Verräter Kohl

Father, you left me but I never left you
I needed you but you didn’t need me
John Lennon, Mütterlein

Es sei nicht so sehr “kritische Zeugenschaft” gewesen, nicht Journalistenethos, nicht die Freude an der Chronistenpflicht und nicht die Gewissenhaftigkeit gegenüber dem Auftrag, das Gewesene der Nachwelt zu überliefern, sondern vielmehr die reine, unverstellte Pöbelhaftigkeit des Pöbels, die ihn an Ort und Stelle festgehalten hätte, schrieb Robert Gernhardt so oder ähnlich unter dem Titel “Des Pöbels Kern” in der Titanic – damals, als der Pöbel, wie es sich gehört, draußen vor der Frankfurter Oper sein Wesen trieb, und noch nicht, wie heute leider üblich, in der Oper. Irgendeine Dumpfbacke hatte sich damals ausgedacht, in der wiederaufgebauten Frankfurter Oper einen Opernball stattfinden zu lassen, als wär’s nicht Frankfurt, sondern Wien, und als schriebe man noch das Jahr 1815 und nicht 1982.

Es habe sich bei dem Ball um eine bewußte Provokation gehandelt, sagte die Dumpfbacke 20 Jahre danach, zwar keine Provokation um der Provokation willen, aber der Pöbel habe es so aufgefaßt und entsprechend reagiert. Gottseidank. Man würde Gernhardts Text nicht gerne missen. – Später im selben Jahr dann – der Verräter Genscher machte es möglich – zog jener Mann ins Kanzleramt, den wir damals alle unterschätzten – leider unterschätzten, muß man sagen, obwohl wir halb und halb entschuldigt sind: wußten wir denn, was wir an Kohl hatten? Wußten wir, wer dereinst auf ihn folgen sollte? Schröderächz und Merkelstöhn? – Wir wußten es nicht, wir konnten es nicht wissen. Und schon gar nichts wußten wir von der reinen, unverstellten Flegelhaftigkeit dieses Flegels, von der wir erst jetzt, 30 Jahr später – der Frankfurter Opernball ist ein Wrack, und Kohl sieht auch nicht mehr gesund aus – erfahren dürfen, und die uns mit reiner, unverstellter Schadenfreude erfüllt: kann ein Mann, der einen Friedrich Merz ein “politisches Kleinkind” nennt, einen Christian Wulff eine “Null”, kann ein solcher Mann ein ganz schlechter Mensch sein?

Er kann es nicht.

Apropos ‘kann es nicht‘:

Sie wettern gegen “journalistische Grabräuberei”: Die Allianz der Helmut-Kohl-Verteidiger ist so breit wie bunt. Klar springt die “Bild” dem Altkanzler bei. Aber auch die “Süddeutsche” und gar die “taz”… Was ist denn da los?

Da kann es einer nicht fassen.

Aber stimmt es denn auch, was er sagt? Eigentlich verteidigen die Leute doch gar nicht den Kohl, sondern sie rupfen den Schwan. Aber – und bei der Gelegenheit, weil oben von Journalistenethos die Rede war – wer fällt uns ein, wenn wir uns die vollkommene Abwesenheit von Ethos, Pflichtbewußtsein und Gewissen vorzustellen versuchen? Wer? – Na er.

Wer hätte gedacht, dass Helmut Kohl unter deutschen Journalisten einmal so viel Sympathie genießen würde. Seit man lesen kann, was sein ehemaliger Ghostwriter an Boshaftigkeiten auf Band aufgenommen hat, reißt die Kette derjenigen nicht ab, die finden, dass dem Altkanzler großes Unrecht geschieht, wenn nun alle Welt erfährt, wie er über andere Politiker denkt und dachte. Von “journalistischer Grabräuberei” ist die Rede und davon, dass der Presse durch solche Indiskretionen insgesamt Schaden entstehe, weil sich niemand mehr auf den Schutz des vertraulichen Wortes verlassen könne.

Es ist zweifellos ein Geheimnisverrat ersten Ranges, wenn man das, was einem im guten Glauben gesagt wurde, später unter die Leute bringt, um einen Bestseller zu landen. Aber dass ausgerechnet Journalisten diesen Umstand beklagen, ist doch einigermaßen verblüffend. Wenn es eine Branche gibt, die davon lebt, dass Leute Dinge ausplaudern, die sie eigentlich für sich behalten sollten, dann das Mediengewerbe.

Warum verblüfft es denn? Weil man nicht denken sollte, daß ein Journalist so weit denken kann? Sich nämlich auszurechnen – zwei Finger und noch mal zwei Finger macht zusammen vier Finger -, daß er in Zukunft wohl weniger vertrauliche Informationen zugesteckt bekommen dürfte, wenn er jeweils dazuschreibt, von wem er sie hat? – Nun, ich muß das Wort eines Journalisten gelten lassen. Wenn der es für verblüffend hält, wird er seine Gründe dafür haben. Ich bin ja keiner, weswegen ich auch nicht wissen kann, ob es bei denen vielleicht tatsächlich so ist, daß sie die meiste Sympathie für jene Leute haben, denen großes Unrecht geschehen ist. Kann ja sein. Glaube ich zwar nicht, aber wer bin ich schon? Ich allerdings habe Sympathie für Kohl, aber nicht deswegen, weil ihm so großes Unrecht widerführe, sondern desto mehr, je flegelhafter er über Merkel herzieht: “konnte nicht mit Messer uns Gabel essen”! Herrlich!

Womit er Merkel vermutlich großes Unrecht tut. Aber macht sie das etwa sympathischer? – Nö.

Wer in solchen historischen Dimensionen angekommen ist wie Kohl, kann nur noch bedingt darauf vertrauen, dass das, was er privat äußert, auch privat bleibt. Die Äußerungen eines Staatsmanns seiner Größe sind immer von Belang, selbst wenn es sich um abfällige Bemerkungen handelt. Aus gutem Grund ist schon Richard Nixon mit dem Versuch gescheitert, die Mitschnitte von seinen Gesprächen im Weißen Haus sperren zu lassen. Von den “Nixon-Tapes” und den auf ihnen überlieferten Ausfällen zehren die Historiker noch heute.

Ich weiß nicht, in welchen Dimensionen Kohl angekommen ist und ich weiß auch nicht, was historische Dimensionen sein sollen. Aber es genügt, meiner Meinung nach, daß einer im Bundeskanzleramt angekommen ist, um sicher zu sein, daß das, was er sagt, privat oder nicht privat, nicht privat bleiben wird. Ob es von Belang ist, was er sagt, was immer er sagt, sei dahingestellt. Wenn er zum Beispiel ruft, das Klopapier sei alle, und Frau Weber solle mal eine Rolle aus dem Kanzleramtsbesenschrank holen und ihm bringen und durch die Tür reichen. Glaube ich zwar nicht, daß das von Belang ist – außer für Frau Weber, die bestimmt gut daran getan hat, zu parieren, und zwar pronto -, aber ich bin sicher, daß es in den Archiven der Staatssicherheit gelandet ist. Von wannen es eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages ans Licht der Sonne kommen wird, wenn Kohl lange genug tot und bei mir die altersbedingte Makuladegeneration noch nicht allzuweit fortgeschritten sein wird.

Eine Machtmaschine, die alles niederwalzte

Noch überraschender als die Argumente, die bemüht werden, um den Vertrauensbruch zu geißeln, ist die Allianz, die sich zum Schutze des Altkanzlers zusammengefunden hat. Dass Kai Diekmann von der “Bild” sich für den greisen Kanzler in die Bresche wirft, verstehe ich. Das Verhältnis der beiden ging immer über das Journalistische hinaus. Kohl hat in Diekmann eine Art Ziehsohn gesehen, der “Bild”-Chefredakteur war einer der beiden Trauzeugen bei seiner zweiten Heirat.

