Über die natürliche Rolle der Frau im Abwaschwesen und ihre Beeinflussung durch die Unternehmenskultur

Wie mir am Dienstag auffiel – heute ist Mittwoch, und die Situation in der Teeküche ist nicht besser geworden -, hatte sich das schmutzige Geschirr in der Teeküche der Abteilung so stark vermehrt, daß ich keinen Platz für meine Teekanne mehr fand. Ich mußte erst einige schmutzige Teller übereinanderstapeln, um Platz zu schaffen, und um die Teller gescheit stapeln zu können, mußte ich die darauf liegenden Messer irgendwo anders hintun – normalerweise lasse ich die vom Teller ins Spülbecken purzeln, damit ich sie nicht anfassen muß, die sind schließlich schmutzig, aber das Spülbecken stand voll mit Kaffeebechern, und auf dem Ablaufbrett, auf das ich die Tassen hätte packen wollen, um Platz im Becken zu schaffen, standen sechs Isolierkannen, und daneben, wo eventuell noch drei Tassen hingepaßt hätten, lagen ineinandergekrumpelt Schwamm und dreckstarrender Spüllappen, beide klatschnaß, so daß ich sie nicht anfassen mochte. Ich kippte also die Messer auf den Spüllappendrecksschwammklumpatsch und stapelte ein paar Teller, bis ich Platz hatte, um die Teekanne dort zu parken.

Mir fiel wieder ein, daß ich schon am Montag die Arbeitsplatte als ungewöhnlich dicht bepackt empfunden hatte, und zurückgegangen war, um einen der Zettel aus dem Rollboy zu holen, die ich dort in der mittleren Schublade unter den Dienstreiseanträgen aufhebe, und die so aussehen:

Verbindliche Anmeldung zu dem Kurs / den Kursen
Kurs 1: Wie stelle ich einen benutzten Teller in die Spülmaschine? Wie ist das korrekte Procedere? Was muß ich zuerst tun?
und / oder
Kurs 2: Was ist ein Spülbecken? Welchem Zweck dient es? Wie unterscheidet es sich von einem Aufbewahrungsort für gebrauchtes Geschirr?
Name Kurs Vorkenntnisse
ja/nein
Email Tel. (freiwillige Angabe)

Bei Bedarf hefte ich die in der Küche mit Tesa an die Fliesen.

Nicht, daß ich erwartet hätte, daß sich jemand darin eingetragen hätte; von meiner Seite ist die Liste als purer Sarkasmus gedacht. Ist nicht jedermanns Sache, Sarkasmus, das weiß ich wohl, aber der normaldoofe Bürohumor à la “‘Wir werden sehen’ sprach der Blinde” oder “‘Irren ist menschlich’ sprach der Igel und fiel von der Scheuerbürste” ist schließlich auch nicht jedermanns Sache, meine jedenfalls nicht. Und es stand auch niemand drin. Es trägt sich nie einer ein. Bis auf einmal, da müssen die Kolleginnen sich abgesprochen haben, denn sie hatten sich allesamt zum Kurs 1 angemeldet und erwarteten jetzt von mir, daß ich ihnen die Spülmaschine erklärte. Da stand ich schön da! Erklären Sie mal drei Ingenieurinnen, einer Abteilungssekretärin, einer Auszubildenden, einer Finanzbuchhalterin, einer Organisationsassistentin, zwei Projektmanagerinnen, drei Vertriebsmitarbeiterinnen, einer Vertragsrechtlerin, zwei Beraterinnen und einer Abteilungsleiterin, wie man eine Spülmaschine einräumt! Das wissen die doch viel besser als Sie.

Das kriegte ich jedoch noch hin. Aber dann bestanden sie darauf, daß ich das Ding auch anwarf, und damit hatten sie mich. Die Sekretärin hat es mir schließlich erklärt. Man muß die Einknopfbedienung so und so weit nach da drehen, dann drücken, dann wieder zurück, kurz innehalten – “Helm vor die Fresse, stilles Gebet bis 10″ (Bürohumor) – dann erst den rechteckigen Knopf drücken, die Einknopfbedienung wieder rausziehen und mit dem Knie vor die Blende drücken – irgendsowas in der Art, ich hab’s gleich wieder vergessen. Darum packe ich die Maschine auch gar nicht erst an. Gestern aber schaute ich – nachmittags war die Situation so unhaltbar geworden, daß ich die Teekanne im Kabuff neben der Teeküche auf dem Kopierer abstellen mußte – neugierdehalber mal hinein. Auf geht sie nämlich ganz einfach, auch wenn sie läuft. Ob sie läuft, weiß man nicht so genau, denn leuchten tut sie auch dann, wenn sie nicht läuft. Gestern leuchtete sie auch, lief aber nicht, sondern war voll mit sauberem Geschirr.

Aha. Deswegen paßte nichts mehr hinein. Es hätte also bloß mal eine der Kolleginnen die Maschine aus- und das saubere Geschirr in die Schränke räumen müssen, und gut wär’s gewesen. Warum das nicht geschehen war, stand nicht dran. Das Sekretariat war in dieser Woche nicht besetzt, wegen Fortbildung und Berufsschule. Das wußte ich, denn da hatte es eine Mail gegeben, die ich aber gleich gelöscht hatte, im Vertrauen darauf, daß mich das schon nichts angehen werde. Die Abteilungsleiterin hatte es seit letzter Woche mit dem Ischias, das wußte ich vom Hörensagen. Da mochte man ihr das Bücken vorerst nicht zumuten, außerdem war sie auch gar nicht im Haus. Die Vertrieblerinnen kommen bloß zu uns rüber, wenn es was umsonst gibt; die haben drüben ihre eigene Küche; und wenn ich das richtig gesehen habe, als ich dort war, weil bei uns der Kopierer mal wieder auf den Service wartet – was auch sein Gutes hat, kann man ihn doch als Abstellfläche mitbenutzen -, dann haben sie sogar einen Tisch in der Küche. Mit Tischdecke und Blumenvase. Wenn wir einen Tisch hätten, wäre der wahrscheinlich auch voll mit Geschirr gewesen. Aber was war mit den anderen?

Die beiden Muttersprachlerinnen waren auf Dienstreise in ihren jeweiligen Zukunftsmärkten, wie ich später herausfand. Die Ingenieurinnen und die Assistentin hatten irgendeinen Workshop und aßen vermutlich im Hotel, wo man ihnen den Bettel nachräumen würde und sie sich um nichts zu kümmern brauchten, während unsereiner sehen konnte, wo er blieb. Was war eigentlich mit der Finanzbuchhalterin? War die überhaupt mal drei Wochen am Stück im Haus, oder ließen das ihre zahlreichen Urlaubsverpflichtungen gar nicht zu?

Blieben die beiden Projektmanagerinnen. Wenn man sie nicht brauchte, standen sie einem auf den Zehen herum, weil sie wissen wollten, wann im Jahr 2017 man Urlaub zu machen gedachte, damit sie ihre Ressourcenplanung auf Vordermann halten und rechtzeitig Bescheid sagen können, wenn ihre Projekte understaffed zu sein drohen. Dabei hält keines unserer Projekte bis 2017. Bis jetzt waren noch alle mangels Anschlußfinanzierung eingestellt worden. Aber die Projektpläne waren vom Feinsten. Wenn die Projektmanagerinnen da gewesen wären, hätte man sie mal bitten können, darin nachzusehen, wann sie wiederkommen.

Aber so!?

Was tun? Ich konnte doch nicht einen unserer Oracle-Spezialisten in die Küche schicken, damit der da mal aufräumte. Solche Leute kosten ein Schweinegeld. Außerdem wäre der damit überfordert. Wenn so einer versucht, seine Pizzaschachtel zu entsorgen, ist der Mülleimer für den Rest der Woche blockiert. Ich glaube auch nicht, daß es in deren Datenbanken besser aussieht als in unserer Teeküche. Was man da manchmal an Daten drin findet, hat große Ähnlichkeit mit einem Spüllappen, der seit drei Tagen im eigenen Saft vor sich hingammelt. Am besten wäre es, wenn die Reinigungsfirma beauftragt würde, die Spülmaschine ein- und auszuräumen, aber das macht der Controller nicht mit. Die Geschäftsleitung hat beschlossen, daß Reinigungsfirmen nur noch so und soviel im Jahr kosten dürfen. Außer im Controlling. Dort haben sie noch festangestellte Angestellte. Die haben Festgehalt und feste Arbeitszeiten. Denen ist es fschistko jädno, die räumen auch die Spülmaschine aus. Aber bei uns?

Nun, wir würden sehen. “Wir werden ja sehen, sprach der Igel und kletterte zurück auf die Spülbürste.”

Noch war ja Platz auf dem Kopierer.

Nachtrag am Donnerstag:

Hat sich erledigt. Heute morgen kam die Kollegin Vertragsrechtlerin, die als Selbständige immer auf Anschlußverträge angewiesen ist, und wollte uns den vorweihnachtlichen Bestechungschriststollen bringen. Sie ist noch teurer als Oracle-Leute, muß dafür aber auch Klinken putzen. Das brauchen die nicht. Die würden den Stollen aber auch vergessen, oder unterwegs verlieren. Sie fand keinen Platz, auf dem sie den Stollen hätte abstellen können, parkte ihn auf dem Kopierer und machte sich an die Arbeit. 10 Minuten später war alles erledigt.

Es war eine Wohltat, in einer solchen Küche den Tee zu kochen! Ich schnitt mir ein ordentliches Stück vom Stollen, gönnte mir eine saubere Tasse und ging wieder an die Arbeit.

