Slam-Poet will Stundenlöhne unter drei Euro

Wenn es um neue Arbeitsplätze geht, scheint jedes Mittel recht: Der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz hat sich für Stundenlöhne unter drei Euro ausgesprochen. Das sei das beste Mittel, um Jobs zu schaffen.

Berlin – Franz warnte in einem Zeitungsinterview vor der Einführung eines Mindestlohns. Stattdessen müsse man die unteren Löhne von drei oder vier Euro womöglich „noch einmal senken, damit mehr Stellen entstehen“, sagte er dem „Tagesspiegel“.

Auf diese Weise könne man auf dem Markt für die Erstellung von Wirtschaftsgutachten einige hunderttausend Stellen geschaffen werden. Bei Mindestlöhnen hingegen würden dort massenhaft Stellen verloren gehen.

Franz ist nicht irgendein Ökonom, sondern Kultautor des Slam-Poetry Kollektivs Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. In jedem Herbst und in jedem Frühjahr stehen die Fans aus den Wirtschaftsredaktionen bei Fuß, um ihn und die anderen Poeten beim Vortrag der neuesten „Gutachten“ zu erleben und ihren Idolen zuzujohlen.

Der Kultstatus von Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wurzelt unter anderem darin, daß sich die Mitglieder zu strengen Grundsätzen – dem Dogma – bekennen, die teilweise im krassen Gegensatz zu herkömmlicher Slam-Poetry stehen. So ist zum Beispiel die Verwendung von Handkameras, miserabler Beleuchtung, grobkörnigem Filmmaterial und Spontaneität verpönt. Es soll nichts gesagt werden, was nicht schon im letzten Herbstgutachten gestanden hat. Im Idealfall ist ein Gutachten eine Feier der Wiederkehr des Ewiggleichen, soll keinerlei Gedanken enthalten und wenn, dann keine neuen, und soll von jedem geschrieben werden können, der schon einmal eins gelesen hat.

Ein Beispiel: „Wenn die Regierung nichts für die Problemgruppen tut, werden wir in der nächsten Rezession wieder deutlich über vier Millionen Arbeitslose kommen.“

Franz, der auch Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ist, nennt dieses Gedicht Weitere Reformen auf dem Arbeitsmarkt anmahnen.

Den Fans gefällt’s. Weisheiten wie die, wenn es schon keine Mehrheiten für einen Abbau des Kündigungsschutzes und flexiblere Tarifgesetze gebe, müsse es einen Kombilohn geben, werden per SMS verbreitet, als Maximen mit Reiszwecken auf Notebookbildschirme gepiekst und der bewundernden Geliebten beim Candlelightdinner auswendig zitiert.

Franz‘ aktueller Gedichtzyklus, aus dem auch Niedriglöhne unter drei Euro stammt, heißt Den Niedriglohnsektor reformieren. Daraus stammt auch das folgende mit dem Titel Hohe Sockelarbeitslosigkeit: „Wenn es die Koalition nicht schafft, sich hier auf einen vernünftigen Kompromiss zu einigen und sich auch beim Kündigungsschutz nichts tut, bleibt es bei der hohen Sockelarbeitslosigkeit“.

Leicht enttäuscht zeigt sich die hartnäckige Fanvereinigung Spiegel Online Wirtschaftsredaktion darüber, daß Franz das Wirtschaftswachstum etwas zurückhaltender beurteilt als andere Ökonomen. Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sei dann am besten, wenn nicht nur das vorgetragen werde, was man schon x mal vorgetragen habe, sondern auch alle absolut das gleiche vortrügen. Das sei das Markenzeichen der Gruppe, und deswegen komme man.

Aber natürlich sei ein Slammer wie Franz auch dann noch gut, wenn er mal einen schlechten Tag habe.

Das fängt an mich zu langweilen

„Snoopy“ vs. „the Red Baron“

Googlefight result am 17.04.2007: 3.030.000 vs. 202.000. (Ratio: 15,00, Vorwoche: 13,50)

Der kleine Steuerüberschuß und seine großen Folgen

Das viele Geld, daß momentan über die öffentlichen Haushalte hereinbricht, steigt dem einen oder anderen anscheinend zu Kopf. Die Vorschläge der einschlägigen Politiker jedenfalls werden immer drolliger.

So schlug der Bundeswirtschaftsminister Glos jetzt am Rande einer Handwerkstagung in Stuttgart vor, die Bundes- und Landespolitiker sollten in Zukunft auf die bislang getragenen langen Hosen verzichten, und nur noch in Unterhosen herumlaufen. „Eventuell könnte man so wie in anderen Ländern darüber nachdenken, die Hosenpflicht ganz oder teilweise zu streichen.“ Dazu müssten die Bundesländer mitziehen. „Wenn die Länder sagen, wir können das machen, dann könnte sich der Bundesgesetzgeber dem anschließen“, fügte Glos hinzu.

Am Wochenende hatte der CDU-Finanzpolitiker Michael Meister das weitere Tragen von Beinkleidern in Frage gestellt und einen neuen Streit in der Großen Koalition ausgelöst. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion hatte in einem Interview der „FAZ“ den Nutzen von Hosen in Frage gestellt. „Bevor wir uns im Garderoben-Klein-Klein verlieren, sollten wir uns die grundsätzliche Frage stellen: Braucht Deutschland überhaupt lange Hosen?“, sagte Meister.

Gleichwohl: Der Vorschlag aus der Union ist offenkundig chancenlos. In den Ländern gibt es dafür keine Mehrheit. Auch die SPD sperrt sich und fordert von ihrem Koalitionspartner ein klares Bekenntnis zur Hose, zur Socke, sowie einem dezenten, geputzten Business-Schuh.

Auch der parlamentarische Geschäftsführer Olaf Scholz sprach sich gegen den Wegfall der Hose aus. „Die Abschaffung der langen Hose ist mit der SPD nicht zu machen“, sagte Scholz. Eine angemessen lange, gebügelte Hose, mit oder ohne Umschlag, sei ein Gebot des Anstandes. Der Vorstoß sei eine ernste Angelegenheit, die eine „zügige Klarstellung“ seitens des Koalitionspartners erfordere.

Doch selbst in den Reihen der Union stößt die Initiative auf Unverständnis. „Eine Abschaffung scheint mir nach den bisherigen Diskussionen in der Kultusministerkonferenz nicht realistisch“, erklärte Hessens Kultusminister Karlheinz Weimar (CDU) als Vorsitzender der Runde. Bayerns Ressortchef Kurt Faltlhauser (CSU) ergänzte: „Ich halte nichts von einer Abschaffung der Hose.“

Die Reform des Beinbekleidungssystems war notwendig geworden, nachdem das Bundesverfassungsgericht die niedrigere steuerliche Bewertung von Hosen gegenüber Kostümen, Strumpfhosen, Abendkleidern und Burkas kritisiert und eine Angleichung angemahnt hatte. Bis zum Sommer wollen die Länder das Urteil umsetzen.

