Qualitätsvorschläge zur Güte II

Und wenn wir es so machen?

Mit der Garnisonkirche in Potsdam kann man es keinem recht machen. Den einen ist sie zu preußisch, den anderen zu militaristisch belastet, den dritten zu völkisch und den vierten zu sehr von der DDR gesprengt. Um es allen recht zu machen, müßte man sie wieder aufbauen, nicht wiederaufbauen sowie den Wiederaufbau und den Nichtwiederaufbau mit architektonischen Mitteln thematisieren.

A bwwwrrrwwwwbbbbrrrwwww! Brrrllllbbbbrrrrrwwwbbbbrrrrllllbbbbb! Mit architektonischen Mitteln? Thematisieren?

Dann doch lieber wiederaufbauen, wenn Sie mich fragen. Also los, fragen Sie mich! – Danke, sehr schmeichelhaft! – Hier ist mein Vorschlag: die 100 Millionen für den Wiederaufbau werden lockergemacht. Die Kirche wird wiederaufgebaut. Anschließend aber wird sie, damit der unselige protestantisch-/preußisch-/kriegstreiberische, Hindenburg-Hitler-Handschlagartige Verstrickungsknoten um das Gemäuer mit einem Hieb für alle Mal durchtrennt wird, und damit der emeritierte Bischof Huber sich ärgert, dem das bitter not und nur gut tun würde, an die alleinseligmachende, einzig wahre, heilige römische katholische Kirche zurückgegeben. Wegen deren größerer Nähe zum Widerstand gegen die Nazis – auch wenn dieser Größenunterschied im µm-Bereich angesiedelt ist -, und weil sie bis heute keinen Gauck hervorgebracht hat. Und zwar unter Brustschlagen und mea culpa-Gesängen, wenn ich bitten darf, die gefälligst so intoniert zu sein haben, als wären sie auch so gemeint.

Der apostolische Stuhl errichtet sodann ein neues Erzbistum Potsdam (Berlin soll sehen, wo es bleibt), und Tebartz van Elst wird der erste Bischof.

Mal sehn, ob die Befürworter dann immer noch mit dem Herzen am Wiederaufbau hangen.

Mageninhalt

Vier von Zwergwalen befehligte Fangschiffe haben vier japanische Häfen angelaufen und bei überfallartigen Landgängen nicht weniger als 51 Japaner eingepackt und mitgenommen. Das berichtet der Käsdorfer Metropolitan (KM) in seiner Montagsausgabe.

Hintergrund seien die Internationale Walfangkommission und das von ihr initiierte Moratorium für kommerzielle Walfangquoten aus dem Jahr 1986. Japan unterläuft dieses Moratorium immer wieder, indem es für seine Walfängerei wissenschaftliche Gründe vorschiebt. Auch die Zwergwale geben in einer Presseverlautbarung wissenschaftliches Interesse als Grund für die Mitnahme der Japaner an.

“Wir interessieren uns nur für deren Mageninhalt,” heißt es in der Bulle, die der KM in Auszügen abdruckt, “wir hegen keine kommerziellen Absichten. Japaner sind auf unseren Märkten sowieso nicht absetzbar. Weder gelten sie als Delikatesse, noch stärken sie die Manneskraft.” Man werde sie nur öffnen und sich den Mageninhalt ansehen, den Rest werde man über Bord werfen. Man rechne nicht damit, Verwandte im Mageninhalt zu finden, aber man könne ja nie wissen. Es seien nämlich Verwandte unter ungeklärten Umständen verschwunden. “Wir hoffen nicht, sie dort wiederzusehen, oder Teile von ihnen. Das hoffen wir ganz und gar nicht. Aber irgendwo müssen sie ja sein.”

Wenn man dennoch fündig würde, wäre eine neue Situation eingetreten, die man dann zunächst einmal würde bewerten müssen. “Würden wir auch,” wird der Kommandant eines Schiffes zitiert, “die Situation bewerten. Würden wir machen. Können Sie sich drauf verlassen. Aber erst einmal würde ich kotzen. Krill und Plastikmüll, soviel steht jetzt schon fest. Vielleicht einen Flipflop. – Sie interessieren sich für unseren Mageninhalt, sie interessieren sich für unseren Mageninhalt! Was hoffen sie denn, dort zu finden, in unserem Mageninhalt? Pinocchios Vater, samt Holztischchen und Talglicht? – “Wir interessieren uns für deren Mageninhalt!”

Könne ja sein, daß der eine oder andere Japaner seinen zweiten Flipflop wiederhaben wolle. “Kann ich verstehen! Kann ich gut verstehen, daß einer seinen Flipflop wiederhaben will. Ist ihm ja vielleicht ans Herz gewachsen, so ein Flipflop.”

“Geht mir nicht anders. Ich will meinen Jüngsten auch wiederhaben.”

Kluge Köpfe aus aller Welt machen um Deutschland einen großen Bogen, berichtet die WELT

Die WELT berichtet in einem Artikel über kluge Köpfe aus aller Welt, die um Deutschland einen großen Bogen machen, von klugen Köpfen aus aller Welt, die einen großen Bogen um Deutschland machen.

Schuld daran ist die WELT. Die WELT hat ein Bezahlmodell für ihre Online-Ausgabe entwickelt, das mit klugen Köpfen nicht kompatibel ist. So ist es beispielsweise möglich, sich durch einen Klick auf diesen Link besagten Artikel anzeigen zu lassen, tackert man hingegen “http://www.welt.de/sport/article131865117/Erotik-pur-Kickboxerin-laesst-alle-Huellen-fallen.html” in die Adresszeile, kriegt man das hier zu sehen. Und das nicht etwa deswegen, weil einen die huellenlose Kickboxerin nichts angehn würde – tut sie nicht, aber deswegen hat man ja nicht geklickt. Geklickt hat man zu Informationszwecken. Weil man wissen wollte, was eine Klickboxerin eigentlich ist. Pardon: Kickboxerin. Kann man aber nicht erkennen, weil sie ihre Berufskleidung abgelegt hat, und huellenlos sieht sie nicht anders aus als eine huellenlose Gärtnersfrau oder eine huellenlose Kranführerin oder eine huellenlose Ökotrophologin. Wer also schon einmal eine huellenlose Ökotrophologin gesehen hat, kann sich den Kick sparen. Pardon: den Klick -, sondern deswegen, weil man in diesem Monat angeblich schon 20 Artikel gelesen hat. Und nach 20 Artikeln gibt’s nichts mehr. Es sei denn, man käme auf einem Link dahergesegelt, und nicht durch die Vordertür, wie sich das gehören würde.

Klugen Köpfen ist das nicht vermittelbar. Kluge Köpfe, die mit dergleichen in Berührung kommen, gehen gleich weiter nach England, berichtet die WELT.

20 Artikel gelesen, ich glaub es ja wohl! Der Monat ist doch noch jung! Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine 20 Artikel auf WELT-Online gelesen. Ich hatte im Gegenteil Mühe, zwanzig unterschiedliche Artikel auf deren Homepage zu finden, die ich anklicken konnte, weil nämlich die huellenlose Kickboxerin alle oberen Plätze der Rubrik “Meistgelesene Artikel” blockierte. Und es scheint, daß Klicks auf Artikel, die man schon geklickt hat, nicht mitgezählt werden, Schlamperei! Hab ich meine Zeit gestohlen? Denn wenn sie sich bedanken für 20 gelesene Artikel, dann meinen sie nicht zwanzig gelesene Artikel, dann meinen sie zwanzig geklickte Artikel. Wer wird schon einen Artikel über eine huellenlose Kickboxerin lesen?

Ich habe ja nicht mal den Artikel über die klugen Köpfe gelesen, weil, interessiert mich das vielleicht? Nein, das interessiert mich nicht. Interessieren tat mich bloß die Überschrift, weil man die so schön auf den Kopf und damit auf die Beine stellen kann:

Kluge Köpfe aus Deutschland machen einen großen Bogen um die WELT.

Offener Brief

an den lieben Gott
im Himmel über Bückeburg

Lieber Gott,

eigentlich wollte ich mit diesem Brief gar nicht Dich behelligen, sondern ich wollte an den Obermotz der Lokführer geschrieben haben, dem ich vorschlagen wollte, sich von mir die Füße über offenem Feuer rösten, und mich zuschauen zu lassen zu lassen, wie das Fett aus seinen Fußsohlen tritt. Mit “Hallo Weselsky, alter Spasti!” hätte ich, wäre es zu dem Brief gekommen, ihn wahrscheinlich nicht angeredet, obwohl ich mir das ursprünglich so ausgedacht hatte, denn mir war noch rechtzeitig eingefallen, daß ich mich dadurch des höllischen Feuers schuldig machen würde, weil es ja heißt: “Wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Spasti! der ist eines höllischen Feuerchens schuldig. – Dochdoch, Matthäus 5, Vers 22b. – Außerdem kenne ich ein, zwei handvoll spastisch gelähmter Mitbürger, die mir sympathisch sind, bzw. die mir sympathisch waren, als Du sie noch nicht zu Dir gerufen hattest, und deren Andenken will ich nicht in den Staub gezogen wissen und ihnen diesen Vergleich ersparen. Und dann wäre es ja auch nur eine mäßig intelligente Retourkutsche gewesen, Weselsky mit einem Behindertenvergleich auf die Pelle zu rücken, viel besser ist es, ihn auf der kleinen Flamme seines eigenen Behindertenvergleichs zu rösten.

Obwohl mir die Retourkutsche als solche durchaus ein angenehmes Gefährt ist. – Apropos!

Apropos retour und apropos Kutsche! Es ist ja nicht so, daß ich auf Streiks grundsätzlich mit Unmut reagieren würde. Lufthansa-Piloten, beispielsweise. – Die wollen streiken? – Gott befohlen! – O pardon, nicht so gemeint! – Ich fliege nicht, wenn ich nicht dazu gezwungen werde, und mit etwas, das sich German Wings nennt, schon gar nicht. Ich glaube nicht, daß etwas, das sich German Wings nennt, etwas Seriöses sein kann. Eher schon ist etwas, das sich Back-Factory nennt, etwas Seriöses. Aber ich glaube nicht, daß es etwas Seriöses ist. Ich assoziiere bei dem Silbenpaar ‘Back-Fac’ immer Butt-Fuck, denk von mir, was Du willst! Mir geht es diesbezüglich wie dem Patienten im Rorschach-Test: wer hat denn den Schweinkram gemalt – er doch nicht! Jedenfalls, eine Butt-Fucktory ist ja wohl nichts Seriöses. Jedenfalls kaufe ich dort nichts. – Auch Weselsky würde meinen Unmut nicht weiter auf sich gezogen haben, hätten seine Krieger mich nicht heute Punkt 18 Uhr 4 aus dem Zug geworfen, und zwar in Bückeburg! Dem Zug, der mich – so war die Absprache – zurück nachhause hätte bringen sollen und müssen!

Warst Du, lieber Gott, schon einmal in Bückeburg? Nach 18 Uhr? – Ich auch nicht, bis heute. Heute war ich da. Und ich hege nicht den Wunsch, die Erfahrung in absehbarer Zeit zu wiederholen. D.h., als ich durch die verlassenen Straßen strolchte, fiel mir ein, daß ich die Erfahrung vor etlicher Zeit schon einmal gemacht hatte. Damals gab es in der Stalinalle noch ein kleines Bistro, in dem es Cocktails gab; aber gerade, als meine müden Schritte, die sich der ihrer besser zu erinnern schienen, als ich selbst, mich Richtung Eingang trugen, hing in den leeren Fenstern ein Wisch des Inhalts, daß die Lokalität zu vermieten sei.

Lieber Gott, entspricht es Deinem Wunsch, daß der Inhalt eines ganzen IC-Zuges in Bückeburg auf die hochgeklappten Bürgersteige gekippt wird? Und man dort gottverlassen übers Pflaster tolpatscht, mit nichts zum Anhören im Kopfhörer außer einem Rucksack voller Wolf Biermann-Schallplatten – ‘O Gott, laß du den Kommunismus siegen!’? ‘Man’ ist vielleicht nicht richtig, ‘ich’. Man hätte natürlich auch im Zug bleiben können, der um 21 Uhr weiterfahren sollte. Aber der Wagen 11 wurde ebenfalls bestreikt, wie auch die Fahrkartenkontrolle, weswegen man sich ohne weiteres in die 1. Klasse hätte setzen können, in der das Internet aber auch nicht funktionierte; ich hab’s ausprobiert. Man gerade, daß es das Handy noch tat, so daß ich zuhause anrufen konnte. Großer Jubel im Hintergrund: der Alte verspätet sich auf unbestimmte Zeit. Sie tun immer so, als ob sie auflegten, damit ich hören kann, was sie hinter meinem Rücken über mich sagen. Aber ich will nicht motzen – was sollst Du erst sagen, der Du Alles mit anhören mußt, ogottogottogott! – Um Vergebung! Soll nicht wieder vorkommen.

Also stieg ich aus, und der Zugbegleiter, der mich stark an jemanden erinnerte, den ich einmal im Garten unter dem umgekippten Hackklotz fand. So ein graues, käferartiges Tier mit vielen Beinchen. Ich will nicht sagen, daß er viele Beine gehabt oder sonst so ähnlich ausgesehen hätte, aber ich betrachtete ihn mit der gleichen Abneigung. Er hätte die Schaffnerin sein können, die aussieht wie Sibylle Berg, ich würde auch sie mißvergnügt angesehen haben. Vielleicht tue ich das ja sowieso, ich weiß es nicht. Man sieht sich selbst ja leider nie so an, wie man die anderen ansieht. Mit Abneigung, aber auch Faszination, wie diesen Schaffner, der breite Arme hatte und die große Geste beherrschte. Das sei alles nicht so geplant gewesen, sagte er, aber der Mensch könne nun mal nicht in die Zukunft schauen. Geplant gewesen sei es, uns bis nach Minden zu kutschieren und dort auf den Bahnsteig zu kippen. Der Bahnhof Minden sei aber bereits voll, und nun müßten wir, das heißt sie, die Streikenden, 3 öde Stunden in Bückeburg verbringen, denn um 21 Uhr gehe es ja weiter. Wir Fahrgäste hingegen könnten uns alle ein Taxi nehmen, uns nach Köln oder Amsterdam oder was immer unser Ziel sei, bringen lassen, und die Kosten der Deutschen Bahn in Rechnung stellen. Tatsächlich krabbelten viele der Fahrgäste in Taxis, deren Fahrer überhaupt nicht wußten, wie ihnen geschah. Das letzte Mal, daß in Bückeburg am Bahnhof ein Gast nach 18 Uhr ein Taxi bestieg, muß nach meiner Schätzung im Mai gewesen sein sein. Ich jedoch befragte erst einmal das Internet, mit dem Ergebnis, daß der Bus, den ich hätte kriegen können, weg war, als ich mit dem Internet fertig war. Das hätte ich übrigens vorhersagen können, denn das ist immer so. Und daß der nächste Bus erst um 19 Uhr 06 gehen würde, hätte ich auch verhersagen können, denn das ist auch immer so.

