Füße

Aber wenn er dies erfuhr,
Ging’s ihm wider die Natur
Wilhelm Busch

Der Mann Erdogan ist der Meinung, daß die Gleichberechtigung von Mann und Frau gegen die Natur verstößt, und zwar gegen die Natur des Mannes. Es liegt nicht in der Natur des Mannes, Frauen das gleiche Recht zuzubilligen, wie sich selbst, warum sollte er das dann tun? Es liegt in der Natur des Mannes, sich selbst die gleichen Rechte zuzubilligen, wie anderen Männern, oder mehr Rechte, aber jedenfalls nicht weniger. Denn das ist a) nur recht, und b) billig.

Wenn also einer so blöd sein will, und anderen die gleichen Rechte zubilligen, wie sich selbst, dann hat er doch genügend Männer, die das auch wollen. Wenn nicht mehr. Mehr als genug Männer, und Männer, die mehr wollen als er. Da hat er alle Hände voll zu tun, das zu verhindern. Da braucht er nicht auch noch vier Frauen, die dabei auch noch mittun wollen. Denn was dabei rauskommt, wenn Frauen die gleichen Rechte haben wollen, das kann einer leicht ausprobieren, indem er einer von ihnen neue Schuhe spendiert. Am nächsten Morgen wollen die anderen drei auch neue Schuhe. Da kann er vier Paar Schuhe kaufen. Und einer wie Ferdinand Marcos viertausend Paar. Denn das ist es doch, was Frauen unter Gleichberechtigung verstehen: jede 1000 Paar Schuhe, jedenfalls genauso viel Schuhe, wie die anderen haben, oder besser mehr, aber auf keinen Fall weniger.

Und das mag zwar recht sein, billig aber ist es nicht. Auch liegt es nicht in der Natur des Mannes, 4000 Paar Schuhe zu kaufen. In der Natur des Mannes liegt es, die Straßenseite zu wechseln, wenn er ein Schuhgeschäft auch nur von Ferne kommen sieht.

Frauen hingegen, Frauen sollen doch mal ein bißchen nachdenken. Jedenfalls so gut es eben gehen will, mit dem Nachdenken. Sie können, die Frauen, doch nicht einfach alles das machen, was sie im Kommunismus gemacht haben! Kranführerin werden, z.B. Das geht doch nicht! Was wollen sie denn da oben? Das ist doch für eine Frau, wie es für einen Mann wäre, wenn er Schuhe kaufen müßte. Es gibt zwar Männer, die Schuhe kaufen, Schuhkäufer z.B., so Typen, die auf Messen rumlaufen und die Kollektion fürs nächste Frühjahr einkaufen, aber die sind alle homosexuell. Was nicht so schlimm wäre, denn homosexuell sein ist nicht schlimm, schlimm ist es; freiwillig Schuhläden aufzusuchen. Das verstößt gegen die Natur des Mannes.

Kranführerin, man denke! Man denke an schwangere oder stillende Frauen. Die können doch keinen Kran führen! Man stelle sich bloß mal vor, die schwangere Kranführerin ist gerade nach oben geklettert, nur um dort festzustellen, daß sie das Glas mit den sauren Gurken und die Milky Ways im Bauwagen gelassen hat. Soll sie dann etwa wieder runterklettern? In ihrem Zustand? Mit den Schuhen? – Oder die stillende Mutter: kaum ist sie oben, stellt sie fest, daß sie ihr Baby im Wickelcontainer vergessen hat. Was soll dann passieren? Soll sie erst wieder runter, und während der Zeit warten die Trockenbauer, daß ihnen einer die Rigipsplatten in den dritten Stock zieht, und können nichts machen, und kosten Geld, und der Plan wird nicht erfüllt, und die neue Shopping Mall wird nie fertig, oder soll sie erst den Rigips ziehen, und einer der Trockenbauer stillt solange das Baby?

Allein schon, daß man zwei Toilettencontainer braucht, wenn Frauen Kranführerin werden! Und in Kreuzberg drei. Das ist doch keine Lösung! Wie man schon daran sieht, daß der Kommunismus ja auch kaputt gegangen ist. Eingegangen an zuvielen stillenden Kranführerinnen mit Stöckelpömps und zuvielen Toilettencontainern. Folge: Planuntererfüllung. Zuviele unterernährte Babys, zuwenig Shopping Malls.

Der Mann Erdogan weist darauf hin, daß der Islam im Gegensatz zum Kommunismus, in dem auch Männer Mutter werden durften, die Rolle der Mutter als einer Frau betont. Als Kind habe er seiner Mutter oft die Füße geküßt, erzählt der Politiker. Wäre seine Mutter ein Mann gewesen, würde er ihr die Füße nicht geküßt haben. Männerfüße sind auch nicht zum Küssen gemacht. Männerfüße sind dazu da, in Sicherheitsstiefeln Kranleitern rauf und runter zu klettern. Alle tausend Tage werden die Sicherheitsstiefel ausgezogen und durch neue Sicherheitsstiefel ersetzt. An diesen Tagen – es sollten gut gelüftete Tage sein, trotzdem wird jede Hand gebraucht, um mit Handtüchern frische Luft herbeizufächeln, – sollten alle vier Frauen bei Mannes Fuß stehen und mal ausnahmsweise nicht in Shopping-Malls herumflanieren. Shopping-Malls, das am Rande, sind überhaupt die Hölle. Kaum hat man in ihrer einer rechtzeitig die Seite gewechselt, weil man einen Schuhladen hat kommen sehen, läuft man auf der anderen Seite zwei weiteren in den Rachen, die man in seiner Panik übersehen hat. Und die schnappen nach einem. Deswegen ist es gut, daß der Islam nur Frauen als Mütter zuläßt.

“Meine Mutter zierte sich, aber ich sagte ihr immer: ‘Mutter, zieh deine Füße nicht weg, dort ist der Duft des Himmels.’ Manchmal weinte sie, wenn ich das sagte”, berichtet Erdogan. Der Duft des Himmels – auch Bama shoe fresh genannt – ist eine bare Notwendigkeit, wenn man vor seiner inneren Nase mal 1000 Paar Schuhe paradieren läßt. Die müssen ja auch alle irgendwo bleiben. Der Mann behält seine Schuhe an, aber eine Frau – auch eine Frau – kann nicht 1000 Paar Schuhe gleichzeitig tragen. Und vier Frauen nicht viertausend. Die fliegen dann irgendwo im Hausflur rum und müffeln sich eins. Das ist ein Naturgesetz. Wenn man da nicht mit Bama shoe fresh dazwischengeht, dann riechen 4000 Paar Schuhe in nullkommnichts genauso streng wie ein Männerschuh. Feministinnen aber leugnen dieses Gesetz und akzeptieren nicht den besonderen Stellenwert, den der Frauenfuß im Islam hat. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß der Frauenfuß sich geradesogut dazu eignet, einem Doofmann in den Hintern zu treten, wie ein Männerfuß.

Erdogans Ansichten über die Rolle der Frau sind in der Türkei umstritten. Höchst umstritten. Mehrfach hatte Erdogan erklärt, eine türkische Frau solle mindestens drei Kinder haben, Söhne am besten, aber wenn es nicht anders gehe in Gottes Namen halt eben auch Töchter. 12 Töchter aber sind der Ruin eines Vaters. Man denke an die Schuhe! Tausendschönchens Vater hatte drei Töchter, nicht zwölf, drei Töchter, einen Sohn und noch ein Pflegekind, auch ein Mädchen, macht im Prinzip vier Töchter. Er ging am Stock. Vier Töchter sind schlimmer als vier Frauen, pflegte er zu sagen. Wenn er sich fein machte, um auf den Hegeringsball zu gehen, kriegte er aus vier Richtungen gesagt, welche Schuhe er auf keinen Fall tragen könne, ohne sich selbst unmöglich und die jeweilige Tochter zum Gespött zu machen. Und wenn er mit Mist an den Stiefeln ins Haus getrampelt kam, scholl ihm vierfaches “Raus!” entgegen. Fünffaches, denn auch der Sohn verweibte zusehends. Versteht sich, daß keine der Töchter dem Vater je die Füße geküßt hat.

Der Vater war darum ein großer Befürworter des Zusammenlebens von Töchtern mit Männern in Wohngemeinschaften. Seinetwegen auch mit Frauen oder anderen Wesen ihrer Wahl, Hauptsache, sie waren aus dem Haus. Anders der Mann Erdogan. Erdogan ist dagegen, daß man das Zusammenleben eines Mannes mit bis zu vier Frauen Wohngemeinschaft nennt. Man soll es lieber Ehe nennen. In einer Wohngemeinschaft besteht die Gefahr, daß einer Frau nicht der ihr zustehende Respekt entgegengebracht wird, wie es in einer Ehe der Fall ist.

Oder es zumindest sein sollte. Auch Erdogan erkennt an, daß es zuviele Frauen gibt, die, nachdem ihnen der geschuldete Respekt entgegengebracht wurde, beerdigt werden müssen. Das bezeichnet er als nicht hinnehmbar, weil es gegen die Natur des Islam verstößt. Nicht allerdings gegen die Natur der daran beteiligten Männer. Wer weiß, was die Frauen ihren Männern angetan haben! Möglicherweise haben sie von ihnen Gleichberechtigung verlangt?

Oder sie in Schuhgeschäfte geschleppt.

Der Mann Erdogan will es daher auch nur noch solange hinnehmen, bis es von selbst aufhört.

Biermanns Attacke gegen Linke

Reste des Elends

Der Frontalunterricht Wolf Biermanns für die Linksfraktion war großartig. Besser kann man Erinnerung und Gegenwart der friedlichen Revolution von 1989 nicht untot werden lassen. Ein Kommentar.

“Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre die Schwäche Moskaus ursächlich gewesen für den Zusammenbruch – pardon: die Befreiung – der DDR. Vielmehr ist da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.”
Helmut Kohl

Auf den Heiligen Geist ist Verlass: Es war wohl der härteste, weil ins Schwarze treffende Vorwurf – schreibt mein Kollege in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – denn Vorwürfe, die ins Schwarze treffen, sind härter als Vorwürfe, die einfach so ins Blaue geballert werden (sind jene doch in Drachenblut gebadet: sechse treffen, der siebente aber …) -, den Wolf Biermann den Abgeordneten der Linksfraktion während der Feierstunde im Bundestag zur Deutschen Einheit machen konnte, daß sie nämlich gar nicht Linke seien, sondern Reaktionäre. Denn sie seien „der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde“, der Rest der „Drachenbrut“ der DDR.

Reste von Drachenbrut nämlich sind nicht etwa junge Drachen, oder Eierschalen, oder zertrampelte Gelege, sondern Reste von Drachenbrut sind Reaktionäre. Irgendwo müssen auch Reaktionäre ja herkommen. Die bringt ja nicht der Storch. Man sehe sich besipielsweise den Bundestagsfraktionsvizepräsidenten der CDU Arnold Eugen Hugo Vaatz an, der in der DDR ausgebrütet wurde – und wenn man sich den lange genug angesehen hat, dann frage man meinen Kollegen und Beinahe-Namensvetter von der FAZ, was man da vor sich hat – oder man frage gleich mich: wenn wer sich mit Reaktionären auskennt, dann wir zwei beiden.

Der kurze Disput zwischen Biermann und der Linksfraktion – inklusive das halb ironische, halb ernste Scharmützel mit dem Parlamentspräsidenten über das Rede- und Singrecht im Deutschen Bundestag – sagte alles, was über das Verhältnis der Linkspartei zur deutschen Demokratie zu sagen ist. Denn es sagt, erstens, praktisch nichts, zweitens sagt es: hie Linke, hie Demokratie, hie Linke, hie Biermann – ergo: Demokratie = Biermann, und drittens sagt es: wer, wenn nicht Biermann, würde die deutsche Demokratie besser verkörpern als Biermann: riesengroße Fresse, die aber voll.

Fragt sich bloß: voll womit?

Übrigens, aber das nur ganz am Rande, beim Stichwort Rede- und Singrecht: Biermann im Bundestag reden zu lassen ist natürlich sehr viel eher zu tolerieren, als Lammert im Bundestag singen zu lassen. Etwas ganz anderes ist es, Biermann singen zu lassen – das kommt der Verfehlung, Lammert im Bundestag reden zu lassen, was niemand wollen kann, doch schon verdammt nahe!

Zu den Paradoxien der 25 Jahre, die nach der friedlichen Revolution von 1989 ins Land gegangen sind, gehört es jedoch, daß ebendieser Biermann, sein Gesang, sein Gerede, seine Gitarre, sein Blauhemd, sein Schnauz, sein bloßes Vorhandensein, nach stattgehabter Revolution ab dem 10. November 1989 (= morgen vor 25 Jahren) komplettemang über war. Ohne Nutz. Ohne Taug. Wenn je etwas mit seiner ganzen Existenz an die Existenz des Bösen, des ganz und gar Schlechten gekettet war, auf Gedeih, mehr aber noch auf Verderb, dann waren es die drei Ringe Nenya, Vilya und Narya, die die Schönheit aller Dinge erhalten und bewahren. Als aber der eine Ring zerstört war, verloren die drei ihre Macht, und alle Schönheit wich aus Mittelerde. – Als erstes wich die Schönheit aus Wolf Biermann seiner Fresse, als nächstes aus Wolf Biermann seiner Stimme.

2014 war das Jahr, in dem Wolf Biermann, dieses Geschöpf Ulbrichts und ohne diesen ein Nichts, endgültig zum Ringgeist wurde: substanzlose Hülle. Große Fresse aber nach wie vor. Fürst der Nazgûl, Hexenkönig von Angmar, verwundbar nur durch elbischen Stahl, sterblich zwar, aber durch keines Mannes Hand zu fällen …

Gleichwohl hat er sich was als Drachentöter, obwohl Smaug seit Jahren mausetot ist und das Ende des dritten Zeitalters gar nicht mehr mitgekriegt hat.