Scheiße

Nach Ansicht des früheren amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney ist der Bericht des US-Senats über von der US-Regierung gedeckte Folterpraktiken der CIA “voller Scheiße“.

Nun, das bleibt nicht aus, wenn man einen Bericht über Scheiße verfaßt, die vom Geheimdienst gebaut und von der Regierung billigend in Kauf genommen wurde. Dann ist ein solcher Bericht natürlich voller Scheiße. So wie die Vorlesung über Siedlungswasserwirtschaft voller Scheiße war, und die – nein, nicht die Scheiße, die Vorlesung – vom Professor für Siedlungswasserwirtschaft eingeleitet wurde mit den Worten: “Meine Damen und Herren, diese Vorlesung handelt von Scheiße. Und wenn ich Scheiße sage, dann meine ich Scheiße.”

Dick Cheney hat also ganz recht. Das ist auch nicht verwunderlich: denn wenn sich jemand mit Dingen, die voller Scheiße sind, bestens auskennt, dann ist es – nächst dem Professor für Siedlungswasserwirtschaft – Dick Cheney. Sind doch Dinge, die voller Scheiße sind, beider täglich Brot, und kommen sie tagein, tagaus damit in Berührung.

Der Professor in der Vorlesung, und Dick Cheney, wenn er sich den Kopf kratzt.

Franzosenkrankheit

Paris – Marine Le Pen – “la maladie mentale la plus connue” – hält Folter in manchen Fällen für gerechtfertigt, zum Beispiel, wenn nicht sie es ist, die gefoltert wird, sondern jemand anders. Auf die in einem Bericht des US-Senats beschriebenen brutalen Folterverhöre des US-Geheimdienstes CIA angesprochen, sagte die malade Dame: “Ich verurteile das nicht.

“Erlauben Sie mir es Ihnen zu sagen: Es kann Fälle geben, wenn eine Bombe – tick tack tick tack tick tack – in einer oder zwei Stunden explodieren soll und dabei 200 oder 300 zivile Opfer fordern würde”, so Madame Dyscalculie weiter: “Da ist es nützlich, die Person zum Sprechen zu bringen.” Dabei müßten “die Mittel” eingesetzt werden, “die möglich sind”, sagte sie.

“Zum Beispiel 180 Stunden lang den Schlaf entziehen.”

Wir haben einen Abgrund von Unvollkommenheit im Lande

In Thüringen ist die Zeit heute morgen zurückgedreht worden. Was bislang als undenkbar galt, daß nämlich diese unfaßbare Größe, die wir mangels eines besseren Ausdrucks ‘Zeit’ nennen, und von der nicht wüßten, wie wir sie denn sonst nennen sollten – vielleicht ‘Jasper von Altenbögge’? Was würde das schon groß ändern? -, dieser flüchtige Stoff, der uns immer unter den Händen zerrinnt wie ein alter Camenbert in der Pfanne, daß diese Zeit, von der wir annahmen, daß sie nie etwas anderes tun würde, als sturheil geradeaus und mit sturköpfig eingehaltener konstanter Geschwindigkeit, vor der ein Tempomat erröten müßte …

Ah! wir wollen uns nicht verdüstern! Nicht von Erröten sprechen an diesem Tag, an dem noch soviel Blut auf das Kopfsteinpflaster thüringischer Gassen fließen und durch die Spurrinnen rinnen wird, Herzblut natürlich, metaphorisches. Kein echtes. Obwohl: weiß man’s denn? Nun, da alle Naturgesetze auf den Kopf gestellt sind, die Zeit einen Satz nach hinten getan hat, und passiert ist, was nie hätte passieren dürfen, daß nämlich ein Sozialdemokrat Ministerpräsident von Thüringen werden konnte. Ein Sozialdemokrat, will das sagen, der glaubt, was er glaubt, nicht ein Sozialdemokrat wie die anderen Sozialdemokraten, die alles und nichts glauben und die nur darum ein Parteibuch haben, weil es dann besser flutscht.

Was soll nun werden, nun, da Thüringen sich spalten wird? Da der Drachentöter Biermann Auftrittsverbot erhalten wird? Der Ramelow-Putin-Pakt und die nächste polnische Teilung bevorstehen? Schon versammeln sich PGs, die die Zusammenlegung von SPD und Linke unter dem Namen ‘Sozialistische Einheitspartei Thüringens’ fordern, Plakate mit der Forderung ‘Schambach in die Produktion!’ werden über die Plätze getragen, eine landeseigene Ermittlungsbehörde für politische Straftaten wird gefordert, und im Intershop-Turm in Jena soll der erste Intershop entstehen.

Thüringen steht am Abgrund der Unvollkommenheit und blickt in den Abgrund der Unvollkommenheit. Der Abgrund blickt zurück und schweigt. Was soll er machen? Auch er wird sich fragen, was nun werden soll? Wird alles noch abgründiger, noch unvollkommener?

Soll er noch schnell umsatteln und Chefkommentator bei der FAZ werden?

Füße

Aber wenn er dies erfuhr,
Ging’s ihm wider die Natur
Wilhelm Busch

Der Mann Erdogan ist der Meinung, daß die Gleichberechtigung von Mann und Frau gegen die Natur verstößt, und zwar gegen die Natur des Mannes. Es liegt nicht in der Natur des Mannes, Frauen das gleiche Recht zuzubilligen, wie sich selbst, warum sollte er das dann tun? Es liegt in der Natur des Mannes, sich selbst die gleichen Rechte zuzubilligen, wie anderen Männern, oder mehr Rechte, aber jedenfalls nicht weniger. Denn das ist a) nur recht, und b) billig.

Wenn also einer so blöd sein will, und anderen die gleichen Rechte zubilligen, wie sich selbst, dann hat er doch genügend Männer, die das auch wollen. Wenn nicht mehr. Mehr als genug Männer, und Männer, die mehr wollen als er. Da hat er alle Hände voll zu tun, das zu verhindern. Da braucht er nicht auch noch vier Frauen, die dabei auch noch mittun wollen. Denn was dabei rauskommt, wenn Frauen die gleichen Rechte haben wollen, das kann einer leicht ausprobieren, indem er einer von ihnen neue Schuhe spendiert. Am nächsten Morgen wollen die anderen drei auch neue Schuhe. Da kann er vier Paar Schuhe kaufen. Und einer wie Ferdinand Marcos viertausend Paar. Denn das ist es doch, was Frauen unter Gleichberechtigung verstehen: jede 1000 Paar Schuhe, jedenfalls genauso viel Schuhe, wie die anderen haben, oder besser mehr, aber auf keinen Fall weniger.

Und das mag zwar recht sein, billig aber ist es nicht. Auch liegt es nicht in der Natur des Mannes, 4000 Paar Schuhe zu kaufen. In der Natur des Mannes liegt es, die Straßenseite zu wechseln, wenn er ein Schuhgeschäft auch nur von Ferne kommen sieht.

Frauen hingegen, Frauen sollen doch mal ein bißchen nachdenken. Jedenfalls so gut es eben gehen will, mit dem Nachdenken. Sie können, die Frauen, doch nicht einfach alles das machen, was sie im Kommunismus gemacht haben! Kranführerin werden, z.B. Das geht doch nicht! Was wollen sie denn da oben? Das ist doch für eine Frau, wie es für einen Mann wäre, wenn er Schuhe kaufen müßte. Es gibt zwar Männer, die Schuhe kaufen, Schuhkäufer z.B., so Typen, die auf Messen rumlaufen und die Kollektion fürs nächste Frühjahr einkaufen, aber die sind alle homosexuell. Was nicht so schlimm wäre, denn homosexuell sein ist nicht schlimm, schlimm ist es; freiwillig Schuhläden aufzusuchen. Das verstößt gegen die Natur des Mannes.

Kranführerin, man denke! Man denke an schwangere oder stillende Frauen. Die können doch keinen Kran führen! Man stelle sich bloß mal vor, die schwangere Kranführerin ist gerade nach oben geklettert, nur um dort festzustellen, daß sie das Glas mit den sauren Gurken und die Milky Ways im Bauwagen gelassen hat. Soll sie dann etwa wieder runterklettern? In ihrem Zustand? Mit den Schuhen? – Oder die stillende Mutter: kaum ist sie oben, stellt sie fest, daß sie ihr Baby im Wickelcontainer vergessen hat. Was soll dann passieren? Soll sie erst wieder runter, und während der Zeit warten die Trockenbauer, daß ihnen einer die Rigipsplatten in den dritten Stock zieht, und können nichts machen, und kosten Geld, und der Plan wird nicht erfüllt, und die neue Shopping Mall wird nie fertig, oder soll sie erst den Rigips ziehen, und einer der Trockenbauer stillt solange das Baby?

Allein schon, daß man zwei Toilettencontainer braucht, wenn Frauen Kranführerin werden! Und in Kreuzberg drei. Das ist doch keine Lösung! Wie man schon daran sieht, daß der Kommunismus ja auch kaputt gegangen ist. Eingegangen an zuvielen stillenden Kranführerinnen mit Stöckelpömps und zuvielen Toilettencontainern. Folge: Planuntererfüllung. Zuviele unterernährte Babys, zuwenig Shopping Malls.