Immerhin hatte ich jetzt genug Zeit, zu Fuß in die Stadt marschieren zu marschieren. Nicht durch die Stalinallee, übrigens, sondern durch die Braustraße. Durch die kommt man, wenn man vom Bahnhof zur Stadtkirche will, wo der Bus abfährt. Ich muß schon sagen, lieber Gott, sie bauen Dir anderswo schönere Häuser, als diese Statdkirche. Z.B. so kleine knuffige Feldsteinkirchen, mit Gottesacker umzu und Wacholder auf dem Acker. Schön. Ich hab es nur aus den Augenwinkeln gesehen und weiß auch nicht, in welchem Dorf es war, denn im Bus, das will ich doch mal festhalten, ging das Internet wieder. Dabei hat der Bus nicht einmal eine 1. Klasse. Ich glaube, sie machen es mit Fleiß, daß das Internet im Zug nicht funktioniert, damit der Fahrgast sich nicht informieren kann, was sie mit ihm vorhaben. Glaubst Du, ich wäre in Hannover in den Zug gestiegen, wenn ich hätte vorhersagen können, daß er in Bückeburg stranden wird? Das wirst Du nicht glauben. Wäre ich nämlich nicht. Und wenn ich ein kleines Bistro in der Stalinalle wäre, hätte ich auch dichtgemacht und wäre abgehauen. Oder Braustraße, von mir aus auch Braustraße. Ich komme auf ‘Stalinallee’ auch nur wegen Biermann: “Die DDR, auf Dauer / Braucht weder Knast noch Mauer / wir bringen es so weit! / Zu uns fliehn dann in Massen / Die Menschen, und gelassen / sind wir drauf vorbereit’.”

Mann kann Biermann nicht vorwerfen, daß er damals Blödsinn sang. Wir Menschen können nun mal die Zukunft nicht vorhersagen. Könnten wir es, wäre ich nicht in Bückeburg gelandet, und Biermann hätte nicht so einen Unsinn gesungen. Dereinst, wenn ich nicht mehr nur erkannt bin, sondern erkennen werde, wie es Dein Knecht Paul vorhergesagt hat, dann hätte ich gern Erkenntnis darüber, warum die Menschen es trotzdem immer wieder tun, und je mehr sie wissen sollten, daß es nicht geht, es aber desto zu können glauben. – Bene. Ich werde warten. Bezüglich der DDR und des Kommunismus’ hast Du also anders beschlossen. Das habe ich in Demut hingenommen. Aber ist dieser Streik nun in Deinem Sinn? Ein Fahrgast am Bahnhof, der den Asselschaffner frontal angegangen war, hatte nämlich gesagt, die Schaffnerassel solle nicht so einen Blödsinn daherreden, Streik sei höhere Gewalt, die Deutsche Bahn werde den Teufel tun und uns die Taxifahrt ersetzen. Da dachte ich, Moment mal – höhere Gewalt? Solltest Du Deine Finger im Spiel haben, lieber Gott? Und Weselsky wäre Dein Knecht? – Ich werde auch das in Demut hinnehmen, aber kann ich ihn trotzdem haben, um ihm die Füße überm offenen Feuer zu rösten, bis das Fett aus seinen Fußsohlen trieft? Keine Angst, ich werde ihm nichts tun. Anschließend laß ich ihn wieder laufen, wenn er dann noch laufen mag. Natürlich nur, wenn es Dein Wille ist. Ich werde auch das in Demut hinnehmen.

In Bückeburg haben sie kein Geld für schöne Gotteshäuser, da geht alles für den Fürscht und sein Mausoleum drauf. Die Fassade der Kirche sieht aus, als wäre sie ein Stück von diesem und bloß aus Versehen in die Stadt versprengt. Ist sie auch, denn statt ‘Gloria in excelsis deo’ oder ‘Lasciate ogni speranza, voi che abitate qui’ hat er SEinen Namen in der Fassade verewigen lassen: Exemplum Religionis Non STructuraeErnst. Fürscht Ernscht. – Nicht einmal dem Konsum errichten sie dort anständige Tempel – ‘nahkauf’! Du lieber Gott! – Oh! Sorry! Ist mir so rausgerutscht. – Da hab ich auch das letzte Mal eingekauft. Was ein Name! Da kauf ich ja noch lieber bei der Back-Factory. Zwei Kunden, eine Kassiererin. Ansonsten Leere. Schräg gegenüber der Kirche, dem angeblichen Zentrum der Stadt. Gott sei Dank – entschuldige bitte, war keine Absicht – kam dann bald der Bus. Der Bus nach wo? Nach irgendwo. Nach Butt Fuck Nowhere, von mir aus. Etwas Besseres als einen ‘nahkauf’, finde ich schließlich überall.

Eigentlich, so überlegte ich im Bus, wenn mir der Fahrer Muße dazu ließ, denn er fuhr wie die mehrfach gesengte Sau, und ich hatte alle Hände voll damit zu tun, zu vermeiden, daß mir das Internet aus denselben glitt, oder ich vom Sitz, eigentlich hatte ich ja Glück gehabt, indem mir Biermann, Bahnstreik und Bückeburg an einem Tag passiert waren. Mit den dreien hätte man sich ja auch locker zwei, wenn nicht drei Tage versauen können. Für die nächste Zeit, beschloß ich, würde ich erst einmal dafür sorgen, was Anständiges im Kopfhörer bei mir zu tragen, vielleicht ein paar beethovensche Klaviersonaten oder Sinfonien, irgendeinen Nervenbalsam, denn wer weiß, wo die Bahn mich noch überall rauswirft – in Peine? Pattensen? Paris? – Außerdem würde ich mich zuguterletzt gerne bei den Bückeburgern entschuldigen, sie können ja eigentlich nichts dafür! So ein schönes Städtchen! So ein schönes Hubschraubermuseum, das gottlob – nichts für ungut – einzige in Deutschland! Das einzige, was Bückeburg zu fehlen scheint, ist ein kleines Bistro, in dem der gestrandete Bahnkunde etwas Erfrischung fände.

Schuld aber sind Biermann und die Gewerkschaft der Lokführer.

Lieber Gott, wenn Du es Dir eines Tages anders überlegen solltest, und der Kommunismus siegt doch noch, und wir alle sind unserer Ketten ledig und können, jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen, unseren nicht entfremdeten Tätigkeiten nachgehen, dann könntest Du mir einen großen Gefallen tun, indem Du dafür sorgtest, daß die Deutsche Bahn nach wie vor privatwirtschaftlich organisiert wäre, und das Zugpersonal müßte in prekären Arbeitsverhältnissen ausharren, würde gedeckelt, entlassen, in Beschäftigungsgesellschaften ausgegliedert und zurückgeleast, durch Billiglohnkräfte unter Druck gesetzt, kriegte das Weihnachtsgeld gestrichen, stöhnte unter Leistungsverdichtung, schöbe einen Überstundenberg vor sich her, kriegte das Rentenalter heraufgesetzt, hätte widerliche Vorgesetzte, müßte zusehen, wie die Kapitalseite sich der Fettlebe hingibt, und dringend notwendige Investitionen würden auf Kosten der Gesundheit der Arbeitnehmer immer wieder zurückgestellt. Das ist nicht nett von mir, das weiß ich wohl, und vielleicht ist es morgen auch wieder vorbei, aber heute würde mir das gut gefallen.

Gegen Biermann brauchst Du nichts zu unternehmen; der wäre gestraft genug, wenn sein Stoßgebet von 1968 doch noch erhört würde.

‘So soll es sein, so soll es sein, so wird es sein’. – Amen.

Radagast

Qualitätsvorschläge zur Güte

Und wenn wir es so machen?

Es geht mir zwar von Herzen am Hosenboden vorbei, ob eine Maut eingeführt wird oder nicht, und wer bei dem Gezänk den Kopf behält und wer auf der Walstatt bleibt, das ist mir auch egal, aber irgendwann muß es ja auch mal gut sein, deswegen schnell vor dem Ende des Sommerlochs noch ein Vorschlag zur Güte:

Die Gegenfinanzierung durch die Senkung der KFZ-Steuer wird komplett gestrichen, damit ist Brüssel schon mal außen vor und kann sich mit der Hand übern Hintern fahren (Vignette nicht vergessen!). Die Maut wird allein von den Autofahrern aufgebracht, und zwar von allen, auch den Deutschen, aber nicht von allen zu gleichen Teilen. Sie wird gestaffelt, und kann von 100 Euro aufwärts jeden beliebigen Betrag – äh – betragen, den der Wagenhalter für angemessen hält. Der Betrag gilt zugleich als zulässige Höchstgeschwindigkeit für das Fahrzeug, und diese wird in Form einer Vignette auf die Windschutzscheibe gepappt. Die Knickstiebel können dann in Zukunft mit 100 über die Autobahn krauchen, und die anderen können mal zeigen, was sie haben, und was sie sich wert sind. Dabei muß es nicht unbedingt linear zugehen, man könnte sich auch denken, die Höchstgeschwindigkeit an den Steuersatz zu koppeln (Progression! Soziale Gerechtigkeit!). Will sagen, wer fünfhundert Euro berappt, kriegt 100% minus seinen Steuersatz wieder raus. Zahlt er 45% + Soli, dann darf er 263 km/h fahren. Zahlt einer 100 Euro und den Eingangssteuersatz, darf er immerhin 85 km/h fahren. Ein Steuersatz von 30% und eine Maut von 1000 Euro berechtigen zu einer Spitzengeschwindigkeit von 683,5 km/h, die man aber wohl nur selten erreichen wird. Vielleicht sollte man die Maut deckeln, auf – in Abhängigkeit vom Steuersatz – irgendwas zwischen 500 und 1000 Euro. Das reicht dann für rund 500 km/h; das sollte im Allgemeinen genügen. Obwohl man auf der anderen Seite auch niemanden daran hindern möchte, mehr zum Gemeinwohl beizutragen, wenn er das kann. – Eine 80 km/h Plakette gibt es kostenlos für jedes Fahrzeug.

Na, ist das ein Vorschlag? Ich könnte mir vorstellen, daß es einen Run auf die Mautstationen geben würde, insbesondere auch aus dem benachbarten Ausland, in welchem die Menschen bekanntlich mit Höchstgeschwindigkeiten von weit unter 200 km/h gedemütigt werden. Und wenn so ein Billigheimer in seiner Nuckelpinne mit 80er-Vignette auf zweispuriger Straße mit durchgezogener Mittellinie den Verkehr aufhält, den Typen mal kurz überholt, ausgebremst, aus seiner Sardinenbüchse gezogen und ordentlich was in den Nacken gehauen! Das wird ihn lehren, zu Lasten der Allgemeinheit knickrig zu sein.

Ich glaube, die Maßnahme könnte insgesamt zu mehr Gemeinsinn, insbesondere größerer Steuerehrlichkeit – na sagen wir Mautehrlichkeit – führen. Zumal die oberen Steuerklassen werden darauf verzichten, ihre Karren in Mautoasen zu verfrachten. Wo sollten sie denn hin wollen? Schweiz, 80/120? Luxemburg, 90/130? Zypern, 80/100? Malta, 80/120? Monaco, 50? Irland, 80/120? Holland, 80/130? Andorra, 90? Liechtenstein, 80/100?

Ist doch lächerlich!

Abstimmungen

Am Montag soll der Deutsche Bundestag in einer Abstimmung darüber entscheiden, ob er, wenn er vor der Entscheidung der Regierung, Waffen an irakische Kurden zu liefern, die zu dem Zeitpunkt bereits gefallen sein wird, gefragt worden wäre, der Lieferung von Waffen an irakische Kurden zugestimmt haben würde.

SPD-Fraktionschef und Grinsepöter Thomas Oppermann ist nicht der Meinung, daß das eine Verhohnepipelung des Souveräns sei, sondern sieht in der Abstimmung eine großartige Gelegenheit für den Souverän, der Weisheit seiner Bundesregierung die Aufwartung zu machen, indem er ihr nachträglich Beifall spendet. Pötermann erwartet eine breite Zustimmung: «Wir wollen deutlich machen, dass wir die Bundesregierung in dieser Entscheidung mit großer Mehrheit unterstützen.»

Unterdessen hat der kulturpolitische Sprecher der Grünen im Käsdorfer Ortsrat, Germanistenfuzzi, eine Initiative auf den Weg gebracht, die langfristig erreichen will, daß die Gesetzgebung zur Gestaltung der Zwangsehe gründlich überarbeitet wird. “Ich stelle mir vor,” sagte Germanistenfuzzi dem Käsdorfer Metropolitan (KM), “daß in Zukunft nur noch die Eltern der Braut darüber entscheiden werden, ob sie heiraten wird, und wen. Allerdings sollte man angesichts der Tragweite einer solchen Entscheidung dem Bedürfnis der Braut nach Gehör Rechnung tragen. Indem man sie z.B. – nach der Hochzeit – darüber abstimmen läßt, ob sie den frisch angetrauten Ehemann geheiratet haben würde, wenn sie vorher gefragt worden wäre, oder ob sie das nicht getan haben würde.” Es halte dies für eine großartige Gelegenheit für die Braut, der weisen Entscheidung ihrer Eltern durch eine hohe Zustimmungsrate Respekt zu zollen und den Eltern für deren Fürsorge zu danken.

Eine Verhohnepipelung der Braut will er darin nicht erkennen können. “Das ist doch nichts anderes, als was auf Facebook passiert. Da liken Sie die Ergüsse ihre Freunde doch auch erst, nachdem sie passiert sind. Es läßt doch keiner seine Freunde darüber abstimmen, ob er dieses oder jenes Photo veröffentlichen soll oder diese oder jene Trouvaille sharen. Er shared sie, und gibt dann seinen Freunden die Gelegenheit, per Like seinen guten Geschmack zu loben. Vielleicht, daß mal einer fragt, was er zu Mittag kochen soll, oder sie. Das ja. Das gibt’s. Oder eine Braut will wissen, welchen von ihren Bräutigammen ihre Freundinnen heiraten würden, wenn es denen ihre Bräutigamme wären. Aber niemand fragt vorher, ob er eine Nachricht über Oppermann und die SPD-Fraktion sharen soll oder nicht. Er shared, und dann wird geliked. So ist die Reihenfolge.”