Denn – so schreibt Kollege Altenbögge – denn – und es wäre mir eine große Freude, wenn die Kollegen die Verwendung kausaler Konjunktionen im Einzelfall entweder zu begründen hätten oder aber jeweils 50 Euro latzen müßten -, denn es sei schon immer “eine Kunst der real existierenden Linkspartei, sich als Opfer zu verkaufen, das Widerstand leistet, und nicht als Täter, der Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu ziehen hat”.

So? Und? Mal so getan, als sei es das gewesen, wo käme da das ‘denn’ her? – 50 Euro bitte!

Denn (Hervorhebung von mir – v.B-H.g.v.D.) es weiß doch jeder, es sollte zumindest jeder wissen, und es könnte auch jeder wissen – denn anders als in der DDR, wo jeder, bei dem gewisse “Voraussetzungen” nicht erfüllt waren, nicht studieren durfte, darf bei uns jeder, bei dem die Voraussetzungen erfüllt sind, studieren. Jedenfalls haben wir nichts dagegen, daß er es tut, wenn er es versteht, die nötige Kohle zu haben. Oder sich verschulden möchte. Er kann auch Karriere machen, sofern den Anforderungen dafür genüge getan ist. Worunter – anders als in der DDR, wo dem Parteibuch eine Schlüsselrolle zukam – hauptsächlich die Abwesenheit des falschen Parteibuchs zu verstehen ist. Das richtige Parteibuch ist optional. In letzter Zeit hört man vermehrt von Parteilosen, die sich in die Politik haben kaufen lassen; anscheinend sind die Dinge hier im Fluß. Aber das ist nicht das Thema, Thema ist der Erwerb von Wissen, Wissen darum -, daß es wir Westdeutschen waren, die am allermeisten unter der DDR zu leiden hatten. Wir waren es doch, die die ganzen Dissidenten hier aufnahmen, während sich die SED einen schlanken Fuß machte!

Das könnte auch im Westen manchem gefallen, wenn er eine Monika Maron einfach so beim Nachbarn abgeben könnte, und dann hätte der die Plage mit ihr. Aber wir haben sie geduldig ertragen, und nicht nur sie. Drei Jahre lang, nachdem er sie im Herbst 1984 versetzt hatte, lagen sämtliche Politiker und Presseskribenten bäuchlings im eigenen Speichel und flehten Erich Honecker an, doch bitte auf Staatsbesuch zu kommen. Drei vertane Jahre lang, bis er sie endlich erhörte. Daß sie alle so verliebt in ihn waren, glaube ich gar nicht mal. Das Kalkül war wohl eher, ganz im Sinne Lammertscher Ironie, daß sich über einen Besuch niemand mehr ärgern würde als die DKP. Was sie ja auch tat. Der Wunsch, kleine Parteien mit geringem Einfluß und überkompensatorisch großer Klappe zu ärgern, scheint tief und hart im menschlichen Genom codiert zu sein. Dann kam er, und es wurde genauso peinlich, wie man sich das hätte denken können. Nicht nur wegen Udo Lindenberg, aber der half kräftig mit. Den hätte es wahrscheinlich auch ohne Mauer gegeben, aber ohne Mauer wäre uns sein Sonderzug nach Pankow erspart geblieben. Auch Pink Floyd hätte es wahrscheinlich gegeben, aber Roger Waters wäre mit seinem Spektakel vielleicht in Surrey geblieben, und der Potsdamer Platz ohne The Wall wäre sicherlich erträglicher gewesen als der Potsdamer Platz mit Mauer, wenn auch nicht viel. Auch sie haben wir klaglos ertragen.

Hätten wir mal was sagen sollen? Vielleicht, aber es ist nicht jedem gegeben, sich selbst schamlos in den Mittelpunkt zu rücken und sich als Opfer dicke zu tun und “Ich!Ich!!Ich!!!” zu lamentieren. Dazu braucht man ein XXL-Ego, eine Figur, mit der man’s auch tragen kann, und einen Bundestagspräsidenten, der einem die Bühne bereitet und einen volkseigenen Stuhl unters Arschloch keilt.

Und das muß die Lehre aus diesem 9. November 2014 sein: daß von deutschem Boden nie wieder ein Biermann ausgebürgert werden darf! Der Nachbarn wegen, aber auch aus Eigennutz: denn was folgte auf das Auftrittsverbot für Biermann? Auftrittserlaubnis für Lindenberg. Man kann das nur schwer als fortschrittlich ansehen.

Was Gregor Gysi anschließend zur deutschen Revolution, zur Wiedervereinigung und zu deren Nachgeschichte zu sagen hatte, bestätigte das auf eindrucksvolle Weise. Gysi hielt an seiner DDR fest, als ginge es darum, die Ehre des Volkes zu retten (und seine eigene). Es geht aber nicht darum, die Ehre des Volkes zu retten, es geht darum, die Ehre Gysis zu beschmaddern. Wenn das möglich sein sollte, indem man die Ehre des Volkes mitbeschmaddert, dann soll man halt in Gottes Namen die Ehre des Volkes mitbeschmaddern. Indem man zum Beispiel die Tatsache, daß in Umfragen die Bundesrepublik gegenüber der DDR in etlichen Punkten schlechter abschneidet – Punkte, die Gysi genüßlich zitierte -, mit einem Kübel Schlamm über die Hemdbrust und folgenden Worten verklärt: Viele Bedürfnisse, auf die der Mensch besonderen Wert legt, können auch im Gefängnis sehr gut bedient werden.

Ein Argument von der Qualität, wie man sie von einem Arnold Vaatz erwarten darf. So wie man vielem, das man im Gefängnis findet, auch in einer CDU-Fraktion begegnen kann: Lügnern beispielsweise, Fälschern, Blendern, Betrügern, Schwindlern, Bauernfängern, Ohrenbläsern, Roßtäuschern, Falschmünzern, Schelmen, Spitzbuben, Schlawinern, Taugenichtsen und Lumpen, so findet man hie und da einen, der einem in der Klapse über den Weg laufen könnte, ohne groß aufzufallen, im Innenressort der FAZ.

Und auch da fällt er nicht groß auf.

Stolz

Übrigens, liebe Genossinnen und Genossen, ich bin stolz – und das ist auch gut so.
Klaus Wowereit

Irgendwo – ich weiß nicht mehr wo, aber es könnte in einem Taschenbuch von George Mikes gewesen sein, denn es handelte sich um einen Text von George Mikes – las ich einmal einen Text von George Mikes, und wenn ich mich recht erinnere, war es in einem Taschenbuch, und es war ein Text über – wenn ich mich auch darin nicht irre – New York und einige seiner Einwohner. Und einer dieser Einwohner erzählt dem Erzähler, er stamme von da und da und gehöre dieser oder jener Ethnie an und sei mithin das und das, und außerdem oder deswegen oder überhaupt sei er “proud of it. And you?”

Proud of it. Sie sehen daran, daß ich vergessen habe, was der Betreffende war – wahrscheinlich war es ohnehin gelogen, denn Mikes wollte ja lediglich seine Witze reißen, über wen, war ihm ganz egal -, daß es unwichtig war, was der Betreffende war, denn sonst würde ich es mir ja gemerkt haben. Hauptsache – darum habe ich mir das nämlich gemerkt – er war stolz darauf.

Er sei auch stolz, versetzt daraufhin der Erzähler – und da wird dann auch klar, daß wirklich alles gelogen ist, denn er läßt sich weiter fragen, woher er von Haus aus stamme und was er von Haus aus sei – “polnischer Neger” – Neger? Er sei doch weiß? – Das seien die polnischen Neger alle. – Tatsache? – Das alles lasse ich am besten unter den Tisch fallen, wer weiß, was wieder los ist, wenn ich einen Witz zitiere, den ein humorig Haus im Jahr 1948 gerissen hat, ohne schon mal die Empfindlichkeiten seinerzeit noch ungeborener Sprachpuritaner zu antizipieren – wer weiß! Ich will das gar nicht wissen.

Schnell weg hier, und zwar ins Jahr 2001. Eben hat Jürgen Trittin den Generalsekretär der CDU – Laurenz Meyer, einer der zahlreichen Mißgriffe Angela Merkels – als einen Skinhead bezeichnet, und zwar sowohl was das Innere als auch das Äußere des Meyerschen Schädels betrifft. Grund dafür war, nein falsch – der Grund für Trittins Vergleich war, wie gesagt, Aussehen und Mentalität Meyers; der Anlaß dafür war die Meyersche Behauptung, stolz zu sein. Darauf, daß er Deutscher sei, dochdoch. Vermutlich war es gelogen, denn er kommt aus Salzkotten, und ist in Hamm zur Schule gegangen. Man ist nicht stolz, wenn man aus Salzkotten kommt, und man ist auch nicht stolz darauf, aus Hamm zu kommen. Das ist empirisch erwiesen. Googelt man bei Google nach dem String “ich bin stolz, ein” erhält man 78.700 Treffer. Die Übergangswahrscheinlichkeit für “ich bin froh, ein Deutscher zu sein” liegt bei 17,3% und ist interessanterweise geringer als die Übergangswahrscheinlichkeit für “ich bin stolz, ein Hesse zu sein” mit 24,8%. Hesse sein – daß man darauf stolz sein kann?! Die anderen Landsmannschaften mit nennenswerten Prozentsätzen sind Bayern (4,6%, ein Drittel davon Franken), Berliner (1,8%) und Schwaben (1,7%). Schwaben, Kunststück! – Aber Hessen?? – Alemannen, Badener und Württemberger hingegen verlieren sich mit zusammengenommen 0,01%. Russlandversteher und Russland-Versteher kommen zusammen auf 0,9%, das sind mehr als die übrigen Bundesländer zusammen auf die Beine kriegen, mit Ausnahme der Hamburger (0,9%), Sachsen (0,6%) und Saarländer (knapp 0,4%).

Am Hinterteil der Tabelle sieht es daher so aus:

Ich bin stolz, ein Westpfahle zu sein 2 (0,002%)
Ich bin stolz, ein Ostwestpfahle zu sein 1 (0,001%)
Ich bin stolz, ein Salzkötte zu sein 0 (0,000%)

Stolz darauf, ein Hammer zu sein, kann man nicht sein, weil Hämmer keinen Stolz haben. Es muß wahrscheinlich heißen: “Ich bin stolz auf meinen Hammer” (6.040.000 Treffer, entspricht 7.674,7%). Das wäre einleuchtend und scheint mir wahrscheinlicher zu sein, sehr viel wahrscheinlicher, als popelige 3 Treffer (alles dieselben, also eigentlich nur einer) für “Ich bin stolz, ein Hammer zu sein.”

Vorerst aber noch im Jahr 2001 geblieben, wo der Bundespräsident Rau in die Debatte eingreift, und dem Meyer – aus Salzkotten, ja? Hochstift Paderborn, wenn ich das richtig sehe? Da ist er mit einer Wahrscheinlichkeit von gut siebentausendsechshundertundnochwas Prozent katholisch und hat von Puritanismus keinen Schimmer -, der von Puritanismus, Bescheidenheit und Anstand keinen Schimmer hat, steckt, daß man nicht auf etwas stolz sein könne, das man nicht selbst gemacht hat. Voilà un homme! Auf den kann der liebe Gott stolz sein, anders als Rau, der nach seiner eigenen Definition auf den lieben Gott nicht stolz sein durfte. Obwohl er’s wahrscheinlich war. Die meisten Leute sind ja auf ihren jeweiligen Gott stolz, ganz so, als hätten sie ihn sich selbst ausgedacht. Wir hingegen haben uns den Rau nicht ausgedacht, aber wir haben ihn selbst gewählt, beziehungsweise von einer obskuren Bundesversammlung wählen lassen, weswegen wir es im Zweifel auch nicht gewesen sind. Wir bräuchten uns also unserer Bundespräsidenten nicht zu schämen, tun es aber doch. Weil wir nämlich Puritaner sind. Puritaner sind zwar auch stolz auf das, wofür sie nichts können, aber sie schämen sich wenigstens dafür. Und darauf sind wir sogar ein klein wenig stolz. Die Engländer zum Beispiel. Wie Mikes mitteilt, äßen sie genauso gerne wie die Franzosen, aber anders als diese seien sie darauf nicht stolz, sondern schämten sich dessen. Hingegen seien sie stolz darauf, keine Fremdsprachen zu erlernen. Denn dafür könnten sie ja was.

Ganz richtig. Wir zum Beispiel sind stolz darauf, noch nie etwas von Apple gekauft zu haben. Wir würden uns schämen, damit in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Und wenn wir heimlich damit spielen würden, würden wir uns erst recht schämen. Das ist bei uns Puritanern nun mal so. Einmal saß ich im Zug neben einer schönen Frau, die war jung und entfachte mein Begehren, und ich schämte mich heimlich dafür. Nach außen tat ich, als wäre nichts, und wir unterhielten uns über dies und das, und kamen vom Hölzgen aufs Stöcksgen, und vom Stöcksgen auf ihre Schwangerschaft, und von ihrer Schwangerschaft auf den iPod auf ihrem Bauch, und sie gestand mir ihre Liebe zu Apple-Produkten. Da legte sich Asche auf meine Glut, und ich schämte mich doppelt. – Anderen mag es anders gehen. Mancher würde nichts anfassen, was Bill Gates schon mal in der Hand gehabt hat. Das kann ich auch verstehen. Ist ja auch ok. Kann ja jeder machen.

