Offener Brief

an die Wohlhabenden
in aller Welt – na, nicht in aller Welt, aber in den besseren Vierteln

Werte Wohlhabende, hallo Nachbarn!

Haben Sie sich auch schon immer gemopst, daß Sie nichts dazu beitragen können, das Elend der Textilarbeiter in den prekären Staaten der Welt zu lindern, weil Sie ja keine Klamotten bei den Billigheimern kaufen, und daher auch nicht damit aufhören können? Das ist eine gute Voraussetzung, denn wenn es Sie nicht kränken würde, hätten sie wahrscheinlich auch kein offenes Ohr für mich.

Ja, an der Tatsache selbst ist wenig zu machen, unsere Einkommensschwachen haben es in der Hand, den Einkommensschwachen in Kambodscha zu helfen, wir selbst können nichts dazu tun. Denn was sollten wir tun? Noch mehr Geld für für unsere Fummel löhnen? Wir zahlen schließlich schon die hohen Preise, und das für Kram, der aus denselben Löchern stammt, allerdings gewaschen wird, bevor wir damit in Berührung kommen, das ist wahr. Aber wir können den Händlern doch nicht noch mehr Geld in die Hand drücken, die müssen ja auch erst einmal bereit sein, es auch zu nehmen!

Die kik-Kunden könnten. Sie könnten aufhören, bei kik zu kaufen, und statt dessen ins Gucci-Outlet gehen, aber wir? – Sollen wir auch bei kik kaufen, damit wir damit wieder aufhören können? Das ist doch keine Lösung! Das kann uns doch kein Mensch zumuten, daß wir die Klamotten selber waschen, die mit einheimischen Näherinnen in Berührung gekommen sind, welche ja wahrscheinlich in nicht sehr sauberen Verhältnissen leben – wofür sie nichts können, um Gotteswillen, von dem geringen Lohn, den sie erhalten, können sie sich keine bulgarischen Haushälterinnen leisten, die mal ein bißchen saubermachen würden, und wenn sie sich gewerkschaftlich zu organisieren suchen, um daran etwas zu ändern, werden sie zusammenkartätscht, das wissen wir alle, es ist schrecklich! -, denn nach dem ersten Waschen sind die billigen Hemden oft schon außer Form.

Und, wie der Kommentator des Deutschlandfunks in seinem Kommentar zu den schrecklichen Schüssen im schrecklichen Kambodscha ganz richtig schreibt: es sind die höheren Preise für Anziehsachen ja überhaupt keine Garantie für bessere Arbeitsbedingungen! Denn wie uns mit den Händlern geht es diesen mit den Herstellern: Die europäischen Händler können schließlich auch nichts anderes tun, als den einheimischen Herstellern immer wieder mehr Geld anzubieten. Sie zwingen, das Geld zu nehmen und es womöglich gar an ihre Arbeiter und Arbeiterinnen weiterzureichen, das können sie nicht. Da bleibt ihnen letztlich nichts anderes übrig, als die höheren Preise in höhere Renditen zu investieren, was wahrscheinlich sogar sehr viel nachhaltiger ist, denn was würden kambodschanische Näherinnen mit dem höheren Lohn machen? Bulgarische Haushälterinnen engagieren, ja, aber was hätten Sie und ich davon? Wenig. Die Tarife für bulgarische Haushälterinnen würden anziehen, bei gleichzeitig sinkender Kapitalverzinsung, und früher oder später wären auch wir gezwungen, bei kik zu kaufen, denn, mal ganz ehrlich, unsere Einkommensschwachen tun das ja nicht, weil sie das Zeugs schön fänden. Da spielen ja auch budgetäre Erwägungen eine Rolle, nicht nur ästhetische. Das muß man auch mal anerkennen. Das ist bei uns ja gar nicht so sehr viel anders, können Sie sich jede Woche einen neuen Brilliantring und einen neuen Q7 leisten? Ich nicht. Manchmal muß man halt Prioritäten setzen, und wenn der Audi Vorrang hat, begnügt man sich mit einem Ring aus dem Kaugummiautomaten.

Aber der Kommentator läßt auch keinen Zweifel daran, daß der höhere Hemdenpreis – zwar nicht hinreichende, aber – notwendige Voraussetzung für die faire Behandlung der Einheimischen ist, und das heißt: ohne unsere Einkommensschwachen läuft nichts. Den Schlüssel zu einer faireren Welt tragen sie am geschmacklosen Billigbadgeholder. Und das ist nicht fair. ‘Fair’ verstanden als etwas, das mit gleichen Chancen für alle zu tun hat, denn das hat es nicht, weil uns in der Hinsicht die Hände gebunden sind. – Leiderleider!

Da wird es Sie freuen zu hören, was ich Ihnen heute als Alternative anbieten kann: Billiggold. Keine Angst, das hat nichts mit niedrigem Feingehalt zu tun, es handelt sich um reines Gold, aber die Umstände seiner Gewinnung sind säuisch. Dabei kommt es so gut wie nicht mit Einheimischen in Berührung; auch ist es gewaschen, und zwar wird es mit Natriumcyanid aus dem Gestein herausgewaschen, Sie brauchen daher keine Angst zu haben, daß Sie sich mit dem Gold irgendwelches Ungeziefer einfangen, denn wo die Cyanidlauge hinläuft, überlebt keine Laus. Und genau dort kommen Sie ins Spiel: die Lauge wird, wenn sie nicht mehr gebraucht wird, der einheimischen Bevölkerung zur Verfügung gestellt, auf natürlichem Wege, indem man sie in die Flüsse kippt. Dabei hat sich herausgestellt, daß die Fische hops gehen, und dort, wo Fische hops gehen, geht Ungeziefer ebenfalls hops.

Was sagen Sie? Sie sehen nicht, was das mit Ihnen zu tun hat? Na, aber hören Sie mal! Das ist eine Riesensauerei! Das Vieh, das von dem Wasser säuft, in dem Fische hops gegangen sind, das geht ja ebenfalls hops. Und der Mensch, der bislang von Viehzucht gelebt hat, der kann ja nicht stattdessen in Zukunft von der Goldmacherei leben, denn Einheimische werden in der Goldmacherei nicht gebraucht, anders als in der Textilindustrie, wo man die Einheimischen braucht, schon damit jemand im Haus ist, wenn Feuer ausbricht. Nein, die Gewinne der Goldmine sollen nach Möglichkeit nicht im Land bleiben, sondern an die Investoren gehen. Kann natürlich sein, der Hauptinvestor ist ein einheimischer Investor, dann geht das natürlich in Ordnung. Aber es kommt immer wieder zu unschönen Szenen zwischen den demnächst verhungernden Kleinbauern und den Betreibern der Mine, unschön deshalb, weil diese Szenen gefilmt werden können. Und werden sie gefilmt, dann werden sie auch gezeigt, und das sollen sie nicht. “Bilder von Schlägertrupps, die aus firmeneigenen Kleinbussen springen und Demonstranten verprügeln, machen sich in den Fernsehnachrichten nicht gut,” heißt es in einem Hintergrund-Bericht des Deutschlandfunks dazu. Solche Bilder sieht der Betreiber nicht gern. Noch weniger gern sieht der Betreiber Bilder von aufgebrachten Kleinbauernhaufen mit Fackeln und Mistforken, die die Limousinen der Vorstandsmitglieder des Betreiberkonsortiums in Brand setzen, Firmengebäude verwüsten, Ingenieure aus den Fenstern werfen, Sekretärinnen zum Heulen bringen und den Aufsichtsräten mit der Forke an die Gurgel fahren, daß der Zinken hinten aus dem Kragen ragt. Die sieht er noch weniger gern, solche Bilder. Im Gegensatz zu uns: wir sehen Bilder von heulenden Sekretärinnen zwar auch nicht gern, aber Beweisfilme von gekauften Schlägertrupps, die Demonstranten verprügeln, sehen wir eigentlich ganz gern. Sie beweisen uns, daß es tatsächlich Mißstände gibt, und daß unser gesellschaftliches Engagement unbedingt gefragt ist.

Wie aber kann es aussehen, unser Engagement? Sollen wir den Kauf von Gold einstellen? – Auf gar keinen Fall! Die Goldindustrie ist “ein wichtiges Rückgrat der einheimischen Wirtschaft, und niemand,” weder die Kleinbauern, noch die Regierung, kann ein Interesse daran haben, daß deren Absatz “ausgerechnet aus moralischen Gründen einbricht” (Deutschlandfunk). Wenn die Schlägertrupps nicht mehr bezahlt werden können, werden sie sich auf ein anderes Geschäft verlegen, und verlegen müssen, Viehdiebstahl zum Beispiel, und wehe dem Kleinbauern, der dann kein Vieh mehr hat, mit dem er die Banden zufriedenstellen kann! Sein Puckel wird es ausbaden müssen.

“Aber die Kunden können durchaus etwas tun um die Kleinbauern zu unterstützen.” (Deutschlandfunk) “Es ist kaum vorstellbar, daß eine Billig-Unze für 1238,80 $ unter fairen Bedingungen produziert worden ist.” (Deutschlandfunk) “Wer sich zu Recht über den Raubbau an der peruanischen Natur empört, sollte daraus seine Konsequenzen ziehen.” (Deutschlandfunk) Genau. Empören Sie, ziehen Sie. Kaufen Sie! Lassen Sie die Finger von Billiggold. Kaufen Sie Teuergold. Diesmal haben Sie es in der Hand, nicht die kik-Kunden.

Aber, wie schon bei der Kledage festgestellt, “ist ein höherer Preis allenfalls Voraussetzung, aber keine Garantie für mehr Fairness in der Produktion.” (Deutschlandfunk) Was also tun?

Das fragen Sie? – Richtig so! Fragen Sie! Denn vor Fragen hat der Hersteller noch mehr Angst als vor dem Zinken der Mistforke an seinem Hals. Fragen kann der gleich überhaupt gar nicht haben. Da näßt er sich ein. Ehe der Pressesprecher des Olet? Non Olet! – Konsortiums sich fragen läßt, woher das Gold stammt, unter welchen Bedingungen es gewonnen wurde und wieviele Einheimische dabei die Existenz verloren haben, ehe er das auf sich nimmt, bezahlt er die Renaturierungsmaßnahmen lieber aus der eigenen Tasche, setzt den Schlägertrupps eine lebenslange Rente für’s Nichtstun aus und zahlt ihnen Boni für freiwillig zurückgegebene Knüppel. Fragen, brrrr! Kritische, uahahahaha! Von Kunden, ogottogottogott!

“Nachfragen beim Hersteller kann sich also lohnen.” (Deutschlandfunk)

Wenn Sie sich daher dafür entscheiden wollen, in Zukunft lieber etwas mehr für’s Gold zu bezahlen und ein ruhiges Kundengewissen zu haben, aber nicht mehr ganz soviel Geld für den neuen Audi, finden Sie in unserem Haus eine exzellente Auswahl an Neuen und Gebrauchten des gehobenen Preissegments. Besuchen Sie uns oder vereinbaren Sie eine Probefahrt!

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Freizügigkeit

Noch ein Name, den man hoffentlich noch zu Lebzeiten wieder vergessen wird: Markus Ferber. Ein Mann der von seiner Partei, der CSU, bereits im jugendlichen Alter von 29 Jahren nach Europa abgeschoben worden ist, da er den strengen Anforderungen an die Intelligenz bayrischer Kinder nicht genügte – Unverstand! Man hätte ihn fördern sollen, fördern und fordern! Wie soll er denn in Straßburg etwas für seinen Intelligenzquotienten tun, im Ausland, da, im europäischen? Intelligenz gibt es in nennenswerter Höhe schließlich nur in Deutschland. Ja, als Straßburg noch zu Deutschland gehörte, da war das was anderes.

Nun wohl. Er ist denn auch seither nicht klüger geworden.

Ich hatte ihn schon einmal vergessen, nachdem ich 2010 mit ihm aneinandergeraten war, als er Intelligenztests für Einwanderer verlangte und behauptete, die Kanadier machten das auch. Die Kanadier würden, so sagte er, von Zuwanderern einen höheren IQ verlangen, als von ihren eigenen Kindern, was a) syntaktisch hazardiös ist, denn es klingt, als würden die Kanadier von ihren eigenen Kindern einen gewissen Durchschnitts-IQ fordern, bei dessen Unterschreitung die Kinder im Columbia River ersäuft würden. Das kommt der Realität aber nicht sehr nahe. Der ganze Teil zum Beispiel mit dem Columbia River und dem Ersäufen ist falsch. Der Rest auch. B) ist der Satz semantisch nicht minder halsbrecherisch, behauptet er doch in der Quintessenz, daß die Kanadier von ihren Zuwanderern einen gewissen Durchschnitts-IQ verlangten, was sie aber auch nicht tun, und was c) selbst wenn es stimmen würde keine Auswirkungen haben dürfte, denn die Kanadier gelten auf dem nordamerikanischen Kontinent als im Vergleich etwa so intelligent, wie bei uns die Ostfriesen, was ich, eingedenk meiner ostfriesischen Vorfahren, leider leugnen muß, da es unzutreffend ist. Das mit den Ostfriesen und ihrer Intelligenz. Obwohl ich doch sonst ein großer Freund von Ethno-Bashing auf Stammesebene bin, auch wenn das Bashing zu meinen eigenen Lasten geht, doch. Aber so groß meine Freude an der Bosheit auch ist, meine Wahrheitsliebe ist größer. – Deshalb schlage ich folgenden Vergleich vor: die Kanadier gelten im Verhältnis zum Durchschnittsnordamerikaner als etwa so unterbelichtet, wie die CSU-Europagruppe im Verhältnis zu uns normalen Leuten. Vorsitzender der CSU-Europagruppe ist Markus Ferber.

Für einen dreißig Zentimeter hohen Ministeckzaun aber braucht einer kein Stabhochspringer zu sein, wenn er des Nachbarn Vorgarten zertrampeln möchte. Was die Zuwanderer aus Osteuropa ja bekanntlich wollen. Freizügigkeit nennen sie es, und Ferber will nicht, daß sie es dürfen. Vielmehr will er, daß sie es nur dann dürfen, wenn sie intelligenter sind als bayerische Kinder.

Nun macht Ferber wieder von sich raunen, indem er hereinkommt, sich in die rechte Ecke stellt, und lospoltert: Er sehe es gar nicht ein, so poltert es aus der rechten Ecke, und wenn man genau hinsieht, ist es Ferber, der da poltert, daß man sich hierzulande nicht in die rechte Ecke stellen dürfe, ohne dafür stante pede in die rechte Ecke gestellt zu werden! Freizügigkeit, hah! Freizügigkeit, hoh! Die gelte wohl nur für Armutsmigranten aus Südosteuropa, was? – Wohl! – Der CSU aber, ihm aber wolle man sie nicht zubilligen! – Nein! – Denn wenn man sie ihm zubilligen würde, dann könnte er sich ja wohl hinstellen in welche Ecke er immer wollte, die rechte, die linke, die mittlere, die obere oder die untere. Welche auch immer. Wenn er das aber tue, werde er sofort in die rechte Ecke gestellt. Das sehe er überhaupt nicht ein!

Tja, was soll man machen? Intelligente Menschen könne man überzeugen, heißt es, dumme müsse man überreden. Oder war es umgekehrt? Einen Menschen zu überreden erfordere hohe Intelligenz, Dummheit aber überzeuge durch Authentizität?

Ach, ich weiß es nicht. Muß ich aber auch nicht. Schließlich will ich nirgendwo einmarschieren. Nicht in Kanada und nicht in irgendeinem Sozialsystem. Ich war’s zufrieden, als man mich seinerzeit als “wenig tauglich, genaugenommen unbrauchbar” ausmusterte, weil ein Erlaß ergangen war, daß kein Rekrut intelligenter sein durfte als der Musterungsoffizier und keiner dümmer als der Hauspsychologe. Das war natürlich ein enger Korridor. Erstaunlich, wie viele es trotzdem geschafft haben. Wo der unbedingte Wille, ferner Länder Vorgärten zu zertrampeln, eben hinfällt. Freizügigkeit nennen sie’s. – Mir hingegen reicht das Glück im Winkel, zwischen Schafen und Nachbarn, und wenn ich dereinst dement werden sollte, brauch ich nur quer über den Wendehammer und bin im Seniorenheim. Andere haben es da schwerer. Kommen hochmotiviert und gutausgebildet aus der Fremde in die Fremde, nur um sich zwischen Schöpsen und Dreiachteldementen wiederzufinden, die von ihnen nicht einmal was wissen wollen.

Ferber hat ganz recht: die Intelligenten unter ihnen gehen nach Kanada.

“Deutschland ist nicht der Reparaturbetrieb Europas”

sagt einer, der es nicht wissen muß, und auch garantiert nicht weiß, nämlich der Generalsekretär der CSU, Andreas Scheuer.

Denn warum eigentlich wohl nicht? Reparaturbetriebe verdienen sich doch einen goldenen Hintern, wenn ich mal hochrechne, was der Reparaturbetrieb meines Pandas für das Auswechseln eines popeligen Querlenkers in Rechnung stellt: so ein kleines Auto! So ein kleiner Querlenker! Und so eine große Rechnung!

“Ich will doch nicht Ihren Betrieb kaufen,” sage ich zum Meister, als der die schönen Scheine in der Schublade versenkt. “Aber ich,” versetzt der ungerührt. Er wolle einen weiteren Betrieb dazukaufen. Und ob er etwa aussehe wie einer, der seine Betriebe selber bezahlt? Ob ich vielleicht glaubte, daß die deutschen Banken ihre Staatsanleihen mit eigenem Geld aufgekauft hätten? Wenn ich das glaubte, hätte er hinten einen schönen, schweren Engländer für mich, mit dem könnte ich mir feste auf den großen Zeh hauen, um auszuprobieren, ob ich wach sei oder träumte.