Da die Argumente der Vertrauensbruchgeißler nicht überraschend sind, sondern rational, ist es nicht überraschend, daß “die Allianz, die sich zum Schutze des Altkanzlers zusammengefunden hat” “noch überraschender” ist. Ein ganz winzig kleines bißchen überraschend ist ja schon überraschender als nicht überraschend, und zwar um ein Vielfaches, ja Unendliches. Aber ist die Allianz überhaupt überraschend? Kann sie es sein? Ist es nicht in Wahrheit ihre Existenz, die uns überrascht, und nicht die Allianz als solche? Aber existiert sie überhaupt? Hatte ich nicht oben geschrieben, daß es nicht um die Verteidigung Kohls geht, sondern um die Verteidigung journalistischer Grundsätze und Gepflogenheiten, und zwar aus handfestem Eigeninteresse? Kann mal einer nachsehen, ob es weiter oben schon steht? Sonst schreibe ich es sicherheitshalber noch einmal hin. Und, ja: die Existenz einer Allianz, die nicht existiert, die wäre in der Tat überraschend.

Daß es einer verstehen kann, wenn Kai Diekmann, der Urinoberkellner der Pißpottpresse, dann, wenn es um seinen Buddy Kohl geht, plötzlich journalistisches Ethos entwickelt und Grundsätze einfordert, die er im Falle des Verräters Wulff, der Null, noch durch die Twitterspülung hat rauschen lassen, kann ich verstehen, denn das kann ich auch verstehen. Was ich nicht verstehe, ist, wie einer dasselbe der Kollegin von der Taz nicht zugestehen kann:

Aber ich hätte nie erwartet, auch aufrechte Kohl-Verächter wie Heribert Prantl oder die strenge “taz”-Vorsteherin Ines Pohl unter den Verteidigern zu finden. Keine Ahnung, was die Kollegen zu ihrem Einsatz treibt. Vielleicht hoffen sie bei der Gelegenheit, in einer Art Last-Minute-Bekehrung doch noch auf die richtige Seite der Geschichte zu kommen.

Es sei denn, er sei tief in seiner Mördergrube genauso ein Flegel wie Kohl, der es ja an der Oberfläche nicht war! An der Oberfläche war Kohl ein dicker, birnenförmiger Trampel, ein in jeder Hinsicht unfähiger und mithin mit der Aufgabe, die Geschicke des Landes in den Händen zu halten, überforderter Unfall der Geschichte. An der Oberfläche! Innen drin war er ein intrigantes Schwein – pardon, nein! Da bringe ich zwei Sachen durcheinander. Ein intrigantes Schwein war Jürgen Möllemann, Kohls Stellvertreter und, im Kabinett Kohl III, Minister für Bildung und Wissenschaft, im Kabinett Kohl IV Minister für Günstlingswirtschaft und Einkaufswagenchips, und zwar war der es in den Augen und mit den Worten seiner Parteifreundin Irmgard Adam-Schwaetzer: “Du intrigantes Schwein!” Ach, es ist doch schade um die FDP!

Innen drin aber war Kohl, wie sich nun zeigt, ein Flegel. – Auch Fleischhauer, heißt es, sei sehr bedacht auf sein Äußeres. Warum?

Bei keinem Bundeskanzler lagen große Teile der Presse so daneben wie in der Beurteilung des Mannes, der Deutschland so lange regiert hat wie niemand sonst. Für die Linke und damit die tonangebende Meinungsmacht war er der Dicke, die Birne, der Trampel, ein in jeder Hinsicht unfähiger und überforderter Mensch, die Geschicke des Landes in den Händen zu halten. Als er 1982 an die Regierung kam, hielt man das für einen Unfall der Geschichte, den schon die nächste Wahl korrigieren würde. Als er ein ums andere Mal im Amt bestätigt wurde, war er die Machtmaschine, die alles niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellte.

Moment mal, das ist doch von mir! Birne, Trampel, dick, in jeder Hinsicht unfähig, Unfall der Geschichte – eben habe ich es doch noch selber hingeschrieben! Das hat er von mir, aber richtig abschreiben kann er nicht, wie der verunfallte Satz von dem überforderten Menschen zeigt. – Nun ja! Wir Linken sind halt eine, nein, “die tonangebende Meinungsmacht”! Das muß auch ein Fleischhauer anerkennen. An uns kommt nicht vorbei, wer über Kohl schreiben will. Krawattericht! Schlipsgeradezieh!

Wenn es gegen Kohl ging, stand in vorderster Front natürlich auch immer der SPIEGEL.

Der SPIEGEL? Der SPIEGEL links? – Na gut, wenn es der Wahrheitsfindung dient. – Aber – wo wir gerade von Linken reden – nicht vergessen sei auch der linke Franz Josef Strauß mit seinem Rap: “Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.” Und nicht der Marxist Eberhard von Brauchitsch, persönlich haftender Gesellschafter des Kombinats VEB Flick, der das “Führungspotential Kohl” seinerzeit bündig mit “Kein anderer da” beschrieb.

Was die Kohlverachtung angeht, konnte es keiner mit den Kollegen aufnehmen, die dort in den Achtziger- und Neunzigerjahren für die politische Berichterstattung verantwortlich waren. Kohl selbst hat sich ebenfalls nicht lumpen lassen, muss man sagen. Legendär, wie er SPIEGEL-TV-Redakteure abfertigte, die ihn auf dem Weg zu seinem Wagen um einen Kommentar baten. Bei SPIEGEL TV haben sie aus den kurzen Auftritten zu seinem 80. Geburtstag einen eigenen Film geschnitten, den man sich immer wieder mit großem Genuss anschaut.

Ich wüßte es ja wohl! – Was ich gerne tun will, ist, die Schwan-Interviews immer wieder lesen. Ich hoffe nur, sie werden nicht langweilig. Weil – ich möchte nicht an meinem frisch gewonnenen Idol rummäkeln, aber – die Formulierungen, sind sie nicht alle ein wenig eindimensional? Authentisch, gewiß, unverstellt, geradeheraus, unplugged – aber auch ein Weniges mehr an Virtuosität vertragen könnend? Wer würde sich nicht, nach 36 Stunden Joe Cocker, etwas akustische Abwechslung herbeisehnen? Nicht sechsunddreißig Stunden, nach einer Viertelstunde, wollte ich sagen. Fünf Minuten. Und Joe Cocker ist auch viel zu hoch gegriffen – Bill Haley kommt eher hin. Nehmen wir nur die Äußerung Kohls über Rüttgers: “Dem sein Horizont ist Pulheim”. – Brav! – Aber wäre es nicht sehr viel schöner, angemessener und präziser, zu sagen: “Dem sein Horizont ist der Erbsensuppentellerrand auf der Wachstuchküchentischdecke in seinem Haus in Pulheim-Sinthern, Am Brauweiler Pfädchen oder wo er da wohnt”?

In der Politik resultieren die größten Fehler aus Eitelkeit

Hör ick dir schon trapsen, Nachtigall? Oder verbuche ich diese Zwischenüberschrift noch unter “Dummes Zeug, gedankenlos dahergeplappert”? Wieso wohl resultieren aus der Eitelkeit die größten Fehler? Die meisten, gut. Einverstanden. Aber war Kohls Fehler – denn darauf läuft es doch hinaus -, dem Schwan ins Ohr zu blasen und zwar so, wie ihm der Schnabel gewachsen war, war der denn überhaupt so groß? War es überhaupt ein Fehler?

Was viele Kritiker übersahen, wenn sie sich über Kohl lustig machten, war die Tatsache, dass er das Land viel eher verkörperte als sie in ihren Redaktionsetagen. Deshalb gewann er ja auch wider Erwarten eine Wahl nach der anderen.

Da Kohl aber, wenn er zur Wahl antrat, nicht gegen die Kritiker in den Redaktionsetagen antrat, sondern gegen Vogel, Rau, Lafontaine und Scharping, könnte man, wenn man bei Groschen wäre, allenfalls fragen, ob er volksnäher war als diese. Und nicht als jene. Und die Antwort müßte lauten: natürlich war er es. Wie man schon daran sieht, daß er gegen sie gewann. Und dann, als er gegen die Currywurst Schröder antreten mußte, die so volksnah war wie ein Skatabend im Plümecke, prompt verlor.

Was seine Beobachter als Bräsigkeit herabwürdigten, erschien dem Wahlvolk als Ausweis von Bodenständigkeit. Wo sie entsetzt den Kopf schüttelten, wenn er irgendwelchen Protestlern, die wild gegen ihn herumtobten, zurief, sie würden wohl alles bestreiten, nur nicht ihren Lebensunterhalt, lachten die meisten Deutschen zustimmend.

