Kleine Freitagmorgenphantasie

Die Sonne geht auf, Sie sitzen im Zug, haben einen Platz ergattert, die Nachbarn sind vergrault, Kaffee und Schaffner sind durchgewinkt, Krakeeler keine da, der Tag nimmt Anlauf -: aber bis er mit beiden Fersen auf Ihrer Brust landet, hat es noch Weile.

Denken Sie.

Denn was lesen Sie da schönes in der Mobil?

“Niedersachsen erlaubt Gigaliner.”
Worum geht’s?

Früher war es so geregelt, daß jeder Reisende sein Gepäck entweder in der Hand oder auf den Schultern trug, hatte er mehr als am Manne Platz fand, heuerte er einen Träger an. Der klassische Reisende war etwa wie folgt bestückt: Tasche in der linken, Koffer in der rechten Hand, Schirm auf den Koffer geschnallt, Staub- oder Kleppermantel wahlweise an oder über dem Arm (dann keine Tasche), Hut auf dem Kopf.

Damit ist es vorbei. Heutzutage hat jeder Reisende einen Anhänger. Führerscheinfrei, und die meisten fahren auch so. 90°-Kurven etwa schaffen die wenigsten, ohne daß das Gefährt in Torsionsschwingungen gerät. Auch ist vielen nicht klar, das sie eine Strategie brauchen werden, wenn sie mit dem Anhänger an eine Treppe kommen, wie man sie in Bahnhöfen manchmal antrifft. Wollen sie den Anhänger dann tragen, wollen sie ihn die Treppe rauf- oder runterschleifen, oder wollen sie am Kopf der Treppe erst einmal stehen bleiben, sich den ihrigen kratzen und sich hilfesuchend umschauen?
Ein guter Teil geht erst zwei Stufen treppab, ehe er merkt, daß der Anhänger, wie ein unerfahrener Hund, nicht freiwillig mitkommt, und probiert es dann mit Kopfkratzen und Überlegen.

Der berühmte Hühnerstallarchitekt Le Courvoisier hat errechnet, daß ein Reisender mit Staubmantel und Aktentasche eine Fläche von 60 x 60 cm benötigt, um auf einem Bahnhof stressfrei überleben zu können, mit Rucksack oder Koffer 60 x 90, mit Anhänger dagegen 60 x 120 cm.
“Das heißt,” so Courvoisier, “auf einem Quadratmeter Bahnhof kriegen Sie drei klassische Reisende unter, oder aber anderthalb Reisende mit Anhänger. Halbieren können wir sie nicht, also zwei Reisende und ein Anhänger, oder ein Reisender und zwei Anhänger, oder 3 Reisende ohne Anhänger, oder ein Reisender mit Anhänger und ein Reisender ohne Anhänger, verstehen Sie?”

In etwa.

“Das heißt, bei einer angenommen Bahnhofspopulation von P und einer Anhängerquote von 60% vergrößert sich auch der Platzbedarf um 60%, steigt die Anhängerquote auf 80%, verdoppelt sich der Platzbedarf bereits.”

“Das gilt aber nur für statische Populationen, Reisende mit Bewegungsdrang – und derer gibt es viele – brauchen mehr Platz, wir müssen einen Sicherheitsabstand miteinkalkulieren, und das heißt, der Platzbedarfsanstieg bei Anhängerquotenerhöhung fällt prozentual niedriger, absolut aber natürlich höher aus.”

Und nicht nur das. “Um einen einfachen Reisenden zu überholen, brauchen sie – bei einer Geschwindigkeitsdifferenz von 1 km/h, und schneller sollte man verantwortlicherweise in einem überfüllten Bahnhof nicht laufen, auch wenn man auf Gleis 11 muß – brauchen Sie nach der gängigen Überholwegsformel ungefähr fünfzehn Meter, für einen Reisenden mit Anhänger achtzehn Meter, und wenn Sie selbst einen Anhänger haben, 22 Meter.
Diese zusätzlichen Meter müssen Sie auch erst mal haben! Die Zeiten, da ihre Oma im Bahnhof Motorrad fahren konnte, sind nun mal vorbei. Und da kommt Hirche und will Gigaliner erlauben! Ich sage ihnen, bevor Sie einen Gigaliner überholt haben, sind Sie an Gleis 11 vorbei.”