So läuft es doch in Deutschland auch. Sollte das in Bayern etwa anders sein? Ist Ingolstadt in Bayern? Ich habe nämlich mal erlebt, wie sich ein Kollege, ein Audifahrer – einmal so blöd sein! – bei einem Audi-Reparaturbetrieb über die hohen Reparaturkosten verwundert zeigte, und der Meister sagte, gleich doppelt ungerührt, dann müsse er sich eben keinen Audi kaufen, wenn er die teuren Reparaturen nicht wolle. Sprach’s und reparierte einen anderen, der weniger rumzickte.

Und so ist es doch: bezahlen tun die Kunden. Wenn sagen wir Portugal die hohen Reparaturkosten für seine Europamitgliedschaft scheut, dann soll doch Portugal, bitteschön, seine Europamitgliedschaft woanders kaufen, und nicht grade beim Premiumhersteller. Wenn Europa fertig repariert ist, das läßt sich absehen, sind die Europäer pleite, aber der Besitzer der Werkstatt weiß nicht, wohin mit dem Geld. Noch Fragen?

Jedoch, Scheuer will nicht. Deutschland sei auch nicht, so läßt er verbreiten – wobei man zu seiner Entlastung sagen muß, daß er für’s Verbreiten von Unsinn bezahlt wird, als Generalsekretär, der CSU zumal -, Deutschland, so läßt er verbreiten, sei auch nicht der Servicepoint der Autoglas-Branche oder der Onkel Scheibendoktor Europas. – Nicht einmal das! Scheuer will ganz offensichtlich kein Geld verdienen. – Deutschland sei vielmehr die Gang, die im Auftrag – nicht einmal der einzelnen Filialisten, pah! Erdnußhändler, aber im Auftrag von Herrschaften, die hier nicht genannt sein möchten, gleichwohl aber Wert darauf legen, daß ihre Aufträge pünktlich ausgeführt werden, durch den Kiez zieht und die Scheiben von Autos mit gewissen Nationalitätskennzeichen einschlägt.

Ach so? Ach so! – Ja, das kann man natürlich machen, etwas außerhalb der Legalität zwar, aber andererseits auch nicht komplett unsympathisch, denn Deutschland wäre dann so etwas wie ein zeitgenössischer Jackie Coogan, und kriegte automatisch dessen Niedlichkeitsbonus, aber, Scheuer, nochmal: das hat doch nur Sinn, wenn man den Kunden anschließend die Reparatur anbietet. Ohne Charlie Chaplin war Coogan nichts weiter als ein netter kleiner Junge, der den Leuten die Fenster einschmiß, erst im Verein mit Chaplin und dessen Kraxe voller Fensterscheiben wurde er zum Geschäftsmodell.

“Es geht bei der Debatte um Armutszuwanderung nach Deutschland nicht um politisch rechts oder links,” sagt Scheuer, aber das behaupte ich ja auch nicht; ein Geschäftsmann, der seinen Kunden das Geld aus der Tasche zieht, ist zunächst einmal weder rechts noch links, sondern gut beraten, denn wenn er es nicht tut, ist er nicht lange Geschäftsmann, “sondern um gerecht oder ungerecht.” – Äh, nein, auch nicht, es geht darum, ob wir wollen, daß die Kunden ins Geschäft kommen, oder ob wir wollen, daß sie zuhause bleiben. Es gibt da so eine Geschichte von Jaroslav Hašek, über einen Wirt, der es unterläßt, sein Etablissement zu beleuchten, um zu verhindern, daß Laufkundschaft, vom Licht herbeigelockt, ihm sein Bier wegtrinkt. Auch er eine sehr sympathische Figur, fraglos, wie fast alle Trinker auf dem Papier, aber was hätte das mit gerecht oder ungerecht zu tun?

“Die CSU hat Europa nicht verstanden. Und offenkundig will sie es auch nicht,” sagt der neue Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ein gewisser Joseph Roth, nein, Eugen Roth, auch nicht, Claudia? Philip? Christina? Thomas? Michael? – Michael Roth; die neuen Namen muß man alle erst einmal kennenlernen, Roths gibt es ja einen ganzen Haufen. “Es geht bei der Debatte um Armutszuwanderung nach Deutschland nicht um Roth oder Schwartz!” – Ist ja schon gut, Herr Scheuer.

Offenkundig, Herr Staatssekretär, offenkundig, aber ich fürchte, der Herr Scheuer hat nicht nur Europa nicht verstanden. Der hat auch keine Ahnung von solidem Wirtschaften.

Und von Deutschland schon gar nicht.

Ach du Scheiße!

Du willst ein lächelndes Jahr sein, 2014? Und was ist das hier?

“Der ehemalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) geht offenbar in den Vorstand der Deutschen Bahn. Der 54-Jährige solle ein eigens für ihn geschaffenes Ressort übernehmen, das die langfristige Unternehmensstrategie und Kontakte zur Politik umfasse, berichtete die „Saarbrücker Zeitung“ unter Berufung auf gut unterrichtete Kreise in Berlin. Auch die Nachrichtenagenturen dpa und Reuters berichteten unter Berufung auf Angaben aus dem Bahn-Aufsichtsrat über die Personalie.”

Handelsblatt u.a.m.

Und ich hatte doch tatsächlich geglaubt, es gäb’ zwar immer noch genug von seiner Sorte, aber den wär’n wir los. (U. Roski)

Geh zurück, 2014! Ich kann deine falsche Fresse nicht mehr sehen! Mit so einem Scheiß machst du doch nur die Leute verrückt!

Basically the Same Procedure As Almost Every Year

Angela Merkel

hat in ihrer Neujahrsansprache die Bürger zu mehr gesellschaftlichem Engagement aufgerufen. Sie selbst, so Merkel, komme nicht dazu, bei ihrer vielen Arbeit. Es müsse und könne die Regierung nicht alles tun, der Bürger müsse schon mit anpacken, z.B. den Rasen mähen, das Laub zusammenharken und den Gehsteig fegen. Das sei gesellschaftliches Engagement im besten, also Merkelschen Sinn. Oder daß mal einer die Hecke schnitte und die Obstbäume zurück. Von unschätzbarem Wert für die Gesellschaft sei es auch, wenn die Bürger morgens zeitig aufstünden und pünktlich zu Arbeit erschienen. Nicht auszudenken, mit welchem persoenellen und finanziellen Aufwand der Sozialstaat sich selbst übernehmen und ad absurdum führen würde, wollte er das Wecken der Bürger und ihren Transport zu den jeweiligen Arbeitsstätten als hoheitliche Aufgabe begreifen. Eigentlich sollte und müßte jede Mutter und jeder Vater, die Tag für Tag dafür sorgten, daß Essen auf dem Tisch steht und die Kinder nicht nackig zur Schule müssen, das Bundesverdienstkreuz bekommen, und wenn es nach Frau Merkel ginge, und wenn Frau Merkel die Richtlinien der Politik bestimmen könnte, dann hätten sie es längst. Für wahrhaften Bürgersinn. Man stelle sich vor, der Staat sollte auch dafür noch sorgen! Das erste, was dabei herauskäme, wäre ein wöchentlicher Veggie-Day. Vielleicht sogar das einzge.

Aber sie komme auch gar nicht dazu. Sie habe alle Hände voll zu tun, das Engagement ihrer Bürger ins Leere laufen zulassen, indem sie es komplett ignoriere, so komplett, wie vor ihr nur Helmut Kohl und Gerhard Schröder, sowie Helmut Schmidt, Willy Brandt, Kurt Georg Kiesinger, Ludwig Erhard und Konrad Adenauer das gesellschaftliche Engagement ihrer Bürger ignorierten, wenn dasselbe nicht in die Staatsräson paßte, ja kompletter noch als diese. Das sei sehr zeitaufwendig. Wie leicht rutsche einem nicht im Eifer des Wortgefechts ein Satz heraus, den man hinterher bereue, selbst ihr. Zum Beispiel der von der Stasi und ihrem Handy. Fern sei es ihr, die Staatsamateure des MfS mit den gesellschaftlich engagierten Vollprofis der NSA zu vergleichen, fern sei es ihr. Und doch sei es ihr passiert. Da gelte es, eiserne Disziplin walten zu lassen. Als Lord Emsworth seiner Schwester Connie mitteilte, daß der Duke of Dunstable sein, Lord Emsworth’ Schwein, die Empress of Blandings haben wollte, da sprach seine Schwester, nun, wenn er es haben wolle, dann müsse ihr Bruder es ihm geben. Denn dem Duke of Dunstable eilte der Ruf voraus, im Bedarfsfalle, wenn etwas nicht akkurat nach seiner, des Dukes Mütze gehe, mit einem Schürhaken Salons zu zerlegen. Lord Emsworth’ gesellschaftliches Engagement, dem Duke Paroli zu bieten, paßte daher nicht in die Staatsräson seiner Schwester, die besagte, daß die Salons von Emsworth Castle vor der Zerlegung zu schützen seien.

Also stehe es auch um die NSA. Wenn diese die Daten der Bürger haben wollten, so müßten die Bürger ihr die Daten selbstverständlich geben. Vertrottelten Earls wie Sascha Lobo dürfe kein Gehör geschenkt werden.

Vladimir Putin

hat den Terroristen, die in Wolgograd einen Bus und einen Bahnhof samt Inhalt – auf den es aber nicht so ankommt, da es sich bloß um Leute handelt, die Putin nicht kennt und auch nicht schätzt, darunter sogar zwei Selbstmordattentäter, Terroristen also – Putin hat den Terroristen, die einen Bus und einen Bahnhof in die Luft zu sprengen geruhten, entweder zum höheren Lobe Gottes oder um Putin zu ärgern oder weil heute Donnerstag ist, was aber alles aufs selbe hinausläuft, jedenfalls für den Inhalt, aber auch für uns alle (Наро́д, russisch für Volk, niederes; in weiteren Bedeutungen auch: das Sprengbare, das zu Sprengende, die Sprenglinge, das Sprengicht) – Putin hat den Bahnhofs- und Buskaputtmachern in seiner Neujahrsansprache gesagt, er, Putin, kenne sie ganz genau, er kenne ihre Namen, er kenne ihre Adressen, er wisse auch, was sie im letzten Sommer gemacht hätten. Beziehungsweise am Sonntag und Montag. Er wisse auch, was sie vorhätten, also nicht die jetzt mit Draufgegangenen, aber die anderen alle. Denn er, Putin, sei ein Supermann. Beziehungsweise der Superman. Und er werde, Putin Supermann werde den Terror mit Stumpf und Stiel ausrotten, Putin Supermann stelle dem Terror hiermit und jetzund die vollständige Vernichtung in Aussicht. Der Terror möge sich bitte nicht täuschen, die Tatsache, daß Putin ihn nicht bereits ausgerottet habe, lasse nicht darauf schließen, daß er es nicht könne oder nicht wolle. Er könne es und er wolle es. Er habe dem Terror nur eine letzte Gelegenheit geben wollen, sich eines Besseren zu besinnen, denn er, Putin, sei ein harmoniebedürftiger Mensch und greife nicht gern zum Äußersten, wenn es auch im guten gehe. Da es aber im guten nicht gegangen sei, denn der Terror habe die Gelegenheit, die Putin ihm gelassen habe, nicht genutzt, habe Putin seinen großen Mund jetzt voll vom Terrorismus. Respektive seine Nase, die auch nicht von schlechten Eltern sei. Seit 14 Jahren tanzten die Terroristen jetzt auf eben dieser, Putins, Nase herum, keine drei Wochen sei er 1999 im Amt gewesen, als tschetschenische Terroristen damit begonnen hätten, ihn mit einer Serie von Bombenanschlägen im Amt zu bestätigen. Ja, man könne sagen, daß er von den Terroristen erst an die Macht gebombt worden sei. Könne man sagen. Wenn man partout nach Sibirien wolle, könne man das sagen. Solle sich dann aber nicht beschweren, wenn man sich dort unter lauter Terroristen wiederfinde, die er, Putin, jetzt allesamt ebenfalls dorthin schicken werde. Denn jetzt gebe es für den Terror keine Gnade mehr, jetzt mache er ernst. Nicht der Terror, Putin. Putin mache jetzt ernst. Noch eine Splitterbombe, noch ein Kanonenschlag in einer Sektflasche, noch soviel wie ein Knallfrosch, und Putin werde anfangen, sein Aufgebot an Sicherheitskräften noch einmal aufzustocken, noch mehr Geld für die Verfolgung von Staatsfeinden Nummer eins zur Verfügung zu stellen, und die Sicherheitskräfte zu noch mehr Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegenüber Наро́д anzuhalten, zu Folter, willkürlichen Tötungen, Korruption, ganz allgemein: zu Terror.

Denn irgendwo müßten die ja stecken, die Terroristen. Wenn nicht im Наро́д, wo dann?

Papst Franziskus

hat die Welt, die, wenn sie gerade nichts Besseres zu tun hat, zum Beispiel sich gegenseitig die Fresse zu polieren, ganz gerne mal auf sowas hört, zu mehr Gemütlichkeit aufgerufen.

Gemütlichkeit sei Fundament und Weg des Friedens, schreibt Franziskus in seiner Neujahrsbotschaft, die an diesem Donnerstag im Vatikan vorgestellt wird. Man solle seinen Mitmenschen nicht eins ins Kreuz geben, sie schubsen, ihnen in den verlängerten Rücken treten, ihnen ein Bein stellen oder den Ellbogen dahin rammen, wo es ordentlich wehtut, so der Papst, sondern man solle den Ball schön flach halten, es mal langsam gehen lassen und immer schön geschmeidig bleiben. Er beklagt die Hektik in vielen Teilen der Welt, fordert ein Wiederentdecken der Gemütlichkeit in der Wirtschaft und nennt seelsorgerische Maßnahmen nötig, um eine übertriebene Unausgeglichenheit der Gemüter zu verhindern. Franziskus ruft außerdem nach Abrüstung, einem Stopp des Waffenhandels, mehr Naturschutz sowie zwei großen Köstritzern. Die Botschaft zielt auf den 1. Januar, an dem die katholische Kirche einen Welttag des Gemüts begeht. Hier sind einige Kern-Auszüge aus der Papstbotschaft.

„Gemütlichkeit ist eine wesentliche Dimension des Menschen. In vielen Teilen der Welt scheint die schwere Verletzung der elementaren Menschenrechte ununterbrochen weiterzugehen. Die tragische Erscheinung des Eckkneipensterbens ist ein beunruhigendes Beispiel dafür. Zu den Kriegen, die in bewaffneten Auseinandersetzungen bestehen, gesellen sich weniger sichtbare, aber nicht weniger grausame Kriege. Sie werden im wirtschaftlichen und finanziellen Bereich mit Mitteln ausgefochten, die ebenfalls Existenzen, Familien und Unternehmen zerstören.

Werden die Menschen dieser Welt der Sehnsucht nach Gemütlichkeit, die ihnen von Gottvater eingeprägt ist, jemals völlig entsprechen können? Sagen wir es so: Wir alle sind nur zu Gast auf dieser Erde. Auf einer kurzen, mühseligen, aber von Gott begnadeten Reise ins Ungewisse, kehren wir ein im Nobiskrug, und sind dort alle Gäste der Einen Wirtin. Bevor der schwarze Fährmann uns holt und dahin bringt, wo es definitiv ungemütlich wird, wollen wir es warm und lauschig haben. Sollen wir da immer auf den Deckel des Nachbarn schielen, was der schon hatte, wie voll dessen Gläser sind und was das eigentlich ist, was er da auf dem Teller hat, und was so gut duftet? Sollen wir der Wirtin den Deckel dessen hinhalten, der unter den Tisch gesunken ist? Sollen wir uns die Krüge über die Köpfe hauen, daß die Stücke nur so springen? Sollen wir die Wirtin, die uns speist und tränkt, die uns die Gläser spült und das Bier kühlt, die uns den Würfelbecher reicht und frische Steine ins Urinal legt, sollen wir die arme Frau vollends ruinieren? Wissen wir nicht, daß sie es in der Hand hat, uns die Suppe zu versalzen oder ins Bier zu spucken?“

An dieser Stelle ist in der Papstbulle ein großes Gekrakel zu sehen, und dann geht es wie folgt weiter:

„Wisset, das Gute an mir als dem neuen Papst ist ja, daß ich anders als meine eminenten Vorgänger, die ununterbrochen unfehlbar waren, nicht ununterbrochen unfehlbar sein muß, sondern den Ball hübsch flachhalten, es langsam angehen lassen und immer schön geschmeidig bleiben kann. Ich bin genauso fehlbar wie Ihr alle. Das ist das Schöne, das ist meine frohe Botschaft.“

„Langer Rede Sinn: ich habe mich vertan. Von der Brüderlichkeit hatte ich reden wollen, nicht der Gemütlichkeit. Aber was soll’s, 2014 ist auch noch ein Jahr.“

Nachdem Franziskus 2014 über die Brüderlichkeit gepredigt haben wird, will er im Jahr 2015 – um seinem Ruf als Revoluzzer gerecht zu werden – über die Gleichheit predigen, und 2016 dann über die Freiheit.

Germanistenfuzzi

hat zum fünfzigsten Mal die Sendung Dinner for One verschlafen, “freiwillig”, wie er stolz betont.