Der Mann Erdogan weist darauf hin, daß der Islam im Gegensatz zum Kommunismus, in dem auch Männer Mutter werden durften, die Rolle der Mutter als einer Frau betont. Als Kind habe er seiner Mutter oft die Füße geküßt, erzählt der Politiker. Wäre seine Mutter ein Mann gewesen, würde er ihr die Füße nicht geküßt haben. Männerfüße sind auch nicht zum Küssen gemacht. Männerfüße sind dazu da, in Sicherheitsstiefeln Kranleitern rauf und runter zu klettern. Alle tausend Tage werden die Sicherheitsstiefel ausgezogen und durch neue Sicherheitsstiefel ersetzt. An diesen Tagen – es sollten gut gelüftete Tage sein, trotzdem wird jede Hand gebraucht, um mit Handtüchern frische Luft herbeizufächeln, – sollten alle vier Frauen bei Mannes Fuß stehen und mal ausnahmsweise nicht in Shopping-Malls herumflanieren. Shopping-Malls, das am Rande, sind überhaupt die Hölle. Kaum hat man in ihrer einer rechtzeitig die Seite gewechselt, weil man einen Schuhladen hat kommen sehen, läuft man auf der anderen Seite zwei weiteren in den Rachen, die man in seiner Panik übersehen hat. Und die schnappen nach einem. Deswegen ist es gut, daß der Islam nur Frauen als Mütter zuläßt.

“Meine Mutter zierte sich, aber ich sagte ihr immer: ‘Mutter, zieh deine Füße nicht weg, dort ist der Duft des Himmels.’ Manchmal weinte sie, wenn ich das sagte”, berichtet Erdogan. Der Duft des Himmels – auch Bama shoe fresh genannt – ist eine bare Notwendigkeit, wenn man vor seiner inneren Nase mal 1000 Paar Schuhe paradieren läßt. Die müssen ja auch alle irgendwo bleiben. Der Mann behält seine Schuhe an, aber eine Frau – auch eine Frau – kann nicht 1000 Paar Schuhe gleichzeitig tragen. Und vier Frauen nicht viertausend. Die fliegen dann irgendwo im Hausflur rum und müffeln sich eins. Das ist ein Naturgesetz. Wenn man da nicht mit Bama shoe fresh dazwischengeht, dann riechen 4000 Paar Schuhe in nullkommnichts genauso streng wie ein Männerschuh. Feministinnen aber leugnen dieses Gesetz und akzeptieren nicht den besonderen Stellenwert, den der Frauenfuß im Islam hat. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß der Frauenfuß sich geradesogut dazu eignet, einem Doofmann in den Hintern zu treten, wie ein Männerfuß.

Erdogans Ansichten über die Rolle der Frau sind in der Türkei umstritten. Höchst umstritten. Mehrfach hatte Erdogan erklärt, eine türkische Frau solle mindestens drei Kinder haben, Söhne am besten, aber wenn es nicht anders gehe in Gottes Namen halt eben auch Töchter. 12 Töchter aber sind der Ruin eines Vaters. Man denke an die Schuhe! Tausendschönchens Vater hatte drei Töchter, nicht zwölf, drei Töchter, einen Sohn und noch ein Pflegekind, auch ein Mädchen, macht im Prinzip vier Töchter. Er ging am Stock. Vier Töchter sind schlimmer als vier Frauen, pflegte er zu sagen. Wenn er sich fein machte, um auf den Hegeringsball zu gehen, kriegte er aus vier Richtungen gesagt, welche Schuhe er auf keinen Fall tragen könne, ohne sich selbst unmöglich und die jeweilige Tochter zum Gespött zu machen. Und wenn er mit Mist an den Stiefeln ins Haus getrampelt kam, scholl ihm vierfaches “Raus!” entgegen. Fünffaches, denn auch der Sohn verweibte zusehends. Versteht sich, daß keine der Töchter dem Vater je die Füße geküßt hat.

Der Vater war darum ein großer Befürworter des Zusammenlebens von Töchtern mit Männern in Wohngemeinschaften. Seinetwegen auch mit Frauen oder anderen Wesen ihrer Wahl, Hauptsache, sie waren aus dem Haus. Anders der Mann Erdogan. Erdogan ist dagegen, daß man das Zusammenleben eines Mannes mit bis zu vier Frauen Wohngemeinschaft nennt. Man soll es lieber Ehe nennen. In einer Wohngemeinschaft besteht die Gefahr, daß einer Frau nicht der ihr zustehende Respekt entgegengebracht wird, wie es in einer Ehe der Fall ist.

Oder es zumindest sein sollte. Auch Erdogan erkennt an, daß es zuviele Frauen gibt, die, nachdem ihnen der geschuldete Respekt entgegengebracht wurde, beerdigt werden müssen. Das bezeichnet er als nicht hinnehmbar, weil es gegen die Natur des Islam verstößt. Nicht allerdings gegen die Natur der daran beteiligten Männer. Wer weiß, was die Frauen ihren Männern angetan haben! Möglicherweise haben sie von ihnen Gleichberechtigung verlangt?

Oder sie in Schuhgeschäfte geschleppt.

Der Mann Erdogan will es daher auch nur noch solange hinnehmen, bis es von selbst aufhört.

Biermanns Attacke gegen Linke

Reste des Elends

Der Frontalunterricht Wolf Biermanns für die Linksfraktion war großartig. Besser kann man Erinnerung und Gegenwart der friedlichen Revolution von 1989 nicht untot werden lassen. Ein Kommentar.

“Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre die Schwäche Moskaus ursächlich gewesen für den Zusammenbruch – pardon: die Befreiung – der DDR. Vielmehr ist da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.”
Helmut Kohl

Auf den Heiligen Geist ist Verlass: Es war wohl der härteste, weil ins Schwarze treffende Vorwurf – schreibt mein Kollege in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – denn Vorwürfe, die ins Schwarze treffen, sind härter als Vorwürfe, die einfach so ins Blaue geballert werden (sind jene doch in Drachenblut gebadet: sechse treffen, der siebente aber …) -, den Wolf Biermann den Abgeordneten der Linksfraktion während der Feierstunde im Bundestag zur Deutschen Einheit machen konnte, daß sie nämlich gar nicht Linke seien, sondern Reaktionäre. Denn sie seien „der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde“, der Rest der „Drachenbrut“ der DDR.

Reste von Drachenbrut nämlich sind nicht etwa junge Drachen, oder Eierschalen, oder zertrampelte Gelege, sondern Reste von Drachenbrut sind Reaktionäre. Irgendwo müssen auch Reaktionäre ja herkommen. Die bringt ja nicht der Storch. Man sehe sich besipielsweise den Bundestagsfraktionsvizepräsidenten der CDU Arnold Eugen Hugo Vaatz an, der in der DDR ausgebrütet wurde – und wenn man sich den lange genug angesehen hat, dann frage man meinen Kollegen und Beinahe-Namensvetter von der FAZ, was man da vor sich hat – oder man frage gleich mich: wenn wer sich mit Reaktionären auskennt, dann wir zwei beiden.

Der kurze Disput zwischen Biermann und der Linksfraktion – inklusive das halb ironische, halb ernste Scharmützel mit dem Parlamentspräsidenten über das Rede- und Singrecht im Deutschen Bundestag – sagte alles, was über das Verhältnis der Linkspartei zur deutschen Demokratie zu sagen ist. Denn es sagt, erstens, praktisch nichts, zweitens sagt es: hie Linke, hie Demokratie, hie Linke, hie Biermann – ergo: Demokratie = Biermann, und drittens sagt es: wer, wenn nicht Biermann, würde die deutsche Demokratie besser verkörpern als Biermann: riesengroße Fresse, die aber voll.

Fragt sich bloß: voll womit?

Übrigens, aber das nur ganz am Rande, beim Stichwort Rede- und Singrecht: Biermann im Bundestag reden zu lassen ist natürlich sehr viel eher zu tolerieren, als Lammert im Bundestag singen zu lassen. Etwas ganz anderes ist es, Biermann singen zu lassen – das kommt der Verfehlung, Lammert im Bundestag reden zu lassen, was niemand wollen kann, doch schon verdammt nahe!

Zu den Paradoxien der 25 Jahre, die nach der friedlichen Revolution von 1989 ins Land gegangen sind, gehört es jedoch, daß ebendieser Biermann, sein Gesang, sein Gerede, seine Gitarre, sein Blauhemd, sein Schnauz, sein bloßes Vorhandensein, nach stattgehabter Revolution ab dem 10. November 1989 (= morgen vor 25 Jahren) komplettemang über war. Ohne Nutz. Ohne Taug. Wenn je etwas mit seiner ganzen Existenz an die Existenz des Bösen, des ganz und gar Schlechten gekettet war, auf Gedeih, mehr aber noch auf Verderb, dann waren es die drei Ringe Nenya, Vilya und Narya, die die Schönheit aller Dinge erhalten und bewahren. Als aber der eine Ring zerstört war, verloren die drei ihre Macht, und alle Schönheit wich aus Mittelerde. – Als erstes wich die Schönheit aus Wolf Biermann seiner Fresse, als nächstes aus Wolf Biermann seiner Stimme.

2014 war das Jahr, in dem Wolf Biermann, dieses Geschöpf Ulbrichts und ohne diesen ein Nichts, endgültig zum Ringgeist wurde: substanzlose Hülle. Große Fresse aber nach wie vor. Fürst der Nazgûl, Hexenkönig von Angmar, verwundbar nur durch elbischen Stahl, sterblich zwar, aber durch keines Mannes Hand zu fällen …

Gleichwohl hat er sich was als Drachentöter, obwohl Smaug seit Jahren mausetot ist und das Ende des dritten Zeitalters gar nicht mehr mitgekriegt hat.

Denn – so schreibt Kollege Altenbögge – denn – und es wäre mir eine große Freude, wenn die Kollegen die Verwendung kausaler Konjunktionen im Einzelfall entweder zu begründen hätten oder aber jeweils 50 Euro latzen müßten -, denn es sei schon immer “eine Kunst der real existierenden Linkspartei, sich als Opfer zu verkaufen, das Widerstand leistet, und nicht als Täter, der Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu ziehen hat”.