Gigaliner sind Reisende mit zwei Anhängern, hintereinandergekoppelt. Das gängige Staumodell – einfacher Anhänger mit Notebooktasche obendrauf – genügt Hirche nicht. Kritik von allen Seiten, wie z.B., was denn eigentlich geschehen solle, wenn ein Reisender am Treppenkopf stehe und zwei Anhänger überreden müsse, mit runterzukommen? oder: ein Gigaliner am Thüringer Bratwurststand blockiere doch den Tresen in Gesamtlänge! läßt ihn kalt. Dafür gebe es Lösungen. Man könne z.B. vorschreiben, daß die Gigareisenden den Fahrstuhl benutzen müssen, oder nur bestimmte Rasthöfe anfahren dürfen.

“Fahrstühle!” regt Courvoisier sich auf. “In diese Fahrstühlchen können sie vielleicht drei Hühner mitnehmen, drei Hennen vielleicht, oder drei Hähne, oder eine Henne und zwei Hähne, oder zwei Hennen … ”

Schon gut, genügt!

” … und einen Hahn, aber doch keine Gigaliner! Unsere Bahnhöfe sind schlicht zu klein. Mit Populationen in diesen Größenordnungen hat doch im 19. Jahrhundert, als die meisten Bahnhöfe konzipiert wurde, niemand rechnen können. Damals, als die Reisenden bei Wind und Wetter und teilweise überland draußen rum und zum Bahnhof liefen – die lagen ja häufig vor der Stadt -, da starben immer mal welche an simplen Erkältungen, oder der Habicht hat sie geholt.”

Was schlägt Courvoisier also vor?

“Größere Bahnhöfe. Wir reißen die bestehenden ab und verdoppeln die Grundfläche.”

In Hannover brauche er dazu vor und hinter dem Bahnhof etwa 500 Meter, “aber das genügt dann auch”. Städtebauliche Argumente, die dagegensprächen, fielen ihm keine ein.

Ihnen auch nicht. Die Idee gefällt Ihnen nicht schlecht, Sie sehen nur etwas gegen die zwölfjährige Umbauphase an.

Aber Courvoisier weiß Rat.
“Der Zugverkehr bleibt unbeeinträchtigt. Wir schließen nur den Bahnhof. Durchfahren und umsteigen können Sie, bloß nicht aus- oder zusteigen.”

Eine himmlische Vorstellung, sagen Sie? Wohl wahr. Bloß leider nicht real.

Alles “Second Life”-Tagebuch.

Wie wollen Sie sterben?

fragt die ZEIT, als sei’s eine Frage des Willens, und befragt dazu Profis (Göring-Eckhardt), zufällig Anwesende (H. Schmidt) und Leute, die es nicht gewohnt sind, zu irgendeiner Frage mal nichts zu sagen (Käßmann).

Auffällig ist, daß niemand sterben möchte ohne Zeit gehabt zu haben, sich von den Nächsten zu verabschieden, ohne seine Angelegenheiten geregelt zu haben, unter unerträglichen Schmerzen, mit Blick auf eine trostlose Krankenhausdecke, unfähig sich zu artikulieren, verkabelt und verplugged, durch Schläuche ernährt, von seelenlosen Ärzten künstlich am Leben erhalten bis die Kasse nicht mehr zahlt, ohne Beistand, zu Lebzeiten bereits vergessen, ein Madensack im Hightechambiente.

Auch bittet niemand darum, daß man sich über seine Patientenverfügung möglichst wurschtig hinwegsetzen möge.

Das erstaunt. Das hätte man so nicht erwartet.

Trotzdem, das alles bleibt Spekulation. Wer’s wissen muß und wen die ZEIT aber nicht fragt, sind die Toten.

Wir holen’s nach:

Louis XVI?

“Schnell.”

Wokadeh?

“Langsam und unter Qualen.”
Bruce Willis?

“Hard.”

Göthe?

“Nicht.”

Wie bitte?

“Nicht.”

Licht?

“Nicht. Nicht Licht. Ich will nicht sterben.”

Ach so. Sonst noch was?

“Nein. Mehr nicht.”

Bahn verdreifacht ihren Gewinn

Respekt. Das hätte ich nicht gedacht, daß der ständige Ausfall der Klimaanlagen in den ICs und ICEs im letzten Sommer derartig viel eingespart hat.