Jetzt aber: heute, drei Bundespräsidenten weiter. Oder genauer: vor ein paar Tagen. Da geht um die Welt, daß der Chefkoch von Apple, Tim Cook, ebenfalls kein Puritaner ist. Er ist stolz, was wohl heißt, er war schon immer stolz, nicht erst seit ein paar Tagen. Aber vorher war er es heimlich. Jetzt ist er es öffentlich. Jetzt ist er sozusagen Franzose, was seinen Stolz angeht, und stolz darauf. Vorher war er Engländer.

Ja und? – Ja, genau, sehr richtig! Ja und?!

Aber “Ja und?” fragen heißt, nicht verstanden haben, daß man selbst aber Deutscher ist. In Deutschland gibt es kein “Ja und?”! Das muß jetzt erstmal ausdiskutiert werden. Ist es etwa in Ordnung, wenn jemand sagt, Franzose zu sein sei das größte Geschenk, das Gott ihm gemacht habe? Also quasi: Epikuräer zu sein? Und stolz darauf obendrein? Was sollten denn da die Engländer sagen?

Lassen Sie mich dazu sagen, daß es egal ist, was die Engländer dazu sagen. Sie könnten es ja ohnehin nur auf Englisch sagen, und auch das – wenn man Herrn Mikes glaubt – nicht besonders fehlerfrei. Außerdem muß so etwas in Deutschland entschieden werden. Nur wir haben den nötigen sittlichen Ernst. Der Engländer würde es vermutlich als Geschenk Gottes betrachten, kein Franzose zu sein, und ich, als zum Schiedsrichter berufener Deutscher, sage dazu: Muß es denn immer so konfrontativ zugehen? Kann man sich nicht irgendwo in der Mitte treffen? Wie wäre es denn mit den Kanalinseln?

Wichtig ist mir bei der ganzen Angelegenheit, festzuhalten, daß es keinen Grund gibt, seine Einstellung gegenüber den Produkten der Firma Apple zu ändern. Weder in diese, noch in jene Richtung. Wenn Tim Cook nun hergheht, und seinen großen Vorbildern Robert Kennedy und Martin Luther King nacheifert, indem er benachteiligten Minderheiten durch die Produkte seiner Firma zu mehr Gleichberechtigung verhelfen will, Schwulen etwa, dann habe ich so einen schwachen, aber hartnäckigen Verdacht, mangelnder Zugang zu Glitzergadgets und überteuren Handschmeichlern sei nicht das Kernproblem ausgerechnet dieser Minorität. Und auch beim Zugang der NSA zu Apples diversen Clouds dürfte sich die Diskriminierung schwuler User in gut überschaubaren, hervorragend ausgeleuchteten Grenzen halten. Nein, man mache weiter wie bisher. Derjenige, dem Gott das große Geschenk gemacht hat, trendigem Gelifestyle ablehnend bis indifferent gegenüberzustehen, der tue das. Wer andersrum ist, der bedenke, daß elektronische Orientierung nichts naturgegebenes ist. Es ist nicht unnatürlich, Apple cool zu finden. Es ist aber auch nicht natürlich. Es hat mit Veranlagung nichts zu tun. Es ist eine Frage des Willens. Man hat die Wahl. Wer es wirklich will, kommt davon los. Wer zu schwach dazu ist, findet Hilfe in Therapiegruppen. Wüstenstolz zum Beispiel, oder Wüstenrot oder wie die heißen. Dort wird er beraten. Ergebnisoffen, wie sich von selbst versteht. Eine Sünde ist es schließlich nicht, einen iPod auf dem Bauch liegen zu haben und ihn verliebt zu betatschen. Warum sollte es? In der Bibel findet sich schließlich kein Wort zu Apple.

Wer es dann geschafft hat, wird sehen, wie stolz er auf sich sein wird. Und warum auch nicht? Raus Segen hat er. Asche legt sich auf sein Begehren. Das Leben wird langweilig. Gehaltvoller, wollte ich sagen. Gottgefälliger. Tiefer.

Die frühen Nachkriegsengländer, berichtet Mikes, hätten ihr Begehren nach diesen coolen Lifestyle objects, die man Fernseher nannte, und die sich die Mittelschicht überhaupt nicht leisten konnte, unter der Asche des angeblich freiwilligen Verzichts auf dieselben begraben, und in diese Asche – wie es Puritanern wohl ansteht – die Standarte des Stolzes gerammt, genau wie nebenan in den krautigen Acker fehlender Französischkenntnisse. Fünfzig Jahre später war aus dem Objekt der Begierde der Unterschichtsmarker geworden, der das Fernsehen heutzutage nun einmal ist. Um des lieben Distinktionsgewinns, und um mich von den Puritanern abzusetzen, die zuhause angeblich keinen Fernseher mehr haben (steht im Flur im Einbauschrank und wird zur Weltmeisterschaft rausgeholt) und bei Bedarf auf den Fernseher im Büro zurückgreifen (nur aus dienstlichen Gründen!), und weil ich stolz darauf bin, kein Anthroposoph zu sein, und nicht mit einem Anthroposophen verwechselt werden will, habe ich mittlerweile drei Fernseher. Und ich schäme mich dessen nicht. Aber was ich sagen wollte: fünfzig Jahre haben genügt. Warum sollte es dem iPhone nicht irgendwann auch so gehen?

Wird schon. – Etwas anderes ist es um unsere Geschlechtlichkeit, in all ihren Spielarten. Sie ist schon länger auf der Welt als fünfzig Jahre, aber zum zuverlässigen Unterschichtsmerkmal hat es bei ihr noch nicht gereicht, trotz etlicher Versuche von puritanischer Seite, den Quatsch ganz bleiben zu lassen. Das ist nicht so einfach. In seinem berühmtesten Zitat sagt George Mikes den Engländern nach, anstelle von Sex Wärmflaschen zu haben – aber “anstelle von” ist ja etwas anderes als “Verzicht auf”. Mikes’ Behauptung – die, versteht sich wohl, auch gelogen ist; schließlich ging es ihm nur ums Witzereißen – ist nichts anderes als Diskriminierung einer Minderheit, die ihr Begehren anstatt auf zufällige Zugbekanntschaften auf Gegenstände richtet, sogenannte Fetischisten. Das tut man nicht! Man diskriminiert keine Minderheiten. Nachher geht noch einer hin und schreibt einen herablassenden Artikel über Leute, die sich mit Apple-Gelump umgeben.

Das gehört sich nicht. Daher: nichts gegen Wärmflaschen! Wer eine hat, der sei getrost auch stolz auf sie!

Ich persönlich habe Stücker drei.

Unbehagen

Bundespräsident Gauck hat Unbehagen darüber geäußert, daß das Volk der Thüringer drauf und dran ist, einen Mann zum Ministerpräsidenten gewählt zu haben, der für alle Verbrechen der DDR verantwortlich zu machen ist, weil er sie nicht verhindert hat. Anders als Gauck, der sie verhindert haben würde, wenn er an Ramelows Stelle gewesen wäre, und der ihnen ja letztlich auch ein Ende machte. Was hingegen Ramelow getan haben würde, wäre er an Gaucks Stelle gewesen, mag man sich gar nicht vorstellen. Es disqualifiziert ihn auf jeden Fall eventuell. Schlimmer aber scheint das Volk zu sein, das ihn wählte:

“Naja, Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind,” sagte Gauck im Bericht aus Berlin, “die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren. Diese Thüringer! Hat nicht Albrecht der Entartete mal versucht, Thüringen an Erfurt zu verkaufen, um seine Kriegskasse aufzubessern? Und es dann an den deutschen König verkauft? Aber wir sind in einer Demokratie. Wir respektieren die Wahlentscheidungen der Menschen und fragen uns gleichzeitig: An wen wird der Mann, der Thüringen als Ministerpräsident regieren soll, seine Untertanen demnächst verkaufen? Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von jener entarteten SED, die nicht nur Thüringen, sondern Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Vorpommern, die Haupstadt der DDR und nicht zuletzt Mecklenburg Stück für Stück, Häftling für Häftling um schnöde Devisen an das feindliche Westdeutschland zu verkaufen suchte, ehe ich und die anderen Kirchenleute und das Neue Forum und ich ihr in den frevelnden Arm fielen?”

“Ich frage mich das, und wie man an der Frage schon hört, ist es nicht so. Fünfundzwanzig Jahre nachdem ich zusammen mit dem Neuen Forum und den anderen Kirchenleuten – nicht zu vergessen meine Wenigkeit – die SED in die Wüste gepredigt habe, wäre es verkehrt, einen Mann, der nicht nur kein Thüringer, kein Sachse, kein Anhalter, kein Pommer, kein Brandenburger, kein Bürger der Hauptstadt der DDR und kein Mecklenburger ist, und der noch nicht einmal in der SED war, zum Ministerpräsidenten zu machen. Das wäre so, als hätte man 1970 in der damaligen Bundesrepublik einen Mann zum Ministerpräsidenten gemacht, der nie in der NSDAP gewesen ist. Undenkbar! Klug hatte man statt dessen schon fünf Jahre zuvor dafür gesorgt, daß ein ehemaliges NSDAP-Mitglied Bundeskanzler werden und auf diese Weise das zerrissene Land versöhnen konnte. Aber können wir einer Partei, die in drei Bundesländern an der Regierung beteiligt war, zum Teil noch ist, die ein halbes Dutzend Landräte und eine handvoll Oberbürgermeister stellt, und das zum Teil seit Jahren, so daß es eigentlich überhaupt nicht erwähnenswert wäre, wenn sie nun auch noch einen Ministerpräsidenten verantwortet, aber ich bin nun einmal gerade bei der ARD und höre mich gerne reden und liebgewordene Selbstverständlichkeiten rhetorisch infrage stellen – können wir dieser Partei voll vertrauen? Das frage ich uns, und an der Frage hört man schon, so meine ich, daß es nicht so ist.”

“Denn gibt es überhaupt Parteien, denen man voll vertrauen könnte? Auch wenn man nüchtern wäre? Unabhängig davon, ob man es sollte?”

Es gibt Teile in dieser Rede des Präsidenten, wo man – wie bei vielen anderen seiner Reden auch – Probleme hat, volles Vertrauen in seine Ohren zu entwickeln.

Der Vorsitzende des Käsdorfer Donnerstagsstammtisches, Gero, hat Unbehagen darüber zum Ausdruck gebracht, daß das Volk zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt in brüderlichem Zusammenhalt, jedenfalls mehrheitlich, einen Mecklenburger zum Bundespräsidenten gewählt hat. “Naja, Menschen, die – wie ich – die DDR aus dem Westfernsehen kennen und kannten, und die in meinem Alter waren und sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um das zu akzeptieren. Aber wir sind – und wir für unser Teil waren schon damals – in einer Demokratie. Wir respektieren die Fehler, die die Menschen in der DDR machen und machten. Und sie machten Fehler! Sie glaubten zum Beispiel, daß man dem Westfernsehen über den Weg trauen dürfte. Und sie machen auch heute Fehler, wenn sie etwa glauben, daß man einem Bundespräsidenten aus ihrer Mitte über den Weg trauen sollte. – Aber bei allem Respekt fragen wir uns gleichzeitig, ist dieses Volk, das da den Bundespräsidenten stellt, schon so weit weg von den krausen Vorstellungen, die es einst hatte? Zum Beispiel, daß es das Volk sei? Und also was zu sagen hätte und in Zukunft haben würde?”

“Man muß ja bedenken – das heißt, wenn man das kann; nicht jeder kann es. Wo kommen Sie her, aus dem Westen? – Gut, dann könnten und sollten Sie bedenken, daß die Menschen im Osten es ja nicht gewohnt waren, selbst zu denken. Sie wußten, daß für sie gedacht wurde und sie selbst sich um nichts zu kümmern brauchten. Sie lernten es nicht, das selbständige Denken, weil sie es nicht lernen mußten und auch nicht lernen wollten und es in der Folge nicht lernen konnten. Und es ja auch nicht lernen sollten und jedenfalls nicht taten. Sind fünfundzwanzig Jahre, in denen sie auf sich selbst gestellt waren, wirklich schon genug, um siebenunddreißig Jahre Westfernsehen aus den Köpfen zu vertreiben, so daß wir ihnen voll vertrauen können?”

“Und es gibt Köpfe in diesem Volk, wo ich – wie viele andere auch – Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln, weiß der Kuckuck! Sollte man denen nicht, im Falle daß sie über die Stränge schlügen und es mit der Eigenverantwortlichkeit übertrieben, eine Autorität zur Seite oder vor die Füße oder auf den Kopf stellen, die sie zur Ordnung riefe und mit väterlichem Tadel auf den Pfad der Tugend zurückquasselte, wenn ihnen die Freiheit nicht bekäme? Und sie beispielsweise wählten wen sie wollten? – Und erlebe ich nicht gerade dieser Tage im Netz – und zwar sowohl im Westnetz wie auch im Internet der DDR – einen heftigen Meinungsstreit: Ob nicht gerade der Vogel Gauck das beste Beispiel für den Bedarf an seinesgleichen und die Rechtfertigung der Existenz von Typen wie ihm sei?”

“Ein perfektes perpetuum mobile. Eine Kuckucksuhr, die sich durch ihr Geschrei immer wieder selbst aufzieht.”