So? Und? Mal so getan, als sei es das gewesen, wo käme da das ‘denn’ her? – 50 Euro bitte!

Denn (Hervorhebung von mir – v.B-H.g.v.D.) es weiß doch jeder, es sollte zumindest jeder wissen, und es könnte auch jeder wissen – denn anders als in der DDR, wo jeder, bei dem gewisse “Voraussetzungen” nicht erfüllt waren, nicht studieren durfte, darf bei uns jeder, bei dem die Voraussetzungen erfüllt sind, studieren. Jedenfalls haben wir nichts dagegen, daß er es tut, wenn er es versteht, die nötige Kohle zu haben. Oder sich verschulden möchte. Er kann auch Karriere machen, sofern den Anforderungen dafür genüge getan ist. Worunter – anders als in der DDR, wo dem Parteibuch eine Schlüsselrolle zukam – hauptsächlich die Abwesenheit des falschen Parteibuchs zu verstehen ist. Das richtige Parteibuch ist optional. In letzter Zeit hört man vermehrt von Parteilosen, die sich in die Politik haben kaufen lassen; anscheinend sind die Dinge hier im Fluß. Aber das ist nicht das Thema, Thema ist der Erwerb von Wissen, Wissen darum -, daß es wir Westdeutschen waren, die am allermeisten unter der DDR zu leiden hatten. Wir waren es doch, die die ganzen Dissidenten hier aufnahmen, während sich die SED einen schlanken Fuß machte!

Das könnte auch im Westen manchem gefallen, wenn er eine Monika Maron einfach so beim Nachbarn abgeben könnte, und dann hätte der die Plage mit ihr. Aber wir haben sie geduldig ertragen, und nicht nur sie. Drei Jahre lang, nachdem er sie im Herbst 1984 versetzt hatte, lagen sämtliche Politiker und Presseskribenten bäuchlings im eigenen Speichel und flehten Erich Honecker an, doch bitte auf Staatsbesuch zu kommen. Drei vertane Jahre lang, bis er sie endlich erhörte. Daß sie alle so verliebt in ihn waren, glaube ich gar nicht mal. Das Kalkül war wohl eher, ganz im Sinne Lammertscher Ironie, daß sich über einen Besuch niemand mehr ärgern würde als die DKP. Was sie ja auch tat. Der Wunsch, kleine Parteien mit geringem Einfluß und überkompensatorisch großer Klappe zu ärgern, scheint tief und hart im menschlichen Genom codiert zu sein. Dann kam er, und es wurde genauso peinlich, wie man sich das hätte denken können. Nicht nur wegen Udo Lindenberg, aber der half kräftig mit. Den hätte es wahrscheinlich auch ohne Mauer gegeben, aber ohne Mauer wäre uns sein Sonderzug nach Pankow erspart geblieben. Auch Pink Floyd hätte es wahrscheinlich gegeben, aber Roger Waters wäre mit seinem Spektakel vielleicht in Surrey geblieben, und der Potsdamer Platz ohne The Wall wäre sicherlich erträglicher gewesen als der Potsdamer Platz mit Mauer, wenn auch nicht viel. Auch sie haben wir klaglos ertragen.

Hätten wir mal was sagen sollen? Vielleicht, aber es ist nicht jedem gegeben, sich selbst schamlos in den Mittelpunkt zu rücken und sich als Opfer dicke zu tun und “Ich!Ich!!Ich!!!” zu lamentieren. Dazu braucht man ein XXL-Ego, eine Figur, mit der man’s auch tragen kann, und einen Bundestagspräsidenten, der einem die Bühne bereitet und einen volkseigenen Stuhl unters Arschloch keilt.

Und das muß die Lehre aus diesem 9. November 2014 sein: daß von deutschem Boden nie wieder ein Biermann ausgebürgert werden darf! Der Nachbarn wegen, aber auch aus Eigennutz: denn was folgte auf das Auftrittsverbot für Biermann? Auftrittserlaubnis für Lindenberg. Man kann das nur schwer als fortschrittlich ansehen.

Was Gregor Gysi anschließend zur deutschen Revolution, zur Wiedervereinigung und zu deren Nachgeschichte zu sagen hatte, bestätigte das auf eindrucksvolle Weise. Gysi hielt an seiner DDR fest, als ginge es darum, die Ehre des Volkes zu retten (und seine eigene). Es geht aber nicht darum, die Ehre des Volkes zu retten, es geht darum, die Ehre Gysis zu beschmaddern. Wenn das möglich sein sollte, indem man die Ehre des Volkes mitbeschmaddert, dann soll man halt in Gottes Namen die Ehre des Volkes mitbeschmaddern. Indem man zum Beispiel die Tatsache, daß in Umfragen die Bundesrepublik gegenüber der DDR in etlichen Punkten schlechter abschneidet – Punkte, die Gysi genüßlich zitierte -, mit einem Kübel Schlamm über die Hemdbrust und folgenden Worten verklärt: Viele Bedürfnisse, auf die der Mensch besonderen Wert legt, können auch im Gefängnis sehr gut bedient werden.

Ein Argument von der Qualität, wie man sie von einem Arnold Vaatz erwarten darf. So wie man vielem, das man im Gefängnis findet, auch in einer CDU-Fraktion begegnen kann: Lügnern beispielsweise, Fälschern, Blendern, Betrügern, Schwindlern, Bauernfängern, Ohrenbläsern, Roßtäuschern, Falschmünzern, Schelmen, Spitzbuben, Schlawinern, Taugenichtsen und Lumpen, so findet man hie und da einen, der einem in der Klapse über den Weg laufen könnte, ohne groß aufzufallen, im Innenressort der FAZ.

Und auch da fällt er nicht groß auf.

Stolz

Übrigens, liebe Genossinnen und Genossen, ich bin stolz – und das ist auch gut so.
Klaus Wowereit

Irgendwo – ich weiß nicht mehr wo, aber es könnte in einem Taschenbuch von George Mikes gewesen sein, denn es handelte sich um einen Text von George Mikes – las ich einmal einen Text von George Mikes, und wenn ich mich recht erinnere, war es in einem Taschenbuch, und es war ein Text über – wenn ich mich auch darin nicht irre – New York und einige seiner Einwohner. Und einer dieser Einwohner erzählt dem Erzähler, er stamme von da und da und gehöre dieser oder jener Ethnie an und sei mithin das und das, und außerdem oder deswegen oder überhaupt sei er “proud of it. And you?”

Proud of it. Sie sehen daran, daß ich vergessen habe, was der Betreffende war – wahrscheinlich war es ohnehin gelogen, denn Mikes wollte ja lediglich seine Witze reißen, über wen, war ihm ganz egal -, daß es unwichtig war, was der Betreffende war, denn sonst würde ich es mir ja gemerkt haben. Hauptsache – darum habe ich mir das nämlich gemerkt – er war stolz darauf.

Er sei auch stolz, versetzt daraufhin der Erzähler – und da wird dann auch klar, daß wirklich alles gelogen ist, denn er läßt sich weiter fragen, woher er von Haus aus stamme und was er von Haus aus sei – “polnischer Neger” – Neger? Er sei doch weiß? – Das seien die polnischen Neger alle. – Tatsache? – Das alles lasse ich am besten unter den Tisch fallen, wer weiß, was wieder los ist, wenn ich einen Witz zitiere, den ein humorig Haus im Jahr 1948 gerissen hat, ohne schon mal die Empfindlichkeiten seinerzeit noch ungeborener Sprachpuritaner zu antizipieren – wer weiß! Ich will das gar nicht wissen.

Schnell weg hier, und zwar ins Jahr 2001. Eben hat Jürgen Trittin den Generalsekretär der CDU – Laurenz Meyer, einer der zahlreichen Mißgriffe Angela Merkels – als einen Skinhead bezeichnet, und zwar sowohl was das Innere als auch das Äußere des Meyerschen Schädels betrifft. Grund dafür war, nein falsch – der Grund für Trittins Vergleich war, wie gesagt, Aussehen und Mentalität Meyers; der Anlaß dafür war die Meyersche Behauptung, stolz zu sein. Darauf, daß er Deutscher sei, dochdoch. Vermutlich war es gelogen, denn er kommt aus Salzkotten, und ist in Hamm zur Schule gegangen. Man ist nicht stolz, wenn man aus Salzkotten kommt, und man ist auch nicht stolz darauf, aus Hamm zu kommen. Das ist empirisch erwiesen. Googelt man bei Google nach dem String “ich bin stolz, ein” erhält man 78.700 Treffer. Die Übergangswahrscheinlichkeit für “ich bin froh, ein Deutscher zu sein” liegt bei 17,3% und ist interessanterweise geringer als die Übergangswahrscheinlichkeit für “ich bin stolz, ein Hesse zu sein” mit 24,8%. Hesse sein – daß man darauf stolz sein kann?! Die anderen Landsmannschaften mit nennenswerten Prozentsätzen sind Bayern (4,6%, ein Drittel davon Franken), Berliner (1,8%) und Schwaben (1,7%). Schwaben, Kunststück! – Aber Hessen?? – Alemannen, Badener und Württemberger hingegen verlieren sich mit zusammengenommen 0,01%. Russlandversteher und Russland-Versteher kommen zusammen auf 0,9%, das sind mehr als die übrigen Bundesländer zusammen auf die Beine kriegen, mit Ausnahme der Hamburger (0,9%), Sachsen (0,6%) und Saarländer (knapp 0,4%).

