Morton Stein

Vom Älter-Sein

Der Euro, der Frieden, der Job, die Wirtschaft, die Renten und die Ersparnisse, alles ziemlich wacklig. Überall Crashgefahr. Die Generation der 30-Jährigen ist nicht zu beneiden. Ein kommentierter Kommentar.

Chor der Alten:
O du lieber Augustin / Alles is hin
Geld is hin / Frieden’s hin
Job is hin / Wirtschaft’s hin
O du lieber Augustin / Alles is hin

Rente weg / Sparstrumpf weg
Wohlfahrtsstaat / Liegt im Dreck
O du lieber Augustin / Alles is hin

Ach, Sie sind 30 Jahre alt?

Wer?

Na, Sie.

Chor der Alten:
Ich bin Siebenunundsiebzig. – Ich Fünfundneunzig. – Und ich bin Einhundertunddrei.

Ich? Nein, ich bin 60.

Ich erzähle Ihnen, in welchem Land ich gelebt habe, als ich so alt war.

So alt wie wer?

Na, wie Sie.

Als Sie so alt waren wie ich? Wieso, wie alt sind Sie denn?

Ich? Ich bin 61. Nein, 62. Ich werde 63. Nein, 62. Ich habe mich aber noch nicht daran gewöhnt, ich denke immer, ich bin schon 62. Dabei bin ich erst 61. Ich bin nämlich Jahrgang 53. Und 53 und 61 wären zusammen 114, wir haben aber schon 15. Aber ich werde erst noch 62. Das irritiert mich. Der Jahrgang 54 ist es, der jetzt 61 sein müßte, weil 2015 minus 61 1954 ist, aber viele von denen sind erst 60.

Wem sagen Sie das?

Die werden dann erst 61, in diesem Jahr. Ich werde aber 62. So wie der Jahrgang 52, der ist aber zum Teil schon 63 und läßt sich verrenten. – Merkwürdig. Mit der Zeit fällt es mir immer leichter, mich an neue Jahreszahlen zu gewöhnen. Früher war das schwerer. 1983 z.B. habe ich im März noch ’1982′ auf die Euroschecks geschrieben. Das ist heute vorbei, ich kann mich nicht entsinnen, wann ich das letztemal ein falsches Datum auf einen Euroscheck geschrieben hätte. Dafür fällt es mir immer schwerer, mich an meine neue PIN zu gewöhnen. Wenn ich im September eine neue Karte gekriegt habe, dann benutze ich im Januar immer noch die alte PIN. Also die von der letzten Karte. Manchmal sogar die von der vorletzten. Dann sagt der Automat allerdings: Ist nicht! Dann fällt es mir wieder ein, daß ich ja eine neue Karte benutze. Das war bei den Euroschecks anders, die blieben stumm, wenn man ein falsches Jahr draufschrieb. Aber man kriegte sie zurück und mußte dann einen neuen ausstellen. Andererseits konnte man auf dem Euroscheck das Datum abkürzen. ’82′ war genausogut wie ’1982′. Probieren Sie das mal mit einer PIN! – Ach, Ihr jungen Leute, ich beneide Euch nicht!

Ich bin nicht mehr jung.

Wir hatten es besser als Ihr, damals. Wir hatten Super-Euroschecks. Wohin man auch kam – sagen wir mal: Griechenland, Portugal, Spanien -, die Einheimischen spurten. Die Griechen spurten. Die Spanier spurten. Die Portugiesen spurten. Die ganze Welt ein Bordell, wie Kuba unter Batista. Und Deutschmark war die Währung.

Sie wollen nicht etwa andeuten, daß das heute anders wäre?

Die Mark ist futsch. Zwar Kuba ist auf dem Weg zurück, Bordell zu werden, aber Batista ist tot. Salazar ist tot. Franco ist tot. Papadopoulos ist tot. Spanien und Portugal sind Demokratien. Griechenland macht, was es will. Es ist nicht mehr dasselbe. – Ach, Ihr jungen Leute, ich möchte in Eurer Haut nicht stecken!

Was das angeht, sind wir uns einig. Wir möchten das auch nicht. Bleiben Sie gefälligst in Ihrer eigenen Haut.

Aber die Mark! Ihr habt sie kaum gekannt. Wie alt wart Ihr, als sie verschied? Schon geschäftsfähig? 18? 17?

Chor der Alten:
Welche Mark meint er denn, der Lümmel? – Die Reichsmark. – Jaha, Klugscheißer! Welche Reichsmark? – Ich war 10, ich weiß es noch! 1984. Im Sommer.

Achtundvierzig.

Chor der Alten:
Mein ich ja. 1948. Im Sommer. – Nicht 48, 24. Da wart ihr noch gar nicht da, ihr Lauser. – Wohl war ich da da! – Und davor? Was war davor?

Laßt Euch erzählen, wie es mit ihr war: wohin man auch kam, man war der King.

Und zuhause? Wer war man da? Hans Arsch von Rippach?

Zuhause war man auch der King. Die Gastarbeiter spurten. Die Jugoslawen spurten. Die Türken spurten. Sie spurten nicht mehr so, als es ans Zurückkehren ging. Es muß so um 83, 84 herum gewesen sein, als man den Türken gute deutsche Super-Währung anbot, damit sie den guten deutschen Super-Arbeitsmarkt nicht weiter belasteten. Sie durften sich sogar die guten deutschen Rentenansprüche auszahlen lassen und mitnehmen, so sicher waren die. Und die Super-Zinsen auf ihre guten deutschen Sparguthaben durften sie auch mitnehmen. Aber sie wollten nicht so recht. Im Nachhinein ist das schwer zu verstehen, denn es war doch alles super, damals. Daß einer nicht bleiben kann, wo er geboren worden und aufgewachsen ist, das kennen wir heute, zum Beispiel aus Brandenburg. Aber damals, als ich dreißig war, kannte man das höchstens aus Anatolien. Warum also wollten sie nicht zurück? Man versteht es heute nicht mehr. Ich würde mir ein schönes Anwesen gekauft haben. Tatsächlich habe ich mir ein schönes Anwesen gekauft, in Brandenburg, hübsch gelegen, gar nicht teuer.

Eins bloß?

Aber man versteht heute vieles nicht mehr. Wie es zum Beispiel möglich war, daß ich, als ich fertig studiert hatte, drei Jobangebote in der Tasche hatte, das kann mir heute keiner mehr erklären. Ich selbst könnte es nicht.

Drei bloß?

Es hätten auch sechs oder sieben sein können, wenn mehr Türken nach Anatolien zurückgegangen wären. Aber immerhin: drei! Sie müssen sich heute zu dritt ein Jobangebot teilen. Wenn Sie Glück haben.

Ich? Ich muß mir kein Jobangebot teilen. Zum Glück! Kein Mensch käme auf die Idee, einem Sechzigjährigen ein Jobangebot zu machen. Außer solchen, die bei mir im Spam Folder landen. Die kennen allerdings überhaupt kein Maß. Grad erst wollte mich jemand “seinem beruflichen Netzwerk auf LinkedIn hinzufügen”. Ich habe zurückgeschrieben, ob er noch ganz gesund sei? Ich persönlich hülfe lieber einem nigerianischen Thronfolger aus einer kurzfristigen Cash-Flow-Klemme, als daß ich mich mit ihm zusammen coram publico tot über jene Hecke hängen ließe. Muß man sich das gefallen lassen? Wer bin ich denn? Ein Karrierehengst?!

Ich war kein Karrierehengst, als ich von der Uni abging. Ich hatte alles dafür getan, mir ein hübsches Berufsverbot zu verdienen. Das Berufsverbot, müssen Sie wissen, war für meine Generation sowas wie das eiserne Kreuz für die Generation unserer Väter.

Chor der Alten:
Lausejunge! – Mal nicht so vorlaut, junger Mann!

Sie hätten Briefträger werden wollen sollen, nicht Journalist. Dann hätte es auch mit dem Berufsverbot geklappt.

Aber ich wollte kein Briefträger werden, da hätte ich ja Geographie studieren müssen. Ich habe aber nicht Geographie studieren wollen, sondern Geschichte. Weil ich nämlich Klugscheißer werden wollte. Oder vielmehr schon war. Einer, der den Mitessern in der Mensa jeden Bissen in den Mund diskutierte, wohl wissend, daß sie, wenn sie in der einen Hand das Messer, in der anderen die Gabel hielten, keine Hand mehr frei hatten, um sich die Ohren oder mir den Mund zuzuhalten. Das habe ich ausgenutzt.

So einer waren Sie also! Die hatte ich ja gefressen, diese Typen. Ich habe denen, die keinen Mund zum Essen frei hatten, weil sie mich agitieren mußten, immer Sachen vom Tablett genommen. Ratz! hatte der keine Kartoffeln mehr, fatz! kein Kotelett.

Sie sollten einsehen, daß die Russen die Guten und die Amerikaner kulturlos waren. Was am System lag. Ich wußte das, weil ich mich in Geschichte so gut auskannte. Für unsere Eltern war es noch andersherum. Für die waren die Russen die Bösen und die Amerikaner kulturlos. Das lag am Charakter der Russen, war aber unsystemisch gedacht. Das kam, weil unsere Eltern nicht Geschichte studiert hatten.

Chor der Alten:
Was haben wir nicht studiert? – Und ob wir Geschichte studiert haben! – Vielleicht mehr wie du! – Und Heimatkunde! Mit dem Rohrstock! – Wir haben sie noch auswendig gekonnt: 7-5-3-Bei Issos Keilerei – Wo Werra sich und Fulda küssen – Das doch nicht! – Nicht Issos! Rom! – Deutsch bis zum Meer!

Aber rückblickend muß ich sagen, daß der Frieden selten in der Geschichte so sicher war wie damals, als wir auf Friedensdemos gingen.

Jedenfalls für den, der nicht zufällig in Israel lebte oder in Syrien. Oder im Iran oder im Irak.

Chor der Alten:
Oder im Libanon. – Oder in Ägypten. – Oder in Mali. – Oder in Obervolta. – Oder in Kambodscha. – Oder in Vietnam. – Oder in Tansania. – Oder in Uganda. – Oder auf den Falklands. – Oder in Peru. – Oder in Ecuador. – Oder in Grenada. – Oder in Libyen. – Oder im Tschad. – Oder in Somalia. – Oder in Ägypten.

Hatten wir schon.

Chor der Alten:
Dann eben Äthiopien. – Oder in Osttimor. – Oder in Thailand. – Oder auf Zypern. – Oder in Zaire.

Oder in Nicaragua.

Chor der Alten:
Oder in Nicaragua.

Oder in Afghanistan.

Meinetwegen. Meinetwegen, meinetwegen, meinetwegen. Meinetwegen auch in Afghanistan. Fakt ist jedoch: der Frieden, der Frieden als solcher, der war sicher. Die Russen und Amis waren schließlich keine Irren. Kulturlos ja, was die Amis angeht, aber nicht irre. Sie belauerten einander mit ihren Mehrfachsprengkörpern in der Hand und verhinderten so das Führen von Eroberungskriegen. Wenn einer der beiden einen Eroberungskrieg angefangen hätte, hätte der andere sofort gesagt: Ist nicht! Die Russen führten sowieso keine Eroberungskriege, das wußte ich aus der Geschichte. Daß die etwas in Afghanistan zu suchen hatten, lag daran, daß sie dort was verloren hatten. Das ist kein Eroberungskrieg, das ist Logik. – Hingegen die Amis führten zwar überall auf der Welt Eroberungskriege, aber doch nicht hier bei uns in Europa! Nicht doch! Der Wiege ihrer eigenen Unkultur! Die Idee, daß es in Europa jemals wieder einen Eroberungskrieg geben könnte, wäre uns völlig krank vorgekommen.

Chor der Alten:
Krank? Eine kranke Idee? Was muß ich mir unter einer kranken Idee vorstellen? Eine Idee mit Triefnase? Bronchitis? Schlimmer Zehe? Mittelohrentzündung? – Vielleicht sollte er, statt von “kranken” Ideen zu reden, lieber von den “Ideen eines kranken Hirns” reden. Das wäre semantisch sinnvoller. – Jedenfalls wäre es näher an der Wahrheit.

Apropos „krank“: Die Masern waren besiegt, und in Berlin gab es zwei funktionierende Flughäfen.

Chor der Alten:
Da! Hab ich’s nicht gesagt? Krankes Hirn! Wer, außer einer gespaltenen Persönlichkeit, braucht zwei (2) Flughäfen? – Und die Masern? Wo kommen die wieder her? Ich denke, sie waren schon besiegt? – Die waren auf Elba, in Verbannung. – Und als das Vaterland sie rief, da – Nein, das war anders. Das Vaterland brauchte gar nicht zu rufen, denn -

Hört mal auf zu brabbeln! – Wie sag ich’s meinem Kinde? Nicht Kinde – Kommentator. – Wenn Sie sich damals – seinerzeit – nicht vorstellen gekonnt haben wollen, daß in Europa ein Eroberungskrieg geführt werden würde, wie Sie sagen, dann fragt man sich natürlich, warum Sie damals ständig auf Friedensdemos latschen mußten. Heute, heute halten Sie die Amis von damals vielleicht nicht mehr für irre, das kann sein. Heute haben Sie für diesen Zweck aber auch die Russen. Denn wenn Sie hier die Vokabel ‘Eroberungskrieg’ in die Debatte schmeißen, dann wollen Sie damit ja was sagen. Frage daher: Was wollen Sie damit sagen? – Daß heute in Europa Eroberungskriege geführt werden, wollen Sie damit sagen. Ich nehme mal an, Sie meinen damit den Krieg im Donezbecken. Sie könnten damit im Prinzip auch die Besatzung Finnlands durch Schweden meinen, den Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden oder den Dolomitenkrieg. Könnten Sie meinen, meinen Sie aber nicht. Dazu müßte es die Kriege nämlich erstmal geben, was es nicht tut, und dann müßten diese auch noch die Zertifizierung als Eroberungskriege hinter sich bringen, wofür es in keinem der drei Fällen eine Erfolgsgarantie geben würde. Also, Sie meinen die Ukraine. Vermutlich meinen Sie die Krim gleich mit, ohne sich vom Unterschied zwischen Annektion und Krieg groß ausbremsen zu lassen. Wenn aber in der Ukraine heute ein Eroberungskrieg geführt wird, was war dann die Landung in der Schweinebucht? Was sollte denn da erobert werden, was einem nicht – nach Vorstellung der Eroberer – zuvor bereits gehört hätte? Die Sowjetunion? Ich frage Sie, als den systemisch denkenden, historisch gebildeten Klugscheißer, der Sie damals gewesen sein wollen. Und wenn ein Lübke damals dem Kampfhund Batista das Bundesverdienstkreuz an die Diktatorenbrust heften konnte, ohne ihn wenigstens ordentlich mit der Nadel zu pieken, wieso dann ein Gauck nicht dem Janukowytsch?

