O χe! Schon wieder ein Grieche!

Europa ist empört: auch der neue griechische Finanzminister soll dem Vernehmen nach Grieche sein. Was denkt sich das Land? Daß es mit dem Rückenwind des eigenen “OXI” im Hemd nun überhaupt keine Rücksicht mehr auf die übrigen Europäer zu nehmen braucht?

Jetzt wäre doch wirklich der Zeitpunkt gewesen, ein Signal der Versöhnung in die Märkte zu funken. Die einmalige Chance für Tsipras, das Schlüsselressort an eine Persönlichkeit zu geben, die nicht nur Ahnung von Finanzpolitik hat, sondern auch die Macht, sie umzusetzen. Schäuble etwa, oder Dijsselbloem oder Draghi. Sie haben den griechischen Fiskus doch ohnehin in der Hand machen den Job doch ohnehin seit Jahren. Was soll man da erst noch einen Lokalpolitiker dazwischenschalten?

Noch dazu einen Quertreiber Griechen?! – Hat man ihn wenigstens auf Mittelfinger untersucht?

Kluge Entscheidung

Wie das Bundespräsidentenamt mitteilt, hat Bundespräsident Gauck, den wir zum Bundespräsidenten gewählt haben, weil er der Klügste von uns ist, das Gesetz zur Milderung und Abfederung der Risiken und Nebenwirkungen des ansonsten im Hinblick auf das Ziel der Schwächung der Einheitsgewerkschaften durchaus gern gesehenen Gewerkschaftspluralismus’ MildAbRiskNebHinZSchwächEinheitsGewggGewPlurG, oft, aber fälschlicherweise auch Tarifeinheitsgesetz genannt, unterschrieben. Gauck, weil er der Klügste von uns ist, hat es sich zur Regel gemacht, nur solche Gesetze zu unterschreiben, die vom Bundesverfassungsgericht BVerfG wieder aufgehoben werden.

Das ist klug von ihm. Denn dann ist er’s im Zweifelsfall nicht gewesen.

Gute Butter

Der Satiriker – Verzeihung, der Kabarettist – auch nicht, der Komödiant – quatsch, der Comedian – das noch am ehesten, denn die Bezeichnung Hofnarr wäre irreführend und unverdiente Schmeichelei, sagen wir also: der Hofsänger Dieter Huhr – hahu, was ist dehh mit dem h los? Geht hicht? HHHHHHH hhhhhhh – hee, geht hicht. Das h ist kaputt. Das H auch. Wehh mah H schreibeh will, kommt H, uhd wehh mah h schreibeh will, kommt h. Ha macht hichts. Also, der Claqueur Dieter Hur – was ist jetzt? Get jetzt auc das hict mer? Ebeh gihg’s doc noc:. – Tatsache, get hict mer. Uhd wehh mah h drückt? Kommt h: HhHhHh. – Verrückt! – Ob es darah liegt, daß ic die Tasteh mit Butter gefettet abe? – Haja.

Also, der Dieter Hur hat auf Twitter das Ergebhis der griecisceh Volksabstimmuhg kommehtiert, uhd zwar wie folgt:

Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!
— Dieter Nuhr (@dieternuhr) 5. Juli 2015

Aa, Strg-V fuhktiohiert. Muß also ah der Tastatur liegeh.

Aber zurück zum Tweet: Köstlic! Herrlic bissig. Typisc Hur. Zwar eih bißcen ah deh Zäheh herbeigezogeh, dehh das stimmt so doc überaupt nict; es sollte doc auc bei eiher verzerrteh Darstelluhg die zugruhdeliegehde Ählickeitsbezieuhg eralteh bleibeh. Muss eralteh bleibeh, wegeh der Wiedererkehhuhg. Mah erihhere sic ah deh Stürmer uhseligeh Ahgedehkehs: hiemals wurde im Stürmer – was immer mah ahsohsteh voh im alteh mag, das war gahz sclectes Kabarett, das! – eih Jude mit Khollehhase dargestellt! Das würde nict gepaßt abeh. Mah at die Krümmuhg der Haseh übertriebeh, ire Größe, mah at deh aus deh Muhdwihkel tropfehdeh Sabber als reißehdeh Strom gezeichet, aber mah at doc immer darauf geactet, daß die errehmehsceh die Karikierteh wiedererkehheh zu köhheh meihteh.

Was also köhhte Dieter Hur besser maceh, wehh er actzig Jare später die Geldgier der Grieceh geißelh will? Es ist ja nict so, daß die Griecen den Kredit gar nict zurückzaleh wolleh, Meihuhgsversciedeheiteh gibt es allerdihgs darum, wie uhd wo sie die Kole für die Rateh auftreibeh. Vielleict so:

Meihe Familie hat ahgeboteh, daß Oma eihmal ih der Woce auf warmes Esseh verzictet uhd ire Stützstrümpfe verkauft. Aber das war der Troika hict gehug. Oma soll hur hoc ah drei Tageh überaupt zu esseh bekommeh, uhd auf Medizih gahz verzicteh, loht e nict mer. Der eizugskeller, das Auto uhd die Küce solleh an Fihahzihvestoreh verkauft werdeh. Daß Papa statt desseh um ohorareöuhg eihkommt, habeh sie uhtersagt. ohorareröuhg sei keihe Strukturverbesseruhg. Strukturverbesseruhg ist es aber ahsceihehd, daß Mama, immer dahh, wehh es dem IWF ih deh Kopf kommt – ha, ih deh Kopf ist hict rictig, es kommt dem IWF woahders – kurz: Mama soll bei Bedarf uhd auf Ahforderuhg dem IWF den Scwanz lutsceh.
— Dieter Hur (@dieterhur) 5. Juli 2015

Huh, das letzte ist übertriebeh. Aber gegeh Übertreibuhg sprict nicts, die Ählickeit muß eralteh bleibeh.

Uhd wer da recteh wollte, die Ählickeitsbezieuhg zur Realität sei ier ebehfalls strapaziert, da der IWF ih Gestalt seiher Direktorih ih dem betreffehdeh Artikel ja gar hicts vermöge, dem sei ehtgeghet: ih Gestalt der Frau Lagarde vielleict hict. Aber da ist ja immer hoch ir Vorgänger Domihique. Der steht, hac allem, was mah über ih weiß, mit Sicereit uhd gerhe für deh Job bereit. Wo nict scoh Sclange.