Am Hinterteil der Tabelle sieht es daher so aus:

Ich bin stolz, ein Westpfahle zu sein 2 (0,002%)
Ich bin stolz, ein Ostwestpfahle zu sein 1 (0,001%)
Ich bin stolz, ein Salzkötte zu sein 0 (0,000%)

Stolz darauf, ein Hammer zu sein, kann man nicht sein, weil Hämmer keinen Stolz haben. Es muß wahrscheinlich heißen: “Ich bin stolz auf meinen Hammer” (6.040.000 Treffer, entspricht 7.674,7%). Das wäre einleuchtend und scheint mir wahrscheinlicher zu sein, sehr viel wahrscheinlicher, als popelige 3 Treffer (alles dieselben, also eigentlich nur einer) für “Ich bin stolz, ein Hammer zu sein.”

Vorerst aber noch im Jahr 2001 geblieben, wo der Bundespräsident Rau in die Debatte eingreift, und dem Meyer – aus Salzkotten, ja? Hochstift Paderborn, wenn ich das richtig sehe? Da ist er mit einer Wahrscheinlichkeit von gut siebentausendsechshundertundnochwas Prozent katholisch und hat von Puritanismus keinen Schimmer -, der von Puritanismus, Bescheidenheit und Anstand keinen Schimmer hat, steckt, daß man nicht auf etwas stolz sein könne, das man nicht selbst gemacht hat. Voilà un homme! Auf den kann der liebe Gott stolz sein, anders als Rau, der nach seiner eigenen Definition auf den lieben Gott nicht stolz sein durfte. Obwohl er’s wahrscheinlich war. Die meisten Leute sind ja auf ihren jeweiligen Gott stolz, ganz so, als hätten sie ihn sich selbst ausgedacht. Wir hingegen haben uns den Rau nicht ausgedacht, aber wir haben ihn selbst gewählt, beziehungsweise von einer obskuren Bundesversammlung wählen lassen, weswegen wir es im Zweifel auch nicht gewesen sind. Wir bräuchten uns also unserer Bundespräsidenten nicht zu schämen, tun es aber doch. Weil wir nämlich Puritaner sind. Puritaner sind zwar auch stolz auf das, wofür sie nichts können, aber sie schämen sich wenigstens dafür. Und darauf sind wir sogar ein klein wenig stolz. Die Engländer zum Beispiel. Wie Mikes mitteilt, äßen sie genauso gerne wie die Franzosen, aber anders als diese seien sie darauf nicht stolz, sondern schämten sich dessen. Hingegen seien sie stolz darauf, keine Fremdsprachen zu erlernen. Denn dafür könnten sie ja was.

Ganz richtig. Wir zum Beispiel sind stolz darauf, noch nie etwas von Apple gekauft zu haben. Wir würden uns schämen, damit in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Und wenn wir heimlich damit spielen würden, würden wir uns erst recht schämen. Das ist bei uns Puritanern nun mal so. Einmal saß ich im Zug neben einer schönen Frau, die war jung und entfachte mein Begehren, und ich schämte mich heimlich dafür. Nach außen tat ich, als wäre nichts, und wir unterhielten uns über dies und das, und kamen vom Hölzgen aufs Stöcksgen, und vom Stöcksgen auf ihre Schwangerschaft, und von ihrer Schwangerschaft auf den iPod auf ihrem Bauch, und sie gestand mir ihre Liebe zu Apple-Produkten. Da legte sich Asche auf meine Glut, und ich schämte mich doppelt. – Anderen mag es anders gehen. Mancher würde nichts anfassen, was Bill Gates schon mal in der Hand gehabt hat. Das kann ich auch verstehen. Ist ja auch ok. Kann ja jeder machen.

Jetzt aber: heute, drei Bundespräsidenten weiter. Oder genauer: vor ein paar Tagen. Da geht um die Welt, daß der Chefkoch von Apple, Tim Cook, ebenfalls kein Puritaner ist. Er ist stolz, was wohl heißt, er war schon immer stolz, nicht erst seit ein paar Tagen. Aber vorher war er es heimlich. Jetzt ist er es öffentlich. Jetzt ist er sozusagen Franzose, was seinen Stolz angeht, und stolz darauf. Vorher war er Engländer.

Ja und? – Ja, genau, sehr richtig! Ja und?!

Aber “Ja und?” fragen heißt, nicht verstanden haben, daß man selbst aber Deutscher ist. In Deutschland gibt es kein “Ja und?”! Das muß jetzt erstmal ausdiskutiert werden. Ist es etwa in Ordnung, wenn jemand sagt, Franzose zu sein sei das größte Geschenk, das Gott ihm gemacht habe? Also quasi: Epikuräer zu sein? Und stolz darauf obendrein? Was sollten denn da die Engländer sagen?

Lassen Sie mich dazu sagen, daß es egal ist, was die Engländer dazu sagen. Sie könnten es ja ohnehin nur auf Englisch sagen, und auch das – wenn man Herrn Mikes glaubt – nicht besonders fehlerfrei. Außerdem muß so etwas in Deutschland entschieden werden. Nur wir haben den nötigen sittlichen Ernst. Der Engländer würde es vermutlich als Geschenk Gottes betrachten, kein Franzose zu sein, und ich, als zum Schiedsrichter berufener Deutscher, sage dazu: Muß es denn immer so konfrontativ zugehen? Kann man sich nicht irgendwo in der Mitte treffen? Wie wäre es denn mit den Kanalinseln?

Wichtig ist mir bei der ganzen Angelegenheit, festzuhalten, daß es keinen Grund gibt, seine Einstellung gegenüber den Produkten der Firma Apple zu ändern. Weder in diese, noch in jene Richtung. Wenn Tim Cook nun hergheht, und seinen großen Vorbildern Robert Kennedy und Martin Luther King nacheifert, indem er benachteiligten Minderheiten durch die Produkte seiner Firma zu mehr Gleichberechtigung verhelfen will, Schwulen etwa, dann habe ich so einen schwachen, aber hartnäckigen Verdacht, mangelnder Zugang zu Glitzergadgets und überteuren Handschmeichlern sei nicht das Kernproblem ausgerechnet dieser Minorität. Und auch beim Zugang der NSA zu Apples diversen Clouds dürfte sich die Diskriminierung schwuler User in gut überschaubaren, hervorragend ausgeleuchteten Grenzen halten. Nein, man mache weiter wie bisher. Derjenige, dem Gott das große Geschenk gemacht hat, trendigem Gelifestyle ablehnend bis indifferent gegenüberzustehen, der tue das. Wer andersrum ist, der bedenke, daß elektronische Orientierung nichts naturgegebenes ist. Es ist nicht unnatürlich, Apple cool zu finden. Es ist aber auch nicht natürlich. Es hat mit Veranlagung nichts zu tun. Es ist eine Frage des Willens. Man hat die Wahl. Wer es wirklich will, kommt davon los. Wer zu schwach dazu ist, findet Hilfe in Therapiegruppen. Wüstenstolz zum Beispiel, oder Wüstenrot oder wie die heißen. Dort wird er beraten. Ergebnisoffen, wie sich von selbst versteht. Eine Sünde ist es schließlich nicht, einen iPod auf dem Bauch liegen zu haben und ihn verliebt zu betatschen. Warum sollte es? In der Bibel findet sich schließlich kein Wort zu Apple.

Wer es dann geschafft hat, wird sehen, wie stolz er auf sich sein wird. Und warum auch nicht? Raus Segen hat er. Asche legt sich auf sein Begehren. Das Leben wird langweilig. Gehaltvoller, wollte ich sagen. Gottgefälliger. Tiefer.

Die frühen Nachkriegsengländer, berichtet Mikes, hätten ihr Begehren nach diesen coolen Lifestyle objects, die man Fernseher nannte, und die sich die Mittelschicht überhaupt nicht leisten konnte, unter der Asche des angeblich freiwilligen Verzichts auf dieselben begraben, und in diese Asche – wie es Puritanern wohl ansteht – die Standarte des Stolzes gerammt, genau wie nebenan in den krautigen Acker fehlender Französischkenntnisse. Fünfzig Jahre später war aus dem Objekt der Begierde der Unterschichtsmarker geworden, der das Fernsehen heutzutage nun einmal ist. Um des lieben Distinktionsgewinns, und um mich von den Puritanern abzusetzen, die zuhause angeblich keinen Fernseher mehr haben (steht im Flur im Einbauschrank und wird zur Weltmeisterschaft rausgeholt) und bei Bedarf auf den Fernseher im Büro zurückgreifen (nur aus dienstlichen Gründen!), und weil ich stolz darauf bin, kein Anthroposoph zu sein, und nicht mit einem Anthroposophen verwechselt werden will, habe ich mittlerweile drei Fernseher. Und ich schäme mich dessen nicht. Aber was ich sagen wollte: fünfzig Jahre haben genügt. Warum sollte es dem iPhone nicht irgendwann auch so gehen?

Wird schon. – Etwas anderes ist es um unsere Geschlechtlichkeit, in all ihren Spielarten. Sie ist schon länger auf der Welt als fünfzig Jahre, aber zum zuverlässigen Unterschichtsmerkmal hat es bei ihr noch nicht gereicht, trotz etlicher Versuche von puritanischer Seite, den Quatsch ganz bleiben zu lassen. Das ist nicht so einfach. In seinem berühmtesten Zitat sagt George Mikes den Engländern nach, anstelle von Sex Wärmflaschen zu haben – aber “anstelle von” ist ja etwas anderes als “Verzicht auf”. Mikes’ Behauptung – die, versteht sich wohl, auch gelogen ist; schließlich ging es ihm nur ums Witzereißen – ist nichts anderes als Diskriminierung einer Minderheit, die ihr Begehren anstatt auf zufällige Zugbekanntschaften auf Gegenstände richtet, sogenannte Fetischisten. Das tut man nicht! Man diskriminiert keine Minderheiten. Nachher geht noch einer hin und schreibt einen herablassenden Artikel über Leute, die sich mit Apple-Gelump umgeben.

