gespieen, und eine Hinweistafel habe ihn aufgefordert, das mittelalterliche Jahrmarkttreiben zu besuchen, das gleich hinter dem Landbierwagen zu finden sei. Mit der vagen Idee, dort die Marketenderin zu küssen, habe er den Hinterhof betreten, um festzustellen, daß auch dort das weibliche Element vermißt wurde, indem daß keine Marketenderin dagewesen sei. Vermißt habe man auch Bettler, Aussätzige, ludernde Hunde, Husaren, Seil=Tänzer, Schnapp=Hähner, Venuß=Reutter, Wojwoden, Hexen, frommbe Ein=Siedel, Türcken, Engl, Teuffel etc. etc. Nicht vermißt habe er das Landsknechtselement, das zwar auch gefehlt habe, aber als einziges entschuldigt, denn es werde freitags traditionell im Intercity gebraucht. Dort habe es tarnfarben neben dem Nachbarn gehockt und in ein Notebook gestarrt, in dem irgendwelche Jedi Ritter von irgendwoher zurückgekehrt seien.

Auf dem Mittelaltermarkt habe es weder Rittersmann noch Knapp gegeben, keine Ochsen am Spieß, keine Scheiterhaufen, keine breughelsche Völlerei, weder Weinfässer noch obergäriges Bier. Nur das junge urbane Publikum habe herumgestanden und sich Flaschen mit Regierungsbezirksbier an die Hälse gesetzt. Nicht soviel wie einen popeligen Ablaßbrief habe man dort kaufen können.

Betrogen sei er wieder nach Hause gefahren.

Nun sei es vorerst auch gut. Die nächsten dreißig Jahre wolle er sich wieder dem ländlichen Müßiggang widmen, um danach vielleicht noch einmal nachzusehen.

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