Sprachschutz ist Mutterschutz

Am Rande einer Pressekonferenz der Christlich-Demokratischen Muttersprachler (CDM) treffen sich zwei Fremdsprachenkorrespondenten. Muttersprachler alle beide, in ihrer jeweiligen Sprache, stehen sie etwas abseits, ihre Notebooks unter dem Arm, und warten darauf, daß der Hotspot frei wird. Man kennt sich:

Sieh an, Sapir, Sie auch hier?

Whorf! Nein, mein Lieber, ich bin hier. Sie sind auch hier.

Warten Sie schon lange?

Müßte gleich weitergehen. Wie sieht’s aus, gehen wir zusammen essen?

Keine Zeit. Muß noch in die Stadt, Radios kaufen.

Ein Radio?

Nicht ein Radio. Radios. Mehrzahl, unbestimmte.

Wieviele brauchen Sie denn?

Oh, so Stücker drei, vier. Die halten ja nicht lange. – Und, wie finden Sie die Konferenz?

Geht so. Gute Laune haben die ja nicht.

Wußten Sie, daß es im Deutschen 200 verschiedene Ausdrücke für Schlechte Laune gibt?

Ah, kommen Sie, das ist doch ein urban myth.

Mutterwort!

Was für’n Ding?

Mother-tongue!

Jetzt fangen Sie nicht auch an. – Das ist doch einer dieser populären Mythen, unausrottbar, aber widerlegt.


Ist es nicht.

Nicht? Ach richtig! Daß Ihr Hopi keine Ausdrücke für Zeit habt, ist ja auch nicht widerlegt.

Doch. Eben erst, vorhin, unlängst, gestern, bald schon, unter den Merowingern, eines schönen Morgens während der Erbfolgekriege – wollen Sie noch mehr?

Sie haben doch eben selbst gesagt, Sie haben keine Zeit.

Wisenheimer!

Mutterwort!


Schlauberger!

Brav!


Daß das ein urban myth …

Vorsicht mit Lehnwörtern …

… ist, wer wüßte das besser als Sie!

… : Sprachschützer allerwärts!


Sprachschützer? Spinner, wenn Sie mich fragen.

Eben hatte ich Sie fragen wollen. – Spinner, sagen Sie?


Schlecht gelaunte Spinner. Wie bei uns daheim. Wir sollen jetzt Hopi von Navajoeinsprengseln rein halten.

Nein! – Tatsache? Sie wollen mich auf den Arm nehmen?

Will ich nicht. Dasselbe wie hier. Geht ein bißchen mehr ins Grüne, ist aber dasselbe.
Diese Sprachheilpraktiker machen alle denselben Fehler: es liegt an der Ernährung, sagen sie. Krankheit gibt es eigentlich gar nicht, es gibt bloß falsche Ernährung. Darum sollen wir kein Navajo in den Mund nehmen, und die hier kein Englisch. Der Hopi-Darm verdaut wahrscheinlich kein Navajo, und der deutsche kein Englisch. Das führt dann zu unreiner Gesichtshaut, Clearasilresistenz, Grützbeuteln und Warzen mit ungleich langen schwarzen Haaren drauf.

Und zu schlechter Laune.

Schlechte Laune haben die hier sowieso. Aber am Unterbauch bilden sich nässende, eiterfarbige Tentakel.
In Wahrheit ist das verschleppte Religiosität.Wir sollen nichts essen, von dem in der Schrift steht, daß es unrein ist.

In welcher Schrift?

In irgendeiner Schrift. Alle haben sie irgendeine Schrift, in der steht, daß sie das sind wofür sie sich halten, und deswegen dürfen sie keinen Klippdachs essen.

Klippdachs? Was für Klippdachs?

Klippdachs halt. Klippdachsklippdachs. “Ein schwaches Volk, und doch baut es seine Häuser im Felsen”.

Häuser im Felsen? Sie meinen Pueblo Indianer?

Nein, ich meine Klippdachs. Soll man nicht essen. Ist unrein. – Darum gehts denen nämlich: die Sprache rein halten. Was soll das überhaupt heißen: rein? Sowas wie sauber? Ein Bett ist sauber, wenn es frisch bezogen ist, und wenn niemand ein Glas Pflaumenmus drin ausgekippt hat. Aber wer macht das denn? Und wenn es einer macht, wird er wissen, warum er es macht und was er davon hat. Und wen geht das was an? Nicht die Heilpraktiker, die drum herumstehen und von Reinheit faseln.