Weimar räumte ein, die Arbeiten daran seien schwierig. Zwar sorge das Tragen von Hosen für jährliche Einnahmen von etwa vier Milliarden Euro in der Bekleidungsindustrie, allerdings stehe diesem Ertrag eine riesiger Verwaltungsaufwand für Schlangestehen, Parkplatzsuche, Anproben, Schonwiederdickergewordensein, Umnähenlassen, Sichnichtentscheidenkönnen, Umtauschen und Vonpontiuszupilatuslaufenohnezufindenwasmansucht gegenüber, angesichts dessen sich die Frage stelle, ob sich der Kauf von Hosen überhaupt lohne.

Das Bundesfinanzministerium sprach von einer überflüssigen Debatte. Es sei bald mit den Vorschlägen der Länder zu rechnen, sagte Ressortsprecher Torsten Albig. Die Hose sei ein sinnvoller Beitrag zu einem körpergerechten Bekleidungssystem und müsse funktionsgerecht ausgestaltet werden. Weimar unterstrich den Anspruch der Länder, die Reform in die eigenen Hände zu nehmen. „Ich gehe davon aus, dass die Bundestagsfraktionen unsere Vorschläge entsprechend akzeptieren werden.“ Aus seiner Sicht sollte die ohnehin schon hohe Belastung der Bürger durch Zumutungen aus Berlin nicht durch den Anblick nackter Politikerbeine noch wachsen.

Glos allerdings würde sich freuen, wenn der von ihm aufgegriffene Vorschlag umgesetzt würde. „Dann wäre endlich einmal einer meiner Vorschläge angenommen. Und so sinnvoll wie meine anderen ist er auch.“

Angstbeter

Im Bestreben, seine Umwelt einmal mehr zu schockieren und seine Mitmenschen gegen sich einzunehmen, teilte Dieter Bohlen in der ZDF-Sendung „Johannes B. Kerner“ am 12. April mit, er gehe hin und wieder in die Kirche. Zwar leide er wie ein Hund unter den dort dargebotenen Orgel- und Sangeskünsten, aber genau das sei es, was er brauche, was er immer wieder suche, und was er dort finde.

Pfarrer Beffchen, den wir beim Ortstermin kennenlernen, bestätigt das.

„Gott sei Dank kommt er nicht so oft. Wir können das Ding nicht ständig neu weihen. Es genügt schon, daß ich immer, wenn meine Tochter DSDS gesehen hat, den Fernsehkasten neu weihen muß.“

Ding?

„Nein, das ist nicht abwertend gemeint.“ Zärtlich klopft er seinem stämmigen Kirchlein die Flanken. „Nicht wahr, Dickerchen? Wir verstehen uns.“

„Schlimm wird es nur, wenn der dann eines Tages in den Himmel kommt. Was dann alles neu geweiht werden muß, daran darf ich noch gar nicht denken.“

Mit Bohlen einig ist sich Beffchen allerdings in der Ablehnung von Schlechtwetterchristen, „die immer nur die Hände falten, wenn es ihnen dreckig geht“ (Bohlen): „Manche, die man jahrelang nicht gesehen hat, kommen hier ganz verstört an, kriegen keinen Ton raus, wollen am liebsten alles gleichzeitig machen – Kerze anstecken, Hände falten, Kopf ins Weihwasser stecken, beten, sich bekreuzigen und knien, knien, knien – und wenn man sie dann wieder etwas aufgepäppelt hat, stellt sich raus, daß sie ‚Johannes B. Kerner‘ im Fernsehen gesehen haben.“

Dann fragt er noch, warum man uns eigentlich so selten sehe, und uns fällt ein, das wir dringend etwas erledigen müssen, etwas, was man nur an einem – was haben wir heute? Montag? – ja, was man nur an einem Montag zwischen 9 und 11 Uhr erledigen kann.

Freundlich winkend sieht Pfarrer Beffchen uns nach. Fast könnte man glauben, sein Kirchlein lecke ihm die Hand.

Sie legen zu

„geschaltet“ vs. „geschalten“

Googlefight result am 10.04.2007: 3.200.000 vs. 237.000. (Ratio: 13,50, Vorwoche: 15,06)

Begegnungsprozesse

Einmal hatte ich mit der Zweiten Klasse ausprobieren wollen, ob es biblischer Unterricht leisten kann, das stabile Fundament einer glaubhaften Perspektive der Hoffnung zu betonieren.

Ich war mir ziemlich sicher, daß, wenn sich über den Anknüpfungspunkt interpersonalen Geschehens ein Begegnungsraum öffnen würde, in dem dann ein Begegnungsprozess begönne, bei dem die Mädchen und Jungen teilnehmende Subjekte sowohl an der gegenwärtigen als auch an der biblisch überlieferten Wirklichkeit sein könnten, daß dann grundsätzlich kontinuierliche Wirklichkeitsentsprechung der biblisch überlieferten Wirklichkeit – und damit die als Bedingung der Möglichkeit erweiterter Problemlösungskompetenz erkannte glaubwürdige Perspektive der Hoffnung – gegeben wäre.

So hatte es jedenfalls in den Powerpointfolien gestanden, die ich im Internet gefunden hatte, und ich selbst hätte es nicht besser sagen können.

Denn wenn ich auch meine Zweifel hatte, ob die Möglichkeit zu Empathie und Solidarität als Handlungsalternative nicht nur erkennbar, sondern im Unterrichtsgeschehen durch Ermutigung und Stärkung der Kooperationsbereitschaft auch erlebbar sein würde, und somit übertragbar in den Kontext eigener gegenwärtiger und zukünftiger Wirklichkeiten, so konnte ich es mir aber doch sehr nett denken, wenn dann ein solcher biblischer Unterricht dem als “didaktisch notwendig” Erkannten und weiterhin der notwendigen Orientierung des Religionsunterrichts, mit dem er zwar nicht identisch gewesen wäre, aber doch ein wesentlicher Bestandteil desselben, an der biblischen Botschaft entsprochen haben würde.

Die teilnehmenden Subjekte

Es war dann nur leider so, daß die Kindlein in dieser Stunde ganz andere Vorstellungen von gegenwärtiger Wirklichkeit hatten als ich, und der Beginn der Stunde stand bereits unter dem dunklen Stern der alternativen Wirklichkeitsmöglichkeit, daß ich nämlich meiner Mappe mit den sorgfältig mit Buntstift ausgemalten Powerpointfolien verlustig ging, bzw. dieselbe als Wurfgeschoß einsetzen mußte. Aber der Reihe nach.

Denn als ich zu Anfang, wie immer, die Waffen einsammeln und in den Klassenschrank einschließen ließ, entging mir nicht, daß der Jakob des Ortsbürgermeisters ein Handy zurückbehielt und es, als ich ihn zu einer Stellungnahme aufforderte, der Anna-Lena in der Reihe hinter ihm zusteckte und ihr etwas zutuschelte.

Diese, nicht dumm, hob den Rock und steckte die Waffe in den Schlüpfer oder, was Gott verhüten möge aber wahrscheinlich nicht tun wird, in den String-Tanga, worüber ich mir aber kein Urteil erlauben kann, weil ich die Augen schloß und um Beistand bat, der aber ausblieb.