Ach du meine Nase! Kohl, der große Wortspieler. Kohl, der Kanzler, Kohl, der König, Kohl, der Höllenfürst des Wortspiels! Was red’ ich denn, Kohl, der Richling, Kohl, der Urban Priol, Kohl, der Dietrich Kittner unter den Kanzlern! Hölle, Hölle, Hölle! Gott, ist mir schlecht! Klar, wenn einer anderer Meinung ist als ich, und wenn er diese äußert, ohne Rücksicht darauf, ob ich das möchte und was ich davon halte, dann kann der keinen geregelten Lebensunterhalt haben. Dann ist der nur ein unnützer Fresser. Das ist so. Da hatte Kohl schon recht, wenn es das war, was er meinte. Ich werde nachher vielleicht ebenfalls einen, den ich nicht leiden kann, einen unnützen Fresser nennen, ich weiß auch schon wen. Mal sehen. Bleiben Sie dran! – Aber war es das denn, was Kohl meinte? Ging es ihm nicht eher darum, bestimmte Ausdrucksformen linker Meinungsmacht – nennen wir sie Demokratie, nennen wir sie Meinungsfreiheit – zu delegitimieren? So à la “Meinungsfreiheit ist zunächst einmal für Erwachsene da, nicht wahr, und zwar für fleißige, steuerzahlende Erwachsene, die gar keine Zeit haben, eine eigene Meinung zu entwickeln. Zu Dingen zumal, die sie nichts angehen. Und die sie nicht verstehen. Wer von unseren braven Steuerzahlern kriegt schon mit, wenn in Frankfurt ein alte Ruine wieder aufgepäppelt wird? Damit dort Dumpfbacken einen Opernball für Nichtstuer mit Geld inszenieren können? Wer das auch nur zur Kenntnis nimmt, hat zuviel Zeit. Wer zuviel Zeit hat, arbeitet zuwenig. Es sei denn, er hätte Geld. Aber dann wäre er in der Oper und nicht vor der Oper. Will sagen: erst, wenn die fleißigen Bürger mit Meinungsfreiheit versorgt sind (durch Glotze und Pißpottpresse), erst dann und wenn dann noch etwas Meinungsfreiheit übrig sein sollte, dann soll man die den Armen geben. Sofern die es verdient haben. Nicht jedoch dem Pöbel.”?

Die Achillesferse der linken Intelligenz war schon immer ihre Volksferne, weshalb auch nur dort Populismus ein Schimpfwort ist – das hat niemand besser erkannt gehabt als Kohl.

Ok, es ist nicht die Nachtigall, es ist “Dummes Zeug, gedankenlos dahergeplappert.” Lassen wir mal die quatschige Metapher von der Achillesferse beiseite – kann man sich das vorstellen? Wie ein geeigneter Apollon – wer könnte das denn mal sein? Irgendwelche Vorschläge? – seinen Pfeil aus dem Hinterhalt in die Volksferne der linken Intelligenz schießt, daß ihr ein Schmerz bis ans Herz fährt, und sie unter Klagen den Pfeil aus der Wunde reißt, und schwarzes Blut in den Staub der Walstatt quillt, so daß die linke Intelligenz kochend vor Kampfeslust unter die Feinde fährt und ihrer viele des Lebens beraubt, ehe ihr die Glieder kalt werden und sie sich auf die Lanze stützen muß, nicht ohne den Feinden zu fluchen – das kann sich doch kein Mensch vorstellen! Ich wüßte noch nicht einmal, welche Farbe das Blut der linken Intelligenz hat. – Rot? – Naheliegend. Aber warum nicht blau? Ich bitte! Als Geistesadel? – Lassen wir die Metapher, wie gesagt, beiseite, was will man erwarten von einem Transferleistungsempfänger, der seinen gesamten Rhetorikhaushalt von 391 Euro im Monat bestreiten muß? Hin und wieder vielleicht abgerundet durch ein paar Altmetaphern, die er aus dem Abfallkübel klaubt. 399 Euro soll es ab dem ersten Januar geben, aber große Sprünge wird er auch damit nicht machen können.

Aber lassen wir das. Nur dies noch: hier hätte sich – hier hätte es gepaßt – der “größte Fehler” angeboten. “Der größte Fehler der linken Intelligenz war schon immer” usw. usw. Das hätte zwar auch nicht gestimmt, aber das wäre immerhin von Sinn beseelt gewesen. Einer der Fehler des Fleischhauer hingegen, nicht der größte, nicht der kleinste, einfach einer seiner Myriaden von Fehlern ist es, zu sagen, Populismus als Schimpfwort gäbe es nur bei der linken Intelligenz. Lassen Sie es mich so ausdrücken: falsch. Populismus ist überall da und immer dann ein Schimpfwort, wo und wenn irgendwer auf das pfeift, was ich gut finde und etwas tut, was andere Leute gut finden. Das ist auf jeden Fall populistisch, und dafür gibt es Schimpfe. Nicht nur bei der linken Intelligenz, sondern auch beim rechten Volltrotteltum. Man mache die Probe aufs Exempel, gehe zu Google und tackere “Mindestlohn” und “populistisch” in die Suchzeile: die rechten Volltrottel werden einem die Bude einrennen. Was für ein hohles Strohdepot kann glauben, mit so einem unterirdischen Stuß durchzukommen? Was für eins? – Na seins. – Und, kommt es damit durch? – Beim SPIEGEL? Na immer!

Wenn man ihm einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er sich den WDR-Redakteur Heribert Schwan ins Haus geholt hatte, um sich bei seinen Memoiren helfen zu lassen.

Ok, es war doch die Nachtigall. – Kohl, du Verräter! Wie konntest du! Einen vom Rotfunk! Hätte man da nicht einen Würdiger’n finden können? Jedenfalls einen Würdegern? – Gewiß hätte Kohl. Aber so ist das eben bei Popstars: sie haben es gar nicht nötig. Je ruppiger sie ihre Groupies behandeln, desto größer ihr Ruhm, desto mehr drängen nach. Darunter natürlich auch welche, bei denen man sich was einfangen kann. Selber schuld!

Dass man einem Mann vom Rotfunk nicht trauen kann, hätte der alte Fuchs eigentlich wissen müssen; Verrat war schließlich immer eine zentrale Kategorie seines Denkens. Schwan hatte sich durch ein freundliches Filmporträt für den Job empfohlen. Die größten Fehler resultieren in der Politik nicht aus Nachlässigkeit oder Ignoranz, wie man sieht, sondern aus Eitelkeit.

Wie man sieht? Sieht man das denn? Woran sieht man das denn? Daran, daß hier steht, daß man es sieht?

Und noch eine rhetorische Frage: hat schon mal irgendwas von dem, was dieser Federheld daherkleckste, gestimmt? Gestimmt im Sinne von ‘eine Ähnlichkeitsbeziehung zur Wahrheit unterhaltend’? – Ich entsinne mich einer Lesung Hans Wollschlägers im Rotfunkhaus Hannover, es kann nicht vor 1982 und wird nicht vor Dezember gewesen sein, wahrscheinlich war es erst im Frühjahr 83 – mir ist, als hätten vor dem Funkhaus die Mandelbäume geblüht -, denn der sich dort eingefunden habende hannoversche Geistesadel (es gab viele freie Plätze), gnickerte zufrieden in sich hinein, als Wollschläger, wie er es gerne tat, über die Wiederkehr des Ewiggleichen filosofierte und die Frage in den Sendesaal stellte und dann unbeantwortet dort stehen ließ: warum ‘das Volk’ sich seine Regenten immer wieder aus dem geistigen Prekariat rekrutiere, wo nicht aus dem Abhub.