Die Nachfrage des Käsdorfer Metropolitan, ob nicht vielleicht das ganze Facebook eine Verhohnepipelung seiner Benutzer sei, blieb unbeantwortet, weil Germanistenfuzzi einen Ortsratskollegen anschnauzte, ja, er habe sich die Schulter operieren lassen, was der Kollege denn wohl glaube, warum er den Keil unter dem Arm trage, aus Jux? Aus Dollerei?

Beim nächsten Mal wolle er vorher gefragt werden, ob er eine solch dumme Frage zu hören wünsche, und zwar bevor er sie zu hören kriege.

Dada

Hallo zusammen! Ich bin’s. Long time no hear, was? Ça roule?

Haben Sie Germanistenfuzzi gesehen, mit Außenrotationskeil und integriertem Trainingsball? Irgendwo muß er sein. Ich habe ihm etwas mitgebracht, voilà:

Kriegt er nachher von mir. Er hat sich nämlich ungehalten gezeigt, über dumme Bemerkungen mit geringer Variationsbreite. Darum das T-Shirt. Und im Gegenzug schreibe ich ab sofort, was ich will.

Es ist nämlich so: Das letzte Mal, daß ich Ihnen schreiben wollte, da war’s in meiner Kolumne, und ich hatte den Text, ehe er germanistenfuzzischem Zensurstreben und oberlehrerhafter Besserwisserei zum Opfer fiel, so angefangen:

Apropos Prost: ich bin dieser Kolumne sowas von – ich will nicht überdrüssig sagen, aber – es ist auch nicht so, daß sie mich anwiderte, es ist nur so, daß das Sujet so, so – wie soll ich das ausdrücken, ohne daß Sie mir wieder unterstellen, ich wollte mich geringschätzig über ihn äußern. Das will ich, sicher, aber ich will nicht, daß ich es so platt tue, daß Sie es merken. Am liebsten wäre mir eine sachliche, neutrale Beschreibung, die von Unverschämtheiten nur so tröffe. – Er ist so ennuyant. Und das verleidet mir die Schreiberei auf Dauer. Sie müssen sich das so vorstellen, als platzten Sie nur so aus den Windeln vor Lust, einmal eine – sagen wir mal – Bildbetrachtung zu schreiben, oder eine Filmkritik, oder eine intelligente Satire, warum nicht? Aber alles, was man Ihnen zugesteht, ist, daß Sie beschreiben, was Ihr Hamster macht. Der macht immer dasselbe, ist ja klar, Hamster halt. Meist macht er Pipi in die Sägespäne, oder diese kleinen Würstchen. Ein Tweet würde reichen: #Hamster: Hat Pipi gemacht. Oder: #Fleischhauer: Mittlerer Köttel.

Alles wäre gesagt. Aber kann das einen ambitionierten Autor befriedigen?

Aber sie lassen micht nicht. Jeder auf diesem Blog kann schreiben, worüber er möchte, bloß ich bin auf Gedeih und Verderb an diesen Nager gekettet. Alle paar Wochen heißt es: @Fürchtegott: Käfig saubermachen! Es stinkt!

Es stimmt, es stinkt. Aber hat man selbst keine Nase? Has one not eyes to help one see? Has one not lungs to help one breathe? Has one not hands, organs, senses? And affections? Just like anyone else? Bloß weil man ein gottverdammter nom de plume ist? Sind wir das denn nicht alle?

Und über einem Streit mit Germanistenfuzzi, der meinte, es müsse ennuyeux heißen, nicht ennuyant, bin ich dann in den Streik getreten.

Das hat nun ein Ende. Ich lasse mich in kein Kolumnenkorsett mehr schnüren. Wenn ihm das nicht paßt, kann er ja sich ja überlegen, was er dagegen machen will, mit einer Hand. So eine Rotatorenmanschette ist ein empfindliches Ding. Ich an seiner Stelle würde nicht riskieren wollen, daß mir einer den Arm auf den Rücken dreht.

Und als Sujet meines ersten Nicht-Fleischhauertextes wähle ich mir den Terror der Islamischen Staatsbanditen, bzw. diejenige, die im wesentlichen schuld daran ist, indem sie ihn nicht verhindert oder wenigstens einsieht, daß sie schuld daran ist: die Grande Dame des Gesinnungspazifismus, Margot Käßmann. Bitte sehr:

Die Gesinnungspazifistin Käßmann (“Nichts ist gut in Afghanistan”) hat der deutschen Verantwortungspresse, die nur darauf lauert, daß Käßmann etwas Falsches sagt – also etwas sagt -, einen großen Gefallen getan hat, indem sie nämlich etwas gesagt hat. Schon einmal ist es ihr gelungen, der Presse, die bis dahin in verantwortungsloser Weise über alle möglichen Nichtigkeiten (Tote, Afghanen, tote Afghanen etc. pp.) in Afghanistan berichtet hatte, als gäbe es daran etwas zu kritteln, zur einer gemeinsamen und in der Folge unisono geäußerten Erkenntnis zu verhelfen, nämlich, daß doch in Afghanistan vielmehr alles ganz “supertoll” (C. Wulff) sei. Zumindest tendenziell. Oder virtuell. Also: kraft seiner Möglichkeit wirklich. Es könnte in Afghanistan alles ganz supertoll sein, wenn es denn so wäre. Aber es darf nicht ständig von Friedensbratzen dran rumgemäkelt werden.

Nun hat sie wieder etwas gesagt, und zwar im 3D-Spiegel, der mir – nudge, nudge – online nicht zugänglich ist. Ich kann also nicht nachprüfen, was sie gesagt hat, aber dem Presseecho nach ist es falsch gewesen. Es maulten und mäkelten daran herum: Wolfgang Huber, Malte Lehmig, Gideon Böss, eine gewisse Huffington Post, was immer das ist, ein Militärbischof aus Speyer, Peter Hahne, irgendein Pastor, Joschka Fischer, Thorsten Jungholt, Gabriel, Kauder, Jörg Thadeusz, Julia Klöckner, Papst Franziskus, freiewelt.net, Achse von Gutt, junge freiheit, Christ und Welt, Frau und Kind, Kind und Hund und die Junge Union Brandenburg. Alles in allem nicht soviel Krakeel wie damals bei Afghanistan, und eigentlich auch nicht genug für die sichere Annahme, daß sie etwas Richtiges gesagt haben muß. Was ist mit den anderen? Wissen die nicht, was sie gesagt hat? Scheuen die alle die 4 Euro 40 für den gedruckten Spiegel? Ja, sind denn alle so geizig wie ich? Warum machen sie es denn dann aber nicht so wie ich, und schreiben über etwas, das sie nicht gelesen haben? Ist das denn wohl so schwer?

Einen Meckerpriem habe ich hier noch, den habe ich mir aufbewahrt, nämlich den Spiegel ihmselber, die Onlineversion diesmal. An die kommt man – komme sogar ich, wink, wink – für lau, weil dort einer schreibt, für dessen Texte man nicht gut Geld nehmen kann, und dieser eine ist niemand anderes als mein alter Sparringspartner aus Kolumnentagen, Jan Fleischhauer.

Das irritiert. Mich zumindest. Wenn Fleischhauer etwas dagegen schreibt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß stimmt, was Käßmann sagt, wirklich sehr groß. Und es ist einem das nicht angenehm, mir zumindest nicht. Man hat seinen Stolz, ich zumindest. Man hat es lieber, wenn man beiden widersprechen kann. Als fleißiger Leser Arno Schmidts weiß man nämlich, daß die Erde groß genug ist, “daß wir alle darauf Unrecht haben können!”

Alle außer mir, zumindest, um Schmidt gleich mal dahingehend zu korrigieren; der Mann hat ja schließlich auch ein Recht auf Unrecht. Aber vor die Korrektur haben die Götter die Recherche gesetzt – ich will daher nunmehr recherchieren und aggregieren und konsolidieren, und wenn ich genug recherchiert und aggregiert und konsolidiert habe, werde ich verkünden, was Sache ist. Wohlan: Achtung! Fertig! – Fertig.

Folgendes ist Sache:

Die Islamisten im Irak köpfen und steinigen – trotzdem empfiehlt Margot Käßmann den Deutschen einen bedingungslosen Pazifismus.

Das tut sie doch, nicht wahr? Oder tut sie das nicht? – Nein, das tut sie nicht. Sie wird nicht einmal danach gefragt. Sie wird gelöchert, wie es denn die evangelische Kirche mit der Religion, Quatsch, Religion, Unfug! mit der militärischen Intervention halte, aber sie antwortet nur für sich: sie sei Pazifistin, aber keine radikale Pazifistin. Das nächste Mal, daß der Begriff “pazifismus” in der nämlichen Spiegelausgabe auftaucht, ganauer: das nächste Mal, daß der Partikel “paz” im nämlichen Spiegel auftaucht, ist in einer Buchbesprechung des Briefwechsels zwischen Stefan Berg und Günter de Bruyn und hat mit Käßmann überhaupt nichts zu tun. Das Wörtchen “bedingungslos” taucht im ganzen Spiegel nicht ein einziges Mal auf.

Woher ich das weiß? – Öh, das kann ich mir denken. Ist es denn nicht so? Doch. – Soviel zur Wahrheitsliebe des Kolumnisten, dem ich ja schon einmal in visionärer Vorausschau unterstellt habe, er lüge nicht erst, wenn er den Mund aufmache, sondern bereits beim Zuhören. Ich werde darauf zurückkommen. Dies hier ist erst einmal ein Beispiel für seine Art, schreibbegleitend zu lügen. Da er nicht falsch Zeugnis reden soll, wird er eines Tages dafür Rechenschaft ablegen müssen, und es sei ihm durchaus zugestanden, daß er mit Blick auf diesen Tag schon heute Schiß in der Buxe hat. Das Thema scheint ihn umzutreiben; ich werde auch darauf noch zu sprechen kommen. Für das ‘trotzdem’ in dem Satz “trotzdem empfiehlt Margot Käßmann etc.” wird er, wenn es nach mir geht, zwei Jahre und drei Monate Fegefeuer extra bekommen.

So viel Unempfindlichkeit für moralische Dilemmata ist verblüffend. Sogar der Kirche ist das Verständnis für das Teuflische abhanden gekommen.

Auf die Waagschale des Guten kommt der korrekte Plural Dilemmata – den zu setzen ist bei SPON-Autoren eine freiwillige Leistung und berechtigt den Leser zu gar nichts -, sowie die Charakterisierung der Situation des Außenstehenden gegenüber den gotteslästerlichen Mordbübereien der IS als ein Dilemma; auch das ist korrekt. Auf die Waagschale des Bösen hingegen kommt, daß er nicht zu wissen scheint, was ein Dilemma ist: eine Situation, aus der es keinen Ausweg gibt, in der, was immer man tut, falsch sein wird. Fleischhauer scheint unter einem Dilemma etwas zu verstehen, aus dem es ganz selbstverständlich einen Ausweg gibt, nämlich den seinen; alle anderen dagegen führen direkt in die Hölle Internet, wo wir folgendes zu sehen bekommen:

Wir können dem Bösen bei seinem Werk zusehen. Wir müssen uns nur die Mühe machen, im Netz nach den Bildern zu suchen, mit denen die Soldaten des “Islamischen Staats” die Ernsthaftigkeit ihrer Überzeugung beglaubigen. Man sieht die abgeschlagenen Köpfe, mit denen sie die Plätze der Städte dekorieren, die sie auf ihrem Weg ins siebte Jahrhundert erobert haben. Man sieht die Frau, die ihre Steinigung erwartet, die Gefangenen, die um ihr Leben flehen, bevor sie auf Lastwagen verladen werden, um sie in der Wüste zu exekutieren, die Kreuzigung von Männern, die der Apostasie angeklagt wurden.

So viel Unempfindlichkeit für korrekten Satzbau ist verblüffend. Es muß entweder heißen “bevor man sie auf Lastwagen verlädt, um sie in der Wüste zu exekutieren,” oder “bevor sie auf Lastwagen verladen werden, auf denen man sie in die Wüste schaffen wird, um sie dort zu exekutieren”. Nicht nur der Kirche scheint das Verständnis für überflüssigen Klimbim abhanden gekommen zu sein – Hölle, Tod, Teufel u. dgl. -, sondern auch den deutschen Konservativen. Z.B. die Beherrschung von deutsches Sprak, auf die sie mal so stolz waren.

Wer hätte gedacht, dass sich in einer Weltgegend, die in den vergangenen Jahrzehnten eine Barbarei unfassbaren Ausmaßes erlebt hat, die Grausamkeit noch steigern lässt. Wo die Jünger des Kalifats einfallen, um ihr Reich zu errichten, ist jeder ein Feind, der ein Leben in der Moderne dem Mittelalter vorzieht: die Christen, die Juden, die Kurden, aber auch alle Muslime, die nach Meinung der neuen Herren nicht fromm genug sind.

Ich finde, da tut er den neuen Herren unrecht. Ich zweifle nicht, daß sie auch jeden anderen umbringen werden, der sich ihnen in den Weg stellt, sich nicht unterwirft, ihnen lästig wird, ihnen vor die Füße spuckt, sie einen Auswurf nennt und zur Hölle wünscht, oder einfach nur zur Hand ist, wenn sie jemanden brauchen, dem man zu Machtdemonstrationszwecken den Kopf abschneidet. Ich glaube nicht, daß sie vorher fragen, ob der Betreffende lieber in der Moderne oder im siebenten Jahrhundert leben möchte. Das glaube ich nicht. Wer ein Terrorregime etablieren und stabilisieren will, tut gut daran, ein bißchen zügig zu arbeiten, und nicht erst Fragebögen zu verteilen.

Man sollte die Bilder aus dem Irak im Kopf haben, wenn man die Empfehlungen liest, die Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, zum Umgang mit Gewalt und Terror gibt.

Tut sie das denn? Hat sie das denn getan? – Nein, das hat sie nicht getan. Sie ist nicht einmal nach dem Umgang mit Gewalt und Terror gefragt worden. Man hat sie gelöchert, was denn gegen Waffenexporte in Natostaaten spreche, nachdem man selber konzediert hat, daß Waffenexporte nach Katar oder Saudi-Arabien vielleicht nicht unbedingt und nicht unter allen Umständen und schon gar nicht, wenn man gewisse dunkle Erfahrungen mit Waffen in unrechten Händen mit in die Rechnung nimmt, eine gute Idee sein müssen. Wenn man das Interview nach ‘Gewalt’ durchsucht, findet man zweimal ‘Waffengewalt’, zwei ‘Vergewaltigungen’, viermal ‘Gewaltfreiheit’, fünfmal, wenn man das Motto “Keine Gewalt” mitzählt, und einmal Gewalt, die es in jeder Form abzulehnen gelte. Das nächste Mal, das im nämlichen Spiegel von Gewalt die Rede ist, ist die stumpfe Gewalt, der die Frau Mollath ausgesetzt gewesen sein soll.