Da mich die beiden mit ihren abgefeimtesten Unschuldsgesichtern anleuchteten und betheuerten, mit ‚h‘, er, Jakob, habe kein Handy – wobei er die Ärmchen wie zur Kreuzigung erhob, wohl wissend, daß er damit die Möglichkeiten meiner erweiterten Problemlösungskompetenz aufs heftigste strapaziert -, und Anna-Lena, die falsche Schlange, mit dem durch tausende Frauengenerationen von Eva bis zu ihr herabgereichten Wimpernschlag kundtat, sie habe nichts im Höschen, und ich könnte, wenn ich wollte, gerne nachsehen.

Nachsehen tat ich statt dessen lieber, ob die Frau Kollegin vom Sport vielleicht noch im Hause war, oder schon im Hause war, das wußte man bei ihr nie so genau, und mir mit einer Leibesvisitation Amtshilfe würde leisten können, aber das Lehrerzimmer war verwaist bis auf den heftig an Nikotinentzug leidenden Germanistenfuzzi, der aber immerhin wußte, daß die Frau Kollegin vom Sport sich habe entschuldigen lassen, da sie mit Anna-Lena zum Hals-Nasen-Ohrenarzt habe müssen.

Der Begegnungsraum

Auf dem Rückweg zum Klassenraum fiel mir ein, daß mittlerweile das corpus delicti sich wahrscheinlich nicht mehr an dem Ort befand, an dem ich es zu vermuten gezwungen war, und daß es das ebenso wahrscheinlich auch dann nicht mehr gewesen wäre, wäre die Frau Kollegin vom Sport ausnahmsweise mal im Hause gewesen, und daß ich also die lieben Kleinen viel zu lange allein gelassen hatte, unnötigerweise, denn um das Handy wiederum in die Hände der Gangster gelangen zu lassen, hätte es genügt, wäre ich einmal kurz aus dem Klassenraum gegangen.

Beim Wiederbetreten desselben wurde mir denn auch wünschenswert deutlich vor Augen geführt, welchen groben Schnitzer ich mir geleistet hatte, denn der Jakob des Hals-Nasen-Ohrenarztes hatte meine Tasche geöffnet, die Folien ans Whiteboard geheftet, und stolzierte hinter dem Pult hin und her, und spielte, ein Headset, das er beim Waffensammeln verborgen gehalten haben mußte, im rechten Ohr, Powerpoint Karaoke, wobei ihm aber niemand zuhörte, jedenfalls nicht die Jakobs, die sich damit beschäftigten, aus den restlichen Folien extrem gleitfähige Fluggeräte herzustellen und an Ort und Stelle dem Verkehr zu übergeben, und die Anna-Lenas hatten sich über irgendwas zerstritten und in zwei feindliche Gruppierungen gespalten, deren eine – die Annas – der Theorie anhing, ein Handy, das „die Schlampe“ in der Hose gehabt habe, könne man nicht mehr anfassen, wohingegen die Lenas sich um das Argument „selber Schlampe“ scharten. Das Handy lag im übrigen in dem zum Überlaufen gefüllten Waschbecken, in dem sich auch mein Frühstücksbrot, der Apfel und der Marsriegel befanden, die ebenfalls in meiner Mappe gewesen waren.

Nachdem ich das Wasser abgestellt hatte, rettete ich den Apfel und den Marsriegel, gab Handy und Butterbrot verloren und besann mich kurz des Rhetorikseminars, in dem man uns gelehrt hatte, bei Erregung nicht mit Kopfstimme zu sprechen, sondern tief aus dem Brustkasten heraus zu argumentieren. Dann argumentierte ich, daß, wer bei drei nicht auf dem Platz sei, und zwar auf seinem Platz, daß der bei nächster Gelegenheit die Engel im Himmel singen hören könne, und wer das nicht glauben wolle, der sei herzlich eingeladen, es einfach mal auszuprobieren.

Perspektive der Hoffnung

Für die Zukunft, sagte ich dann, als es etwas ruhiger geworden war, nachdem ich die Annas und Lenas auseinander und jeweils einen Jakob als Puffer dazwischen gesetzt hatte, und nachdem ich meine Mappe wiedergeholt hatte, die ich nach einem besonders hartnäckigen Jakob hatte werfen müssen, für die Zukunft wollten wir es so machen, daß, wenn ich das Klassenzimmer beträte, die Handys bereits Seit an Seit auf dem Pult zu liegen hätten, und zwar in gleicher Stärke wie der Klassenverband. Wenn dem dann nicht so sein sollte, wollte ich sagen, als im Klassenschrank laut jemand furzte, und der Jakob des Herrn Superintendenten trotz Verbotes aufsprang, zum Klassenschrank lief, laut zeterte, das sei seine Mama, die ihm Bescheid sagen wolle, wann sie ihm sein Frühstück bringen wolle, das er zuhause vergessen habe, und der Jakob vom Ortsbürgermeister solle den Schlüssel rausholen, und er versuchte, an der glatten Schranktür irgendetwas zu finden, an dem er rütteln konnte, während es aus dem Schrank weiter furzte.

Wie wir unlängst auf einer Fortbildungsveranstaltung für Extrempädagogik erfahren hatten, handelt es sich bei Kindern um „Hüllenwesen“, die, wenn sie sich erstmal in etwas hineingesteigert haben, nur noch in der je eigenen kontinuierlichen Wirklichkeitsentsprechung leben, und wenn wir Pädagogen sie erreichen wollten, müßten wir ihre „Hülle“ durchdringen, was durch persönliche Ansprache mit Namensnennung, besser noch durch eine Hand auf der Schulter oder Ähnliches erreicht werden könnte.

Ich entschied, daß es auch mit Hilfe eines geworfenen Marsriegels möglich sein mußte, sofern der Schuß gut plaziert war und im Idealfall auf einen heftig resonnierenden Resonnanzboden traf, die Tür des Klassenschranks etwa.
Es funktionierte auch, und zwar umso besser, als im gleichen Moment das Furzen verstummte und auch nicht wieder anfing. Zwar jammerte der Jakob noch eine Weile rum, seine Mama mache sich Sorgen, wenn er nicht ans Telefon gehe, und er habe Hunger, und die Anna-Lena neben ihm maulte, das sei ein widerlicher Klingelton, und neben so einem wolle sie nicht sitzen, aber alles in allem war vergleichsweise himmlische Stille, und ich fügte hinzu, eines wollten wir in Zukunft auch noch beachten, nämlich daß die Handys, wenn sie aufs Pult gelegt würden, ausgeschaltet seien, als mein eigenes Handy Geh aus mein Herz und suche Freud zu spielen anhub.

Interpersonales Geschehen

Es war die Frau des Herrn Superintendenten, die sich, wie sie sagte, Sorgen um ihren Jakob mache, den sie auf dem Handy nicht erreichen könne, und der sein Frühstück vergessen habe, und der, da er so schmächtig sei, sehr schnell an Unterzuckerung leide und dann künstlich ernährt werden müsse, weswegen sie ihn dringend sprechen müsse, und es dauere auch nicht lange. Ich bat sie, sich doch bitte an den üblichen Weg zu halten, während der Stunde nur im Sekretariat anzurufen, verfluchte mich, daß ich in einem Anfall von Speichelleckerei so blöd gewesen war, ihrem Herrn Mann meine Handynummer zu geben, und bat sie noch einmal, sich keine Sorgen um ihren Jakob zu machen, dem gehe es gut.