Prekariat wird er nicht gesagt haben, ich vermute, der gewählte Ausdruck war: geistiger Mittelstand. Aber der Mittelstand der sorglosen Achtziger ist das Prekariat von heute, ist zumindest objektiv abstiegsgefährdet, und von subjektiven Abstiegssorgen gebeutelt; sechzehn Jahre Kohl und sieben Jahre Schröder (“nicht alles anders, aber vieles effektiver”) haben das Ihre getan. – Der anwesende Geistesadel jedenfalls kicherte und glaubte zu wissen, wer da soeben als geistiger Abhub bezeichnet worden war, obwohl der ja strenggenommen nicht vom ‘Volk’ gewählt, sondern von den Verrätern Lambsdorf und Genscher ins Palais Schaumburg geputscht worden war. Aber ein Wollschläger denkt und dachte natürlich immer in ganz anderen historischen Dimensionen als denen popeliger Tagespolitik. – Ich will übrigens niemandem zu nahe treten, will den Wollschläger-Fans nicht zumuten, sich als links, und schon gar den Linken nicht, sich als Wollschläger-Fans bezeichnen zu lassen. Aber die riesengroße Achillesferse wollschlägerscher Volksferne, die ihm weder die Linken noch die Fans absprechen werden und die hier deutlich unter seiner Schlaghose hervorschaut – wir sind in den frühen Achtzigern – qualifiziert ihn jedenfalls als linke Intelligenz im Sinne Fleischhauers. Mir persönlich ist es ja ganz egal, was einer ist. Hauptsache er ist kein Kolumnist und arbeitet nicht für den SPIEGEL.

Aber was ich gerne mal wüßte, welche Frage ich jedenfalls gerne mal in den Cyberspace stellen möchte, auch wenn sie dann unbeantwortet für alle Ewigkeit dort stehenbleibt: auf welchem geistigen Rieselfeld findet eigentlich der Storch die kleinen Kolumnisten, die er dann dem SPIEGEL bringt?

Unrechtsstaat

Um nicht immer nur als Partei wahrgenommen zu werden, die verlangt, daß die Leute etwas bleiben lassen (Verbotspartei), wollen die Grünen in Thüringen zur Abwechslung mal als Partei auftreten, die verlangt, daß die Leute etwas tun (Gebotspartei). Darum verlangt sie, daß die Partei Die Linke ihr hundert mal schreibt: “Die DDR war ein Unrechtsstaat.” Wenn sie das nicht macht, wollen die Grünen rückfällig werden und der Linken verbieten, in Thüringen zu regieren.

Die Idee gefällt mir gut, die Idee gefällt mir sehr gut, und ich möchte sie aufgreifen. Ich verbiete hiermit der CDU, in Thüringen zu regieren, sie schriebe mir denn hundert mal: “Es war ein Fehler, Globke zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt zu machen.” Und die SPD soll schreiben: “Man hätte im Prinzip auch gegen die Kriegsanleihen stimmen können, damals, vor hundert Jahren. Nicht jeder, der gegen die Kriegsanleihen war, war deswegen schon ein vaterlandsloser Geselle. Betone: deswegen. Es waren schon auch vaterlandslose Gesellen dabei. Und dem Verdacht wollten wir uns nicht aussetzen. Das war von heute aus gesehen nicht unbedingt richtig. Aber wir haben dann ja gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das zeigt doch, daß wir die besten Absichten hatten. Es waren halt andere Zeiten damals! Das muß man doch bitte berücksichtigen! Man kann doch nicht immer nur auf der SPD herumhacken!”

Auch hundert mal, bitte. Ja, das ist mehr, als die CDU schreiben muß, aber die CDU hat auch mehr Stimmen bekommen. Die SPD soll froh sein, wenn sie überhaupt mitregieren darf, also vorwärts! Das thüringische Volk schreibt mir hundert Mal: “Wir sind uns dessen bewußt und heißen es durchaus nicht gut, daß es im Bauernkrieg zu sehr unschönen Szenen gekommen ist, auch hier bei uns in Thüringen. Und da ist Tübkes Panorama noch gar nicht mal mitgerechnet.” Ansonsten werde ich ihm verbieten, sich regieren zu lassen. Die Kirche soll schreiben: “Man hätte auch höflicher über die Juden schreiben können, als der Wartburgasylant es getan hat. Gewiß, das hätte man. – Ja. – Hat man aber nicht. – Belassen wir es dabei.” Bitte fünfhundert mal, sonst untersage ich das Reformationsjubiläum.

Die Grünen in Thüringen – die Grünen schreiben mir bitte einen Besinnungsaufsatz, nicht unter 1200 Wörter und nicht mehr als 1250, das Papier in der Mitte geknickt und nur die eine Hälfte beschrieben, ich brauche einen breiten Korrekturrand. Thema: “Ob, wenn der Schnabel denn schon aufgerissen sein muß, er derart weit aufgerissen sein muß, und ob ausgerechnet wir es sind, die ihn derart weit aufreißen müssen. Unter sorgfältiger Prüfung der Frage, ob das Elend auf der Welt nicht auch ohne das schon groß genug sei.”

Warum der Aufsatz? – Na, wer will denn etwas, was von den Grünen kommt, hundert Mal lesen? Einmal ist nicht nur genug, einmal ist oft schon einmal zuviel.

Bahr hat genau das gemacht, was er machen sollte

Der Allianz-Versicherungskonzern hat die Verantwortung dafür zurückgewiesen, daß sein Angestellter, der ehemalige Politiker Bahr, so kurz vor seinem Arbeitsantritt – manche sagen: zu kurz – noch als Politiker tätig gewesen ist. Bahr hatte nach einer kleinen Rochade im Kabinett Merkel II eine zeitlang den Posten des Gesundheitsministers bekleidet, weil das Ressort der FDP zustand, die FDP aber praktisch schon niemanden mehr hatte, der vorzeigbar gewesen wäre. Darum wurde es Bahr. Während seiner Zeit im Amt hat er alles getan, was man von einem Angestellten des Allianz-Versicherungskonzerns erwarten kann: für ein feuchtwarmes Klima gesorgt, in dem private Krankenversicherungen und Pilze sich wohlfühlen. Es war dies eine freiwillige Leistung Bahrs, nötig gewesen wäre das der Allianz zufolge nicht: in Ministerien, in denen sich lauter Lobbyisten die Klinke in die Hand geben, wie zum Beispiel dem Gesundheitsministerium, in dem die Klinken halbjährlich wegen Abnutzung ausgestauscht werden müßten, in solchen Ministerien gehe es zu, wie in anderen öffentlichen Einrichtungen – Schwimmbädern, Hotelzimmern, Puffs – auch. Dort fühlten sich Pilze und Pestbakterien sowieso wohl.

Die Verantwortung dafür, daß Bahr Politiker gewesen sei, liege vielmehr beim Wähler, und zwar ausschließlich bei diesem. Wenn der Wähler keine Allianz-Angestellten in der Politik wünsche – was ihm grundsätzlich freistehe, so wie ihm auch die Wahl der Krankenkasse freistehe – dann müsse er halt eben eine Partei wählen, in der es keine korrupten Politiker gebe. Wenn es eine solche Partei nicht gebe, könne er ja eine gründen, auch das stehe ihm schließlich frei. Mit ein bißchen Suchen werde er aber – das sei die private Meinung der Allianz – schon die eine oder andere Partei finden. Er müsse ja, der Wähler, vielleicht – auch das sei Privatmeinung, eine offizielle Stellungnahme des Unternehmens könne es zu dem Thema aus naheliegenden Gründen nicht geben – nicht gerade bei der FDP anfangen zu suchen. Natürlich stehe es ihm frei, bei der FDP mit dem Suchen anzufangen; aber dann müsse er halt etwas Zeit mitbringen und eine erhöhte Frustrationstoleranz.

Die in letzter Zeit verstärkt beobachtete Tendenz von Unternehmen, ihre Angestellten aus der Politik abzuziehen (Niebel, Pofalla, Bahr) hat nach Ansicht des Vereins ‘LobbyControl’? Who the fuck is ‘LobbyControl’? We are LobbyControl!, einer NGO, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Effizienz und Effektivität von Lobbyarbeit zu kontollieren und ein kritisches Augenmerk auf die Amortisation derer mittlerweile immensen Kosten zu legen, die beobachtete Tendenz sei der Tatsache geschuldet, daß die Bedeutung von Regierungsarbeit immer mehr abnehme. “Zeitgenössische Regierungen setzen den gesetzgeberischen Aktivitäten der Wirtschaft keinen nennenswerten Widerstand mehr entgegen,” ist von ihrem Sprecher Potte-Saoû zu hören. “Die Tendenz geht eindeutig dahin, das Regierungsgeschäft direkt aus den Vorstandsetagen heraus zu koordinieren, ohne den Umweg über Berlin und Brüssel. Das spart Kosten und steigert so den Wert der Unternehmen, ganz klar, vor allen Dingen aber beschleunigt es die Prozesse ganz enorm.”