Von Terror ist nur einmal die Rede, wenn nämlich Frau Käßmann sagt, der Krieg der Alliierten habe die Befreiung vom Naziterror bewirkt, was er ja auch hat. Was aber nicht unbedingt gutzuheißen ist, denn eine Folge der Befreiung vom Naziterror ist ja u.a. die Existenz des Spiegels, und nicht nur des Spiegels, sondern auch des Klugscheißerpärchens, das versucht, Frau Käßmann im Interview alberne Äußerungen in den Mund zu legen, wie etwa: “Sie meinen, man hätte Adolf Hitler nur gut zureden müssen, dann wäre er schon friedlich geblieben und hätte keinen Krieg angezettelt.” (René Pfister und Christiane Hoffmann, nicht etwa Käßmann, nota bene)

Woher ich das weiß? – Das ist doch üblich, beim Spiegel.

Auf drei Seiten hat Käßmann im SPIEGEL-Interview ausgeführt,

Gelogen. Auf zwei Seiten. Die dritte Seite ist ein Foto mit ohne Text.

warum es keinen “gerechten Krieg” geben könne und der Einsatz von Waffen immer falsch sei.

Gelogen. Sie ist nicht einmal danach gefragt worden, ob es einen gerechten Krieg geben könne. Man hat sie gelöchert, ob der Krieg der Alliierten gegen Deutschland ein gerechter Krieg gewesen sei. Was würde ein Mann, was würde eine Frau auf eine solche Klugscheißerfrage antworten, wenn sie ihre sieben Zwetschgen einigermaßen beieinander hätte? Oder er? – Dem Krieg eine gute Intention und ein gutes Ergebnis bescheinigen, und ein paar Worte des Bedauerns für die unvermeidlichen Kollateralschäden finden. Und was tut Käßmann? – Eben dies. Und was ist daran verkehrt, außer daß man ihr einen Reifen hingehalten hat, und sie ist nicht gehüpft? – Nichts.

Dabei hat sie sich den Hinweis auf die übelste Nebenwirkung, die britische Verlegerlizenz für Rudolf Augstein, sogar noch verkniffen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich zu dem Thema äußert, aber es ist das erste Mal, dass sie so weit geht, Deutschland zu empfehlen, sich Costa Rica als Vorbild zu nehmen.

Wo steht das? Im Spiegel Nr. 33 vom 11. August 2014? Und wo da? Seite 24 oben rechts? Neben der Spiegelreklame für das Studentenabo mit der amazon.de Geschenkkarte? Sekunde, ich werde das prüfen. Prüfen lassen. – Das steht da nicht. Was? Was da nicht steht? – da steht nicht: “ich empfehle Deutschland, sich Costa Rica als Vorbild zu nehmen.” da steht noch nicht einmal: “ich fände es gut, wenn Deutschland sich Costa Rica als Vorbild nehmen würde.” Und das wäre nicht dasselbe. Wenn ich hier hinschreiben würde: “ich empfehle Jan Fleischhauer, sich vom Teufel holen zu lassen”, dann ist das nicht dasselbe, als wenn ich schreiben würde: “ich fände es gut, wenn Jan Fleischhauer vom Teufel geholt würde.” Konditional. Letzterer Satz wäre immerhin nicht unvernünftig, ersterer schon. Der Teufel holt einen schließlich nicht auf Bestellung. Fleischhauer hat nur sehr indirekten Einfluß darauf, ob der Teufel ihn holen wird. Er tut dafür allerdings, was er kann.

Ein Drittes wäre es, wenn ich schreiben würde: “ich fände es gut, wenn der Teufel Fleischhauer holen könnte!” Irrealis. Denn das besagt: ich weiß, daß es nicht geht. Der Teufel kann Fleischhauer nicht holen, sei’s, weil es gar keinen Teufel gibt, sei’s, daß ihm unsere irdischen Händel Pfeifendeckel sind, und er prizipiell keinen holt, sei’s, daß er volle Auftragsbücher hat und zur Zeit keine Aufträge annimmt, sei’s, daß er anders priorisiert als ich. Man soll sich nicht täuschen: Fleischhauer ist, was das Vomteufelgeholtwerdenmüssen angeht, keine besonders große Hausnummer, eher Gazelle als Elefantenkuh, um es mit einem Bild aus dem Kamasutra zu verdeutlichen. Der Teufel wird darauf Rücksicht nehmen. – Aber schön wäre es halt doch!

So, was steht denn da aber nun, im Spiegel, auf Seite 24 oben rechts? – Da steht: “ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik auf eine Armee verzichten könnte wie etwa Costa Rica.” Hervorhebung von mir: könnte. Irrealis. Nicht würde, nicht sollte, nicht müßte. Und es geht weiter: “Natürlich weiß ich, dass das eine Utopie ist.” – Aber schön wäre es halt doch, siehe oben.

So, und was macht die gleisnerische, lügnerische, übelwollende Boshaftigkeit eines Fleischhauer daraus:

Es ist das erste Mal, dass sie so weit geht, Deutschland zu empfehlen, sich Costa Rica als Vorbild zu nehmen. Costa Rica hat nicht nur viel Urwald, sondern auch keine Armee – aus deutscher Sicht zwei Gründe, dort so etwas wie das gelobte Land zu sehen.

Sehen Sie: das ist es, woran ich dachte, als ich sagte, Fleischhauer lüge bereits beim Lesen. Und nicht nur er, was das angeht. Im Prinzip könnte man wahllos irgendwelche Zeitungsfritzen mit ihm zusammen in einen Kartoffelsack stecken, und sie an Nikolaus dem Krampus mitgeben. Es wird schon keinen Unrechten treffen. Und wenn doch einmal, mag der sich damit trösten, daß er ein unvermeidlicher Kollateralschaden ist, für den wir sicher ein paar bedauernde Worte übrig haben werden. Hauptsache, die anderen sind wir los.

Bemerkenswert ist nicht die Unbedingtheit des Pazifismus, wie ihn Käßmann verkörpert, oder die fröhliche Unempfindlichkeit für die moralischen Dilemmata des Gewaltverzichts.

Ok, wir wissen es nun, daß er den Plural kennt. Das soll nicht unanerkannt bleiben in einer Zeit, in der die Leute mehrheitlich Antibiotika für den Singular von Antibiotikas halten. Aber es ist ein Unterschied zwischen einer Bredouille, in die man sich bringt, und einem Dilemmum, in dem man steckt. Aus ersterer kann man sich wieder rauswurschteln, aus letzterem nicht, es wäre denn keins. Es ist nämlich nicht so, daß man sich erst durch Gewaltverzicht in diverse Dilemmae brächte, sondern man steckt in einem Dillemmatum, wenn sowohl der Verzicht auf Gewalt wie deren Anwendung ein Fehler sind. >Satz fürs Lebm<: >Tu was Du willst, es wird Dich gereuen.< schrieb Arno Schmidt, Hackländer zitierend, der sich allerdings noch an ein Publikum wenden konnte, das mit dem Begriff 'Reue' etwas anzufangen wußte. Die fröhliche Unempfindlichkeit für die Natur eines Dilemmas, wie sie von Fleischhauer verkörpert wird, wäre ihm wahrscheinlich unverständlich geblieben.

Mag sein, daß es irgendwo unbedingten Pazifismus gibt, und daß derselbe von irgendwem verkörpert wird. Zwar bestreitet Käßmann im Interview, daß ihr Pazifismus ein unbedingter sei, und benennt explizit die Bedingungen, unter denen sie von ihm lassen würde: UNO-Mandat, Schonung der Zivilbevölkerung und ähnlich weltfremder Schmus, aber das muß Fleischhauer ja nicht wissen. Dazu müßte er das Interview ja gelesen haben. Und verstanden. Warum sollte er? - Warum aber Frau Käßmann den Pazifismus nicht 'vertreten' kann oder 'befürworten' kann, sondern ihn gleich inkorporieren muß, bleibt entweder das Geheimnis Fleischhauers oder aber wird von mir jetzt und hier der Welt preisgegeben: Fleischhauer hat es seit längerem mit dem Teufel. Bitte, bitte: ich sage das doch nur zu seiner Entlastung! Die andere Erklärung wäre nämlich die, daß er sich selbst bei einer intellektuellen Auseinandersetzung mit der Theologin, gerade bei der intellektuellen Auseinandersetzung mit der Theologin, innerlich nicht von der Vorstellung ihres Körpers und der Idee des Eindringens in denselben lösen kann. Darum läßt sein UBW stellvertretend für - stellvertretend für wen werde ich nicht sagen, aber stellvertretend - den Pazifismus (fängt auch mit 'P' an) in ihn eindringen. Habe ich nun Arno Schmidt gelesen oder nicht? Wir sind nicht Herr unserer Worte, sind wir nicht, wenn wir reden, und Fleischhauer schon gar nicht.

Aber ich will nicht darauf bestehen. Vielmehr bin ich der Überzeugung, daß Fleischhauer schon seit einiger Zeit überall den Teufel sieht, und die Existenz von Teufeln ist ja, im Gegensatz zu Schmidts umstrittener Etymtheorie, allgemein anerkannt. Ich nehme daher an, er hält Käßmann für vom Teufel besessen, und mag es bloß nicht so plan sagen. Aber lesen Sie mal:

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass nicht einmal eine deutschlandweit bekannte Theologin noch eine Vorstellung vom Bösen zu haben scheint. Bei einer Vertreterin der Kirche sollte man eigentlich ein Verständnis für die Natur des Teuflischen erwarten können – das Denken in metaphysischen Kategorien war zwei Jahrtausende lang das Privileg dieser Institution.

Daß der Teufel schlau ist und sich tarnt, das weiß man auch. Hier schlägt er ganz offensichtlich die Befallene mit Blindheit.

Aber das Einzige, was davon übrig geblieben ist, ist die Verteufelung von allem, was schießt.

Was denn? Das ist alles? Mehr nicht? – Und was ist mit der Verteufelung des Kapitalismus? Der Unternehmer, die Gewinn machen? Der Leistungsbereitschaft? Der Leistungsträger? Des Mittelstands? Dem Ruf nach Steuersenkungen? Rainer Brüderle? – Werden die nicht mehr verteufelt? Seit wann? – Was ist denn das für eine verdammte Schlamperei! Daß die FDP auf der politischen Bühne keine Rolle mehr spielt, kann uns doch nicht, darf uns doch nicht davon abhalten, sie zu verteufeln! – Muß ich erst in den Schoß der Kirche zurückkehren um ihr ein bißchen Feuer unterm Kessel zu machen, hol’s der Teufel? Ist das etwa schon der Mühe zuviel? Das ist doch keine Mühe nicht, das ist doch eine Lust! Beim Behemoth, ein Mann wie Dirk Niebel, der verteufelt sich doch quasi von selbst. Das ist doch ein Bilderbuchdämon!

Watkins, are you a pacifist? – No, Sir, I’m not a pacifist, Sir, I’m a coward.

Monty Python

Man soll sich nicht täuschen: Käßmann steht mit ihrem Costa-Rica-Pazifismus in der Mitte der Gesellschaft; ihre Sehnsucht nach einem Land ohne Armee ist kein Protest, sondern Mainstream. 69 Jahre fortgesetzter Frieden können nicht nur satt und glücklich machen, sie können einen auch furchtbar provinziell werden lassen. Was unverständlich und fremd erscheint, wird ignoriert oder, wenn das nicht mehr geht, so lange hin und her gedreht, bis es wieder ins Erklärungsmuster passt.

Was ist das hier, ist das Dada? Das ist doch Dada, oder?

Meatpuncher, are you a Dadaist? – No Sir, I’m not a Dadaist, Sir, I’m a dumbass.”

Was soll das mit der Provinzialität? Was ist verkehrt an Provinzialität? Geht das mal wieder gegen uns Hannoveraner? – Und was soll das mit dem Frieden? Während des 100jährigen Kriegs wären wir demnach alle Kosmopoliten gewesen und hätten vor Weltläufigkeit kaum – äh – laufen können? Heh? Nichts gegen Hamburg, liebe Hamburger – obwohl es schon ziemlich im Wege liegt, wenn man mal an die Ostsee will; das müßt Ihr zugeben. Es müßte weiter nördlich liegen, irgendwo bei Sylt da oben -, nichts gegen Hamburg, wie gesagt, aber man sieht, daß auch das Nichtstun – das Nichtgründlichgenugtun auch – seine Kollateralschäden produziert. In Fall Hamburgs hat die unvollkommene Auslöschung der Stadt dafür gesorgt, daß sich in 69 Jahren fortgesetzten Friedens – weiß jemand, was das sein soll, fortgesetzter Frieden? Tatsächlich? Behalt’ er’s für sich! – daß sich in 69 Friedensjahren Presse dort festsetzen und ungehindert fortwuchern konnte. Man wird es einem Hannoveraner nachsehen, wenn er dafür ein paar Worte des Bedauerns findet. – Hoffentlich machen die Amerikaner ihren Job in Mossul etwas gewissenhafter.

Vielleicht war in den vergangenen Wochen deshalb so viel von Israel die Rede und so wenig von dem Irrsinn im Irak. Den Konflikt um Gaza glauben wir zu verstehen, sein Maß an Gewalt ist uns verständlich. Wenn die Hamas ihre Raketen nach Israel schickt, bilden wir uns ein, den Grund zu kennen.

Vielleicht. Vielleicht heißt: vielleicht auch nicht. Vielleicht war auch deswegen soviel von Israel die Rede, weil in Deutschland immer viel von Israel die Rede ist, ganz egal, wer wo auf der Welt gerade mal wieder was anstellt. Auch dann, wenn das dort zutage tretende Maß an Gewalt jeden Verstand überfordert. Versteht jemand die Bestialität der Entführung, Vergewaltigung, Ermordung und Verstümmelung von Frauen in Zentralamerika? – Ich verstehe sie nicht. Aber ich verstehe, daß die Gewalt in Mexiko keinen zionistischen Hintergrund hat und deswegen die deutsche Presse und ihr Publikum nicht zu interessieren braucht. Wir können uns ja nicht um alles kümmern.