Chor der Alten:
Weil es nicht auf den Köter ankommt, sondern auf den, auf den er horcht.

Ja, danke schön! Ganz recht. Drum half Adenauer Eisenhower, drum hilft Merkel Putin nicht. Aber Sie? Ein Mann einst des großen Chruschtschow? Des Organisators des Partisanenkampfs in der – jawollja – Ukraine? Der Sie praktisch am gleichen Tag geboren wurden, da jener Erster Sekretär des ZK der KPdSU zu sein sich anschickte? – Was haben Sie auf einmal gegen die Russen? – Es kann ja sein, und ist auch schon vorgekommen, daß man, wenn man einer Schönen nachsteigt, die man im jünglingshaften Überschwang idealisiert, wie Sie – und nicht nur Sie – seinerzeit der Sowjetunion, der Freundin aller Unterdrückten, sofern sie von den Richtigen – also den Falschen – unterdrückt wurden und idealerweise in Raketenreichweite der USA wohnten und ein bißchen was Platz hatten, wo man Atomsprengköpfe gefechtsbereit machen konnte, um den Konkurrenten zu nerven und zu provozieren, vorzugsweise idyllisch gelegen: “Vom Vollmond über Havanna der Schönen / im Schutz von Raketen aus Stahl” (Degenhardt) – kann sein, daß man dabei unversehens von der Klippe fällt und sich eine blutige Nase holt. Das kann den Besten passieren.

Darf ich jetzt mal weitermachen? Das ist immer noch mein Kommentar.

Moment noch! Was man aber nicht kann, ist, die eigene Enttäuschung über die Erkenntnis, daß auch sie kein Engel ist, sondern von dieser Welt, und genauso stutenbissig wie die Nachbarin, klein- und zu diesem Zweck der Schönen übel nachzureden. Und man kann nicht sie für etwas tadeln, was man der Nachbarin nachsieht. Insbesondere dann nicht, wenn man sich mittlerweile mit der Nachbarin getröstet hat. Das ist schofel. Nämlich schäbig, lumpig, abscheulich, garstig, gemein, infam sowie ruchlos. Das tut man nicht! Das sollte man mit 61 langsam wissen.

62. Nein, 61.

Ich weiß, daß es jeder tut, aber schofel ist es trotzdem.

Chor der Alten:
Schofel! – Schäbig! – Lumpig! – Abscheulich! – Garstig! – Gemein! – Infam!

Sowie ruchlos. – Soviel dazu. Jetzt können Sie mit Ihrem Kommentar weiter machen.

Terrorismus? Ein Problem, das man inzwischen im Griff hatte.

Was hatte man? Den Terrorismus im Griff?? 1983???

Chor der Alten:
Die Herren Zimmermann, Beckurts, Groppler, von Braunmühl, Herrhausen und Rohwedder sowie drei kulturlose US-Soldaten werden es mit Bedauern zur Kenntnis nehmen, daß diese Nachricht sie zu Lebzeiten nicht mehr erreichte.

Wenn wir uns mal nur auf den Terror der RAF beschränken wollen, was wir aber nicht wollen. Greifen wir nur hinein ins volle Menschenleben, und wo wir es zu packen kriegen, da ist es interessant: Bologna, 1980. Da waren Sie 27.

Chor der Alten:
85 Tote, 1 kaputter Bahnhof. Unser Dank geht an die italienischen Faschisten.

Und in der anderen Faust? Oktoberfest, ebenfalls 1980.

Chor der Alten:
13 Tote, 68 Schwerverletzte. Wem wir dafür zu danken haben, ist zur Stunde nicht bekannt.

Wer immer dahinter steckte: hatten Sie damals das Gefühl, “man” habe das Problem Terrorismus “inzwischen im Griff”? Hatten Sie denn auch den Eindruck, die Titanic habe den Eisberg jederzeit im Griff gehabt? Und haben Sie sich mal untersuchen lassen?

Islamisten, Kalifate, Dschihad – wie bitte? Darüber hat Karl May Romane geschrieben, stimmt’s?

Nein. Stimmt auch nicht. Dschihad kommt bei Karl May nicht vor, Islamisten auch nicht. Ich bitte, es gibt bei Karl May ja auch kein Fracking. Nicht einmal im ‘Ölprinz’. Dabei würde der Ölprinz bestimmt nichts gegen Fracking gehabt haben, der olle Bandit! Und was das Kalifat angeht, so empfehle ich zu Informationszwecken das Buch Mecki bei Harun al Raschid oder den Comic Isnogud, aber nicht gerade Karl May. Sehr schön ist auch der Zeichentrickfilm ‘Kalif Storch’, den ich einmal in der Kinderfilmstunde gesehen habe, zusammen mit schwarz-weißen Mickymausfilmen und Zweiaktern von Chaplin aus der Mutual-Zeit. Die gab es bei uns einmal pro Woche in der Aula der Martin-Luther-Schule und kostete drei Groschen Eintritt, subventioniert vom Kulturamt der Stadt, oder vom Jugendamt, die Martin-Luther-Schule lag in keinem besonders wohlhabenden Stadtviertel, und “Der Ölprinz” kostete im Odeon schon 1 Mark 80. War so. Es war eine sozialdemokratisch regierte Stadt. Der Spitzensteuersatz lag bei 53%. Es gab alles Mögliche: Vorlesestunden, Malstunden und leider auch Flötenstunden – ja bitte?

Dieses Land gibt es nicht mehr.

Nein. Das stimmt. Dieses Land gibt es nicht mehr.

Klar, man kann auch eine Gegenrechnung aufmachen.

Oder eine korrigierte Gegenrechnung.

Der medizinische Fortschritt,

Chor der Alten:
Die Gesundheitsreformen 1976 bis 1983. – 1989. – 2003, 2004, 2007. – 2011. – Multiresistente Krankenhauskeime. – Multiresistente Konzerne. – Die Helios-Gruppe.

das Internet,

Tagesspiegel Online.

die deutsche Einheit,

Chor der Alten:
Prenzlauer Berg. – Friedrichshain. – Latte Macchiato Mütter. – Latte Macchiato. – Mütter. – Kinder. – Starbucks. – Systemgastronomie. – Steuerflucht. – Irland. – Luxemburg. – Juncker. – Merkel. – Gauck. – Deutsche Einheit.

saubere Flüsse,

Chor der Alten:
Vollgepißte Flußufer. – Freiluftsaufen. – Bar 25. – Bar 26. – Bar 27. – Dauerparty. – Partytouristen. – Fluggastzahlen. – Billigflüge. – BER. – Mehdorn. – Stuttgart 21. – Mappus. – Kretschmann. – Schwaben. – Prenzlauer Berg. -

alles prima.

Chor der Alten:
– Friedrichshain. – Kreuzberg. – Neukölln. – Gentrifizierung. -

Schschschscht! – Was ist denn daran wohl prima? Und wieso gleich alles?

Aber unter dem Strich muss man wohl sagen, dass die Sicherheiten weg sind.

Wieso muß man das sagen? Und unter welchem Strich muß man das sagen? Wieso muß man unter einem Strich etwas sagen? Wer sagt das? – Man könnte vielleicht sagen: “Unter dem Strich, so muß man wohl sagen, kommt heraus, daß die Sicherheiten weg sind.” Das könnte man sagen. Aber warum sollte man das sagen? Welche Sicherheiten denn überhaupt?

Der Euro, der Frieden, der Job, die Wirtschaft, die Renten und die Ersparnisse, alles ziemlich wacklig. Überall Crashgefahr. Überall Baustellen. Ich glaube nicht, dass ich zu Hysterie neige, aber manchmal wird mir mulmig.

Das ist das Alter. Doch, doch. Keine Frage. Mir wird auch manchmal mulmig. Aber ich neige nicht zur Hysterie. Das weiß ich. Da brauche ich gar kein “ich glaube” davor zu setzen. Wenn man in 60 Jahren kein einziges Mal hysterisch geworden ist, darf man sicher sein, nicht zur Hysterie zu neigen. Glaube ich wenigstens.

Wenn ich 30 wäre, dann wäre mir noch ein bisschen mulmiger.

Eben nicht! Als Dreißigjähriger hat man ganz andere Interessen. Ich bin als junger Mann mal von einer Klippe gefallen, beim Klettern, an der irischen Küste war’s, und habe mir die Lunge geprellt. War mir da etwa mulmig? Da war mir nicht mulmig. Gemopst habe ich mich, weil ich abends nicht mit in den Pub konnte. Aber es ging nicht, ich kam nicht von der Luftmatratze hoch. Aber mulmig war mir nicht. Letztes Jahr dagegen bin ich aus dem Kirschbaum gefallen, mitsamt der Leiter. Erst ich die Leiter runter und lang hingeschlagen, und dann die Leiter, auch lang hingeschlagen. Und als ich mich aufgerappelt hatte, war mein Zahnersatz weg. Da war mir mulmig.

Chor der Alten:
Aua! – Und, wiedergefunden? – Oder kaputt?

Wiedergefunden. Am andern Tag. Nicht weit vom Stamm. Was ich sagen will: das ist das Alter. An dem Abend hätten mich nämlich keine zehn Pferde in den Pub gekriegt. Nicht, daß ich nicht gekonnt hätte, aber ich habe nicht gewollt. Das ist das Alter.

Wir sind unglaublich gelassen. Worüber regt das Land sich auf? Über den Stinkefinger von Varoufakis. Über diesen Sänger, der nicht beim Eurovision Song Contest antreten wollte – wie heißt er noch gleich?

Was ist denn daran unglaublich? Und was ist daran gelassen, sich über solchen Käse aufzuregen? Und worüber sollte das Land sich denn aufregen?

Die Probleme werden größer, die Themen werden kleiner. In einer Hinsicht haben es die 30-Jährigen natürlich besser.

Und zwar in welcher?

Chor der Alten:
Sie können keinen Zahnersatz verlieren.

Einige von ihnen erben später mal stattliche Vermögen.

Chor der Alten:
Nachtigall, wir hörn dir trapsen!

Einige von uns auch. Ein bißchen früher vielleicht, aber deswegen nicht weniger. Einige von uns haben sogar noch in Super-Währung geerbt. – Wieso haben es die 30-Jährigen da besser?

Glückwunsch! Ich bin nicht neidisch. Manche erben viel, andere wenig, das ist im Einzelfall vielleicht ungerecht, wie das Leben im Allgemeinen nicht dazu tendiert, gerecht zu sein.

Manche erben auch gar nichts. Andere einen Haufen Schulden. Herzlichen Glückwunsch auch denen! Sie werden arbeiten müssen, wenn sie essen wollen. Oder irgendwo wohnen. Das trifft sich nicht schlecht, denn die, die das Vermögen erben, sind darauf angewiesen, daß andere arbeiten. Widrigenfalls sie es selbst müßten. Was man ja niemandem wünschen will. – So aber ist für alle gesorgt.

Aber wenn man es im Generationenmaßstab betrachtet, ist es in Ordnung.

Sag ich doch. Und deswegen will ich jetzt endlich wissen, worüber sich die Gesellschaft denn eigentlich aufregen soll, das weiß ich nämlich immer noch nicht!

Ihr werdet das Geld brauchen, immerhin habt ihr, neben all dem anderen Ärger, auch noch diese Massen an zukünftigen Rentnern am Bein, meine Generation, die ihr durchfüttern müsst.

Chor der Alten:
Das ist doch Killefit, was er da erzählt! – Ach was! Was du nicht sagst. – Wieso brauchen denn die Jungen das Geld, wenn wir gefüttert werden wollen? Wieso brauchen die das Geld? Wir brauchen das Geld! – Was regst du dich denn so auf? – Immer dieser Quatsch, daß die Rentner gefüttert werden müssen! Wer hat den unsere Eltern gefüttert? – Ist ja gut, ist ja gut! – Alles andere, was er erzählt, hat doch auch schon nicht gestimmt. – Wir! Wir haben sie gefüttert! – Wieso soll dann ausgerechnet das jetzt stimmen? – Stimmt. – Nein! Stimmt nicht! Das Futter haben doch nicht wir bezahlt, das haben doch unsere Eltern bezahlt!

Darf ich den Chor zu etwas weniger kakophonischer Darbietung mahnen? Wir sind noch nicht ganz am Ende:

Jetzt höre ich, dass eine kräftige Erhöhung der Erbschaftsteuer in Arbeit ist. Na ja, wenn der Crash kommt, ist sowieso alles futsch.

Chor der Alten:
Was? Was? – Hab ich das richtig gehört? – Erbschaftssteuer? – Lausejunge! – Rotzlöffel! – Sagt mal, wo ist eigentlich unser Spucknapf? – Keine Ahnung. – Ich will nicht, daß unser Spucknapf wegkommt. Wenn einer den Spucknapf wegnimmt, dann soll er ihn gefälligst wieder dahin stellen, wo er ihn weggenommen hat. – Was kuckst du mich so an, ich habe den Spucknapf nicht. Leider! – Da braucht man einmal seinen Spucknapf – einmal -, da ist er nicht da. – Frag ihn mal, ob er ihn hat. – Er? Der junge Hüpfer? Was will er mit einem Spucknapf?

Bitte vielmals um Entschuldigung. Ich borgte mir den Spucknapf. Als ich diesen Gedankenrotz las, bedurfte ich seiner. Es würgte mich. – Fällt dem Kerl im Rückblick auf seine Jugend nichts anderes ein, als daß er mit seiner Kohle “überall der King” war. Und das Thema Weltuntergang findet bei ihm seine Metapher nur allzu natürlicherweise in einer Erhöhung der Erbschaftssteuer. – Und mit sowas teilt man nun die Alterskohorte!