Aber ic will Kritikerh gerh ehtgegenkommeh, weit ehtgegehkommeh, ser weit, mihdestehs so weit wie die Ihstitutioheh Griecehlahd: wehh die Familie es als demütigehd empfihdet, was Mama da tuh soll, uhd das hur, weil die Familie Sculdeh at, dahh ist die Troika damit eihverstahdeh, wehh Mama uhd Papa die Jobs tausceh. Domihique Strauss-Kah wird nicts dagegeh abeh, und der Dieter Hur, werweiß, vielleict gefällt’s dem. Auf jeden Fall kann das Kabarett dabei nur gewinnen.

Was ist denn mit der Tastatur? Das N wieder da? – Und das H? h? n? – Wie jetzt?

Nunja, es war gute Butter.

Scham

Als Gott am Abend des sechsten Schöpfungstages das Ergebnis des sechsten Schöpfungstages betrachtete und sich einredete, daß es doch eigentlich ganz gut geworden sei, da konnte er dies laut und unwidersprochen tun, denn es gab noch keine vierzehnjährigen Girlies. Hätte es bereits ein vierzehnjähriges Girlie gegeben, würde dieses widersprochen haben. Es dauert aber noch ein paar Jahre, bis es vierzehnjährige Girlies gab – wunderbare Jahre, über die man viel zuwenig weiß; die Chronik hält sich da sehr bedeckt -, aber dann trat das erste vierzehnjährige Girlie auf den Plan, und das erste, was es sagte, war: “Mama, du bist unmöglich!”

Denn Mama hatte es verabsäumt, sich die Achselhaare zu entfernen.

Die Schöpfung, damals noch ziemlich jung und sehr unerfahren, konnte nicht wissen, daß man sich, wenn vierzehnjährige Girlies in der Gegend sind, besser warm anzieht, insbesondere in ästhetischer Hinsicht, denn das vierzehnjährige Girlie, das nicht an allem und jedem was auszusetzen hätte, insbesondere in ästhetischer Hinsicht, das muß erst eines schönen Tages noch geboren werden. Dabei läßt es sich die eigenen ästhetischen Kriterien nur zu gerne von Hinz und Kunz diktieren, wobei sie mit Kußhand jeden Hans oder Franz als Hinz respektive Kunz akzeptiert, vorausgesetzt es handelt sich nicht um die eigenen Erziehungsberechtigten.

Auf diese Weise kam die Zahnspange in die Welt, Wandmalereien auf entlegenen Körperteilen und noch ein paar ästhetische Impertinenzen, denn Gott hatte am Abend des sechsten Tages schließlich nur gesagt: “Sieht doch ganz gut aus. Oder?” Daß es sich nicht würde verschlimmbessern lassen, hatte er nicht gesagt. Den Sabbat darauf verbrachte er dann bekanntlich im Bett und träumte schwer.

Anderes mußte die Welt wieder verlassen. Dazu zählt die Behaarung an gewissen Stellen der Schöpfung, zum Beispiel an Germanistenfuzzis Kinn, einer spillerigen Angelegenheit, angesichts derer man die Erfindung der Rasierklinge allerdings von ganzem Herzen begrüßt. Der Behaarung in den Achselhöhlen jedoch stand man über die Jahrtausende hin indifferent gegenüber, und die Girlies jener Jahre mußten mangels überzeugenden Achselhaarentfernungsbestecks ihren Müttern mit anderen Themen lästig fallen, was ihnen – wovon wir ohne Kenntnis der Einzelheiten überzeugt sind – auch gelungen sein wird.

Heute nun, sechstausend Jahre, drei Monate, vierzehn Tage und siebeneinhalb Stunden später, lesen wir auf Spiegel Online – einer Verhunzung der Schöpfung, für die die Girlies ausnahmsweise nicht die Verantwortung tragen -, daß eine neue Generation derselben das Achselhaar als Quelle der Inspiration für sich entdeckt hat, und als willkommenes Vehikel, um der Generation der mittlerweile achselrasierten Erziehungsberechtigten an den ästhetischen Karren zu fahren. Wie zuvor schon die männliche Variante des Girlies, der Hipster, die Kinnbehaarung für sich entdeckte. Wir sind uns, wie so oft, uneins, wie wir dies bewerten wollen. Auf dem Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle trägt Gott einen Bart, Adam hingegen ist glattrasiert. Vielleicht nicht rasiert, aber glatt; er war ja nicht einmal eine Minute alt in dem Moment, wahrscheinlich hatte der Bart einfach noch keine reelle Chance gehabt. Andererseits war es vielleicht ein Zeichen erster Entfremdung vom Vater, der Wunsch, alles anders zu machen als dieser. Vielleicht ist das glatte Kinn des Adam das Insigne des Girlies in uns allen?

Warum nicht. – Aber was ist mit den Achselhaaren? – Gott trägt auf dem Gemälde etwas, das kein vierzehnjähriges Girlie seinem Vater durchgehen lassen würde, wenn zu ihrer Zeit Schlabberlook gerade mal nicht so angezeigt sein sollte, sondern mehr so das Tank Top. Zu Zeiten Michelangelos war das Tank Top aber anscheinend gerade ein No-Go, jedenfalls in Gotteshäusern, und jedenfalls ist die Konsequenz, daß wir nicht wissen, ob Gott sein Achselhaar rasiert oder nicht. Von Adam wissen wir es strengenommen auch nicht; er scheint zwar keins zu haben, aber er hat ja auch nicht einmal Flaum auf der Oberlippe. Man müßte ein Bild von einem etwas älteren Adam zum Vergleich heranziehen, etwa vom Zeitpunkt des Rauswurfs aus dem Paradies. Aber auf Masaccios Gemälde bedeckt Adam sein Gesicht mit beiden Händen, und Eva hält die Rechte vor die linke Achselhöhle. Warum? Was hat sie zu verbergen? Kaugummiseisfarbene Achselhaare?

Zwar sind wir immer dafür, der Natur ihren Lauf und ihren Wuchs zu lassen, es sei denn, es stünde nicht dafür, wie etwa bei Germanistenfuzzi und seinem Kinn. Aber wenn der Preis dafür ist, daß wir solche Artikel zu lesen bekommen, dann soll man lieber mit der Rasur fortfahren und ansonsten die Schnüss halten. Was soll das erst geben, wenn uns dermaleinst die Renaturierung der Schambehaarung ins Haus steht? Oder reden wir lieber nicht von ‘Renaturierung’, reden wir – mit Blick auf Lady Gaga, in deren unmittelbarer Umgebung man ja nicht mit ‘Natur’ rechnen würde, und bei der es sich voraussichtlich um eine Installation aus Zuckerwatte handeln wird – von ‘Rekultivierung’. Soll die auch vom Spiegel begackert und im Spiegel bebildert werden? Und von uns rezensiert?