Aber was soll man zu Männern sagen, die einer Frau die Hände auf dem Rücken binden, und dann so lange Steine auf sie werfen, bis sie nur noch ein blutiger Haufen ist?

Was man sagen soll? Als wer? Als Christ? Als Jude? Als Moslem? Oder als Mensch? – Als Christ würde ich sagen: die Männer, die dort Steine auf die Frau werfen, müssen alle ohne Sünde sein, dann geht das aus christlicher Sicht in Ordnung. Oder vielleicht reicht es auch, wenn der, der den ersten Stein wirft, also der Vorwerfer, wenn der ohne Sünde ist. Nachdem der geworfen hat, dürfen auch die anderen. Kann sein, ich bin kein Theologe. Ich bin auch kein Muslim und kein Jude. Was die zu dem Phänomen sagen, kann ich nur vermuten. Ich schätze, auch sie werden archaische, dreieinhalbtausend Jahre alte, mißverständliche, widersprüchliche, der Interpretation bedürftige Schriften haben, auf die sie sich mit gleichen Recht berufen können, wie ich auf meine. Wer nach Handlungsanleitungen für sein Leben sucht, weil er sich nicht selbst um die Erkenntnis von Gut und Böse bemühen will, sondern lieber alles durchgespeichelt und vorgekaut kriegt, wird dort bestens bedient. Er wird dort auch Anleitung zur Steinigung finden. Und wer drauf besteht, heilige Schriften und geoffenbarte Wahrheiten für unveräußerliche Menschenrechte zu halten, und das gar nicht mal zu unrecht, der wird wohl den ein oder anderen Kollateralschaden in Kauf nehmen müssen.

Als Mensch hingegen würde ich sagen, daß ihnen die Fresse mit schweren Eisenhämmern eingeschlagen gehört. Problem: dazu muß man sie erst mal kriegen. Sie werden das nicht wollen. So ein Zahndamm ist ein empfindliches Ding. Auch die fiesesten Gewalttäter werden den eigenen nicht schweren Eisenhämmern aussetzen wollen. Sie werden sich zu wehren suchen, und eh man sich’s versieht, hat es sich was mit dem Kriegen und es geht ans Gekriegtwerden. Aber man soll sich nicht täuschen: es geht in dem Spiegel-Interview überhaupt nicht um Steinigungen und was man mit den Barbaren anstellen könnte, sollte oder müßte. Der ganze Irrsinn im Irak wird mit keinem Wort erwähnt, anders als Hutu und Tutsi und ähnliche antike Angelegenheiten aus dem vorigen Jahrhundert. Als Ursache könnte man vermuten, daß das Interview bereits eine gute Weile vor der Veröffentlichung geführt worden ist, denn sonst hätten die beiden Klugscheißer es sich wohl kaum nehmen lassen, Käßmann dieselben – und mehr noch die Kreuzigungen – unter die Nase zu reiben. Es geht lediglich darum, Käßmann nachträglich damit in Zusammenhang zu bringen. – Was soll man nun zu einem Mann sagen, der einer Frau, nur um sie in schiefes Licht zu bringen, die Arme auf den Rücken dreht, sie auf die Bühne zerrt, ihr alle Übel dieser Welt vor die Füße kippt, und ihr Verbrechen vor den Latz knallt, die sie nicht begangen, nicht zu verantworten, nicht gerechtfertigt und nicht gutgeheißen hat, nur um sich vor seinem unreifen Publikum zu spreizen?

Guten Tag Herr Fleischhauer, sagen wir zu einem solchen Mann.

Hinter der deutschen Friedensliebe stand immer die Vorstellung, dass jeder Mensch auf den rechten Weg zurückgebracht werden könne, man müsse ihm nur gut zureden.

Hinter der deutschen Friedensliebe stand nichts dergleichen. Hinter der deutschen Friedensliebe stand, als sie das Licht der Welt erblickte, noch klein und zart war und kaum auf ihren stackeligen Beinchen stehen konnte, die ferne Erinnerung an gemütlichere Plätze als den Luftschutzkeller und sättigendere Speise als Lebensmittelkarten. Man mag die deutsche Friedensliebe gerne als Kollateralschaden des alliierten Bombenkrieges – ja, was? Bedauern oder begrüßen? – Bedauern, wenn man Fleischhauer ist, begrüßen, wenn man Nochbeigroschen ist. Wenn man die Friedensliebe der Deutschen gerne vermieden hätte, hätte man sie bloß den Krieg gewinnen lassen müssen.

Aber der Gewalttäter im eigentlichen Sinn will nicht verhandeln, um sich eine bessere Position zu verschaffen. Er ist allein an der Machtfülle interessiert, die ihm der Triumph über andere ermöglicht. Die Gewalt ist das Medium, durch das er zu sich selbst spricht, an ihren destruktiven Energien lädt er sich auf, und die Demütigung und Vernichtung ihrer Opfer ist das Mittel zu diesem Zweck. Das macht ihn so unbegreiflich für alle, die ihren Lebensunterhalt mit dem empathischen Zugang zum Mitmenschen verdienen. Für den Dialog, den sie ihm anbieten, hat er nur ein Achselzucken übrig. Im besten Fall ist das Angebot Zeitverschwendung, im schlechten stachelt es ihn auf.

Schluß damit, ich kann das dumme Zeug nicht mehr mit anhören. “Gewalttäter im eigentlichen Sinn” – glaubt man’s denn?

Ich will lieber noch einmal auf den Teufel zu sprechen kommen, ein Mann, der als Mann sehr viel interessanter ist als Fleischhauer, auch wenn es ihn gar nicht geben sollte, die Leibhaftigkeit Fleischhauers hingegen verbürgt ist. Bei meiner Recherche – Sie erinnern sich? Ich war kurz mal weg, um zu recherchieren, und als ich nach käßmann spiegel interview recherchierte, traf ich auf dieses Verhör, vom 22.7.2013, ein Jahr her. Anscheinend muß Frau Käßmann sich einmal im Jahr vom Spiegel vernehmen lassen. In die Zange genommen wurde sie seinerzeit von René Pfister, der auch das diesjährige Interview verbrach, und dem Rezensenten des diesjährigen Interviews, Jan Fleischhauer. Eine rechte Inzucht ist mir das, in dem Laden!

Und welche Frage stellen sie der Inkulpatin als erste?

Die rechte und die linke Hand des Teufels: Frau Käßmann, glauben Sie eigentlich noch an Himmel und Hölle?

Spinnen die?

Käßmann: Ja, manche wollen offenbar den strafenden Donnergott zurück. Und dazu eine Kirche, die verdammt und ihnen erklärt, wie sie zu leben haben.

DrudlHdT: Was ist daran so schlecht?

Die spinnen!

DrudlHdT: Die Idee der ewigen Verdammnis hat auch etwas Tröstliches. Es gibt einige Figuren der Weltgeschichte, von denen man gern wüsste, dass sie Höllenqualen leiden.

Das stimmt. Die spinnen zwar, aber da ist ihnen unbedingt recht zu geben. Die Idee einer ewigen Verdammnis, der man selbst nicht anheim fällt, wohl aber die anderen, die hat etwas sehr Tröstliches. Sie ist auch sehr modern. Pures 21. Jahrhundert. Daran können alle großen sozialen Bewegungen der Gegenwart anknüpfen. Sie wird auch den Islamischen Staatsbanditen einleuchten. Ich glaube sogar, es handelt sich dabei um eine Universalie. Vielleicht um die einzige Universalie, mal abgesehen von dem Glaubensgrundsatz: Deine Frauen sollst du hauen eh’ sie dir den Tag versauen. Der scheint noch ein bißchen universeller zu sein.

Was mir bei all dem fehlt, ist der Teufel. Es wird hier so getan, als sei es der liebe Gott, der straft und donnert und verdammt. Der Betreiber der Hölle, der Stakeholder des Bösen, wird hier nicht erwähnt. Vielleicht, weil man 2013 noch fürchten mußte, sich lächerlich zu machen. Aber am Schürzenzipfel der Islamischen Staatsterroristen kann man es ja mal probieren, einen Schritt weiterzugehen: ‘Vorstellung vom Bösen’, ‘die Natur des Teuflischen’ – da wird das Böse doch immerhin schon mal objektiviert, auch wenn der Böse – aufgrund welcher Vertragsklausel auch immer – nicht beim Namen genannt wird.

Ich erinnere mich, es während meines Zivildienstes mit einer jungen Frau zu tun gehabt zu haben, Margot war ihr Name, die ein überzähliges Exemplar des Chromosoms 21 hatte – wie man naiverweise damals glaubte -, und darum eine Tagespflegeeinrichtung besuchte. Die Anomalität bewirkte bei ihr ein besonders emotionales Sozialverhalten, das sich darin äußerte, daß männliche Zivildienstleistende gut daran taten, nicht allein mit ihr in einem Fahrstuhl zu fahren. Denn sie versuchte, diese – nicht die Fahrstühle – unter Liebkosungen in eine Ecke zu manövrieren, und der Zustand ihrer durch sie selbst derangierten Oberbekleidung beim Öffnen der Türen gab zu allerlei Mißdeutungen Anlaß. Das ließ sich vermeiden, nicht vermeiden ließ sich das gemeinsame Mittagessen, bei dem es zu ähnlichen Manifestationen gesteigerten Sozialverhaltens kam. Wies man sie zurecht – oder, wie sie es wohl verstand, zurück -, konnte das schlimme Folgen für die Nächstsitzenden haben, denen sie dann gerne die geballte Faust ins Gesicht schlug, ohne Rücksicht auf etwa vorhandene Brillen, zum Mund geführte Tassen oder im Mund steckende Gabeln. Da unter den Nächstsitzenden stark sehbehinderte Mitmenschen waren, die sich den Verlust eines Auges so ohne weiteres nicht hätten leisten können, sowie Leute mit empfindlichen Zahndämmen, Gebißträger zumal, mußte man das verhindern. Wie unter deutschen Pazifisten üblich, versuchten wir, sie durch gutes Zureden auf den rechten Weg zurückzubringen, mal mit Erfolg, mal ohne, denn wie der Gewalttäter im eigentlichen Sinn nicht verhandeln will, so auch die Gewalttäterin. Sie wollte etwas anderes und kriegte es nicht. Das machte sie so unbegreiflich für uns, die wir noch an Wissenschaft, Aufklärung und selbstverschuldete Unmündigkeit glaubten.

Wenn wir damals schon gewußt hätten, das sie vom Teufel besessen war, hätten wir sie in der Mittagspause verbrannt, und gut wär’s gewesen.

Kleine Gauck-Trilogie, Teil 6

A Bad Guy with a Gun is a Good Guy with a Gun

In Michelangelo Antonionis Film Zabriskie Point kriegen die zwei jungen Männer, die sich in einem Knarrenladen eine Knarre kaufen, weil sie einen Polizisten erschießen möchten, oder zwei, oder vielmehr ein paar Bullenschweine, wie man in Studentenkreisen damals sagte, die kriegen von dem Knarrenladenbesitzer den Rat, gegebenenfalls ein Bullenschwein, das sie im Hof erschossen haben, in den Flur zu schleppen und auf Notwehr zu plädieren, denn im Haus ist es Notwehr, im Hof hingegen ist es jugendlicher Übermut.

Wobei der Knarrenladenbesitzer nicht explizit von Bullenschweinen sprach, die es, wenn sie denn totgeschossen, in den Flur zu schleppen gelte, sondern den Rat mehr allgemein hielt, aber er war ja auch, als Knarrenladenbesitzer und National Rifle Agent (NRA), nicht so tief in die Studentenbewegung verstrickt wie die beiden jungen Männer. Ein gut gemeinter Rat, zweifellos, aber auch ein guter? Oder ist auch der Weg ins Mündungsfeuer der Polizeiknarren mit gutgemeinten Ratschlägen gepflastert, wie der Weg in die Hölle? Denn wie wir alle wissen, geht die Geschichte nicht gut für den jungen Mann mit der Knarre im Stiefelschaft aus: nicht er erschießt Bullenschweine, die Bullenschweine erschießen ihn.

An diese Geschichte mußte ich denken, als ich im Fernsehen den CEO der National Rifle Foundation (NRF), Joachim Gauck – halt, Maschine stopp, Ruder hart Backbord: vertan! Gauck ist nicht CEO der National Rifle, Gauck ist Chefexekutionsoffizier der Nationalen Rüffel Agentur (NRA), und als solcher rüffelt er alles, was da kreucht und fleucht, zum Beispiel uns, an denen er kein gutes Haar läßt, da uns der Colt nicht so locker in der Ficke schlackert wie ihm – nicht wie ihm, er trägt die Knarre ja nicht selbst, muß er auch nicht in seiner Position -, sondern wie er denkt, daß unsere Kanonen schlackern sollten, wenn wir denn unsere Verantwortung so ernst nähmen, wie er es von uns erwarten darf. Der National Rifle Heini (NRH) hingegen, an den ich denke, der heißt Wayne LaPierre, und von ihm stammt der Ausspruch “a bad guy with a gun is a good guy with a gun”, und was zunächst einmal klingt wie einer weichen Birne entsickert, werden wir uns gleich noch genauer ansehen. Zunächst aber schadet es nicht, im Umkreis der National Rifle Association (NRA) mit allem Möglichen zu rechnen, auch und gerade und vor allen Dingen mit weichen Birnen.

Nun zu dem Zitat. Wenn man es sich genau ansieht, erkennt man, daß ich die einleitenden Worte: “The only thing that can stop” weggelassen habe, denn der vollständige Satz lautet – also, wie wenn man die beiden Sachen hintereinander hängt. Das muß ich ja hier nicht unbedingt hinschreiben. Das kriegen Sie ja auch alleine hin, oder? Oder warten Sie: der vollständige Satz lautet: “The only thing that can stop a bad guy with a gun is a good guy with a gun” und man kann zurecht einwenden, daß ich durch das Weglassen den Satz verkürzt hätte. So kann man argumentieren, ja. Ist ja auch so. Aber: was ist falsch an kurzen Sätzen? – Nichts. Und man kann nicht argumentieren, daß der Sinn des Satzes durch das Nichtweglassen der ersten sechs Wörtlein etwa gewönne, denn das tut er nicht. Er bleibt blöd, der Satz. Aber er wird natürlich länger, das gebe ich zu. Es ist auch nicht so, daß ich nicht verstünde, was Wayne LaPierre mir sagen will. Er will mir sagen, daß als letztes Mittel manchmal eine Abwehr von Aggression erforderlich sein könne, und daß man, wenn man den Einsatz von Schußwaffen als ultima ratio nicht von vornherein verwirft, das Opfer gegebenenfalls am besten in den Hausflur schafft.