Pfui Deibel.

Chor der Alten:
Was meint er mit Gedankenrotz? Wieso Gedanken?

Darf ich den Chor dann um den Schlußchoral bitten?

Chor der Alten:
Deutschmark wech / Erbe wech
Das ist schlecht / Und nicht recht
O du lieber Martenstein / Alles ist futsch

Martenstein / Martenstein
Leg nur ins / Grab dich rein
O du lieber Martenstein / Alles ist futsch

Kurzer Prozeß

Der niedersächsische Kinderschutzbund lehnte ab, aber die Jugendfeuerwehr übernimmt Edathys 5.000 Euro sowie den beschlagnahmten Bildband mit den Bildern. Die Staatsanwaltschaft hat den Band durchstudiert und braucht ihn nicht mehr. Die Feuerwehr hingegen erhofft sich Anregungen für die Gestaltung des nächsten Jugendfeuerwehrkalenders.

Der US-amerikanische Bundesstaat Utah will die Exekution durch Exekution wieder einführen, da ihm das Gift zur Neige geht. Sprich: durch Füsilierung.

Das wird nicht geschehen,
denn die Krieger der Utah sind tapfre Helden,
aber keine Mörder.
Old Shatterhand

Doch, das wird doch geschehen. Aber die tapferen Krieger aus Utah wollen sich nicht lumpen lassen: die Todgeweihten sollen ein paar hundert Meter Vorsprung kriegen. Das macht die Sache sportlicher, spielerischer, spannender und eines tapfren Kriegers eher würdig.

Uomo vecchio, uomo sporco – uomo Silvio (Berlusconi) ist vom Vorwurf des Mißbrauchs Minderjähriger freigesprochen worden. Bungabunga ist kein Mißbrauch. In der Begründung des Gerichtes heißt es, Berlusconi habe schließlich nicht mit dreckiger Phantasie zuhause gesessen und nackte Jungs angeguckt, sondern lediglich mit jungen Mädchen das gemacht, wozu diese da seien. Daß da mal eine Minderjährige dazwischenflutsche, das bleibe, wo es so feucht und fröhlich zugehe wie beim Bungabunga, nicht aus. Das stehe schließlich nicht dran, an so einer. Das habe auch noch deren keiner geschadet. Da könne man ihm keinen Strick draus drehen. Sowieso könne man aus minderjährigen Mädchen keine Stricke drehen. Dafür seien die nach einer halben Stunde Bungabunga viel zu glitschig. Das sage einem doch schon der gesunde Mädchenverstand.

Der stellvertretende Vorsitzende der Schäbigsten Partei Deutschlands, Thorsten Schäfer-Gümbel, hat daraufhin Conte Silvio die Ehrenmitgliedschaft in der SPD angeboten. Die SPD sei eine äußerst Ehrenwerte Gesellschaft, in der Leute mit Freisprüchen nichts verloren hätten. Leute wie Sebastian Edathy jedenfalls nicht. Ein anständiger Mensch habe immer was auf dem Kerbholz. Nur wer nichts tue, mache keine Fehler. Aber es komme darauf an, was für eine Sorte Dreck man am Stecken habe, und an welchem Stecken man den Dreck habe. Stecken sei nicht gleich Stecken, und Dreck nicht gleich Dreck. Bei Berlusconi sei man sicher, daß es der richtige Stecken sei und die richtige Sorte Dreck. Darum herzlich willkommen in der SPD, auch wenn der Graf gerade freigesprochen worden sei. Freispruch sei schließlich nicht in jedem Falle ehrenrührig. Freispruch sei nicht gleich Freispruch.

Wenn man Schäbig-Gümbel aus der SPD-Vorstandssitzung kommen hört und sieht, wie er in die Kameras hinein lügt, “fassungslos” ob Edathys Verhalten zu sein, ist man zunächst fassungslos. Faßt sich aber schnell wieder und denkt bei sich: Den könnten sie in Utah gut gebrauchen. “Das Bleichgesicht hat eine giftige Zunge. Ihr Kuß ist tödlicher als alle Waffen des Roten Mannes. Sie reichte hin, unsrer Todgeweihten so viele auszulöschen, als Manitou in unsere Hände gab.”

Apropos todgeweiht: “Wie kommunizieren wir das eigentlich, wenn Sebastian sich umgebracht hat”, soll der Fraktionsvorsitzende der Schäbigen seinen Kumpel Hartmann gefragt haben, und wer sich das zugehörige Natterngesicht vors innere Auge holt, den flieht der Zweifel, ob das denn wohl wirklich so gewesen sein mag. Das war genau so. Der tiefen inneren Wahrheit brauchen sich kleinliche Tatsachen erst gar nicht in den Weg zu stellen. So wie Schäbig-Gümbel sich zu schade ist, Edathy eigenhändig aus der Partei zu werfen, und darauf setzt, daß ein Mann, dem er vor einem halben Atemzug noch jeglichen Anstand abgesprochen hat, so viel Anstand hat, sich selbst daraus zu entfernen, so ist Nattermann selbst dazu zu schäbig, Edathy wenigstens mit eigener Hand umzubringen. Zwar haben die tapferen Krieger der Schäbigen dem Inkulpaten ein paar hundert Meter Vorsprung gegeben, und erst dann auf ihn geballert, aber nur mit Platzpatronen. Sie erwarteten, daß Edathy sich bei der Hatz hinter die erste Krüppelkiefer schmeißen und und dort die Kugel geben würde. Statt dessen ballerte der zurück. Fassungslos fragt Schäbig-Gümbel sich, wie man denn nun sowas kommunizieren soll.

Mittlerweile hat der Kinderschutzbund ein neues Geschäftsmodell erfunden: Abscheu. Abscheu, oder die wundersame Vermehrung der 5.000. Euro. Pro Jahr werden in Deutschland ca. 150 Kinder von den eigenen Eltern totgeschlagen, allerdings auf anständige Art und Weise, ohne Schweinkram. Mord, Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge, solche Geschichten. Manchmal sind die Eltern nicht einmal böse auf die Kinder, sondern vernachlässigen sie bloß, geben ihnen nichts zu trinken, kommen tagelang nicht nach Hause, weil sie vergessen, daß sie Kinder haben. Problem dabei für den Kinderschutzbund: davon nimmt keine Sau Notiz. Viel weniger noch von blauen Flecken, Beulen, gebrochenen Ärmchen oder Beinchen oder geschundenen Seelen. Wenn man nun der Kinderschutzbund ist, und kriegt von einem Richter 5.000 Euro zugesprochen, für Einstellung so eines Verfahrens wegen geringer Schuld, dann sind das a) Peanuts, und b) nimmt man das Geld besser an, denn wenn man es nicht nicht annähme, weil man von so einem kein Geld wollen würde, pfui Deibel, dann – ja, was dann? Nichts dann. Das interessiert doch keinen. Ist aber Schweinkram im Spiel und, besser noch, Schweinkram und ein arroganter Schnösel, oder auch nur ein arroganter Schnösel, und der Schweinkram apokryph, vor dem (dem Schnösel) vor Abscheu sich zu schütteln einen aber nichts kostet, im Gegenteil – ja das ist dann ein ander Ding! Denn siehe, nach der Zurückweisung der fünftausend Ocken hoben sie auf, was noch am Boden lag, da waren es bereits zwölf Körbe voll.

Der Kinderschutzbund will jetzt in der Abteilung Fundraising ein Kompetenzcenter für strategische Abscheu und Empörungsoptimierung aufbauen.

Und was macht derweil das gesunde Volksempfinden sonst noch so? – Kurzen Prozeß: in Tröglitz haben tapfere Krieger einen unbewaffneten Bürgermeister daran gehindert, volksfremde Elemente ins Land zu holen, nein, nicht ins Land zu holen, das war nicht dessen Idee: in die Stadt zu holen, nein, auch das nicht. Aber sie, die Elemente, wenn sie denn schon in die Stadt kommen, was sie tun werden, dort quasi in Empfang zu nehmen, den Prozeß aktiv zu begleiten, Mitgestaltungsmöglichkeiten zu suchen und wahrzunehmen usw. Nein, auch das war nicht eigentlich sein Verbrechen. Das Verbrechen war: er hat anscheinend Verständnis für die Situation von Flüchtlingen gehabt. Oder geheuchelt. Jedenfalls geäußert. Phht! Verständnis! Sagen wir so: das gesunde Volksempfinden ist dem Bürgermeister in den Arm gefallen, als der sein finsteres Werk der Bolschewisierung Tröglitzens in die Tat umsetzen wollte. Noch mal gutgegangen: der Mann – ein ehrenamtlicher, was ja die schlimmsten sind, Idealisten und so – trat zurück. Woraufhin man von seiner Füsilierung absah – “Es waren ja deutsche Krieger” (cf. Spucknapfliteratur). Die Helden von Tröglitz feiern sich auf Facebook. Ihr nächstes Ziel: der kleinen Schwester zuhause die Puppe wegnehmen.

Zuguterletzt: es geht auch ohne Gift. Der Islamische Staat hat einen hochrangigen Juristen des Islamischen Staates geköpft. Warum? “Die Führung der Terror-Miliz ließ ihn köpfen, weil er zu viele Menschen zum Tode verurteilt hatte.” (Spiegel Online)

Amen.

Das Wahrheitsministerium informiert

Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten;
Heiter sprach er zu mir: Werde mir Zeuge, du Stein!
Goethe

Nachdem der Islamische Staat alle Steine kurz und klein geschlagen hat, die sich unvorsichtigerweise bereits vor dem Erdenwandeln des Propheten (ca. 570 bis 8. Juni 632 nach Christus dem Gesalbten) haben behauen lassen, um solcherart ein Zeichen zu setzen wider die Gottlosigkeit der Natur, wider die Verehrung des Götzen Geschichte und wider den Tanz um das Goldene Kalb der Schöpfung, will er in Stufe II die Knochen aller Irdischen, die Gott vor dem Jahre 570 – oder sicherheitshalber 573 (besser: unsicherheitshalber; das genaue Geburtsdatum des Propheten ist nicht bekannt) – zu sich gerufen hat, ausgraben, um sie zur Strafe für mangelnden Respekt vor dem Propheten totzuschlagen.

Wie immer, wenn den Assassinen der Jihad schwillt, kriegen es zuerst die Muslime ab, die auf dieser Welt anscheinend keiner leiden kann, jedenfalls kein Muslim. Christen und Juden können sich durch Tributzahlungen freikaufen. Wenn sie das nicht wollen, oder wenn sie das Geld nicht aufbringen können, wird man aber auch ihnen alle Knochen im Grab kaputtschlagen.

In Stufe III soll es den steinernen Zeugen der Erdgeschichte an die Rippen gehen. Fossilien, Petrefakten, Ammoniten, Trittsiegel, Koprolithe, Mineralisierungen, Fliegen in Bernstein, im Permafrost lagernde Wollnashörner und andere stumme Zeugen der Größe und Allmacht Gottes sollen ausgegraben und mit Hämmern zerschlagen werden, denn sie loben Gott, ohne dazu die Erlaubnis des Fürsten der Gläubigen zu haben. In Stufe IV werden Kambrium, Ordovicium, Ober- und Untersilur, Devon, Carbon, Perm, Trias, Jura, Kreide, Tertiär, Pleistozän und Holozän bis einschließlich Steven Spielberg verboten, und der Dinosaurierpark Münchehagen wird geschlossen.

Stufe V wird dann mit Sternen, Planeten, Sonnensystemen, Galaxien, Spiralnebeln, Schwarzen Löchern, Hellen Riesen, Braunen Zwergen, Stringtheorien, Urknällen, Stephen Hawking, Materie und Antimaterie aufräumen, sie sprengen, wenn sie sich sprengen lassen, und sie an Ungläubige verkaufen, wenn damit Geld zu machen ist.

Einzig tolerierter Himmelskörper soll ein trauriger Halbmond sein.

cui bono?

Neues Hobby: Benzinskepsis

Es kommt nur auf den Weg an,
auf den Weg zu den Sternen.
Alles andere ist für des Leibes Notdurft.
Eduard Stucken

Es ist zwar so in diesem Land, daß alles, wes der Mensch für des Leibes Notdurft bedarf, nicht in erster Linie durch gemeinwirtschaftlich orientierte Unternehmungen oder sozialistische Kollektive, Volkseigene Betriebe oder freiwillige Arbeitseinsätze der Komsomolzen zur Verfügung gestellt wird, sondern durch privat wirtschaftende Unternehmen, die auf Gewinn aus sind – es hat dies weitgehend damit zu tun, daß es sich bei dem unsrigen um ein kapitalistisches Land handelt, und zwar nicht um irgendeines, was das angeht, sondern um die Nummer 4 auf der nach unten offenen Weltherrenskala – wer’s nicht glaubt, der kann ja gerne einmal Grieche werden und den Unterschied ausprobieren -, und diese privat wirtschaftenden Unternehmen, sie kümmern sich um Alles: vom Brot auf dem Teller über den Teller selbst, den Tisch nicht zu vergessen, bis hin zur Schüssel, in der das Brot landen wird, wenn es dann irgendwann zur Notdurft im eigentlichen Sinne …

Genügt!

Ja, selbst das Papier, und der Plastikbeutel, in dem der Bürger das Papier aus dem Kofferraum in den dritten Stock …

Genügt, sagte ich!

… die Klobürste …

Ja, ja, ja! Das alles ist zu irgendeinem Zeitpunkt Profit gewesen. Irgendeiner wird versucht haben, sich einen goldenen Arsch daran zu verdienen, und dieses Prinzip des Goldenen Arsches, es wird von uns nicht mehrheitlich infrage gestellt. Vielleicht stellt der eine oder andere es grundsätzlich infrage, macht sich Gedanken über ein anderes, im Idealfall besseres Wirtschaften, aber zu Konsequenzen führt das im allgemeinen nicht. Niemand würde die Tauglichkeit von Klopapier für dessen propagierten Zweck anzweifeln, nur weil ein anderer daran Geld verdient.