Das gehört sich nicht. Daher: nichts gegen Wärmflaschen! Wer eine hat, der sei getrost auch stolz auf sie!

Ich persönlich habe Stücker drei.

Unbehagen

Bundespräsident Gauck hat Unbehagen darüber geäußert, daß das Volk der Thüringer drauf und dran ist, einen Mann zum Ministerpräsidenten gewählt zu haben, der für alle Verbrechen der DDR verantwortlich zu machen ist, weil er sie nicht verhindert hat. Anders als Gauck, der sie verhindert haben würde, wenn er an Ramelows Stelle gewesen wäre, und der ihnen ja letztlich auch ein Ende machte. Was hingegen Ramelow getan haben würde, wäre er an Gaucks Stelle gewesen, mag man sich gar nicht vorstellen. Es disqualifiziert ihn auf jeden Fall eventuell. Schlimmer aber scheint das Volk zu sein, das ihn wählte:

“Naja, Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind,” sagte Gauck im Bericht aus Berlin, “die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren. Diese Thüringer! Hat nicht Albrecht der Entartete mal versucht, Thüringen an Erfurt zu verkaufen, um seine Kriegskasse aufzubessern? Und es dann an den deutschen König verkauft? Aber wir sind in einer Demokratie. Wir respektieren die Wahlentscheidungen der Menschen und fragen uns gleichzeitig: An wen wird der Mann, der Thüringen als Ministerpräsident regieren soll, seine Untertanen demnächst verkaufen? Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von jener entarteten SED, die nicht nur Thüringen, sondern Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Vorpommern, die Haupstadt der DDR und nicht zuletzt Mecklenburg Stück für Stück, Häftling für Häftling um schnöde Devisen an das feindliche Westdeutschland zu verkaufen suchte, ehe ich und die anderen Kirchenleute und das Neue Forum und ich ihr in den frevelnden Arm fielen?”

“Ich frage mich das, und wie man an der Frage schon hört, ist es nicht so. Fünfundzwanzig Jahre nachdem ich zusammen mit dem Neuen Forum und den anderen Kirchenleuten – nicht zu vergessen meine Wenigkeit – die SED in die Wüste gepredigt habe, wäre es verkehrt, einen Mann, der nicht nur kein Thüringer, kein Sachse, kein Anhalter, kein Pommer, kein Brandenburger, kein Bürger der Hauptstadt der DDR und kein Mecklenburger ist, und der noch nicht einmal in der SED war, zum Ministerpräsidenten zu machen. Das wäre so, als hätte man 1970 in der damaligen Bundesrepublik einen Mann zum Ministerpräsidenten gemacht, der nie in der NSDAP gewesen ist. Undenkbar! Klug hatte man statt dessen schon fünf Jahre zuvor dafür gesorgt, daß ein ehemaliges NSDAP-Mitglied Bundeskanzler werden und auf diese Weise das zerrissene Land versöhnen konnte. Aber können wir einer Partei, die in drei Bundesländern an der Regierung beteiligt war, zum Teil noch ist, die ein halbes Dutzend Landräte und eine handvoll Oberbürgermeister stellt, und das zum Teil seit Jahren, so daß es eigentlich überhaupt nicht erwähnenswert wäre, wenn sie nun auch noch einen Ministerpräsidenten verantwortet, aber ich bin nun einmal gerade bei der ARD und höre mich gerne reden und liebgewordene Selbstverständlichkeiten rhetorisch infrage stellen – können wir dieser Partei voll vertrauen? Das frage ich uns, und an der Frage hört man schon, so meine ich, daß es nicht so ist.”

“Denn gibt es überhaupt Parteien, denen man voll vertrauen könnte? Auch wenn man nüchtern wäre? Unabhängig davon, ob man es sollte?”

Es gibt Teile in dieser Rede des Präsidenten, wo man – wie bei vielen anderen seiner Reden auch – Probleme hat, volles Vertrauen in seine Ohren zu entwickeln.

Der Vorsitzende des Käsdorfer Donnerstagsstammtisches, Gero, hat Unbehagen darüber zum Ausdruck gebracht, daß das Volk zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt in brüderlichem Zusammenhalt, jedenfalls mehrheitlich, einen Mecklenburger zum Bundespräsidenten gewählt hat. “Naja, Menschen, die – wie ich – die DDR aus dem Westfernsehen kennen und kannten, und die in meinem Alter waren und sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um das zu akzeptieren. Aber wir sind – und wir für unser Teil waren schon damals – in einer Demokratie. Wir respektieren die Fehler, die die Menschen in der DDR machen und machten. Und sie machten Fehler! Sie glaubten zum Beispiel, daß man dem Westfernsehen über den Weg trauen dürfte. Und sie machen auch heute Fehler, wenn sie etwa glauben, daß man einem Bundespräsidenten aus ihrer Mitte über den Weg trauen sollte. – Aber bei allem Respekt fragen wir uns gleichzeitig, ist dieses Volk, das da den Bundespräsidenten stellt, schon so weit weg von den krausen Vorstellungen, die es einst hatte? Zum Beispiel, daß es das Volk sei? Und also was zu sagen hätte und in Zukunft haben würde?”

“Man muß ja bedenken – das heißt, wenn man das kann; nicht jeder kann es. Wo kommen Sie her, aus dem Westen? – Gut, dann könnten und sollten Sie bedenken, daß die Menschen im Osten es ja nicht gewohnt waren, selbst zu denken. Sie wußten, daß für sie gedacht wurde und sie selbst sich um nichts zu kümmern brauchten. Sie lernten es nicht, das selbständige Denken, weil sie es nicht lernen mußten und auch nicht lernen wollten und es in der Folge nicht lernen konnten. Und es ja auch nicht lernen sollten und jedenfalls nicht taten. Sind fünfundzwanzig Jahre, in denen sie auf sich selbst gestellt waren, wirklich schon genug, um siebenunddreißig Jahre Westfernsehen aus den Köpfen zu vertreiben, so daß wir ihnen voll vertrauen können?”

“Und es gibt Köpfe in diesem Volk, wo ich – wie viele andere auch – Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln, weiß der Kuckuck! Sollte man denen nicht, im Falle daß sie über die Stränge schlügen und es mit der Eigenverantwortlichkeit übertrieben, eine Autorität zur Seite oder vor die Füße oder auf den Kopf stellen, die sie zur Ordnung riefe und mit väterlichem Tadel auf den Pfad der Tugend zurückquasselte, wenn ihnen die Freiheit nicht bekäme? Und sie beispielsweise wählten wen sie wollten? – Und erlebe ich nicht gerade dieser Tage im Netz – und zwar sowohl im Westnetz wie auch im Internet der DDR – einen heftigen Meinungsstreit: Ob nicht gerade der Vogel Gauck das beste Beispiel für den Bedarf an seinesgleichen und die Rechtfertigung der Existenz von Typen wie ihm sei?”

“Ein perfektes perpetuum mobile. Eine Kuckucksuhr, die sich durch ihr Geschrei immer wieder selbst aufzieht.”

Sein Stammtischbruder und Kollege Germanistenfuzzi hingegen gab auf gleicher Sitzung ein anders geartetes Unbehagen zu Protokoll, Unbehagen gleichwohl. Und zwar bezüglich des Paars Thüringer Bratwürste, die ihm der Wirt des Pilgrimhauses, Louis, auf seine Bestellung hin nebst Kartoffelsalat und Garnitur neben das Bierglas gestellt hatte. “Naja, Menschen, die Louis’ Kochkünste erlebt haben, und die – nicht unbedingt in meinem Alter sind, das muß nicht sein, die ihn aber schon genauso lange kennen wie ich, es gibt ja Jüngere, die kennen ihn schon länger; ich meine Leute, die noch Andi den Zonenkoch als Küchenchef erlebt haben, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um Louis als Koch zu akzeptieren. Aber wir sind – als Stammtisch zumal, aber auch jeder einzelne – der Idee der Freiheit verbunden und respektieren es, daß einer sich die Kante gibt, wenn er sich die Kante geben möchte. Auch dann, wenn er in der Küche steht und um die Mägen seiner Gäste besorgt sein sollte. Oder wenn er etwa Bundespräsident wäre, und sich um die geistige Unversehrtheit seiner Untertanen bekümmern sollte. Aber ich frage mich gleichzeitig: Ist diese Thüringer Bratwurst bereits so weit entfernt vom Zustand der Rohheit, die sie einst hatte, als rohe Schlachterhände ihr das Brät in den Darm stopften? Kann ich dieser Wurst voll vertrauen? Und es gibt Teile in dieser Wurst, zum Beispiel dieser Abschnitt hier: da, etwa zwischen Etsch und Belt, wo ich – und ich bin sicher, wie mir ginge es vielen – Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln.”

“Und ich frage mich: sind diese Thüringer schon soweit durch, daß man sie auf die Menschheit loslassen könnte?”

Vater von Android verläßt Mutter von Android, weil die das Gör überhaupt nicht im Griff hat

Der Vater von Android, Andy Rubin, verläßt Mutter und Tochter und sieht sich nach einem neuen Zuhause um. Es ging nicht mehr. Es geht, wie in so vielen Familien, um die völlig falschen Vorstellungen, die die Mütter, so die Väter, bzw. die Väter, so die Mütter, von Erziehung der gemeinsamen Kinder haben. Die Kinder kriegen das natürlich spitz, spielen Vater gegen Mutter und Mutter gegen Vater aus, lachen sich ins Fäustchen und machen, was sie wollen.