Noch, fügte ich hinzu, als ich aufgelegt hatte, und der Jakob mit dem Schrei „Mama!“ auf den Lippen, aber Gott sei Dank zu spät, zum Pult gestürzt kam und mir das Handy entwinden wollte. Meinem Schöpfer dankend dafür, daß ich es nur mit Zweitklässlern zu tun hatte, schaltete ich das Handy aus, hielt des Hüllenwesens beide Hände mit der Linken, wobei ich darauf achtete, mit nicht zu festem, aber auch nicht zu schwächlichem Druck zu demonstrieren, daß ich, sollte mich die Not dazu zwingen, auch über konventionelle Problemlösungskonzepte verfügen würde, und sagte ihm, als seine Hülle durchbrochen war, er könne seine Mama nicht sprechen, die Mama sei geplatzt. Und apropos Platz: er solle sehen, daß er auf den seinen zurückkomme, und zwar ein bißchen plötzlich.

Seine Anna-Lena, die die Gelegenheit zur Flucht ergriffen und sich an einen der hintersten Tische verdrückt hatte, zitierte ich ebenfalls zurück, denn glaubhafter, sagte ich mir, als eine Perspektive der Hoffnung sei eine Perspektive der Hoffnung, die von einer Null-Toleranz-Strategie begleitet wurde.

Angesichts der Fortgeschrittenheit des Tages fand ich es nunmehr an der Zeit, ein bißchen Unterricht einzustreuen, und da meine Powerpointblätter als geschlagenes Geschwader am Boden lagen und schon reichlich betreten wirkten, würde es auf Frontalunterricht hinauslaufen müssen, was meinem pädagogischen Konzept zwar zuwiderlief, meiner Mordlust aber entgegenkam. Ich wählte die Dompteurspose, von der der Rhetoriktrainer gesagt hatte, wichtig sei die Atmung, ein Tiger merke es sofort, wenn der Dompteur flach atme oder mit Kopfstimme spreche oder sich zu häufig räuspere, alles drei Zeichen für den Tiger, daß die Gelegenheit für einen Rollenwechsel im Käfig günstig sei. Tief atmend, mit Bauchstimme sprechend und mir hin und wieder mit den Fäusten auf die Brust trommelnd, wobei ich in Baritonstimmlage brummte, was den Schleim von den Bronchien lösen soll, fing ich an.

Die Himmelsleiter

Ob sie, die Schäfchen, den Namen Jakob schon einmal gehört hätten? Blankes Nichtverstehen auf den Gesichtern deutete mir an, daß da etwas schief lief. Nun gut, die Fragestellung war verbesserungsfähig, speziell in dieser Klasse, aber das war noch lange kein Grund, derartig kretinös aus der Wäsche zu gucken. Ich probierte es mit Isaak. Keine Reaktion. D.h., ich hatte noch einen Versuch, wenn ich bis dahin nicht wenigstens einen Arm in der Luft hatte, würde ich die Aufmerksamkeit des Publikums verlieren. Abraham? Wir früher hätten Vader Abraham gekannt, aber die hier? Esau war als Name vollkommen daneben, den würden sie mir bloß verballhornen. Bethel? Könnte gehen, vielleicht hatte einer bei der Altkleidersammlung vor vier Wochen ausnahmsweise mal aufgepaßt.

Es meldete sich eine Anna-Lena. Der Jakob hinter ihr haue sie immer mit dem Lineal in den Nacken, und das zwicke so, weil daß Lineal nämlich einen Sprung habe. Ich konfiszierte das Lineal und klopfte mir den Schleim von den Bronchien. Ich würde aufpassen müssen, daß mir die Stimme nicht in den Kopf stieg, wie sie es bei erhöhtem Blutdruck leider tut. Himmelsleiter – schon mal gehört? Was ist eine Leiter?

Na endlich. Sieben Jakobs und sechs Anna-Lenas gehörten der Jugendfeuerwehr an. Leiterexperten allesamt. Bzw. die Mädchen nicht, wie der Jakob des Ortsbrandmeisters hervorhob, die spielten nur mit den Erste-Hilfe-Koffern. Die Mädchen dementierten und huben an, kränkende Vermutungen über die Männlichkeit namentlich genannter Feuerwehrleute zu kolportieren, wobei sie ihre Mütter, bzw. „jeden im Dorf“ als Autoritäten für diese überlieferte Wirklichkeit anführten. Ich untersagte das Ausstreuen bösartiger Gerüchte, insbesondere das über den Jugendbrandmeister, seine Mutter und seine Schäferhündin, für das der Jakob des Ortsbrandmeisters der betreffenden Anna-Lena sofort „eine verpuhlen“ wollte. Ich untersagte das Hauen von Mädchen und führte meinerseits „jeden“ als Autorität für diese Maxime gegen den Jakob ins Feld, was dafür sorgte, daß seine Zwillingsschwester Anna-Lena, mit der Begründung, sie sei ja kein Junge, auf die „Schlampe“ los ging.

Ich untersagte die Verwendung des Wortes „Schlampe“ und klopfte mir den Schleim von den Bronchien. Wäre es nach den Mädchen gegangen, wäre ich in dieser Frage überstimmt worden. Begründung: das sagten doch alle. Sie sagten das aber nicht, sagte ich, nicht in meinem Unterricht, und nicht, solange ich in der Klasse sei. Eine der schüchterneren Anna-Lenas, die sich immer nur so zaghaft meldet, daß man nicht weiß, ob sie sich an der Nase kratzt oder den Arm noch von letzter Woche her in der Luft hat, hatte sich wohl schon eine zeitlang gemeldet, war aber nicht in mein Aufmerksamkeitszentrum gedrungen. Als ich sie aufrief, überraschte sie mit dem Hinweis, ihr Nachbar, der Klavierlehrer, der habe drei Katzen, drei Kater, und einer dieser Kater, der mittlere, der heiße Isaak.

Ach, sagte ich erfreut, bzw. mit leicht schlechtem Gewissen, denn die Anna-Lena mußte den Arm ja schon seit meiner Isaak-Frage oben haben. Aber was hieß bei ihr schon oben.
Und die beiden anderen, ermunterte ich sie, wie die denn hießen? Abraham heiße der eine, der ganz alte, und der junge heiße Jakob. Sehr schön, sagte ich, sie möchte doch ein bißchen mehr erzählen, und nicht so schüchtern sein, es reiße ihr ja niemand den Kopf ab. Na?

Nein, mehr erzählen könne sie nicht, sie dürfe die Nachbarn nämlich nicht besuchen, weil ihre Mama gesagt habe, daß die Nachbarin eine Schlampe sei.

Ich würde ihr den Kopf abgerissen haben, ich bin sicher, daß ich ihn abgerissen haben würde, aber ein gnädiges Geschick hat mich vor dieser Sünde bewahrt. Das Klopfen an der Tür lenkte meine Aufmerksamkeit im richtigen Moment ab, und beinahe hätte der Apfel, den ich schon als Wurfgeschoß in der Hand hielt, Germanistenfuzzi getroffen. Der war gekommen, um mir mitzuteilen, daß die Frau Kollegin vom Sport im Sekretariat angerufen habe, nachdem sie es vergeblich auf meinem Handy probiert habe.
Ich solle unter keinen Umständen vergessen, daß ich Klein-Hapob aus dem Kindergarten holen müsse, weil sie mit Anna-Lena zum Hals-Nasen-Ohrenarzt gegangen sei und nicht rechtzeitig zurück sein werde.