Geht das denn überhaupt?

Aber um Pflaumenmus geht’s denen nicht. Es geht um Klippdachse. Mama soll nicht mit Klippdachsen ins Bett gehen. Mama soll am besten überhaupt mit niemandem ins Bett gehen. Mama Sprache.

Ich meine, wie groß ist denn so ein Klippdachs?

So hat jeder Tribe seinen Klippdachs. Denen hier ihr Klippdachs ist Englisch. Bei uns ist es Navajo. Ich sagte es wohl schon.

Sie sagen es.

Rassisten, das. Wenn ich eine Navajo heiraten will, tue ich das, und dann zeugen wir so viele kleine Navajo-Hopi-Bankerte, wie wir wollen.

Bankerte?

Igen. Bankerte. Und nicht etwa *Bankerts.

*Bankerts?

Ja. Das ist ein Phänomen, dessen sich die Sprachheilpraktiker mal annehmen sollten: die Durchsetzung der Sprache mit nichtsprachlichen Elementen.

? – Was könnte das denn sein?

Nun, Heckenscheren, Pflaumenmus, messingne Kistengriffe, trockener Bisondung, ausgepustete und bemalte Eierschalen, ölige Fahrradkettenentnieter mit verbogenem Dorn, gelochte Pappfahrkarten von 1963, was Sie wollen. So Kram halt. Und natürlich *Finals.

*Finals?

Hab ich gestern im Radio gehört. Sportjournalist. Erzählte was von *Finals. Mehr hab ich nicht mitgekriegt, mir fällt dann immer der Kaffee aus der Hand. – Es übrigens nicht so, daß sich fallengelassene Kaffeetassen im Inertialystem immer beschleunigt in Richtung Erdmittelpunkt bewegen würden. Manche bewegen sich auch tangential. Die, die mein Radio kaputtgemacht hat, bewegte sich sogar ein bißchen nach oben.

Aha? Ach so? Deshalb brauchen Sie ein neues Radio. Und was hat das mit den nichtsprachlichen Elementen in der Sprache zu tun?

*Finals ist solch ein Element. Darauf sollten die Sprachheilpraktiker mal ihr Ohrenmerk richten. Wenn Sie so etwas hören, versucht Ihr Sprachzentrum nämlich, das Gehörte mit dem gespeicherten Wörterbuch abzugleichen; es ist nicht drin; es versucht, einen neuen Eintrag zu schreiben; der mißlingt wegen Datentypsverletzung. Sie wissen ja, wie Oracle reagiert, wenn Sie versuchen, blobdata in eine varchar(20) Kolumne zu sperren.

Ich habe keine Ahnung. Wie reagiert Oracle?

Unwirsch.

Und was ist überhaupt Oracle.

Im Hirn ist das genauso. Bei jedem gescheiterten Insert verletzen die nichtsprachlichen Gegenstände die empfindlichen Ganglien, und es kommt zu Sickerblutungen.

Nun übertreiben Sie mal nicht so maßlos.

Ich übertreibe nicht. Wenn sie in ihrer Besteckschublade einen Einsatz haben, in dem Löffelchen bei Löffelchen und Gäbelchen bei Gäbelchen liegt, und sie versuchten, eine Heckenschere in die Lade zu zwängen, dann ginge das auch nicht ohne innere Blutungen ab.

Ihr Vergleich hinkt.

Er hinkt nicht.

Alle Vergleiche hinken.

Dieser nicht.

Ah, nein. Dieser natürlich nicht. Alle mal herhören: ihm hier seine Vergleiche hinken nicht! Man nennt ihn auch den Gottvater des Nicht Hinkenden Vergleichs.

Nennt man mich nicht. Auch meine Vergleiche hinken bisweilen. Aber dieser hinkt nicht.

Alle Vergleiche hinken, ich hab’s schon mal gesagt.

Und schon einmal Unrecht gehabt. Wenn alle Vergleiche hinkten, spräche man nicht von einem hinkenden Vergleich. Ein hinkender Vergleich wäre dann so etwas wie eine kriechende Schlange, ein säuselnder Zephyr, ein stummer Fisch, eine schwatzhafte Elster. Wann haben sie das letztemal von einem säuselnden Zephyr gesprochen?