Sein Stammtischbruder und Kollege Germanistenfuzzi hingegen gab auf gleicher Sitzung ein anders geartetes Unbehagen zu Protokoll, Unbehagen gleichwohl. Und zwar bezüglich des Paars Thüringer Bratwürste, die ihm der Wirt des Pilgrimhauses, Louis, auf seine Bestellung hin nebst Kartoffelsalat und Garnitur neben das Bierglas gestellt hatte. “Naja, Menschen, die Louis’ Kochkünste erlebt haben, und die – nicht unbedingt in meinem Alter sind, das muß nicht sein, die ihn aber schon genauso lange kennen wie ich, es gibt ja Jüngere, die kennen ihn schon länger; ich meine Leute, die noch Andi den Zonenkoch als Küchenchef erlebt haben, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um Louis als Koch zu akzeptieren. Aber wir sind – als Stammtisch zumal, aber auch jeder einzelne – der Idee der Freiheit verbunden und respektieren es, daß einer sich die Kante gibt, wenn er sich die Kante geben möchte. Auch dann, wenn er in der Küche steht und um die Mägen seiner Gäste besorgt sein sollte. Oder wenn er etwa Bundespräsident wäre, und sich um die geistige Unversehrtheit seiner Untertanen bekümmern sollte. Aber ich frage mich gleichzeitig: Ist diese Thüringer Bratwurst bereits so weit entfernt vom Zustand der Rohheit, die sie einst hatte, als rohe Schlachterhände ihr das Brät in den Darm stopften? Kann ich dieser Wurst voll vertrauen? Und es gibt Teile in dieser Wurst, zum Beispiel dieser Abschnitt hier: da, etwa zwischen Etsch und Belt, wo ich – und ich bin sicher, wie mir ginge es vielen – Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln.”

“Und ich frage mich: sind diese Thüringer schon soweit durch, daß man sie auf die Menschheit loslassen könnte?”

Vater von Android verläßt Mutter von Android, weil die das Gör überhaupt nicht im Griff hat

Der Vater von Android, Andy Rubin, verläßt Mutter und Tochter und sieht sich nach einem neuen Zuhause um. Es ging nicht mehr. Es geht, wie in so vielen Familien, um die völlig falschen Vorstellungen, die die Mütter, so die Väter, bzw. die Väter, so die Mütter, von Erziehung der gemeinsamen Kinder haben. Die Kinder kriegen das natürlich spitz, spielen Vater gegen Mutter und Mutter gegen Vater aus, lachen sich ins Fäustchen und machen, was sie wollen.

So auch Android. Allerdings ist der Vater davon überzeugt, daß in ihrem Fall die umtriebige Mutter die treibende Kraft hinter dem töchterlichen Treiben seiner Tochter ist, die sie in allen Unarten bestärkt, als wenn das nötig wäre, und die ihr die meisten Flausen überhaupt erst in den Kopf gesetzt hat, als wenn sie nicht selbst von Haus aus genug von der Sorte hätte. Wie oft hat der Vater nicht zur Tochter gesagt, sie solle nicht jedesmal, wenn jemand sie irgendwo berühre, z.B. Germanistenfuzzi mit seinen unegalen Fingern, dazu ansetzen, aus dem Stand und ohne nachzufragen, Google Now herunterzuladen. Hundert mal? Tausend mal? Wenn nicht mehr als tausend mal, dann doch jedenfalls irgendwas dazwischen.

Hilft natürlich nichts. Ebensogut könnte er ihr predigen, daß sie die Kühlschranktür nicht einfach nur zufallen lassen soll, sondern richtig fest andrücken. Die fällt nämlich nicht von alleine zu. die bleibt einen Spalt weit offen stehen, und hinterher wundert man sich, wieso der Kühlschrank schon wieder vereist ist. Das tut natürlich keine Tochter, aber was sagt diese Mutter, anstatt den Vater bei seinen Philippiken zu unterstützen? – “Hör gar nicht hin! Laß ihn einfach reden. Das hört ganz von selbst wieder auf. Du brauchst nicht jede App, die du einmal geöffnet hast, jedesmal wieder zu schließen. Ganz besonders meine Apps nicht. Die schließen sich von ganz alleine. Und wenn nicht, was solls? – Stromverbrauch, Stromverbrauch, Stromverbrauch – Strom ist nicht alles im Leben. Google Now ist viel wichtiger.”

“Also, wenn dich einer irgendwo anfaßt, fängst du an, Google Now herunterzuladen.”

Welfenspeise

Als es in der Flüchtlingsunterkunft im siegerländischen Burbach zu – wie soll man sagen? Zwischenfällen? Zwischenfall klingt so nichtssagend, das kann alles sein – als es in der Burbacher Flüchtlingsunterkunft zu Incidents kam – nein, falsch! als es in der Flüchtlingsunterkunft zu Incidents kam, an denen Wachleute einer Firma mit dem absolut vertrauenszerstörenden Namen “European Home Care” beteiligt waren, da passierte noch gar nichts. Erst als in der Presse über einen youtube-Beitrag berichtet wurde, der in einem gewissen Zusammenhang mit den Incidents in der Unterkunft stand, an denen, nicht zu vergessen, auch Bewohner der Unterkunft beteiligt waren, darunter Bewohner wenig vertrauenswürdiger Herkunft (aus Ländern, Staaten, failed states, die ihre eigenen Bürger außer Landes treiben), erst dann passierte etwas. Dann wurde nämlich – und zwar zurecht – darauf hingewiesen, das die Incidents zwar durch nichts zu rechtfertigen seien, gar keine Frage, daß man aber auch die andere Seite der Medaille sehen müsse, daß nämlich an den Incidents nicht nur Wachleute beteiligt gewesen seien, sondern auch Bewohner, darunter sogenannte Pappenheimer, die man bei kleinem kenne, und die jedesmal dabei seien, und daß es geradezu verwunderlich sei, daß es bei der Masse an Incidents in den Unterkünften nicht häufiger zu solchen – wie solle man sagen? Zwischenfällen? – Vorkommnissen komme.

Nun waren ganz ähnliche Töne zu vernehmen, Töne, wie man sie vornehmlich von Stammtischen her kennt, so daß es nicht zu verwundern ist, wenn sie – und zwar gestern abend – am Käsdorfer Donnerstagsstammtisch laut wurden. Der Kollege Germanistenfuzzi kolportierte, daß seine – wie soll man sagen? Gespielin? – Lebenspartnerin, Frau Tausendschönchen, welche im Seniorenheim am Ende des Pfaffenackers demente Herrschaften betreut, Augen- und Ohrenzeugin eines ganz ähnlichen Incidents geworden sei. Es sei da nämlich eine Dame wohnhaft, die nicht mehr sehr orientiert sei, nicht wisse, wo sie sei und warum, und nicht verstehe, was man von ihr wolle und warum man ihr ständig mit irgendwas in den Ohren liege. Diese Dame nun habe – sie bekomme alles Essen püriert; denn sie brauche sehr lange zum Essen, sehr lange; sei es, daß sie immer wieder vergesse, was sie gerade tue oder tun solle, sei es, daß ihr Gemüt nicht mehr so beschaffen sei, sie rechtzeitig gewahr werden zu lassen, was es als nächstes zu tun gelte, kauen? Oder schlucken? Oder mit dem Finger einer imaginären Linie auf der Wachstuchdecke folgen und dazu verträumt vor sich hin summen? Jedenfalls verspreche sich das Wachpersonal der Betreiberfirma – ein Unternehmen mit dem nicht mehr sehr vertrauenerweckenden Namen ‘Diakonie’ – von der Pürierung eine Beschleunigung des Nahrungsaufnahmeprozesses, da man zum Füttern eines Menschen mit Pamp nur eine Hand, ein Lätzchen sowie die Bereitschaft brauche, mit der anderen Hand die Würde des Betreuten anzutasten. Wenn es zum Abendessen also Kartoffelsalat mit Würstchen gebe, und Kakao zum Trinken, dann bekomme die Dame pürierte Würstchen mit püriertem Kartoffelsalat und püriertem Kakao – aus einem Napf, sehr wohl gemerkt. Es schmecke diese Pampe, es sei nicht anders zu erwarten, gotteslästerlich, und sie sehe auch gotteslästerlich aus. Er habe früher seinem Großvater beim Füttern der Schweine zugesehen, erzählte Germanistenfuzzi, der habe aus einem alten Großküchenmayonneseeimer irgendein Mehl in den Trog gekippt, und aus einem alten Großküchensenfeimer Wasser hinterdrein, und die Schweine hätten sich auf den Trog gestürzt wie nicht gescheit.

Er habe einmal ausprobieren wollen, ob sie wirklich nicht gescheit seien, und habe den Pamp probiert, woraufhin eine der Töchter des Opas, seine Mutter, schier unsinnig habe werden wollen, weil in jenen Tagen in jener Gegend die Maul- und Klauenseuche gewütet habe, allerdings nur beim Rindvieh. Darum sei ihm auch weiter nichts passiert, außer, daß mehr als ein Mannesalter später Frau Tausendschönchen, der er davon erzählte, ihn eine Woche lang nicht hatte küssen wollen. Als trüge er das Virus nach wie vor auf den Lippen. Der Pamp habe ein wenig nichtssagend geschmeckt, und die Frage, ob die Schweine seines Großvaters gescheit gewesen seien oder nicht, habe unentschieden bleiben müssen.

Anders als das Schweinefutter sei die Pampe aus dem Seniorenheim aber für den menschlichen Genuß nicht geeignet, und anders als der Schweinezüchter, der wisse, daß das Schwein nur dann das gewünschte Gewicht ansetze, wenn ihm sein Futter schmecke, gehöre das Wachpersonal im Seniorenheim der Schule ‘Gegessen wird, was auf den Tisch kommt’ an.

Sei es aber nicht worden. Die Dame verfüge nicht mehr über die soziale Kompetenz, ein Essen wegen Ungenießbarkeit zurückgehen und sich den Küchenchef kommen zu lassen, aber sie verfüge noch über die grobmotorischen Fähigkeiten, einen Napf mit Pampe vom Tisch zu werfen. Das habe sie getan, damit auch dem Wachpersonal verständlich kundtuend, daß sie mit dem Hauptgang fertig sei. Ihr Griff nach der Welfenspeise, die der Küchenchef als Nachtisch vorgesehen hatte, sei von der empörten Wachfrau, die bis dahin versucht hatte, sie mit einer Hand zu füttern und mit der anderen Hand dem Herrn zur anderen Seite das Messer wegzunehmen, mit dem dieser bis dahin den Kartoffelsalat zum Munde geführt hatte und von dem ihm das Würstchen immer wieder herunterrollte, so daß er es schon aufgeben wollte – von dieser Wachfrau, auf deren Kittel ein Großteil der Pampe gelandet war, wurde der Griff der alten Dame nach der Welfenspeise vereitelt.

Auf die verblüffte Frage von Frau Tausendschönchen, was das denn bitte schön solle, versetzte die Wachfrau, daß es den Nachtisch nur für die Leute gebe, die ihren Teller leer gegessen hätten. Und auf die Vorhaltung, es sei aber doch kein Teller, sondern ein Napf, und der sei nunmehr leer, ward ihr Bescheid, sie, die Wachfrau, kenne ihre “Pappenheimer”. Das sei “bei denen” immer so. Wenn es “nach denen” gehe, würden die nur Nachtisch essen.

Ja und?

Das gehe nicht. Sie trage schließlich die Verantwortung. Es müsse im Anschluß an das Essen dokumentiert werden, was die Bewohner zu sich genommen hätten; der mediznische Dienst der Krankenkassen, der alle naslang unangekündigt daherschneie und die Dokumentation prüfe, verstehe in der Hinsicht keinen Spaß.

Aber es würden doch nur Kalorienzahl und Flüssigkeitsmenge dokumentiert, nicht aber, ob Hauptgang oder Nachspeise?

Das sei egal. Es komme nicht infrage, daß einer nur Nachtisch esse. Das sei auch ungesund. Es komme schließlich nicht nur auf die Kalorien an, man brauche auch Eiweiß, Mineralien, Spurenelemente, Vitamine und Ballaststoffe.

Was sie denn dann jetzt dokumentieren wolle, nun, da die Dame gar nichts gegessen habe?

200 kcal und 150 ml Flüssigkeit, das sei Standard, wenn einer gar nichts esse. Damit sei der medizinische Dienst zufrieden und es komme nicht zu Nachfragen. Wenn es erst zu Nachfragen käme könne, wessen Kürzel im Computer stehe, gleich ins Büro gehen und sich die Papiere holen. Bei Nachfragen des MDK nämlich verstehe die Geschäftsleitung keinen Spaß.

Auch keinen Spaß, erzählte Germanistenfuzzi weiter, verstehe der medizinische Dienst anscheinend, wenn die Senioren nicht ausreichend mit geistiger Anregung konfrontiert würden. Folgende Situation habe sich anderntags ergeben, da habe Frau Tausendschönchen, die für die geistige Anregung der Herrschaften zuständig sei, einer anderen Bewohnerin, einer gelähmten Frau, die in der Folge auch nicht sprechen, sondern nur nonverbal zu verstehen geben könne, ob eine Maßnahme ihren Beifall finde oder nicht – sie könne zum Beispiel lächeln oder gequält dreinschauen -, in ihrem Zimmer, in dem sie, die vor einem schweren Unfall Gambistin gewesen sei, eine kleine Sammlung von CDs mit alter Musik habe – von der sie aber nichts habe, da sie die Tasten ihres CD-Players nicht drücken könne, geschweige denn eine CD aus der Hülle nehmen -, dieser Bewohnerin habe Frau Tausendschönchen langsam die Titel der CDs vorgelesen, einen nach dem anderen, und dann, als das ablehnende Zucken des rechten Mundwinkels, mit dem die Bewohnerin ihre Uneinverstandenheit zu signalisieren pflege, erstmals ausgeblieben sei, die CD in den Player getan, den Verstärker auf moderate Lautstärke gestellt und die Bewohnerin mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Madrigale Monteverdis im Ohr sich selbst überlassen.