Das könnte von Gauck sein. Ist es auch. Nicht das mit dem Hausflur, das habe ich hinzugedichtet, aber der Rest. Man kann argumentieren, daß ich Herrn Gauck da etwas unterschiebe, was er nicht gesagt hat – das habe ich ja auch -, aber man kann nicht argumentieren, daß ich es nicht mit den lautersten Absichten getan hätte. Manchmal ist das als letztes Mittel erforderlich. Um zu zeigen, wie sich die ultima ratio eines Good Guy (Gauck) und die prima ratio eines Halunken (Wayne LaPierre) doch gleichen, nämlich wie ein faules Ei dem anderen. Dem Toten im Flur, ja dem ist es egal. Der riecht eh nichts mehr.

Also: Wayne LaPierre wollte sagen: “Hände hoch!” Bzw. “Hände weg!” Vom 2nd Amendment der US-Verfassung nämlich, welches besagt, daß der freie Bürger eines freien Staates das Recht hat, soviele Knarren zu verkaufen, wie der Käufer in seiner Hose bergen kann, auch wenn das mit sich bringt, daß der Verkäufer, weil er nicht weiß wohin mit dem Geld, sich den Arsch einfach, zweifach, dreifach, vierfach, fünffach oder noch mehrfacher mit Blattgold belegen lassen muß: “The right of the people to have their asses gilded up to five or more times shall, if possible, not be infringed,” wie es in besagtem Amendment heißt.

Das will er sagen, also könnte er es auch sagen. Tut er aber nicht. Warum nicht? Weil das Recht, das Publikum für dumm zu verkaufen, erlischt, wenn man es nicht mehr wahrnimmt? Ähnlich wie unser Wegerecht, das erlischt, wenn es seit 100 Jahren nicht in Anspruch genommen wurde. Wann immer ich mit einer Wanne voll Kochwäsche zum Waschplatz an der Aue unterwegs bin, wo ich sie spülen will, weist mir der Tankstellenpächter das Gartenpförtchen. Durch seinen Garten führt der Pfad, den so viele Füße müder Mägde und rheumageplagter Waschfrauen über Jahrhunderte unkrautfrei gehalten haben. Und wenn ich einen flammenden Aufruf bei Rewe ans schwarze Brett tackere, mir mir zusammen das Herkommen gegen den Emporkömmling zu verteidigen, dann kommt keiner. Nicht viel anders in Amerika: wenn dort nicht täglich mindestens einer erschossen wird, wird man annehmen, daß das Recht des Waffentragens, -putzens und -benutzens nicht mehr länger gebraucht wird und eingezogen werden sollte.

Die Gefahr ist natürlich gering, und um zu verhindern, daß sie größer wird, hat man Leute wie Wayne LaPierre. Gut möglich, daß er sich sorgt, das Recht, die Leute für dumm zu verkaufen, könnte ebenfalls eingezogen werden, wenn er sie weniger als einmal täglich für dumm verkauft. Aber auch die Gefahr ist nicht sehr groß. Eher schon kommen am Samstag ein Dutzend Leute zu meinem Wash-In am historischen Waschplatz an der Aue in Käsdorf.

Denn es ist natürlich ein Riesenblödsinn, zu behaupten, nur ein “good guy with a gun” könne einen “bad guy with a gun” stoppen. Ein “bad guy with a gun” kann das auch. Ein “bad guy with a gun” kann auch einen “good guy with a gun” stoppen, und ein “bad guy with a good gun” kann zwei “good guys with bad guns” stoppen, und zwar locker. Zwei “bad guys with good guns” können jede Menge “good guys” stoppen, wenn sie sich geschickt verschanzt haben, und zwei andere “bad guys, even with rotten guns” können die beiden ersten “bad guys” stoppen, wenn sie zuerst schießen. Jedenfalls treffen. Selbst zwei “good guys” können zwei “good guys” stoppen, wenn sie sich vertun und sie für “bad guys” halten. Oder zwar wissen, daß die beiden “good guys” sind, aber noch eine Rechnung mit ihnen offen haben. Sowas kommt schließlich vor, und zwar in den besten Familien. Oder es sind gar nicht zwei “bad guys”, sondern einer ist ein “good guy” (weiß) und einer ein “bad guy” (schwarz), und sie sind aneinander gekettet, wie Joker und Noah in dem Film ‘Flucht in Ketten’, und man zielt auf den “bad guy”, aber während man gerade abdrückt, beugt sich der “good guy” vor und kriegt alles ab. Man kann ihn noch nicht mal in den Hausflur schleppen, weil der “bad guy” noch dranhängt. Das ist dann Tragik. Da kann dann keiner was für.

Aber Riesenblödsinn oder nicht, die Leute lassen sich für dumm verkaufen, und glauben Wayne LaPierre. Und plappern es ihm nach. Siehe unser “good guy” Gauck. Oder nicht? Ist nicht er der Gute, LaPierre der Böse? Auffallen tut uns, daß beide die notorisch große Klappe halten, nun, da in Missouri ein “bad guy with a gun” das getan hat, was “bad guys” tun sollen, wenn sie im Sinne der National Shutgun Association (NSA) tätig werden: den Knarrenladenbesitzern einen Anlaß geben, nach Bewaffnung der “good guys” zu schreien, indem er einen umgenietet und versäumt hat, ihn in den Hausflur zu schleifen, bevor die Polizei da war. Na! Unfug! Die Polizei war ja schon da. Aber die Knarrenladenbesitzer, sie schreien nicht. “Good guys” ohne Ende strömen auf die Straße, protestieren, schmeißen mit Sachen, legen Feuer, plündern Läden – aber einer, der ihnen nahelegen würde, sich mit Handfeuerwaffen zu versehen? – Fehlanzeige.

Nicht, daß ich das für falsch hielte. Ich halte es für richtig, die Zivilbevölkerung nicht zu bewaffnen. Ich finde, es sollte ein Gewaltmonopol geben, und das Monopol sollte beim Staat liegen. Der kann es dann, am besten nach festen, transparenten Regeln, delegieren, z.B. an Polizisten. Das ständige Waffengefuchtel selbsternannter “good guys”, das wäre mir viel zu unübersichtlich. Man stelle sich vor, man käme als Fremder in eine fremde Stadt geritten, und jeder, dem man auf der Straße begegnete, trüge den Sheriffstern – wer wollte sich denn da noch zurechtfinden? Man würde den Colt doch vorsichtshalber gar nicht mehr aus der Hand legen!

Aber ich bin ja auch nicht Gauck. Was ist mit ihm? Er ist schließlich Gauck. Warum schweigt er? Wäre es nicht an der Zeit, daß die Bundesrepublik “sich als guter Partner früher, entschiedener und substanzieller einbringen” täte? Und die Ordnung in Ferguson wieder herstellte? Es müßte ja keine “rein militärische Lösung” sein, man könnte ja “besonnen vorgehen und alle diplomatischen Möglichkeiten ausschöpfen.” “Aber wenn schließlich der äußerste Fall diskutiert wird,” und da bin ich ja gerade dabei, “Einsatz der Bundeswehr ” nämlich, “dann gilt: Deutschland darf weder aus Prinzip Nein noch reflexhaft Ja sagen.” Sag ich ja. Bzw., das hat alles Gauck gesagt. Hat gesagt. Im Winter, auf einer Wehrsportveranstaltung oder wehrkundlichen Tagung oder irgendwas mit “Wehr und Waffen” im Namen – wie bitte? Eine ‘Sicherheitskonferenz’ war das? Sischer dat! Und dies hier ist ein ‘Informationsmedium’ -, der Punkt ist: er hat es gesagt. Nun hält er den Rand. Kein “Deutschland steht an der Seite der Unterdrückten” mehr. Kein “Es kämpft für Menschenrechte.” Auch kein “Und in diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen.” Das war mal: am 14.6. im Deutschlandfunk. Das war rein theoretisch-rhetorisch in die Tüte geplaudert. Jetzt, wo ich ihn hinterwärts auf sein Geplauder festnageln will, da geht er mir aus dem Weg.

Ich darf doch bitten: in Ferguson sind Menschenrechte verletzt worden! Jemand ist nur aufgrund seiner Hautfarbe erschossen worden, ein Verstoß gegen die Artikel 1, 2 und 3. Sowie 7, 10 und gegebenenfalls 11. Die einheimische Bevölkerung ist nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft gegen dieses Verbrechen zu wehren, weil der Täter sich in den einstweiligen Ruhestand abgesetzt hat. Also bitte! Wenn wir jetzt nicht zu den Waffen greifen, wann dann?

Nicht, daß ich es für richtig hielte, in Ferguson einzumarschieren. Ich bin nicht der Meinung, daß man die Menschenrechte allein um der Rechte der Menschen willen verteidigen sollte. Oft klappt das nicht, denn die Träger der zu verteidigenden Rechte sind hinterher töter als vorher, und oft sind Kriege, bei denen es ums Prinzip geht, grausamer als die, bei denen es bloß um Land, eisfreie Häfen oder Rohstoffe geht. Man sollte immer beides miteinander zu kombinieren versuchen. Wenn es dann mit den Menschenrechten nicht klappt, hat man immerhin das Öl. Das gibt dem Krieg ein menschliches Antlitz.

Aber ich bin ja auch nicht Gauck. Gauck ist Gauck, und Gauck will mehr. Gauck will, daß wir an der Seite der Unterdrückten stehen, auch und gerade dann, wenn diese kein Öl haben. Aus Prinzip. Weil wir die Guten sind. Nun denn, in Ferguson gibt es kein Öl – zu den Waffen! Meinetwegen zu den nicht letalen Waffen, wenn das Verteidigungsministerium darauf bestehen sollte – was schade wäre, denn es impliziert, daß wir Frau v.d. Leyen nicht nach Ferguson schicken können. Auf der anderen Seite ist den “good guys” da drüben mit schußsicheren Westen sehr viel besser gedient als mit Frau v.d. Leyen, von der sie nicht wirklich etwas hätten. Schußsichere Westen aber sind genau das, was die Leute in Ferguson brauchen.

Aber Gauck scheint nicht zu wollen. Er ist ja auch nicht ich. Vielleicht hält er es nicht für angezeigt, in einem befreundeten, bewunderten, mit Respekt betrachtetem Land, das obendrein mit dem eigenen verbündet ist und von dem man in vielfältiger Weise abhängig ist, einzumarschieren. Um dort den Menschenrechten zu ihrem Recht zu verhelfen. – Ich hielte das für angezeigt. Ich glaube, die Amerikaner warten nur darauf. Ich glaube, sie lassen sich gern belehren. Besonders, wenn es auf eine impertinente und ganz und gar humorlose Art geschieht, eine Art, die eigentlich nur bei uns zu haben ist. Ich glaube, sie lieben uns dafür. Heimlich vielleicht, so, wie sie Angela Merkels Telefon heimlich abgehört haben – aber das ist es ja eben! Wer würde sich das antun wollen, wenn nicht der verliebte Jüngling, der heimlich im Tagebuch der Angebeteten schmökert, um zu sehen, was sie über ihn schreibt. Vielleicht wären sie sogar bereit, nach der Befreiung Fergusons Gauck als ihren Präsidenten zu adoptieren, denn ihren eigenen scheinen sie ja nicht wirklich gern zu haben.

Gauck scheint das anders zu sehen. Vielleicht meint er, daß die beiden Merkmale – 1. Verletzte Menschenrechte, 2. Kein Öl, keine Bodenschätze. Keine eisfreien Häfen – daß diese Merkmale ein Land doch noch nicht ausreichend für den Genuß deutschen Zurseitestehens qualifizieren, vielleicht muß noch ein 3. hinzukommen. Etwa, 3. daß der betreffende Staat – oder das staatenähnliche Gebilde, die schäbigen Überreste dessen, was einmal Staat sich nannte – im Grunde nichts zu sagen hat. Im Sinne von: nicht mitreden darf. Einem nicht auf Augenhöhe begegnen kann und nicht satisfaktionsfähig ist. Der nicht gefragt werden muß, und der im Idealfall eine lange Geschichte der Erziehung durch europäische Patenstaaten hinter sich hat, zwar möglicherweise jetzt im Flegelalter ist, dem man aber doch zumindest prinzipielle Schulreife unterstellen darf. Z.B. der Irak, der ja eigentlich kein Staat ist, sondern ein künstliches Gebilde von Engelands Gnaden. Hat keine handlungsfähige Regierung, kann seine Minderheiten nicht schützen, z.B. die Jesiden, die wir auf einmal so lieb gewonnen haben, seit wir wissen, daß es sie gibt. Als vor drei Jahren ein jesidischer Vater vorm Jugendamt im niedersächsischen Stolzenau seine jesidische Tochter erschoß, da hatten wir noch keine Verwendung für dergleichen Feinheiten, da kam es uns besser zupaß, Ehrenmörder grundsätzlich als Muslime zu führen, und den Kasus in der Schachtel mit der Aufschrift ‘Islam = böse’ abzulegen. Heute paßt es uns besser, die Unterschiede herauszustellen, denn sonst täten wir uns schwerer damit, ihre Verfolgung durch den ‘Islamischen Staat’ zu erklären. So aber können wir den gleichen Schuhkarton weiterverwenden.

Ich bin allerdings etwas anderer Meinung als Gauck. Nichts dagegen, die Jesiden durch die Kurden retten zu lassen, wenn die Kurden dies wünschen; uns drauf besinnen, daß es Teufelsanbeter sind, die wir hier bei uns nicht haben wollen, können wir immer noch. Aber ich finde es ungerecht, nur wirtschaftlich, militärisch und politisch unterlegenen Staaten unsere Hilfe aufzunötigen. Wenn es Amerika nicht sein kann, weil weder Gauck noch ich das wollen, dann sollten wir bei unseren europäischen Nachbarn nach dem Rechten schauen. Z.B. in Frankreich. Wir haben immer zuerst in Frankreich nach dem Rechten geschaut; ganz zuallererst natürlich, buchstäblich en passant, in Belgien. Und warum auch nicht, dort ist es nicht besser, als in Frankreich: auch da werden Frauen unterdrückt! Sie dürfen sich dort nicht vermummen. Die Männer hingegen dürfen rumlaufen wie Pierre Vogel, und keiner sagt was. Ich sage: niemand darf aufgrund seines Geschlechtes benachteiligt werden. Entweder das Burkaverbot aufgehoben, oder die salafistischen Männer zwangsrasiert! Ich persönlich tendiere ein klein wenig zu letzterem, so wie ich auch der Meinung bin, daß die amerikanische Polizei nicht immer nur schwarze Jugendliche erschießen sollte. Hin und wieder zwischendurch einen Weißen erschossen, und schon wird das Vertrauen der Schwarzen in eine Polizei, die auch die ihre sein sollte, wieder zunehmen, zaghaft zunächst, gewiß, aber mit jedem toten Teenager ein wenig mehr. Ich bin überzeugt, auch Wayne LaPierre wird sich dann wieder auf die Pflichten des ehrbaren Kaufmanns besinnen und zu massenhaften Waffenkäufen aufrufen. Zurecht, denn die weißen Kids verfügen doch über eine ganz andere Kaufkraft als die schwarzen. Wo ein Schwarzer sich die Knarre vom Munde absparen muß, haben gleichaltrige Weiße drei davon in der Hose und noch Geld für Munition übrig.