“Naja, nicht ganz freiwillig. Aber immer freiwilliger. Je älter ich werde. Anfangs habe ich von der Sendung nichts gewußt, denn meine Eltern hatten ja keinen Fernseher. Später hatten sie einen Fernseher, aber da war ich schon ausgezogen, und in der WG hatten wir zwar Fernseher, aber die waren alle kaputt, und als ich allein wohnte, hatte ich zwar endlich einen Fernseher, so einen kleinen Vierzehnzöller mit Zimmerantenne, aber da war ich Silvester nicht zuhause, sondern zum Feiern in irgendeiner WG, und jedenfalls, heute haben wir natürlich Fernseher, ich hatte zwei, und als Tausendschönchen einzog, brachte sie auch zwei mit, und mittlerweile haben wir fünf Stück über die Wohnung verteilt, meinen kleinen Vierzehnzöller nicht gerechnet, der auf dem Speicher steht – ich kann sowas nicht wegwerfen, das lachsfarbene Wählscheibentelefon auch nicht – Wegwerftelefone sind was anderes, Wegwerftelefone kann ich jeden Tag drei Stück wegwerfen, aber das ist nicht dasselbe – wo war ich? Ja, wie gesagt, heute haben wir Fernseher, aber heute habe ich auch die Hunde, und für die ist Silvester der pure Stress. Wir kriechen Silvester immer zu viert gemeinsam unter das Bett, und Tausendschönchen türmt alles, was wir an Federbetten haben – ich hatte zwei, Tausendschönchen hat auch noch mal zwei mitgebracht, und ein Gästebett ist auch noch da, das kommt obendrauf und darauf die Steppdecken und die Wolldecken und die Hundedecken und noch ein paar Kissen, und Tausendschönchen verdunkelt das Fenster, schließt die Tür von außen zu und geht am anderen Ende des Hauses fernsehen. Wir haben ja gottseidank in jedem Zimmer einen, so daß sie nicht im Nachbarzimmer sitzen muß und wir am Ende doch noch was hören müssen. Aber so kann eigentlich nichts passieren. Jedenfalls ist nichts mehr passiert, seit wir die Vorsichtsmaßnahmen treffen.”

“Und ich kann Ihnen versichern: ein Hund, der an Silvester vor Panik nicht weiß, wo er hinsoll, das ist kein Spaß. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich einmal zu Silvester in irgendeiner WG dreimal die Neujahrsansprache von Helmut Kohl habe hören müssen. Auch sehen, aber die Augen kann man ja schließen oder zur Decke drehen. Aber drehen Sie mal die Ohren zur Decke, das nutzt Ihnen gar nichts. Und zwar die vom Vorjahr. Irgendwas war da im Sender schiefgelaufen oder sabotiert worden, und weil es schon Kabel gab und die WG schon verkabelt war, konnte man sämtliche dritten Programme empfangen, und weil irgendein Serienliebhaber – nennen wir ihn Gero, wenn er nicht Gero geheißen hat, hätte er doch gut Gero heißen können – das für lustig hielt, wurde erstens im zweiten, zwotens im ersten, schließlich in einem dritten Programm die Neujahrsansprache von Kohl nicht nur gesendet sondern auch angesehen; und ehe dasselbe mit Dinner for One wiederholt werden konnte, hatte sich eine mitfühlende Seele gefunden – nennen wir sie Germanistenfuzzi -, die den Fernseher – einen kleinen Vierzehnzöller mit Zimmerantenne, die man aber nicht brauchte, weil, wie gesagt, die WG bereits verkabelt war, aus dem Fenster des Berliner Zimmers in den ersten Innenhof geworfen hatte, was nicht weiter auffiel, weil an Silvester in Kreuzberg nichts auffällt, was durch die Luft fliegt und kracht und zischt – es würde das, was das angeht, auch am Tag vor Silvester oder an Neujahr nicht auffallen, oder vielleicht etwas mehr als an Silvester, aber nicht viel.”

“Und eben dies, dies Nicht-vergessen-Können, ist es, was mich die Vorsichtsmaßnahme ergreifen läßt – nicht die Sorge um die Hunde, die auch, aber die Hunde haben nichts gegen Silvesteransprachen von Angela Merkel, obwohl der Butz zum Steinerweichen jault, wenn ihr Gesicht auf dem Bildschirm erscheint, selbst bei abgedrehtem Ton – aber der Butz scheint mir ohnehin ein Tier mit besonderen Fähigkeiten zu sein, erinnern Sie mich, daß ich Ihnen bei Gelegenheit erzähle, wie er mit zugelaufen ist, es war an einem Ostertag -, nein, die Hunde haben was gegen Sachen, die durch die Luft fliegen und krachen und zischen, mich persönlich stört das nicht so sehr, nicht so sehr wie Angela Merkels Neujahrsansprachen jedenfalls, oder irgendwas, was Angela Merkel sagt, aber an Silvester weiß man es halt vorher, daß sie reden wird, deswegen der – wie heißt denn wohl das von Kriechen abgleitete Substantiv? Analog zu der Gang, von gehen, wie in der Gang vor die Hunde: vielleicht der Krauch? – deswegen der Krauch mit den Hunden unter das Bett. Wenn’s der Deubel will, und ich höre ihre Neujahrsansprache, die vergesse ich ja auch nie wieder. So wie ich niemalen mehr vergessen werde, gehört zu haben, wie sie vor der Bundespressekonferenz das Folgende sagte:

Die Frage, vor der wir jetzt stehen – ich sage es einmal ganz hart -, ist: Wollen wir als Mitgliedstaaten immer nur dann reagieren, wenn die Märkte uns die rote Ampel zeigen, oder sind wir auch fähig, so zu reagieren, dass wir die rote Ampel nie wieder sehen?

Gung gung gung gung! Nachbarin! Euer Täschchen! Oder irgendwas! Ich brauche etws, das ich zerbeißen kann. Wie ihr da rote Karte und rote Ampel durcheinander geraten, beziehungsweise: sie meint die rote Karte, merkt dann aber gerade noch so eben, wie an der kurzen Pause vor ‘Ampel’ erkennbar, daß ihr die Metapher von den Märkten als Schiedsrichter der Politik, je zutreffender sie ist, desto konterkarierender für den Großen Gesang von der mächtigsten Frau der Welt erscheint, denn wenn die mächtigste Frau der Welt vor Publikum – hier der Bundespressekonferenz – dartut, daß eine Regierungschefin, und sei sie die mächtigste der Erde, für ‘die Märkte’ nichts weiter sei als eine Bordsteinschwalbe für den Luden, der zum Abkassieren kommt – - -, und schnell reißt sie das Steuer herum, wobei es aber die Rhetorik aus der Kurve haut, denn vor wem, nicht wahr, sind wir alle gleich? – Nur vor Gott, vor dem Tod und vor der roten Ampel.”

“Gung gung!”

“Jedenfalls: wer Merkel kennt, weiß, was ich meide, und wenn ich am Neujahrsmorgen, ausgeruht und nüchtern, wiewohl mit Staubflocken bedeckt, den Phaeton an den Saufnasen vorbei schnurren lasse – Schneidewind hat frei -, die nach durchzechter Nacht, so wie wir früher auf der Großbeerenstraße, auf dem Gehsteig vor der Gurkendosenverschließerei, nicht wissend, ob sie Männlein oder Weiblein seien, und was von beidem vorzuziehen wäre, mit einem Schädel, dem sie frühestens am zweiten oder dritten Januar wieder über den Weg trauen dürften, herumlungern und dem neuen Jahr einen schlechten, aber zutreffenden Eindruck vermitteln – um dann in der Feldmark aus dem MP3-Orakel, das ich zu diesem Zweck in den Shufflemodus versetzt habe, als erstes U Dance zu hören bekomme, vom 15. Oktober 1989 in der Philharmonie zu Kölle, wozu die Eichen ihre bloßen Zweige einladend vor wolkenlosem Westhimmel ausbreiten – beschwingter kann man ein neues Jahr nicht beginnen; außerdem habe ich am Montag meine Steuererklärung just in time in den Schlitz des Finanzamtes gezwängt – was hatte ich gesagt, vor wem wir alle gleich wären? – Nein, das Finanzamt gehört nicht dazu. Es gibt da einen Text von Peter Hacks, in dem er die Überlegenheit des Sozialismus im Hinblick auf die Wiederherstellung der menschlichen Würde in einer kleinen Szene feiert, in der er die Rechnung des Nobelhotels, in dem er aus theoretisch steuerlich absetzbaren Gründen geherbergt hatte, vor den entsetzt geweiteten Augen des Gehaltssklaven hinter dem Tresen zerreißt und in den Papierkorb wirft: Ja, der Sozialismus hat uns unterscheidbar gemacht. An Tagen wie diesen nenn’ auch ich mich einen Sozialisten. Auch wenn ich mich dadurch mit Gero gemein mache; sei’s drum. Aber nun kann ich immerhin, unbelastet von Altlasten und unbehelligt von einem sich dick und dicker machenden Überich der Dinge harren, mit denen das neue Jahr mich kränken will.”

“Der zweite Titel, den das Orakel für 2014 ausspuckte, war übrigens The Green Fields of France, was mich, auch das gleich in der neunten Stunde des Jubiläumsjahres, daran erinnerte, daß in diesem Jahr mein Lieblingskrieg, der erste Weltkrieg – vor dem Korea-Krieg, den ich aber auch sehr mag, und nach dem dreißigjährigen, der allerdings außer Konkurrenz läuft – laufen muß, da reicht keiner heran -, hundert wird. Ich freu mich schon. Ich plane, ab August ein Reenactment-Blog zu führen, unter dem Titel – Tja, wie nenne ich es mal? The Flowers of the Forest? The Last Post in Chorus? The Red Poppies Dance? The Green Fields of France? No Man’s Land? Oh, What a Lovely War? – Nun, bis zum 28. Juli ist ja noch ein bißchen Zeit. Freuen Sie sich mit mir auf einen Live-Ticker mit Lageberichten und mit Body-Counter: bei 17 Millionen Toten in vier Jahren sind das etwa alle siebeneinhalb Sekunden einer – das ist schon was. Da sieht man schon Bewegung im Counter. Wir haben praktisch keine Eroberungen oder etwas in der Art, sondern Stellungskrieg aus dem Stand, von Null auf Null in Null Sekunden sozusagen, das aber mit Hurra und allem avec: Giftgas, ausgekotzte Lungen, Stacheldrahtverhaue, drin hängen Gebliebene, Verschröggelte, wenn der Stacheldraht elektrisch geladen war, Minenfelder, zerfetzte Glieder, Maschinengewehre, abgesägte Glieder, brandige Glieder, erfrorene Glieder, verfaulte Glieder, Gliederkübel, kein Penicillin, Doppeldecker, Säbel gegen Doppeldecker, verendete Pferde unter Doppeldeckern, Tanks von der Qualität einer Tunfischdose, man durfte bloß nicht drunterkommen, druntergekommene Pferde – wenn Sie das interessiert, lesen Sie Leonhard Franks Erzählung Der Mensch ist gut. Das ist er nicht, der Mensch, Frank irrte. Auch die Erzählung ist nicht besonders gut, ist sie nicht, nein; der Herr Frank war bisweilen ein entsetzlicher Idealist, bisweilen aber auch, wenn er das vergaß, ein ganz, ganz Großer. Wenn Sie zum Beispiel auf expressionistische Schilderungen abgesägter Gliedmaßen aus sind, ist Frank Ihr Mann. Aufbau Verlag, 1957, Leinen. Angenehm braunfleckig. Für eine handvoll Cents zu kriegen. – Tja, der Sozialismus! Unterscheidbar hat er uns gemacht. Aber hat ihm das was genutzt? – Außerdem im Angebot: Dolomitenkrieg, Karpathentaktik, Gallipoli, und und und. – Wie auch immer. Als William McBride starb, wurde mein Vater geboren, verhungerte so gut wie prompt, erfror auch ein bißchen, und konnte nur durch Quäkerspeisung wieder hochgepäppelt werden. Was zeigt, daß der Tod von William nicht umsonst gewesen ist. Denn ohne meinen Vater, wo wäre ich da heute? Er vermachte mir nicht nur eine unsterbliche Liebe zum Norden Frankreichs, Respekt vor den Quäkern – “What canst thou say? Art thou a child of Light and hast thou walked in the Light, and what thou speakest, is it inwardly from God?” – Berechtigte Frage! Aber: yes I have! This very morning. Well – yesterday morning. There was this light streaming from the east, and there was the old oak tree spreading it’s branches in welcome, and a voice from within me spake: U Dance!. And I danced. -, sondern auch seinen Mantel, erstanden im Koreakrisenjahr, und in der Familien-Saga als Koreakrisenmantel bekannt. Den halte ich ihn in Ehren, und trage ihn, wenn ich am Neujahrsmorgen mit den Hunden durch die Feldmark tanze, wie Woody Allen mit dem Tod in der Schlußszene von Love and Death. Der allerdings nicht zu U Dance tanzt, sondern zur Prokofjews Troika. Den der Tod aber wann erst holte, den Prokofjew? – 1953. – Da war der Mantel gerade mal drei. – Und die Krise vorbei. – Und auch Stalin mußte dahin. – Ach, wie ist nicht alles allem im Innern verwandt!”

“Das ist doch mal ein Jubiläum! Sechzig! Na gut, einundsechzig. Aber Silvester, Silvester wären es noch sechzig Jahre gewesen. – Fünfzig! Pah. Ich bin doch nicht mehr siebzehn, und feiere jeden krummen Geburtstag, nur weil ich glaube, es könnte mein letzter sein! Was ist denn schon fünfzig für einen neunzigsten Geburtstag!? – Kommen Sie wieder, wenn Dinner for One neunzig wird! Dann stell’ ich mir einen Wecker und seh’ zu, ob ich es mir ansehe. Wenn ich dann noch kucken kann. – Wie alt werde ich dann sein?”

“Oha.”