Kurze Zeit später habe sie die Bewohnerin im Rollstuhl auf dem Flur gefunden, das gequälte Gesicht zur offenen Tür der Wachstube gerichtet, aus der mit ca. 60 Dezibel die – was soll man dazu sagen? Musik? – Höllengesänge Wolfgang Petrys ins Freie gespült worden seien. Ja, man habe die Bewohnerin aus ihrem Zimmer geholt, habe die diensttuende Wachfrau gesagt und sich ein neues Schüsselchen mit Welfenspeise genommen, die am Vortag übrig geblieben war und irgendwie den Weg in die Wachstube gefunden hatte, und sie – die Bewohnerin – auf den Flur gestellt, damit sie “ein wenig Abwechslung habe”. Der medizinische Dienst sei im Haus, und der sehe es gar nicht gern, wenn Bewohner einfach so, ohne geistige Anregung, sich selbst überlassen würden. So habe sie sie auch unter Kontrolle und könne jederzeit nachschauen, was für ein Gesicht sie mache und ob es ihr auch gut gehe. Auch sei es nicht erlaubt, Nahrung, die die Bewohner nicht zu sich genommen hätten, zu essen. Diese müsse vielmehr der Vernichtung zugeführt werden. Weswegen es nett wäre, wenn Frau Tausendschönchen, die auf ihrem Weg auch an der Küche vorbeikomme, die leeren Schüsselchen, drei an der Zahl, dorthin mitnehmen würde, denn wenn der MDK die Schüsselchen auf der Wache fände, könnte sich die Wachfrau auch gleich ihre Papiere aus der Verwaltung holen.

Frau Tausendschönchen, die auf ihrem Weg auch an der Verwaltung vorbeimußte, habe angeboten, diese gleich mitzubringen, und habe die Schüsselchen wie auch die Wächterin mit offenem Mund und ohne geistige Anregung sich selbst überlassen, berichtete Germanistenfuzzi. Dann bat er Louis den Wirt, ihm das ‘Handbuch des deutschen Stammtisches’ zu bringen, blätterte ein wenig darin, tat, als hätte er eine gesuchte Stelle gefunden, und deklamierte:

“Wo kämen wir den hin, wenn jeder machen wollte, was er will! Das kann doch niemand wollen. Das ist doch auch gar nicht machbar. Der eine will Frank Sinatra hören, der andere Elvis Presley. Der dritte Glenn Miller. Und dann? Was wäre das Ergebnis? Höllenlärm. Da muß man sich halt mal einigen. Am besten auf einen, den niemand hören will, dann wird keiner bevorzugt. Zum Beispiel auf – warum denn nicht? – Wolfgang Petry. Aber wenn man sich dann auf Wolfgang Petry geeinigt hat, dann muß das auch gelten, und zwar für alle. Dann kann nicht einer hergehen und sagen, er will Monterosso hören.”

Monteverdi.

“Oder Monterossi. Auch eine ehemalige Bratschistin kann das nicht.”

Gambistin.

“Ehemalige. Ehemalige Gambistin. Die auch nicht. Denn keiner ist besser als der andere. Und nur, weil einer sich nicht mehr bewegen kann, ist er noch nichts Besonderes. Der andere kann vielleicht nicht mehr gut hören. Der hat es auch nicht leicht. Der zwingt deswegen den Leuten seinen antiquierten Musikgeschmack auch nicht auf.”

Wer bitte tut das denn?

“Es ist doch mal so: es muß doch etwas geben, was für alle gilt. Es muß doch einen geben, der sagt, wo es lang geht. Das ist nicht anders als beim Militär. Und die anderen müssen gehorchen. Denn der trägt ja dann auch die Verantwortung. Zum Beispiel gegenüber dem MDK. Oder der obersten Heeresleitung! Was wäre denn gewesen, wenn der Befehl, die Stadt Stalingrad bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, nicht befolgt worden wäre? Wenn jeder sein Gewehr weggeworfen hätte, und versucht hätte, auf eigene Faust zu überleben? Mord und Totschlag wären die Folge gewesen.”

So auch.

“So auch, das ist schon richtig. Aber diszipliniert und ohne Chaos. – Und die vielen Landser, die später mit allen möglichen Behinderungen im Pflegeheim gelandet sind, die hatten es nicht so leicht, wie unsere Alten heute! Da gab es nicht jeden Abend Kartoffelsalat mit Sülze!”

Würstchen.

“Auch nicht! Auch nicht mit Würstchen. Das hat es früher einfach nicht gegeben, daß man gutes, deutsches Essen vom Tisch geworfen hat. Da hatte man noch Ehrfurcht vorm Leben!”

Vorm Leben?

“Und vorm Tod auch! Das Schwein hat ja sein Leben gegeben, für das Würstchen. Und die Kakaobohne. Und sie fegt es so einfach vom Tisch.”

Germanistenfuzzi!

Ja?

Halt die Klapppe!

Nicht meine Worte. Steht so im Handbuch.

Klapp’s zu!

Gleich.

Nicht gleich, jetzt!

Sofort.

“Alles was ich sagen will ist: es ist nicht immer nur das Wachpersonal. Es sind auch die Bewohner. Da sind üble Zeitgenossen dabei. Die schon immer üble Zeitgenossen waren. Zum Beispiel ehemaliges Wachpersonal. Die werden ja nicht plötzlich Engel, nur weil sie alt und siech werden.”

Warum eigentlich hat man …

“Wenn da die oberste Heeresleitung nicht von Anfang an für Disziplin sorgt …”

… die Welfenspeise nicht mit in den Kartoffelsalat gequirlt?

Und das Würstchen.

Und das Würstchen?

Und den Kakao.

Und den Kakao?

Ich nehme an, weil dann auch die Welfenspeise für den menschlichen Genuß verloren gewesen wäre. So hat man immerhin sie retten können.

Eines müsse ihm im Leben noch gelingen, sinnierte Germanistenfuzzi bei einer mitternächtlichen Welfenspeise – die Louis überraschenderweise aus irgendeinem Reptilienfonds herbeigezaubert hatte -, ehe sich die Pforten eines Seniorenheimes hinter ihm schlössen und er alle Hoffnung fahren lassen werde. Denn daß die gesellschaftliche Attitüde gegenüber der Altenaufbewahrung und derer zulässigen Kosten sich grundlegend ändern werde, sei ja eher nicht zu erwarten. Es müsse ihm gelingen zu ertauben, solange er es in der eigenen Hand habe, wovon er taub werde. Mit den Augen sei er ja mittlerweile gut zu Fuß, dorthin, wo er das Elend eines Tages nicht mehr werde mitansehen müssen, weil nicht können, aber schwerhörig sei er noch nicht. Der Schwiegersohn seines Opas, sein Vater, ja, der sei schwerhörig gewesen. Der habe es nur nicht wahrhaben wollen, und habe ebenso steif wie fest behauptet, nicht schwerhörig zu sein. Sei er aber doch gewesen. Er, Germanistenfuzzi, hingegen nicht. Anderslautende Bezichtigungen seien üble Nachrede seitens Frau Tausendschönchens. Er höre sehr gut, wenn auch selektiv.

Aber wenn erst die Generation Wacken oder die Generation Berghain die Mehrheit der Bewohner der Seniorenheime stellen werde, wolle er nicht als Seniorgruftie dazwischensitzen und sich deren dann antiquierten Musikgeschmack aufzwingen lassen. Dann sei es mit selektivem Hören nicht mehr getan. Dann gehe es ans Eingemachte. Dann zähle er auf Taubheit.

Denn was immer man gegen die – wie solle man sagen? Qualitäten? – Qualqualitäten eines Wolfgang Petry vorzubringen habe, es sei ja nicht so, daß diese nicht noch steigerbar wären.

Kernkundschaft

Wir sind modern und gehen gern ins Tuchgeschäft für bessere Herrn
Kaspar, Jesper und Jonathan

Die Investitionsruine Karstadt soll nach dem Willen des Ruineninvestors Banquo, der erst kürzlich in die Ruine investiert hat – bzw. in das, was sein Vorinvestor Berggruen von ihr übrig gelassen hat, der sie, beziehungsweise das, was ihr Manager Middelhoff, der zuvor schon AOL und Napster ruinierte, aus ihr gemacht hatte, einst aus der Konkursmasse von Arcandor herausgekauft und zum Anschaffen auf die Straße geschickt hatte, sie zwang, ihren Mädchennamen wieder anzunehmen (sie war zwischenzeitlich eine verehelichte Schickedanz gewesen), und ihr für das Recht, diesen Namen zu führen, den kompletten Verdienst abnahm (Middelhoff pflegte die gleiche Praxis; er hielt die Patsche für die ‘Benutzung der Örtlichkeiten’ auf, die er sich zuvor selbst verkauft hatte) -, Karstadt soll nach dem Willen Banquos auch weiterhin seinen kompletten Verdienst abliefern, und zwar an ihn. Er habe, brüstet sich Banquo, mit seinen Investitionen bislang stets Geld verdient, mal mehr, mal weniger, aber er habe noch nie zugesetzt und das auch nicht vor. Wenn seine Investition irgendjemanden ruinieren wollen sollte, sollte sie es von ihm aus bei seinen Angestellten probieren, aber nicht bei ihm.

Das Geld, das er seinen Angestellten vorenthalten will, soll von den Kunden kommen. Und zwar will man sich konsequent aufs Ausnehmen der Kernkundschaft kaprizieren, und die Kernkundschaft sei nun einmal die etwas ältere Kundschaft, heißt es, so ab vierzig aufwärts. So ab vierzig aufwärts, um das kurz zu verdeutlichen, sind diejenigen alten Knacker, die 1994, als Netscape 1.0 vom Stapel lief, bereits viel zu alt waren, um das Internet noch zu begreifen, nämlich zwanzig.

Also wir.

Und um uns das Geldausgeben schmackhaft zu machen, soll die Zahl der Kassen und die Zahl der Angestellten an den Kassen renditeträchtiger gestaltet werden. Also mehr Kassen und mehr Angestellte. – Ha. Haha. Trauriger kleiner Scherz. – Ein kluger Schachzug, das! Daß man das Angebot kernkundschaftskompatibel zu gestalten bemüht war, war uns bereits an den Bundweiten der auf den Stapeln zuoberst liegenden Jeans aufgefallen: ab vierzig aufwärts. Aber hat man auch bedacht, daß wir Alten nicht nur dicke Bäuche haben und zu doof sind, bei Zalando einzukaufen, sondern auch zu schusslig, unsere Brille mitzubringen? Wir können die Geldscheine nicht mehr gut voneinander unterscheiden, und die PIN unserer Maestro-Karte, die wir auf einem kleinen Zettelchen im Portemonnaie notiert haben, die können wir nicht lesen. Wieso überhaupt Maestro? Früher hieß das ec-Karte. Und war gut genug für uns. Aber heute genügt das wohl nicht mehr. – Nachdem wir das der Kassenkraft mitgeteilt haben, fällt uns das Portemonnaie runter und das Kleingeld rollt unter den Ständer mit den Hannover-96-Nikoläusen. – Es wird, so ist anzunehmen, zu Staus an den Kassen – pardon: zum Stau an der Kasse – kommen.

Übrigens – die Tatsache, daß wir überhaupt bei Karstadt einkaufen, liegt eher nicht daran, daß wir uns dem Grabe nähern, sondern weitgehend daran, daß Karstadt unweit des Bahnhofs gelegen ist, was uns erlaubt, zwischen zwei Zügen eine Jeans zu kaufen. Sofern wir beim Graben in den Stapeln schnell genung auf eine unserer Bundweite stoßen, heißt das, und an der Kasse sofort drankommen. Würde das Erreichen des Anschlußzuges durch Personalreduktionsmaßnahmen zum Hazard, wäre das kernkundenbindungskontraproduktiv. Ruckzuck wären wir bei Kaufhof, der ist auch nicht weit. Das weiß auch Banquo, weswegen er auch schon Interesse an Kaufhof geäußert haben soll.

Mag sein. Noch ist das Kapital stärker als wir. Noch profitiert es davon, daß in den Zügen der Bahn das WLAN nicht funktioniert, und wir in 3D einkaufen müssen. Noch hält es der eine oder andere vielleicht für angezeigt, analog zur Differenzierung zwischen Proletariat und Lumpenproletariat das klassische Ausbeutertum vom Lumpenausbeutertum zu scheiden, und kauft deshalb nicht bei Zalando. Je heftigere Anstrengungen das klassische Ausbeutertum aber macht, diesen Unterschied zu nivellieren, desto egaler wird es ab einem Tag X auch sein, wo man kauft. Das mache auch Banquo sich klar. Dann ist er uns los. Er unterschätze die Marktmacht von uns Kernkunden nicht! Es kommen auch andere Zeiten. Es kommt die Zeit, da diejenigen vierzig werden, die beim Untergang des Netscape Navigators erst zwanzig waren. Von denen lassen wir uns zeigen, wie Zalando geht. Wir haben schon Nokia kleingekriegt, indem wir auf zalandotaugliche Handys umgestiegen sind, und mit Opel sind wir auch fertig geworden, indem wir noch nie einen gekauft haben. Wir werden auch Karstadt kleinkriegen.

Beziehungsweise das, was Banquo davon übriglassen wird.

Vignetten

Streik

Es ist gesagt worden, und es ist nachgeplappert worden, daß die dritte industrielle Revolution ihre Attraktivität für das Kapital der Tatsache verdanke, daß Roboterstraßen im Gegensatz zu Schichtarbeitern nicht streiken täten. Stimmt aber nicht.

Jetzt, nachdem die (noch nicht) durch Assistenzsysteme (Lane Assist, Park Assist, Emergency Assist, Autonomous Cruise Control und “Wenn die Torfköppe im Türbereich denselben einfach mal freigeben würden, dann könnten wir auch abfahren” Assist) ersetzten Lokführer wieder arbeiten, streiken, wie sich das anscheinend gehört, die Signale. Kein Unterschied zu früher, als noch der Bahnwärter Thiel mit der Laterne an der Strecke stehen mußte, wenn er nicht gerade Visionen hatte.

Außerdem streikte heute morgen die Heizung.