Jetzt aber: nicht stehenbleiben. Ein noch besseres Ergebnis als ein gutes Ergebnis ist ein besseres Ergebnis. Es gibt viel zu tun.

Der Sommer steht vor der Tür.

Run for what?

Well I’d rather see you dead, little girl
Than to be with another man
You better keep your head, little girl
Or I won’t know where I am

You better run for what happens to you while you’re busy making other plans if you can, little girl
Hide your head in the sand little girl
Catch you with another man
That’s the end’a little girl

Well I know that I’m a wicked guy
And I was born with a jealous mind
And I can’t spend what happens to me while I’m busy making other plans wholly
Trying just to make you toe the line

You better run for what happens to you while you’re busy making other plans if you can, little girl
Hide your head in the sand little girl
Catch you with another man
That’s the end’a little girl

Let this be a sermon
I mean everything I’ve said
Baby, I’m determined
And I’d rather see you dead

You better run for what happens to you while you’re busy making other plans if you can, little girl
Hide your head in the sand little girl
Catch you with another man
That’s the end’a little girl

I’d rather see you dead, little girl
Than to be with another man
You better keep your head, little girl
Or I won’t know where I am

You better run for what happens to you while you’re busy making other plans if you can, little girl
Hide your head in the sand little girl
Catch you with another man
That’s the end’a little girl

Na, na, na
Na, na, na
Na, na, na
Na, na, na

John Lennon, wenn er dazu noch gekommen wäre


General Motors wird nicht für Chrysler beten

Der Kreis der Sympathisanten für den US-Autobauer Chrysler wird immer kleiner. Einem Pressebericht zufolge wird General Motors für das vom Verkauf bedrohte Unternehmen nicht mitbeten. Im Rennen sind jetzt nur noch Finanzinvestoren und Zulieferer.

LONDON – GM habe sich gegen ein Gebet entschieden, weil der Konzern keine Notwendigkeit für weitere Konkurrenten sehe, berichtet die “Times” unter Berufung auf namentlich nicht genannte Personen aus dem Umfeld der Gespräche. Gebete für Chrysler sollen dem Bericht zufolge bei der Agentur Blessed, Virgin & Mary eingereicht werden, die den Mutterkonzern Adonai inc. berate.

Weder GM noch BVM waren für eine Stellungnahme zu erreichen. Ursprünglich hatte es in Presseberichten geheißen, dass GM sogar schon vor Beginn der offiziellen Gebete Mitgefühl für Chrysler gezeigt habe. Das scheint nun jedoch passé.

Unter den Betern seien der kanadische Autoteilezulieferer Magna International, der sich offenbar mit dem Finanzinvestor Ripplewood zusammengetan habe, berichtet die Zeitung weiter. Dazu kämen die Private-Equity-Firmen Cerberus Capital Management sowie die Blackstone Group gemeinsam mit Centerbridge. Magna wollte zu dem Bericht nicht Stellung nehmen, die Finanzinvestoren waren zu einem Kommentar nicht zu erreichen.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte aus Kreisen erfahren, dass Cerberus, Blackstone und Magna derzeit als aussichtsreichste Beter gelten.

Eine kleine Wahrscheinlichkeit spricht noch dafür, daß die Belegschaft von Chrysler das eine oder andere Stoßgebet für den bisherigen oder vielleicht auch schon ehemaligen Arbeitgeber übrighat. Die Wahrscheinlichkeit, daß bei solchem Kleinklein soviel spirituelles Kapital zusammenkommt, daß eine Wirtschaftsredaktion deswegen aufsteht und zum Ticker läuft, ist aber noch geringer.

Lasset uns bieten.

Wirtschaftswunder

Vor Zeiten waren ein Merkel und ein Müntefering, die sprachen jeden Tag: »Ach, wenn wir doch ein Wirtschaftswunder hätten!«, und kriegten immer keins.