Das hatte ich zwar momentan vergessen, aber es wäre mir schon noch wieder eingefallen. Ich wisse, sagte ich zu ihm, daß meine Frau beim Arzt sei und ich unseren Sohn abholen müsse. Das wisse ich! Das brauche man mir nur dreimal zu sagen! Nicht viermal! Dreimal genüge vollauf!!
Leider sagte ich es mit Kopfstimme, woraufhin Germanistenfuzzi äußerst beleidigt den Kopf zurückzog, nachdem er tief aus dem Bauch heraus argumentiert hatte, wenn ich mit der Frau Kollegin vom Sport etwas zu klären hätte, sollte ich das bitteschön zuhause erledigen, und wenn er uns als postillon d’amour nicht gut genug sei, sollten wir ihn da einfach rauslassen, ok?, er werde sich deswegen bestimmt nicht in den Schlaf schluchzen müssen, sich allerdings als Überbringer für die Botschaft peitschen lassen, werde er auch nicht, und es sei dies alles doch wohl kein hinreichender Grund dafür, derart malerisch auszurasten, und betont würdevoll die Tür schloß.

Die biblische Botschaft

Interessanterweise hingen die Kinder jetzt gespannt an meinen Lippen, anscheinend mochten sie es, wenn ein bißchen Leben in der Bude war, und ich beschloß, in dem Rest Zeit, der mir noch blieb, wenigstens die blanke Fabel rüberzubringen, die zwar eigentlich nur Sprungbrett ins Thema der Stunde gewesen sein sollte, aber fort mit Schaden.

Vor mir lag der Apfel. Ich nahm ihn und wog ihn. Er lag gut in der Hand. Wollte sich einer mit mir anlegen, würde ich ihn werfen. Ich würde nicht gezielt nach dem Kopf werfen, aber ich würde auch nicht daneben zielen. Es läge bei Gott.

Also: Esau und Jakob waren Zwillinge, wie Jakob und Anna-Lena, bloß daß Esau rote Haare hatte, und Anna-Lena hat schwarze, und Esau hatte Haare am ganzen Körper, und wenn noch einer von Euch „pieps“ sagen will, oder „mucks“, oder „Igitt, wie eklig“, dann soll er es jetzt sagen, denn danach will ich keinen Ton mehr hören, habe ich mich deutlich genug ausgedrückt, Anna-Lena? Fein. Das gilt auch für dich, Jakob. Nein, Esau ist kein komischer Name, das ist ein ganz normaler Name, es kann schließlich nicht jeder Jakob heißen.

Ich weiß, daß du keine Linsen magst, aber das ist kein Grund, Geräusche zu machen, als wärest du ein Handy mit ganz besonders ekligem Klingelton. Esau mochte Linsen gern, und deswegen hat er Jakob die Linsen abgekauft. Was willst du wissen, Anna-Lena? Seinem Bruder Jakob, ganz richtig. Das ist mir egal, ob du deinem Bruder Spaghetti abkaufen würdest, oder ob du sie ihm einfach wegnehmen würdest, Esau jedenfalls hat die Linsen gekauft, und sein Erstgeburtsrecht dafür gegeben, und Jakob brauchte dann noch den Segen von seinem Papa, was, wie? Ja richtig, der Papa von Jakob und Esau hieß Isaak, Abraham war der Opa. Die Mama hieß Anna-Lena. Nein, Quatsch, die Mama hieß Rebekka. Und bei der Geburt hatte Esau die Ferse von Jakob im Mund, der wollte zuerst raus, und hat gestrampelt, umgekehrt, Jakob die Ferse von Esau, nicht im Mund, in der Hand. Deswegen war Esau der Erstgeborene, und der kriegte den Segen. Das war eben so. Von mir aus hätten auch beide den Segen kriegen können, aber die Geschichte geht eben anders.

Und der Papa konnte nicht mehr gut sehen, der war schon alt, und als Jakob den Segen von seinem Papa holen will, tut er so, als wäre er Esau, indem er sich Pulswärmer und Halskrause aus Bocksfell anzieht, so daß der Papa, wenn er ihn streichelt, glaubt, das sei der haarige Esau. Was willst du, Jakob? Wieder behaupten, daß das eklig sei? Nein, es gab damals noch keine Enthaarungscreme, Anna-Lena. Was ein Segen ist? Weiß du, was ein Pflug ist? Das heißt nicht „Häh?“, Anna-Lena, das heißt „Wie bitte?“ Wie bitte? Ja, natürlich habe ich Fluch gemeint, nicht Pflug. Weißt du, was ein Fluch ist? „Verdammt“ ist kein Fluch. Verdammt ist ein lächerlicher Abklatsch von einem Fluch, allenfalls zu gebrauchen für Leute, die keine Zeit haben, sich einen richtigen Fluch auszudenken, und aber rasch jemanden verfluchen müssen. „Häßlich sollst du sein, häßlich wie die Nacht, von Tag zu Tag sollst du häßlicher werden, so häßlich, daß die Spiegel von den Wänden fallen, aus Angst, du könntest im Vorbeigehen einen Blick in sie werfen, die Haare sollen dir ausgehen bei dem bloßen Gedanken an deine teigige Haut, selbst Schuppen und Mitesser, Flechte und Grind sollen dich fliehen, aus Angst mit dir zusammen gesehen zu werden“, das ist ein Fluch. Hör auf zu weinen, Anna-Lena, du warst nicht gemeint, das war nur ein Beispielfluch.
Der Segen ist das Gegenteil davon. Hausaufgabe: bis zum nächsten Mal denkt sich jeder von euch einen Segen aus: Anna-Lena, du segnest Jakob, Jakob, du segnest Anna-Lena. Doch, du kannst. Gib dir Mühe. Und das gilt für alle: jeder segnet seinen Tischnachbarn. Was? Jeder segnet seine Nachbarin, und jede segnet ihren Nachbarn. Jetzt deutlich genug?

So, nachdem Isaak den Jakob gesegnet hat, schwört Esau, ihm aus Rache den Kopf abzureißen, und Jakob denkt, es ist besser wenn er zuhause auszieht und ins Ausland geht, da kann er Esau aus dem Weg gehen, und da wohnt auch sein Onkel, und seine Mama und sein Papa sagen, daß er seine Cousine heiraten soll, weil seine Mama die Mädchen aus dem Dorf sowieso alle für Schlaääh, sowieso alle nicht ausstehen kann. Da gibt es gar kein „buh“ zu sagen, das war ja nicht euer Dorf, und das ganze ist auch schon ewig her. Doch, man darf seine Cousine heiraten, seine Schwester darf man nicht heiraten. Noch Fragen?

Ach so. Unterwegs wird es Nacht, und Jakob muß unter freiem Himmel übernachten, und er nimmt einen Stein als Kopfkissen und schläft ein und träumt, und im Traum sieht er eine Leiter, die von der Erde bis zum Himmel geht, und an dieser Leiter steigen Gottes Engel auf und ab. Und weil er so beeindruckt ist von seinem Traum, baut Jakob an dieser Stelle einen Tempel und erfindet die Kirchensteuer.