Aber wehe!

Wehe, es handelt sich um etwas weniger Banales als Klopapier. Etwas Geheimnisvolleres. Etwas, das den archaischen Urgrund unserer Existenz rührt: eine magische Flüssigkeit. Zaubertrank! Es macht Blech sich fortbewegen, wie von Geisterhand geführt, so heißt es. Benzin!

Dann kommen sie hervor, die alten Ängste. So geschieht es dieser Tage, da immer mehr Bürger ihre grundsätzliche Skepsis gegenüber dem kapitalistischen System entdecken, jetzt nicht, was ihr Brot angeht, oder ihren Teller, den Tisch, den Fußboden, die Wand, den Flur, das Bad, die Kloschüssel, die Klobürste, das Klopapier, ihren Kaffee, ihre Zeitung, ihre Flatrate, ihre Schuhe, ihr Fitnessabo, ihre Unterhosen, ihr Shampoo, ihren Kühlschrank, ihren Urlaubsflug, ihre Brille, ihre Winterjacke …

Genügt!

… ihr Federbett, ihre Nachtcreme, ihren Nagellack, ihren Rasierapparat, ihre dritten Zähne …

Erbarmen!

… ihre Waschmaschine, ihren Trockner, ihre Trockenhaube, ihren Friseur …

Wo ist mein Strick?

… oder ihren Strick, wohl aber: beim Benzin für ihr Auto. Jemand verdient Geld damit? Mit dem, was ich in meinen Tank tue? Er hat also ein Interesse daran, nicht wahr? Liegt es da nicht auf der Hand, mal zu fragen: cui bono? Nutzt Benzin überhaupt etwas? Außer der Industrie? Brauchen Autos überhaupt Benzin? Sind nicht Autos ohne Benzin viel gesünder? Und wenn das Auto stehen bleiben sollte – was ich persönlich ja nicht glaube, ich glaube, es handelt sich um Propaganda der Ölindustrie – dann ist es für den Organismus des Fahrzeugs sicher besser, wenn es stehen bleibt. Benzin ist schädlich. Benzin ist giftig. Die Produktion von Benzin verursacht Umweltschäden in Milliardenhöhe, und die Industrie verdient daran. Das sieht man schon daran, daß die Industrie immense Summen für Schadenersatz berappen kann. Wer kann das denn, wenn nicht einer, der vorher immense Summen daran verdient hat, daß er den Leuten Gift andreht? Aber das wird natürlich verschwiegen und unter der Decke gehalten. Aber nicht mit mir! Ich beuge mich dem Diktat der Schulphysik nicht! Die angeblichen Studien zur Wirkungsweise von Verbrennungsmotoren sind doch alle von der Ölindustrie gesponsert! Eine Umwandlung einer Translationsbewegung in eine Rotationsbewegung ist nämlich mechanisch gar nicht möglich; der Kolben würde sich im Zylinder verkanten und steckenbleiben. Ganz abgesehen davon, daß es gar keine Bewegung geben kann, das hat schon Parmenides von Elea gewußt, aber dessen Erkenntnisse werden von der Industrie auch unterdrückt, weil sie von der Illusion fahrender Autos nur profitiert, hah!

Entschuldigung, haben Sie vielleicht irgendwo meinen Strick gesehen?

Nun wäre es ja nicht so schlimm, wenn einer so denkt, Knallköpfe gibt es überall. Schlimm aber ist es, wenn immer mehr Benzinverweigerer ihren Tank einfach nicht mehr auffüllen, aber trotzdem losfahren und dann an der Abfahrt Peine Ost liegenbleiben, während ein Knallkopf aus der Gegenrichtung in Peine West verreckt. Auch das wäre noch nicht so schlimm, wo ist man selbst nicht schon überall liegengeblieben, als man noch den Felicia hatte? Fachleute haben ausgerechnet, daß einzelne Liegenbleiber den Verkehr nicht nachhaltig kollabieren lassen. Kritisch wird es, wenn der Anteil der Benzinverweigerer bei fünf oder mehr Prozent liegt. Rechtzeitiges Tanken ist dann keine reine Privatsache mehr. Die “Durchtankrate”, wie die Fachleute das nennen, sollte bei 95 Prozent …

So ein unscheinbares Stück Strick, aus Hanf, gar nicht lang, aber mit einer Schlinge am Ende?

Impfskeptiker

Grüne mal wieder dagegen. Andererseits aber auch dafür. Man weiß nicht recht, woran man ist.

BERLIN afp Eigener Bericht abgeschrieben vonne taz | Die Grünen haben sich für eine bessere Aufklärung zum Thema Impfungen ausgesprochen, jedoch ihre Ablehnung einer Impfpflicht zum Schutz vor Masern bekräftigt. Ein Zwang bringe „Impfskeptiker“ nicht zum Umdenken, sagte die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Katja Dörner der Zeitung Die Welt vom Montag. Stattdessen warb sie für eine Pflicht für Eltern, „bei der Anmeldung zur Kita einen Nachweis zu erbringen, dass sie zum Thema Impfung beraten wurden“.

Die “Welt vom Montag” war mir bislang kein Begriff, aber der Name gefällt mir: erscheint die jetzt immer? Oder ist das keine neue Zeitung, sondern das, was man früher Spiegel nannte? – Jaa, der “Frühe Spiegel”! Ich hab’ ihn gern’ gelesen, als es ihn noch gab!

Aber was ist das mit den Grünen? Die Grünen haben was gemacht? Sich für etwas ausgesprochen? Ja geht das denn überhaupt? Dürfen die das denn? Ist das denn erlaubt? Und wofür haben sie sich ausgesprochen?

Für bessere Aufklärung, sieh mal einer an! Vive la lumière verte! À bas l’obscurantisme! Promouvoir les connaissances, c’est ce qu’il faut faire! Shine your light on me, Katja Dörner: Zwang, bringt er etwa den Impfskeptiker zum Umdenken?

“Impfskeptiker bringt man nicht durch Zwang zum Umdenken, sondern …”

Ja? Sondern? Sondern? Sondern immunisiert durch ihn allenfalls deren Kinder gegen das Masernvirus? Auch schon was!

“… sondern durch umfassende, unabhängige Beratung.”

Ah! Gesprochen wie ein Mann! Und wenn auch dieses nicht, so doch gebrüllt wie einer Leuwinne gut zu den Schnurhaaren steht! Oder sagen wir: wacker aus der Fibel “Verlautbarungsdeutsch für den Pressefredi” abgepinselt und unfallfrei zum Einsatz gebracht. Die gute alte Beratung! Umfassend und unabhängig. Jaja! So soll sie auch sein. Ergebnisoffen fehlt noch. So wie bei Oma Karoline, die den Sparstrumpf ihres seligen Karl auch erst dann in die berüchtigten Lehmann-Papiere umwandelte, als der nette junge Mann von der Sparkasse ihr umfassend, unabhängig und ergebnisoffen dazu geraten hatte.

Aber bringt man mit Beratung tatsächlich die Impfskeptiker zum Umdenken? Und was war gleich noch mal Umdenken? Drumherumdenken oder Andersherumdenken? Und, wo wir einmal dabei sind: was sind Impfskeptiker eigentlich so für Leute? Machen sie den Eindruck, es irgendwie besonders mit dem Denken zu haben? Nicht daß sie das gar nicht wollen und böse weden, wenn man ihnen damit kommt?

Germanistenfuzzi erzählt, daß seine drei Hunde ebenfalls Impfskeptiker seien, einer wie der andere. Und zwar seien sie dermaßen skeptische Impfskeptiker, daß es ihnen reiche, a) den Tierarzt fern am Horizont als Schemen wahrzunehmen, b) seine Stimme zu hören, oder c) sein Auto zu wittern, worunter man sich einen Oktavia Kombi mit Gülle an den Reifen vorzustellen hat, um vorsichtshalber über alle Berge zu gehen und so ausreichend viele Kilometer zwischen sich und die Staupe-Impfung zu legen. Sie seien dann keinem vernünftigen Argument zugänglich. Auch keinem unvernünftigen. Überhaupt keinem Argument. Auch den Argumenten “Eichhörnchen” und “Leberwurst” nicht.

Darum meine ich, daß es möglicherweise zum Fenster rausgeschmissene Liebesmüh sein könnte, die Impfskeptiker zu irgendwas umfassend und unabhängig beraten zu wollen. Vielleicht wäre man gut beraten, es nicht zu tun. Möglicherweise sind sie ja gut beraten, die Impfskeptiker. Vielleicht sogar umfassend. Unabhängig sind sie ohnehin. Germanistenfuzzi?

Was macht denn den Menschen aus? – Die Skepsis? Die Skepsis ist es nicht. Siehe die Hunde. Von denen können wir uns in puncto Skepsis alle eine Schwarte abschneiden. – Das Geimpftsein, das Nicht-Geimpftsein, ist es es? – Nein, auch es ist es nicht. Siehe wiederum die Hunde. Sie sind geimpft, ich bin es nicht. D.h., ich bin schon geimpft, aber aus Versehen. Gegen Staupe. Es ist ein mit großem körperlichen Einsatz geführter Kampf, die Hunde impfen zu lassen. Alle drei Jahre sind sie dran. Drei sind es, d.h. wir haben das Theater in jedem Frühjahr. Ich hätte gern mal ein Jahr frei, aber mehr als einen Hund pro Jahr schafft man nicht. Einmal habe ich dabei die Spritze abbekommen. Der Tierarzt hat dann den Impfpaß trotzdem gestempelt, ihn mir hingehalten und mir geraten, micht zu verbröseln “und zwar umgehend und unter sorgfältiger Mitnahme der Tewe”. Nächstes Jahr sei auch noch ein Jahr. – Gut, das war also die Staupe, aber gegen Masern bin ich nicht geimpft. Es war seinerzeit nicht üblich. In meiner Generation und in geschwisterreichen Familien wurden die Welpen, sobald der erste die ersten Symptome zeigte, alle mit diesem zusammen in die Wurfkiste gesperrt, und anschließend wurde der Dinge geharrt, die da kommen würden. Letzteres von den Eltern.

Und die Dinge kamen zuverlässig. Meine Mutter verschwur sich im späteren Leben, lieber wolle sie jährlich drei Hunde gegen die Staupe impfen lassen, als noch einmal drei masernkranke Welpen zugleich in einer Wurfkiste zu betreuen. Ich halte ihr zugute, daß sie nicht wissen konnte, wovon sie redete, da sie noch nie einen Hund gegen Staupe hatte impfen lassen müssen. So wie der Katergeplagte nicht weiß, was das denn eigentlich heißt, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren. Das sagt sich so glatt dahin. Die Umsetzung ist dann sehr viel holperiger.

Daß es in unserer Wurfkiste jedoch aufgekratzt zugegangen ist, will ich gerne glauben. Das bleibt bei einer solch juckenden Angelegenheit wie den Masern wohl nicht aus. Auch Impfabstinenz hat halt seine Nebenwirkungen. Jedoch bekam man auf diese Weise seinen Anteil an dem, was das Leben zu bieten hat, frei Haus. Nicht nur Masern, sondern Windpocken, Röteln, Mumps und Keuchhusten. Alles sozusagen vor meiner Zeit, und ehe ich den rechten Genuß daran hätte finden können. Später, als ich begeisterter Rezipient von Abenteuerliteratur geworden war, hätte ich lieber ein paar von den malererischen Krankheiten gehabt, etwa Blattern oder Pocken. Aber da war nichts zu wollen. Wann immer wo auf der Welt eine Pocke gesichtet wurde, wurde ich geimpft, was immerhin ein schwacher Trost war, denn die Impfung fand romantischerweise mit einem in die Flamme gehaltenen Dolch statt. Nagut, sagen wir nicht Dolch, sagen wir Skalpell. Und sagen wir Bunsenbrenner. Aber Geschichten von höchst erstrebenswerten Nebenwirkungen machten die Runde.

Aber es war alles umsonst. Ich kriegte die Pocken nicht, keine einzige, nicht einmal eine Kuhpocke, und ich kriegte keine Nebenwirkungen. Irgendwann gab der Arzt auf. Er wisse, wann er verloren habe, sagte er. Auch die anderen Krankheiten von großer Strahlkraft – Malaria, Skorbut oder Tollwut – blieben mir versagt. Apropos Tollwut: einmal haben wir, auch aus Versehen, bei der Rangelei mit einem der Hunde, den Tollwutschutz des Tierarztes aufgefrischt. Seitdem hat er immer ein bißchen Schaum in den Mundwinkeln, wenn er mich sieht.

Wie immer, wenn man sich mit Germanistenfuzzi darüber austauscht, was es sei, das den Menschen ausmacht, ist man hinterher unsicherer als vorher. Hätte rechtzeitige Impfung bei ihm segensreiche Wirkung gehabt? Oder ist das alles Nebenwirkung? Was man auf jeden Fall davon trägt, ist gründlich verloren gegangener Glaube an die Wirkung umfassender, unabhängiger und ergebnisoffener Beratung. Immerhin scheint er kein Impfskeptiker zu sein, im Gegensatz etwa zu

Supermami.

Zu wem?

Supermami. Supermami ist Impfskeptikerin. Aber keine richtige Impfskeptikerin, glaube ich. Ich bin da jedenfalls skeptisch. Vielleicht ist sie hundertfünfprozentige Impfskeptikerin, mehr aber nicht. Ich habe ihr nämlich von meinem Onkel, dem Schamanen erzählt, und daß er mir damals, als ich mit Sumpffieber lag und Grischka und die Wölfe las, ein gefesseltes Hermelin auf den Bauch setzte, damit das Fieber aus meinem Körper in den Körper des Hermelins übergehen sollte, und als ich die Fesseln des Hermelins löste, weil Grischka das mit seinem auch so machte, da sprang es mit großen Sätzen aus der Jurte, und als Grischkas Fieber weg war, war meins auch weg – wie auch immer. Jedenfalls habe ich Supermami geraten, als ihr Jüngster zahnte, ihm ein gefesseltes Meerschweinchen auf den Kopf zu setzen, damit die Zahnschmerzen auf das Meerschweinchen übergehen – etwas meerschweinunfreundlich, wie ich zugeben will, aber Supermami sah mich nur finster und skeptisch an. Etwas mehr Glaubensstärke würde ich mir von unseren Esoterikerinnen wünschen. Da kann es ihnen gar nicht esoterisch und impfskeptisch genug zugehen, aber wenn ich mit einem wohlgemeinten und guten Rat, der zudem einschlägiger Literatur entstammt, daherkomme, dann entsinnen sie sich plötzlich ihrer verschütteten Ratio. Das kann einem schon zu denken geben!