Da trug sich zu, als der Müntefering einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihm sprach: »Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eines Wirtschaftswunders gewahr werden, und was mehr ist, werden die Wähler eines Wirtschaftswunders gewahr werden, desgleichen dem Weltkreis ein Novum sein wird, und was noch mehr ist, werden die Wähler das Wunder dir zuschreiben, und nicht der CDU oder den Umständen oder den Heinzelmännchen oder wem sonst Wähler Wirtschaftswunder zuzuschreiben gewohnt sind.«

Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und der Müntefering brütete ein Wirtschaftswunder aus, das war so schön, daß der Merkel vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er ladete nicht bloß seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Wirtschaftsweisen dazu ein, damit sie dem Wunder hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte einer von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Wirtschaftsweisen das Wirtschaftswunder mit ihren Wundergaben: der eine mit Wachstum, der andere mit Nachhaltigkeit, die dritte mit Binnennachfrage, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist.

Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich der dreizehnte herein. Er wollte sich dafür rächen, daß er nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief er mit lauter Stimme: »Das Wirtschaftswunder soll sich in seinem fünfzehnten Jahr an einem Hedgefonds stechen und tot hinfallen.« Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte er sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken, da trat der zwölfte hervor, der seinen Wunsch noch übrig hatte, und weil er den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte es: »Es soll aber kein Tod sein, sondern eine hundertjährige tiefe Globalisierungsangststarre, in welche das Wirtschaftswunder fällt.« Mehr …

Rentner glauben anders

Rentner glauben nicht etwas Anderes als Schwiegertöchter, aber sie glauben anders.

Mit dieser provokanten These lässt der Vorarlberger Befreiungstheologe Andreas Hofer aufhorchen. Er ist aber nicht der einzige, der sich in den letzten Jahren Gedanken über eine spezifisch Seniorenspiritualität gemacht haben. Rentner, so scheint es, haben andere Ausdrucksformen und Praktiken für ihre Spiritualität, als sie derzeit von den Institutionen angeboten wird. Vieles erscheint Rentnern in den Kirchen als „zu harmonisierend“, als „bigott“, „langweilig“, „kraft- und lustlos“, letztlich zu „fromm“. Rentnerglaube wirkt karg und einsilbig, will die eigene Lebensrealität darin finden, liebt den Einsatz von Kraft und Aggression und die Abwesenheit von Schwiegertöchtern, ist archaischer, ritualisierter, phallischer.

Rentnerspiritualität ist Spiritualität mit Motorsäge und Flex, ist Spiritualität mit Aufsitzrasenmäher. Vorbilder sind ihnen Heilige mit Unterhemd und Lenkerradio oder ein Jesus, der kraftvoll, fordernd, zornig ist, der Feuer auf die Erde wirft und das Kaminholz schön zum Trocknen aufstapelt, der die Enkel vom Kindergarten holt, den Zaun regelmäßig streicht und im Garten mit Waschbeton alles ein bißchen nett macht.

In Zeiten, in denen die Verteilung der Rollen unter den Geschlechtern neu ausgekegelt werden, in denen für stabil gehaltene Familienverbände zerbröseln, die zentrale Figur der Schwiegertochter und damit auch der Brückenkopf der Kirche in den Familien an Einfluß verliert, in Zeiten wie den unseren, sucht die Kirche nach neuen Ansatzpunkten, nach Einfallstoren, von denen aus sie unter Geländegewinn wieder auf das Terrain der Familie einsickern könnte, und entdeckt dabei eine lange für uninteressant gehaltene, weil schom im Sack geglaubte Kundschaft: den Rentner. Steuertechnisch von nur mäßigem Interesse, scheint er doch eine vielversprechende Multiplikatorenrolle übernehmen zu können, wenn man ihm nur den richtigen Honig in den Bart kleckert.

Das tut man.

Zentrales strategisches Instrument ist die Rentnerfrühstücksgruppe, hie und da notdürftig als ‘Männerfrühstücksrunde’ getarnt, aber die Zeit – Mittwoch morgens um halb zehn – spricht eine deutliche, erwerbstätigenfeindliche Sprache.

Die theoretische Munition kommt von Hofer, einer Art Eisenhans mit Rosenkranz. Seine Thesen:

Rentner sind auch Menschen

Kein Rentner lebt vom Job allein! Viele Rentner definieren sich fast ausschließlich über die Schwarz- oder Gartenarbeit oder manchmal sehr äußerliche Leistungen. Die traditionellen Rollenbilder funktionieren heute nicht mehr unhinterfragt. Die oft rapiden persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Veränderungen sind für die Rentner eine große Herausforderung. Immer mehr spüren, daß ihre Lebensorientierungen zu kurz greifen. Die Rentnerfrühstücksgruppe kann ihnen Erlebnis- und Erfahrungsräume anbieten, wo sie sich mit ihren überkommenen Rollen auseinandersetzen und neue Formen suchen können, ihren Ruhestand lebensfördernd und sinnerfüllt zu gestalten, und wo sie für anderthalb Stunden sicher vor der Schwiegertochter sind.