Und kommen wird sie so sicher wie die Entblößung des Kinns durch die nächste Hipstergeneration. Fragt sich nur, ob sie gelingt, die Rekultivierung. Fragt sich, ob beim Schamhaarkahlschlag vergangener Tage nicht auch die Scham an sich ratzekahl mit abgeschabt und wurzeltief gerodet wurde. Und nun nichts mehr da ist, wo das Haar noch Stand fassen könnte?

Fragt sich nicht, ist so.

Schamlos

Denn wenn es noch Scham gäbe, wäre manches nicht gesagt worden, was ja doch gesagt worden ist.

Wenn es Scham gäbe und diese Scham in Wolfgang Schäuble hauste, dann würde dieser brettbornierte Breisgauer Bundesfinanzminister, Herr über fremder Leute Beutel und Säckel und darum voll der pietistischen Präpotenzflausen, dann würde dieser Badische Blöd- und Blökmeister seinen Kollegen aus Griechenland, mit dem er sich um die Beutelschnittbeute balgt, die jener haben, dieser nicht gewähren will, dann würde dieser jenen nicht in herabzieherischem Trachten als “der Herr Professor” verhöhnen und ihn damit auf das Niveau eines AfD-Vorsitzenden drücken. Genau das aber tat er, der Volljurist, der fürchterliche, und die Schmieraken und Schreibsimulanten, die Höker von Tagesspreu und gestrigem Schnee, die Großkhane der Übel- und Afterrede, die auch kein Schamhaar mehr am Sack haben, taten und tun es ihm gleich.

Wenn es noch eine Scham gäbe, würde der Kommissionseuropäer, der gelernte Steuervermeider und westelbische Juncker Jean Claude Graf von Luxemburg nicht gelogen haben, die Kapitulationsaufforderung der Institutionen, auch bekannt als Troika, vulgo Pest, Cholera & IWF, sei kein tumbes Sparprogramm gewesen, wohl wissend, daß die alternativlose Austeritätskanone, die germanische Muttergottheit Merkel, niemals etwas anderes als tumbe Sparpakete vertrieben hat noch je vertreiben wird, ja, gar nicht vertreiben könnte; daß es der Kinderhasserin, Hobby-Gouvernante, Herrenreiterin, Heimleiterin der Stiftung ‘Wer nicht hören will, muß fühlen’, Chief Administration Officer (CAO), Chief Executive Officer (CEO), Chief Investment Officer (CIO), Chief Operating Officer (COO) und Chief Unreasonableness Officer (CUO) des IWF, Christine Madeleine Odette “CMO” Lagarde, nur darum geht, unbotmäßigen Subalternen Manieren beizubringen, indem sie sie nicht eher bestraft, als sie einsehen, Strafe verdient zu haben, und eine gehörige solche erbitten. Und was fiele eher in die Kategorie ‘gehörige solche’ als ein tumbes Sparpaket?

Wenn noch wer von Scham wüßte, würde der Herr Eurogruppenleiter Dijsselbloem zu seinem Namen nicht solch ein flämisches Gesicht tragen, und zum Gesicht nicht diese Atze-Schröder-Frisur, oder er würde bei Zalando im hintersten Gang Sefel in Rollkörbe verklappen, wo er keinen Kundenumgang befürchten muß, aber er würde sich nicht vor Kameras herumdrücken und der Fernsehkundschaft daheim verdrießliche Feierabende bereiten; oder, wenn das schon nicht anders geht, jedenfalls nicht dabei reden. Wenn gar Tsipras und Varoufakis noch wüßten, wie Schämen geht, würden sie sich wenigstens einen Schlips um den Hals winden, damit man sie als ihresgleichen erkennt und sie nicht mit unsereinem verwechselt, die wir auf ein einwandfreies, bürgerlich unbescholtenes, aber weitestgehend schlipsfreies Leben zurückblicken dürfen, in dem wir uns des Gebamsels so gut es gehen wollte enthalten haben. Wir wollen nicht auf unsere alten Tage mit einem Professor verwechselt werden, womöglich gar mit einem Volljuristen! Und wenn es geht, wollen wir auch nicht mit Griechen verwechselt werden.

Wenn nämlich die Griechen sich noch zu schämen verstünden, würden sie nicht ebenso selbstgefällig wie -gerecht darauf bestehen, daß sie, die Erfinder der Volksherrschaft, deswegen auch die Väter Europas seien. Der Vater Europas war Agenor, ein Phönizier, kein Grieche. Der einzige Grieche, der mit Europa was zu tun hatte, war ihr Liebhaber, Zeus, und der war zwar Grieche, aber ein Gott. Wenn auch kein besonders einflußreicher Gott. Eine lokale Gottheit mit begrenzter Macht, mit Schiß vor der eigenen Gattin und einem Bruttoinlandsprodukt von vielleicht 2 Drachmen fuffzig. Wir hingegen haben ein Bruttoinlandsprodukt in Euro, ein Bruttoinlandsprodukt, das sich auch ohne Nachkommastellen sehen lassen kann, ein Bruttoinlandsprodukt, das man mit bloßem Auge aus dem Weltall sehen könnte. Wenn die Griechen noch Scham verspüren würden, würden sie sich Rechenschaft ablegen darüber, daß sie vielleicht die Demokratie, wir hingegen den Untertanengeist erfunden haben. Unser Gott, ein global Player mit universaler Zuständigkeit (Allmacht), der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte, der wollte fleißige Sozialpartner, die jeden Morgen höchst freiwillig in der Kettenfabrik aufschlagen und sich mächtig was auf ihre Verwertbarkeit einbilden.

Denen gab er drum den Zorn der freien Rede, daß sie ihn wider die Griechen kehren.

Und wenn wir es so machen?

Offener Brief

an die Bundesregierung von Gottes Gnaden
z. Zt. irgendwo zwischen Klemme und Bredouille

Sehr geehrte Bundesregierung,

wir, der Souverän, bzw. Teilsouverän, oder Mitsouverän, wir jedenfalls, in unserer Eigenschaft als diejenigen, die Dir den Auftrag erteilen, unseren Nutzen zu mehren und Schaden von uns zu wenden und zu unserem Wohle zu handeln, zu machen und zu tun, auf Zeit, wohlgemerkt, und widerruflich, wir: der Käsdorfer Stammtisch am Donnerstag, heute außer der Reihe mal am Montag Mittag, wir sind in uns gegangen. Du dauerst uns. Der Anblick einer in der Klemme steckenden Dienerschaft ist ein Anblick des Jammers. Wir wünschen davon befreit zu sein. Je eher, desto besser.