Wüßte ich jetzt nicht auf Anhieb.

Na bitte.

Die falsche Analogie liegt darin, daß es sich bei einer Heckenschere schließlich nicht um Besteck handelt.

Ja und? Bei *Finals handelt es sich ja auch nicht um Sprache.

Nicht um Hopi, jedenfalls.

Nicht nicht um Hopi. Das wäre mir ja egal, ob einer Navajo oder Hopi spricht, oder beides durcheinander.

Aber *Finals ist doch Navajo.

['fI-n&lz] wäre Navajo. Wenn sie das ja sagen würden. Tun sie aber nicht, sie sagen *Finals.

Naja, sie sprechen es halt eben so aus, als wäre es Hopi.

Tun sie nicht. *Finals klingt nicht wie Hopi. Wenn einer auf Hopi ['i-dE-&ts] sagen will, sagt er Idioten, nicht *Idiots.

Aber bei Fremdwörtern ist es doch so, daß man die Mehrzahl ruhig mit s bilden kann, …

In Hopi? Nein. In Navajo ja.

… und Finale ist ja ein Fremdwort, …

Telephon ist auch ein Fremdwort. Sagen Sie *Telephons?

… bei dem man nicht so ohne weiteres sagen könnte, wie der korrekte Plural lautet …

Doch.

… Die Finalen? Finalia?

Beides falsch.

Los finalos?


Wie wäre es mit Endspiele? Und, wenn das zu dolle deutsch klingt und die zarte Sportjournalistenseele belastet, wie wäre es dann mit Finalspiele – oder Finalläufe – oder was immer der Sportart angemessen wäre? Und wem auch das noch zu umständlich ist, der soll doch bitteschön wenigstens ['fI-n&lz] sagen.

Das wollen die Christlich-Demokratischen Muttersprachler nicht.

Die sollen stille schweigen. Diese Chauvinisten wollen bloß nicht, daß Plastiklöffel bei ihrem Familiensilber liegen.
Die haben vielleicht Sorgen, die Seelchen. We are not amused!
Sollen wir nicht mehr sagen, in Zukunft. Was werden die statt dessen sagen?

Hm. Vielleicht: wir haben schlechte Laune?


Das weiß doch eh jeder. – Familiensilber! Was die halt so für Silber halten. Aber nicht merken, wenn Heckenscheren dazwischen liegen, oder etwas Bleiches aus dem Sumpf, etwas, daß man besser nicht im Tipi hat. *Finals z.B.
Wenn Sie ihren Komposthaufen umsetzen, dann finden sie manchmal so ein Ding, dessen Herkunft nicht eindeutig bestimmbar ist, es ist nicht flüssig, tropft nicht, hängt alles zusammen und bildet so lange Molekülketten. So hoch können Sie die Forke gar nicht heben, das es nicht immer noch auf der Erde schleifen und überall hängenbleiben würde. Lovecraft will sowas hin und wieder in Neuengland gesehen haben. Er rudert dann immer etwas bei dem Versuch, den Geruch mit Worten zu beschreiben. Ich sage: laß es. Er ist nicht zu beschreiben.

Der Hotspot rauscht.

Hah, jetzt hab ich Sie. Es gibt doch Fremdwörter, deren Plural in Hopi mit s gebildet wird.


Beispiele bitte!

Hotspots.


Hotspots ist Navajo.

MP3s.

Dummes Zeug. Drei ist doch schon Plural, da brauchen Sie doch kein s dranzuhängen. Die drei Musketiere. Die drei von der Tankstelle. Sie können auch sagen: Die Tankstellen-Drei. Oder eben Die MP-Drei.

Die Tür geht auf. Lovecraft kommt aus dem Hotspot, eine gewaltige Wolke mit sprachlichen Mitteln nicht erfaßbaren Gestanks nach sich ziehend. Man grüßt sich. Sapir hält die Klinke und fragt:

Und Sie sind sicher, nicht mit essen gehen zu wollen? – Ach richtig, Sie wollten in die Stadt. Was brauchten sie noch?


*Radios.


Einmal war Paul Watzlawick gestorben

und machte sich auf den Weg zur Himmelstür.