Dieser “direkten Demokratie” gehöre die Zukunft. Sie werde einen klaren Standortvorteil gegenüber der klassischen Stellvertreterdemokratie bieten.

Mine macht genau das, was sie soll

Eine Landmine in Guinea-Bissau hat das getan, wozu sie da ist: sie hat einen Kleinbus in der Luft zerrissen und mit ihm die Leute, die in und auf diesem Kleinbus, der völlig überfüllt gewesen sein soll, herumsaßen.

Der Spiegel, dem ich diese Tatsache entnehme, nennt das Ganze ein Unglück, und glaubt nicht, daß die Mine mit Absicht detonierte. Das glaube ich auch nicht, aber sie wurde mit Absicht dort hingelegt. Ein Unglück wäre es, etwa, wenn ein Windstoß einen Baukran umschmisse, der dadurch alles zerdepperte, was er eigentlich aufbauen sollte. Das wäre ein Unglück. Aber diese Mine lag nicht da, um irgendetwas aufzubauen, diese Mine lag da, um Kleinbusse in die Luft zu jagen. Zu diesem Zweck wurde sie gebaut. Zu diesem Zweck wurde sie entworfen, geliefert, bezahlt und transportiert und ausgelegt.

Vielleicht glaubt der Spiegel ja, daß der Zweck der Mine ursprünglich mal ein ganz anderer war, zum Beispiel die Sicherung des Friedens zwischen den portugiesischen Kolonialherren und den Aufständischen der Unabhängigkeitsbewegung von Guinea-Bissau. Kann sein. Kann sein, daß der Spiegel das glaubt, meine ich, aber dann irrt der Spiegel sich eben. – Friedenssicherung? Soll ich da jetzt drüber lachen? – Ich bin jetzt seit x Jahren auf der Welt, seit y Jahren kann ich lesen, und seit z Jahren glaube ich, das eine oder andere, was ich von der Welt mitkriege, wenigstens zu begreifen, wenn mir auch mit der Zeit jedes Verständnis dahinsiecht. Und in diesen z Jahren ist der Frieden mit einer Wucht, einem Nachdruck und einer Vehemenz gesichert worden, daß es nur so krachte. Es gellen einem die Ohren bis heute. Ich weiß von wenigstens 2z Friedenssicherungen in dieser Zeit, eingeschlossen die Friedenssicherung in Guinea-Bissau, die von 1961 bis 1974 dauerte. Dann war erstmal die Luft raus, und die Friedenssicherer mußten mal durchschnaufen.

Aus jener Zeit soll die Mine stammen, meint der Spiegel. Kann sein. Ca. 800.000 Zivilisten sollen, sagt mir Wikipedia, in den letzten 30 Jahren durch Landminen ums Leben gekommen sein, 800.000 Zivilisten plus 200.000 Friedenssicherer. Plus die 22, die jetzt auf dem Kleinbus gesessen haben. Verletzte und Schwerverletzte nicht mitgerechnet.

800.022. Tjaja, ein Unglück kommt selten allein.

Privatisierung der Flüchtlingsbewirtschaftung leistet genau das, was sie soll

Im Zuge der stetig wachsenden weltweiten Friedenssicherung kommen immer mehr Flüchtlinge ins Land, und die früher mal für sowas zuständigen Behörden wären längst mit deren Verwaltung überfordert – denn sie müßten ja alle Angestellten nach BAT bezahlen, um des lieben Himmels, wo soll das hinführen? -, wenn sie denn noch zuständig wären. Gottlob gibt es mittlerweile die Richtlinie, daß alle öffentlichen Auftraggeber, in der Hoffnung, ihre Kosten zu minimieren, jede nachgefragte Dienstleistung diskriminierungsfrei, transparent und rechtsstaatlich zu vergeben, sprich: auszuschreiben gehalten sind. Anders als der Privatmann, der sich den Dienstleister vorher ansehen und gegebenenfalls sagen darf, daß er sich von einem, der sich “Sieben auf einen Streich” aufs Wams gestickt hat, die Kehle nicht rasieren lassen will, schönen Dank, muß die öffentliche Hand immer den billigsten Jakob nehmen. Tut sie auch. Was mittlerweile dazu führt, daß sich die Ausschreibung auf die Qualität der Dienstleistungen in etwa so auswirkt, wie die Friedenssicherung auf die Qualität des Weltfriedens: nicht so gut. Hingegen höchst positiv auf den Profit der Hersteller von Landminen.

Das Äquivalent der Landmine im Dienstleistungssektor ist der private Sicherheitsdienst. Wenn Ihnen irgendwo im öffentlichen Raum eine Bande von Halunkengesichtern in diesen hypermaskulinen Klamotten auffällt, die ich mal als das optische Äquivalent zum Bocksgestank bezeichnen möchte, eine Bande, bei deren Anblick sie sich instantan in einem Pitbullzwinger besser aufgehoben wähnen denn in deren Mitte, bei deren Anblick Sie sich denken: Ach nein, dies sind nicht eben die Herren, denen ich meine Freundin anvertrauen würde, mit der Bitte, ein Dreiviertelstündchen auf sie aufzupassen, während ich mich zur Aussage vor dem Ausschuß für Friedenssicherungsverweigerer einfinde – dann schauen Sie sich gut um: in der Nähe solcher Banden lauert oft schon der Rekrutierungssergeant der nächstbesten Schlägertruppe, der der Staat sein Gewaltmonopol anvertraut hat mit der Bitte, gut drauf aufzupassen, während er grad mal seine Kosten minimieren muß. Sagte ich Schlägertruppe? Private Friedenssicherungsagentur wollte ich sagen. Der wird die Halunken zu ködern versuchen, mit der Aussicht auf Löhne am unteren Rand des Einkommensspektrums, die Option auf Aufstockung durch die Bundesagentur für Arbeit, martialische Kluft, ausreichend Gelegenheit zu einfacher körperlicher Gewalt sowie die Bewunderung der Weiber. Außerdem 3 Luisdor auf die Hand, um den Staub von der Kehle zu spülen und auf Thomas de Maizières Gesundheit zu trinken.

Jetzt ist in einem Flüchtlingsbewirtschaftungsheim in Burbach so eine Mine hochgegangen, wo sie, wie Minen pflegen, den Frieden sicherte, indem sie ihren Opfern auf die Pelle rückte. Alle Welt schreit zeter, manch einer sogar mordio. Und das Handelsblatt fragt, ob Privatisierung um jeden Preis sein müsse, ob nicht Privatisierung um jeden Preis nicht am Ende dem Image der Privatisierung abträglich wäre?

Klares Gut Möglich. Wir sollten nicht jeden Preis zahlen, den sie fordert. Wir sollten die Privatisierung europaweit ausschreiben. Dann nehmen wir die, die am billigsten ist.

Qualitätsvorschläge zur Güte III

Und wenn wir es so machen?

Mit dieser verdammten Kinderpornographie, meine ich. Wenn wir den Kindern einfach verbieten, sich auszuziehen? Wenn es keine nackten Kinder gibt, gibt es keine Posingbilder, Fall gelöst.

Ich meine, die Frauen haben sich doch auch daran gewöhnt, daß sie schuld sind, wenn sie vergewaltigt werden. Also, sagen wir mal nicht schuld, jedenfalls nicht allein, sagen wir: mitschuldig. Daß sie eine Teilschuld tragen, mal größer, mal kleiner. Kommt drauf an. Darauf zum Beispiel, was sie anhaben. Oder anhatten, vor der Vergewaltigung. Was sie nach der Vergewaltigung anhaben, oder nicht anhaben, das kann man ihnen ja nicht gut zur Last legen. Wir sind ja keine Unmenschen. Schließlich wurde ihnen Gewalt angetan.

Also, einen Teil der Schuld tragen auch die Kinder allemal. Was müssen sie denn so aufreizend auf die Pädos wirken? Sicher, das sind alles perverse Schweine, die Pädos, will sagen, vom Leben schwer geprüfte Mitbürger, aber Schweine eben. Im Gegensatz zu den normalen Vergewaltigern, die ganz normale Männer sind. Und sicher vielfach auch vom Leben schwer geprüft. Wer weiß, was die schon alles mitgemacht haben, mit ihren Frauen und Freundinnen und Zufallsbekanntschaften! Und Frauen, die einfach so ihren Weg kreuzten, ohne zu überlegen, was sie da tun. Die sind ja nicht pervers, die Männer. Man muß da schließlich unterscheiden zwischen dem, was einer tut, und wie er veranlagt ist. Zum Beispiel die Geistlichen: wie die Törin – nein, nicht Törin, Störchin – auch nicht, Frau vom Storch – na, von -, wie die Frau von Storch so richtig sagt:

“Der Unterschied [...] ist der: Ein katholischer Priester, der so etwas tut, weiß, dass er eine schwere Schuld auf sich lädt.”