Darum teilen wir Dir mit: Du mußt Dich nicht unbedingt mit den Amerikanern anlegen. Nicht unseretwegen. So wichtig ist uns das nicht, mit dem Einblick in die Selektorenliste. Was ist das überhaupt für ein ekelhaftes Wort!? Selektorenliste? Bah! – Zumal es ja ohnehin ein Einblicksbeauftragter von lediglich Gottes Deinen Gnaden wäre, und nicht von unseren Gnaden, wie es sich gehören würde. Darum: laß ab! Wir bestehen nicht darauf, zu wissen, wonach die NSA gesucht hat, was wird die schon groß gesucht haben? Was wird einer, der mit Marmelade am Kinn aus der Vorratskammer kommt, im Marmeladeneimer gesucht haben? Terroristen?

Oder daß es wenigstens unsere Stellvertreter in der Legislative zu wissen kriegten, oder, wenn das nicht geht, wenigstens der von denen eingesetzte Untersuchungsausschuß. Nicht nötig. Gar nicht nötig. Uns reicht es völlig aus, wenn die komplette Exekutive zurücktritt. Wegen Versagens, Unbotmäßigkeit, Größenwahns, den Souverän vor’s Schienbein Tretens und obendrein frech Werdens.

Also bitte! Du wärest von Stund an aus der Klemme. Und was die Amerikaner angeht: wir glauben nicht, daß sie dagegen etwas haben würden. Oder es auch nur merken.

Wir merken hier auch nichts mehr, und das schon seit ungefähr zwischen eben und vorhin. Aber wir sind noch bis irgendwann zwischen nachher und demnächst im Pilgrimhaus und nehmen jede Demission huldvoll entgegen. – Huldvollst. – Ah, welch scharmante Schimäre! Sei sie auch noch so schaumweingeboren, und folge der Kater ihr noch so stehender Pfote. Ein Komplettrücktritt der gesamten fiesen Bagasch! – Bumms! – Hoppla.

Louis, hier ist ein Malheur passiert. Der schale Schampus hat demissioniert und tropft allenhalben auf die Beinkleider! Wir wünschen davon befreit zu werden. Je eher, desto besser. Er bringe einen Feudel oder zwei. Zuvörderst aber eine frische Flasche.

Den Souverän dürstet es.

Google stellt bis 2020 autonom redende Kanzlerin in Aussicht

Der Executive Chairman der Firma Google, die alles daran setzt, die Ergebnisse ihrer Suchmaschine so aufzubereiten, daß man sie nicht mehr gebrauchen kann – nur ein Beispiel: wer, und er googelt das Wörtchen ‘Google’, hätte denn wohl die Absicht, Google zu kaufen? – Ich nicht. Sie? Allenfalls doch wohl eine Minderheit, möchte man meinen. Aber Google tut so, als bestehe die Welt der Dinge nur aus Sachen, die man sich unmittelbar und ohne langes Warten in den Hals stopfen wollte. Wenn ich aber die Begriffe ‘bloch’, ‘löwen’, ‘tübingen’, ‘marktplatz’, ‘fernsehen’ suchen lasse, dann will ich weder einen Fernseher, noch einen Löwen, noch ein Tübinger Hotelzimmer mit Blick auf den Marktplatz noch die gesammelten Werke von Ernst Bloch – doch, einen Löwen hätte ich schon gerne. Aber was geht das Google an? Deswegen habe ich nicht danach gesucht, sowenig wie ich – wenn ich frage, wer denn den Käse zum Bahnhof gerollt hat – den nächstgelegenen Bahnhof angezeigt bekommen will. Es geht mir nicht um einen konkreten Bahnhof, mehr um die abstrakte Idee, den platonischen Käse und den generischen Bahnhof.

Kruzitürken! Was ist nur aus der Kunst geworden, sich über Abwesendes auszutauschen? Sind wir alle auf dem Wege in die Regression? Da! Haben! Happa, Taita, Bubu? Wie damals, als das Fernsehen anfing, seine Aufgabe nicht mehr darin zu sehen, Löwen zu zeigen, die über den Tübinger Marktplatz schleichen, und damit Ernst Bloch eine Freude zu machen, sondern partout irgendwelchen Käse aus der unmittelbaren Nachbarschaft medial vermitteln wollte. Das kulminierte unweigerlich irgendwann darin, daß man, wenn man in Tübingen sein Hotelzimmer betritt, vom Fernseher gesagt kriegt, wie man heißt. Will ich nicht wissen! Ich weiß, wie ich heiße. Das heißt, eben wußte ich es noch. Aber wenn ich danach suche – “wie” “heiße” “ich” -, wird Google (vorerst noch) ganz kleinlaut. Eine Seite namens testedich.de bietet mir an, herauszufinden, wie ich wirklich heiße. Will ich aber auch nicht wissen. So etepetete bin ich nicht. Ein einfaches Germanistenfuzzi tut’s für mich. “Kann ja nicht jeder Schmidt heißen.” (Arno Schmidt)

Aber Schmidt kann Schmidt heißen und tut es auch, nämlich der Google-Fritze. Bzw. Google-Eric. Der war auf irgendeiner Sause – Moment, wo hab ich’s, wo hab ich’s – “wo” “hab” “ich’s”? – “Wirtschaftstag,” genau, da war er, und was genau ist das, ein ‘Wirtschaftstag’? – Den kann Google ausnahmsweise:

Mit bis zu 2.700 Teilnehmern ist der Wirtschaftstag Jahr für Jahr eines der hochkarätigsten Foren für die Begegnung und den Austausch von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen. Der Wirtschaftstag bildet seit 1963 den Höhepunkt der Arbeit des Wirtschaftsrates der CDU und ist die “Hauptversammlung der Multiplikatoren”.

Wirtschaftsrat der CDU, sapperlot! Hauptversammlung der Multiplikatoren! – Entgegen den sonstigen Gepflogenheiten der Wirtschaft und entgegen den einschlägigen Statuten sowohl der CDU als auch Googles, scheint der Wirtschaftsrat nicht käuflich zu sein, denn es gibt keine gesponserten Suchergebnisse. Merkwürdig!