Ist er eigentlich nach wie vor bei den Grünen und – was war er da noch gleich? Gesundheitspolitischer Sprecher?

Wer er?

Du.

Was für ein Datum haben wir heute?

Äh – zweiter März? Dritter März.

Was für ein Jahr?

Ähm – 2015.

Dann bin ich, glaube ich, nicht mehr bei den Grünen. Nichts gegen die Partei als solche. In jeder Demokratie muß es eine Partei geben, in der die, die ansonsten politisch unbehaust wären, eine politische Heimat finden. Und das sind, im Falle der Grünen, nun einmal die Grünen. Und umgekehrt. Aber sie waren zuletzt doch schon sehr beratungsresistent. Sie waren insbesondere resistent gegenüber Beratung durch mich, sprich: umfassende, unabhängige und ergebnisoffene Beratung. Man sehe nur ihre Haltung zur Impfpflicht: wischiwaschi. Wo sind die Zeiten, da sie sich mit einem verpflichtenden Milchreistag für Kantinen – Milchreis mit Aprikosen, nota bene – wochenlang in den Charts halten konnten? Gewiß, wer schon einmal Milchreis mit Aprikosen gegessen hat, wird in diesem Leben die Grünen nicht mehr wählen mögen, aber man hat doch wenigstens über sie gesprochen. Das war doch noch Marketing!

Ich habe mich daher zu neuen politischen Ufern aufgemacht: die Linke zum Beispiel sieht mir ganz so aus, als sei sie schon lange nicht mehr umfassend, unabhängig und ergebnisoffen beraten worden. Sie sieht mir außerdem so aus, als könnte sie jede Beratung gebrauchen, die sie kriegen kann. Und aussehen, als sei ihre Beratungsresistenz von keinen schlechten Eltern, tut sie auch. Auch sie weiß nicht so richtig, was sie gesundheitspolitisch will. Impfung ja, Zwang nein? Stattdessen “verpflichtende Impfgespräche, die im Rahmen der Kindervorsorgeuntersuchungen mit allen Eltern verbindlich, gegebenenfalls auch wiederholt durchzuführen und zu protokollieren sind”? – Man halte mich für frivol: aber da esse ich doch lieber einmal in der Woche Milchreis mit Aprikosen. Verpflichtende Impfgespräche nutzen gar nichts. Wieviele Impfgespräche ich nicht schon mit den Hunden geführt habe! – Alle für die Katz.

Aber ich finde, die Linke hat eine Chance verdient. Sie die Chance, und ich die Abwechslung. Und die Herausforderung; ich weiß nämlich gar nicht genau, ob es in Käsdorf überhaupt eine Linke oder einen Linken gibt. Aber um organisatorische Petitessen kann ich mich auch später kümmern. Sagen wir also, daß ich im neuen Jahr für Linke spreche, und zwar als, warum nicht, gesundheitspolitischer Sprecher. Und als dieser sage ich zum Thema Impfpflicht: mmh, mmh. Keine Impfpflicht. Das Selbstbestimmungsrecht der Viren muß weitergelten.

Das Selbstbestimmungsrecht der was?

Viren. So kleine, kröselige Dinger. Partikel mit schlechten Angewohnheiten. Sehen aus wie diese Noppengummibälle, die man manchmal als Massagegerätschaft angedreht kriegt, und von denen man nicht weiß, was man denn damit massieren können soll, und wie, und ob das überhaupt eine gute Idee wäre, oder vielmehr Schweinkram, von dem man dann aber auch nicht wüßte, wo und wie, quibus auxiliis, cur, quomodo und quando. Viren halt. Viren nämlich sind, auch und gerade in Konkurrenz zu anderen Impfskeptikern, große Impfskeptiker.

Impfskeptiker? Viren?

Na sagen wir: Impfgegner. Skeptiker – Skepsis setzt eine Proposition voraus, deren Gültigkeit man zwar in Zweifel zieht, die man aber immerhin prinzipiell anerkennen könnte, auch wenn man den Teufel tun wird. Das kann das Virus aber nicht gut machen. Seine Gegnerschaft zum Serum ist absolut. Eine Sache auf Leben und Tod. Es oder es.

Es ist auf uns angewiesen, es Virus. Ohne uns kann es nicht sein. Es könnte nicht ins Meerschwein, ob es gleich wollte. Man hat es Hunden übertragen, aber die reagieren darauf wie ich auf die Staupe, mit Achselzucken. Es war einst ein stolzes Rinderpestvirus, aber das Rind als Wirt taugt auch nicht länger. Auf Gedeih ist es und auf Verderb uns ausgeliefert.

Drum ist es schlecht auf das Serum zu sprechen. Und das mit Grund. Anders als die Hunde und anders als Supermami.

Wenn aber keine Impfpflicht, wenn keine verpflichtenden Impfgespräche mit den Eltern, was dann?

Ich bin noch unentschieden. Ich neige zu gutem Zureden.

Wem? Den Eltern.

Nein, nein! Nicht den Eltern. Das ist sinnlos. Man kann einer Supermami nicht gut zureden. Entweder den Kindern, als den Vernünftigeren von beiden – ich könnte mir denken, daß Kindern beispielsweise eine auf gefesselten Meerschweinchen basierende Medizin sehr einleuchten würde, schon wegen des Erlebnisfaktors. Es scheint mir aber unwahrscheinlich, daß die Partei diesen Weg gutheißen würde, denn weder würde auf diese Weise das krankheitsfördernde, ja krankmachende Potential repressiver kapitalistischer Produktionsverhältnisse entschleiert, noch die Reduktion der Merschweinchen auf ihre bloße Reparaturfunktion für die Ware Arbeitskraft ausreichend kritisiert. Wenn man weg will von der Idee der sozialistischen Medizin als reglementiertem Paradies totaler Prävention, und das will man ja anscheinend, dann sollte man auch weg wollen von der Idee der Medizin im Sozialismus als perfektionierter Intensivstation, hin zu einer ganzheitlich verstandenen Medizin, Medizin verstanden als symbolische Handlung, Heilung vielmehr, beziehungsweise: Medizin verstanden als Kommunikation, und Krankheit verstanden als die sich verflüchtigende Wirklichkeit einer spezifischen Entität, wenn man nur lange genug auf sie einredet.

Ist das von Foucault?

Glaub’ ich nicht. – Gute Idee aber: wenn das Virus sich gutem Zureden nicht zugänglich zeigt, liest man ihm notfalls was von Foucault vor.

Das Virus? Du willst dem Virus gut zureden?

Es scheint mir das Erfolgversprechendste zu sein.

Und du glaubst, die Partei wird da mitgehen?

Du solltest, mein lieber Quastel, wenn Du mit mir redest, ein wenig eingedenker sein, mit wem du redest, und deine Rede adjustieren: mitgehen! A bah! Was für ein würdeloses Wording! Wir sind hier nicht beim Poker, und wir sind auf keinem Meeting, wo Counsultants sich Jargon in die Ohren schmieren. – Wenn Du wissen willst, ob sich die Partei das gefallen lassen wird, so frag: “Wird die Partei sich das gefallen lassen?”

Und? Wird sie?

Wird sie was?

Sich das gefallen lassen?

Wer?

Die Partei.

Warum nicht? Wenn man lange genug auf sie einredet? – Gesundheitspolitik ist keine reine Privatsache, so wie Impfschutz. Man kann eine Partei zwar nicht zwingen, sich eine gescheite Gesundheitspolitik zuzulegen, denn letztlich fehlen die Instrumente, diesen Zwang auch auszuüben. Auch führt Zwang nicht zum Umdenken, sondern oft genug zum Trotz. – Aber man kann sie verpflichten, sich umfassend und unabhängig und notfalls wiederholt beraten und die Beratungen protokollieren zu lassen. Und die Protokolle dem Bundeswahlleiter vorzulegen.

Kann eine Partei eine solche Bescheinigung nicht vorlegen, dann muß man sie aus dem öffentlichen Bundestag fernhalten. Dann müssen ihre Abgeordneten notfalls in private Einrichtungen gehen.

Unions-Wähler fürchten Mindestlohn-Bürokratie und haben Schiß im Dunkeln

Beinahe die Hälfte der Bundesbürger (44 Prozent) sind davon überzeugt, dass der Mindestlohn die Bürokratie in kleinen und mittleren Unternehmen vergrößern wird. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der mittelständischen Wirtschaft (BVMW), die ein großes Interesse daran hat, nicht so laut darüber zu reden, daß 56 Prozent der Bundesbürger davon aber gar nicht überzeugt sind. Mmh, mmh, nicht überzeugt. 56 Prozent, das sind 12 Prozent mehr als 44 Prozent, oder, wenn man es in Prozenten ausdrückt, 27 Prozent, nicht überzeugt davon. Das ist eine stramme Minderheit, wenn man so rechnet, wie das Handelsblatt im Auftrag der Mittelständler es tut. Wenn man es nicht tut, ist es die absolute Mehrheit. Aber, so sagt das Handelsblatt, das schon ganz andere Sachen gesagt hat, absolute Mehrheiten sind etwas für Diktaturen. Wir aber sind eine Demokratie, in der die Minderheit das Sagen hat.

Oder die Mehrheit. Kommt drauf an, was sie sagt, die Mehrheit. Oder die Minderheit. So sagt zum Beispiel eine Mehrheit der Unions-Wähler (53 %) und eine Minderheit der SPD-Wähler (42 %), daß die Überzeugten Recht hätten. Das ist, wenn man es – gewichtet nach dem Zweitstimmenanteil bei der letzten Bundestagswahl – arithmetisch mittelt, eine deutliche Mehrheit unter den Anhängern der Koalitionsparteien, nämlich 48,27 %. Kaufmännisch gerundet – mittelständisch vielmehr, oder auch handelsblättisch; es ist nicht ganz klar, von wem die Vorgabe stammt, daß eine Mehrheit gegen den Mindestlohn notfalls mit Gewalt errechnet werden muß -, handelt es sich dabei um mehr als die 51,73 % der Koalitions-Anhänger, die den Unüberzeugten zuneigen.

Immerhin ist dem Handelsblatt zuzubilligen, daß 48,27 % mehr sind als 44 %.

“Viele Bundesbürger,” fährt das Handelsblatt fort – und läßt damit eine gewisse Formschwäche erkennen, denn was soll das heißen, ‘viele’ Bundesbürger? Soll das etwa heißen: ‘nicht alle’? Soll das heißen, daß es Bundesbürger gibt, die nicht – äh, ja, was denn eigentlich? -, “erwarten auch negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.”

Achso, der Scheiß. Na, schaun mer mal: “So befürchtet mehr als ein Drittel der 2.013 Befragten (36 Prozent), dass ein gleicher Mindestlohn über alle Branchen und Regionen hinweg Arbeitsplätze gefährdet.” Mehr als ein Drittel! Ungeheuerlich! Das hieße ja doch wohl, daß die, die das nicht befürchten, daß die nicht einmal mehr eine Zweidrittelmehrheit auf sich vereinigen können? Hieße das das? Soweit sind die schon abgeschlagen?

“Vor allem Befragte zwischen 25 und 34 Jahren (41 Prozent) sehen diese Gefahr.” – Ach! Guck an. Was ist denn das für eine Kohorte? Sind das ganz besonders Schissige? In den Achtzigern geboren, was? An deren Geburt sich keiner, der dabei war, erinnern kann? Die, von denen sich deren Eltern die Erde bloß geborgt hatten. Mußten schon in den Windeln Schilder mit “Ich Krieg Angst” auf Demos herumtragen. Durften, als Tschernobyl hochging, nicht in den Sandkasten. Durften nicht brüllen, wenn der Volkszähler vor der Tür stand. Kein Wunder, daß die die Hosen voll haben! Wieviel Prozent? 41? Das sind ja, boah ey, das sind ja – doch, auch das sind mehr als ein Drittel. Kann man unterschreiben. – Wen haben wir da noch?

“Auch bei den Wählern von CDU/CSU (52 Prozent), AfD (51 Prozent) und FDP (47 Prozent) ist die Sorge vor Arbeitsplatzverlusten besonders groß.” – 52 % Unions-Wähler? Fürchten sich? Vor Arbeitsplatzverlusten? Wessen Arbeitsplatzverlust – dem eigenen oder dem anderer Leute? – Ok, 52 % – das kommt einer Zweidrittelmehrheit auf handelsblättischem Zahlenstrahl schon recht nahe. Denn es ist ja deutlich näher an 100 als an 0 Prozent, richtig? Das kann man beruhigt “besonders groß” nennen, denn es ist ja groß, größer jedenfalls als 51 % (AfD), was ja – im Vergleich zu 52 – schon beinahe wieder näher an 0 ist als an 100, und größer auch als 47 %, die die FDP angeblich auf die Beine bringen. Apropos FDP: nehmen wir es mal als gegeben an, daß hier die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust anderer Leute abgefragt wurde, nicht jedoch die Furcht vor dem eigenen. Denn wer, und er hätte einen Arbeitsplatz, der weniger als 8 Euro fuffzich die Stunde einbrächte, einen Arbeitsplatz, der an 8 Euro fuffzich die Stunde schier verröcheln und eingehen müßte – nicht, daß es sowas nicht gäbe, aber wer, der damit vorliebnehmen müßte, würde FDP wählen? Warum? Weshalb? Wieso? Wozu? Wäre dem zu helfen? Und wenn ihm zu helfen wäre, wäre ihm auch dann noch zu helfen, wenn er es einem Mitarbeiter eines Meinungsforschungsinstitutes auf die Nase bände?