So auch Android. Allerdings ist der Vater davon überzeugt, daß in ihrem Fall die umtriebige Mutter die treibende Kraft hinter dem töchterlichen Treiben seiner Tochter ist, die sie in allen Unarten bestärkt, als wenn das nötig wäre, und die ihr die meisten Flausen überhaupt erst in den Kopf gesetzt hat, als wenn sie nicht selbst von Haus aus genug von der Sorte hätte. Wie oft hat der Vater nicht zur Tochter gesagt, sie solle nicht jedesmal, wenn jemand sie irgendwo berühre, z.B. Germanistenfuzzi mit seinen unegalen Fingern, dazu ansetzen, aus dem Stand und ohne nachzufragen, Google Now herunterzuladen. Hundert mal? Tausend mal? Wenn nicht mehr als tausend mal, dann doch jedenfalls irgendwas dazwischen.

Hilft natürlich nichts. Ebensogut könnte er ihr predigen, daß sie die Kühlschranktür nicht einfach nur zufallen lassen soll, sondern richtig fest andrücken. Die fällt nämlich nicht von alleine zu. die bleibt einen Spalt weit offen stehen, und hinterher wundert man sich, wieso der Kühlschrank schon wieder vereist ist. Das tut natürlich keine Tochter, aber was sagt diese Mutter, anstatt den Vater bei seinen Philippiken zu unterstützen? – “Hör gar nicht hin! Laß ihn einfach reden. Das hört ganz von selbst wieder auf. Du brauchst nicht jede App, die du einmal geöffnet hast, jedesmal wieder zu schließen. Ganz besonders meine Apps nicht. Die schließen sich von ganz alleine. Und wenn nicht, was solls? – Stromverbrauch, Stromverbrauch, Stromverbrauch – Strom ist nicht alles im Leben. Google Now ist viel wichtiger.”

“Also, wenn dich einer irgendwo anfaßt, fängst du an, Google Now herunterzuladen.”

Welfenspeise

Als es in der Flüchtlingsunterkunft im siegerländischen Burbach zu – wie soll man sagen? Zwischenfällen? Zwischenfall klingt so nichtssagend, das kann alles sein – als es in der Burbacher Flüchtlingsunterkunft zu Incidents kam – nein, falsch! als es in der Flüchtlingsunterkunft zu Incidents kam, an denen Wachleute einer Firma mit dem absolut vertrauenszerstörenden Namen “European Home Care” beteiligt waren, da passierte noch gar nichts. Erst als in der Presse über einen youtube-Beitrag berichtet wurde, der in einem gewissen Zusammenhang mit den Incidents in der Unterkunft stand, an denen, nicht zu vergessen, auch Bewohner der Unterkunft beteiligt waren, darunter Bewohner wenig vertrauenswürdiger Herkunft (aus Ländern, Staaten, failed states, die ihre eigenen Bürger außer Landes treiben), erst dann passierte etwas. Dann wurde nämlich – und zwar zurecht – darauf hingewiesen, das die Incidents zwar durch nichts zu rechtfertigen seien, gar keine Frage, daß man aber auch die andere Seite der Medaille sehen müsse, daß nämlich an den Incidents nicht nur Wachleute beteiligt gewesen seien, sondern auch Bewohner, darunter sogenannte Pappenheimer, die man bei kleinem kenne, und die jedesmal dabei seien, und daß es geradezu verwunderlich sei, daß es bei der Masse an Incidents in den Unterkünften nicht häufiger zu solchen – wie solle man sagen? Zwischenfällen? – Vorkommnissen komme.

Nun waren ganz ähnliche Töne zu vernehmen, Töne, wie man sie vornehmlich von Stammtischen her kennt, so daß es nicht zu verwundern ist, wenn sie – und zwar gestern abend – am Käsdorfer Donnerstagsstammtisch laut wurden. Der Kollege Germanistenfuzzi kolportierte, daß seine – wie soll man sagen? Gespielin? – Lebenspartnerin, Frau Tausendschönchen, welche im Seniorenheim am Ende des Pfaffenackers demente Herrschaften betreut, Augen- und Ohrenzeugin eines ganz ähnlichen Incidents geworden sei. Es sei da nämlich eine Dame wohnhaft, die nicht mehr sehr orientiert sei, nicht wisse, wo sie sei und warum, und nicht verstehe, was man von ihr wolle und warum man ihr ständig mit irgendwas in den Ohren liege. Diese Dame nun habe – sie bekomme alles Essen püriert; denn sie brauche sehr lange zum Essen, sehr lange; sei es, daß sie immer wieder vergesse, was sie gerade tue oder tun solle, sei es, daß ihr Gemüt nicht mehr so beschaffen sei, sie rechtzeitig gewahr werden zu lassen, was es als nächstes zu tun gelte, kauen? Oder schlucken? Oder mit dem Finger einer imaginären Linie auf der Wachstuchdecke folgen und dazu verträumt vor sich hin summen? Jedenfalls verspreche sich das Wachpersonal der Betreiberfirma – ein Unternehmen mit dem nicht mehr sehr vertrauenerweckenden Namen ‘Diakonie’ – von der Pürierung eine Beschleunigung des Nahrungsaufnahmeprozesses, da man zum Füttern eines Menschen mit Pamp nur eine Hand, ein Lätzchen sowie die Bereitschaft brauche, mit der anderen Hand die Würde des Betreuten anzutasten. Wenn es zum Abendessen also Kartoffelsalat mit Würstchen gebe, und Kakao zum Trinken, dann bekomme die Dame pürierte Würstchen mit püriertem Kartoffelsalat und püriertem Kakao – aus einem Napf, sehr wohl gemerkt. Es schmecke diese Pampe, es sei nicht anders zu erwarten, gotteslästerlich, und sie sehe auch gotteslästerlich aus. Er habe früher seinem Großvater beim Füttern der Schweine zugesehen, erzählte Germanistenfuzzi, der habe aus einem alten Großküchenmayonneseeimer irgendein Mehl in den Trog gekippt, und aus einem alten Großküchensenfeimer Wasser hinterdrein, und die Schweine hätten sich auf den Trog gestürzt wie nicht gescheit.

Er habe einmal ausprobieren wollen, ob sie wirklich nicht gescheit seien, und habe den Pamp probiert, woraufhin eine der Töchter des Opas, seine Mutter, schier unsinnig habe werden wollen, weil in jenen Tagen in jener Gegend die Maul- und Klauenseuche gewütet habe, allerdings nur beim Rindvieh. Darum sei ihm auch weiter nichts passiert, außer, daß mehr als ein Mannesalter später Frau Tausendschönchen, der er davon erzählte, ihn eine Woche lang nicht hatte küssen wollen. Als trüge er das Virus nach wie vor auf den Lippen. Der Pamp habe ein wenig nichtssagend geschmeckt, und die Frage, ob die Schweine seines Großvaters gescheit gewesen seien oder nicht, habe unentschieden bleiben müssen.

Anders als das Schweinefutter sei die Pampe aus dem Seniorenheim aber für den menschlichen Genuß nicht geeignet, und anders als der Schweinezüchter, der wisse, daß das Schwein nur dann das gewünschte Gewicht ansetze, wenn ihm sein Futter schmecke, gehöre das Wachpersonal im Seniorenheim der Schule ‘Gegessen wird, was auf den Tisch kommt’ an.

Sei es aber nicht worden. Die Dame verfüge nicht mehr über die soziale Kompetenz, ein Essen wegen Ungenießbarkeit zurückgehen und sich den Küchenchef kommen zu lassen, aber sie verfüge noch über die grobmotorischen Fähigkeiten, einen Napf mit Pampe vom Tisch zu werfen. Das habe sie getan, damit auch dem Wachpersonal verständlich kundtuend, daß sie mit dem Hauptgang fertig sei. Ihr Griff nach der Welfenspeise, die der Küchenchef als Nachtisch vorgesehen hatte, sei von der empörten Wachfrau, die bis dahin versucht hatte, sie mit einer Hand zu füttern und mit der anderen Hand dem Herrn zur anderen Seite das Messer wegzunehmen, mit dem dieser bis dahin den Kartoffelsalat zum Munde geführt hatte und von dem ihm das Würstchen immer wieder herunterrollte, so daß er es schon aufgeben wollte – von dieser Wachfrau, auf deren Kittel ein Großteil der Pampe gelandet war, wurde der Griff der alten Dame nach der Welfenspeise vereitelt.

Auf die verblüffte Frage von Frau Tausendschönchen, was das denn bitte schön solle, versetzte die Wachfrau, daß es den Nachtisch nur für die Leute gebe, die ihren Teller leer gegessen hätten. Und auf die Vorhaltung, es sei aber doch kein Teller, sondern ein Napf, und der sei nunmehr leer, ward ihr Bescheid, sie, die Wachfrau, kenne ihre “Pappenheimer”. Das sei “bei denen” immer so. Wenn es “nach denen” gehe, würden die nur Nachtisch essen.

Ja und?

Das gehe nicht. Sie trage schließlich die Verantwortung. Es müsse im Anschluß an das Essen dokumentiert werden, was die Bewohner zu sich genommen hätten; der mediznische Dienst der Krankenkassen, der alle naslang unangekündigt daherschneie und die Dokumentation prüfe, verstehe in der Hinsicht keinen Spaß.

Aber es würden doch nur Kalorienzahl und Flüssigkeitsmenge dokumentiert, nicht aber, ob Hauptgang oder Nachspeise?

Das sei egal. Es komme nicht infrage, daß einer nur Nachtisch esse. Das sei auch ungesund. Es komme schließlich nicht nur auf die Kalorien an, man brauche auch Eiweiß, Mineralien, Spurenelemente, Vitamine und Ballaststoffe.