Und tut es trotzdem. Da ist er schon halb entschuldigt. Wie anders hingegen die Schweine, die so veranlagt sind! Schwer geprüft oder nicht schwer geprüft! Wehe! – Sein Tun kann man keinem vorwerfen, oder jedenfalls nur zum Teil, denn das Tun ist oft genug provoziert durch das, was er zu sehen kriegt.

Drum besser wär’s, daß er’s erst gar nicht zu sehen kriegte.

Und die Kinder sind es überdies gewohnt, verboten zu kriegen. Früher hat man sie doch auch gepeitscht, wenn sie sich entblößten und Dinge taten, die man nicht tut. Oder tat. Und hat es ihnen vielleicht geschadet?

Ja, gut, oder auch nicht gut, vielleicht hat es ihnen geschadet. Manche von ihnen sind Priester geworden, manche Lehrer an Reformschulen, manche auch einfach bloß Drecksäcke. Vielleicht hat es am Peitschen gelegen. Man muß sie ja auch nicht unbedingt peitschen. Wir sind ja keine Unmenschen. Eine Geldstrafe tut es oft auch. Wenn man das Kind mit einer Geldstrafe dafür belegt, daß es sich ausziehen und fotografieren läßt, dann übt man damit wirtschaftlichen Druck aus, und zwar, das ist das Gute daran, auf die Eltern. Denn die Kinder haben ja in der Regel keine eigenen Einkünfte, es sei denn … Moment! Es darf natürlich nicht dazu kommen, daß der Vater vor Wut über die Geldstrafe seinen Knaben auspeitscht, und die Bilder vom Peitschen an einen Pädophilenring verhökert, um die Strafe wieder reinzukriegen. So darf es nicht sein! Dann wäre nichts gewonnen.

Aber so etwas wird ja wohl keiner tun, als Vater! Ein Vater liebt doch seine Kinder. So wie ein Ehemann seine Frau liebt. Vergewaltigen etwa Männer ihre Ehefrauen? Partnerinnen? Geliebten? – Nicht doch! Natürlich mag das einmal vorgekommen sein, aber wissen Sie, Sie können, wenn Sie wollen, immer etwas finden, was nicht so ist, wie es sein sollte. Der normale Mann vergewaltigt nicht seine eigene Frau! Wenn er es täte, würde er bestraft. Wird er aber nicht. Nur in den seltensten Fällen. Was zeigt, daß es noch Liebe und Treue in der Ehe gibt.

Da fällt mir ein: früher, als es besser war, und die Vergewaltigung noch ein Eigentumsdelikt, weil der Inhaber der Frau in seinem Recht am ausschließlichen usus fructus der Sache ideell geschädigt wurde, damals gab es weniger Vergewaltigungen als heute. Doch. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht wurden auch weniger angezeigt. Oder mehr. Egal, früher war es besser. Darum ergeht hier und heute folgender

Qualitätsvorschlag zur Güte, vergessen Sie den anderen!

Nießbrauch statt Mißbrauch

Wir könnten den Eltern der mißbrauchten Kinder ein großzügiges Schadensersatzrecht einräumen, für den Fall, daß ihr Recht auf Nießbrauch ihrer Kinder von Unbefugten geschmälert wurde. Wir sind uns ja hoffentlich alle einig, daß bei der Kinderpornographie das Verbrechen in ihrer Produktion besteht, nicht in Konsumtion, Zirkulation oder Distribution. Wenn wir uns da nicht einig sind, stellen wir uns doch für einen Moment vor, es wäre andersrum. Da wäre der Schaden angerichtet, das Kind gequält, sein Gemüt zerstört, sein ferneres Leben eine Wüstenei aus Ekel, Scham und Schuldgefühlen, und dann hätte Gott ein Einsehen, erschlüge den Produzenten beim Scheißen, ließe die Akkus der Kameras explodieren, sorgte durch Meteoriteneinschlag für einen mehrtägigen Netzausfall und durch Magie für einen Kurzschluß in der USB-Schnittstelle – jedenfalls wäre das Ergebnis: keine Distribution, keine Zirkulation, keine Konsumtion. Und dann? Dann wäre kein Verbrechen passiert?

Ja doch wohl nicht!

Deswegen verfolgen wir konsequenterweise zuallererstmal den Konsum. Das klingt zwar paradox, ist es aber nicht. Der Konsument nämlich ist der eigentlich Böse, denn er ist veranlagt, das Schwein. Der Produzent ist nicht veranlagt, oder sagen wir mal, er muß es nicht sein. Manch ein Produzent hat vielleicht bloß ein nacktes Geschäftsinteresse am Kind, und das Kind als solches ist ihm völlig egal. Geschäftsinteresse aber ist nichts Böses, Geschäftsinteresse ist, um es einmal so zu sagen, die Seele des Geschäfts. Aber es gibt Regeln, die im Geschäftsleben einzuhalten sind, und eine dieser Regeln besagt, daß die Eltern als Rechteinhaber am Kind nicht einfach übergangen werden dürfen. Es gibt so etwas wie ein Leistungsschutzrecht, das dem Content-Provider (hier: die Eltern, denn das Kind ist in den seltensten Fällen geschäftsmündig) einen Schutz vor Ausbeutung seiner Leistungen (hier: die Kinder) zugesteht.

Dann könnte man auf die unappetitliche Kategorisierung von Bildern – hie Porno, strafbewehrt, hie Posing, nicht strafbewehrt – ganz verzichten. Es wäre das Bild so oder so eine Beeinträchtigung des schützenswerten Geschäftsinteresses der Eltern, und diese könnten Konsumenten abmahnen und die Gewinne der Produzenten beschlagnahmen lassen.

Wenn dann das Freihandelsabkommen mit Kanada (CETA) in Kraft sein wird, werden sie auch Kanada vor internationalen Schiedsgerichten auf Schadenersatz verklagen können, wenn nämlich das Land noch einmal durch voreilige Verwaltungsakte (polizeiliche Ermittlungen, Beschlagnahmung der Daten abmahngeeigneter Kunden) die Sicherheit ausländischer Investitionen mit Füßen zu treten irrigerweise glaubte sich angelegen sein lassen zu sollen.

Ich bitte meine Leser um Entschuldigung für diesen Vandalenakt. Der Herr von der Agentur Sbrinz, der für den vorhergehenden Absatz verantwortlich ist – falls in dem Zusammenhang von ‘Verantwortung’ zu reden überhaupt zu verantworten ist -, hat mein Vertrauen mißbraucht. Möge ihn der Blitz mit Schmackes in die Toilettenschüssel rammen! Nichts von dem, was er vorschlägt, war mit mir abgesprochen, und nichts davon steht in Einklang mit den von mir verteidigten Werten.

Neumodisches Kramzeug! – Ich bleibe bei meinem Vorschlag.

Don’t eat the brown acid

Ein paar von uns, die allen Grund haben, nicht genannt sein zu wollen, haben einen Blogableger gezüchtet und in einem Topf auf die Terrasse gestellt. Es handelt sich um eine elende Besserwissermanege, in der Spiribitze, Worthäscher und Klügler ihr hölzern Steckenpferdlein zwischen die Schenkel klemmen. Damen und Herren, die masochistisch veranlagt sind, finden vielleicht Geschmack daran, das anzusehen. Ein Safeword können sie direkt auf der Seite vereinbaren.

Empfohlen wird es aber nicht. It is vielmehr suggested that you do stay away from that. Of course it is your own trip, so be my guest, but please be advised that there is a warning on that one.

Ok?

Sicher

Berlin/Stuttgart/Käsdorf – Der Bundesrat hat einem Gesetz zugestimmt, das Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsländer einstuft. Asylbewerber von dort können nun schneller abgeschoben werden. Der Beschluss war möglich geworden, weil Baden-Württemberg der Reform nach langem Zögern zugestimmt hatte.