Immerhin, Google hatte den Wizengamot gefunden, und Herrn Schmidt im Fleisch dorthin geschickt, damit er den Multiplikatoren das Konzept des selbstfahrenden Autos nahebringe. Auch schon was! Selbstfahrende Autos gibt es, seit ich laufen kann. Hießen sogar so, damals, wenn Viehmarkt war, und wir vom Dorf in die Kreisstadt gelaufen waren: Autoselbstfahrer. Dahinter die Raketenfahrt zum Mond. Drumherum standen die Mägde, und ließen sich auf den Beifahrersitz einladen und hatten Spaß, wenn die Autos alle aneinander bumsten. Anschließend ging es zum Knutschen in die Raupe und irgendwann ins Heu. Ja, es war nicht alles schlechter, früher! Das hat auch Schmidt gemerkt und deswegen den Oldtimer aus der Scheune geholt. Bißchen Stroh runtergefegt, bißchen aufpoliert, bißchen durchgeölt, schon fährt das Dingen. In Zukunft dann mit Android. Damals auf dem Viehmarkt nahmen sie Strom. Schön blau blitzen tat’s, wenn der Stromabnehmer über das Drahtnetz wischte.

Noch ein weiteres Fossil war auf dem Bums: Angela Merkel. Alt genug, die Freuden des Viehmarkts noch selbst kennengelernt zu haben, das Gekreisch beim Schließen des Raupenverdecks nicht nur noch im Ohr, sondern selbst mitgekreischt zu haben, hatte sie, wie viele ihrer Generation, bezüglich neuerer Entwicklungen als der des Hebdrehwählers von Tuten und Blasen keine Ahnung. Ja was denn! Ist es denn nicht so? – Wohl ist es so. Ich selbst habe ihnen schon vor zwanzig Jahren das Netz nahezubringen versucht, und sie sind mir alle davongelaufen. Spätestens wenn ich ein BTX-Terminal anschleppte, verließ der letzte das Seminar. Weil sie nichts lernen wollten! Hatten wahrscheinlich gehofft, daß ich ihnen Schmuddelseiten zeigen würde oder Ascii-Pinups, und waren an Akustik-Kopplern und Frequenzmodulation nicht interessiert, diese Ignoranten. Bleiben Sie mir mit meiner Generation vom Hals!

Eine dieser Ignorantinnen also ist die Kanzlerin, die – eigenem Eingeständnis nach eine Netznovizin – ebenfalls auf dem Konvent war, um dort coram publico das Ordensgelübde abzulegen. Was sie auch tat. – Wir kennen dieses Phänomen aus der einschlägigen Literatur: Pastorentochter, behütet, spät entjungfert, aber einen Tag später bereits beim ersten Rudelbums. Daraus sodann eine Religion gemacht, samt anschließender Beichte, da man das ganze für überaus mitteilenswert erachtet, und es ansonsten auch nicht aufgeschrieben werden würde, was es aber muß, denn sonst handelte es sich nicht um klassische erotische Literatur, was es aber tut. Sie wird in Erstausgaben gesammelt oder als Taschenbuch unter der Bettdecke geschmökert. So auch die Kanzlerin: vor Monaten noch “alles andere als ein Digital Native”, treibt sie sich nun auf dem Wirtschaftstag herum und schmeißt sich Big Data an den Hals.

Ich bezweifle allerdings, daß auch ihr Geständnis von Generation zu Generation weitergegeben werden wird, und von ungewaschenen Jünglingsfingern mit unter die Bettdecke genommen. Das bezweifle ich. Dafür fehlt ihm das gewisse Etwas. Ein die Lefzen wässernder Wuppdich. Eine die Säfte sickern lassende Sanguinik, die Schwellkörper schwellen machende Schwüle – nicht, daß es ihm an Obszönität gebräche!

Nämlich, es ist die Sprache. Das Trommelfell sei ja die empfindlichste Schleimhaut überhaupt, hat Alfred Edel im Casanova-Projekt erklärt, und wen dem so ist – und warum sollte ihm nicht? -, dann ist dieser Text in seiner Wirkung auf die Haut, wo sie am empfindlichsten ist, der Raspel, der Feile und dem Schleifpapier verwandt:

Aber ich fang mal einfach an. Es wird alles digitalisiert werden, was digitalisiert werden kann. Das heißt, man braucht ein positives Verhältnis zum Phänomen von Daten. Wer Daten als eine Bedrohung ansieht, wer bei jedem Datum überlegt, was kann man Schlechtes damit machen, der wird der Chance der Digitalisierung nicht gerecht werden.

Auch dieses Phänomen von Text ist bereits digitalisiert worden, und zwar nur deswegen – einen anderen Grund dafür kann es nicht geben -, weil er digitalisiert werden konnte; wo Frau M. recht hat, hat sie also recht. Wo sie allerdings unrecht hat, hat sie unrecht:

Daten werden der Rohstoff der Zukunft sein in der digitalen Welt.

Und wenn wir das akzeptieren, dann dürfen wir eben nicht als erstes nur über den Schutz nachdenken, sondern wir müssen auch überlegen, welche Chancen bestehen darin.

Was ist denn das für ein Unfug? Wer denkt denn wohl zuerst an den Datenschutz? Mal nur für mich gesprochen: ich nicht. Wie alle Männer, denke ich zuerst ans Heu. Erst ans Heu, dann an den Autoselbstfahrer, dann an die Raupe, und schließlich wieder ans Heu. Weil man als Mann praktisch ununterbrochen ans Heu denkt. – Also: nicht ununterbrochen. Wenn einem solch ein Text zwischen die Beine gerät, dann kann einem der Gedanke ans Heu schon mal für längere Zeit flöten gehen. Das ist nicht schön, aber irgendwann ist es ja auch wieder vorbei. Und dann denkt man schon wieder ans Heu. Aber doch nicht an den Datenschutz!

Irgendwann im Lauf der Dinge, denkt man dann auch an den Datenschutz. Was, so denkt man, wenn Tausendschönchen einem drauf kommt? Was dann? – So denkt man irgendwann. Aber doch nicht sofort. Zunächst einmal denkt man doch: was für Chancen liegen da, im Heu! Denn bevor man die Daten schützen kann, muß man ja erstmal welche produzieren, und solange man nicht im Heu war, sind doch praktisch überhaupt keine Daten angefallen.

Soviel dazu. Man sieht, Frau M. redet Blech. Vom Blasen hat sie anscheinend immer noch keine Ahnung.

Aber tuten tut sie, und nicht zu knapp:

Das ist im Grunde ein großes, sozusagen Stärkungswerk, die Digitalisierung für die Wünsche des Kunden. Und vom Kunden her muss gedacht werden. Das heißt, Industrie 4.0 ist gut, aber es wird eine Vernetzung aller Dinge geben. Die Industrie 4.0 muss auf die gesamte Gesellschaft ausgerollt werden.