Was verdient eigentlich so ein Meinungsforschungsinstitutsmitarbeiter? Die werden unterschiedliche Gehaltsgruppen haben, nehme ich an; sagen wir mal die, die die Leute befragen. Nicht die, die die Drecksarbeit machen und sich die Fragen ausdenken, die nicht. Oder die, die mit den Auftraggebern im Lotterbett liegen, die auch nicht. Der kleine Mann auf der Straße. Der arme Tropf im Callcenter. Was verdient der so? Kann es sein, daß der Mindestlohn hier und da die Bilanz verunschönt? Wieso wurde eigentlich nicht danach gefragt, ob der Bundesbürger nicht vielmehr vorm Anblick einer solchen Bilanz bibbere?

Ah – wen will ich denn mit solch rhetorischen Fragen foppen? Aber was ich sagen will: ich nehme dem Handelsblatt, ich nehme dem BVMW, ich nehme Insa die 47 % von der FDP nicht ab. Wann hätte die FDP jemals vor dem Arbeitsplatzverlust anderer Leute Sorge gehabt? Nein, nein, mich foppt Ihr nicht. Ich schätze den Anteil der spezifischen Arbeitsplatzverlustsorgenmacher bei der FDP auf allenfalls 46 %.

Hingegen glaube ich das folgende ohne weiteres: “Mittelstandspräsident Mario Ohoven wertet das Ergebnis der Insa-Umfrage als eine „bittere Pille für Schwarz-Rot“. Beim wichtigen Thema Mindestlohn stünden „nicht einmal die eigenen Wähler hinter der Großen Koalition“, sagte Ohoven dem Handelsblatt”. Das heißt, ein paar Korrekturen hätte ich schon anzubringen: ‘Nicht einmal die eigenen Wähler’ muß heißen ‘Nicht einmal alle eigenen Wähler, sondern bloß deren Mehrheit’, und anstelle von ‘bittere Pille für Schwarz-Rot’ muß es heißen ‘bittere Pille für den Mittelstand, der jetzt sehen muß, wie er seine verunschönten Bilanzen wieder in den Griff kriegt, von dem bürokratischen Aufwand der Dokumentationspflicht erstmal gar nicht zu reden; sollen wir jetzt etwa zusätzliche Leute einstellen?’. Alles andere hingegen – 1. Ohoven ist Mittelstandspräsident, 2. er hat mit dem Handelsblatt gesprochen – stimmt. Und das hier: “Als Konsequenz daraus forderte der Unternehmer die Bundesregierung auf, den „hyperbürokratischen“ Mindestlohn im Sinne der mittelständischen Unternehmen „erheblich“ nachzubessern. Das betreffe besonders die Dokumentationspflichten.” Stimmt wahrscheinlich auch.

Ist allerdings Quatsch. Wenn die Dokumentationspflicht eine solch drückende Last ist, wüßte ich, wie man sie ganz unbürokratisch leichter machen könnte: man schaffe sie ab. Jedem Mittelständler sei es freigestellt, zu dokumentieren, wieviel die Mitarbeiter arbeiten und wieviel Geld sie bekommen, oder es bleibenzulassen.

Wenn allerdings ein Mitarbeiter Klage führt, daß er noch Lohn zu bekommen habe, so soll auch ihm die Nachweispflicht erlassen sein. Statt dessen soll der Mittelständler den Anspruch der Sache und der Höhe nach anerkennen und ohne rumzuzicken zahlen, und zwar ein bißchen subito!

Oder aber in den Schuldturm wandern.

Will ein Mittelständler das nicht haben, sei es, weil er nicht übers Ohr gehauen werden will, sei es, weil er keinen Bock auf Wasser und Brot, feuchte Mauern, Stroh, Ungeziefer und Ratten hat, ei, so gehe er hin und entwickle er ein gescheites Dokumentationswesen, er innovativer Mittelstand, er! Das wird ja wohl so schwer nicht sein! Es müßte zuverlässig funktionieren, einfach zu bedienen sein, wasserdicht, und keinen Betrug zulassen. Keine Rechentricks! Wo eine Stunde plötzlich 90 Minuten hat, oder 48,27 % die Mehrheit von irgendwas sind, das Weihnachtsgeld plötzlich futsch ist, und Überstundenkonten auf mysteriöse Weise undicht werden. So nicht! Er könnte sich das patentieren lassen, und alle Mittelständler müßten ihm Lizenzgebühren zahlen. Und täten es gerne! Denn sie möchten den Mindestlohn ja zahlen. Sie lieben ihre Mitarbeiter und quellen über vor Fürsorge. Sie haben bloß Schiß vor der Bürokratie. – Auf geht’s! Privat vor Staat! Die großen Fortschritte der Zivilisation, ob in Architektur oder Malerei, in Wissenschaft oder Literatur, in Industrie oder Landwirtschaft, in Bürokratie oder Dokumentationswesen sind niemalen nicht vom Staate ausgegangen! Der Unternehmer ist der bessere Unternehmer! Zeigt es ihm!

Zusammengefaßt: Eine Mehrheit der mittelständischen Unternehmen (44 %) lehnt den Mindestlohn als solchen nicht ab. 41 % – das sind knapp zwei Drittel von ihnen, haben schon immer ‘Lohn’ gezahlt und wollen es auch weiterhin tun. Sie sperren sich nur gegen das ‘Mindest’. Eine Minderheit (53 %) unter den 25- bis 34-jährigen Unions-Wählern (48,27 %) ist allerdings der Meinung, daß Lohnbuchhaltung für den Mittelständler ein ‘hyperbürokratisches Monster’ sei. Bei einem Mindestlohn in Höhe von 8 Euro 50 lohne sie sich außerdem nicht, da es für den Schwachlohnempfänger ohnehin unerheblich sei, ob das bißchen Geld tatsächlich fließe.

Mad

Der Parteisprecher der AfD und Alfred-E.-Neumann-Impersonator, ehemaliger Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, einer Institution, die bekannt ist für den hohen Anteil an Terroristen und AfD-Parteisprechern unter ihren ehemaligen Stipendiaten, der Wirtschaftsprofessor und Abgeordnete im Europäischen Parlament Bernd Lucke, hat von seinen präsumtiven Wählern – zu Recht – keine besonders hohe Meinung, jedenfalls keine so hohe Meinung wie die, die er – zu Unrecht – von sich selbst hat.

Für beides spricht, daß Lucke auf dem Landesparteitag seiner Partei in NRW wie folgt in den Saal hineingerufen haben soll:

„Ich finde, wir sollten verlangen, dass Menschen, die in Deutschland öffentlich predigen, ein Bekenntnis zum Grundgesetz und insbesondere zu den Grundrechten unterschreiben müssen“.

Woraufhin es jubelnd aus demselben herausscholl.

Ich finde, wir können von einem Landesparteitag nicht verlangen, daß die Leute, die laut dem Grundgesetz, auf das sie Andere verpflichten wollen, zur politischen Willensbildung beitragen sollen, auch nur für zweieinhalb Cent – Verzeihung: für fünf Pfennig – Sachverstand in Dingen der Gesetzgeberei haben. Sie werden ja höchstens früher oder später über diese Gesetze abstimmen müssen, und abstimmen kann man natürlich, ohne sie gelesen oder begriffen zu haben.

Aber gilt das auch für Professoren? – Ich denke ja! – Wir müssen schließlich berücksichtigen, daß Lucke nicht Jurist oder Naturwissenschaftler ist, oder meinetwegen ein Sterndeuter, sondern Wirtschaftswissenschaftler. Eine Wissenschaft, die mit Stöckern in trüber Brühe herumstochert, wie jener Bergmann, der mit dem Stock im Abortkübel herumrührte, in den seine alte Jacke gefallen war, die er wiederhaben wollte. Weil doch sein Butterbrot noch in der Jackentasche steckte. So auch der WiWi: was er aus dem Trüben fischt, verkauft er uns als Gesetzmäßigkeit, und wünscht uns noch guten Appetit dazu: “Freßt oder sterbt!” Dabei ist es bloß Scheiße.

Aber das muß ein Makroökonom nicht wissen. Sind die Wirtschaftswissenschaften doch nur ein Teil der Gesellschaftswissenschaften, und zwar der Teil, den man nach langem Stochern wiedergefunden hat, nachdem sie in den Kübel gefallen waren. Natur- und Rechtswissenschaftler – oder meinethalben die Sterndeuter – jedoch wissen es, und sie wissen auch, daß bei allen Unterschieden zwischen Naturgesetzen und positivem Recht doch folgende Gemeinsamkeit festzuhalten ist: Der Konjunktiv hat im Gesetzestext nichts zu suchen! Oder sagen wir: der Konjunktiv sollte dort nichts zu suchen haben. Man kann schließlich nicht sagen: die Energie sollte, wenn es geht, gleich sein dem Produkt aus Masse und Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat. Und man kann auch nicht sagen: Du solltest, nach Möglichkeit, keine anderen Götter haben neben mir. Kann man nicht machen. Sollte man jedenfalls nicht machen.

Schön, Lucke kann das nicht wissen und sagt daher: wir sollten. Aber was? Was sollten wir? – Schaun wir’s an: Ist das wenigstens eines Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes würdig? – Warum nicht? Schon mancher von denen ist später im richtigen Leben Clown geworden:

verlangen, dass Menschen, die in Deutschland öffentlich predigen, ein Bekenntnis zum Grundgesetz und insbesondere zu den Grundrechten unterschreiben müssen

Gut. Verlangen, daß sie es müssen. Sollten wir. Aber was man verlangt, und was man kriegt, das sind zwei unterschiedliche Dinge, das sollte auch ein wiwiwi – hoppla! nicht so hastig! – das sollte auch ein WiWi wissen. Was, wenn sie es nicht tun? Die öffentlichen Prediger, meine ich, nicht die WiWis. Wenn sie es nicht unterschreiben? Was dann? Schließen wir sie dann krumm?

Jemand, der diese Regeln nicht respektieren will, hat alle Freiheiten, das Land auch wieder zu verlassen.

Aha. – Aber: die Freiheit hat er jetzt schon. Insofern hat er keinen Nachteil gegenüber Lucke, der das Land auch jederzeit verlassen darf. Aber was heißt, wieder verlassen? Wenn ich Pfarrer Beffchen einen Zettel hinhalte, damit er sein Bekenntnis zum Grundgesetz unterschreibt, und Beffchen tippt sich bloß an die Stirn, oder streckt mir die Zunge raus, oder hält mir seinerseits einen Wisch hin, damit ich mich zu den zehn Geboten bekenne, was dann? Ich kann ihn doch nicht rausschmeißen. Das Grundgesetz, zu dem er sich bekennen soll, verbietet, ihn auszuweisen (Artikel 16). Ausländer? – Beffchen ist kein Ausländer. Der ist von hier. Der war noch nie weg. Außer, daß er sich mit den Konfirmanden irgendwo rumtreibt. Beffchen ist altes Käsdorfer Urgestein, so wie sein Sandsteinkirchlein auch, und er predigt Ihnen ein Ohr ab, wenn Sie nicht aufpassen. Zwei Ohren. Öffentlich. Auf dem Markt. Bei Rewe am Käsetresen. Da braucht der keine Kanzel für.

? – Ja, aber von Ausländern war keine Rede. Von öffentlich predigen war die Rede. – ? – So, nicht gemeint! – Ja, aber man sollte in Gesetzgebungsdingen schon sagen, was man meint. Bei den Wirtschaftswissenschaften kommt es vielleicht nicht so darauf an. Da kann man ruhig mal behaupten, durch Privatisierung von allem und jedem werde alles besser werden, und dann, wenn man alles und jedes privatisiert hat, und alles schlechter geworden ist, kann man sich immer noch ausdenken, warum. Und sagen, das liege wahrscheinlich daran, daß man nicht genug privatisiert habe, oder zu halbherzig, oder das Falsche, oder in der falschen Reihenfolge, oder zu spät, oder zu früh, oder zuviel. Es spielt keine Rolle, denn es handelt sich ja nur um Sterndeuterei. Aber bei der Gesetzgebung sollte man schon hin und wieder mal darauf achten, was man sagt. Dann muß man eben präziser formulieren, z.B. so: “‘Menschen’ – im Sinne dieser Predigt, pardon, im Sinne dieses Gesetzes -’, die in Deutschland öffentlich predigen’, das sind Menschen, die in Deutschland öffentlich predigen, und für die der Artikel 16 des Grundgesetzes nicht gilt. Wenn sie öffentlich predigen, und der Artikel 16 des Grundgesetzes trotzdem für sie gilt, wie es etwa bei Sven Lau oder Pierre Vogel oder Bernd Lucke der Fall ist, dann sind sie auch keine Menschen im Sinne dieses Gesetzes. Dann kann man sie auch nicht ausweisen, leider. Dann kann man ihnen noch nicht einmal das Predigen untersagen, leiderleiderleider. Denn die Artikel 2 (Freie Entfaltung der Persönlichkeit), 4 (Glaubens- und Religionsfreiheit) und 7 (Recht auf Erteilung von Religionsunterricht) des Grundgesetzes, im Verein mit den Artikeln 8 (Versammlungsfreiheit), 11 (Freizügigkeit im Bundesgebiet) und 12 (Freiheit der Berufswahl) gelten leider auch für die, die sie mit Füßen getreten sehen wollen. Das ist ein bißchen schade, aber es ist so.”

Manche Juristenpuristen werden mir hier widersprechen und darauf hinweisen, daß solche, ein Werturteil oder einen emotionalen Zustand transportierenden prädikativen Adjektivphrasen (“ein bißchen schade”) in einem Gesetzestext nichts verloren hätten, aber ich sehe das nicht so streng. In meinen Gesetzeskommentaren sollten auch die Emotionen zu ihrem Recht kommen. Ich fände es schade, wenn es anders wäre. Es macht die ansonsten doch recht trockene Materie, mit ihren ganzen Definitionen und Abgrenzungen und Hastdunichtgesehen etwas leichter verdaulich. Denn wir sind ja noch lange nicht fertig. wir müssen noch definieren, was ‘predigen’ im Sinne des Gesetzes und was ‘öffentlich’ im Sinne des Gesetzes ist. Ist ‘öffentlich’ zum Beispiel immer dann, wenn die GEMA Gebühren erhebt? Dann ist praktisch alles öffentlich. Was, wenn ich einen “Verein zur Beschimpfung des GG” gründen will. Nicht, daß ich das vorhätte, aber es wird in Deutschland doch wohl noch erlaubt sein, einen solchen Verein zu gründen! Müßte der immer hinter verschlossenen Türen tagen, oder ginge das auch im Pilgrimhaus in Ordnung? Mit der Begründung: “Wir predigen ja nicht, wir schimpfen ja nur”?