Vorbildlich

Kindergeburtstag, und wie immer, wenn wir wo eingeladen sind, wo wir nichts verloren haben – was müssen heutzutage Erwachsene bei einem Kindergeburtstag dabeisein? Was hat die gesamte Mischpoke bei einer Einschulungsfeier verloren? Wozu gibt es überhaupt Einschulungsfeiern? Was soll diese Eventisierung von jedem Dreck? -, bin ich bereits angesäuert, noch ehe die Supermami, die ich nicht leiden kann, mir Gelegenheit gibt, mich sabotierend in eine ihrer Unterhaltung genannten Selbstfeiern einzuklinken, aber es ist nur eine Frage der Zeit, es ist man bloß, daß ich keine Lust habe, zu warten, noch nie hatte, meiner Empfindung nach ist es eine bodenlose Mißachtung des Nächsten, ihm zuzumuten, die Zeit, die Gott ihm schenkte, damit zu verplörren, daß er auf einen wartet, wenn Tausendschönchen ruft, wir könnten sofort los, und ich frage, wohin, und sie antwortet: Kindergeburtstag, habe ich dir schon dreimal erzählt – kann zwar sein, aber ich habe es auch dreimal vergessen, wo also soll da das Argument sein? -, dann fange ich ohne weiteres noch einen neuen Post an, denn ich weiß, das kann dauern, und trotzdem bin ich nachher derjenige, der im Flur steht, während sie entscheidet, doch noch schnell die Schuhe zu putzen, und ich sage ihr, warum kannst du mir nicht vorher sagen, daß deine Schuhe geputzt werden müssen, dann hätte ich sie längst geputzt, lieber putze ich dreimal deine Schuhe, als daß ich hier dumm rumstehe und dir dabei zukucke, dann sagt sie irgendwas davon, daß sie gedacht hat, die anderen Schuhe anzuziehen, aber dann hat sie umentschieden, daß sie die enge Hose doch noch wechselt, wegen des Abendessens, und ich kann mich schon wieder aufregen, daß es auf einem popeligen Kindergeburtstag Abendessen geben muß, aber zu der bequemeren Hose passen halt die sauberen Schuhe nicht und deswegen müssen diese jetzt geputzt werde. Aha. Und ich kann warten. Zwar habe ich für solche Fälle immer einen Ebookreader in der Jackentasche, der aber genau in solchen Fällen zuverlässig schwach auf dem Akku ist, und jedenfalls hatte ich keine Lust, noch lange zu warten, ehe ich der Supermami ins Wort fallen konnte, darum probierte ich mich einmal durch die Vorspeisenplatte und pickte mir die Rosinen heraus, nachdem ich wußte, was die Rosinen waren – es waren die Ananas-Hähnchenspieße -, überlegte, ob es zielführend wäre, mich mit dem Gastgeber bezüglich des Warsteiner Bieres anzulegen, oder ob das möglicherweise sogar kontraproduktiv wäre, indem es negative Auswirkungen auf die Qualität des Whiskys haben würde, den rauszurücken oder unter Verschluß zu halten er die Macht hatte, ärgerte mich, daß ich zu keinem Entschluß fähig war, und endlich gab sich Supermami die Blöße, vom Religionsunterricht zu erzählen, bei dem sie die Heldentat begangen hatte, die doofen Sechzehnjährigen im Frontalunterricht Vorbilder sammeln und an der Tafel notieren zu lassen, und da hatte dann natürlich, wegen des aktuellen Todesfalls, Nelson Mandela ganz oben gestanden, sehr einsam allerdings, und viel war danach aus der Klasse auch nicht mehr gekommen, obwohl, laut Arbeitsmaterialien Sekundarstufe, noch Martin Luther King, Mutter Teresa und Mahatma Gandhi dorthin gehört hätten, was aber von den Sechzehnjährigen heute nicht mehr gewußt wird, woraufhin ich mich natürlich fragte, was eigentlich aus Albert Schweizer geworden ist, der bei uns seinerzeit so dick an der Tafel gestanden hatte, daß für alle praktischen Zwecke niemand mehr daneben paßte, war der mal irgendwann herabgestuft worden? Opfer der Frauenquote und von Mutter Teresa verdrängt? Zu naiv? Zu pazifistisch? War zu briefbefreundet mit Walter Ulbricht? Hatte zu große Ähnlichkeit mit Karl May? Ein Mädchen hatte noch “die Band Greenpeace” genannt, goldig, das hatte Supermami dann korrigiert und gelten lassen, denn es war ja nicht bei allen Eltern so wie bei ihr, daß die Greenpeace-Zeitungen im ganzen Haus herumlagen, und die eigenen Kinder natürlich wußten, was Greenpeace ist, und das war mir mittlerweile einmal Greenpeace zuviel, nicht, das ich was gegen die Band hätte, aber ich fand sie besser, als Peter Green noch die Gitarre spielte und Stevie Nicks noch nicht die Sängerin war, und nun standen an der Tafel also Nelson Mandela und Greenpeace, und nach wie vor war bei den Vorbildern reichlich Ebbe, aber zwei Jungens hatten dann Stevie Nicks angeschleppt, dummes Zeug, Steve Jobs, und hatten ihn ebenfalls auf die Tafel setzen wollen, entweder zwischen Nelson Mandela und Greenpeace oder aber über Nelson Mandela. Es war ja aber um Vorbilder schlechthin gegangen, nicht um ein Vorbildranking, deswegen hatte sie einen dicken senkrechten Strich über die Tafel gezogen, und hatte Steve Jobs auf die andere Seite, jenseits des dicken Striches geschrieben, und nun war ihre Zeit gekommen, denn nun konnte sie mit ihrem aufklärerischen Unterricht beginnen, indem sie die doofen Sechzehnjährigen nämlich darüber diskutieren ließ, warum denn Nelson Mandela und Greenpeace auf die eine Seite des Strichs gehörten, Steve Jobs aber, als geldgeiler Unternehmer, auf die andere. Moment mal, sagte ich, witternd, daß nun meine Zeit gekommen war, mal beiseite gelassen, daß eine Band nicht gut ein Vorbild sein konnte, jedenfalls nicht in dem Sinne Vorbild, in dem der Religionsunterricht Vorbilder zu verhackstücken pflegt, natürlich konnte sich eine junge Band, als Band, ein Vorbild an Greenpeace nehmen und, sagen wir, deren Sound zu imitieren versuchen, aber das Vorbild für den einzelnen Sechzehnjährigen war doch immer die Person oder besser die Persönlichkeit des Vorbilds. Und eine Band hatte zwar, wenn man wollte, einen Charakter, aber doch keine Persönlichkeit. Das einzelne Bandmitglied konnte sich also nur an einzelnen Musikern orientieren, der junger Mann etwa an Buddy Holly, aber doch bitte nicht an Stevie Nicks, denn die war ja eine Frau, oder ob die Arbeitsmaterialien Sekundarstufe heutzutage etwa schon Transgendervorbilder zuließen, war es etwa schon so weit, und Supermami begehrte zu wissen, wovon ich denn da eigentlich redete. Das wollte ich gern ihr sagen, wozu hatte ich sie schließlich unterbrochen, von Stevie Nicks redete ich, die sich, wenn es nach mir ging, niemand zum Vorbild nehmen sollte, auch die jungen Frauen und Girlies nicht, denn die hat, grad hatte ich’s, am Wochenende, im Radio gehört, Not Fade Away von Buddy Holly gecovert, und wenn ich möchte, daß irgendwelche hergelaufenen Sängerinnen etwas von Buddy Holly covern, dann sage ich vorher Bescheid, was aber nicht passieren wird, denn das einzige, was ich durch eine Sängerin gecovert haben möchte, ist längst gecovert worden, ist von einer der liebenswertesten Sängerinnen, die je ihren Fuß auf die dadurch schöner gewordene Erde gesetzt haben, mit trauernder Stimme gesungen worden, Learning the Game nämlich, so schön, daß auch Buddy Holly es nicht schöner hätte machen können, der schon gar nicht, und das einzige, was mich bewegen könnte, je eine Zeitmaschine zu besteigen und 41 Jahre zurückzureisen, wäre der Wunsch, sie von Angesicht zu sehen, einen tiefen Diener vor ihr zu machen und ihr meine Knappendienste anzubieten, und wem? Wem wollte ich meine Knappendienste anbieten, fragte mißtrauisch Tausendschönchen dazwischen, anstatt sich um den Gastgeber zu kümmern und ihn in milde Stimmung zu versetzen, damit er sich leichter von seinem Whisky trennen würde, von wem war die Rede? Von Stevie Nicks, sagte ich, nein, von Steve Jobs: meiner Meinung nach war es sachlich falsch, in ihm ausschließlich den nicht vorbildfähigen Entrepreneur zu sehen, der er unter anderem natürlich auch gewesen war, und das nicht zu knapp. Was soll denn ein Visionär machen, wenn seine Visionen ihn nachts aus dem Bett treiben, sich still in die Ecke setzen, bis der Anfall vorüber ist, oder was? Oder mal gucken, was sein Vorbild in der Situation gemacht hätte? Und Steve Jobsens Vorbild Thomas Alva Edison hätte an seiner Stelle ganz einfach mal ausprobiert, wie es wäre, wenn man eine Zeitmaschine erfände, oder ein Grammophon, was ja auch eine Art Zeitmaschine ist. Aber, wandte Supermami ein, das hatte er doch nur um des Geldes willen getan, und in den Arbeitsmaterialien Sekundarstufe stand, daß einer, der es nur um des Geldes willen tut, auf die andere Seite der Tafel gehört. Was denn, was denn, warf ich ein, worauf kommt es denn an, daß man die Treibnetzfischerei bekämpft, die Lepra bekämpft, die Jim Crow Gesetze bekämpft, oder daß man das alles zwar tut, es aber hauptsächlich nicht für Geld tut? Die Sängerin Stevie Nicks, Quatsch, die Sängerin Joan Baez, die hatte damals durchaus Geld genommen für die Bürgerrechtsbewegungshymne, dann und wenn sie sie nämlich auf eine ihrer Schallplatten hatte pressen lassen, was ihr nicht gelungen wäre, wenn nicht Edison sich die Nächte mit Experimenten und Visionen um die Ohren gehauen hätte, für Geld oder für ohne Geld, und übrigens ist besagte Frau Baez 20 Jahr später mit besagtem Herrn Jobs liiert gewesen, da sieh doch mal einer an, beziehungsweise, gewußt hatte ich das an jenem Abend noch gar nicht, sondern erst jetzt, bei der Recherche, während ich darauf warte, daß Tausendschönchen endlich aus dem Bad kommt, lese ich es. Ja, aber, wußte die Supermami einzuwenden, wie das hochwohllöbliche Konsistorium als Dienstvorgesetzte es ihr immer wieder einbleute, man konnte aber nicht Gott dienen und dem Mammon, und das war es eben, was sie im Religionsunterricht … Papperlapapp, entfuhr es mir leider, denn es ist nicht gut, zu früh in einer Auseinandersetzung zum Papperlapapp zu greifen, man weiß dann nicht mehr, was man sagen soll, wenn es wirklich zur Sache geht, was aus einem wurde, der mit Geld nichts (mehr) zu tun haben will, das konnte man an Peter Green sehen, der eines Tages anfing, mächtig religiös zu werden, seine Tantiemen wegzuschenken und das Gleiche von Greenpeace zu verlangen. Ein wenig umständlich, fand ich, erst die dicke Kohle abzugreifen und dann wieder herzuschenken, er hätte gleich als Friedhofsgärtner arbeiten sollen, um Gotteslohn, oder mindestens um Mindestlohn, das wäre nicht so kompliziert gewesen, hatte er dann ja auch gemacht, und war prompt in die Klapse gekommen, aber das Schlimme war nicht das, schlimm war, daß Greenpeace Stevie Nicks in die Hände gefallen und danach nicht wiederzuerkennen war. Sagte ich Greenpeace? Unfug! Fleetwood Mac muß es heißen, aber was ich sagen wollte, es geht ja nicht darum, dem Mammon zu dienen, sondern das Geld zu nehmen und es sachgerecht zu investieren, und je mehr man kriegen kann, desto sachgerechter ist das, einer, dem es nur um das Geld geht, der wird ja nicht Erfinder, der wird ja vielleicht Posträuber, wenn er es umständlich mag, oder, wenn er es lieber einfach hat, dann wird er einfach Banker – immer feste druff auf so einen, wenn man mich fragt, aber diese Geringschätzung der Ingenieurskunst, wie sie sich ausgerechnet bei und in denen breitmacht, die ihren Mammon mit Religionsunterricht verdienen und darüberhinaus, verglichen mit mir, dem Spätentwickler, bei jedem Mumpitz zu den Early Adopters gehören, wer hatte denn schließlich zwei zehnjährige Bengel und ein sechzehnjähriges Girlie sowie sich selbst mit insgesamt vier iPhones ausgestattet, Supermami oder ich? Nicht iPhones, protestierte Supermami, das waren Samsungs. Auch schon was, schimpfte ich, der Attitüde nach waren das iPhones, ich aber, der große Verweigerer, hatte nicht nur nichts von Apple, ich weigerte mich auch, irgendwas im iTunes-Shop zu kaufen, lieber stahl ich drei Raubkopien aus dem Netz, als daß ich den iTunes-Laden auch nur betrat, seit ich mein Paßwort vergessen hatte und zu dämlich gewesen war, mich beim Rechnerwechsel rechtzeitig um das Abmelden des Computers zu bekümmern, was sollte der Quatsch denn aber auch, dieser Jobs war ein ganz großer Gauner gewesen, der keinesfalls zum Vorbild taugte, das stritt ich ja gar nicht ab, aber ich sah den Gauner in ihm aus den richtigen Gründen, und das tat Supermami eben nicht, und wenn es nach mir ging, dann durften Leute, die in der Sekundarstufe auch nur ein naturwissenschaftliches Fach abgewählt hatten, überhaupt nicht Religionslehrerinnen werden, Albernheiten konnten die Kids auch im Deutschunterricht lernen, fügte ich hinzu, weil ich mich zu erinnern glaubte, daß Supermami Deutsch und Religion unterrichtet, Tausendschönchen hat es mir zwar schon xmal gesagt, aber ich hatte es genauso oft wieder vergessen, Deutschlehrerinnen konnten sie von mir aus werden, aber nicht Religionslehrerinnen, denn Religionsunterricht mußte naturwissenschaftlich fundiert sein, wie sollte denn jemand, der nichts von Physik verstand, den Kindern glaubhaft das Wunder des Über-das-Wasser-Laufens nahebringen, wenn er selbst gar nicht wußte, daß es überhaupt ein Wunder war, wenn einer über das Wasser lief, weil er mit Begriffen wie Auftrieb, Oberflächenspannung, spezifisches Gewicht, Verdrängung usw. nichts anzufangen wußte, geschweige denn das Metazentrum eines Messias’ berechnen konnte, ja, was denn, darum ging es doch bei dieser ganzen Vorbildkiste im Religionsunterricht und die Damen und Herren auf der rechten Tafelseite waren doch bloß Statthalter für den, der dort eigentlich stehen sollte, ginge es nach den Arbeitsmaterialien Sekundarstufe, aber wenn der dort stünde, dann würden die Kids ja gar nicht erst anbeißen, die würden einen ja sofort sitzenlassen und rausmarschieren, denn die waren ja nicht blöd, jedenfalls nicht ganz blöd, und zwar zurecht würden sie rausmarschieren, denn ein Vorbild, dem man gar nicht nacheifern konnte, war kein Vorbild, jedenfalls kein taugliches, da man es ihm ja sowieso nie gleichtun konnte, und jeder, der von sich behauptete, er hätte es geschafft, der würde stante pede zusammengefaltet werden, und wenn er ehrlich wäre, würde er nicht nur sagen, ich hab’s nicht geschafft, er würde sagen, ich hab’s nicht einmal probiert, soweit kommt mir das, daß ich meine linke Backe hinhalte, wenn mir gerade erst einer eine auf die rechte gepflastert hat, ich wüßte es ja wohl, und deswegen war dieses ganze Vorbildgehample genau eines nicht: zielführend war es nicht, und genaugenommen war es kontraproduktiv, denn ehe die Kinder sich an einem einsamen Rufer in der Wüste orientierten, der eigenwillige Diätvorstellungen hatte und uncoole Klamotten trug, suchten sie sich doch lieber einen mit Jack & Jones-Buxe und jeder Menge Transfettsäuren auf der Speisekarte, man sah’s ja dort auf dem Kindertisch, wo kleine Stars-and-Stripes-Fähnchen aus Miniburgern winkten – drum besser wär’s, daß auf der rechten Seite der Tafel keine XXXL-Vorbilder zu stehen kämen, sondern das eine oder andere M-, S- oder L-Vorbild, das einem nicht ganz soweit voraus war, und bei dem man eine realistische Chance hatte, es auch mal einzukriegen und zu überholen, von mir aus durfte es auch Steve Jobs sein, wenn es denn sein mußte, besser jedoch: der eigene Onkel, wie ich es meinen Neffen und Nichten immer predigte, am allerbesten: der alte Klassenlehrer, Egon mit Spitznamen, Deutsch und Biologie, der einen Zehnjährigen zu nehmen, zu fordern und zu begeistern wußte, der das kleine Gegenüber gelten und es dies spüren ließ, der das kleine Selbstwertgefühl päppelte, wenn es gepäppelt werden mußte, indem er das Selberhinsehen, Selberdenken und Selbermachen forderte und förderte, wo es gestupst werden mußte, ein grundgütiger Agnostiker, der mehr Ehrfurcht vor der Schöpfung auf die Waage brachte als die ganze hundsföttische Religionslehrerblase zusammengenommen, wofür er sich von dieser bei uns verpetzen lassen mußte, die wir gar nicht wußten, was das denn eigentlich sei, aber wir nahmen immerhin mit, das es etwas Gutes sein mußte, da er es war – Gott hab ihn selig, er sei gegrüßt unter seinem kalten Stein, nicht nur ich habe ihm für vieles dankbar zu sein und bin es gerne, die Tafel, auf der sein Name steht, hat Platz für manchen anderen, aber keiner soll dem Namen Egon den Ehrenplatz streitig machen, auch der sich dick machende Albert Schweitzer nicht, dem er voraus hatte, daß er tat, was ein Vorbild tun soll, nämlich eines sein, und nicht bloß predigen, so wie diese Ananas-Hähnchen-Spieße der zähen Aubergine ein Vorbild in Sachen Zartheit waren, zumindest hätten sein können, wenn noch welche dagewesen wären, doch wenn ich ehrlich war, mußte ich feststellen, daß mir mittlerweile nur noch die leeren Spieße zuhörten, daß Supermami nicht mehr da war, und Tausendschönchen war auch nicht mehr da, und auch sonst war keiner mehr da. Tja dann. Ein gelungener Abend. Zwar ohne Whisky, aber wir hatten uns doch wenigstens mal ausgesprochen.

Und dann kommt man nach Hause, und wer parkt schon im Web? Die gute alte Zeitmaschine: auf geht es, fünfzig Jahre zurück, ans schimmernde Röhrenradio, das Tor zu einer versunkenen Welt, in dem und aus der soeben ein Überfall auf einen Postzug gemeldet wird und zweieinhalb Millionen gute englische Pfund haben das Weite gesucht – Ronald Biggs ist tot. – Hatte der nicht auch mal auf unserer Vorbildtafel gestanden? Größe XS? Oder XXS, aber immerhin? Und zwar diesseits und keineswegs jenseits des Strichs? Aber ja doch. – Und warum auch nicht? Er hatte es schließlich nur des Geldes wegen getan. Die Reinheit des Räuberherzens war ihm wohl nicht abzusprechen.

Who knows where the time goes?

“Überraschungscoup”? Wieso Überraschungscoup?

“Meine Planungen für die Zusammensetzung des Kabinetts laufen seit Wochen. Meine Vorstellungen gerade an dieser Stelle sind sehr alt.”

A. Merkel am 15.12. zur Personalie v.d. Leyen, zitiert nach Ostthüringer Zeitung

Man möchte nicht wissen, man möchte es nicht wirklich wissen, man möchte es wirklich nicht wissen, denn die Vorstellungskraft entzieht sich ihrer Dienstpflicht durch Desertion, an welchen “Stellen” die Bundeskanzlerin in spe Angela Merkel überall Vorstellungen hat, oder schon gehabt hat, aber wenn ihre Vorstellungen “gerade an dieser Stelle” so alt sind wie unsere an dieser Stelle, dann sind sie tatsächlich schon sehr alt.

Bereits 2009 hatten wir zum erstenmal vorhergesagt, daß das Kriegsministerium in die Hand von Ursula von der Leyen fallen wird – oder Kankra, wie Germanistenfuzzi sie zu nennen vorgeschlagen hat, der den Jahreswechsel 1999/2000 in Beinhorn erlebt hat, und noch heute von dem rätselhaften neujahrsmorgendlichen Knochenfunden an der Pforte des Albrechtschen Anwesens dort berichtet, mit Schaudern, wie er ohne zu schaudern versichert: “So habe ich mir den Eingang zu Kankras Lauer immer vorgestellt: Knochen, wohin man blickt.” Wahrscheinlich habe dort um Mitternacht ein schwarzes Ritual stattgefunden, zu dem auch die Vertilgung großer Mengen von Hühnerbeinen gehört habe, deren Überreste nicht hätten entsorgt werden dürfen, sondern am Hängepfosten der Pforte unter dem Schlagen auf dem Kopf stehender Kreuze und dem Murmeln schauerlicher Verwünschungen hätten niedergelegt werden müssen. Etwa seit der Zeit, übrigens, nimmt der unter dem Namen “Hähnchenkrieg” bekanntgewordene Vormarsch der Hähnchenarmeen in den Osten Niedersachsens unübersehbare Dimensionen an. Auch darüber berichtete dieses visionäre Blog verschiedentlich.