Aber unterwegs kamen ihm Zweifel. Was, wenn St. Peter mich gar nicht in den Himmel lassen will? Letztens erst hat er es wochenlang regnen lassen. Vielleicht war er schlecht gelaunt. Vielleicht hat er aber die schlechte Laune auch nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn ich St. Peter wäre, ich würde ihn sofort in den Himmel lassen. Und warum er mich nicht? Wie kann man seine Position als Türsteher so ausnutzen? Leute wie dieser St. Peter vergiften einem das Leben. Wo hat er das St. eigentlich her? Wahrscheinlich bei einer obskuren amerikanischen Kirche gekauft. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er den Zugang zum Paradies kontrolliert. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmte er los Richtung Himmelstor.

Aber unterwegs kamen ihm Zweifel. Was, wenn mich St. Peter nun in den Himmel läßt, obwohl er mich eigentlich gar nicht drin haben will? Vielleicht läßt er mich nur rein, weil er Anweisung von oben hat. Oder er tut so, als hätte er Anweisung von oben, aber, so läßt er durchblicken, wenn er könnte wie er wollte, dann kämen so Typen wie ich nicht in seinen Himmel. Oder er läßt sich gar nichts anmerken und ist betont neutral. Das sind die schlimmsten. Die einen nicht leiden können, aber so ein glattes Gesicht machen, als wollten sie sagen, seht her, ich habe mich in der Gewalt. Ich muß es mir nicht anmerken lassen, wenn ich jemanden nicht leiden kann. Nicht wie gewisse andere Leute. Damit man, wenn man drin ist, sich die ganze Zeit eklig fühlt. Solche Typen vermiesen einem den ganzen Tod. Dabei laß ich es mir gar nicht anmerken, wenn ich etwas gegen jemanden habe. Was soll diese Unterstellung? Aber mit uns kann ers ja machen, wir müssen ja alle hier an seinem Portierskasten vorbei und Kratzfuß machen. Ich geb ihm Kratzfuß! – Und er stürmte los Richtung Himmelstor, trommelte an die Portiersbutze, und als St. Peter die Scheibe hochschob, zog er ihn am Latz und brüllte, bevor St. Peter noch “Herr Watzlawick, welche Ehre und welche Freude!” sagen konnte, “Wissen Sie, was Sie von mir aus mit Ihrem Paradies machen können, Sie Flegel?!”

Und er machte auf dem Absatz kehrt und schritt hoch erhobenen Hauptes Richtung Hölle. Aber unterwegs kamen ihm Zweifel …

Stagnation

“geschaltet” vs. “geschalten”

Googlefight result am 03.04.2007: 3.240.000 vs. 215.000. (Ratio: 15,06, Vorwoche: 15,38)

Parteien

Sozialdemokratische Partei wirbt mit Wähler-Abzocke

Überhöhte Preise wegen fehlender Konkurrenz: Dieses Prinzip gilt nicht nur für die großen Energiekonzerne, sondern auch für Parteien in Bund, Ländern und Gemeinden. Die Firma SPD hatte sogar die Chuzpe, in einem Prospekt für Investoren offen damit zu werben.

Berlin – Die SPD hat die wettbewerbsschädlichen Strukturen der Branche indirekt bestätigt. Wie die “Financial Times Deutschland” berichtet, hat die Partei in einem vertraulichen Papier das Oligopol auf dem deutschen Markt beschrieben, um bei Investoren zu werben. Kernaussage: Der schwache Wettbewerb in der Branche mache das Unternehmen für Anleger besonders interessant.

Die SPD ist ein Stellvertreter-Unternehmen mit Sitz in Berlin, das den politischen Willen privater Wähler artikuliert. Gemeinsam mit dem Konkurrenten CDU beherrscht die SPD laut “FTD” mehr als die Hälfte des deutschen Marktes. Verbraucherschützer klagen schon seit langem, dass Wettbewerb da kaum möglich sei.

Dem SPD-Papier zufolge trägt das Oligopol dazu bei, operative Gewinnmargen von “über 40 Prozent vor Sonderposten zu erzielen”. Das Papier ist für Kaufinteressenten erstellt worden. Es könnte erklären, warum Finanzinvestoren bereit sind, für politische Parteien enorme Preise zu bezahlen.