Und dann das Tückischste überhaupt: was ist denn das, ein Bekenntnis? Juristisch gesehen? Das letzte Mal, daß man mich zu einem Bekenntnis samt Unterschrift nötigen wollte, das war vor 30 Jahren, als ich im Affekt eine junge Unterschriftensammlerin erschlagen hatte und anschließend 25 Jahre ins Gefängnis mußte. Sie wollte meine Seele. Nein, meine Unterschrift. Und zwar unter dem Bekenntnis, es zu befürworten, daß Taxifahrer lange Haare haben dürfen sollten. Es gibt einiges, was mich weniger interessiert als die Haarlänge von Taxifahrern und ob sie sich damit strafbar machen, aber es ist nicht viel. Das allermeiste geht mir sehr viel näher. Z.B., ob mir einer idiotische Unterschriftenlisten unter die Nase hält. – 25 Jahre! – Wir haben uns dann, wegen êxcellenter Führung meinerseits und mildernder Umstände – deren allermilderndster war, daß ich sie gar nicht gekriegt, sondern nur durch die nächtliche Nordstadt und zum Schluß samt Unterschriftenlistenpacken auf einen Baum gejagt hatte – auf einen Freispruch geeinigt, aber die 25 Jahre sind jetzt trotzdem weg. 25 Jahre, in denen ich mir von Mädels immer erst einmal den Personalausweis habe zeigen lassen, ehe ich mit ihnen redete. Um sicher zu sein, daß sie aus dem Alter gesteigertern Bekennerfurors raus waren. So ein Affekt ist ja nicht von heute auf morgen vorbei. Der hält sich eine Weile. Nicht, daß ich doch nochmal eine erschlug; ich war schließlich auf Bewährung.

Aber mal angenommen, ich würde diese Bekennerunterschrift geleistet haben: wozu hätte ich mich denn dadurch verpflichtet? Wenn ich nun einen Verein gegründet haben würde zu dem Zweck, Taxifahrern – allen Taxifahrern, notfalls mit Gewalt – einen Façonschnitt zu applizieren, was wäre mir passiert? Nicht, daß ich das vergehabt hätte, aber es muß in Deutschland doch wohl noch erlaubt sein, Taxifahrern vorzuschreiben, wie sie rumzulaufen haben. – ? – Nicht erlaubt? Grundgesetz? Freie Entfaltung der Persönlichkeit? – Dann möchte ich mal wissen, wieso die Angestellten beim Systemgastronomen meines Mißtrauens alle gleich aussehen? Die zwingt doch einer dazu! So läuft doch keiner freiwillig rum! Vielleicht sollte man die Damen und Herren Franchisenehmer mal das eine oder andere Bekenntnis unterschreiben lassen, was meinen Sie, Herr Makroökonom E. Lucke!?

Worauf ich hinauswill: wer will denn kontrollieren, ob ich meinem Bekenntnis entsprechend auch lebe? Wenn man es mir einmal abgepreßt hat? Und selbst, wenn man mich noch überwachen könnte: wer soll denn bitteschön “alle, die in Deutschland öffentlich predigen” kontrollieren? Sollen wir Spitzel in jede Predigt schicken? Wieviele bräuchten wir denn da? Und wieviele würden wir auf die Beine bringen? Rechne niemand auf mich! Beffchen hat mir mal erzählt, als wir uns bei Rewe am Käsetresen trafen, daß er hin und wieder alleine in der Kirche ist. Dann singt er die Lieder, und der Kantor spielt die Orgel, und sie beten ein bißchen, und dann gehen sie nach Hause, und Beffchen veröffentlich die Predigt auf Facebook und twittert die Topthese in alle Welt hinaus. Frage: was, wenn das alle so machen? Müßten wir da nicht auch Spitzel auf Facebook und Twitter haben? Und haben wir die nicht sowieso?

Jedenfalls will ich nicht als einziger in Beffchens Sandsteinkirchlein sitzen und mich bepredigen lassen. Beffchen ist nicht doof. Der kennt mich und riecht sofort Lunte. Ich bin nämlich durch mit Predigern, und Beffchen weiß das, denn ich habe ihm folgendes vorgerechnet – es war nicht am Käsetresen, sondern am Flaschenrückgabeautomaten, wo es mal wieder länger dauerte, aber auch bei Rewe -: von den Lutherischen besuchen noch knapp vier Prozent den Gottesdienst. Das Leben des Menschen aber währet 70 bis 80 Jahre, das entspricht, sagen wir mal, 4.000 Sonntagen. Vier Prozent von 4.000 sind 160. 104 Gottesdienste habe ich während meiner Konfirmandenzeit abgesessen, belegt mit Stempelkarten, dazu etliche Dutzend Kinder- und ungezählte Schulgottesdienste. Den Rest sammle ich bei Gelegenheit, wenn mal wieder wo geheiratet oder ein Neffe getauft oder eine Nichte eingeschult werden muß. Will sagen: ich habe meine 160 Predigten locker in der Tasche. Mit jeder weiteren würde ich die Statistik der Evangelen schönen, und das als Dissident! Das kann keiner verlangen.

Aber selbst, wenn wir rauskriegen würden, daß uns einer geleimt hat, einer, der es gewohnt ist zu sagen: “ich will nicht wissen, was ich unterschreiben soll, ich will nur wissen, wo ich unterschreiben soll”, wenn uns so einer das Bekenntnis unterschreibt, und dann munter weiterpredigt, wie es ihm gerade in den Sinn kommt, und wir würden ihn bespitzeln und wir würden ihn erwischen, wie er etwa predigen würde: “Ja, Eigentum verpflichtet! Das ist sehr schön gesagt. Es verpflichtet. Aber wen verpflichtet es, und zu was? Das ist doch die Frage. Es kann ja wohl nicht den Eigentümer verpflichten. Es verpflichte vielmehr den Franchisenehmer! Er sorge dafür, daß der Umsatz stimmt, Miete und Werbekosten pünktlich rüberwachsen, und daß das Erscheinungsbild der Mitarbeiter dem Imagestandard entspricht. Façonschnitt bitte! Seine Persönlichkeit kann einer woanders entfalten. Keine sichtbaren Tattoos, keine Piercings. Außer am Arsch, wo sie nicht stören. Zum Sitzen soll er die Leute schließlich nicht einstellen. Keine Stühle, keine Bänke, kein Betriebsrat! Nicht zuviele Toiletten, die werden bloß benutzt, wenn sie einmal da sind. Kein Gemöhre darüber, daß sie im Zug stehen, und es im Winter unter null ist. Natürlich ist es im Winter unter null, ist ja Winter. Dafür ist es im Sommer über dreißig, das gleicht sich aus. Harzer gerne, aber keine mit Rücken oder Krampfadern, wir sind nicht die AOK. Keine alten Weiber, die die Kundschaft vergraulen. Ausländer ja, aber nur gewaschen. Kein Viehzeug, kein Dreckspack, kein Gelumpe.” – was dann? Unterschrieben hat er, bekannt hat er sich, und jetzt hat er gepredigt, wobei er unser vornehmstes, allerunantastbarstes Grundrecht, die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, der Antastung überantwortet hat. Was nun? Belangen wir ihn wegen Betrugs?

Jemand, der diese Regeln nicht respektieren will, hat alle Freiheiten, das Land auch wieder zu verlassen.

Ja, aber das ist eine Kann-Bestimmung. Angenommen er geht einfach nicht, kann er dann einfach weiterpredigen? Oder wird das dann geübt, mit der Unterschrift, und zwar solange, bis es klappt? – Überhaupt – was ist mit denen, die unterschreiben wollen, aber nicht können? Genügt es, wenn die drei Kreuze machen? Oder – um nicht ungebührlichen Euro-Zentrismus’ geziehen zu werden; das möchte Lucke am Ende nicht recht sei, der hat etwas gegen den Euro – gegebenenfalls drei Halbmonde? Oder doch lieber drei Kreuze, wegen Leitkultur und Abendland und pipapo? Z.B. Analphabeten: wer liest ihnen das Grundgesetz vor? Lucke? Hat der Zeit für sowas? Wenigstens die Grundrechte? – Und was ist mit denen, die lesen können, aber nicht schreiben? Kann ja sein, man hat einem die Hände abgehackt, wegen Tempeldiebstahls, es soll ja so Gegenden geben. Und dann hat er plötzlich das Licht gesehen und ist ein wortmächtiger Prediger geworden. Und nun will er bei uns predigen, und wir können ihm nicht einmal den Daumenabdruck nehmen, sonst könnte er sein Bekenntnis zum Grundgesetz mit seinem Daumenabdruck bestätigen.

Mir scheint, Lucke hat seine Idee nicht restlos zuende gedacht. Aus welchem Kübel hat er sie?

Nun bleiben genau zwei Möglichkeiten übrig – beziehungsweise, es bleiben natürlich sehr viel mehr Möglichkeiten übrig. Ich vertraue allerdings darauf, daß meine Leserschaft schon nicht so auf dem Quivive sein wird, das zu bemerken. Oder nicht so korinthenkackerisch veranlagt, das zu bemängeln. Für den Fall, daß aber doch, will ich den Satz vorsichtshalber umformulieren: es bleiben nun jede Menge Möglichkeiten übrig, sagen wir mal Stücker – ungefähr jedenfalls – zwei, nämlich a): Lucke ist nicht ganz richtig im Kopf, die Studienstiftung sollte ihr Geld zurückverlangen, und b): Lucke hält seine Wähler für genauso dämlich wie seine Parteibasis in NRW, die diesem Unsinn begeisterten Beifall gezollt hat.

Eine der vielen weiteren Möglichkeiten, von denen ich eben sprach, wäre zum Beispiel diese: beides ist richtig. Die vierte: ich bin bekloppt. Ich muß bekloppt sein, wenn ich den Quatsch auch nur für fünf – na, zweieinhalb – Cent ernst nehme.

Ach, man müßte dreißig Jahre jünger sein und die Energie und Spannkraft haben, diesen Mad-Man mitsamt seinen Unterschriftsflausen durch die nachtdunklen Straßen und auf den nächsten Baum zu scheuchen! Einen mildernderen Umstand als den gibt es ja gar nicht.

Morton Stein

Vom Älterwerden

Harold Morton Stein wird älter. Das kann er nicht unkolumniert lassen, und das wird er nicht unkolumniert lassen. Da hätte das Alter eben besser aufpassen müssen, mit wem es sich anlegt.

Ich bin ja leider alt genug, mich an die Zeit zu erinnern, als eine außerparlamentarische Opposition bei uns herummarschierte. Das ist lange her. 47 Jahre. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als es 47 Jahre her war, daß die Welt mich erblickte und einen verblüfften Moment lang innehielt. Das ist auch schon lange her. Daß ich 47 war, meine ich. 15 Jahre. Ich bin nämlich 53 – Jahrgang 53. Wenn man 47 zu 53 addiert, ergibt das 2000, weniger 32, das ist 2 hoch 5, macht 1968. Damals war ich 15. Der Jahrgang 52 war schon 16, 2 hoch 4, und durfte in der Öffentlichkeit rauchen und ohne Begleitung Erwachsener Lokale aufsuchen. So war das damals. Ich gehörte noch nicht richtig dazu, hatte aber schon lange Haare. Die Jahrgänge 54 aufwärts trugen die Haare noch wie die Hitlerjugend.

Die großen Jungens waren damals auch alle schon Kommunisten. Wir wollten auch Kommunisten sein, und liefen ‘Dubček! Svoboda! Dubček! Svoboda!’ schreiend über den Schulhof. Ein großer Junge verwies uns das, weil wir doch gar nicht wüßten, was wir da eigentlich schrien. Wir sollten lieber ‘Haut se, haut se, immer in die Schnauze!’ schreien. Ich habe mir das gemerkt, und bin dann später extra Kommunist geworden.

Wenn ich heute die außerparlamentarische Opposition von rechts ‘Haut se, haut se, immer in die Schnauze!’ schreien höre, kommen mir alle die Parallelen zu früher in den Sinn, und die Augen werden mir zwar nicht feucht, aber ich muß ein bißchen zwinkern. Es sind auffällige Parallelen, wie mein Kolumnistenkollege vom Tagesspiegel schreibt, und er hat recht, denn sie verlaufen die Kreuz und die Quer, schneiden sich und bilden veritable Knäuel, aber das macht nichts. Dem leicht verschleiertem Blick dessen, der zwinkern muß, stellen sie sich als ausreichend parallel dar.

Da ist zum Beispiel der Altersdurchschnitt: die 68er waren im Schnitt ein paar Jahre älter als ich. Aus denen konnte im Lauf der Zeit noch alles werden. Ist es auch geworden: Politiker, Kolumnisten, Verbrecher. Die Pegidaleute sind im Schnitt ein paar Jahre jünger als ich. Ungefähr so alt wie der durchschnittliche Passatkäufer (Limousine). Da kommt ein Haufen Lebenserfahrung zusammen, bei 15.000 Passatkäufern. Aus den unterschiedlichsten Erfahrungswelten: Politik, Journalismus, Verbrechen. Da hat sich also im Prinzip nicht viel geändert, außer daß ich sozusagen die Seiten gewechselt habe. Aber haben wir das nicht alle? Wer von uns ist denn heute noch in der DKP? Und da haben wir schon die nächste Parallele: mein erster Parteivorsitzender hieß auch Bachmann, wie der Oberpegide. Vielleicht ist er heute noch in der DKP, ich bin es nicht.