So weit, so gut. In den verbleibenden drei Minuten noch auf den Symbolcharakter von Träumen einzugehen, war wohl nicht klug, ließ ich sie das ganze also wörtlich nehmen. Doch man konnte einen Stein als Kopfkissen nehmen, wenn man in der Wüste unterwegs war, und nichts andres hatte, dann ging das. Nein, ich wußte nicht, wie lange ein Engel von unten nach oben gebraucht hatte, ich wußte wahrhaftig nicht, ob es sich um eine Schiebeleiter oder eine Seilzugleiter gehandelt hatte, ich wußte noch nicht mal, was der Unterschied war, Herr Ortsbrandmeister jr. Ja doch, ich nahm an, daß es sich um eine hölzerne Leiter gehandelt haben werde, ob sie irgendwo angelehnt gewesen war, wußte ich nicht, vielleicht an einer Wolke, vielleicht waren Wolken aber auch zu weich und fluffig, um Leitern dagegenzulehnen, denkbar war auch eine Stehleiter klar, die aber dann unten ziemlich weit auseinandergeklafft haben dürfte, richtig, Anna-Lena, eine Stehleiter würde in der Tat das Problem von Engelgegenverkehr gelöst haben, ja, Pappschilder mit Pfeilen nach oben und nach unten am Fuß der Treppe wären sicher eine gute Idee gewesen, vorausgesetzt, die Engel hätten sich auch daran gehalten, und ebenso richtig, Jakob, dein Einwand, daß eine Stehleiter sehr anfällig für Seitenwind gewesen sein dürfte, denn bei Jakob im Garten war während des Sturms neulich eine Stehleiter umgeflogen, Junge du!

Gong. Der hat das Unterrichtsziel erreicht, der den Gong noch erlebt.

Nein, ich hatte den Schlüssel für den Klassenschrank nicht. Den mußte Jakob noch haben. Wenn Jakob ihn nicht hatte, hatte ihn vielleicht Anna-Lena. Ich verbot mir jede Spekulation darüber, wo sie den Schlüssel hatte, wenn sie ihn hatte.

Nein, ich würde niemanden leibesvisiteren. Sollten sie sehen, wie sie ihre Handys wiederkriegten. Für meinen Geschmack waren die im Wandschrank nicht schlecht aufgehoben. Dann jedenfalls, wenn die Akkus erst leer wären; momentan war da ein rechter Radau.

Ja, mag sein, daß ich mich formaljuristisch gesehen an irgendwas versündigte, wenn ich die Klasse jetzt verließ, aber sollte ich vielleicht warten, bis die Superintendentin hier auflief? Die Bande nach draußen zu treiben überließ ich Germanistenfuzzi, der die Pausenaufsicht hatte.

Das letzte, was ich hörte, war die Ankündigung Jakobs: Na warte, dich werd ich erstmal segnen.

Sprachschutz ist Mutterschutz

Am Rande einer Pressekonferenz der Christlich-Demokratischen Muttersprachler (CDM) treffen sich zwei Fremdsprachenkorrespondenten. Muttersprachler alle beide, in ihrer jeweiligen Sprache, stehen sie etwas abseits, ihre Notebooks unter dem Arm, und warten darauf, daß der Hotspot frei wird. Man kennt sich:

Sieh an, Sapir, Sie auch hier?

Whorf! Nein, mein Lieber, ich bin hier. Sie sind auch hier.

Warten Sie schon lange?

Müßte gleich weitergehen. Wie sieht’s aus, gehen wir zusammen essen?

Keine Zeit. Muß noch in die Stadt, Radios kaufen.

Ein Radio?

Nicht ein Radio. Radios. Mehrzahl, unbestimmte.

Wieviele brauchen Sie denn?

Oh, so Stücker drei, vier. Die halten ja nicht lange. – Und, wie finden Sie die Konferenz?

Geht so. Gute Laune haben die ja nicht.

Wußten Sie, daß es im Deutschen 200 verschiedene Ausdrücke für Schlechte Laune gibt?

Ah, kommen Sie, das ist doch ein urban myth.

Mutterwort!

Was für’n Ding?

Mother-tongue!

Jetzt fangen Sie nicht auch an. – Das ist doch einer dieser populären Mythen, unausrottbar, aber widerlegt.

Ist es nicht.

Nicht? Ach richtig! Daß Ihr Hopi keine Ausdrücke für Zeit habt, ist ja auch nicht widerlegt.

Doch. Eben erst, vorhin, unlängst, gestern, bald schon, unter den Merowingern, eines schönen Morgens während der Erbfolgekriege – wollen Sie noch mehr?

Sie haben doch eben selbst gesagt, Sie haben keine Zeit.

Wisenheimer!

Mutterwort!

Schlauberger!

Brav!

Daß das ein urban myth …

Vorsicht mit Lehnwörtern …

… ist, wer wüßte das besser als Sie!

… : Sprachschützer allerwärts!

Sprachschützer? Spinner, wenn Sie mich fragen.

Eben hatte ich Sie fragen wollen. – Spinner, sagen Sie?

Schlecht gelaunte Spinner. Wie bei uns daheim. Wir sollen jetzt Hopi von Navajoeinsprengseln rein halten.

Nein! – Tatsache? Sie wollen mich auf den Arm nehmen?

Will ich nicht. Dasselbe wie hier. Geht ein bißchen mehr ins Grüne, ist aber dasselbe.
Diese Sprachheilpraktiker machen alle denselben Fehler: es liegt an der Ernährung, sagen sie. Krankheit gibt es eigentlich gar nicht, es gibt bloß falsche Ernährung. Darum sollen wir kein Navajo in den Mund nehmen, und die hier kein Englisch. Der Hopi-Darm verdaut wahrscheinlich kein Navajo, und der deutsche kein Englisch. Das führt dann zu unreiner Gesichtshaut, Clearasilresistenz, Grützbeuteln und Warzen mit ungleich langen schwarzen Haaren drauf.

Und zu schlechter Laune.

Schlechte Laune haben die hier sowieso. Aber am Unterbauch bilden sich nässende, eiterfarbige Tentakel.
In Wahrheit ist das verschleppte Religiosität.Wir sollen nichts essen, von dem in der Schrift steht, daß es unrein ist.

In welcher Schrift?

In irgendeiner Schrift. Alle haben sie irgendeine Schrift, in der steht, daß sie das sind wofür sie sich halten, und deswegen dürfen sie keinen Klippdachs essen.

Klippdachs? Was für Klippdachs?

Klippdachs halt. Klippdachsklippdachs. „Ein schwaches Volk, und doch baut es seine Häuser im Felsen“.

Häuser im Felsen? Sie meinen Pueblo Indianer?

Nein, ich meine Klippdachs. Soll man nicht essen. Ist unrein. – Darum gehts denen nämlich: die Sprache rein halten. Was soll das überhaupt heißen: rein? Sowas wie sauber? Ein Bett ist sauber, wenn es frisch bezogen ist, und wenn niemand ein Glas Pflaumenmus drin ausgekippt hat. Aber wer macht das denn? Und wenn es einer macht, wird er wissen, warum er es macht und was er davon hat. Und wen geht das was an? Nicht die Heilpraktiker, die drum herumstehen und von Reinheit faseln.