Erst kürzlich wollte die australische Bank Macquarie das Unternehmen CDU für einen Milliardenbetrag übernehmen, scheiterte aber am Widerstand von Hedgefonds, die ihre Anteile nicht verkaufen wollten. Angesichts der lockenden Renditen ein verständliches Ansinnen. Die SPD selbst war gerade erst für 2,4 Milliarden Euro inklusive Schulden vom Investor CVC an den Investor Charterhouse verkauft worden.

Parteien wie CDU oder SPD vertreten in Parlamenten wie dem Bundestag, den Landtagen, Kreistagen, Bezirks- und Stadträten den Souverän und artikulieren seinen Willen. Den Preis für diese Dienstleistung bezahlen die Wähler mit direkten und indirekten Steuern sowie Abgaben. An den Gesamtkosten der Stellvetreterdemokratie macht die Willensbildung durch die Parteien einen mehrstelligen Prozentbetrag aus.

Das von der SPD gemeinsam mit der Deutschen Bank und Goldman Sachs erstellte Papier bringt die Branche nun in Erklärungsnot. “Es gibt kein Oligopol”, sagt ein Sprecher des deutschen Bundestages. Die SPD selbst wollte den Bericht nicht kommentieren. Marktführer CDU weist die Vorwürfe zurück. Auf dem deutschen Markt für politische Willensbildung und Wählervertretung gebe es keine Wettbewerbsbeschränkungen. “Es gibt einen Preiskampf in der Branche”, sagt eine CDU-Sprecherin.

Das Kartellamt sagt dem Bericht zufolge, es habe keine Handhabe gegen die vermutete Preistreiberei. Nur bei einer geplanten Fusion könnten die Kartellwächter einschreiten. So untersagte das Bundeskartellamt im Jahr 2004 dem WASG-Konzern, der damals noch ASG hieß, den Wettbewerber PDS zu übernehmen.

Vorher – 9/11 – Nachher

Daß nach dem 11.9.2001 NICHTS mehr so sei wie vorher, ist umso unbestrittener, je weniger es belegt ist. Was genau ist denn nun eigentlich anders?

Das:

Vorher galt, daß niemand zweimal in demselben Fluß baden darf, weil weder er noch der Fluß derselbe geblieben sind.

Nachher gilt: Jeder darf bis zu dreimal in demselben Fluß baden, wenn entweder
a) er
oder b) der Fluß
oder c) alle beide
der-/dieselbe(n) geblieben ist/sind. Wenn nicht, wird auf Antrag entschieden.

Vorher galt, daß eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in den Himmel kommt.

Nachher gilt:
a) Reiche können Optionsscheine auf den Himmel erwerben.
b) Kamele gehen nicht durch Nadelöhre. Unfug!

Vorher gab es draußen nur Kännchen.

Nachher gibt es draußen auch Schokoladeneis, Rhabarberkuchen und Chateaubriand mit Apfelsinensoße.

Before 9/11 there was no business like showbusiness.

After 9/11 there are exactly 127 businesses like showbusiness. 128, if you like.

Vorher konnte niemand zween Herren dienen. Entweder er diente GOtt oder dem Mammon.

Nachher kann jeder sovielen Herren dienen, wie er braucht, um über die Runden zu kommen. Besser mit vier Minijobs erhobenen Hauptes verhungert, als vom Sozialstaat gegängelt und seiner Würde beraubt.

Vorher war man hinterher immer schlauer.

Nachher war man hinterher so klug als wie zuvor.

Erstens kam es anders und zweitens als man dachte.

Alles kommt genauso, wie man sich das in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hat. Wenn nicht schlimmer.

Nach dem Spiel war vor dem Spiel.

Vor dem Spiel ist vor dem Spiel. Der Ball ist eckig.

Einer ging noch, einer ging noch rein.

Das Boot ist voll.

All things were quite silent, each mortal at rest.

Things are pretty noisy nowadays. No mortal shall take a rest, relax or chill out as long as there actually are things that do not buzz, hoot, toot, honk, beep, pop, crack, clack, click, scrunch, snap, creak, shriek, trumpet, babble, gabble, cackle, chatter, gaggle, giggle, gibber, quack, yodel or urge hounds after a fox. When that is done, we’ll do it again, and listen, people, I don’t how you expect to ever stop terrorism if you can’t do it any louder than that. There’s about 10.000.000.000 of you fuckers out there and I want you to make noise! Come on!