Schockschwerenot, das erträgt ja kein Mensch! Selbst wenn man in Rechnung stellt, daß es sich bei dem Text nicht um eine geschmiedete, sorgfältig gehämmerte und ausgetriebene Rede handelt, sondern um das Transkript des gesprochenen Wortes, das ungefiltert wie gedacht, so gesprochen wurde, so muß man doch auch annehmen, daß in dem zugehörigen Kopf genauso gedacht wird, wie hier gesprochen. Das ist ja schrecklich! Leicht beieinander sollen die Gedanken wohnen, aber doch nicht hart im Hauptspeicher aneinanderrumpeln. Das geht ja zu wie im Autoselbstfahrer am Donnerstagmorgen, wenn alle frei haben, damit sie zum Viehmarkt gehen können! – Ich will darum aus Autoselbstschutzgründen aufhören, diese – nunja: Rede – hier zu quoten; ich muß an meine körperliche Unversehrtheit denken. Ich will meine Fähigkeit, meinen Verpflichtungen im Heu nachzukommen, nicht mutwillig gefährden. Darum werde ich den Rest des Blechs beiseite räumen und in eigenen Worten wiedergeben, auf die Gefahr hin, daß sie nicht alles akkurat so gesagt hat, wie ich es hier aufschreibe. Gedacht war es aber schon so. Denk ich mal:

Die Novizin von neulich weiß auf einmal Bescheid, was was ist, und deswegen weiß sie auch, was zu tun ist. Zunächst einmal muß man den Eigentümern der Daten diese Daten wegnehmen, damit entfällt die Notwendigkeit, sich permanent den Kopf über den Schutz dieser Daten zu zerbrechen. Man soll sie aber, die Daten, auch nicht achtlos überall herumliegen lassen, daß sie etwa Gemeingut würden, bewahre! Das wäre! Da kann man doch noch was draus machen. Deswegen soll man sie, die Daten, denen geben, die daraus Werte schöpfen. Denn wir lassen ja auch das Land, von dem wir sagen wir ugandische Kleinbauern verjagen lassen, nicht einfach so in der Gegend herumliegen, daß Hinz oder Kunz dort anbaut, was er will, sondern wir geben es denen, die daraus Kaffee schöpfen. Zu unser aller Nutzen! Je mehr Daten es gibt, desto mehr Leute arbeiten mit Daten. Je mehr Leute mit Daten arbeiten, desto mehr Kaffee wird getrunken. Was soll man da mit diesen fisseligen kleinen Parzellen? So eine reicht nicht einmal für einen Espresso. So wie der einzelne Datensatz, der einzelne Bürger, völlig wertlos ist. Erst in der Masse wird die Bohne zu Kaffee, wird der Kaffeetrinker zum Wirtschaftsfaktor. Erst in der Masse wird der Kaffeesatz zu Big Data. Wenn man Wert schöpfen will, muß man aus dem Vollen schöpfen, sonst hat das keinen Wert.

Deswegen darf man nicht immer zuerst an den Schutz des Eigentums denken, sondern man muß fragen, welche Chancen liegen darin, den Leuten ihr Eigentum wegzunehmen? Wer Kaffee für eine Bedrohung hält, wer bei jeder Tasse Kaffee überlegt, wer denn dafür nun wieder der Grundlage seiner bisherigen Existenz beraubt wurde, der wird der Chance, die in der Konzentration des Produktivvermögens in den Händen einiger weniger liegt, nicht gerecht. Natürlich braucht der Kaffee einen Rahmen, oder sagen wir eine Tasse, wie alles in der sozialen Marktwirtschaft eine Tasse braucht. Oder einen Rahmen.

Und dieser Rahmen – oder sagen wir: diese trübe Tasse – hat hierzulande die Richtlinienkompetenz.

So in etwa. Ich muß Ihnen sagen, ich halte diese Frau für eine große Gefahr, und das nicht nur für die Satzgrammatik. Sapristi! Wir sollten sie unter Beobachtung stellen. Wie sollten allermindestens ihr Handy abhören lassen! Und einer, der mit dem Leben abgeschlossen hat, soll den ganzen Brassel anhören und uns monatlich – bitte in eigenen Worten! – einen Rapport schreiben.

Nun, das ist meine Sicht. Die Sicht dessen, der immer erst die Gefahren sieht. Ganz anders Eric Schmidt, der immer zuerst danach fragt: “Welche Chancen liegen für Google in einer solchen Kanzlerin?” Und das brachte ihn auf die Idee mit der autonom redenden Kanzlerin auf der Basis von Android. Kontextsensitivität wird ihr erlauben, zu bestimmen, wo sie gerade ist (Hotel InterContinental, Budapester Straße 2, 10787 Berlin) und zu wem sie gerade redet: CDU Wirtschaftsrat plus geladene Gäste. Wer diese sind, kriegt man raus, weil sie alle ihre Handys in der Tasche haben, und was die hören wollen durch Auswertung ihrer Facebook-Pages, Twitter-Tweets und Search-Histories. Parbleu! Man möchte nicht sehen müssen, was Google alles sieht.

Mit diesen Daten kann jedoch die Google-Kanzlerin dann aus dem digitalisierten Wort-Schatz von Frau M. eine Rede zusammenstellen, wie diese selbst sie nicht besser hätte halten können. Ja, ich weiß. Die passive Sprachbeherrschung – Hörverstehen, Leseverstehen – ist das eine, das haben Siri und Co. schon ganz gut drauf. Die aktive Sprachbeherrschung – Schreibvermögen, Redevermögen – ist was ganz anderes. Damit tun sich die Spracherwerber meistens schwerer. Das, was die Google-Übersetzungsautomaten ausspucken, ist in aller Regel – Big Data hin, Big Data her – unlesbar. Weiß ich ja.

Diesbezüglich wird die Google-Kanzlerin sich von der echten also nicht unterscheiden.

Vom Älterwerden

“Nonsens in seiner reinsten Form”

Harold Morton Stein wird älter. Das kann er nicht unkolumniert lassen, und das wird er nicht unkolumniert lassen. Da hätte das Alter eben besser aufpassen müssen, mit wem es sich anlegt.

Je älter ich werde, desto klüger scheine ich zu werden. Ich weiß nicht, woran das liegt. Es könnte an mir liegen, gewiß, aber das muß nicht sein.