Geht das denn überhaupt?

Aber um Pflaumenmus geht’s denen nicht. Es geht um Klippdachse. Mama soll nicht mit Klippdachsen ins Bett gehen. Mama soll am besten überhaupt mit niemandem ins Bett gehen. Mama Sprache.

Ich meine, wie groß ist denn so ein Klippdachs?

So hat jeder Tribe seinen Klippdachs. Denen hier ihr Klippdachs ist Englisch. Bei uns ist es Navajo. Ich sagte es wohl schon.

Sie sagen es.

Rassisten, das. Wenn ich eine Navajo heiraten will, tue ich das, und dann zeugen wir so viele kleine Navajo-Hopi-Bankerte, wie wir wollen.

Bankerte?

Igen. Bankerte. Und nicht etwa *Bankerts.

*Bankerts?

Ja. Das ist ein Phänomen, dessen sich die Sprachheilpraktiker mal annehmen sollten: die Durchsetzung der Sprache mit nichtsprachlichen Elementen.

? – Was könnte das denn sein?

Nun, Heckenscheren, Pflaumenmus, messingne Kistengriffe, trockener Bisondung, ausgepustete und bemalte Eierschalen, ölige Fahrradkettenentnieter mit verbogenem Dorn, gelochte Pappfahrkarten von 1963, was Sie wollen. So Kram halt. Und natürlich *Finals.

*Finals?

Hab ich gestern im Radio gehört. Sportjournalist. Erzählte was von *Finals. Mehr hab ich nicht mitgekriegt, mir fällt dann immer der Kaffee aus der Hand. – Es übrigens nicht so, daß sich fallengelassene Kaffeetassen im Inertialystem immer beschleunigt in Richtung Erdmittelpunkt bewegen würden. Manche bewegen sich auch tangential. Die, die mein Radio kaputtgemacht hat, bewegte sich sogar ein bißchen nach oben.

Aha? Ach so? Deshalb brauchen Sie ein neues Radio. Und was hat das mit den nichtsprachlichen Elementen in der Sprache zu tun?

*Finals ist solch ein Element. Darauf sollten die Sprachheilpraktiker mal ihr Ohrenmerk richten. Wenn Sie so etwas hören, versucht Ihr Sprachzentrum nämlich, das Gehörte mit dem gespeicherten Wörterbuch abzugleichen; es ist nicht drin; es versucht, einen neuen Eintrag zu schreiben; der mißlingt wegen Datentypsverletzung. Sie wissen ja, wie Oracle reagiert, wenn Sie versuchen, blobdata in eine varchar(20) Kolumne zu sperren.

Ich habe keine Ahnung. Wie reagiert Oracle?

Unwirsch.

Und was ist überhaupt Oracle.

Im Hirn ist das genauso. Bei jedem gescheiterten Insert verletzen die nichtsprachlichen Gegenstände die empfindlichen Ganglien, und es kommt zu Sickerblutungen.

Nun übertreiben Sie mal nicht so maßlos.

Ich übertreibe nicht. Wenn sie in ihrer Besteckschublade einen Einsatz haben, in dem Löffelchen bei Löffelchen und Gäbelchen bei Gäbelchen liegt, und sie versuchten, eine Heckenschere in die Lade zu zwängen, dann ginge das auch nicht ohne innere Blutungen ab.

Ihr Vergleich hinkt.

Er hinkt nicht.

Alle Vergleiche hinken.

Dieser nicht.

Ah, nein. Dieser natürlich nicht. Alle mal herhören: ihm hier seine Vergleiche hinken nicht! Man nennt ihn auch den Gottvater des Nicht Hinkenden Vergleichs.

Nennt man mich nicht. Auch meine Vergleiche hinken bisweilen. Aber dieser hinkt nicht.

Alle Vergleiche hinken, ich hab’s schon mal gesagt.

Und schon einmal Unrecht gehabt. Wenn alle Vergleiche hinkten, spräche man nicht von einem hinkenden Vergleich. Ein hinkender Vergleich wäre dann so etwas wie eine kriechende Schlange, ein säuselnder Zephyr, ein stummer Fisch, eine schwatzhafte Elster. Wann haben sie das letztemal von einem säuselnden Zephyr gesprochen?

Wüßte ich jetzt nicht auf Anhieb.

Na bitte.

Die falsche Analogie liegt darin, daß es sich bei einer Heckenschere schließlich nicht um Besteck handelt.

Ja und? Bei *Finals handelt es sich ja auch nicht um Sprache.

Nicht um Hopi, jedenfalls.

Nicht nicht um Hopi. Das wäre mir ja egal, ob einer Navajo oder Hopi spricht, oder beides durcheinander.

Aber *Finals ist doch Navajo.

[‚fI-n&lz] wäre Navajo. Wenn sie das ja sagen würden. Tun sie aber nicht, sie sagen *Finals.

Naja, sie sprechen es halt eben so aus, als wäre es Hopi.

Tun sie nicht. *Finals klingt nicht wie Hopi. Wenn einer auf Hopi [‚i-dE-&ts] sagen will, sagt er Idioten, nicht *Idiots.

Aber bei Fremdwörtern ist es doch so, daß man die Mehrzahl ruhig mit s bilden kann, …

In Hopi? Nein. In Navajo ja.

… und Finale ist ja ein Fremdwort, …

Telephon ist auch ein Fremdwort. Sagen Sie *Telephons?

… bei dem man nicht so ohne weiteres sagen könnte, wie der korrekte Plural lautet …

Doch.

… Die Finalen? Finalia?

Beides falsch.

Los finalos?

Wie wäre es mit Endspiele? Und, wenn das zu dolle deutsch klingt und die zarte Sportjournalistenseele belastet, wie wäre es dann mit Finalspiele – oder Finalläufe – oder was immer der Sportart angemessen wäre? Und wem auch das noch zu umständlich ist, der soll doch bitteschön wenigstens [‚fI-n&lz] sagen.

Das wollen die Christlich-Demokratischen Muttersprachler nicht.

Die sollen stille schweigen. Diese Chauvinisten wollen bloß nicht, daß Plastiklöffel bei ihrem Familiensilber liegen.
Die haben vielleicht Sorgen, die Seelchen. We are not amused!
Sollen wir nicht mehr sagen, in Zukunft. Was werden die statt dessen sagen?

Hm. Vielleicht: wir haben schlechte Laune?

Das weiß doch eh jeder. – Familiensilber! Was die halt so für Silber halten. Aber nicht merken, wenn Heckenscheren dazwischen liegen, oder etwas Bleiches aus dem Sumpf, etwas, daß man besser nicht im Tipi hat. *Finals z.B.
Wenn Sie ihren Komposthaufen umsetzen, dann finden sie manchmal so ein Ding, dessen Herkunft nicht eindeutig bestimmbar ist, es ist nicht flüssig, tropft nicht, hängt alles zusammen und bildet so lange Molekülketten. So hoch können Sie die Forke gar nicht heben, das es nicht immer noch auf der Erde schleifen und überall hängenbleiben würde. Lovecraft will sowas hin und wieder in Neuengland gesehen haben. Er rudert dann immer etwas bei dem Versuch, den Geruch mit Worten zu beschreiben. Ich sage: laß es. Er ist nicht zu beschreiben.