Hosen mit Schlag waren von gestern.

Hosen mit Aufschlag sind von gestern.
Business-Hosen mit Cargo-Taschen und E-Technikern drin sind ok.

Vor dem 11.9. galt, daß vor dem 11.9. alles genauso war wie nach dem 11.9.

Nach dem 11.9. gilt:
Nach dem 11.9. ist NICHTS mehr so wie vor dem 11.9.

Kleine Freitagmorgenphantasie

Die Sonne geht auf, Sie sitzen im Zug, haben einen Platz ergattert, die Nachbarn sind vergrault, Kaffee und Schaffner sind durchgewinkt, Krakeeler keine da, der Tag nimmt Anlauf -: aber bis er mit beiden Fersen auf Ihrer Brust landet, hat es noch Weile.

Denken Sie.

Denn was lesen Sie da schönes in der Mobil?

“Niedersachsen erlaubt Gigaliner.”
Worum geht’s?

Früher war es so geregelt, daß jeder Reisende sein Gepäck entweder in der Hand oder auf den Schultern trug, hatte er mehr als am Manne Platz fand, heuerte er einen Träger an. Der klassische Reisende war etwa wie folgt bestückt: Tasche in der linken, Koffer in der rechten Hand, Schirm auf den Koffer geschnallt, Staub- oder Kleppermantel wahlweise an oder über dem Arm (dann keine Tasche), Hut auf dem Kopf.

Damit ist es vorbei. Heutzutage hat jeder Reisende einen Anhänger. Führerscheinfrei, und die meisten fahren auch so. 90°-Kurven etwa schaffen die wenigsten, ohne daß das Gefährt in Torsionsschwingungen gerät. Auch ist vielen nicht klar, das sie eine Strategie brauchen werden, wenn sie mit dem Anhänger an eine Treppe kommen, wie man sie in Bahnhöfen manchmal antrifft. Wollen sie den Anhänger dann tragen, wollen sie ihn die Treppe rauf- oder runterschleifen, oder wollen sie am Kopf der Treppe erst einmal stehen bleiben, sich den ihrigen kratzen und sich hilfesuchend umschauen?
Ein guter Teil geht erst zwei Stufen treppab, ehe er merkt, daß der Anhänger, wie ein unerfahrener Hund, nicht freiwillig mitkommt, und probiert es dann mit Kopfkratzen und Überlegen.

Der berühmte Hühnerstallarchitekt Le Courvoisier hat errechnet, daß ein Reisender mit Staubmantel und Aktentasche eine Fläche von 60 x 60 cm benötigt, um auf einem Bahnhof stressfrei überleben zu können, mit Rucksack oder Koffer 60 x 90, mit Anhänger dagegen 60 x 120 cm.
“Das heißt,” so Courvoisier, “auf einem Quadratmeter Bahnhof kriegen Sie drei klassische Reisende unter, oder aber anderthalb Reisende mit Anhänger. Halbieren können wir sie nicht, also zwei Reisende und ein Anhänger, oder ein Reisender und zwei Anhänger, oder 3 Reisende ohne Anhänger, oder ein Reisender mit Anhänger und ein Reisender ohne Anhänger, verstehen Sie?”

In etwa.

“Das heißt, bei einer angenommen Bahnhofspopulation von P und einer Anhängerquote von 60% vergrößert sich auch der Platzbedarf um 60%, steigt die Anhängerquote auf 80%, verdoppelt sich der Platzbedarf bereits.”

“Das gilt aber nur für statische Populationen, Reisende mit Bewegungsdrang – und derer gibt es viele – brauchen mehr Platz, wir müssen einen Sicherheitsabstand miteinkalkulieren, und das heißt, der Platzbedarfsanstieg bei Anhängerquotenerhöhung fällt prozentual niedriger, absolut aber natürlich höher aus.”