Es könnte auch an den anderen liegen. Nicht, daß jene immer dümmer würden, auch das muß nicht sein. Aber es könnte sein, daß die Klugen starben. Das wäre ein ganz natürlicher Vorgang. Als ich 1953 auf die Welt kam, war ich sicherlich einer der Klügsten meines Jahrganges, das schon, aber der Jahrgang als solcher war noch nicht sehr reif. Er war ja noch jung. Die anderen Jahrgänge waren älter und damit auch viel klüger als wir. Auch als ich.

Aber dann fingen sie an zu sterben. Zunächst die, die noch im 19. Jahrhundert geboren worden waren, dann nach und nach auch die Nachgeborenen. Und alle Klugheit, die sie im Leben angehäuft hatten, ging mit ihnen dahin. 2 1/2 Milliarden waren wir damals; und für einen ganz kleinen Moment war ich der jüngste von allen. Heute bin ich das nicht mehr, denn bei einer weltweiten Sterberate von 7,89 ist die knappe Hälfte von denen mittlerweile tot, aber an die 6 Milliarden sind nach mir geboren. Woraus folgt, daß sie alle dümmer sind als wir, als ich zumal, und wir, das altersweise Siebtel der Menschheit, wird ganz von selbst immer klüger. Manchmal, vor dem Spiegel, erwische ich mich dabei, wie ich mit leiser Stimme ‘Herr Senator’ sage. Dann werde ich ein bißchen rot und muß mich räuspern.

Denn mit der Klugheit – oder sagen wir: dem geistigen Reichtum -, wie auch mit ihrer Schwester, der geistigen Armut, ist es wie mit Armut und Reichtum überhaupt: eine Sache der Statistik. In einer idealen Welt, in der der Scheitel der IQ-Glockenkurve bei einer satten Million läge, in ihr läge die Geistesarmutsrisikoschwelle bei ca. sechshunderttausend; und in einer solchen idealen Welt würde wahrscheinlich selbst ich zu den geistig Minderbemittelten zählen, aber das ist ja purer Statistikquatsch. Nonsens in seiner reinsten Form. Ein solches Land gibt es ja gar nicht. Genausowenig, wie es ein Land gibt, in dem die Menschen ein Durchschnittsnettoeinkommen von einer Million Euro hätten, und die Armutsrisikoschwelle demnach bei 600 000,- Euro, nämlich 60% davon, läge. Was für ein Blödsinn! Selbst in Katar liegt das Bruttoinlandsprodukt bei unter hunderttausend Euro pro Nase. Katar! Das reichste Land der Welt! Hunderttausend Euro! Nicht mal hunderttausend Euro! Da liege ich ja schon drüber.

Aber so geht es, wenn man die Statistiker machen läßt. Denn was folgt daraus, daß es ein solches Land überhaupt nicht gibt? Wenn man sich das mal in aller Ruhe durch den graugewordenen Kopf gehen läßt? Und so klug ist wie ich?

Ich will nicht sagen, daß daraus notwendigerweise folgt, daß es bei uns gar keine Armut gäbe. Die gibt es wahrscheinlich schon irgendwo. Aber man kann sie nicht so bürokratisch herbeidefinieren, wie es der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband macht. Wir sind ein sehr reiches Land. Anderswo geht es sehr viel ärmlicher zu. Das ist wie mit der Überbevölkerung: global gesehen gibt es natürlich Überbevölkerung. Niemand streitet das ab. Manchenorts wohnen Millionen Menschen in völlig strukturlosen Agglomerationen ohne jede Infrastruktur! Daß es in solchen Gegenden zu Armut kommt, liegt auf der Hand.

Aber doch nicht in Brandenburg. Brandenburg ist nicht übervölkert. Und Deutschland ist nicht arm. Nehmen sie nur meine beiden Zwillinge – ich habe ja spät noch zu mir selbst gesagt: “Wo 5 Milliarden jünger sind als du, da ist auch Platz für noch einen von der Sorte,” und wie es dann soweit war, da waren es auf einmal zwei – wie auch immer, die beiden gehen jetzt zur Uni, und ich zahle ihnen monatlich 891 Euro pro Nase, was knapp unter besagten 60% liegt, weshalb die beiden aus Sicht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands auch als arm gelten. Ich bin ja fast vom Hocker gefallen, als ich das las. Das heißt, genaugenommen bin ich nicht vom Hocker gefallen. Leute fallen selten vom Hocker. Ich bin überhaupt noch nie vom Hocker gefallen. Das ist nur so eine lose Redewendung, wie wenn die Leute sagen: “Mich traf ja fast der Schlag!” Da kann man sicher sein, daß so einer noch nie vom Schlag getroffen wurde, und auch nicht weiß, wie es sich anfühlt, fast vom Schlag getroffen zu werden. Woher will er das wissen? Das ist ja was anderes, als wenn man vom Bus gestreift wird. Den Bus kann man kommen sehen. Den Schlag kann einer nicht sehen; wenn er mitkriegt, daß er da ist, dann hat er ihn auch schon getroffen.

Ich bin, als ich das las, einfach nur in meinem Lieblingssessel eingenickt, wie es mir in den letzten Jahren häufiger passiert, wenn ich die FAZ lese. Und wenn ich im Traum aufwache, und die Beine vom Hocker nehme und den Fuß auf den Boden stellen will, dann ist manchmal kein Fußboden da, und ich falle hin und will mich mit den Händen abstützen und dann ist da gar nichts, gegen das ich mich stützen könnte, weil ich ja noch dusele und im Sessel liege, und über dem Sessel ist bloß Luft, aber kein Fußboden. Ein blödes Gefühl. Dann bin ich natürlich wach, und wenn dann eine der beiden vor mir steht und sagt, sie hat für diesen Monat noch kein Geld gekriegt, dann kann es passieren, daß sie mich reinlegen. Weil ich sie nicht auseinanderhalten kann und nicht mehr weiß, welche ihr Geld schon gekriegt hat und welche nicht, und dann kommt die andere und sagt, sie ist die eine – und selbst, wenn sie sich die Beute teilen: in solchen Monaten gelten sie dann nicht als arm. Nicht einmal für den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. Woran man schon sieht, was das für ein Trottelverband ist.

Mir ist natürlich klar, daß nicht jeder Vater allen seinen Töchtern 891 Euro im Monat geben kann, mancher hat vielleicht nur 890 übrig. Oder noch weniger. Aber das muß ja nicht notwendigerweise heißen, daß er arm ist. Mit 1780 Euro im Monat ist man nicht arm. Sowenig wie man reich ist, bloß weil man zwei Töchter und trotzdem noch was übrig hat. Vielleicht hat er zuviele Töchter? Braucht er sie wirklich alle? Gibt es nicht schon genug Menschen auf der Welt?