Der Hotspot rauscht.

Hah, jetzt hab ich Sie. Es gibt doch Fremdwörter, deren Plural in Hopi mit s gebildet wird.

Beispiele bitte!

Hotspots.

Hotspots ist Navajo.

MP3s.

Dummes Zeug. Drei ist doch schon Plural, da brauchen Sie doch kein s dranzuhängen. Die drei Musketiere. Die drei von der Tankstelle. Sie können auch sagen: Die Tankstellen-Drei. Oder eben Die MP-Drei.

Die Tür geht auf. Lovecraft kommt aus dem Hotspot, eine gewaltige Wolke mit sprachlichen Mitteln nicht erfaßbaren Gestanks nach sich ziehend. Man grüßt sich. Sapir hält die Klinke und fragt:

Und Sie sind sicher, nicht mit essen gehen zu wollen? – Ach richtig, Sie wollten in die Stadt. Was brauchten sie noch?

*Radios.

Einmal war Paul Watzlawick gestorben

und machte sich auf den Weg zur Himmelstür.

Aber unterwegs kamen ihm Zweifel. Was, wenn St. Peter mich gar nicht in den Himmel lassen will? Letztens erst hat er es wochenlang regnen lassen. Vielleicht war er schlecht gelaunt. Vielleicht hat er aber die schlechte Laune auch nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn ich St. Peter wäre, ich würde ihn sofort in den Himmel lassen. Und warum er mich nicht? Wie kann man seine Position als Türsteher so ausnutzen? Leute wie dieser St. Peter vergiften einem das Leben. Wo hat er das St. eigentlich her? Wahrscheinlich bei einer obskuren amerikanischen Kirche gekauft. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er den Zugang zum Paradies kontrolliert. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmte er los Richtung Himmelstor.

Aber unterwegs kamen ihm Zweifel. Was, wenn mich St. Peter nun in den Himmel läßt, obwohl er mich eigentlich gar nicht drin haben will? Vielleicht läßt er mich nur rein, weil er Anweisung von oben hat. Oder er tut so, als hätte er Anweisung von oben, aber, so läßt er durchblicken, wenn er könnte wie er wollte, dann kämen so Typen wie ich nicht in seinen Himmel. Oder er läßt sich gar nichts anmerken und ist betont neutral. Das sind die schlimmsten. Die einen nicht leiden können, aber so ein glattes Gesicht machen, als wollten sie sagen, seht her, ich habe mich in der Gewalt. Ich muß es mir nicht anmerken lassen, wenn ich jemanden nicht leiden kann. Nicht wie gewisse andere Leute. Damit man, wenn man drin ist, sich die ganze Zeit eklig fühlt. Solche Typen vermiesen einem den ganzen Tod. Dabei laß ich es mir gar nicht anmerken, wenn ich etwas gegen jemanden habe. Was soll diese Unterstellung? Aber mit uns kann ers ja machen, wir müssen ja alle hier an seinem Portierskasten vorbei und Kratzfuß machen. Ich geb ihm Kratzfuß! – Und er stürmte los Richtung Himmelstor, trommelte an die Portiersbutze, und als St. Peter die Scheibe hochschob, zog er ihn am Latz und brüllte, bevor St. Peter noch „Herr Watzlawick, welche Ehre und welche Freude!“ sagen konnte, „Wissen Sie, was Sie von mir aus mit Ihrem Paradies machen können, Sie Flegel?!“

Und er machte auf dem Absatz kehrt und schritt hoch erhobenen Hauptes Richtung Hölle. Aber unterwegs kamen ihm Zweifel …

Stagnation

„geschaltet“ vs. „geschalten“

Googlefight result am 03.04.2007: 3.240.000 vs. 215.000. (Ratio: 15,06, Vorwoche: 15,38)

Parteien

Sozialdemokratische Partei wirbt mit Wähler-Abzocke

Überhöhte Preise wegen fehlender Konkurrenz: Dieses Prinzip gilt nicht nur für die großen Energiekonzerne, sondern auch für Parteien in Bund, Ländern und Gemeinden. Die Firma SPD hatte sogar die Chuzpe, in einem Prospekt für Investoren offen damit zu werben.

Berlin – Die SPD hat die wettbewerbsschädlichen Strukturen der Branche indirekt bestätigt. Wie die „Financial Times Deutschland“ berichtet, hat die Partei in einem vertraulichen Papier das Oligopol auf dem deutschen Markt beschrieben, um bei Investoren zu werben. Kernaussage: Der schwache Wettbewerb in der Branche mache das Unternehmen für Anleger besonders interessant.

Die SPD ist ein Stellvertreter-Unternehmen mit Sitz in Berlin, das den politischen Willen privater Wähler artikuliert. Gemeinsam mit dem Konkurrenten CDU beherrscht die SPD laut „FTD“ mehr als die Hälfte des deutschen Marktes. Verbraucherschützer klagen schon seit langem, dass Wettbewerb da kaum möglich sei.

Dem SPD-Papier zufolge trägt das Oligopol dazu bei, operative Gewinnmargen von „über 40 Prozent vor Sonderposten zu erzielen“. Das Papier ist für Kaufinteressenten erstellt worden. Es könnte erklären, warum Finanzinvestoren bereit sind, für politische Parteien enorme Preise zu bezahlen.

Erst kürzlich wollte die australische Bank Macquarie das Unternehmen CDU für einen Milliardenbetrag übernehmen, scheiterte aber am Widerstand von Hedgefonds, die ihre Anteile nicht verkaufen wollten. Angesichts der lockenden Renditen ein verständliches Ansinnen. Die SPD selbst war gerade erst für 2,4 Milliarden Euro inklusive Schulden vom Investor CVC an den Investor Charterhouse verkauft worden.

Parteien wie CDU oder SPD vertreten in Parlamenten wie dem Bundestag, den Landtagen, Kreistagen, Bezirks- und Stadträten den Souverän und artikulieren seinen Willen. Den Preis für diese Dienstleistung bezahlen die Wähler mit direkten und indirekten Steuern sowie Abgaben. An den Gesamtkosten der Stellvetreterdemokratie macht die Willensbildung durch die Parteien einen mehrstelligen Prozentbetrag aus.

Das von der SPD gemeinsam mit der Deutschen Bank und Goldman Sachs erstellte Papier bringt die Branche nun in Erklärungsnot. „Es gibt kein Oligopol“, sagt ein Sprecher des deutschen Bundestages. Die SPD selbst wollte den Bericht nicht kommentieren. Marktführer CDU weist die Vorwürfe zurück. Auf dem deutschen Markt für politische Willensbildung und Wählervertretung gebe es keine Wettbewerbsbeschränkungen. „Es gibt einen Preiskampf in der Branche“, sagt eine CDU-Sprecherin.

Das Kartellamt sagt dem Bericht zufolge, es habe keine Handhabe gegen die vermutete Preistreiberei. Nur bei einer geplanten Fusion könnten die Kartellwächter einschreiten. So untersagte das Bundeskartellamt im Jahr 2004 dem WASG-Konzern, der damals noch ASG hieß, den Wettbewerber PDS zu übernehmen.