Die Realität spricht für Rentnerarbeit

  • Die durchschnittliche Lebenserwartung der Rentner ist um 7 Jahre kürzer als die der Schwiegertöchter.
  • Spitäler für chronisch Kranke sind von doppelt so vielen Rentnern besetzt.
  • 2/3 der Notfallpatienten sind Rentner usw.

Die Eigenschaften, die einem Rentner heute Aufstieg und Prestige versprechen, sind insgesamt eine hochgefährliche Lebensform. Von Psychologen werden Rentner beschrieben als eine Kerze, die von zwei Seiten brennt. Schwarz- und Gartenarbeit, Familie und Schwiegertochter fordern von ihnen immer mehr Energie. Deswegen brauchen sie Orte an denen sie sich wohl fühlen, erholen, auftanken und Kraft schöpfen. Kaputte Rentner machen die Welt kaputt. Wenn Rentner beginnen, achtsamer mit sich selber umzugehen, werden sie auch achtsamer mit anderen Menschen und achtsamer mit der Natur umgehen.

Rentner müssen sich emanzipieren

Die Rentner müssen sich weniger von den Schwiegertöchtern emanzipieren, sondern von sich selbst, von übertriebenem Rentner-Sein, von falschem Ruheständlerwahn. Sie müssen sich emanzipieren von einer Form des Rentner-Seins, die unter den Rahmenbedingungen der heutigen Leistungsgesellschaft auf sie selbst und auf andere zerstörend wirkt. Der Rentner, der es besonders richtig machen will, macht es bereits falsch.
Eine Portion fröhliche Verweigerung am richtigen Ort könnte für Rentner ein Überlebensmittel sein. Rentner brauchen Inseln im Alltag, wo die sozialen und beruflichen Rollen, die alltäglichen Zwänge und der Konkurrenzkampf vor der Tür bleiben. Sie brauchen Orte, wo die Platzhirsche die Geweihe an den Zaun hängen können und zur Ruhe kommen. Wo es einmal nicht um den schönsten Garten, die größte Prostata geht.

Die Frauenbewegung zwingt sie dazu

Die Frauenbewegung hat den Schwiegertöchtern viel gebracht: Rechte, die schon lange notwendig und gesellschaftliche Anerkennung, die schon lange fällig war. Die Kritik der Schwiegertöchter, wenn auch nicht immer in allem berechtigt, ist verständlich, denn die Schwiegertöchter waren immer schon die ersten Opfer fehlgeleiteter, unreifer Rentnerherrlichkeit. Deshalb sind aber Schwiegertöchter nicht von Natur aus reifer als Rentner. Die Kritik an Rentnern darf nicht auf eine Verleumdung des Ruhestands hinaus laufen.
Es ist Zeit, daß Rentner sich zusammen mit anderen Rentnern auf sich selbst besinnen, auf ihre ureigenen Pensionärsstärken. Dazu müssen sie aufhören, sich über Schwiegertöchter zu definieren. Das ist wie der kleine Junge, der ständig zur Mutter aufblickt und fragt, ob er es recht macht. Auch der große Junge, egal ob er gegen Schwiegertöchter ankämpft oder um ihre Gunst buhlt, ist getrieben von diesem Blick zur Mutter, ist abhängig vom weiblichen Segen und damit als Rentner eigentlich unfrei und kraftlos.