Pubertät

FBI-Agenten haben drei Mädchen aus den USA gestoppt, die unterwegs nach Syrien waren, wo sie sich von den IS-Milizen steinigen lassen wollten. Sie hatten die Schule geschwänzt und waren von der Schulleitung bei den Eltern verpetzt worden. Am Frankfurter Flughafen wurden sie geschnappt. Die 15 und 17 Jahre alten Geschwister und deren 16-jährige Freundin seien zurück zu ihren Familien in Denver gebracht worden, sagte eine FBI-Sprecherin. Ein Regierungsvertreter in Washington sprach von einem “beunruhigenden” Fall.

Beunruhigend, in der Tat. Was kann die Mädels umgetrieben haben? Ist es nur das Alter? Spielt eine Rolle, daß in Colorado zu Beginn des Jahres der Marihuana-Handel legalisiert wurde?

Es ist nicht geklärt.

Auch nicht geklärt ist, wieso die drei wußten, wo Syrien ungefähr liegt, und wie man hinkommt. Als Amerikanerinnen. Noch dazu aus Colorado. In dem Alter. Andere Mädels in dem Alter kaufen Klamotten bei Primark, anstatt sich steinigen zu lassen. Als jemand, der beides bleiben läßt, möchte man nicht entscheiden müssen, was schlimmer ist.

Besser: Aus dem Gröbsten raus sein, was das Alter angeht.

“Spurende Kunden helfen uns, die Bereitstellung unserer Dienste zu verbessern. Durch das Parken in unserem Parkhaus erklären Sie sich mit allem einverstanden, was wir jetzt schon mit Ihnen treiben und was uns künftig noch so alles einfallen mag”

In vielen Parkhäusern in Deutschland werden nach Medien-Recherchen systematisch die Kennzeichen der Autos erfaßt und gespeichert. Gleiches geschehe auch auf Campingplätzen und Firmen-Parkplätzen, heißt es. Die betroffenen Autofahrer wüßten in der Regel nichts davon, außerdem sei es ihnen schnurzpiepegal.

Der Betreiber der Parkhäuser, Google, sagte gegenüber dem Käsdorfer Metropolitan (KM), man speichere die Daten nur, weil man sie einmal gesammelt habe. Daten zu sammeln und sie nicht auch zu speichern, sei ja wohl Blödsinn. Und sammeln würde man die Daten, weil man sonst nicht wüßte, was man speichern soll. Teuren Speicherplatz vorzuhalten, ohne etwas zu haben, was man dort speichern könne, sei nämlich auch Blödsinn.

Außerdem geschehe alles um des lieben Kunden willen. Dem lieben Kunden will Google künftig maßgeschneiderte Parkplätze anbieten können, wenn er das nächste Mal an der Schranke auftaucht.

Mexiko

Ein Kreuzfahrtschiff aus den USA hat sich geweigert, bei Cancún in Mexiko an Land festzumachen, weil es sich nicht mit Mexiko infizieren will. Das Kreuzfahrtschiff ist aus den USA gekommen, eine Weile in der Karibik herumgeplanscht und hatte ursprünglich vor, vor Cancún zu ankern, damit die 5.000 Kreuzfahrer die Nase in die yucatánsche Luft tauchen könnten, um mal zu schnuppern. In Cancún gibt es Ruinen aus der Zeit der Maya, aber die gibt es in der Eifel auch. Die interessieren keinen. Was interessiert, sind die ca. 1 Million Studenten – na, auf die ist gepfiffen! – und Studentinnen, die im Frühjahr (“Spring Break”) hierherkommen, um sich – nein, nicht steinigen zu lassen. Aus dem Alter sind die meisten raus. Außerdem steinigt man in Mexiko nicht. Mit einer Steinigung macht man es dem Tod zu einfach, ist gängige Meinung dort. Die 500.000 Studentinnen kommen hierher, um sich starken Alkohol- und Drogenkonsums, sexueller Freizügigkeit, Promiskuität und Zurschaustellung von Nacktheit zu befleißigen, wie Wikipedia, allerlei Yellow Press und unsere Altherrenphantasien übereinstimmend berichten. Die fünftausend Kreuzfahrernasen wollten alle mal schnuppern, ob sich von diesem attraktiven Sündengemisch eventuell noch was im genius loci verfangen hätte.

Warum nicht? Wir waren auch mal jung und haben die Insel Neuwerk besucht, wo es zu Vitzliputzlis Zeiten mal einer Obersekunda gelungen sein soll, zu mehr als der Hälfte mit Alkoholvergiftung an Land geschafft werden zu müssen und die Rettungshubschrauberei vor ernste Herausforderungen zu stellen. Na, Rettungshubschrauber wird es damals noch nicht gegeben haben, Chichén Itzá war ja gerade erst gegründet worden. Es war eine reine Jungenklasse, was besagt, daß die übrigen Spring Break Aktivitäten entweder ausfielen und durch Alkohol kompensiert, oder stattfanden, und nachfolgend die Scham mit Alkohol kleingetrunken, oder aber stattfanden, und anschließend die Begeisterung darüber mit Alkohol übertüncht, oder im Einzelfall auch stattfanden, und die Begeisterung darüber mit Alkohol gefeiert werden mußten. Auf jeden Fall wurde gesoffen, und die Trostlosigkeit von damals hing noch immer in den Salzwiesen. Schon im Watt überfiel uns Depression.

Aber nun: kurz vor Cancún drehte das Schiff wieder ab und fuhr zurück nach Galveston. Man hatte eine Risikopatientin an Bord, die möglicherweise einmal an einem Ort gewesen war, wo zuvor ein Ebolapatient gesessen hatte, und wollte sich nun nicht obendrein auch noch Mexiko einfangen. Denn mittlerweile ist Mexiko sehr viel tödlicher als das Ebolafieber. Pro Jahr kommen dort mehr Leute durch Gewalt ums Leben, als das Ebolavirus seit Gukumatz’ Zeiten auch nur infiziert hat. Wobei die Mexikaner darauf achten, daß es sich keiner zu einfach macht, und etwa stirbt, ohne vorher gequält worden zu sein. Oder daß die Mörder jemanden einfach so totschlagen, den man statt dessen auch vergewaltigen, erpressen, ausrauben, schänden, schinden, verstümmeln, zerstückeln und im Tod noch verhöhnen könnte.

Andererseits will auch Mexiko kein Ebola im Land haben und verbot den Landgang. Man fragt sich, warum? Ebola wäre doch ein guter Ersatz für die G36-Gewehre von Heckler & Koch, die wg. gewisser Endverbleibsthematiken im Prinzip momentan nicht ins Land gelassen werden können. Im Prinzip. So wie es in Colorado vor dem 1. Januar im Prinzip kein Marihuana gegeben hat. Sie wissen schon. Aber das G36 leidet momentan nicht nur an Endverbleib sondern auch an Treffsicherheit, so daß Ebola mit dem Streufaktor der abgesägten Schrotflinte eines Alan Bourdillion Traherne – na sagen wir, kein Ersatz fürs G3, aber eine Ergänzung wäre. Die Mexiko bei der Bekämpfung von Mexiko gut gebrauchen könnte.

Aber vielleicht macht Ebola es dem Tod auch einfach zu einfach.

Streik II

“Wo ist die deutsche Maggie Thatcher?” fragt der SPIEGEL angesichts des Lokomotivführerstreiks und tut, als wäre er richtig böse. Warum so böse, lieber SPIEGEL, möchte man fragen, du weißt es doch, und deine Leser spüren es auch, daß dein Autor in der Reminiszenz an die große Zeit seiner Mannwerdung bei Abfassung des Artikels die allerbeneidenswerteste Entspannung erfahren hat. Und das nicht zum ersten Mal. Die routinierte Hand ist klar erkennbar. On revient toujours à son premier … naja, amour? So sagt man halt. Und da wir nicht wissen, was ‘Wichsvorlage’ auf französisch heißt, und ob sich das auf ‘toujours’ reimen würde, mag es bei amour bleiben. Aber das Böse-tun gehört wahrscheinlich zum Ritual, so wie bei anderen Leuten das Vorspiel in cis-Moll von Rachmaninoff. Wie auch das So-tun, als wäre diese beknackte Frage eine nicht ganz leicht zu beantwortende solche.

Dabei ist die Frage sehr leicht zu beantworten: die deutsche Maggie Thatcher ist tot.

Warum? Nun, erstens ist das Original auch tot, da soll das dem deutschen Klon doch wohl billig sein. Aber die deutsche Maggie Thatcher war von Anfang an nicht lebensfähig. Das Gemisch aus “Maggie Thatcher” (humorlos zum Quadrat) und “deutsch” (humorlos hoch drei) ist mit den heute zur Verfügung stehenden Techniken und Materialien nicht realisierbar. Normale Frauen bestehen zu ca. zwei Dritteln aus Wasser, zu dem auch – zu von Frau zu Frau schwankendem Anteil – der Humor beiträgt. Bei Männern ist es nicht viel anders, wenn man sich das Wasser durch Bier ersetzt denkt. Die deutsche Maggie Thatcher aber war in etwa so feucht wie die Schokolade Lindt Excellence 99%, von der Kenner sagen, daß sie einem buchstäblich im Halse stecken bleibe, und vor deren Genuß die Firma empfiehlt, den Gaumen schrittweise an Schokoladen mit hohem Kakaoanteil zu gewöhnen, indem man zunächst mit Brikettasche anfängt. Verglichen mit ihr war die Marsoberfläche sumpfig, und Sandstürme zogen den Hut. Schon im Reagenzglas war klar, daß sich die beiden Ingredienzen nicht miteinander mischen würden, im Gegenteil. Sie hielten sich, so gut es gehen wollte voneinander fern, so als traute eins dem anderen nicht über den Weg bzw. könnte jenes diesem ums Verrecken nicht aufs Fell gucken.

Das Ergebnis war darnach. Auf der Liste der humorlosesten Entitäten aller Zeiten nimmt die deutsche Maggie Thatcher (humorlos hoch fünf) postum einen ehrenvollen dritten Platz ein, hinter Jan Fleischhauer vom SPIEGEL und Claus Weselsky von der GdL.

30 Prozent der Deutschen verzichten darauf, vermögend zu sein

Die Einsicht in den Wert und die Vorteile eigenen Vermögens geht den Deutschen anscheinend immer weiter verloren. Das Vermögensbarometer des Deutschen Sparkassen-, Giro- und Kontoüberziehungszinsenabgreiferverbandes förderte einmal mehr zutage, daß ein wachsender Anteil der Deutschen – 30 Prozent – glaubt, kein eigenes Vermögen zu brauchen. 16 Prozent – und das ist besonders alarmierend – glaubt sogar, sich kein eigenes Vermögen leisten zu können. In der durchaus irrigen Annahme, für eigenes Vermögen brauche man Geld. Und das habe man nicht.

Daß das nicht stimmt, zeigt der Blick auf den “Freundeskreis überhöhter Dispokreditzinsen”, der sich ganz und gar aus fremder Leute Geld finanziert und mit der Zeit, natürlich nicht sofort, nach und nach ein Vermögen aufzubauen vorhat, ganz ohne eigenes Geld. Wenn man kein eigenes Geld hat, muß man eben fremder Leute Geld nehmen, so einfach ist das doch. So einfach kann es jedenfalls sein, wenn man es richtig macht. Aber wie macht man es richtig?

Dabei wird der Wert von Vermögen eo ipso theoretisch grundsätzlich anerkannt, bloß eben als etwas betrachtet, das mit einem selbst nichts zu tun hat. Und zwar sind es, wie das Vermögensbarometer zeigt, vor allem Menschen mit geringem Einkommen, die meinen, kein Vermögen zu brauchen. Unter denen, die monatlich weniger als 1000 Euro zur Verfügung haben, liegt der Anteil derer, die auf eigenes Vermögen verzichten, bei etwas über 100 Prozent. Der Verbandspräsident der Sparkassenfritzen fordert daher politisches Umdenken: “Gerade im Blick auf mittlere und einkommensschwache Haushalte muß die Bedeutung eigenen Vermögens bei der Vermögensbildung wieder besonders betont werden.” Denn wer deutlich mehr Geld zur Verfügung hat – und das haben Vermögende, vermöge ihres Vermögens, deshalb nennt man sie so – als er zum Lebensunterhalt benötigt, behält Geld über. Geld, das er prima nutzen kann, um keine Überziehungskreditzinsen davon zu berappen.

Sondern lieber ein Vermögen damit aufzubauen.

Verräter Kohl

Father, you left me but I never left you
I needed you but you didn’t need me
John Lennon, Mütterlein

Es sei nicht so sehr “kritische Zeugenschaft” gewesen, nicht Journalistenethos, nicht die Freude an der Chronistenpflicht und nicht die Gewissenhaftigkeit gegenüber dem Auftrag, das Gewesene der Nachwelt zu überliefern, sondern vielmehr die reine, unverstellte Pöbelhaftigkeit des Pöbels, die ihn an Ort und Stelle festgehalten hätte, schrieb Robert Gernhardt so oder ähnlich unter dem Titel “Des Pöbels Kern” in der Titanic – damals, als der Pöbel, wie es sich gehört, draußen vor der Frankfurter Oper sein Wesen trieb, und noch nicht, wie heute leider üblich, in der Oper. Irgendeine Dumpfbacke hatte sich damals ausgedacht, in der wiederaufgebauten Frankfurter Oper einen Opernball stattfinden zu lassen, als wär’s nicht Frankfurt, sondern Wien, und als schriebe man noch das Jahr 1815 und nicht 1982.