Zumindest für die breite Öffentlichkeit kam die Entscheidung aber völlig überraschend.

A.a.O.

Klar, die breite Öffentlichkeit pflegt seherische Blogs nicht zur Kenntnis zu nehmen. Dieses schon gar nicht, denn es dürfte deutlich mehr Autoren als Leser haben. Aber soll uns das irritieren? Darf uns das abhalten, zu sagen, was zu sagen ist? Kann uns das nicht von Herzen egal sein? – Nein, das soll es nicht, nein, das darf es nicht, doch, das kann es. Was gilt denn schon der Prophet auf dem eigenen Acker? Sei’s drum, Pfaffenacker? – Kollege Jesaja?

“Nur soviel wie ein Stäubchen, das im Licht tanzt. Wie ein Sandkorn auf der Waage. Wie ein Tropfen am Eimer.”

Krieg: Ursula von der Leyen, CDU
Das bedarf ein wenig der Kommentierung. Die Umbenennung des Verteidigungsministeriums in Kriegsministerium war überfällig, aber nicht unumstritten. Insbesondere Verteidigungsminister Jung stand für diesen Eingriff nicht zur Verfügung. Es gebe, so argumentierte Jung, das Wort       nicht, nicht im Duden, nicht im Brockhaus, nicht bei den Grimms. Daher könne man auch kein Ministerium      ministerium nennen.

Für Kompromißvorschläge wie “Verteidigung der Freiheit am Hindukuschministerium”, “Ministerium für besondere ‘Aufgaben’”, “Humanitärer Einsatzministerium” oder “Afghanistanministerium” wiederum steht ein so aufrechter Kerl wie Frank-Walter Steinmeier nicht zur Verfügung. So kam es zur Umbenennung und kleinen Rochade.

Ursula von der Leyen kennt als Mutter von sieben Kindern hingegen keine Scheu, sich die Hände schmutzig zu machen, “wenn Krieg ist, ist Krieg. Der geht auch wieder vorbei. Da holt man das Heftpflaster herbei, flickt die Verwundeten so gut es geht zusammen und schickt sie wieder nach draußen.” Auch bringt sie frische Ideen für den Afghanistankrieg mit: die Unterkünfte deutscher Soldaten sollen mit Stoppschildern, auf denen die Angreifer vor Angriffen gewarnt werden, vor Angriffen durch die Angreifer geschützt werden.
Das visionäre Blog Tropfen am Eimer am 30.7.2009

Und wir bleiben in BerlinKriegsministerin von der Leyen hat ihre Absicht bekräftigt, in Afghanistan die Einrichtung von Feldkrippen zu initiieren und zu fördern, um “insbesondere Soldatinnen, aber auch den männlichen Kameraden die Möglichkeit zu geben, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.” Unterstützt wird sie von Bundeskanzler Steinmeier. Ein moderner Krieg sei nur zu führen, wenn die Generalität sowohl die kriegsbedingten Notwendigkeiten als auch die Bedürfnisse der Soldatinnen und Soldaten im Auge behalte und für einen fairen Ausgleich sorge.

“Wir können es uns nicht leisten, junge hochmotivierte Frauen bei der Verteidigung der Freiheit zu verlieren, und wir können es uns genausowenig leisten, Frauen im besten gebärfähigen Alter auf Jahre hinaus an der Reproduktion zu hindern, indem wir sie an der Front verheizen.” Verantwortungsvolle Personalpolitik müsse und werde versuchen, beides miteinander zu verbinden, so Steinmeier.

Als zweites Standbein neben den Feldkrippen sollen Tagesbetreuungspersonen beiderlei Geschlechts in Zukunft den Troß begleiten, die, während die Mütter mit Tankzugbombardements beschäftigt sind, mit den Kindern Blinde Kuh und Häschen in der Grube spielen.

Das visionäre Blog Tropfen am Eimer am 4.9.2009

Kankra bleibt Arbeitsministerin

Eine der Beteiligten ist die Spinne Kankra,

Tochter Ungoliants (deutsch: Ernst Albrecht), vermutlich aus der Brut der Spinnen von Nan Dungortheb. Kankra war dem Untergang von Beleriand entkommen, und ihre Brut (7 Stück) hat sich in Ephel Dúath und dem Düsterwald ausgebreitet. Kankra hat ein großes Nest in Cirith Ungol (deutsch: Beinhorn), ernährte sich dort viele Jahre lang von Menschen, Orks und Elben und dient Sauron als sichere Wache, um jeden daran zu hindern, Burgdorf auf diesem Wege zu betreten.

Um das Jahr 3000 des Dritten Zeitalters fing sie Gollum, ließ ihn aber wieder frei – unter der Bedingung, daß er ihr Nahrung beschaffe. Im Jahre 3019 führte Gollum Frodo und Sam auf dem Weg zum Schicksalsberg zu Kankras Lauer, in der Hoffnung, Kankra werde Frodo töten, so daß er den Einen Ring erbeuten könne. Kankra betäubt Frodo, wird aber von Sam mit der Phiole Galadriels geblendet und mit dem Schwert Stich schwer verwundet. Über Kankras weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Soweit Wikipedia. Wikipedia hat keine Ahnung. Kankras weiteres Schicksal ist bekannt: Familienministerin im Kabinett Merkel I, Kriegsministerin im Kabinett Steinmeier I (hat leider nicht geklappt wg. Unfähigkeit Steinmeiers), schließlich Arbeitsministerin im Kabinett Steinmeier II. Nein, Merkel II. Egal, ist ja ungefähr dasselbe. Für fünf Minuten war Kankra sogar als Kandidatin für das Amt der Präsidentin Mittelerdes im Gespräch, aber das wußte Scharrer zu verhindern.

Das visionäre Blog Tropfen am Eimer am 8.6.2010

Offener Brief

an Patrick Döring
zurück in Hannover

Sehr geehrter Herr Döring,

Sie haben sich auf dem Sonderparteitag der FDP aus der Politik ins Privatleben verabschiedet, und wir beglückwünschen Sie von Herzen zu diesem wohlüberlegten Schritt. Wir wollen Sie auch nicht aufhalten. Haben Sie trotzdem noch zwei Minuten Zeit, in denen Sie kurz auf dem Teppich bleiben könnten?

Wir hätten da nämlich noch zwei, drei Anmerkungen zu Ihrem Vorwurf bezüglich Rassismus im Zusammenhang mit Ihrem ebenfalls zurückgetretenen nun mithin ehemaligen Parteivorsitzenden Philipp Rösler. Dazu zweierlei vorab: wir hier sind allesamt entweder ehemalige Westfalen oder aktuelle Niedersachsen, oder beides, und Sie sind ebenfalls Niedersachse. Wir reden also von gleich zu gleich. Wenn wir Sie in diesem Brief eventuell, weil wir Grund dazu haben, durchaus mit Absicht und in dem Wunsch, despektierlich zu sein, einen Niedersachsen nennen werden, dann wünschen wir nicht, uns von Ihnen deswegen Rassismus vorhalten lassen zu müssen. Als Niedersachsen haben wir dazu ein unveräußerliches Recht, und als Westfalen haben wir dieses Recht erst recht. Was man sich als ‘Preuße’ von Euch anzuhören hat, das geht auf keine Trommelhaut! Habt Ihr vergessen, wie ritterlich Ihr von uns nach der Kapitulation bei Langensalza behandelt worden seid?!

Und was Euren neuen Parteivorsitzenden angeht, dieser Typ mit den falschen Geheimratsecken und der geschönten Wikipedia-Vita, dieser Milchbubi aus dem rheinischen Schiefergebirge, dieses rheinische Schiefgesicht, wenn wir über den herziehen, dann ist das schon gleich überhaupt kein Rassismus, denn jeder Westfale hat das Natur-, Völker- und Menschenrecht, über jeden Rheinländer nach Gutdünken Hohn und Spott auszugießen. Wurst wider Wurst! Wie auch jeder Bundesbürger das Recht haben soll, Volker Zastrow einen Vollsachsen zu nennen, und nicht bloß einen Niedersachsen, und zwar ohne dafür belangt zu werden. Auch nicht von den Sachsen!

Soweit das. Nun aber zu Herrn Rösler, dem Sie bitte unsere Grüße ausrichten wollen. Es ist uns seinerzeit eine Ehre gewesen, und Ehrensache gewesen, einen Kommentar, in dem man ihn einen ‘Asiaten’ nannte, nicht freizuschalten. Wenn auch mit Bauchkneifen, denn Zensur bleibt Zensur, und nicht jeder, der Yoko Ono nicht leiden kann, ist ein Rassist. Und doch: wer Yoko Ono, anstatt sie die schwärzeste aller schwarzen Witwen zu nennen, als Japanerin bezeichnete, wäre eine dumme Suppe, und jedenfalls kommt uns sowas nicht in die Kommentarspalten. Weil Sie gesagt haben sollen, auch Kritiker Röslers hätten immer wieder “subtil bösartig” mit “rassistischen Ressentiments” gespielt. Als Kritiker Röslers, zu denen wir uns zählen, weisen wir das a) zurück und sind b) ganz bei Ihnen, wenn Sie dergleichen geißeln. Wir sind nämlich nicht subtil und wollen es auch nicht sein. Als wir Sie seinerzeit einen überquellenden Hefebrei nannten, der sich durch die Straßen wälzt und den Autos die Außenspiegel abbricht, fanden Sie das etwa subtil? Es war nicht subtil gemeint. Wenn einer partout Generalsekretär sein will, dann schreit er danach, daß man sich seiner körperlichen Gebresten auf das bösartigste annimmt. Er muß ja nicht Generalsekretär werden wollen. Daß wir Rösler nicht seiner Herkunft wegen angegangen sind, hat damit zu tun, daß Herkunft nicht zu den körperlichen Gebresten zählt. Anders als Pausbackigkeit, jedenfalls die Pausbackigkeit eines Erwachsenen. Eines Mannes Leben und eines Mannes Erfahrung sollten Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Das Leben ist keine Zwiebackstüte! Aber warum sollte man jemandem, der aus Bückeburg kommt, sein bedauernswertes Schicksal auch noch unter die Nase reiben? Wir kennen Bückeburg! Wir fühlen mit Herrn Rösler. Verflucht nah an Minden, dieses Bückeburg, von wannen wir Preußen damals im deutschen Krieg gegen Hannover vorrückten. Ohne Gegenwehr übrigens, wenn Sie sich erinnern. Von den Lippischen Schützen, ohne Ansehen der Tatsache, daß diese bereits nach Mainz abkommandiert waren, wollen wir auch mal lieber ganz stille schweigen. Nur soviel: da also hat der junge Herr Rösler seine militärische Ader her? Da guck.

Nun ja. Es handelt sich bei Philipp Rösler, wenn Sie uns fragen, um einen ausgesprochen sympathischen Augenarzt, der nur einen Fehler hat: er wollte nicht Augenarzt bleiben. Man könnte verstehen, daß er nicht in Bückeburg bleiben wollte, aber das hätte er ja auch nicht gemußt. Gute Augenärzte werden schließlich überall gebraucht. Erst neulich sagte mir die Vorzimmerdame von Professor Großkotz am Klinikum, der mir den Star stechen soll, der Professor verbringe die Wintermonate in Florida, ich solle mich auf eine dreimonatige Wartezeit gefaßt machen. Gefaßt fragte ich, ob nicht vielleicht einer der Herren Ober- bzw. Assistenzärzte schon soweit in die Kunst eingeführt sei, daß er … ? Aber sie schüttelte gut hörbar das Haupt: es gebe nicht soviele Augenärzte, wie sie gerne einstellen würden, und ich zu ihr: haben Sie es mal bei Herrn Rösler probiert?

Nun, vielleicht sollte ich mich lieber nicht in Herrn Röslers Hände begeben, wenn in denselben ein spitzer Gegenstand sich befindet, mit denen er mir im Auge herumfuhrwerken soll. Vielleicht nicht. Vielleicht wäre die Versuchung für ihn zu groß. Schließlich habe ich ihn mal eine Träne genannt, eine Nulpe, die mit dem Job eines Nachtwächters in einer Gurkendosenverschließerei überfordert wäre. Ihm unterstellt, sich einen alten Socken in die Hose zu stopfen, um Wirtschaftskompetenz vorzutäuschen, wo keine Wirtschaftskompetenz sei. Hab ich alles gemacht, stehe ich auch zu. Aber das heißt ja nicht, daß ich ihn für einen schlechten Augenarzt hielte. Tue ich nicht. Ich habe das ja auch nicht gemacht, um ihn aufgrund seiner Abstammung zu diskreditieren, denn er stammt ja nicht von der FDP ab, sondern er ist in die FDP eingetreten. Freiwillig! Das diskreditiert ihn natürlich! Aber es ist keineswegs so, daß hierzulande etwa nur oder hauptsächlich Vietnamesen in der FDP wären, im Gegenteil. Das ist eher selten. Die allermeisten FDP-Mitglieder sind Deutsche. Das spricht sowohl gegen die Deutschen als auch – wenn Sie mich fragen – gegen die FDP, weil es nämlich nichts gibt, was nicht gegen die FDP spräche. Das spricht aber für die Vietnamesen, die in übergroßer Mehrheit die Mehrheit der Tassen noch im Schrank zu haben scheinen.

Es ist doch die Mitgliedschaft in einer Partei wie der Ihren, welche wissentlich und willentlich all’ ihre Tassen aus dem Schrank holt und vorzugsweise auf dem Pflaster des Marktes zerdeppert, die Ihnen und Ihresgleichen die “Vernichtungssehnsucht” (Brüderle) auch des ansonsten wohlmeinendsten Bürgers zuzieht. Und keineswegs die Person des ehemaligen Vorsitzenden. Da gab es schon ganz andere Vorsitzende. Verglichen mit Herrn Westerwelle und seiner ungewaschenen Äußerung über “anstrengungslosen Wohlstand” ist Herrn Röslers Wort von der “Anschlußverwendung” (der ehemaligen Schlecker-Angestellten) von geradezu rührender Unbeholfenheit. Nicht, daß er dafür nicht den Hosenboden versohlt verdient hätte. Das hätte er. Als Bückeburger sollte er das Lied von den lippischen Schützen kennen, mit der Strophe “Die Franzosen schießen immer so ins Blaue hinein/Sie bedenken nicht, da könnten Menschen sein.” Exakt. Exakt so quasselt Rösler ins Blaue hinein, ohne zu bedenken, daß am anderen Ende des Gequassels Menschen sein könnten, die diese seine Flegelhaftigkeit abkriegen. Denn es war das eine Flegelhaftigkeit. Die ganze Partei ist eine Partei von Flegeln. Das ist auch überhaupt kein Wunder, wenn eine Partei sich a) als Marke mißversteht, und es b) als Markenkern definiert, sich auf besagten Marktplatz zu stellen, den Hosenstall zu öffnen und ihre marktwirtschaftlichen Prinzipien rauszuholen und unter Geschrei überall reinzuhängen. Wenn Sie das an ihren Stammtischen machen, wo wir nicht dabei sein müssen, bitte, das wird Ihnen weiter keiner übelnehmen, wir sind schließlich liberal. Aber wenn Sie sie zum Beispiel in die Schlecker-Pleite hineinbaumeln lassen, wundern Sie sich doch bitte nicht, wenn das hie und da als unpassend empfunden wird. Als rüpelhaft. Flegelhaft. Und unpassend ist es auch, wenn ausgerechnet der Generalsekretär der Partei, also deren institutionalisierter Dreschflegel, wenn ausgerechnet der sich moquirt, daß ein paar Flegel an seinen Stammtischen sich als Flegel herausstellen, die von “dem Vietnamesen” sprechen.

Der dann natürlich schuld ist am schlechten Erscheinungsbild und am Wahlergebnis und und und. O Einfalt! Aber solche Flegel gibt es überall. Wenn ein Haufen unappetitlicher Halunken, nennen wir sie, ich greife wahllos ein paar untürkisch klingende Namen wie Patrick und Rainer und Wolfgang und Christian und Guido und Philipp und Dirk und Daniel, und sie ziehen durch die Gemeinde und grölen und lärmen und schlagen Krach und pissen an die Türen geparkter Autos, und sie rufen den Frauen hinterher, ob sie für heute Abend schon eine Anschlußverwendung hätten, sonst wüßten sie wohl eine für sie, und vor der Disko treffen sie einen Jungtürken, den nennen wir jetzt mal nicht Walter, oder Hans-Dietrich oder Willi, sondern Ihsan, und unter “Hallo!” und “Los, komm mit!” geht es zum Eingang, und der Türsteher sagt, sie sollen zusehen, daß sie Land gewinnen, und zwar ein bißchen plötzlich, wer ist dann schuld, wenn nicht der Türke? Ich will es Ihnen sagen: der Türke ist schuld. Türken werden nicht in Diskos gelassen, das weiß jeder. Das heißt, ich weiß es nicht. Ich weiß noch nicht einmal, ob es überhaupt noch Diskos gibt. Das letzte Mal, daß ich in einer Disko war, beziehungsweise vor einer Disko stand und nicht reingelassen wurde, da lebte John Lennon noch. Damals war es so. Damals muß es so gewesen sein, denn sonst hätten sie meinen Freund Ihsan und mich ja reingelassen. An mir kann es schließlich nicht gelegen haben. – Also fragen Sie mal Ihre Stammtischbrüder. Aber tun Sie nachher bitte nicht so als ob Sie “es nicht für möglich gehalten” hätten, oder daß es Sie besonders erschrecken täte, daß dergleichen “auch in unserer Partei auf fruchtbaren Boden” fällt. Hatten Sie Ihre Partei für irgendwie “besser” oder “anders” gehalten als andere Parteien? Dann wären Sie, entschuldigen schon, nicht nur emeritierter Dreschflegel eines Halunkenhaufens, sondern auch noch ein wenig schwach im Oberstübchen? – Wenn Sie darauf bestehen – ich kann damit leben.