Die Verhandlungen über das Gesetz, das vor allem von der Union befürwortet worden war, endeten erst wenige Stunden vor der Abstimmung am Freitag. Um die Zustimmung einer ausreichenden Zahl von Bundesländern zu erreichen, bot die Union den Grünen einen Kompromiss an, der die Lebensverhältnisse von Flüchtlingen und Gastländern verbessern soll. Das Gesetz sieht vor, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz sowie die Nicht-Bindestrich-Bundesländer Bremen, Niedersachsen und Hessen, in denen aber trotzdem Grüne an der Regierung beteiligt sind, als nicht sichere Herkunftsländer einzustufen. Damit können einmal von dort abgeschobene Flüchtlinge nicht wieder dahin zurückgebracht werden, was ein Segen für die Flüchtlinge ist. Und für die Bundesländer sowieso.

Die überwältigende Mehrheit der Asylanträge von Menschen aus den genannten Bundesländern wird derzeit abgelehnt. Viele Antragsteller gehören der Minderheit der Roma an, die sich nicht einzubilden braucht, es irgendwo auf der Welt besser anzutreffen als dort, wo man sie gerade davongejagt hat, oder dort, wo man sie als nächstes davonjagen wird. Deswegen können sie auch ohne weiteres zurück nach Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina, wo man sie zwar nicht wird haben wollen, aber das ist ja in Baden Württemberg nicht anders.

“Wir möchten nicht, daß ihnen was passiert,” sagt Landesvater Kretschmann, “deswegen haben wir ihre Herkunftsländer als sicher erklärt. In einem sicheren Herkunftsland passiert einem nichts, das ist mal sicher. Darum macht man das ja. Darum erklärt man sie für sicher. Damit den Leuten dort nichts passiert. Vielleicht wird auch dort der ein oder andere mal verjagt, oder bedroht, oder man zündet ihm das Haus an. Da wohnen auch nur Menschen, keine Heiligen. Leute, die mit Zigeuenern nicht so können, gibt es überall. Leider Gottes.”

“Aber es ist dort immer noch besser als bei uns.”

Soviel ist sicher. Bei uns regieren die Grünen. Da ist alles möglich.

Queen redet Margaret Thatcher ins Gewissen

Queen Elizabeth the Second, by the Grace of God Queen of this Realm and of Her other Realms and Territories, Head of the Commonwealth, Defender of the Faith, eine Dame, die immer ein bißchen so wirkt, als sei sie aus einem fernen Jahrhundert gepurzelt, dem letzten beispielsweise, hat sich, was selten vorkommt, zum aktuellen politischen Geschehen geäußert. In einem vielbeachteten Statement sagte sie am Sonntag nach dem Kirchgang in Balmoral, einer ihrer zahlreichen Residenzen, in Richtung Maggie Thatcher, einer ihrer zahlreichen Premierministerinnen, sie hoffe, die Regierungschefin werde gut über die Konsequenzen ihres Regierungshandelns nachdenken.

Das verwundert nicht so sehr wegen der ungewöhnlichen Einmischung eines gekrönten Staatsoberhauptes in die Niederungen der Tagespolitik, das verwundert vor allen Dingen deswegen, weil man ihr nicht zugetraut hätte, mitgekriegt zu haben, daß nicht mehr Antony Eden Ihrer Majestät Ministerpräsident ist, oder Neville Chamberlain oder Benjamin Disraeli oder Lord Grenville, sondern jemand anders, auch wenn dieser jemand anders mittlerweile auch nicht mehr gerade Maggie Thatcher heißt, nun wollen wir mal nicht päpstlicher werden als das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche.

Maggie Thatcher, ein Cyborg, halb Engländerin, halb Handtasche, die immer ein bißchen so wirkte wie die Vorbotin des Unheils kommender Jahrhunderte, z.B. diesem hier, war bekannt dafür, daß es ihr völlig Piepenhagen war, was die Leute von ihr dachten, solange diese jedenfalls nichts gegen sie machen konnten. Wenn sie das gewährleistet wähnte, machte sie, was sie wollte, vorzugsweise alles kaputt. Allerdings neigte sie dazu, zu übersehen, daß die Schotten, anders als die Engländer (die können nicht weglaufen, denn England, was viele nicht wissen, ist eine Insel), die sich alles gefallen lassen müssen, sich nicht alles gefallen lassen müssen. In dem Jahr, in dem sich unser Autor und Schotte honoris causa auf der Hebrideninsel Skye den Arm brach (bei einer Schußfahrt mit dem Fahrrad, unter grandiosem Theaterhimmel, die C1239 hinab, von Kylerhea kommend über den Paß hinunter nach Broadford) und die dortige Jugendherberge mit dem dortigen Krankenhaus des nicht minder grandiosen National Health Service vertauschen mußte, gründete sich unter nämlichen Himmel die Musikkapelle Runrig, die in der Folge dem lieben Publikum lange Jahre mit dem Lied ‘Loch Lomond’ das Leben sauer machen sollte, ein Lied, von dem P.G. Wodehouse seine Figur Alaric, Duke of Dunstable, zurecht sagen läßt, daß der Dichter verrückt sein müsse, zu glauben, Loch Lomond reime sich auf “afore ye”. Wodehouse, als Mann der Feder, der die Schotten – meist wortkarge Männer der Tat – als Gärtner brauchte, die ‘Hmph’ und ‘Grmph’ sagten und dabei schottisch aussahen, hätte, so darf man annehmen, die Sezession Schottlands wohl nicht begrüßt.

Runrigs Keyboarder allerdings ist mittlerweile der Oppermann – sorry: Obmann der Scottish National Party in Westminster und betreibt dort den Abfall Schottlands vom Vereinigten Königreich, wohingegen Germanistenfuzzi seine Tage damit zubringt, Mountainbiker zu hassen und in Gewaltphantasien, so gut das mit einem Arm gehen will, Feuer an alle Kliniken zu legen, an denen neuerdings das häßliche H der Helios-Kliniken-Gruppe steht. Die Helios-Kliniken seien, so bringt er vor, für das Gesundheitswesen etwa das, was Margaret Thatcher zu ihrer Zeit für das zu ihrer Zeit noch Vereinigte Königreich gewesen sei. Auch sie gründeten ihr Geschäftsmodell darauf, daß ihre Patienten, wenn man sie nur flächendeckend genug bedrücke, nicht weglaufen könnten.

Kaum hatte die Queen mitgekriegt, es muß um 2014 herum gewesen sein, daß Thatchers Politik auf lange Sicht geeignet sein könnte, Ihrer Majestät schönes Königreich zu zerfleddern, weil die Schotten es nicht lustig fanden und so bald auch nicht lustig finden würden, eine Kopfsteuer aufs Haupt gedrückt zu kriegen, da begann sie auch schon, über ihren Schatten zu springen. Kein besonders langer Schatten, was das angeht; nur wenn die Abendsonne an der Westküste von Skye alle Jubeljahre einmal unter die Wolken sinkt, und Elizabeth II. gerade dann am Kopf der Klippe im braunen Heidekraut stünde, um sinnend hinüber nach Lewis zu blicken und sich zu fragen, wo die Zeiten dahin sind, und warum alles Schöne vergehen muß und wo wir alle einmal hingehen, dann würfe sie einen Schatten, über den sie wohl nur mit ordentlich Anlauf hinüberkäme.

„Ich hoffe, die Menschen werden gut über die Zukunft nachdenken,“ sagte die Queen also, und ließ keinen Zweifel daran, daß sie auch Thatcher unter ‘die Menschen’ zu fassen gewillt war, womit sie in der Presse so manches Erstaunen auslöste, nicht zuletzt deswegen, weil jeder weiß, daß Margaret Thatcher Weicheierargumenten nicht zugänglich ist. Zum Teil deswegen, weil sie seit ihrem Tod vor zwei Jahren überhaupt keinen Argumenten mehr zugänglich ist, nicht nur Weicheierargumenten, zum anderen Teil deswegen, weil sie auch zuvor schon überhaupt keinem Argument zugänglich gewesen war. Der dritte Grund ist der, daß Margaret Thatcher heute gar nicht mehr Margaret Thatcher heißt, sondern David Cameron, und ein Mann ist, der von sich behauptet, es bräche ihm das Herz, wenn Schottland sich vom Königreich trennen würde. Jeder weiß, daß das nicht stimmt. In früheren Jahrhunderten haben Kopfsteuergesetze mitunter zu Aufständen geführt, in deren Verlauf der ein oder andere Adlige seinen Kopf und damit die Grundlage für seine Besteuerung verlor. Woran man schon sieht, daß die Menschen nicht gründlich über ihre Zukunft nachdenken, denn dann hätte den Bauern klar sein müssen, daß für die der Krone solcherart entgangene Steuer irgendjemand seinen Kopf würde hinhalten müssen – im Zweifel sie.