Und nicht nur das. “Um einen einfachen Reisenden zu überholen, brauchen sie – bei einer Geschwindigkeitsdifferenz von 1 km/h, und schneller sollte man verantwortlicherweise in einem überfüllten Bahnhof nicht laufen, auch wenn man auf Gleis 11 muß – brauchen Sie nach der gängigen Überholwegsformel ungefähr fünfzehn Meter, für einen Reisenden mit Anhänger achtzehn Meter, und wenn Sie selbst einen Anhänger haben, 22 Meter.
Diese zusätzlichen Meter müssen Sie auch erst mal haben! Die Zeiten, da ihre Oma im Bahnhof Motorrad fahren konnte, sind nun mal vorbei. Und da kommt Hirche und will Gigaliner erlauben! Ich sage ihnen, bevor Sie einen Gigaliner überholt haben, sind Sie an Gleis 11 vorbei.”

Gigaliner sind Reisende mit zwei Anhängern, hintereinandergekoppelt. Das gängige Staumodell – einfacher Anhänger mit Notebooktasche obendrauf – genügt Hirche nicht. Kritik von allen Seiten, wie z.B., was denn eigentlich geschehen solle, wenn ein Reisender am Treppenkopf stehe und zwei Anhänger überreden müsse, mit runterzukommen? oder: ein Gigaliner am Thüringer Bratwurststand blockiere doch den Tresen in Gesamtlänge! läßt ihn kalt. Dafür gebe es Lösungen. Man könne z.B. vorschreiben, daß die Gigareisenden den Fahrstuhl benutzen müssen, oder nur bestimmte Rasthöfe anfahren dürfen.

“Fahrstühle!” regt Courvoisier sich auf. “In diese Fahrstühlchen können sie vielleicht drei Hühner mitnehmen, drei Hennen vielleicht, oder drei Hähne, oder eine Henne und zwei Hähne, oder zwei Hennen … ”

Schon gut, genügt!

” … und einen Hahn, aber doch keine Gigaliner! Unsere Bahnhöfe sind schlicht zu klein. Mit Populationen in diesen Größenordnungen hat doch im 19. Jahrhundert, als die meisten Bahnhöfe konzipiert wurde, niemand rechnen können. Damals, als die Reisenden bei Wind und Wetter und teilweise überland draußen rum und zum Bahnhof liefen – die lagen ja häufig vor der Stadt -, da starben immer mal welche an simplen Erkältungen, oder der Habicht hat sie geholt.”

Was schlägt Courvoisier also vor?

“Größere Bahnhöfe. Wir reißen die bestehenden ab und verdoppeln die Grundfläche.”

In Hannover brauche er dazu vor und hinter dem Bahnhof etwa 500 Meter, “aber das genügt dann auch”. Städtebauliche Argumente, die dagegensprächen, fielen ihm keine ein.

Ihnen auch nicht. Die Idee gefällt Ihnen nicht schlecht, Sie sehen nur etwas gegen die zwölfjährige Umbauphase an.

Aber Courvoisier weiß Rat.
“Der Zugverkehr bleibt unbeeinträchtigt. Wir schließen nur den Bahnhof. Durchfahren und umsteigen können Sie, bloß nicht aus- oder zusteigen.”

Eine himmlische Vorstellung, sagen Sie? Wohl wahr. Bloß leider nicht real.

Alles “Second Life”-Tagebuch.

Wie wollen Sie sterben?

fragt die ZEIT, als sei’s eine Frage des Willens, und befragt dazu Profis (Göring-Eckhardt), zufällig Anwesende (H. Schmidt) und Leute, die es nicht gewohnt sind, zu irgendeiner Frage mal nichts zu sagen (Käßmann).

Auffällig ist, daß niemand sterben möchte ohne Zeit gehabt zu haben, sich von den Nächsten zu verabschieden, ohne seine Angelegenheiten geregelt zu haben, unter unerträglichen Schmerzen, mit Blick auf eine trostlose Krankenhausdecke, unfähig sich zu artikulieren, verkabelt und verplugged, durch Schläuche ernährt, von seelenlosen Ärzten künstlich am Leben erhalten bis die Kasse nicht mehr zahlt, ohne Beistand, zu Lebzeiten bereits vergessen, ein Madensack im Hightechambiente.

Auch bittet niemand darum, daß man sich über seine Patientenverfügung möglichst wurschtig hinwegsetzen möge.

Das erstaunt. Das hätte man so nicht erwartet.

Trotzdem, das alles bleibt Spekulation. Wer’s wissen muß und wen die ZEIT aber nicht fragt, sind die Toten.