Für wie dumm ich Ihr Gerede halte, entnehmen Sie bitte nicht nur der Tatsache, daß ich Ihnen diesen kompletten Brief zueigne, sondern vor allem, daß ich als Eideshelfer für meine These von der Rüpelpartei FDP ausgerechnet meinen Intimfeind Jan Fleischhauer herbeizitiere, von dem ich normalerweise nicht einmal das Datum erfragen würde, gewiß, daß er mir ja doch ins Gesicht löge. Aber im vorliegenden Fall lasse ich es mir nicht nehmen, ihn als den vergleichsweise Klügeren darzustellen; ich liebe solche Übertreibungen, die in ihrer Haltlosigkeit fast schon wieder die Wahrheit streifen:

In seinem zweiundfünfzigsten Jahr kömmt Fleischhauer die Erkenntnis, die einem 26jährigen mittleren Einsichtsvermögens nicht fremd sein sollte, nämlich daß es nicht nur einen “rechten Pöbel”, sondern auch “einen Mob links der Mitte” gebe. Zweifellos. Das liegt im wesentlichen daran, daß die Mitte selbst nicht weiß, wo genau sie sich gerade befindet, denn das ist ja immer davon abhängig, wer kuckt, von wo er kuckt, und was für einen spezifischen Knick in der Optik er hat. So weit, so typisch Fleischhauer und es geht dann noch eine Weile genauso typisch weiter, von wegen Kuhstallwärme der Volksgemeinschaft und nichts liebt der Deutsche so sehr wie diese und wie es doch erstaunlich sei, welchen Haß die FDP nach ihrem Abschied aus dem Bundestag auf sich ziehe. Bla bla bla! Das ist überhaupt nicht erstaunlich. Denn es handelt sich ja nicht um Haß, jedenfalls nicht um frisch zugezogenen. Der Haß auf die FDP war vorher auch schon da. Und wenn ich ausnahmsweise mal der taz glaube, was ich gerne tue, wenn es gegen Westerwelle geht, dann war es genau dessen Kalkül, zwar von 85% der Wähler gehaßt, aber von den verbleibenden 15% gewählt zu werden. Das sei besser, als von 7,5% gewählt und von den anderen ignoriert zu werden. Kann sein. Kann man so machen. Hat ja wohl auch einmal funktioniert. Man sollte dann bloß innerlich darauf vorbereitet sein, daß man auch mal, und sei’s versehentlich, von 95,2% gehaßt wird. Und nicht rumtröten, wie erstaunlich das doch sei. Erstaunlich ist allenfalls, daß es 95,2% und nicht bloß 94,8% waren. Das hätte ja auch sein können. Und das wäre schlecht gewesen, sehr schlecht, denn erst der Sprung über die 95%-Hürde hat uns es möglich gemacht, die FDP nunmehr nicht mit abgestandenem Haß, sondern mit frischer, schäumender Schadenfreude zu überziehen, wie ich sie in dieser Reinheit noch nicht gesehen habe. Und die mußte warten bis zum Schadenseintritt. Das ist nur natürlich, bei Schadenfreude. Sie als Vorstandsmitglied einer Haustierversicherung werden das wissen. Sie zahlen ja auch nicht, bevor der Schaden eingetreten ist, sondern immer erst hinterher. Wenn überhaupt. Und dann nur bis zur Höhe von 600 Euro pro Versicherungsjahr.

Aber das ist alles typisch Fleischhauer und also alles gelogen. Das braucht uns hier nicht zu interessieren. Worauf es uns ankommt, und worauf er nicht kommt, auch das gewissermaßen typisch für einen Realitätsverweigerer wie ihn, das ist, daß es natürlich auch einen Pöbel der Mitte gibt. Dabei liefert er selbst ein paar Zeilen drauf das Anschauungsmaterial, indem er darauf insistiert, daß es auch in der Politik so etwas wie eine Beileidskultur gebe, um dann ein Beispiel für deren völlige Abwesenheit zu bringen:

Jürgen Trittin hat am Wahlabend nach einem Blick auf die ersten Umfragen seinen Wagen anhalten lassen, um den Verlierern am Telefon ein paar freundliche Worte zu sagen. Hermann Gröhe und Volker Kauder standen auf der Bühne des Konrad-Adenauer-Hauses und grölten einen Tote-Hosen-Song, als nebenan bei der FDP die Lichter ausgingen. Dass ein Bürgerschreck der Grünen mehr Anstand im Leib hat als der Fraktionschef und der Generalsekretär einer Partei, die das C im Namen führt, sagt viel über die Verfassung des parlamentarischen Konservatismus in Deutschland.

Das sagt natürlich nichts über die Verfaßtheit des politischen Konservatismus in Deutschland, es sei denn, man wollte die mangelnde Verfaßtheit des Fleischhauerschen Kopfes als solche betrachten, aber den Gefallen, ihn mit einen Konservativen zu verwechseln, werde ich ihm nicht tun. Er ist kein Konservativer, er ist auch kein Liberaler, er ist FDP-Fan, und was die FDP mit Liberalismus zu tun hat, das weiß man schließlich: genauso viel, wie Yoko Ono mit den Beatles. Hat sie etwa auf Let It Be die Orgel gespielt? – Nein. – Hat sie im Film bei Maxwell’s Silver Hammer den Hammer geführt? – Auch nein. Sie hat sich lediglich und immer wieder mit den Beatles zusammen in einem Atemzug nennen lassen, und ganau das tut auch die FDP mit dem Liberalismus. Unterfertigter kommt aber sehr gut ohne Frau Ono aus, und ohne die FDP auch. Daß es verwunderlich sein solle, daß “ein Bürgerschreck der Grünen” “Anstand im Leib hat”, und zwar “mehr Anstand” als Gröhe und Kauder, das sagt allenfalls etwas über die Verfaßtheit eines Kopfes aus, in welchen anscheinend kein Schimmer davon fällt, daß es sich bei Generalsekretären von Parteien – die Couleur spielt dabei keine Rolle -, um die niederste Lebensform überhaupt handelt, seien es gegenwärtige (Gröhe), seien es ehemalige (Kauder). Warum denn wohl sollte einer, der in seiner Jugend als Brausekopf und Kommunistenbündler sich hervortat – warum sollte der keine Manieren haben? Gewiß, ein Schnauzbart, wie er früher von Trittin spazierengeführt worden ist, der spricht dagegen. Das ist wahr. Aber der Schnauzer ist lang ab. Selbst Herrschaften, die sich nicht nur in der Jugend, in der es erlaubt ist, sondern auch im Alter, in dem es verboten ist, als Kommunisten verstanden – Peter Hacks fällt einem ein, und … äh … ja. Peter Hacks. Wie gesagt. – Ein Mann von vollendeten Manieren! – Es ist ja schließlich nicht so, daß einem die Manieren zwar angeboren wären, wenn man aus bürgerlichem Hause stammt, und daß sie aber bloß latent wären, bis man dann eines schönen Tages in die CDU einträte, woraufhin sie akut würden. So ist es ja doch nicht. Oder ist es so? Und wenn man statt dessen in die FDP eintritt, fallen sie von einem ab wie Klapperschlangenhaut? Tatsache?

Das erklärt immerhin, warum sich Trittin zum Dank für seinen Anstand von dem Flegel Brüderle einen Lümmel nennen lassen muß. Apropos nennen: wie nennen ihre Parteifreunde Herrn Rösler? Fipsi? Darf man fragen, warum? Aus dem Wunsch heraus, despektierlich über ihn zu reden, schon klar. Aber wofür soll das stehen, Ihrer Meinung nach? Für einen Hundenamen?? – Sie sind der Fachmann, Sie versichern die Viecher schließlich, und die werden ja wahrscheinlich irgendwelche Namen haben. Sie werden es schon wissen. Aber ich weiß nicht – ich habe selbst Hunde, zwar bloß drei, aber keiner von denen heißt Fipsi. Ich habe auch noch nie von einem Hund gehört, der Fipsi heißt. Wenn ich “Fipsi” google, finde ich erstmal 300 Seiten über Herrn Rösler, dann eine Katze, für die ein Tierheim einen Interessenten sucht, und den Fußballer Philipp Lahm. Keine Ahnung, wer das ist und für wen der spielt; das letzte Mal, daß ich ein Fußballspiel gesehen habe, hießen die Außenverteidiger Schnellinger und Höttges, an einen Lahm habe ich keine Erinnerung. Der jedenfalls soll in seinem ersten Verein so genannt worden sein. Sind Sie sicher, daß es sich bei “Fipsi” nicht vielleicht um einen Spitznamen für Philippe handelt? Vielleicht auch nur für fipsige, also schmächtig geratene Philippe? Muß es denn immer gleich Rassismus sein?

Fipps ist mir noch geläufig, allerdings auch nicht als Hundename (der zugehörige Hund heißt Schnipps), auch nicht als Katzenname (der Kater heißt Gripps). Fipps ist ein Affe, allerdings kein asiatischer, schon gar kein vietnamesischer, er stammt vielmehr aus Afrika, woher genau, wird nicht gesagt. Ein Herr Schmidt importiert ihn nach Bremen, allwo er nur deshalb nicht FDP-Mitglied wird, weil er, als Zeitgenosse Wilhelm Buschs, mangels FDP keine Gelegenheit dazu hatte, wo er sich aber alsbald genauso boshaft benimmt, als wäre er’s doch. Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Gemeinheit, Staatsskepsis, die ganze Latte rauf und runter, dieser Affe hat entschieden mehr Ähnlichkeit mit Guido Westerwelle, als mit Philipp Rösler. Dem Bettler,


Hartz IV-Empfänger mit gestärkter Eigeninitiative

der im Streben nach anstrengungslosem Wohlstand ein paar von Fippsens Brezeln abhaben will – die dieser, das wollen wir doch mal festhalten, auch nur gestohlen hat -, dem nimmt er prompt die Krücke und kümmert sich nicht weiter um den auf den Arsch fliegenden Krüppel:


“Zielgenauer Sozialstaat” (Chr. Lindner)

Fipsi Mißfelder würde seine Freude daran gehabt haben.

Und Sie vielleicht hieran:


“Kümmerer”-Image: FDP (mit Pfeife) und schwächere Marktteilnehmer – Anschlußverwendung gesucht

Keine Sorge, ich verlange weder von Ihnen noch einem Ihrer Parteifreunde Vertrautheit mit dem Werk Wilhelm Buschs, außer vielleicht von Herrn Rösler: so weit ist Bückeburg nicht von Wiedensahl entfernt, daß er nicht einmal in dessen Geburtshaus hätte vorbeischauen können. Dort hat er vielleicht auch folgende Zeichnung gesehen:


Dem Armutsbericht (Mitte) ging es unter Rösler (links) so gut “wie nie zuvor in seiner Geschichte” (Rösler)

und sich dazu inspirieren lassen, den Armutsbericht der Bundesregierung zu frisieren.

Apropos geschönter Armutsbericht: Er ist nicht schlecht getroffen, der Herr Rösler auf dem Bild, mit dem Armutsbericht in der Mache, finden Sie nicht auch? Er hat doch mehr Ähnlichkeit mit Guido Westerwelle, als mir lieb sein würde, wenn ich er wäre. Ich werde mir, so gut es der verschwommene Blick zuläßt, genau ansehen, wen ich da an mein Auge lasse. Welchen Assistenz- oder Oberarzt, und wie der heißt. Nicht, daß der mir erzählen will, mein Auge sehe so gut wie nie zuvor in seiner Geschichte.

Und wie geht es Ihnen sonst so? Was macht die Arbeit in der Tierkörperverwertungsanstalt? – Belieben? – Tierversicherung, Hundekrankenversicherung, OP-Versicherung? – Sag ich doch: Tierkörperverwertung. Wie mag es eigentlich kommen, daß in Ihrer Partei niemand zu sein scheint, der irgendwas gelernt hat, lassen wir die Juristen mal beiseite, die gibt es in allen Parteien. Was weiß ich: Malermeister, meinetwegen. Oder Milchmann, Müllmann, Magnat in der Miederindustrie. Gurkendosenverschließer, Türsteher. Uwe Barth ist Physiker? Das zählt nicht, der kommt aus Thüringen, die sind alle Physiker. Nein, sind sie nicht, ich will nur sagen, die haben in der DDR alle was Vernünftiges gelernt. Fast alle. Jedenfalls manche. Niebel ist Teppichhändler, nun gut, aber Niebel ist die große Ausnahme. Niebel ist ohnehin ein Ausnahmepolitiker von Gnaden. Aber Ihr anderen erweckt alle den Eindruck, daß es Euch am liebsten wäre, wenn Ihr Stroh zu Gold spinnen könntet. Warum ist z.B. keiner Lehrer? Weil Ihr nicht gerne von Staatsknete lebt, nehme ich mal an. Mit Ausnahme von Niebel und seinen 40 Räubern, denen er ein paar schöne Stellen im “überflüssigsten Ministerium überhaupt” (Niebel) verschafft hat.

Da geht der eine hin und will Internet-Avatare verticken, und der andere eröffnet ein Wettbüro, in dem die Hundebesitzer darauf wetten können, ob ihr Hund in diesem Jahr Analdrüsenentzündung haben wird, oder die Katze die Ohrräude. Insbesondere dieser Avatarhöker, der Moomax-Maxe, der Typ mit der Haupthaartransplantage, Ihr Vorgänger, der Nachfolger Röslers, wird mir, je länger ich mit ihm den Planeten teile, immer unerwünschter:

„Wir müssen auch aufpassen, dass in unserer Gesellschaft Menschen, die Fehler machen und sich für die Fehler verantworten, dass die nicht vollständig als Persönlichkeiten vernichtet werden. In einer Gesellschaft, die Pranger aufstellt, möchte ich nicht leben.“

Das soll er im Fernsehn gesagt haben, bei einem Talkshowmaster namens Plasberg, ich kenne ihn nicht; als ich das letzte Mal ferngesehen habe, hieß der Talkmaster Schönherr und trug eine Krawatte. Aber klingt es nicht wie eine Verheißung? Als könnte man ihn mit bescheidenem Aufwand außer Landes treiben?

Alles Lüge. Der bleibt.

Was denn die FDP eigentlich verbrochen habe, will mein Fleischhauer von mir wissen, nein, will er nicht wissen, er will, wie immer, bloß die Antwort geben. Aber obwohl sie auf der Hand liegt, die Antwort, nämlich:

“Den!”


Mit Christian Lindner knüpft die FDP an alte Zeiten an: Lindners Vorgänger Erich Mende, genannt Häuptling Silberlocke, war ein großer Freund der eigenen Frisur

kommt er keineswegs drauf, sondern lediglich auf das bißchen Steuersenkung für Hoteliers, das die FDP noch von der CDU abkupfern mußte. Aber es war doch eine prima Schelle, die man der FDP um den Hals binden konnte, was meinen Sie? Hätte man darauf etwa verzichten sollen? – Mein Keyboard bebt vor gerechter Empörung beim bloßen Gedanken daran. – Nein, es muß, da Ihr Haufe in vier Jahren nichts erreicht und also auch nichts verbrochen und daher auch nichts getan hat, außer den Armutsbericht frisieren, es muß das, was einen so aus tiefstem Grunde gegen die FDP einnimmt, eine von ihr ausgehende schwere Beleidigung des Schönheitssinns sein. Was sonst?

Auch das ist natürlich etwas, was ein Fleischhauer nicht mitkriegt, weil er keinen hat. Zwar sagte er selbst einmal, daß Westerwelle zwar ein Freak sei, aber das sei Claudia Roth schließlich auch. Stimmt. Beziehungsweise, stimmt nicht, ich kann hier doch dem, was ein Fleischhauer sagt, nicht einfach so zustimmen, ich spinne ja wohl! Aber abgesehen davon, daß es nicht stimmt, und daß ich ja wohl spinne, abgesehen davon ist es natürlich die Wahrheit: Claudia Roth ist ein Freak. Aber doch nicht so ein Freak wie Westerwelle! Was Freakishness angeht, bleibt Claudia Roth soweit hinter Westerwelle zurück, wie Westerwelle hinter Christian Lindner. Da, wo Westerwelle noch in soweit mit sich selbst identisch war, daß er vor lauter Bewunderung für seine eigene große Klappe den Blödsinn, der daraus hervorkam, sozusagen quasi selber glaubte – im Wissen zwar um dessen völlige Unhaltbarkeit, aber was sollte er machen? Wo es doch so überzeugend hervorgebracht wurde! -, da ist Lindner das reine postmoderne Prinzip, die pure Simulation. Siehe seine Schläfen. Siehe sein Wikipedia-Eintrag. Da, wo Rösler den Armutsbericht frisiert, frisiert Lindner den Wikipedia-Eintrag über das Frisieren des Armutsberichts. Das aber immer vor Publikum, siehe sein Wikipedia-Eintrag. Wie ein Magier, der uns zusehen läßt, wie der Trick geht, und uns dann einzusäuselt, daß wir nie etwas gesehen hätten. Uns aber zum Beweis den Film daläßt. – Es hat was Irisierendes.