Was sie denn dann jetzt dokumentieren wolle, nun, da die Dame gar nichts gegessen habe?

200 kcal und 150 ml Flüssigkeit, das sei Standard, wenn einer gar nichts esse. Damit sei der medizinische Dienst zufrieden und es komme nicht zu Nachfragen. Wenn es erst zu Nachfragen käme könne, wessen Kürzel im Computer stehe, gleich ins Büro gehen und sich die Papiere holen. Bei Nachfragen des MDK nämlich verstehe die Geschäftsleitung keinen Spaß.

Auch keinen Spaß, erzählte Germanistenfuzzi weiter, verstehe der medizinische Dienst anscheinend, wenn die Senioren nicht ausreichend mit geistiger Anregung konfrontiert würden. Folgende Situation habe sich anderntags ergeben, da habe Frau Tausendschönchen, die für die geistige Anregung der Herrschaften zuständig sei, einer anderen Bewohnerin, einer gelähmten Frau, die in der Folge auch nicht sprechen, sondern nur nonverbal zu verstehen geben könne, ob eine Maßnahme ihren Beifall finde oder nicht – sie könne zum Beispiel lächeln oder gequält dreinschauen -, in ihrem Zimmer, in dem sie, die vor einem schweren Unfall Gambistin gewesen sei, eine kleine Sammlung von CDs mit alter Musik habe – von der sie aber nichts habe, da sie die Tasten ihres CD-Players nicht drücken könne, geschweige denn eine CD aus der Hülle nehmen -, dieser Bewohnerin habe Frau Tausendschönchen langsam die Titel der CDs vorgelesen, einen nach dem anderen, und dann, als das ablehnende Zucken des rechten Mundwinkels, mit dem die Bewohnerin ihre Uneinverstandenheit zu signalisieren pflege, erstmals ausgeblieben sei, die CD in den Player getan, den Verstärker auf moderate Lautstärke gestellt und die Bewohnerin mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Madrigale Monteverdis im Ohr sich selbst überlassen.

Kurze Zeit später habe sie die Bewohnerin im Rollstuhl auf dem Flur gefunden, das gequälte Gesicht zur offenen Tür der Wachstube gerichtet, aus der mit ca. 60 Dezibel die – was soll man dazu sagen? Musik? – Höllengesänge Wolfgang Petrys ins Freie gespült worden seien. Ja, man habe die Bewohnerin aus ihrem Zimmer geholt, habe die diensttuende Wachfrau gesagt und sich ein neues Schüsselchen mit Welfenspeise genommen, die am Vortag übrig geblieben war und irgendwie den Weg in die Wachstube gefunden hatte, und sie – die Bewohnerin – auf den Flur gestellt, damit sie “ein wenig Abwechslung habe”. Der medizinische Dienst sei im Haus, und der sehe es gar nicht gern, wenn Bewohner einfach so, ohne geistige Anregung, sich selbst überlassen würden. So habe sie sie auch unter Kontrolle und könne jederzeit nachschauen, was für ein Gesicht sie mache und ob es ihr auch gut gehe. Auch sei es nicht erlaubt, Nahrung, die die Bewohner nicht zu sich genommen hätten, zu essen. Diese müsse vielmehr der Vernichtung zugeführt werden. Weswegen es nett wäre, wenn Frau Tausendschönchen, die auf ihrem Weg auch an der Küche vorbeikomme, die leeren Schüsselchen, drei an der Zahl, dorthin mitnehmen würde, denn wenn der MDK die Schüsselchen auf der Wache fände, könnte sich die Wachfrau auch gleich ihre Papiere aus der Verwaltung holen.

Frau Tausendschönchen, die auf ihrem Weg auch an der Verwaltung vorbeimußte, habe angeboten, diese gleich mitzubringen, und habe die Schüsselchen wie auch die Wächterin mit offenem Mund und ohne geistige Anregung sich selbst überlassen, berichtete Germanistenfuzzi. Dann bat er Louis den Wirt, ihm das ‘Handbuch des deutschen Stammtisches’ zu bringen, blätterte ein wenig darin, tat, als hätte er eine gesuchte Stelle gefunden, und deklamierte:

“Wo kämen wir den hin, wenn jeder machen wollte, was er will! Das kann doch niemand wollen. Das ist doch auch gar nicht machbar. Der eine will Frank Sinatra hören, der andere Elvis Presley. Der dritte Glenn Miller. Und dann? Was wäre das Ergebnis? Höllenlärm. Da muß man sich halt mal einigen. Am besten auf einen, den niemand hören will, dann wird keiner bevorzugt. Zum Beispiel auf – warum denn nicht? – Wolfgang Petry. Aber wenn man sich dann auf Wolfgang Petry geeinigt hat, dann muß das auch gelten, und zwar für alle. Dann kann nicht einer hergehen und sagen, er will Monterosso hören.”

Monteverdi.

“Oder Monterossi. Auch eine ehemalige Bratschistin kann das nicht.”

Gambistin.

“Ehemalige. Ehemalige Gambistin. Die auch nicht. Denn keiner ist besser als der andere. Und nur, weil einer sich nicht mehr bewegen kann, ist er noch nichts Besonderes. Der andere kann vielleicht nicht mehr gut hören. Der hat es auch nicht leicht. Der zwingt deswegen den Leuten seinen antiquierten Musikgeschmack auch nicht auf.”

Wer bitte tut das denn?

“Es ist doch mal so: es muß doch etwas geben, was für alle gilt. Es muß doch einen geben, der sagt, wo es lang geht. Das ist nicht anders als beim Militär. Und die anderen müssen gehorchen. Denn der trägt ja dann auch die Verantwortung. Zum Beispiel gegenüber dem MDK. Oder der obersten Heeresleitung! Was wäre denn gewesen, wenn der Befehl, die Stadt Stalingrad bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, nicht befolgt worden wäre? Wenn jeder sein Gewehr weggeworfen hätte, und versucht hätte, auf eigene Faust zu überleben? Mord und Totschlag wären die Folge gewesen.”

So auch.

“So auch, das ist schon richtig. Aber diszipliniert und ohne Chaos. – Und die vielen Landser, die später mit allen möglichen Behinderungen im Pflegeheim gelandet sind, die hatten es nicht so leicht, wie unsere Alten heute! Da gab es nicht jeden Abend Kartoffelsalat mit Sülze!”

Würstchen.

“Auch nicht! Auch nicht mit Würstchen. Das hat es früher einfach nicht gegeben, daß man gutes, deutsches Essen vom Tisch geworfen hat. Da hatte man noch Ehrfurcht vorm Leben!”

Vorm Leben?

“Und vorm Tod auch! Das Schwein hat ja sein Leben gegeben, für das Würstchen. Und die Kakaobohne. Und sie fegt es so einfach vom Tisch.”

Germanistenfuzzi!

Ja?

Halt die Klapppe!

Nicht meine Worte. Steht so im Handbuch.

Klapp’s zu!

Gleich.

Nicht gleich, jetzt!

Sofort.

“Alles was ich sagen will ist: es ist nicht immer nur das Wachpersonal. Es sind auch die Bewohner. Da sind üble Zeitgenossen dabei. Die schon immer üble Zeitgenossen waren. Zum Beispiel ehemaliges Wachpersonal. Die werden ja nicht plötzlich Engel, nur weil sie alt und siech werden.”

Warum eigentlich hat man …

“Wenn da die oberste Heeresleitung nicht von Anfang an für Disziplin sorgt …”

… die Welfenspeise nicht mit in den Kartoffelsalat gequirlt?

Und das Würstchen.

Und das Würstchen?

Und den Kakao.

Und den Kakao?

Ich nehme an, weil dann auch die Welfenspeise für den menschlichen Genuß verloren gewesen wäre. So hat man immerhin sie retten können.

Eines müsse ihm im Leben noch gelingen, sinnierte Germanistenfuzzi bei einer mitternächtlichen Welfenspeise – die Louis überraschenderweise aus irgendeinem Reptilienfonds herbeigezaubert hatte -, ehe sich die Pforten eines Seniorenheimes hinter ihm schlössen und er alle Hoffnung fahren lassen werde. Denn daß die gesellschaftliche Attitüde gegenüber der Altenaufbewahrung und derer zulässigen Kosten sich grundlegend ändern werde, sei ja eher nicht zu erwarten. Es müsse ihm gelingen zu ertauben, solange er es in der eigenen Hand habe, wovon er taub werde. Mit den Augen sei er ja mittlerweile gut zu Fuß, dorthin, wo er das Elend eines Tages nicht mehr werde mitansehen müssen, weil nicht können, aber schwerhörig sei er noch nicht. Der Schwiegersohn seines Opas, sein Vater, ja, der sei schwerhörig gewesen. Der habe es nur nicht wahrhaben wollen, und habe ebenso steif wie fest behauptet, nicht schwerhörig zu sein. Sei er aber doch gewesen. Er, Germanistenfuzzi, hingegen nicht. Anderslautende Bezichtigungen seien üble Nachrede seitens Frau Tausendschönchens. Er höre sehr gut, wenn auch selektiv.

Aber wenn erst die Generation Wacken oder die Generation Berghain die Mehrheit der Bewohner der Seniorenheime stellen werde, wolle er nicht als Seniorgruftie dazwischensitzen und sich deren dann antiquierten Musikgeschmack aufzwingen lassen. Dann sei es mit selektivem Hören nicht mehr getan. Dann gehe es ans Eingemachte. Dann zähle er auf Taubheit.

Denn was immer man gegen die – wie solle man sagen? Qualitäten? – Qualqualitäten eines Wolfgang Petry vorzubringen habe, es sei ja nicht so, daß diese nicht noch steigerbar wären.