Aus dem gleichen Grund, aus dem man einen enthaupteten Adligen nicht mehr besteuern kann, kann David Cameron auch nicht das Herz brechen, ganz egal wie das schottische Referendum ausgehen wird. Möglicherweise kann sich sein Darm zur Unzeit entleeren, das ja; den Besitz eines solchen wird ihm schon deshalb niemand absprechen wollen, weil man ja dessen Ausgangs bedarf, um ihn – Cameron – adäquat auf die Metapher zu bringen. Er selbst hält es – einen Kopf hat er immerhin und weiß ihn zu benutzen – für denkbar, daß die Schotten zu großen Teilen nur deshalb für den Abfall stimmen werden, weil sie die verhaßten Tories in das den Darmausgang umgebende Muskelfleisch treten wollen.

Schade, daß die Queen Elizabeth zu alt ist, um noch mitzukriegen, daß sie einen neuen Premierminister hat. Sonst könnte sie ihn dazu aufrufen, gut über die Zukunft nachzudenken. Vielleicht hätte sie Erfolg, und Cameron dämmerte es, daß es seine Sache wäre, dem Zusammenhalt des Königreichs Ihrer Majestät zu dienen, indem er das eigene Hinterteil der guten Sache opferte, und in den sieben kommenden Jahren die Backen hinhielte. In Pubs, auf Märkten, bei den Highlandgames und am Rande der Klippen von Neist Point, könnten die Schotten, die er meint, dann nach Belieben dem ‘effing Tory’ in den gluteus maximus treten, und zum Ausgleich am Donnerstag für den Verbleib im Königreich stimmen.

Er fände das besser, läßt sich unser Hausschotte vernehmen, und er hoffe, “daß meine Landsleute eherenhalber gut über ihre Zukunft nachdenken.” Es sei in einer Ehe immer gut, mit etwas drohen zu können, z.B. mit Trennung von Tisch und Bett. Das sorge für eheliche Disziplin. Mit Trennung von Tisch und Bett zu drohen, wenn man schon seit Jahren getrennte Schlafzimmer habe und morgens das Frühstück ausfallen lasse, mittags in der Kantine esse und abends bei der Nachbarin, sei vom Disziplinierungspotential her sehr viel ineffektiver.

“Außerdem heiß es in ‘The Bonnie Banks of Loch Lomond’: ‘You will take the high road, and I will take the low road and I will be in Scotland afore ye.’ Soll Runrig in Zukunft als Rausschmeißer vielleicht ‘I took the high road und you took the low road and I was in Scotland without ye’ singen? – Das geht doch nicht! – ‘Me and my true love will never meet again’ – das ist doch eine Zeile der Morgenröte, der Hoffnung, der Zuversicht, des Versprechens! Man sieht doch vor sich, wie sie sich, allen Widrigkeiten zum Trotz, eines Tages eben doch wieder in den Armen liegen werden. – Dagegen: ‘Me and my ex we did never meet again’ … ”

“Da geht doch alle Poesie zum Teufel.”

Qualitätsvorschläge zur Güte II

Und wenn wir es so machen?

Mit der Garnisonkirche in Potsdam kann man es keinem recht machen. Den einen ist sie zu preußisch, den anderen zu militaristisch belastet, den dritten zu völkisch und den vierten zu sehr von der DDR gesprengt. Um es allen recht zu machen, müßte man sie wieder aufbauen, nicht wiederaufbauen sowie den Wiederaufbau und den Nichtwiederaufbau mit architektonischen Mitteln thematisieren.

A bwwwrrrwwwwbbbbrrrwwww! Brrrllllbbbbrrrrrwwwbbbbrrrrllllbbbbb! Mit architektonischen Mitteln? Thematisieren?

Dann doch lieber wiederaufbauen, wenn Sie mich fragen. Also los, fragen Sie mich! – Danke, sehr schmeichelhaft! – Hier ist mein Vorschlag: die 100 Millionen für den Wiederaufbau werden lockergemacht. Die Kirche wird wiederaufgebaut. Anschließend aber wird sie, damit der unselige protestantisch-/preußisch-/kriegstreiberische, Hindenburg-Hitler-Handschlagartige Verstrickungsknoten um das Gemäuer mit einem Hieb für alle Mal durchtrennt wird, und damit der emeritierte Bischof Huber sich ärgert, dem das bitter not und nur gut tun würde, an die alleinseligmachende, einzig wahre, heilige römische katholische Kirche zurückgegeben. Wegen deren größerer Nähe zum Widerstand gegen die Nazis – auch wenn dieser Größenunterschied im µm-Bereich angesiedelt ist -, und weil sie bis heute keinen Gauck hervorgebracht hat. Und zwar unter Brustschlagen und mea culpa-Gesängen, wenn ich bitten darf, die gefälligst so intoniert zu sein haben, als wären sie auch so gemeint.

Der apostolische Stuhl errichtet sodann ein neues Erzbistum Potsdam (Berlin soll sehen, wo es bleibt), und Tebartz van Elst wird der erste Bischof.

Mal sehn, ob die Befürworter dann immer noch mit dem Herzen am Wiederaufbau hangen.

Mageninhalt

Vier von Zwergwalen befehligte Fangschiffe haben vier japanische Häfen angelaufen und bei überfallartigen Landgängen nicht weniger als 51 Japaner eingepackt und mitgenommen. Das berichtet der Käsdorfer Metropolitan (KM) in seiner Montagsausgabe.

Hintergrund seien die Internationale Walfangkommission und das von ihr initiierte Moratorium für kommerzielle Walfangquoten aus dem Jahr 1986. Japan unterläuft dieses Moratorium immer wieder, indem es für seine Walfängerei wissenschaftliche Gründe vorschiebt. Auch die Zwergwale geben in einer Presseverlautbarung wissenschaftliches Interesse als Grund für die Mitnahme der Japaner an.

“Wir interessieren uns nur für deren Mageninhalt,” heißt es in der Bulle, die der KM in Auszügen abdruckt, “wir hegen keine kommerziellen Absichten. Japaner sind auf unseren Märkten sowieso nicht absetzbar. Weder gelten sie als Delikatesse, noch stärken sie die Manneskraft.” Man werde sie nur öffnen und sich den Mageninhalt ansehen, den Rest werde man über Bord werfen. Man rechne nicht damit, Verwandte im Mageninhalt zu finden, aber man könne ja nie wissen. Es seien nämlich Verwandte unter ungeklärten Umständen verschwunden. “Wir hoffen nicht, sie dort wiederzusehen, oder Teile von ihnen. Das hoffen wir ganz und gar nicht. Aber irgendwo müssen sie ja sein.”

Wenn man dennoch fündig würde, wäre eine neue Situation eingetreten, die man dann zunächst einmal würde bewerten müssen. “Würden wir auch,” wird der Kommandant eines Schiffes zitiert, “die Situation bewerten. Würden wir machen. Können Sie sich drauf verlassen. Aber erst einmal würde ich kotzen. Krill und Plastikmüll, soviel steht jetzt schon fest. Vielleicht einen Flipflop. – Sie interessieren sich für unseren Mageninhalt, sie interessieren sich für unseren Mageninhalt! Was hoffen sie denn, dort zu finden, in unserem Mageninhalt? Pinocchios Vater, samt Holztischchen und Talglicht? – “Wir interessieren uns für deren Mageninhalt!”

Könne ja sein, daß der eine oder andere Japaner seinen zweiten Flipflop wiederhaben wolle. “Kann ich verstehen! Kann ich gut verstehen, daß einer seinen Flipflop wiederhaben will. Ist ihm ja vielleicht ans Herz gewachsen, so ein Flipflop.”

“Geht mir nicht anders. Ich will meinen Jüngsten auch wiederhaben.”