“Mir scheint, ich bin hier unbeliebt” – Der Parteivorsitzende hinterläßt eine leicht derangierte Partei

Nun, das braucht Sie nicht mehr zu kümmern. Sie haben ja ihren Job in der Versicherung, dort wird man Sie brauchen, das Leben geht ja weiter. Und in der Ablehnung Christian Lindners weiß ich mich mit Ihnen ja sogar einig. Vielleicht sogar mit Herrn Rösler. Sie wollen sich bitte einfach nur merken, nicht jeder, der einen appetitverderbenden Halunkenhaufen nicht im Parlament haben will, ist ein rassistischer Türsteher. Es gibt auch sehr gute Gründe dafür, Herrn Rösler die Kompetenz für den Armutsbericht entziehen und ihn wieder im medizinischen Fach sehen zu wollen. Er wird seinen Weg dort machen, da bin ich mir sicher. Er ist ja noch jung.


Chr. Lindner (links) und Stellvertreter W. Kubicki (rechts) bedauern den glücklosen Parteivorsitzenden Rösler (Mitte)

So, ich will dann mal wieder. – Bitte Platz zu behalten, ich finde allein raus. – Wir sind hier am Aegi? Zum Wilhelm-Busch-Museum gehe ich wie? – Markthalle, ja – Landtag, ok – Leibnizufer – Brühlstraße – Königsworther Platz – und dann immer gradeaus – und da haben die Hunde auch Auslauf? – Danke, danke, die Hunde sind versichert. Besten Dank!

Herr Döring, ich wünsche Ihnen auf dem weiteren Berufs- und Lebensweg alles Gute.

Germanistenfuzzi

Amazon liefert Pakete, bevor sie bestellt werden

Pre-Order-Prime nennt sich der neue Service von Amazon, von dem Jeff Bezos möchte, daß er so schnell wie möglich für marktreif erklärt wird. Er verspricht, die Ware, die der Kunde bestellen will, auszuliefern, ehe “die Schnarchnase” (Amazonisch für ‘Kunde’) sich endlich durch den Bestellprozeß gequält hat. Hört sich irre an, ist auch irre und kommt deswegen schon ganz bald, ehe wir Schnarchnasen uns ganz klar geworden sind, was das denn nun wieder soll, und ob wir das haben wollen.

Darauf könne er nicht warten, läßt Jeff Bezos ausrichten, er habe ein Unternehmen zu führen und könne es sich nicht leisten, tatenlos rumzusitzen, bis die klüngeligen Kunden in die Strümpfe kämen. Die würden das schon wollen, wenn sie es einmal haben, glaubt Bezos.

Möglich macht den Service einmal mehr Big Data. Die Analyse der hektischen Mausfuhrwerkerei von x-Millionen unentschlossener Kunden in den Wochen, Tagen und Stunden vor dem Kauf, hat zutage gefördert, daß zwar jede Jeck anders es, daß aber auch jede Jeck seinen eigenen, einzigartigen, unverwechselbaren Hibbel- und Hampelabdruck hat, bevor er zum endgültigen Klick auf den Bestellbutton ansetzt. Die dazu verwendete Software hat ursprünglich zu dem Roboter gehört, der von emsigen Japanern gebaut worden war, um bei dem Spiel Stein, Schere, Papier sein menschliches Gegenüber zu bescheißen. Der konnte anhand winzigster Körperbewegungen, Muskelkontraktionen, Gewichtsverlagerung vom Standbeil auf das Spielbein erkennen, für welche Figur der Mensch sich entscheiden würde, noch bevor dieser es selbst wußte, und kam ihm dann zuvor. Jetzt soll die Software den Amazon-Kunden bescheißen, indem sie erkennt, was er kaufen wird, noch bevor er weiß, daß er es kaufen wird.

Sagte ich Standbeil? Um Vergebung. Standbei-n hatte ich sagen wollen.

Da sei keine Hellseherei dabei, läßt Bezos ausrichten – er hat dafür einen Sprachroboter, der unsere Fragen beantwortet, noch bevor wir sie zuende formuliert haben; soviel Zeit wie wir habe er nicht, sagt der -, das sei Schnellseherei. Fixigkeit plus eine solide Datenbasis. Wenn etwa einer wochenlang einen Kühlschrank im Warenkorb habe und ihn immer weder raushole und aufmache und nach der Energieeffizienzklasse suche, und ihn dann wieder in den Warenkorb lege, und noch zwei andere dazu, davon eine Gefrierkombination, und dann die Kombination wieder raus, und den mit der zweiflügligen Tür und dem Caipirinha-Fach rein, und dann wieder raus, und den ersten auch raus, und dann den dritten raus, und den ersten wieder rein – dann nehme man einfach mal seine Kontodaten dazu, und siehe da, es sei kurz vorm ersten und er habe nichts mehr, und wie am dreißigsten das Weihnachtsgeld auf seinem Konto sei, da sei der Kühlschrank auch schon bestellt, so schnell könne man gar nicht kucken.

Könne man nicht kucken, die Software könne das schon. Und die werte halt alle solche Daten aus. Sie habe ja auch alles, was sie brauche: den Kontostand, wie hoch man bei der Schufa in der Kreide steht, wie weit das Konto im Schnitt überzogen wird, wieviel man zum Ausgeben zur Verfügung hat, die Spargewohnheiten. Sie wisse, was der Kunde als Geschenk verpacken lasse, wie teuer das im Schnitt sei, an welche Alternativadressen die Geschenke geliefert würden, was Oma letztes Jahr bekommen hat, und was im Jahr davor, und und und. “Nennen Sie uns irgendein Datum – unsere Software hat es. Wissen Sie noch, wann Sie Ihren Staubsauger gekauft haben? – Aber sie weiß es. Sie weiß auch, wie lange das Modell im Durchschnitt hält. Und daß Sie umgezogen sind, weiß sie. Und wie groß die Wohnung ist, denn sie weiß, wer vorher da gewohnt hat und was der für einen hatte. So’ne große Wohnung halten Sie mit dem ollen Staubsauger nicht mehr lange sauber, was wetten wir?”

“Warum sollen wir Ihnen da nicht rechtzeitig einen neuen Staubsauger an die Tür bringen? Per Oktokopter? Wir wissen schließlich eher als sie, wann das Weihnachtsgeld auf dem Konto ist. Außerdem hätten Sie sich doch eh nicht entscheiden können zwischen dem Staubsauger und der neuen Kaffeemaschine. Sie nicht. Aber wir. Wir haben die Kaffeemaschine auf die Wunschliste verschoben. Ihre alte macht es noch ein paar Tage, glauben Sie uns. Ich hab’ nämlich die gleiche, die sind ganz robust, die Dinger.”

“Was denn, Sie verbitten sich die Zustellung per Drohne? Hermes wollen Sie nicht, weil die immer bloß Kärtchen in den Briefkasten werfen, UPS wollen sie nicht, weil die stuhlgangfarbenen Uniformen sie an alte Zeiten erinnern, Drohne wollen Sie auch nicht, was wollen Sie denn? Die Drohne schmeißt ihnen kein Kärtchen in den Briefkasten, die Drohne fliegt bloß los, wenn sie weiß, daß Sie zuhause sind. – Wie, woher sie das weiß? Was wollen Sie damit sagen, woher weiß sie das denn? Von der Schwesterdrohne weiß sie das, die gerade den Kühlschrank an ihren Nachbarn geliefert hat. Die hat ihr Auto gesehen, und gesehen, daß im Arbeitszimmer Licht brennt. Ihr Vormieter hatte da das Kinderzimmer, bzw. eins der Kinderzimmer, der hatte ja vier. Der eine studiert jetzt, der andere macht sein soziales Jahr, und die beiden Jüngsten gehen noch zur Schule. Die Tochter liest ja sehr viel, hat sie von der Mutter. Der Vater nicht so. DVDs ohne Ende, das schon, solange sie keinen Blu-ray-Player hatten, danach dann halt Blu-rays. Und Platten, ja, der Alte sammelt Platten. Diese Vinyl-Dinger. Hatte auch einen wunderschönen Plattenspieler, Sugden Connoisseur, riemengetrieben – ich weiß das, weil er über Jahre hin alles an Ersatzriemen aufgekauft hat, was er kriegen konnte. Also so was Schönes! Zum Analogwerden.”

“Jetzt sind die Riemen wohl endgültig alle, er hat sich im Marketplace gebraucht einen Micro gekauft, direct drive, auch nicht häßlich, aber es ist halt kein Connoisseur. Vielleicht hat er sich auch nur einen Jugendtraum erfüllt, denn so einen hat er sich früher nie leisten können. Ich weiß ja, was er früher verdiente, und was er heute verdient – das hätte ich auch gerne! Aber der Bezos ist ein Knickstiebel. – So. Wo soll der Garmin hingeliefert werden, an die übliche Adresse? – Wie, Sie wollen keinen haben, ist doch bald Weihnachten? – Na, kommen Sie. wer hat sich denn im Herbst den ganzen Outdoor-Plunder bestellt, das waren doch nicht die Heinzelmännchen, das waren doch Sie! – Na, nun nehmen Sie ihn erstmal, probieren sie ihn aus, Sie werden ihn schon behalten wollen. – Zu teuer, wenn ich das schon immer höre! Bei Ihnen ist es doch auch nicht mehr so knapp wie damals, als sie noch für UPS gearbeitet haben. Der war doch schließlich in Ihrem Warenkorb! Für den Warenkorb war er nicht zu teuer, oder wie sehe ich das? – Das sind mir die richtigen Schnarchnasen, in den Warenkorb reinpacken, was nur immer reingeht – haben Sie einen Schimmer davon, wieviel Milliarden bei uns im Warenkorb vor sich hin gammeln und nicht realisiert werden können, weil die Schnarchnasen den Arsch nicht hoch kriegen? Und wenn es erst ans Bezahlen geht, oho, dann kennen die feinen Herrschaften plötzlich ihre Kreditkartennummer nicht mehr. – Aber keine Sorge nicht, wir kennen die.”

“Apropos: vergessen Sie bitte nicht, daß Ihre Kreditkarte im Januar abläuft. Ich hab Ihnen schon mal eine von unseren mit ins Paket gepackt, nicht, daß sie nachher nackend da stehen. Also, das Paket geht an die neue Wohnung, nehme ich mal an? Gehen Sie mal runter, die Drohne hat es grade eingeworfen. Wir sollten dem Vermieter mal eine Reihe größerer Briefkästen zustellen, sagt sie. Früher sei der Hausflur übrigens nicht so zugemüllt gewesen, sagt sie auch. Und eine Zwillingskarre stehe da, die sei neu. Wissen Sie, wem die gehört? Die brauchen doch bestimmt allerhand. Die hätten uns ruhig mal ein Update schicken können, das würde denen nicht wehgetan haben! Und Sie? Sie schicken bitte umgehend den Kreditkartenantrag zurück, Schnarchnase? Unterschrieben, bitte, diesmal. Nicht daß wir wieder dieses Hin und Her haben, wie bei Ihrem Providerwechsel neulich. Gibt’s dreißig Euro Gutschrift für, dann ist auch der Garmin nicht mehr so teuer. – Ts. Noch so ein Knickstiebel! Das habe ich schon gerne: 160-Quadratmeter-Wohnung, aber keine 160 Euro für ein ordentliches GPS-Gerät überhaben wollen.”

[Beiseite]

“Woher ich das weiß, woher ich das weiß! Das mit dem Provider. Ja, woher weiß ich das wohl! Warum fragt er mich nicht gleich, woher ich weiß, wie meine Oma heißt!?”

“Ich weiß ja sogar, wie seine Oma heißt.”

R.O.T.S.P.O.N. – Der volle Kanal

Wir alle kennen den Satz vom Internet, und daß wir dank seiner nunmehr wüßten, daß der Satz von den dreihundert Millionen Affen, die blindlings auf dreihundert Millionen Tastaturen herumhacken und dabei, wenn’s der Deubel will, aus Versehen Shakespeares gesammelte Werke produzieren, nicht stimmt. Die dreihundert Millionen Affen kriegten, so heißt es, noch nicht einmal den Satz von den dreihundert Millionen Affen, geschweige denn den vom Internet zuwege.

Stimmt.

Trotzdem schafft es immer mal wieder einer von ihnen in den Spiegel. Wobei das trotzdem unter Vorbehalt steht. Es ist ja nicht so, daß der Spiegel etwa darauf abonniert wäre, immer nur Texte Shakespeare’scher Qualität zu veröffentlichen, und auf Spiegel-Online sind solche meines Wissens sogar ein Grund für den Hinauswurf.

Aber dank des Internets wissen wir nun, daß dieser eine nicht nur nicht schreiben, sondern auch nicht lesen kann. Nicht, daß uns das wirklich wundern würde. Die Fähigkeit, nicht zu schreiben, verleiht ja auch die Fähigkeit, nicht am Pisa-Test teilzunehmen und also beim Leseverständnis Punkte zu sammeln oder abgezogen zu kriegen. Wir wissen schlicht nicht, ob Affen nicht lesen können, oder ob sie lesen können und es für sich behalten. Oder ob sie – geht ja auch – nicht lesen können und das für sich behalten.

So gesehen fehlt Jan Fleischhauer zum Affen streng genommen eine Schlüsselqualifikation, denn er kann zwar nicht lesen, behält es aber nicht für sich. Sondern schreibt es ins Internet.

Ich will das hier nicht alles wiederkäuen, denn nicht alles, was dreihundert Millionen Affen besinnungslos ins Internet hämmern, ist wert, daß man es copye und pastee, aber ich will es kurz zusammenfassen: Kennen Sie alle den Witz von dem Bäuerlein, das, nach langer Zeit, eines heiligen Sonntagsmorgens mal wieder zur Kirche geht und anschließend der Bäuerin Rede stehen soll, wie es gewesen sei, woraufhin es erzählt, daß der Pfarrer sehr, sehr schön gepredigt habe. Ja, worüber denn aber? Nun, über die Sünde. Und was er denn da gesagt habe? “Er war dagegen.”

Das ist in etwa die Quintessenz des Fleischhauerschen Artikels. Denn wie der Pfarrer, der ja auch, seiner Stänkerei ungeachtet, nicht wirklich gegen die Sünde ist, sondern weiß, was gut für ihn ist, so wie der Skarabäus, der den Mist ja nicht etwa deswegen von der Straße räumt, weil er etwa etwas gegen Mist hätte, so hat auch Fleischhauer nicht wirklich etwas gegen den Mindestlohn. Grad wieder hat er gezeigt, wie prima er von dem Mindestlohn leben kann, indem er gegen ihn anstänkert.

? – Ach, hatte ich das nicht gesagt? Ja, Aufhänger seiner Kolumne ist der Mindestlohn, und daß die taz ihn nicht wird zahlen können. Den Redakteuren vielleicht noch grademalsoeben, dem Volontär aber nimmermehr.

Ja und? Dann wird sich die bürgerliche Presse eben dazu bequemen müssen, ihr “ausgelagertes Volontariat” (Gremliza über die taz) in Zukunft wieder selbst zu bezahlen. Davon wird die WELT, pardon, die Welt zwar ein erneutes Mal untergehen, aber das wird sie schon überleben. Es ist das ja nicht der erste Weltuntergang im Zusammenhang mit dem Mindestlohn, der uns in Aussicht gestellt worden ist. Davon geht die Welt schließlich nicht unter.

Aber vielleicht die taz? – Ich weiß es nicht. Kann sein. – Aber wen genau quält ausgerechnet diese Frage? Ausgerechnet den Herrn Fleischhauer?

Das kann ich gut verstehen. Auch die Deutsche Bank sorgt sich ja bekanntlich um die Schwächsten der Schwachen, die, die keine Ausbildung haben, und kein eigenes Vermögen. Das und ist wichtig. Was braucht einer, der ein solides Familienvermögen hat, was braucht der beispielsweise einen soliden Doktortitel? Braucht der nicht. Aber die Schwachen, die brauchen – nicht unbedingt einen soliden Doktortitel, die brauchen auch keine Ausbildung, aber was sie brauchen, damit sie teilhaben können am gesellschaftlichen Leben, das ist ein Lohn unterhalb des Mindestlohns. Denn, wenn sie nur noch zum Mindestlohn und drüber beschäftigt werden dürfen, stellt sie keiner mehr ein. Dann haben sie gar nichts mehr, außer Hartz IV, und das kriegen sie sowieso schon. Darüber macht sich die Deutsche Bank so fürchterliche Sorgen, daß sie immer und immer wieder nachts wachliegt und grübelt und sich hin und her wälzt und sich bloßstrampelt und sich fragt, wie das nur erst werden soll, wenn die Schwächsten der Schwachen mehr Geld bekommen werden – sie hat schon Sorgenschwielen auf der Seele. Gestern morgen wußte sie sich nicht anders mehr zu helfen, als daß sie einen Mitarbeiter zum Deutschlandfunk schickte, damit der dort im Radio vor dem Mindestlohn warnte.

So ist es auch nicht verwunderlich, daß der Herr Fleischhauer nachts wachliegt und sich wälzt und bloßstrampelt, weil er sich Sorgen um das Schicksal der taz macht, und ich muß meine Leser um Entschuldigung dafür bitten, ihnen das Bild eines sich bloßgestrampelt habenden Herrn Fleischhauer zugemutet zu haben, aber es geht nicht anders. Nicht, wenn ich meiner Verantwortung gerecht werden will. Arno Schmidt hat einmal befohlen, der verantwortliche Blogger möge “die Nessel Wirklichkeit fest anfassen; und uns Alles zeigen: die schwarze schmierige Wurzel; den giftgrünen Natternstengel; die prahlende Blume (Blumenbüchse).”