Starke Rentner sind starke Partner

Den Scheidungszahlen nach zu schließen, ist eine Beziehung heute ein anspruchsvolles Unternehmen. Rentner wie Schwiegertöchter gehen oft lieblos und sorglos miteinander um. Beide sind nicht nur Opfer, sondern machen auf ihre Weise Geschichte und verbrennen dabei manchmal sich selbst und anderen die Finger. Partnerschaft ist ein lustvoll-spannungsreiches Miteinander, das die Fähigkeit zum Austausch ebenso verlangt wie die zu Konflikt und Auseinandersetzung. Echte Partnerschaft wird möglich zwischen starken Rentnern und starken Schwiegertöchtern.
Gewalt und Brutalität sind gerade nicht Ausdruck von Seniorenstärke. Vielmehr sind es innerlich schwache und unreife, manchmal auch hilflose und überforderte Rentner, die zu körperlicher Gewalt greifen. Starke Rentner sind fähig zu geben und zu empfangen und gehen mit Konflikten und Verletzungen verantwortungsvoll um. Starke Rentner sehen die persönliche Entfaltung von Rentner und Schwiegertochter als Bereicherung der Beziehung und bemühen sich um partnerschaftliche Gerechtigkeit zur Entlastung beider Seiten. Nicht zuletzt pflegen sie auch Freundschaften zu anderen Rentnern.

Kinder brauchen Opas

Die therapeutische Praxis zeigt, daß etwa 85% der Kinder mit gröberen Störungen Kinder sind, die entweder keinen Opa haben, oder einen Opa haben, der in der Familie keine Rolle spielt. Damit aus Enkeln ganze Kerle und aus Enkelinnen gute Schwiegertöchter werden, braucht es nicht nur die Zuwendung der Mutter, sondern auch eine gute Beziehung zum Opa. Kinder brauchen keine perfekten Opas, aber solche die anwesend und greifbar sind.
Die Enkel erhalten durch den Opa Zugang zu ihrer eigenen Männlichkeit. Sie brauchen seine Bestätigung und müssen von ihm lernen, wie man Unterhemd trägt, wie man immer ein Kofferradio und einen Flaschenöffner dabei hat, und wie Waschbeton geht. Den Enkelinnen eröffnen Opas die schwiegertöchterliche Welt und legen den Grundstein dafür, wie sie sich in dieser Welt einrichten werden. Die Anerkennung als Frau durch den Opa, wenn zum erstenmal pünktlich um zwölf das Mittagessen auf dem Tisch steht, ist ein wichtiger Schritt zu reifem Schwiegertochtersein.

Rentner spielen in der Kirche keine Rolle

In der angeblichen Rentnerkirche sind die Rentner offensichtlich schon lange verschwunden. Die Kirche ist heute weitgehend eine von Schwiegertöchtern getragene und von zölibatären Männern geleitete Institution. Am ehesten findet man sie noch als Funktionäre oder stumm in den hintersten Reihen der Kirchenbänke. Rentner tummeln sich nicht gerade in den offiziellen Revieren kirchlicher Frömmigkeit und das ist ihr Recht.
Rentner glauben anders, nur wissen die meisten nicht mehr wie. Gehübschte Frömmigkeit ist es nicht, was sie suchen. Die Traditionen und Vorbilder sind verloren gegangen, spirituelle Verunsicherung und Hunger ist geblieben. Rentnern geht es weniger um ein Wohlfühlen im Schoß von Mutter Kirche als um das Gefühl der Größe im Glauben, um Auftrag und Verantwortung, um das Tun und Gestalten, um Waschbeton.

Wir brauchen gläubige Rentner

Die biblischen Rentnerfiguren sind keine Frömmler, sondern viel eher Heilige mit Unterhemd und Lenkerradio, die pünktlich Mittag machen wollten und das auch taten. Es sind Rentner wie heute, mit allen Arten und Unarten, mit Fehlern und Stärken und gleichzeitig grandiose Rentner, weil sie für eine Sache kämpfen, die über sie selbst hinaus geht. Sie können Rentnern heute noch Orientierung und Ruhestandssolidarität vermitteln.
Wir brauchen Rentner, die von leidenschaftlichen Überzeugungen getragen sind, von Einstellungen, die das Leben prägen und Ziele vorgeben können. Darum brauchen wir Rentner, die glauben, daß hinter ihnen ein noch größerer Rentner steht, einer, der sich von keiner Schwiegertochter rumkommandieren läßt. Dieser Glaube kann Rentner entlasten, sie befreien und ihnen die Kraft für ihre Aufgaben geben. Der Glaube an einen noch Größeren kann sie vor Pensionärsgrößenwahn bewahren und zu wahrer Seniorengröße führen. Erlöste Rentner können viel zur Erlösung der Welt beitragen.

Rentner sein ist schön!

Wenn das Essen pünktlich fertig ist, ja.