Der weiße Student mit der Knarre im Stiefel, der in Antonionis Film von einem Bullenschwein erschossen wird, wird dies übrigens nicht wegen seiner Hautfarbe, sondern weil er ein Flugzeug geklaut hat, das er allerdings zurückbringen will – schön dumm, hätte er’s behalten, könnte er noch leben. Insofern handelt es sich nicht um eine Menschenrechtskiste, sondern um jugendlichen Übermut, und das Bullenschwein ist eigentlich gar kein Bullenschwein, sondern gehört eher in die Kategorie “good guy”, Typ 3b: “good guy with a gun stops good guy with a gun”. Ein Einmarsch in Kalifornien erübrigte sich daher. Das hinderte Antonioni aber nicht daran, seiner weiblichen Hauptdarstellerin, die vom Tod des Freundes im Autoradio hören muß, mit einer wundersam entlastenden Rache Linderung zu verschaffen. Rache an ihrem Chef, der zwar nichts dafür kann, aber was soll’s, so ist das nun mal mit der Rache. Wenn Gauck zum erstenmal wo einmarschieren läßt, wird’s dort auch jede Menge Leute treffen, die nichts dafür können. Mitgefangen, mitbefreit. Oder mitgesprengt. Denn vor Darias innerem Tollkirschenauge fliegt die Wüstenvilla des Chefs in die Luft, immer und immer und immer wieder, in Zeitlupe, zu Kiffermusik von Pink Floyd und mit einem sehr satten, sehr befriedigenden Explosionsgeräusch. Dreizehnmal ist gerade die richtige Dosis, und danach schweben die Dinge sehr bunt noch stundenlang in der Schwerelosigkeit umher und der Kiffer in uns versöhnt sich irgendwie mit allem und jedem, und irgendwann ist’s auch mal gut. Daria kann wieder lächeln, Abendkühle überall, am Bache singt die Nachtigall, die Kamera reitet in den Sonnenuntergang, Roy Orbison fängt an zu singen, und der “good guy” im Zuschauer hat irgendwie moralisch doch noch gewonnen. Das Merkwürdige ist: es funktioniert auch heute noch.

Ich habe die Sequenz als Schnipsel abgespeichert, und wenn ich im Autoradio hören muß, was Good Guy Gauck mal wieder irgendwo verzapft hat, stoppe ich alle Maschinen, halte mich steuerbord, hole das Tablet hervor, stöpsle mir die Ohren und lasse den Tanz beginnen. Es ist zwar nicht das Schloß Bellevue, aber wer weiß, ob das so schön gleichmäßig und malerisch in die Luft fliegen würde, wie die Wüstenvilla. Die ist ja doch ein Stück kleiner und da oben auf dem Felsen sehr viel spektakulärer gelegen.

Immerhin wäre es schön, wenn das Wulffsche Bobby-Car mit von der Partie sein könnte, zusammen mit der Stehlampe, den Büchern und dem Truthahn.

“The hedge fund can never be buggered at all”

Als ich neulich aus gegebenem Anlaß mit Hilfe von Google nach “Stinktierfonds” suchte, da fügte es sich, daß Google den Begriff mal wieder nicht finden konnte. Nicht, daß ich mich darüber beklagen wollte, viel zu oft findet man ja Sachen, die man lieber nicht fände, und für die müßte es nicht nur ein Recht auf Vergessen geben, sondern ein Recht auf Niegewesensein. “Aber wem passiert das schon? Unter Tausenden kaum einem!” (Graf Bobby).

Was man findet, sind jede Menge Geierfonds. Statt daß die Leute mal ein bißchen Abwechslung in die Berichterstattung über die argentinische Zahlungsunfähigkeit brächten, und hin und wieder einen Kakerlakenfonds oder meinetwegen einen Kojotenfonds mittun ließen, oder daß vielleicht mal einer den ‘Hedgehog Song’ parodierte: “Bestiality sure is a fun thing to do / But I have to say this as a warning to you: / With almost all animals, you can have ball / But the hedge fund can never be buggered at all.” – nix is. Stattdessen haben sie sich auf Monotonie geeinigt und sabbern alle in dieselbe Tröte: ‘Geierfonds’.

Dabei sind Geier sehr nützliche Tiere. Sie räumen die Wüste auf, und die Kojoten die Steppe. Und auch Kakerlaken sind sehr nützliche Tiere – wobei ich gestehen muß, daß das nur so dahergesagt ist, daß ich so aus dem hohlen Kopf gar nicht sagen könnte, wofür genau der Kakerlak gut ist, außer für die Übertragung von Ruhr, Polio, Hepatitis, Gelbfieber, Typhus, Lepra, Milzbrand, Tuberkulose, Cholera “und wahrscheinlich auch SARS” (Wikipedia). Aber irgendwas, da bin ich mir sicher, wird sich der Schöpfer auch beim Kakerlak gedacht haben. Dem gegenüber steht das Stinktier, das überhaupt keinen Nutzen hat. Wie die Hauptfigur des schönen Romans ‘To kill a skunk’ ihrer Tochter erzählt, hat ihr – der Hauptfigur – Papa ihr zum ersten Gewehr, das er ihr schenkte, die Maxime mit auf den Weg gegeben: “You may shoot all the racoons you want, if you can get ‘em, but remember it’s a sin to kill a mockingbird.” – “A mockingbird?” – “Did I say mockingbird? I mean a skunk. It’s a sin to kill a skunk”. Das Stinktier, so geht es weiter, hat keinen Nutzen, keinen wirtschaftlich ausbeutbaren Nutzen. Es ist kein Schlachttier, man kann es nicht essen, man kann es nicht scheren, micht melken, nicht rupfen, es zieht keinen Pflug. Es legt keine Eier. Es gibt keinen Honig. Es ist bloß da, weil es da ist, damit es da ist, um seiner selbst willen, um seinen Schöpfer zu loben, und um dem Menschen zur Last zu fallen. Es tut nichts, gar nichts, außer seine Analdrüsen auszupressen, und alle Kraft seines kleinen Körpers, alle Lebensenergie, allen guten Willen nimmt es zusammen, um sein Sekret so weit wie möglich hinauszuschleudern in eine Welt, der darob der Atem stockt. Drum eben sei es Sünde, ein Stinktier abzuknallen.

Nicht nur darum: ein Stinktier ist eine Schönheit, eine Bereicherung der Welt. Wer es nicht glaubt, sei an Pepe le Pew erinnert, der glaubt das für ihn mit. Und darum liegt es auch so nahe, die Hedgefonds Stinktieren zu vergleichen: einen Nutzen haben schließlich auch sie nicht. Sie sind da, um ihrer selbst willen, um ihren Schöpfer reich zu machen, und der Menschheit eine Plage zu sein. Sie sind die reine, zwecklose Schönheit. Und wer’s nicht wahrhaben will, der sei an die Schönheit des brennenden Roms erinnert, an die Schönheit des perfekten Verbrechens, die Schönheit der Verwesung, die Schönheit der Aasblüte. Nicht umsonst nannte Stockhausen die fallenden Türme des WTC das größte Kunstwerk des Kosmos. War Pompeji jemals schöner als unter der Asche? Schneewittchen jemals schöner als im Sarg? Ein Stern je heller als im Verglühen? Die Unschuld ist nie unschuldiger als nackt in einem LKW mit Gammelfleisch. Es ist schön, was die Hedgefonds mit Argentinien treiben, schön wie das Massaker scharfer Kolibrischnäbel an zerfetzten Nachtpfauenaugen, wenn samtige Flügelfetzen im diffusen Dschungellicht zu Boden sinken und drüberhin schon wieder des Täters furioses Federfarbgeflirre das träge Auge narrt. Schön ist das, und ohne Zweck. Schönheit um der Schönheit willen. Die Wunde in der weißen Knabenhüfte, aus der die Würmer wimmeln.

Und schön ist auch die Selbstgewißheit, mit der die Hedgefonds rummstolzieren, sicher, daß sie sich jeden, den sie kriegen – und sie kriegen praktisch jeden -, einpacken und mundgerecht zerlegen lassen können, wenn sie dies wünschen; sie aber ihrerseits nichts fürchten müssen, gar nichts. Ni dieu, ni maître. Die wahren Anarchisten unserer Tage. Dagegen ist Pepe le Pew ein wandelnder Minderwertigkeitskomplex. Wie denn auch nicht? Wie heißt es doch im ‘Hedgehog Song’: “You can roger a skunk if you can stand the smell / Or even an oyster, should he let go of his shell / A troll can be rocky if down you should fall / But the hedge fund can never be buggered at all.” Diese absolute Macht macht schön. Wann gab es das zuletzt, daß einer Schönheit, Macht und Gestank dergestalt in einer – in seiner – Person vereinigt hätte? Bei Louis XIV? XV? XVI?

Um so erstaunlicher, daß, wenn man bei Google schon kein Suchergebnis für “Stinktierfonds” bekommt, sich doch immerhin ein paar bezahlte Annoncen auf der Seite tummeln. Zum Beispiel vom Deka Investmentfonds, dem – Zitat – “Wertpapierhaus der Sparkassen-Finanzgruppe”. Und bei ‘Kakerlakenfonds’ kommen noch die Allianz Global Investors dazu. Bei ‘Kojotenfonds’ die Targobank. Hmh – daß sie keinen potentiellen Kunden verlieren wollen – selbst wenn der potentielle Kunde bloß aus mir besteht, der da aus Jux vorbeigesurft kommt -, das kann ich verstehen. Das ist das eine. Aber dann? Was kommt dann? Wenn ich nun beim Deka Investmentfonds anriefe, und mich nach Stinktierfonds erkundigte, was dann? Würde man mir dann Anteilsscheine anbieten? Verticken gar, gesetzt den Fall, ich hätte diese Sorte Geld? Tatsächlich? Anteilsscheine von Stinktierfonds?

Ja, gibt es denn sowas?

Offener Brief

an die Künstliche Intelligenz
ubiquitär

Liebe Künstliche Intelligenz,

kann es sein, daß die Leute, wenn sie von Künstlicher Intelligenz (KI) reden, gar nicht Dich meinen, sondern das Künstliche Knalldeppentum (KK)? Oder wenigstens das KD? Oder sie meinen schon Dich, aber Dich gibt es gar nicht? Sondern du bist das KK, und KI ist bloß Dein aka?

Weil, es ist nämlich so: ich erklär’s Dir. Ich hatte, den ganzen Winter über, Cent auf Cent und Euro auf Euro gelegt und mir was zusammengespart, und dann, im Frühjahr, hab ich mir was geleistet, und habe mir eine junge Rotbuche gekauft. Die war nicht billig, mein lieber Mann! Wenn man bedenkt, daß der Krupp, als er die Villa Hügel bepflanzen wollte, sich ausgewachsene Bäume hat kommen lassen! Oder Fürst Pückler. Oder Ernst August und die großen Gärten! Entweder war das Zeugs früher sehr viel preiswerter als heute, oder die Jungs hatten richtig, richtig viel Kohle. Richtig viel Kohle. Nicht bloß viel, sondern richtig viel. – Wie auch immer. Bei mir reichte es nach einem entsagungsreichen Winter nur für eine (1) Rotbuche. Eine kleine. Und selbst die war nicht so ganz einfach zu transportieren. Aber eine Rotbuche sollte es schon sein. Eine Hängebuche. Frag mich nicht, warum! Ich stehe nun mal auf Rotbuchen. Manche Leute stehen auf ganz andere Sachen; denen rede ich nicht rein, soll mir also auch keiner reinreden. Manch einer verbindet halt manchen Gegenstand mit mancherlei Erinnerung, und die Öffentlichkeit geht es eine Haufen feuchtes Buchenlaub an.

Mit Dickmaulrüsslern drin.

Das Problem war, als ich den Baum in der Erde hatte und mich freute, als er die ersten, noch recht fipsigen Blätter kriegte, da mußte ich auf einmal feststellen, daß man mir baumschulenseits den Dickmaulrüssler mitverkauft hatte. Vielleicht war der Baum deswegen so teuer. Nun kann man den ausgewachsenen Dickmaulrüssler in der Abenddämmerung mal einfach so im Vorbeigehen vom Blatt sammeln, ihm einen Kinnhaken geben, ihn zu Boden werfen, und wenn man eine Weile auf ihm rumgetrampelt hat, ist er tot und tut dem Baum keinen großen Schaden mehr. Ansonsten frißt er ihm Löcher in die Blätter, was für sich genommen immer noch kein großer Schaden wäre, aber nach dem Fressen, sagt ein altes Dickmaulrüsslersprichwort, nach dem Essen sollst du rauchen oder tausend Schritte tun.

Oder die Dickmaulrüsslerin schwängern. Was er auch tut. Und dabei absolut kein Maß kennt, oder sie jedenfalls nicht, denn nach erfolgter Kopulation legt sie, die Dickmaulrüsslerin, 800 Eier in meine Baumscheibe. Und aus 800 Eiern werden 800 Larven, die sich ehestens aufmachen um meiner Hängebuche die Fadenwurzeln abzufressen, diese Mistkäfer! Natürlich verstehe ich den Zusammenhang zwischen Baum und Beilager, den verstehe ich gut. ‘Under the greenwood tree who loves to lie with me” usw. Die Perlenschnüre der Zweigwimpern, die Sommernacht, das ferne Lachen, die Fehlzündungen der Motorräder im Augustabend, das Flaschenscheppern, das Wetterleuchten, der fremde Atem, das senkrechte Fallen des Wassers, die Ekstase, der Matsch. Aber doch bitteschön nicht für den Dickmaulrüssler! Sondern für mich.