Es habe sich bei dem Ball um eine bewußte Provokation gehandelt, sagte die Dumpfbacke 20 Jahre danach, zwar keine Provokation um der Provokation willen, aber der Pöbel habe es so aufgefaßt und entsprechend reagiert. Gottseidank. Man würde Gernhardts Text nicht gerne missen. – Später im selben Jahr dann – der Verräter Genscher machte es möglich – zog jener Mann ins Kanzleramt, den wir damals alle unterschätzten – leider unterschätzten, muß man sagen, obwohl wir halb und halb entschuldigt sind: wußten wir denn, was wir an Kohl hatten? Wußten wir, wer dereinst auf ihn folgen sollte? Schröderächz und Merkelstöhn? – Wir wußten es nicht, wir konnten es nicht wissen. Und schon gar nichts wußten wir von der reinen, unverstellten Flegelhaftigkeit dieses Flegels, von der wir erst jetzt, 30 Jahr später – der Frankfurter Opernball ist ein Wrack, und Kohl sieht auch nicht mehr gesund aus – erfahren dürfen, und die uns mit reiner, unverstellter Schadenfreude erfüllt: kann ein Mann, der einen Friedrich Merz ein “politisches Kleinkind” nennt, einen Christian Wulff eine “Null”, kann ein solcher Mann ein ganz schlechter Mensch sein?

Er kann es nicht.

Apropos ‘kann es nicht‘:

Sie wettern gegen “journalistische Grabräuberei”: Die Allianz der Helmut-Kohl-Verteidiger ist so breit wie bunt. Klar springt die “Bild” dem Altkanzler bei. Aber auch die “Süddeutsche” und gar die “taz”… Was ist denn da los?

Da kann es einer nicht fassen.

Aber stimmt es denn auch, was er sagt? Eigentlich verteidigen die Leute doch gar nicht den Kohl, sondern sie rupfen den Schwan. Aber – und bei der Gelegenheit, weil oben von Journalistenethos die Rede war – wer fällt uns ein, wenn wir uns die vollkommene Abwesenheit von Ethos, Pflichtbewußtsein und Gewissen vorzustellen versuchen? Wer? – Na er.

Wer hätte gedacht, dass Helmut Kohl unter deutschen Journalisten einmal so viel Sympathie genießen würde. Seit man lesen kann, was sein ehemaliger Ghostwriter an Boshaftigkeiten auf Band aufgenommen hat, reißt die Kette derjenigen nicht ab, die finden, dass dem Altkanzler großes Unrecht geschieht, wenn nun alle Welt erfährt, wie er über andere Politiker denkt und dachte. Von “journalistischer Grabräuberei” ist die Rede und davon, dass der Presse durch solche Indiskretionen insgesamt Schaden entstehe, weil sich niemand mehr auf den Schutz des vertraulichen Wortes verlassen könne.

Es ist zweifellos ein Geheimnisverrat ersten Ranges, wenn man das, was einem im guten Glauben gesagt wurde, später unter die Leute bringt, um einen Bestseller zu landen. Aber dass ausgerechnet Journalisten diesen Umstand beklagen, ist doch einigermaßen verblüffend. Wenn es eine Branche gibt, die davon lebt, dass Leute Dinge ausplaudern, die sie eigentlich für sich behalten sollten, dann das Mediengewerbe.

Warum verblüfft es denn? Weil man nicht denken sollte, daß ein Journalist so weit denken kann? Sich nämlich auszurechnen – zwei Finger und noch mal zwei Finger macht zusammen vier Finger -, daß er in Zukunft wohl weniger vertrauliche Informationen zugesteckt bekommen dürfte, wenn er jeweils dazuschreibt, von wem er sie hat? – Nun, ich muß das Wort eines Journalisten gelten lassen. Wenn der es für verblüffend hält, wird er seine Gründe dafür haben. Ich bin ja keiner, weswegen ich auch nicht wissen kann, ob es bei denen vielleicht tatsächlich so ist, daß sie die meiste Sympathie für jene Leute haben, denen großes Unrecht geschehen ist. Kann ja sein. Glaube ich zwar nicht, aber wer bin ich schon? Ich allerdings habe Sympathie für Kohl, aber nicht deswegen, weil ihm so großes Unrecht widerführe, sondern desto mehr, je flegelhafter er über Merkel herzieht: “konnte nicht mit Messer und Gabel essen”! Herrlich!

Womit er Merkel vermutlich großes Unrecht tut. Aber macht sie das etwa sympathischer? – Nö.

Wer in solchen historischen Dimensionen angekommen ist wie Kohl, kann nur noch bedingt darauf vertrauen, dass das, was er privat äußert, auch privat bleibt. Die Äußerungen eines Staatsmanns seiner Größe sind immer von Belang, selbst wenn es sich um abfällige Bemerkungen handelt. Aus gutem Grund ist schon Richard Nixon mit dem Versuch gescheitert, die Mitschnitte von seinen Gesprächen im Weißen Haus sperren zu lassen. Von den “Nixon-Tapes” und den auf ihnen überlieferten Ausfällen zehren die Historiker noch heute.

Ich weiß nicht, in welchen Dimensionen Kohl angekommen ist und ich weiß auch nicht, was historische Dimensionen sein sollen. Aber es genügt, meiner Meinung nach, daß einer im Bundeskanzleramt angekommen ist, um sicher zu sein, daß das, was er sagt, privat oder nicht privat, nicht privat bleiben wird. Ob es von Belang ist, was er sagt, was immer er sagt, sei dahingestellt. Wenn er zum Beispiel ruft, das Klopapier sei alle, und Frau Weber solle mal eine Rolle aus dem Kanzleramtsbesenschrank holen und ihm bringen und durch die Tür reichen. Glaube ich zwar nicht, daß das von Belang ist – außer für Frau Weber, die bestimmt gut daran getan hat, zu parieren, und zwar pronto -, aber ich bin sicher, daß es in den Archiven der Staatssicherheit gelandet ist. Von wannen es eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages ans Licht der Sonne kommen wird, wenn Kohl lange genug tot und bei mir die altersbedingte Makuladegeneration noch nicht allzuweit fortgeschritten sein wird.

Eine Machtmaschine, die alles niederwalzte

Noch überraschender als die Argumente, die bemüht werden, um den Vertrauensbruch zu geißeln, ist die Allianz, die sich zum Schutze des Altkanzlers zusammengefunden hat. Dass Kai Diekmann von der “Bild” sich für den greisen Kanzler in die Bresche wirft, verstehe ich. Das Verhältnis der beiden ging immer über das Journalistische hinaus. Kohl hat in Diekmann eine Art Ziehsohn gesehen, der “Bild”-Chefredakteur war einer der beiden Trauzeugen bei seiner zweiten Heirat.

Da die Argumente der Vertrauensbruchgeißler nicht überraschend sind, sondern rational, ist es nicht überraschend, daß “die Allianz, die sich zum Schutze des Altkanzlers zusammengefunden hat” “noch überraschender” ist. Ein ganz winzig kleines bißchen überraschend ist ja schon überraschender als nicht überraschend, und zwar um ein Vielfaches, ja Unendliches. Aber ist die Allianz überhaupt überraschend? Kann sie es sein? Ist es nicht in Wahrheit ihre Existenz, die uns überrascht, und nicht die Allianz als solche? Aber existiert sie überhaupt? Hatte ich nicht oben geschrieben, daß es nicht um die Verteidigung Kohls geht, sondern um die Verteidigung journalistischer Grundsätze und Gepflogenheiten, und zwar aus handfestem Eigeninteresse? Kann mal einer nachsehen, ob es weiter oben schon steht? Sonst schreibe ich es sicherheitshalber noch einmal hin. Und, ja: die Existenz einer Allianz, die nicht existiert, die wäre in der Tat überraschend.

Daß es einer verstehen kann, wenn Kai Diekmann, der Urinoberkellner der Pißpottpresse, dann, wenn es um seinen Buddy Kohl geht, plötzlich journalistisches Ethos entwickelt und Grundsätze einfordert, die er im Falle des Verräters Wulff, der Null, noch durch die Twitterspülung hat rauschen lassen, kann ich verstehen, denn das kann ich auch verstehen. Was ich nicht verstehe, ist, wie einer dasselbe der Kollegin von der Taz nicht zugestehen kann:

Aber ich hätte nie erwartet, auch aufrechte Kohl-Verächter wie Heribert Prantl oder die strenge “taz”-Vorsteherin Ines Pohl unter den Verteidigern zu finden. Keine Ahnung, was die Kollegen zu ihrem Einsatz treibt. Vielleicht hoffen sie bei der Gelegenheit, in einer Art Last-Minute-Bekehrung doch noch auf die richtige Seite der Geschichte zu kommen.

Es sei denn, er sei tief in seiner Mördergrube genauso ein Flegel wie Kohl, der es ja an der Oberfläche nicht war! An der Oberfläche war Kohl ein dicker, birnenförmiger Trampel, ein in jeder Hinsicht unfähiger und mithin mit der Aufgabe, die Geschicke des Landes in den Händen zu halten, überforderter Unfall der Geschichte. An der Oberfläche! Innen drin war er ein intrigantes Schwein – pardon, nein! Da bringe ich zwei Sachen durcheinander. Ein intrigantes Schwein war Jürgen Möllemann, Kohls Stellvertreter und, im Kabinett Kohl III, Minister für Bildung und Wissenschaft, im Kabinett Kohl IV Minister für Günstlingswirtschaft und Einkaufswagenchips, und zwar war der es in den Augen und mit den Worten seiner Parteifreundin Irmgard Adam-Schwaetzer: “Du intrigantes Schwein!” Ach, es ist doch schade um die FDP!

Innen drin aber war Kohl, wie sich nun zeigt, ein Flegel. – Auch Fleischhauer, heißt es, sei sehr bedacht auf sein Äußeres. Warum?

Bei keinem Bundeskanzler lagen große Teile der Presse so daneben wie in der Beurteilung des Mannes, der Deutschland so lange regiert hat wie niemand sonst. Für die Linke und damit die tonangebende Meinungsmacht war er der Dicke, die Birne, der Trampel, ein in jeder Hinsicht unfähiger und überforderter Mensch, die Geschicke des Landes in den Händen zu halten. Als er 1982 an die Regierung kam, hielt man das für einen Unfall der Geschichte, den schon die nächste Wahl korrigieren würde. Als er ein ums andere Mal im Amt bestätigt wurde, war er die Machtmaschine, die alles niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellte.

Moment mal, das ist doch von mir! Birne, Trampel, dick, in jeder Hinsicht unfähig, Unfall der Geschichte – eben habe ich es doch noch selber hingeschrieben! Das hat er von mir, aber richtig abschreiben kann er nicht, wie der verunfallte Satz von dem überforderten Menschen zeigt. – Nun ja! Wir Linken sind halt eine, nein, “die tonangebende Meinungsmacht”! Das muß auch ein Fleischhauer anerkennen. An uns kommt nicht vorbei, wer über Kohl schreiben will. Krawattericht! Schlipsgeradezieh!

Wenn es gegen Kohl ging, stand in vorderster Front natürlich auch immer der SPIEGEL.

Der SPIEGEL? Der SPIEGEL links? – Na gut, wenn es der Wahrheitsfindung dient. – Aber – wo wir gerade von Linken reden – nicht vergessen sei auch der linke Franz Josef Strauß mit seinem Rap: “Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.” Und nicht der Marxist Eberhard von Brauchitsch, persönlich haftender Gesellschafter des Kombinats VEB Flick, der das “Führungspotential Kohl” seinerzeit bündig mit “Kein anderer da” beschrieb.

Was die Kohlverachtung angeht, konnte es keiner mit den Kollegen aufnehmen, die dort in den Achtziger- und Neunzigerjahren für die politische Berichterstattung verantwortlich waren. Kohl selbst hat sich ebenfalls nicht lumpen lassen, muss man sagen. Legendär, wie er SPIEGEL-TV-Redakteure abfertigte, die ihn auf dem Weg zu seinem Wagen um einen Kommentar baten. Bei SPIEGEL TV haben sie aus den kurzen Auftritten zu seinem 80. Geburtstag einen eigenen Film geschnitten, den man sich immer wieder mit großem Genuss anschaut.

Ich wüßte es ja wohl! – Was ich gerne tun will, ist, die Schwan-Interviews immer wieder lesen. Ich hoffe nur, sie werden nicht langweilig. Weil – ich möchte nicht an meinem frisch gewonnenen Idol rummäkeln, aber – die Formulierungen, sind sie nicht alle ein wenig eindimensional? Authentisch, gewiß, unverstellt, geradeheraus, unplugged – aber auch ein Weniges mehr an Virtuosität vertragen könnend? Wer würde sich nicht, nach 36 Stunden Joe Cocker, etwas akustische Abwechslung herbeisehnen? Nicht sechsunddreißig Stunden, nach einer Viertelstunde, wollte ich sagen. Fünf Minuten. Und Joe Cocker ist auch viel zu hoch gegriffen – Bill Haley kommt eher hin. Nehmen wir nur die Äußerung Kohls über Rüttgers: “Dem sein Horizont ist Pulheim”. – Brav! – Aber wäre es nicht sehr viel schöner, angemessener und präziser, zu sagen: “Dem sein Horizont ist der Erbsensuppentellerrand auf der Wachstuchküchentischdecke in seinem Haus in Pulheim-Sinthern, Am Brauweiler Pfädchen oder wo er da wohnt”?

In der Politik resultieren die größten Fehler aus Eitelkeit

Hör ick dir schon trapsen, Nachtigall? Oder verbuche ich diese Zwischenüberschrift noch unter “Dummes Zeug, gedankenlos dahergeplappert”? Wieso wohl resultieren aus der Eitelkeit die größten Fehler? Die meisten, gut. Einverstanden. Aber war Kohls Fehler – denn darauf läuft es doch hinaus -, dem Schwan ins Ohr zu blasen und zwar so, wie ihm der Schnabel gewachsen war, war der denn überhaupt so groß? War es überhaupt ein Fehler?

Was viele Kritiker übersahen, wenn sie sich über Kohl lustig machten, war die Tatsache, dass er das Land viel eher verkörperte als sie in ihren Redaktionsetagen. Deshalb gewann er ja auch wider Erwarten eine Wahl nach der anderen.