Außerdem kommt es immer auf den Einzelfall an. Armut ist ein Phänomen, das ganzheitlich betrachtet werden will. Wenn einer eine große Wohnung hat, können die Töchter vielleicht von zuhause aus studieren. Ich persönlich allerdings schreibe lieber eine Kolumne im Monat mehr und finanziere den beiden davon die Studentenbude, als daß ich sie hier bei mir habe.

Brandenburg ist zwar groß, aber nicht so groß.

Erkennbar

Durch diverse Kontakte zur US-Seite sei der Bundesregierung im Jahr 2013 erkennbar gewesen, dass es eine „grundsätzliche Bereitschaft“ zu einem Abkommen gegeben habe. Auch habe es „Verhandlungen über einen Text im Sinne eines sogenannten No-Spy-Abkommens“ gegeben.

Wie weiland der dem Fräulein Czernatzke nachsteigende Peter Jackopp – unter dessen Nachsteigerei man sich allerdings kein besonders engagiertes Kletterwerk vorstellen darf; im wesentlichen bequengelte er die Tatsache – Tatsache? -, daß es dem Fräulein “im Prinzip” klargewesen sei, daß er es habe “flachlegen” wollen, “und dann rennt sie weg.” – wie weiland Peter Jackopp gibt Seibert den Überzeugten: “im Prinzip” sei den USA klar gewesen, was Merkel und Pofalla von ihnen wollten.

Nämlich Unzucht. Nicht – wie üblich – mit Abhängigen, sondern in diesem Fall mit Überlegenen. Was – und weswegen es – dann nicht klappte.

Wir haben Herrn Jackopp nicht gekannt und können daher nur darüber spekulieren, ob das “Wegrennen” von Fräulein Czernatzke gerechtfertigt und oder oder nachvollziehbar, vielleicht sogar die natürliche Reaktion gewesen ist. Vielleicht muß es statt “und dann rennt sie weg” auch nur “und darum rennt sie weg” heißen. Vielleicht. Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, daß wir, die wir immer und jederzeit das Selbstbestimmungsrecht des Menschen hochgehalten haben, natürlich darauf bestehen, daß es zu den vornehmsten Selbstbestimmungsrechten des Menschen zählt, die Hoheit über die Liste derjenigen Leute innezuhaben, von denen man aber mal ganz bestimmt nicht flachgelegt werden will, und wenn es sich um die letzten Menschen auf Erden handeln würde, und daß daher das Wegrennen des Fräulein Czernatzke selbstverständlich und a priori von vornherein sowieso gerechtfertigt gewesen ist. Und somit auch nachvollziehbar. So wie es auch ganz unzweifelhaft feststeht, daß jede Nation und jeder Staat das unveräußerliche Recht hat, selbst zu entscheiden, mit wem sie ganz gewiß kein No-Spy-Abkommen schließen wird. Auch dann nicht schließen wird, wenn sie und der andere – oder die andere – die letzten Menschen auf Erden wären, und die Zukunft des Menschengeschlechtes in ihrer beider Hände – oder ihrer beider Lenden – läge und auf vertrauensvolle Zusammenarbeit – vulgo wechselseitiges Flachlegen – angewiesen wäre.

Daß es die Amerikaner bei dem Gedanken an ein No-Spy-Abkommen mit Merkel, Pofalla und Seibert schüttelt – und das nicht etwa vor mühsam zurückgehaltener Lust – ist nachvollziehbar. Eine völlig natürliche Reaktion. Gerechtfertigt, sowieso. Natur ist immer gerechtfertigt.

Das hätte auch Regierungssprecher Seibert erkennbar gewesen sein dürfen.

Ob Seibert die Unwahrheit sagen darf bezüglich der Frage, ob er im Jahr 2013 die Unwhrheit gesagt hat, ist nicht so ohne weiteres erkennbar. Vor Merkel hätte ein Regierungssprecher nicht die Unwahrheit sagen dürfen, und nach Merkel wird es hoffentlich wieder so sein.

Aber unter Merkel?

Betrachten wir kurz, was Seibert gesagt hat:

?

Fertig?

Kurz, hatte ich, glaube ich, gesagt.

Aber jetzt. – Jetzt?

Fein. – Ganz recht: aussehen tut es wie die Unwahrheit. Aber kann Seibert etwa etwas dafür? Wenn die Unwahrheit es sich in den Kopf setzt, exakt so auszusehen wie das, was Seibert sagt, ja Himmel! Dann ist das doch die Sache der Unwahrheit, und nicht Seibert seine! Sagt er denn, es sei so gewesen, daß? Nein, das sagt er nicht! Er sagt, es sei erkennbar gewesen, daß es so gewesen sei. Erkennbar! Nein, das ist nicht ganz dasselbe. Die Erkennbarkeit einer Gegebenheit, sie ist ja immer eine Funktion sowohl des erkennenden Apparates als auch der übrigen Gegebenheiten. Will sagen, einem erkennenden Apparat, der unter der Gegebenheit von 0,8 Promille (Einschränkung des Blickfeldes um 25% – sog. Tunnelblick – und verminderte Sehfähigkeit, falsche Einschätzung von Entfernungen) laboriert, ist die Parklücke möglicherweise breit genug – erkennbar breit genug -, obwohl sie für den weniger affizierten Apparat erkennbar ein Zentimeterchen zu schmal ist, bzw. sie wäre vielleicht breit genug, wenn sie wenigstens die Schenkel einmal still halten würde und nicht dauernd so zappeln – kurzum: hat man gelogen, wenn man den Polizisten mitteilt, daß der Wille der Parklücke, dem Parkwilligen zu Willen zu sein, “im Prinzip” erkennbar gewesen sei, auch habe es Verhandlungen über den Text eines entsprechenden Abkommens gegeben, “und dann macht sie so’n Scheiß!”?

Nein, gelogen hat man nicht. Man war halt besoffen.

Vielleicht sollten Regierungssprecher und Kanzleramtsminister in Zukunft zu Beginn der Pressekonferenz ins Röhrchen pusten, damit erkennbar wird, was man von den nachfolgenden Erklärungen zu halten hat.

Alternative für Deutschland: AfD-Parteitag wegen Delegierten-Chaos abgesagt

Mist! Mein Popcorn ist alle. Wieso ist denn ausgerechnet jetzt mein Popcorn alle?

Kann man hier irgendwo online Popcorn ordern?