Zum anderen ist da die Angst, die uns eint: wir alle hatten damals Angst vor Weihnachten, Angst vor der Familienfeier mit den Eltern, Angst vor der hundertsten Erzählung von Heiligabend im Bunker, von der russischen Familie, die auf dem Ofen schlief, und den gefrorenen Scheißhaufen neben dem Bahnhof, der immer höher wurde, und in dessen Mitte ein Stock stak, an dem man sich festhalten konnte. Die konservative Apo heute hat auch ihre Ängste: sie fürchtet sich davor, daß man ihr die Weihnachtsmärkte in Zukunft in Wintermärkte umtauft. Ich finde das verständlich, ich finde, sie sollen ruhig weiter Weihnachtsmärkte heißen. Wir nennen ein etwas schlichtes Gemüt ja auch nicht Wintermann, sondern Weihnachtsmann. Die sonderbare Idee kommt natürlich aus Amerika, und das ist das dritte, was uns eint: Amerika geht gar nicht. Amerika ging damals schon nicht und geht auch heute nicht. Damals war es Napalm, heute ist es Chlorhuhn.

Dann hatten wir Kommunisten den Krieg gegen Amerika gewonnen hatten, und hatten Zeit, uns bei unseren Landsleuten ein bißchen lieb Kind zu machen. Wir verkauften damals Winterbäume vom Treckeranhänger, also Tannenbäume. Weihnachtsbäume. Zu Dumpingpreisen, um dem Kapitalismus den entscheidenden Schlag zu versetzen. Spötter nannten die DKP daraufhin Weihnachtsmann-Partei. Das war nicht nett, aber auch nicht ganz falsch. Wir waren ja wirklich etwas blauäugig. Der Kapitalismus hat den Knuff nicht einmal wahrgenommen. Im vorangegangenen Herbst hatten wir Kartoffeln verkauft, auch vom Treckeranhänger herab und auch zu Dumpingpreisen. Auch den Knuff hat der Kapitalismus ohne Zucken weggesteckt. Und während wir Weihnachtsbäume verkauften, holte Ernst Albrecht Vietnamesen ins Land, die vor den Kommunisten in Vietnam wegliefen. Das war nett von ihm, aber nicht nett gemeint, denn er tat das nur, um uns zu ärgern. Jedenfalls glaubten wir das damals. Und darum haben wir uns nicht sehr höflich über die vietnamesischen Flüchtlinge geäußert: Auswanderer mit niederen Motiven, Ami-Nutten, Schieber- und Schmarotzer-Typen, solche Sachen. Während die aufrechten Genossen, die chilenischen Folterknästen entkommen waren, lange auf Albrechts Fußmatte um Asyl betteln mußten, ehe er sie hineinließ.

Sagen wir so: sowohl er, als auch wir, haben damals die Flüchtlinge mißbraucht, um ein politisch Süpplein auf deren Rücken zu kochen. Mit Esbit-Kochern. Dabei waren ja eigentlich die Amerikaner schuld, sowohl an Vietnam, als auch an Chile. Und ein bißchen auch der Kapitalismus.

Wenn ich die APO von rechts heute über Kriegsflüchtlinge, Asylsuchende und Menschen, die um ihr Leben fürchten, herziehen höre, wenn sie von Wirtschaftsflüchtlingen reden und über Asylindustrie klagen, dann schießt mir zwar nicht die Schamesröte ins Gesicht, das nicht, aber ich muß schlucken. Und dann ist es so, als ginge mir einer mit Schmirgelpapier über das Rückenmark, und ich kriege heiße Backen, und mein Puls wird etwas schneller. In den Schläfen pocht es, und mir ist, als ob ich vor mir selber weglaufen wollte. Aber wohin?

Ein bißchen Nostalgie ist wohl auch dabei. Es war doch auch schön, damals, in der Weihnachtsmann-Partei. Auf dem Kartoffelanhänger. Im roten Oktober. Trotz alledem. Und wenn es dann vorbei ist, dann wird mir milde zumut, und ich werde nachsichtig mit ihnen und denke: sie sind doch noch so jung! Der durchschnittliche Passatkäufer (Limousine, Neuwagen) ist erst 58. Es ist lange her, daß ich 58 war. Vier Jahre, das sind 2 hoch 2. Auch sie werden eines fernen Tages anders darüber denken.

Und so ein bißchen recht haben sie ja auch, gebt es zu. Daß die Amerikaner schuld an den Flüchtlingen sind, zum Beispiel, wegen der ganzen Kriege. Und jetzt auch noch der Krieg gegen die Weihnachstmärkte.

Aber sie werden den ‘War on Christmas’ nicht gewinnen, sage ich zu Ilse. Die Amerikaner haben eigentlich noch nie einen Krieg gewonnen. Der Koreakrieg zum Beispiel, in dem, sage ich zu Ilse, die Waffen seit just dem Monat schweigen, in dem die Welt mich zum ersten Mal erblickte, sei bis heute nicht nur nicht gewonnen, sondern formal nicht einmal zuende.

Und Ilse bekommt wieder diesen gehetzten Blick, und das Blut schießt ihr in die Wangen, und sie bewegt die Schultern, als sei ihr unbehaglich, als ginge ihr einer mit Schmirgelpapier über’s Mark, und ihre Lippen beben und sie flüstert: “Dir bleibt immer noch Paris, Ilse. Dir bleibt immer noch Paris.”

Unglaublich, wofür hierzulande Forschungsgelder verplempert werden!

Studie der TU Dresden findet heraus: Pegidaner sind Idioten

Die Technische Universität Dresden hat einen Haufen Steuerzahlergeld zum Fenster hinausgeworfen, nur um herauszufinden, was jeder weiß: daß nämlich die Teilnehmer an den montäglichen Abendspaziergängen, sowie deren Sympathisanten, von den Vereinsmitgliedern des Vereins Pegida erst gar nicht zu reden, Narren, Deliranten und Vollkretins sind.

Ein Wissenschaftlerteam um den Politikwissenschaftler Professor Hans Vorländer hat am Mittwoch erste Untersuchungen zum “Phänomen Pegida” (Presse) vorgestellt. Es hat 400 Pegida-Teilnehmer an drei Montagen um den Jahreswechsel herum befragt. Laut Vorländer war es nicht einfach, überhaupt 400 Gesprächspartner zu finden. Von sieben Befragten waren zwei nicht bereit, etwas zu sagen, einer nicht in der Lage, einer unartikuliert, einer des Deutschen weitestgehend unmächtig, einer sagte nur, wiederholt, so als habe er sofort wieder vergessen, daß er es doch schon gesagt hatte: “Alles Scheiße, Deine Elli!” und der verbleibende repräsentative Rest war

  • 48 Jahre alt,
  • männlich,
  • entstammt der Mittelschicht,
  • lebt in Dresden oder Umgebung,
  • gehört keiner Kirche an,
  • keiner Partei,
  • hat Arbeit,
  • ist gut ausgebildet und
  • ist ein Idiot.

Beweis? Wieso Beweis? – Habe ich das nicht gerade ausgeführt? Eben gerade!? Hier steht es doch noch! Ist denn alles für die Katz, was ich hier schreibe? Wozu mache ich mir eigentlich die Mühe? Bin denn ich hier der Tor, oder wer?

Außerdem nimmt der Pegidat an den Dresdner Montagabendspaziergängen teil. Auch das ist ein starkes Indiz dafür, daß er zumindest ein Trottel ist.

Die Wissenschaftler haben herausgefunden, daß der durchschnittliche Pegidamensch nicht imstande ist, einen Eimer Wasser umzukippen, nicht imstande, ein Loch in den Schnee zu pissen, und nicht imstande, aus dem Bus zu kucken. Wenn, so die Wissenschaftler – was nicht der Fall sei, Dummheit wirke im Gegenteil auf die meisten Menschen sedierend und schmerzbefreiend -, wenn also, gesetzt den Fall, daß es so wäre, Dummheit weh tun würde, dann würde Dresden vom Schmerzgeheul der Pegidanten nur so widerhallen. Allerdings ist in Dresden, um Dresden und um Dresden herum ein ständiges niederfrequentes Brummen zu vernehmen, das von den Pegidackeln, respektive deren Dummheit herrührt. Fast alle werden regelmäßig von Schweinen gebissen. 13 von 100 Befragten sind schon einmal – teilweise mehrfach – mit Bußgeld belegt worden, weil sie die von der Polizei erlaubten Dummheitswerte um etliche 100 Prozent überschritten hatten, elf waren zu dumm, ins Tütchen zu pusten, und der Rest hatte jene Sorte Glück, die mit die Doofen ist, und ist noch nie kontrolliert worden. Die Hälfte von ihnen bringt dem Hund die Zeitung, die andere Hälfte lehnt das ab, weil in der Zeitung angeblich nur Lügen stehen. Die wollen sie dem Hund ersparen.

Allesamt sind sie so dumm, daß die Wissenschaftler, die sie interviewen mußten, anschließend über Schmerzen klagten. Sie sind dumm wie Brot, dümmer als Brot. Bei zwei Vergleichstests – ein Gruppe von Wissenschaftlern hatte Brot interviewt, eine weitere Bohnenstroh, landete das Brot mit seinen vergleichsweise vernünftigen Ansichten auf Platz eins, das Bohnenstroh hatte nicht geantwortet und qualifizierte sich damit immerhin für den zweiten Platz. Weit dahinter, sehr weit, etwa da, wo die Skala anfängt, nach unten offen zu sein, folgen abgeschlagen die Pegidachse.

Ein mit Pegida sympathisierender Landwirt wurde unlängst von einer Rotte festkochender Kartoffeln – seine eigenen – erschlagen. Die Kartoffeln – allesamt vom Kaliber krankhaft vergrößerter Kürbisse – waren ins Rutschen geraten, als der Mann die Lagerscheune betreten hatte, und hatten ihren Herrn unter sich begraben.

Klosprüche und Kongeniales

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen. Andererseits bliebe ihnen aber auch dieser Unfug hier erspart. – Mmh! – Sagen wir remis?

Die Zugehörigkeit zum kulinarischen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als darin, die Raffinesse der Zubereitung eines Mahles zu würdigen, dessen Ingredienzen hauptsächlich Unflat und Kehricht sind.

Der Spatz liebt es, den Falken darauf hinzuweisen, daß die Gans größer ist als er. Und nicht so rasch gerupft.

Eine Frau, die sich morgens zurechtmacht, tut mehr für die Kultur ihres Landes als deren sämtliche Funktionäre. Und der Rentner, der sich morgens die Zähne einsetzt, mehr als die gesamte FOCUS-Redaktion.

Man erkennt die Plebs immer daran, für welche Zeitung sie zu schreiben bereit ist. Niemals am Zeilenhonorar.

Die meisten Ernst-Jünger-Gegner sind Typen, die sich beim Zahnarzt eine Spritze geben lassen. Etappenhengste. Die Jünger-Jünger hingegen sind notorisch Selbstverstümmler. Selbst in senkrecht stechender Sonne verzichten sie darauf, einen Hut zu tragen.

Die Leugnung der Willensfreiheit ist eine abstoßende Beleidigung all derer, die unter der Folter geschwiegen haben. Sie ist aber auch eine abstoßende Beleidigung aller Denunzianten. Ohne deren freien Willen hätte mancher gar keine Gelegenheit, unter der Folter zu schweigen.

Ich verachte den Feminismus nicht, weil er die Männer, sondern weil er die Grazien angreift. Anstatt ihnen unter den Rock zu greifen, wie es galant wäre, und wie es die Schlampen gern haben.

Sollten die Atheisten scheitern, werden Gläubige die von ihnen hinterlassenen Trümmer forträumen. Supervisiert werden werden sie dabei von Klügeren: nihilistischen Bekennern, die wissen, daß es reicht, wenn das Vieh glaubt. Schon der Mann an der Peitsche wird glauben dürfen, was er will.

Seit es die moderne Kunst gibt, hat die Laienkunst kein Betätigungsfeld mehr. Dem Laien bleibt nur noch die Aphterkunst des Aphorismus.

Auch bei den Homosexuellen gilt die allgemeine Tendenz: Es verschwinden die Wohlerzogenen, die ihre Sexualität diskret leben, und es mehrt sich der moderne Pöbel, der seine Kopulationsgepflogenheiten für ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz hält. Das aber ist der Unterschied: hier fehlt nur die Kinderstube. Dort fehlt neben der Wohlerzogenheit auch die Dankbarkeit dafür, im Winkel geduldet und nicht totgeschlagen zu werden.

Es ist lächerlich, einer Institution, die seit 2000 Jahren die Erbsünde predigt, Vorwürfe zu machen, wenn einer ihrer Repräsentanten gesündigt hat. So wie es auch lächerlich ist, einer Institution, die seit 1000 Jahren Enthaltsamkeit predigt, Vorwürfe zu machen, wenn ihre Repräsentanten sich als geile Böcke aufführen. Man nehme statt dessen den Stock und prügle die Repräsentanten windelweich.

Ein mit der Internet-Pornographie Aufgewachsener vermag sich das Antlitz einer Frau kaum mehr anders vorstellen als mit Spermaspritzern darin. Ein Zerrbild, das. Wohingegen die Vorstellung, die sich der Aufgewachsene aufgrund derselben Internet-Pornographie von dem maskulinen Gegenpart der Frau machen wird – permaerekt und wild herumwichsend – nicht stark vom positiven Selbstbild unserer Maskulisten und Männleinliteraten abweichen dürfte.

Es ist mittlerweile nahezu unmöglich, sich öffentlich anders als in einer Klage darüber zu äußern, daß man es anders nicht mehr kann.

Was für ein obskurer Drang, von den Problemen seiner Zeitgenossen auch noch in der Literatur behelligt werden zu wollen. Wozu schließlich gibt es den Aphorismus?

Kein noch so degeneriertes Adelsgeschlecht hätte Kretins hervorbringen können, wie sie heute in jedem Parlament anzutreffen sind. Auch die zu Guttenbergs nicht. Mithalten kann überhaupt nur der FOCUS.

Heidegger hat über den Wald nachgedacht.
Der Forstadjunkt auch.
Adorno dachte über die Probleme der Ameisen nach.
Der kluge Forstadjunkt auch.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Schwachsinn. Würdelos ist der Glaube aus Hoffnung auf das Paradies. Zwar würdig ist der Glaube, der nichts erhofft, er aber ist hoffnungslos.
Was bleibet, ist der Schwachsinn.