Da Kohl aber, wenn er zur Wahl antrat, nicht gegen die Kritiker in den Redaktionsetagen antrat, sondern gegen Vogel, Rau, Lafontaine und Scharping, könnte man, wenn man bei Groschen wäre, allenfalls fragen, ob er volksnäher war als diese. Und nicht als jene. Und die Antwort müßte lauten: natürlich war er es. Wie man schon daran sieht, daß er gegen sie gewann. Und dann, als er gegen die Currywurst Schröder antreten mußte, die so volksnah war wie ein Skatabend im Plümecke, prompt verlor.

Was seine Beobachter als Bräsigkeit herabwürdigten, erschien dem Wahlvolk als Ausweis von Bodenständigkeit. Wo sie entsetzt den Kopf schüttelten, wenn er irgendwelchen Protestlern, die wild gegen ihn herumtobten, zurief, sie würden wohl alles bestreiten, nur nicht ihren Lebensunterhalt, lachten die meisten Deutschen zustimmend.

Ach du meine Nase! Kohl, der große Wortspieler. Kohl, der Kanzler, Kohl, der König, Kohl, der Höllenfürst des Wortspiels! Was red’ ich denn, Kohl, der Richling, Kohl, der Urban Priol, Kohl, der Dietrich Kittner unter den Kanzlern! Hölle, Hölle, Hölle! Gott, ist mir schlecht! Klar, wenn einer anderer Meinung ist als ich, und wenn er diese äußert, ohne Rücksicht darauf, ob ich das möchte und was ich davon halte, dann kann der keinen geregelten Lebensunterhalt haben. Dann ist der nur ein unnützer Fresser. Das ist so. Da hatte Kohl schon recht, wenn es das war, was er meinte. Ich werde nachher vielleicht ebenfalls einen, den ich nicht leiden kann, einen unnützen Fresser nennen, ich weiß auch schon wen. Mal sehen. Bleiben Sie dran! – Aber war es das denn, was Kohl meinte? Ging es ihm nicht eher darum, bestimmte Ausdrucksformen linker Meinungsmacht – nennen wir sie Demokratie, nennen wir sie Meinungsfreiheit – zu delegitimieren? So à la “Meinungsfreiheit ist zunächst einmal für Erwachsene da, nicht wahr, und zwar für fleißige, steuerzahlende Erwachsene, die gar keine Zeit haben, eine eigene Meinung zu entwickeln. Zu Dingen zumal, die sie nichts angehen. Und die sie nicht verstehen. Wer von unseren braven Steuerzahlern kriegt schon mit, wenn in Frankfurt ein alte Ruine wieder aufgepäppelt wird? Damit dort Dumpfbacken einen Opernball für Nichtstuer mit Geld inszenieren können? Wer das auch nur zur Kenntnis nimmt, hat zuviel Zeit. Wer zuviel Zeit hat, arbeitet zuwenig. Es sei denn, er hätte Geld. Aber dann wäre er in der Oper und nicht vor der Oper. Will sagen: erst, wenn die fleißigen Bürger mit Meinungsfreiheit versorgt sind (durch Glotze und Pißpottpresse), erst dann und wenn dann noch etwas Meinungsfreiheit übrig sein sollte, dann soll man die den Armen geben. Sofern die es verdient haben. Nicht jedoch dem Pöbel.”?

Die Achillesferse der linken Intelligenz war schon immer ihre Volksferne, weshalb auch nur dort Populismus ein Schimpfwort ist – das hat niemand besser erkannt gehabt als Kohl.

Ok, es ist nicht die Nachtigall, es ist “Dummes Zeug, gedankenlos dahergeplappert.” Lassen wir mal die quatschige Metapher von der Achillesferse beiseite – kann man sich das vorstellen? Wie ein geeigneter Apollon – wer könnte das denn mal sein? Irgendwelche Vorschläge? – seinen Pfeil aus dem Hinterhalt in die Volksferne der linken Intelligenz schießt, daß ihr ein Schmerz bis ans Herz fährt, und sie unter Klagen den Pfeil aus der Wunde reißt, und schwarzes Blut in den Staub der Walstatt quillt, so daß die linke Intelligenz kochend vor Kampfeslust unter die Feinde fährt und ihrer viele des Lebens beraubt, ehe ihr die Glieder kalt werden und sie sich auf die Lanze stützen muß, nicht ohne den Feinden zu fluchen – das kann sich doch kein Mensch vorstellen! Ich wüßte noch nicht einmal, welche Farbe das Blut der linken Intelligenz hat. – Rot? – Naheliegend. Aber warum nicht blau? Ich bitte! Als Geistesadel? – Lassen wir die Metapher, wie gesagt, beiseite, was will man erwarten von einem Transferleistungsempfänger, der seinen gesamten Rhetorikhaushalt von 391 Euro im Monat bestreiten muß? Hin und wieder vielleicht abgerundet durch ein paar Altmetaphern, die er aus dem Abfallkübel klaubt. 399 Euro soll es ab dem ersten Januar geben, aber große Sprünge wird er auch damit nicht machen können.

Aber lassen wir das. Nur dies noch: hier hätte sich – hier hätte es gepaßt – der “größte Fehler” angeboten. “Der größte Fehler der linken Intelligenz war schon immer” usw. usw. Das hätte zwar auch nicht gestimmt, aber das wäre immerhin von Sinn beseelt gewesen. Einer der Fehler des Fleischhauer hingegen, nicht der größte, nicht der kleinste, einfach einer seiner Myriaden von Fehlern ist es, zu sagen, Populismus als Schimpfwort gäbe es nur bei der linken Intelligenz. Lassen Sie es mich so ausdrücken: falsch. Populismus ist überall da und immer dann ein Schimpfwort, wo und wenn irgendwer auf das pfeift, was ich gut finde und etwas tut, was andere Leute gut finden. Das ist auf jeden Fall populistisch, und dafür gibt es Schimpfe. Nicht nur bei der linken Intelligenz, sondern auch beim rechten Volltrotteltum. Man mache die Probe aufs Exempel, gehe zu Google und tackere “Mindestlohn” und “populistisch” in die Suchzeile: die rechten Volltrottel werden einem die Bude einrennen. Was für ein hohles Strohdepot kann glauben, mit so einem unterirdischen Stuß durchzukommen? Was für eins? – Na seins. – Und, kommt es damit durch? – Beim SPIEGEL? Na immer!

Wenn man ihm einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er sich den WDR-Redakteur Heribert Schwan ins Haus geholt hatte, um sich bei seinen Memoiren helfen zu lassen.

Ok, es war doch die Nachtigall. – Kohl, du Verräter! Wie konntest du! Einen vom Rotfunk! Hätte man da nicht einen Würdiger’n finden können? Jedenfalls einen Würdegern? – Gewiß hätte Kohl. Aber so ist das eben bei Popstars: sie haben es gar nicht nötig. Je ruppiger sie ihre Groupies behandeln, desto größer ihr Ruhm, desto mehr drängen nach. Darunter natürlich auch welche, bei denen man sich was einfangen kann. Selber schuld!

Dass man einem Mann vom Rotfunk nicht trauen kann, hätte der alte Fuchs eigentlich wissen müssen; Verrat war schließlich immer eine zentrale Kategorie seines Denkens. Schwan hatte sich durch ein freundliches Filmporträt für den Job empfohlen. Die größten Fehler resultieren in der Politik nicht aus Nachlässigkeit oder Ignoranz, wie man sieht, sondern aus Eitelkeit.

Wie man sieht? Sieht man das denn? Woran sieht man das denn? Daran, daß hier steht, daß man es sieht?

Und noch eine rhetorische Frage: hat schon mal irgendwas von dem, was dieser Federheld daherkleckste, gestimmt? Gestimmt im Sinne von ‘eine Ähnlichkeitsbeziehung zur Wahrheit unterhaltend’? – Ich entsinne mich einer Lesung Hans Wollschlägers im Rotfunkhaus Hannover, es kann nicht vor 1982 und wird nicht vor Dezember gewesen sein, wahrscheinlich war es erst im Frühjahr 83 – mir ist, als hätten vor dem Funkhaus die Mandelbäume geblüht -, denn der sich dort eingefunden habende hannoversche Geistesadel (es gab viele freie Plätze), gnickerte zufrieden in sich hinein, als Wollschläger, wie er es gerne tat, über die Wiederkehr des Ewiggleichen filosofierte und die Frage in den Sendesaal stellte und dann unbeantwortet dort stehen ließ: warum ‘das Volk’ sich seine Regenten immer wieder aus dem geistigen Prekariat rekrutiere, wo nicht aus dem Abhub.

Prekariat wird er nicht gesagt haben, ich vermute, der gewählte Ausdruck war: geistiger Mittelstand. Aber der Mittelstand der sorglosen Achtziger ist das Prekariat von heute, ist zumindest objektiv abstiegsgefährdet, und von subjektiven Abstiegssorgen gebeutelt; sechzehn Jahre Kohl und sieben Jahre Schröder (“nicht alles anders, aber vieles effektiver”) haben das Ihre getan. – Der anwesende Geistesadel jedenfalls kicherte und glaubte zu wissen, wer da soeben als geistiger Abhub bezeichnet worden war, obwohl der ja strenggenommen nicht vom ‘Volk’ gewählt, sondern von den Verrätern Lambsdorf und Genscher ins Palais Schaumburg geputscht worden war. Aber ein Wollschläger denkt und dachte natürlich immer in ganz anderen historischen Dimensionen als denen popeliger Tagespolitik. – Ich will übrigens niemandem zu nahe treten, will den Wollschläger-Fans nicht zumuten, sich als links, und schon gar den Linken nicht, sich als Wollschläger-Fans bezeichnen zu lassen. Aber die riesengroße Achillesferse wollschlägerscher Volksferne, die ihm weder die Linken noch die Fans absprechen werden und die hier deutlich unter seiner Schlaghose hervorschaut – wir sind in den frühen Achtzigern – qualifiziert ihn jedenfalls als linke Intelligenz im Sinne Fleischhauers. Mir persönlich ist es ja ganz egal, was einer ist. Hauptsache er ist kein Kolumnist und arbeitet nicht für den SPIEGEL.

Aber was ich gerne mal wüßte, welche Frage ich jedenfalls gerne mal in den Cyberspace stellen möchte, auch wenn sie dann unbeantwortet für alle Ewigkeit dort stehenbleibt: auf welchem geistigen Rieselfeld findet eigentlich der Storch die kleinen Kolumnisten, die er dann dem SPIEGEL bringt?

Unrechtsstaat

Um nicht immer nur als Partei wahrgenommen zu werden, die verlangt, daß die Leute etwas bleiben lassen (Verbotspartei), wollen die Grünen in Thüringen zur Abwechslung mal als Partei auftreten, die verlangt, daß die Leute etwas tun (Gebotspartei). Darum verlangt sie, daß die Partei Die Linke ihr hundert mal schreibt: “Die DDR war ein Unrechtsstaat.” Wenn sie das nicht macht, wollen die Grünen rückfällig werden und der Linken verbieten, in Thüringen zu regieren.

Die Idee gefällt mir gut, die Idee gefällt mir sehr gut, und ich möchte sie aufgreifen. Ich verbiete hiermit der CDU, in Thüringen zu regieren, sie schriebe mir denn hundert mal: “Es war ein Fehler, Globke zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt zu machen.” Und die SPD soll schreiben: “Man hätte im Prinzip auch gegen die Kriegsanleihen stimmen können, damals, vor hundert Jahren. Nicht jeder, der gegen die Kriegsanleihen war, war deswegen schon ein vaterlandsloser Geselle. Betone: deswegen. Es waren schon auch vaterlandslose Gesellen dabei. Und dem Verdacht wollten wir uns nicht aussetzen. Das war von heute aus gesehen nicht unbedingt richtig. Aber wir haben dann ja gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das zeigt doch, daß wir die besten Absichten hatten. Es waren halt andere Zeiten damals! Das muß man doch bitte berücksichtigen! Man kann doch nicht immer nur auf der SPD herumhacken!”

Auch hundert mal, bitte. Ja, das ist mehr, als die CDU schreiben muß, aber die CDU hat auch mehr Stimmen bekommen. Die SPD soll froh sein, wenn sie überhaupt mitregieren darf, also vorwärts! Das thüringische Volk schreibt mir hundert Mal: “Wir sind uns dessen bewußt und heißen es durchaus nicht gut, daß es im Bauernkrieg zu sehr unschönen Szenen gekommen ist, auch hier bei uns in Thüringen. Und da ist Tübkes Panorama noch gar nicht mal mitgerechnet.” Ansonsten werde ich ihm verbieten, sich regieren zu lassen. Die Kirche soll schreiben: “Man hätte auch höflicher über die Juden schreiben können, als der Wartburgasylant es getan hat. Gewiß, das hätte man. – Ja. – Hat man aber nicht. – Belassen wir es dabei.” Bitte fünfhundert mal, sonst untersage ich das Reformationsjubiläum.

Die Grünen in Thüringen – die Grünen schreiben mir bitte einen Besinnungsaufsatz, nicht unter 1200 Wörter und nicht mehr als 1250, das Papier in der Mitte geknickt und nur die eine Hälfte beschrieben, ich brauche einen breiten Korrekturrand. Thema: “Ob, wenn der Schnabel denn schon aufgerissen sein muß, er derart weit aufgerissen sein muß, und ob ausgerechnet wir es sind, die ihn derart weit aufreißen müssen. Unter sorgfältiger Prüfung der Frage, ob das Elend auf der Welt nicht auch ohne das schon groß genug sei.”

Warum der Aufsatz? – Na, wer will denn etwas, was von den Grünen kommt, hundert Mal lesen? Einmal ist nicht nur genug, einmal ist oft schon einmal zuviel.