Wir holen’s nach:

Louis XVI?

“Schnell.”

Wokadeh?

“Langsam und unter Qualen.”
Bruce Willis?

“Hard.”

Göthe?

“Nicht.”

Wie bitte?

“Nicht.”

Licht?

“Nicht. Nicht Licht. Ich will nicht sterben.”

Ach so. Sonst noch was?

“Nein. Mehr nicht.”

Bahn verdreifacht ihren Gewinn

Respekt. Das hätte ich nicht gedacht, daß der ständige Ausfall der Klimaanlagen in den ICs und ICEs im letzten Sommer derartig viel eingespart hat.

Jetzt aber: nicht stehenbleiben. Ein noch besseres Ergebnis als ein gutes Ergebnis ist ein besseres Ergebnis. Es gibt viel zu tun.

Der Sommer steht vor der Tür.

Run for what?

Well I’d rather see you dead, little girl
Than to be with another man
You better keep your head, little girl
Or I won’t know where I am

You better run for what happens to you while you’re busy making other plans if you can, little girl
Hide your head in the sand little girl
Catch you with another man
That’s the end’a little girl

Well I know that I’m a wicked guy
And I was born with a jealous mind
And I can’t spend what happens to me while I’m busy making other plans wholly
Trying just to make you toe the line

You better run for what happens to you while you’re busy making other plans if you can, little girl
Hide your head in the sand little girl
Catch you with another man
That’s the end’a little girl

Let this be a sermon
I mean everything I’ve said
Baby, I’m determined
And I’d rather see you dead

You better run for what happens to you while you’re busy making other plans if you can, little girl
Hide your head in the sand little girl
Catch you with another man
That’s the end’a little girl

I’d rather see you dead, little girl
Than to be with another man
You better keep your head, little girl
Or I won’t know where I am

You better run for what happens to you while you’re busy making other plans if you can, little girl
Hide your head in the sand little girl
Catch you with another man
That’s the end’a little girl

Na, na, na
Na, na, na
Na, na, na
Na, na, na

John Lennon, wenn er dazu noch gekommen wäre


General Motors wird nicht für Chrysler beten

Der Kreis der Sympathisanten für den US-Autobauer Chrysler wird immer kleiner. Einem Pressebericht zufolge wird General Motors für das vom Verkauf bedrohte Unternehmen nicht mitbeten. Im Rennen sind jetzt nur noch Finanzinvestoren und Zulieferer.

LONDON – GM habe sich gegen ein Gebet entschieden, weil der Konzern keine Notwendigkeit für weitere Konkurrenten sehe, berichtet die “Times” unter Berufung auf namentlich nicht genannte Personen aus dem Umfeld der Gespräche. Gebete für Chrysler sollen dem Bericht zufolge bei der Agentur Blessed, Virgin & Mary eingereicht werden, die den Mutterkonzern Adonai inc. berate.

Weder GM noch BVM waren für eine Stellungnahme zu erreichen. Ursprünglich hatte es in Presseberichten geheißen, dass GM sogar schon vor Beginn der offiziellen Gebete Mitgefühl für Chrysler gezeigt habe. Das scheint nun jedoch passé.

Unter den Betern seien der kanadische Autoteilezulieferer Magna International, der sich offenbar mit dem Finanzinvestor Ripplewood zusammengetan habe, berichtet die Zeitung weiter. Dazu kämen die Private-Equity-Firmen Cerberus Capital Management sowie die Blackstone Group gemeinsam mit Centerbridge. Magna wollte zu dem Bericht nicht Stellung nehmen, die Finanzinvestoren waren zu einem Kommentar nicht zu erreichen.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte aus Kreisen erfahren, dass Cerberus, Blackstone und Magna derzeit als aussichtsreichste Beter gelten.

Eine kleine Wahrscheinlichkeit spricht noch dafür, daß die Belegschaft von Chrysler das eine oder andere Stoßgebet für den bisherigen oder vielleicht auch schon ehemaligen Arbeitgeber übrighat. Die Wahrscheinlichkeit, daß bei solchem Kleinklein soviel spirituelles Kapital zusammenkommt, daß eine Wirtschaftsredaktion deswegen aufsteht und zum Ticker läuft, ist aber noch geringer.

Lasset uns bieten.