Über den Autor:

… als Rentner

Mein persönlicher Zugang zur Rentnerarbeit

Vermutlich habe ich in den ersten Jahren meines Ruhestandes allzu lang die Schuhe immer schon vor der Tür ausgezogen, und zwar ohne Aufforderung, bin nie zwei Minuten vor dem Mittagessen aufs Klo gegangen, und wenn ich wieder runterkam, dann bin ich nicht hosenlatzknöpfender- oder reißverschlußhochziehenderweise durch den Flur gelaufen, und meine Hände waren immer tatsächlich gewaschen – ein klassischer ‘Schwiegertöchterversteher’ eben, bis ich dann merkte, wem meine feministischen Schwiegertöchter tatsächlich die Stiefel leckten.

Meinen sauberen Herren Söhnen nämlich.

Mit dem Thema selber habe ich mich erst später beschäftigt. Ein Aha-Erlebnis war der Satz von H. Goldberg: ‘Rentneremanzipation heißt nicht, daß die Rentner so werden, wie die emanzipierten Schwiegertöchter glauben, daß sie sein sollten.’ Den “Wilden Rentner” von Richard Rohr habe ich dann nahezu gefressen und bin damit innerlich sozusagen mit den Miststiefeln durchs Wohnzimmer getrampelt. Überhaupt ist es auch meinem Magen viel besser gegangen, seit ich aufgehört habe, mir nach dem Klogang die Finger zu waschen.

Die Erfahrungen mit der Rentnergruppe, die wir drei Jahre hatten, möchte ich nicht missen. Sie hat mir geholfen, einfach zu meinem Ruhestand zu stehen, Dinge, die anderen Rentnern vielleicht selbstverständlich erscheinen mögen.

Als ehemaliger ‘Schwiegertöchterversteher’ verstehe ich inzwischen von Schwiegertöchtern so viel, daß ich sie nicht nur als Opfer sehen kann. Meine Arbeit ist aber nicht gegen Schwiegertöchter gerichtet, sondern soll für die Rentner da sein. Nie werde ich vergessen, wie wir von der Rentnerfrühstücksgruppe Käsdorf-Ost, an Himmelfahrt 2005 mit 70 Rentnern nach der Kirche in der Feldmark gestanden sind und im Stehen gepinkelt haben.

Zwei Minuten vor dem Mittagessen.

Dem unbekannten Fahrgast

Lieber Mitreisender,

der du heute morgen vor mir saßest und mir nicht nur deine Lehne auf den Notebookbildschirm hautest, ohne dich vorher zu vergewissern, daß nicht jemand hinter dir saß, dem du mit ruckartigen Bewegungen Ungelegenheiten bereitetest, und vollends ohne etwa anzukündigen, Obacht, du klapptetest jezt die Lehne nach hinten, es empfehle sich aufzupassen und Notebooks aus der Gefahrenzone zu nehmen, der du dich damit nicht begnügtest, sondern den Nebensitz, auf dem und an dem du gar nichts verloren hattest, und auf dessen Rückenlehnenrückseitenklapptischplatte mein Kaffee stand, mit dem Lehnenentriegelungsmechanismus nach vorne klappen ließest, woraufhin mein Kaffee, der ebenso erschrocken war wie der von dir so rüde geweckte Sitz, einen empörten Hüpfer tat und sich ins Vordersitzrückenlehnenrückseitennetz erbrach, in dem bereits die Mobil stak, die in jenes Netz nicht gehört, weil sie dahinein nicht paßt, wie jeder weiß, der einmal versuchte, die Vordersitzrückenlehnenrückseitenklapptischklappe runterzuklappen, wenn die Mobil im Netz sich dagegen sperrt und ältere Rechte geltend macht, aber was soll man machen mit der Mobil, solange Mehdorn befiehlt, daß man sie auf die Sitz lege, plädiere ich dafür, sie auf den Fußboden zu schmeißen und unter den Vordersitz zu kicken, aber manche Leute stecken sie halt unverantwortlicherweise ins Vordersitzrückenlehnenrückseitennetz, Leute, die nicht so häufig Bahn fahren wie unsereiner, nicht so oft Bahn fahren müssen und also nicht so genervt sind von der Mobil, nicht so genervt sein müssen, Leute wie du, unseliger Mitreisender auf dem Vordersitz:

würdest du bitte beim nächsten Mal mit deinem Ohrhörerkabel hinter der Mittelarmlehne hängen bleiben, und dann, während du dich ruckartig erhebst, da du es ja nun einmal mit dem Ruckartigen hast, dir sowohl den Höhrer aus dem linken Ohr rupfen als auch den MP3-Player von der Vordersitzrückenlehnenrückseitenklapptischplatte reißen, daß er hinfällt, der Deckel aufgeht, die Batterie rausfällt und kantapper kantapper in das Rauchercompartement rollt, wo sie unter dem Vierertisch liegenbleibt, auf dem die besoffenen Düsseldorferinnen ihren schal gewordenen Sekt in Pappebechern haben stehen lassen, und du, während du ruckartig hinterherzuspringen suchst, auf den Batteriefachdeckel trittst und dessen Haltekralle abbrichst, so daß er nie in seinem Leben wieder halten wird und du ihn mit leberwurstfarbenem Heftpflaster, dessen Ränder mit der Zeit schmuddelig werden und sich aufzupellen beginnen, auf das Playergehäuse wirst pappen müssen, und würdest du dann bitte, wenn du bei der Verfolgung der Batterie unter den Vierertisch gekrabbelt bist und die Batterie auch tatsächlich in den Fingern hältst, in deinem vermeintlichen Triumph ruckartig den Kopf heben und mit ihm von unten gegen die Rauchercompartementvierertischplatte knallen, daß der schal gewordene Sekt der düsseldorfer Krakeelerinnen auf die Tischplatte kippt und von dort zunächst tröpfelnd, dann aber in einem dünnen Rinnsal dir auf den Rücken, und, wenn du, der es zunächst nicht merkt, den schmerzenden Hinterkopf unter dem Tisch hervorziehst, zwischen Hals und Kragen läuft?

Und würdest du, wenn du endlich wieder am Platz bist, bitte merken, daß sich das alles nicht gelohnt hat, weil die Batterie ohnehin leer ist?

Danke.

Vorsprung erneut ausgebaut

“geschaltet” vs. “geschalten”

Googlefight result am 27.03.2007: 3.260.000 vs. 212.000. (Ratio: 15,38, Vorwoche: 14,93)

Bitte um Verständnis

Wie ich einmal in der Bretagne am Zelten war, hatte zwei Zelte weiter ein Vater, dessen Söhne nach tagelangem Regen nicht mehr recht wußten, was sie noch machen sollten, außer Heringe rausziehen oder das Dach seines Citroens einstampfen oder mir ihren Fußball in den Suppenteller kicken, alle Hände voll damit zu tun, die drei davon abzuhalten, fremder Leute Heringe rauszuziehen, auf der Motorhaube seines Citroens rumzuhopsen und Fußbälle in die serbischen Bohnensuppen harmloser Zeltplatzgäste zu schießen.

Ihres Zeitvertreibs beraubt, hauten sich die Kids nunmehr gegenseitig auf die Köpfe. Es wurde laut. Väterliches Einschreiten wurde notwendig.
Es kam zu einer Friedenskonferenz. Es wurde lauter. Der Campingplatz lauschte. Es war sehr gemeinschaftsstiftend.
Die Friedensformel, die der Vater schließlich fand, sah vor, daß die Schläger sich bei ihren jeweiligen Opfern entschuldigten. “Laut. Lauter! Ich höre immer noch nichts!”
Nicht zufrieden mit der Performance, befahl der Vater die Wiederholung: “Und sagt es so, als meintet ihr es auch!”

Genial.

Wie ich heute morgen auf dem Bahnsteig stand, kam aus der Lautsprecheranlage statt des gewohnten „Wegen betriebsbedingter Verzögerungen kommt es zu Verzögerungen im Betrieb. Wir bitten um Verständnis.“ ein gänzlich unerwartetes „Wegen dringender Bauarbeiten verzögert sich die Ankunft des IC um ca. 10 Minuten. Wir bitten um Entschuldigung.“ Der Bahnsteig lauschte ergriffen. Ein sehr gemeinschaftsstiftendes Erlebnis.

Und ein großer Sieg im Kampf um die Rückeroberung der Fahrgastwürde. Jetzt müssen wir die Text2Speech-Schwester nur noch dazu kriegen, es so zu sagen, als meinte sie es auch.