In meiner Entrüstung, meiner Enttäuschung und meinem Frust sann ich, wie ich der Rüsslerbrut Herr werden könne, und wandte mich hilfesuchend an Google, das mich nach Eingabe von “Dickmaulrüssler” auch ohne weiteres auf die Seite Mein-schöner-Garten.de oder so ähnlich führte, wo mir auch Bescheid wurde: man kriegt sie mit Hilfe von Nematoden, einer Art leichter Älchen, Fadenwürmern von zweifelhaftem Lebenswandel, von Moral nicht angekränkelt, denen die Larven nicht widerstehen können, mit denen sie sich einlassen, wie die Larve im venezianischen Karneval, die der Larve, wie der Jüngling im Hafen von Liverpool, der der Anmut der Dirne, wie die Rheinschiffer, die dem Goldhaar der Loreley, wie die Lauscher, die dem Gesang der Sirenen nicht widerstehen konnten, so stellen die Larven am Morgen danach fest, daß es keine so gute Idee war, sich gestern abend mit dieser Fremden eingelassen zu haben. Etwas nagt in Ihnen. Sie fühlen sich mies. Sie mögen glauben, sie hätten sich die Franzosenkrankheit eingefangen, aber dann merken sie, daß das Älchen schon in ihrem Inneren wohnt. Sie werden es nie mehr los werden, und es wird sie langsam von innen her aushöhlen, bis sie nurmehr die schlaffe Hülle ihrer selbst sind. Und wenn Sie gedacht haben sollten, 800 Nachkommen wären viel, dann fragen Sie mal eine satte Nematode!

Das alles lernte ich auf der Seite Mein-schöner-Garten.de, und ich hätte nie gedacht, daß ich zu solch unappetitlichen Maßnahmen würde greifen müssen, um meine Rotbuche zu schützen, aber was solls? Wer hat denn angefangen? Habe ich etwa angefangen? Oder der Dickmaulrüssler? – Freund Luther, nehme ich mal an, der nicht so zimperlich war wie ich, würde wahrscheinlich selbst am Vorabend des Weltuntergangs noch eine Ladung Nematoden in abgestandenem Leitungswasser aufgelöst und an die Wurzeln seines Apfelbäumchens gekippt haben, um den Dickmaulrüsslerlarven eine reinzuwürgen.

Schön. Oder auch nicht schön. Das war’s aber noch nicht. Denn am Fuß der Seite – zur Erinnerung: sie heißt Mein-schöner-Garten.de – was lese ich da? Unter der Überschrift “Das könnte Sie auch interessieren”? – “Kolumne Sex-Phantasien – kennste seine, kennste deine!”

Sag mal, Künstliche Intelligenz – bist Du bescheuert?

Was hast denn Du für Assoziationen?? – Ich bin ja von Amazon einiges gewohnt, einiges! Was die mir da manchmal auftischen, das kann man keinem erzählen, wenn einem sein guter Ruf lieb ist. Mit der Begründung, das hätten die anderen schließlich auch gegessen. Respektive bestellt. Die, die dasselbe bestellt hätten wie ich. Oder auch bloß angesehen. Pampers z.B., Pampers Windeln Baby Dry Gr.5 Junior 11-25kg Monatsbox, 144 Stück. Ungelogen! Inspiriert angeblich durch meine “Shopping Trends”, was immer das ist. Hä? Heh! Wirke ich so fruchtbar? So fruchtbar, daß ich 12 Dutzend Windeln brauchen könnte? Im Monat? Soll mir das vielleicht schmeicheln? Will man mir etwa schöntun? – Shopping-Trends! Dabei habe noch nicht soviel wie ein Tempotaschentuch bei Amazon gekauft. Oder ein Blatt dreilagiges Toilettenpapier. Nicht einmal ein Blättchen zweilagiges Toilettenpapier. Das letzte, was ich bestellt habe, und das entfernt mit Papier zu tun hatte, war “Der große Gatsby” von F. Scott Fitzgerald. Kommen da Pampers drin vor, KI, weiß Du das zufällig? Ich weiß es nicht, ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu lesen, und werde auch in absehbarer Zeit nicht dazu kommen. Wann denn, wenn ich mal fragen darf?! Jetzt, im Sonmer? Bei der ganzen Gartenarbeit? Hast du eine Ahnung, wie es bei mir aussieht? Ich habe auch keine Ahnung, denn ich schaue nicht hin. Ich will den Garten so in Erinnerung behalten, wie er aussah, als wir noch glücklich miteinander waren. Damals, im April, als ich die Buche kaufte! Aber Hundstag für Hundstag schneidet Tausendschönchen mir mehrere Klafter Biomasse auf den Hänger – ich weiß nicht, ob man Biomasse nach Fudern, Klaftern oder Festmetern mißt, aber es sind auf jeden Fall mehrere davon. Die ich dann in der Feldmark verklappen soll, ohne mich erwischen zu lassen. Hah! Ich sehe mich schon in gestreifter Garderobe im Steinbruch. Wie soll ich da zum Lesen kommen? – Bei Amazon freilich habe ich nie geglaubt, daß es sich bei den Empfehlungen um Produkte künstlicher Intelligenz handeln könnte; nein, das habe ich nicht geglaubt. Ich kaufe zwar bei Amazon, aber ich bin doch nicht bescheuert. Ich habe mir immer gesagt: das kommt davon! Das muß dieses oder diese oder dieser Big Data sein. Das kommt dann dabei raus. Was mußt du auch dort kaufen. Ich bin sogar hingegangen und habe, um den Amazonschen Algorithmen was zu tun zu geben, nach Nachtöpfen mit Musik gesucht. Genauer: “Pot de chambre, Rauchglas, indirekte Beleuchtung, spielt, wenn in Gebrauch, ‘Heil Dir im Siegerkranz’”. Gibt es angeblich nicht. Macht nichts, ich wollte ja keinen haben, ich wollte nur mal wissen, wonach Leute, die nach sowas suchen, sonst noch so suchen. – Moment! Nicht, daß sie mir deswegen die Pampers – aber da hätten sie mir doch besser Inkontinenzhosen angeboten, Tena Pants für den älteren Herrn, oder? – Pah! Big Data! Da wird nischt von.

Aber zurück zu Dir, KI. Auf der Seite Mein-schöner-Garten.de bin ich ja zuvor noch nie gewesen, daher kann man dort allenfalls Small Data über mich habe, um nicht zu sagen: Tiny Data. Und schon gar keine Shopping-Trends. Darum kann es nicht Big Data gewesen sein, dem oder der ich den Link zur Kolumne Sex-Phantasien verdanke; den, KI, verdanke ich Dir. Schönen Dank auch! Pfui Spinne! ‘Maul’, ‘Rüssel’, ‘dick’ – ist da irgendwas dabei, was einen auf Sex-Phantasien bringen könnte? Wie, bitte, kommt einer darauf, daß derjenige, der einer Suchmaschine einen Dickmaulrüssler in den Hals gesteckt hat, auf Sex-Phantasien aus war? Und wieso vermutet man so einen ausgerechnet auf Mein-schöner-Garten.de? Hast Du Dir mal einen Dickmaulrüssler angesehen, KI? Assoziierst du dabei etwa einen ‘flotten Käfer’? Ich nicht. Vielleicht ist er für Coleoptorologen ein Hosenspanner, für unsereinen ist er das nicht. Oder stehst du mehr so auf’s Akustische? Ich würde das im Prinzip nachvollziehen wollen, denn ich bin Freund und Förderer empfindlicher Trommelfelle, also: bitte sehr! Aber gerade dem empfindsamen Trommelfell wäre doch, meiner bescheidenen, wiewohl richtigen Meinung nach, ‘Coleoptorologie’ entschieden hosenspannender als ‘Dickmaulrüssler’. Und selbst wenn ich Dir diesbezüglich eigene Vorlieben zugestünde, wenn ich sie Dir zugestehen wollte – was ich nicht will -, dann bliebe ja immer noch die Frage: “Ja und? Kannst Du Deine Vorlieben vielleicht mal für Dich behalten?”

Warum sollte ich mich für die Sex-Phantasien fremder Leute interessieren? Und selbst wenn ich das täte – was ich nicht tue – wieso sollte ich mich dann für die Sex-Phantasien von Leuten interessieren, die dieselben einer Kolumne auf freundin.de anzuvertrauen belieben, einer Zahnarztzeitschrift, wenn ich mich richtig erinnere, für der Bravo entwachsene Bravoleser. ‘Vertrauen’! Hah! ‘Anvertrauen’! Pah! Wenn sich die Kolumnistin die Phantasien man nicht ohnehin aus den klebrigen Fingern gesaugt hat. Und wenn ich sie lesen würde – was ich nicht werde -, wer sagt, daß ich nicht sofort an Zahnarzt denken müßte? An blutigweißes Nervengewürm, am Haken baumelndes? Ans Spuckbecken? An Wattetampons? An Latex und Speichelsauger?

Wenn es das ist, KI, was die Leute unter einer gescheiten Sex-Phantasie verstehen, dann kann ich nur sagen: “Es ist doch gut, daß man manches nicht weiß!” Pflegte meine Oma immer zu sagen, das. Und was soll ich Dir sagen? – Meine Oma hatte recht. Jedenfalls was die Sex-Phantasien fremder Leute angeht. Wer die alle kennen müßte! Der Menschheit ganzer Jammer faßte einen an. Zwar ist der Topos des Angefaßtwerdens gern gesehener Gast in manch einer sexuellen Phantasie, gleichzeitig aber gilt, daß der Menschheit ganzer Jammer selbst sich aus der Anfasserei gefälligst heraushalten möge. Man sollte sich für die Sex-Phantasien seiner Mitmenschen nicht nur nicht interessieren, sondern darauf halten, weit, weit weg zu sein, wenn sie sie haben. Eine Handvoll Ausnahmen mal ausgenommen. (Die hiervon Betroffenen werden rechtzeitig von mir informiert. Sie brauchen selbst nicht tätig zu werden. – G.) Aber selbst bei denen würde ich mich fragen, ob ich mich für etwas, was sich ‘Sex-Phantasie’ nennt – oder jedenfalls widerstandslos nennen läßt -, überhaupt Interesse haben will. Ich will hier nicht in betschwesterhafter Heuchelei einmal mehr das Auseinanderfallen von Eros und Sexus beklagen und die “erotische” gegen die “sexuelle” Phantasie in Stellung bringen, dabei natürlich erstere hochloben aber letztere hängen lassen – wenn ein befreundetes Paar glaubt, sich trennen zu müssen, dann wird nur der Mann von Ungeschmack für eine der Seiten Partei ergreifen. Als langjähriger Freund beider will man es sich schließlich mit keinem verderben. Ich will denn auch beide ins je eigene Recht gesetzt wissen, und zum eigenen Recht gehört vor allen Dingen das Recht auf Ausgeschriebenwerden. Ich lasse mich auch nicht gerne G-fuzzi nennen. Nicht ohne Widerrede. Nichts gegen einen Sex-Shop als Institution, aber muß man ihn auch so nennen? Was spricht denn gegen ein ‘Fachgeschäft für Ehehygiene’, wie man früher dazu zu sagen pflegte? Oder, wenn das nicht mehr zeitgemäß sein sollte, meinethalben ein ‘Fachgeschäft für prä-, post-, intra-, trans- und extramaritale sowie sonstige Hygiene’? Wenn soviel Zeit nicht mehr ist, wenn die Leute auch bei ihrer Rede nur noch Zeit für öde Quickies haben, ja will man denn dann von deren sexuellen Phantasien überhaupt noch etwas wissen? “Kennste seine, kennste deine” – was für ein dreigedoppelter Unfug!

Ja, ja, ich weiß, das hast nicht Du geschrieben, das war freundin.de. Und es ist genau das, was ich von freundin.de erwarten würde. Was ich hingegen von Dir erwarte, KI, ist schnell gesagt: ich erwarte von Dir, daß Du mir keine Links zu freundin.de auf von mir besuchte Webseiten praktizierst. Kriegst du Geld dafür? Macht dir das Spaß? Glaubst Du, mir macht das Spaß? – Tut es nicht. Spaß machen mir Trauerbuchen, Biomasse in ihrem schönsten Kleid. Sie gibt dem Auge eine Ahnung der Tristesse des Danach, während der Leib sich noch mit allen Fasern dem Zuvor entgegenspannt. Was Kaltes faßt die Seele an, ein Hauch kräuselt den stillen Teich. Über dem Blattwerk krümmt der Ast den kahlen Fingeknochen und deutet zurück zur Erde, von der du genommen wurdest und auf der du deine kleinen Tode sterben sollst. Also, nicht Du, KI, sondern wir. Jedenfalls ich. Mit Rosalind oder Celia oder wem immer, das geht die Öffentlichkeit ein Kehrblech voll tauber Bucheckern an. Jedenfalls unterm eigenen Blätterdach. Ja, wenn ich Krupp wäre! Dann könnte es schon morgen losgehen. Bin ich aber nicht. Erst in dreißig, vierzig Jahren dürfte es so weit sein, vorausgesetzt, ich kriege den Dickmaulrüssler in den Griff.

So, KI, das war’s für heute. Ich will nicht sagen, mach’s gut, ich will auch nicht sagen, mach’s besser, und schon gar nicht will ich sagen, mach’s gut, aber nicht zu oft. Das sind alles leere Worthülsen. Ich will nur sagen, laß es sein! Scher dich! Bleib, wo der Pfeffer wächst! Meinetwegen da, wo der künstliche Pfeffer wächst. Gibt es künstlichen Pfeffer, weiß du das eventuell? Es gab mal künstlichen Honig, soviel weiß ich, es gab sogar mal Kunst-Ei, wie ich dem Kochbuch entnehme, daß ich von meiner Großmutter geerbt habe. “Aus schwerer Zeit,” wie sie zu sagen pflegte, gedruckt auf etwas, was einem heute unter den Fingern zerbröselt, wenn man drin blättert; muß Kunst-Papier gewesen sein. Darin sind alle Rezepte mit Eiern ohne Eier. Z.B. Semmelknödel. Hervorragendes Rezept übrigens, man darf es nur nicht aufschlagen. Darum habe ich es auswendig gelernt und ersetze jeweils das Kunst-Ei durch richtige Eier. Wohingegen die Veganer, wie ich lese, es genau umgekehrt halten. Chacun à son goût, natürlich, aber solange der vegane Dickmaulrüssler auf meiner Buche hockt, ist meine Bereitschaft, Loblieder auf Pflanzenfresser zu singen, gedämpft. Wie dieselben es mit Kunsthonig halten, bin ich zu faul, nachzusehen, jedoch meldet Wikipedia, daß er heutzutage praktisch ohne wirtschaftliche Bedeutung sei.

Möge es Dir genauso ergehen!

Germanistenfuzzi