Und die Schwielen, hat er noch vergessen. So, und nun will ich Ihnen die Schwielen des Herrn Fleischhauer zeigen. Indes, wie fang ich’s an? Erstmal einen zur Brust nehmen, würde ich sagen, und das sollten Sie auch in Erwägung ziehen, insbesondere, wenn Sie sich schon vor dem Bloßgestrampelten gegrault haben, was wir alle gut verstehen. Außerdem können wir es uns ruhig ein bißchen gemütlich miteinander machen, denn ich werde etwas ausholen, ich will ja niemandem unvermittelt mit einem schwieligen Affenarsch ins Gesicht springen. Zum Wohle!

Also – meine Leser kennen mich. Sie wissen, daß ich nicht der Mann bin, um den heißen Brei herumzuschreiben. Wenn ich einen Journalisten mit einem Affen vergleichen will, dann vergleiche ich ihn mit einem Affen, dann winde ich mich nicht und ziere mich und drehe Pirouetten und schreibe mal vom Affen und mal vom Journalisten und rede mich auf thematische Engführung hinaus, bei der es dann irgendwann so ist, daß keiner mehr weiß, wo der Affe anfängt und der Journalist aufhört, und wenn irgendwas sein sollte: ich habe nichts gesagt! Das ist nicht meine Art. Meine Rede sei jaja und neinnein. Ich nenne einen Spaten einen Spaten, wenn es sich um einen Spaten handelt. Und wenn es sich um einen Esel handelt, nenne ich den Spaten einen Esel.

Einerseits.

Andererseits bin ich Gefangener einer gründlichen Sozialisation durch Kinderbücher, und ganz besonders sozialisiert bin ich durch das Buch “Kamel-Karle”, in welchem der junge Karle es lernt, seine Freunde nicht mit Schimpfnamen aus dem Tierreich zu belegen. Denn immer, wenn er das tut, kriegt er nachts Besuch von dem genannten Tier, damit er mal eine Vorstellung davon kriegt, mit wem er seinen Kumpel da nachmittags eigentlich verglichen hat. Und so kann es gar nicht fehlen, daß Karle eines Nachts auch einen Schimpansen auf dem Fußende seines Bettes zu hocken hat, der sich ihm in jeder Hinsicht unannehmlich macht und, das ist mir noch in guter Erinnerung, sich als exzellenter Bananenschalenschütze entpuppt.

So, nun habe ich zwar keine Bedenken, daß, wenn ich mich nun – rein hypothetisch gesprochen – zu dem Satz “Jan Fleischhauer ist ein Affe” oder “Dieser Fleischhauer ist doch ein Affe” – hinreißen ließe, daß dann heute Nacht ein Schimpanse auf meinem Bett säße. Das glaube ich natürlich nicht. Ich bin mittlerweile ein erwachsener Mann, der zwischen Realität von fiktion zu scheiden weiß. Aber sehen wir uns doch mal an, wie’s ist: als Karle nachmittags seinen Spielkameraden einen Affen schalt, da kam ihn wer besuchen? Der Affe. – Wenn ich aber den Fleischhauer – rein hypothetisch gesprochen – einen Makaken nennen würde, wer wäre dann objektiv der Beleidigte? – Ebeneben! Der Makake. – Und glauben Sie vielleicht, ich will des Nachts hier einen Fleischhauer auf meinem Fußende sitzen haben, der meine Orangen futtert und mit Bananenschalen schmeißt?

Neinnein. Es gibt da ja auch keinerlei Ähnlichkeiten. Und wenn es ein paar Ähnlichkeiten geben sollte, dann gibt es ebensoviele Unterschiede, wenn nicht mehr. Die Affen haben zum Teil sehr schwielige Hinterteile, was vom vielen Sitzen und auf-den-Tastaturen-Herumhämmern kommt. Herrn Fleischhauers Hinterteil wollen wir uns weder theororetisch noch praktisch nähern, auch nicht in der Phantasie, ich bitte Sie! Er hat die Schwielen woanders. Wenn die Zahl der Schwielen in einem linearen Abbildungsverhältnis zu der Häufigkeit der Ausübung der schwielenverursachenden Tatigkeit stünde, was ich nicht weiß, was ich aber mal schlankweg behaupte, warum den wohl auch nicht? Ja? Die Deutsche Bank dürfte steile Thesen in die Welt stemmen, und ich dürfte das nicht? Das gibt unsere Verfassung nicht her. Also: wenn, nein, falsch, nicht wenn: weil die Zahl und die Mächtigkeit der Schwielen eine homogene lineare Funktion der Häufigkeit der Inanspruchname des beschwielten Körperteils sind, darum ist die verschwielteste Körperregion bei Jan Fleischhauer das Wahrheitszentrum, von dem gilt, was ich eben über die spezifische Proportionalität von Schwielen sagte: ich habe keine Ahnung, ob es so etwas gibt. Und wo es sitzt. Ich vermute die Schläfenlappen. Warum nicht? Alles Interessante spielt sich angeblich in den Schläfenlappen ab, warum nicht auch Lüge und Wille zur Unwahrhaftigkeit?

Von dort aus müssen die Schwielen bei Fleischhauer gewandert sein oder ausgestrahlt haben, und zwar auf das Broca-Areal und das Wernicke-Zentrum, und, langer Rede Sinn: er kann nicht mehr lesen. So wie die Affen nicht mehr sitzen können. – Was denn? – Ja, im Prinzip, ja, haben Sie recht, erleichtern die Schwielen das Sitzen, dafür sind sie ja da. Aber nicht, wenn die Schwielen nach innen wachsen. Das tut gemein weh! Ich habe da eine Stelle am Fuß – gut, lassen wir das für den Moment. Halten wir uns an das, was klar zutage liegt, nämlich J.F.s Unfähigkeit zu lesen:

Die Kehrseite der Politik des reinen Herzens ist die Unduldsamkeit mit abweichenden Meinungen. Zu weitgehende Toleranz ist Verrat an der Idee. Mit Betroffenheit musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ausgerechnet die “taz” meinem Chefredakteur gerade empfohlen hat, mich mit sofortiger Wirkung auf die Straße zu setzen. Meine Texte seien regelmäßig “unter dem Niveau des SPIEGEL, wenn er wieder ernster genommen werden will”. Der sicherste Weg diesen “schleichenden Bedeutungsverlust” abzuwenden, sei mein Abschied aus der Redaktion.

Diese ominöse “Politik des reinen Herzens”, die er da spazieren führt, ist ein Quatsch, den er sich ein paar Zeilen zuvor aus dem Federkiel gesogen hat. Es gibt sie nicht, kümmern Sie sich einfach nicht drum. Etwas anderes ist die “abweichende Meinung” (TM), beachten Sie die Einzahl; es geht nicht etwa um abweichende Meinungen, iwo. Sie müssen sich das so vorstellen: Sie haben eine Meinung zu einem beliebigen Thema, oder auch nicht, das ist zunächst einmal vollkommen zweitrangig. Dann nehmen Sie die Menge aller Meinungen zu diesem Thema, alle, das ist wichtig! Egal welche! Vernünftige, durchdachte, undurchdachte, idiotische, vollkommen behämmerte, weit verbreitete, vereinzelte – das spielt alles keine Rolle. Wichtig ist, daß es alle sind. Daraus machen Sie einen hübschen Strauß, binden ein Strick drumzu und hängen ein Schildchen dran: “Herrschende Meinung” (auch TM). Beachten Sie die Einzahl! Dann ziehen Sie die Meinung, die Sie als abweichende promoten wollen, aus dem Strauß heraus, et voilà!

Das kann Ihre Meinung sein, irgendjemandes Meinung, die von Thilo Sarrazin, die der FDP, die der SPON-Kommentatoren, eine Mehrheitsmeinung, eine Minderheitsmeinung, das alles ist vollkommen egal. Sie ist jetzt die abweichende Meinung (TM). das ist wie beim Plumpsack: wer das Taschentuch hat, ist der Plumpsack. Wenn Sie der Plumpsack sind, müssen Sie um den Kreis herumschreiten und “Dreht Euch nicht um!” singen, und wenn Ihre Meinung die abweichende Meinung ist, dann müssen Sie zusehen, daß sie möglichst laut “Rabäh!” schreien, und daß man Sie nicht toleriere.

Und wenn man Sie aber doch toleriert? Dann müssen Sie noch ein wenig lauter “Rabäh!” schreien. Lassen Sie sich nichts gefallen!

Was übrigens das Verteufeln Andersdenkender angeht, so erinnert sich der eine oder andere sicher ebenso gerne wie ich an Dr. Muffels Telebrause allerseligsten Angedenkens, speziell an die Umfrage zum Thema “Soll man Andersdenkende verteufeln?”, was, wie Sie sich, sofern Sie sich nicht mehr erinnern, sicher denken können, unisono verneint wird. Solange jedenfalls verneint wird, wie der Umfrager nicht an den Vertreter der Andersdenkenden gerät. Ich denke jedoch, beides sind Extrempositionen, das Verteufeln wie das Nichtverteufeln. Es gibt auch hier den goldenen Mittelweg, er will nur beschritten sein: man sollte nicht fragen, was der Andersdenkende denkt, man sollte fragen, wie er heißt. Heißt er nämlich Fleischhauer, sollte man ungesäumt mit dem Verteufeln anfangen.

Und was die “Unduldsamkeit mit” angeht, so verweise ich auf Die Wahrheit vom 2. August d.J. in der der “Respekt zum Deutsch” eingefordert wird. Dort ist man sehr duldsam über so etwas.

Zitiert aber habe ich den Absatz nicht wegen dieses Sums’, sondern wegen des dritten Satzes. Das ist der Satz, der mit der dreifachen Lüge anfängt, er, Fleischhauer, habe irgendwas zur Kenntnis genommen, nehmen müssen, und sei nun darob betroffen. Nicht etwa davon betroffen, weil es ihn nämlich beträfe, sondern er meint schon die spätsiebziger, frühachtziger Edelschimmelbetroffenheit, die ausschließlich bei Nichtbetroffenen anzutreffen war, dort aber in allen möglichen Schmeißfliegenfarben schillerte.

Von der ist er ja aber gar nicht betroffen, weil er ja, als Primärbetroffener, nicht unter die Nichtbetroffenen fällt. Denn man will ihn ja auf die Straße setzen, bzw. niemand will ihn auf die Straße setzen, das redet er nur so daher. Aber wenn man ihn auf die Straße setzen wollen würde, dann wäre er ein Primärbetroffener. Nur will das ja niemand, also ist er doch ein Edelschimmelbetroffener, was er ja aber selbst nicht glaubt, denn er meint das ja ironisch, hält sich selbst also weder für betroffen, noch “betroffen”, und hat sein Humor daher den illuminatorischen Gehalt eines Lübkewitzes und die Relevanz einer mutigen Philippika gegen die Aktion Saubere Leinwand.

Aber halt, ich will ihm doch zugutehalten, daß er sich subjektiv zu den Betroffenen, nicht den “Betroffenen”, zählt: er glaubt ja, glaubt man ihm, man wolle ihn auf die Straße setzen, respektive man habe seinem Chefredakteur nahegelegt, das zu tun. Stimmt beides nicht, nichts davon steht da, weshalb mein Argument – das mir nunmehr auf die Füße fällt, ich sehe es ein – oben ja auch war: er kann nicht lesen. Wenn ich ihm aber bezüglich seines “Betroffenheits”-Schmarrens Ironietechniken von Anno Tuk unterschieben will – und warum sollte ich darauf verzichten wollen? -, dann muß er gewußt haben, daß er lügt.

Aber sollte es nicht auch hier den goldenen Mittelweg geben? Kann es nicht sein, daß einer beides ist und beides tut? Muß denn immer so abendländisch dualistisch gedacht sein? Ist es nicht sehr abendländisch, überhaupt so zu fragen? Kann eins nicht beides sein, Abendländer und Morgenländer? Unfähig zu lesen und der Frau Wahrheit ungetreu?

Doch.

Was da, wo es steht, steht, abgesehen von dem, was nicht da steht, von dem Fleischhauer aber glaubt, daß es da steht, oder zumindest sagt, daß er es glaubt, das ist nicht etwa der Appell an den neuen Spiegel-Chef, den Fleischhauer an die frische Luft zu setzen, sondern die rein hypothetische Überlegung, “vielleicht” – vielleicht! – “vielleicht” lasse sich der Spiegel-Chef die Personalie Fleischhauer noch einmal durch den Kopf gehen. Daß Fleischhauer Angst davor hat, weil er sich sagt, sich die Personalie Fleischhauer noch einmal durch den Kopf gehen lassen und den Fleischhauer an die frische Luft setzen das ist ein und dasselbe, muß es ja sein, kann es nur sein, das ist zwar verständlich, aber – das ist seine subjektive Sicht. Der muß ihn ja nicht so gut kennen, der neue Chef, wie er sich selbst kennt. Ja, wenn er der neue Chef wäre, und einer wie er käme des Wegs, der hätte nichts zu lachen.

Nun gut. Außerdem ist in dem ganzen taz-Artikel von frischer Luft keine Rede. Was der neue Chef machen sollte oder könnte, wenn er die Akte Fleischhauer auf dem Tisch gehabt hat, ist nicht ausgeführt. Aus dem Zusammenhang könnte man zwar folgern, daß es etwas Ähnliches sein könnte, wie das, was er mit Matthias Matussek gemacht hat: ihn ziehen lassen nämlich. Vom Spiegel zur WELT, woraufhin, wie es das bekannte Will Rogers Phänomen vorschreibt, in beiden Häusern das mittlere Niveau einen Satz nach oben tat.

Aber das ist auch alles. Ich weiß das deswegen so genau, weil ich befürchte, daß es genau dazu kommt, und deswegen alle Ohren spitze und überall die Flöhe husten höre. Werweiß, irgendwann hat er es satt, dort der Depp zu sein, wo man ihn als solchen wahrnimmt und dafür bezahlt, und will lieber dort der Depp sein, wo die anderen Deppen auch sind. Wo er ganz Depp sein darf. Irgendwann sehnt sich ja auch der domestizierteste Makake, der der Star und der Stolz einer Donnerstagsserie im Fernsehen ist, zurück auf den Felsen von Gibraltar, wo er seinen schwieligen Hintern herzeigen darf, und keiner denkt sich was dabei.

Und ich will nicht, daß es dazu kommt. Ich will, daß er beim Spiegel bleibt. Soll ich vielleicht in Zukunft die WELT lesen? Und dafür bezahlen? – Was? – Jaja, schon richtig, aber ich habe meine 20 Artikel auf. Ich müßte ab jetzt dafür bezahlen. – Neinnein, das stimmt nicht, was Sie da sagen. Man kann die Bezahlschranke der WELT nicht umgehen. Das geht nicht. – Wollen Sie wohl still sein! Kusch! – Die WELT zu lesen, kostet Geld, Punkt. Glauben Sie mir. – Und ich finde das auch richtig so; denn wenn einer ins Hurenhaus geht, um sich verhauen zu lassen, muß er ja auch dafür bezahlen.

Darum soll er bleiben, und ich an seiner Stelle wäre auch vorsichtig: Es stimmt zwar nicht, was er im Folgesatz (s.o.) behauptet, daß in der taz nämlich gestanden hätte:

Meine Texte seien regelmäßig “unter dem Niveau des SPIEGEL, wenn er wieder ernster genommen werden will”.

Das in Tüttelchen gesetzte Satzfragment steht zwar so in der taz, und auf genau den etwas wackeligen Syntaxbeinen, aber es bezieht sich nicht auf Fleischhauers Texte insgesamt, das lügt dieser wiederum hinzu, es bezieht sich vielmehr auf dessen Antwort auf die Frage, warum er die FDP wähle: Weil es sonst keiner tue.

Das ist natürlich eine schwächliche Antwort, aber es ist ja auch eine schwache Frage. Eines Mannes Antwort darauf hätte etwa lauten können wie die, die George Mallory gab, als er während eines Interviews mit der New York Times auf seinen Stuhl kletterte, und gefragt wurde, warum er das tue: “Because it’s there.” Dann fiel er um und legte sich auf die Nase. Später verscholl er. Seine Antwort aber wurde weltberühmt. Nun, das ist die New York Times, eine Qualitätszeitung. Die kriegt natürlich auch Qualtätsantworten.

Aber Fleischhauers Antwort, die die taz, “ausgerechnet die taz” (Fleischhauer), für unter Spiegel-Nieveau hält, “ausgerechnet Spiegel-Niveau” (Pürckhauer), zeigt sehr schön seinen Willen, sich wider alle Wahrheit (knapp 2,1 Millionen Zweitstimmen für die FDP) als großer Singulär und Outlaw-Maxe zu verkaufen, der sich traut, was sich “sonst keiner” (Fleischhauer) traut.

Daß er, darüberhinaus, den Anwurf, niveaulos zu sein, freiwillig und ohne Not auf die Gesamtheit seiner Artikel bezieht, macht mich hoffen. Vielleicht hat er ja Schiß, daß, wenn er den Spiegel in Richtung WELT verläßt, das Niveau beim Spiegel zwar steigt, bei der WELT aber nicht. Oder das Niveau beim Spiegel gleichbleibt, bei der WELT aber sinkt. Werweiß. Der ist vielleicht gar nicht so unberechtigt, der Schiß. Vielleicht bleibt er da ja lieber.

Ich brauche ihn nämlich noch. Noch bin ich nicht soweit, daß ich einen ganzen Kanal vollgefaselt kriegte, ohne ihn wenigstens als Stichwortgeber dabeizuhaben, aber ich arbeite dran. Heute z.B. habe ich nur einen Absatz (= 5 Sätze, 75 Wörter, 534 Zeichen) von ihm zitiert, das ist nicht schlecht. Das war schon mal erheblich mehr.

Ich muß nur lockerer werden. Einfach alles aufschreiben, was mir so durch die Birne schießt.

Frisch ans Werk und blindlings auf die Tastatur gehämmert!