Abstimmungen

Am Montag soll der Deutsche Bundestag in einer Abstimmung darüber entscheiden, ob er, wenn er vor der Entscheidung der Regierung, Waffen an irakische Kurden zu liefern, die zu dem Zeitpunkt bereits gefallen sein wird, gefragt worden wäre, der Lieferung von Waffen an irakische Kurden zugestimmt haben würde.

SPD-Fraktionschef und Grinsepöter Thomas Oppermann ist nicht der Meinung, daß das eine Verhohnepipelung des Souveräns sei, sondern sieht in der Abstimmung eine großartige Gelegenheit für den Souverän, der Weisheit seiner Bundesregierung die Aufwartung zu machen, indem er ihr nachträglich Beifall spendet. Pötermann erwartet eine breite Zustimmung: «Wir wollen deutlich machen, dass wir die Bundesregierung in dieser Entscheidung mit großer Mehrheit unterstützen.»

Unterdessen hat der kulturpolitische Sprecher der Grünen im Käsdorfer Ortsrat, Germanistenfuzzi, eine Initiative auf den Weg gebracht, die langfristig erreichen will, daß die Gesetzgebung zur Gestaltung der Zwangsehe gründlich überarbeitet wird. “Ich stelle mir vor,” sagte Germanistenfuzzi dem Käsdorfer Metropolitan (KM), “daß in Zukunft nur noch die Eltern der Braut darüber entscheiden werden, ob sie heiraten wird, und wen. Allerdings sollte man angesichts der Tragweite einer solchen Entscheidung dem Bedürfnis der Braut nach Gehör Rechnung tragen. Indem man sie z.B. – nach der Hochzeit – darüber abstimmen läßt, ob sie den frisch angetrauten Ehemann geheiratet haben würde, wenn sie vorher gefragt worden wäre, oder ob sie das nicht getan haben würde.” Es halte dies für eine großartige Gelegenheit für die Braut, der weisen Entscheidung ihrer Eltern durch eine hohe Zustimmungsrate Respekt zu zollen und den Eltern für deren Fürsorge zu danken.

Eine Verhohnepipelung der Braut will er darin nicht erkennen können. “Das ist doch nichts anderes, als was auf Facebook passiert. Da liken Sie die Ergüsse ihre Freunde doch auch erst, nachdem sie passiert sind. Es läßt doch keiner seine Freunde darüber abstimmen, ob er dieses oder jenes Photo veröffentlichen soll oder diese oder jene Trouvaille sharen. Er shared sie, und gibt dann seinen Freunden die Gelegenheit, per Like seinen guten Geschmack zu loben. Vielleicht, daß mal einer fragt, was er zu Mittag kochen soll, oder sie. Das ja. Das gibt’s. Oder eine Braut will wissen, welchen von ihren Bräutigammen ihre Freundinnen heiraten würden, wenn es denen ihre Bräutigamme wären. Aber niemand fragt vorher, ob er eine Nachricht über Oppermann und die SPD-Fraktion sharen soll oder nicht. Er shared, und dann wird geliked. So ist die Reihenfolge.”

Die Nachfrage des Käsdorfer Metropolitan, ob nicht vielleicht das ganze Facebook eine Verhohnepipelung seiner Benutzer sei, blieb unbeantwortet, weil Germanistenfuzzi einen Ortsratskollegen anschnauzte, ja, er habe sich die Schulter operieren lassen, was der Kollege denn wohl glaube, warum er den Keil unter dem Arm trage, aus Jux? Aus Dollerei?

Beim nächsten Mal wolle er vorher gefragt werden, ob er eine solch dumme Frage zu hören wünsche, und zwar bevor er sie zu hören kriege.

Dada

Hallo zusammen! Ich bin’s. Long time no hear, was? Ça roule?

Haben Sie Germanistenfuzzi gesehen, mit Außenrotationskeil und integriertem Trainingsball? Irgendwo muß er sein. Ich habe ihm etwas mitgebracht, voilà:

Kriegt er nachher von mir. Er hat sich nämlich ungehalten gezeigt, über dumme Bemerkungen mit geringer Variationsbreite. Darum das T-Shirt. Und im Gegenzug schreibe ich ab sofort, was ich will.

Es ist nämlich so: Das letzte Mal, daß ich Ihnen schreiben wollte, da war’s in meiner Kolumne, und ich hatte den Text, ehe er germanistenfuzzischem Zensurstreben und oberlehrerhafter Besserwisserei zum Opfer fiel, so angefangen:

Apropos Prost: ich bin dieser Kolumne sowas von – ich will nicht überdrüssig sagen, aber – es ist auch nicht so, daß sie mich anwiderte, es ist nur so, daß das Sujet so, so – wie soll ich das ausdrücken, ohne daß Sie mir wieder unterstellen, ich wollte mich geringschätzig über ihn äußern. Das will ich, sicher, aber ich will nicht, daß ich es so platt tue, daß Sie es merken. Am liebsten wäre mir eine sachliche, neutrale Beschreibung, die von Unverschämtheiten nur so tröffe. – Er ist so ennuyant. Und das verleidet mir die Schreiberei auf Dauer. Sie müssen sich das so vorstellen, als platzten Sie nur so aus den Windeln vor Lust, einmal eine – sagen wir mal – Bildbetrachtung zu schreiben, oder eine Filmkritik, oder eine intelligente Satire, warum nicht? Aber alles, was man Ihnen zugesteht, ist, daß Sie beschreiben, was Ihr Hamster macht. Der macht immer dasselbe, ist ja klar, Hamster halt. Meist macht er Pipi in die Sägespäne, oder diese kleinen Würstchen. Ein Tweet würde reichen: #Hamster: Hat Pipi gemacht. Oder: #Fleischhauer: Mittlerer Köttel.

Alles wäre gesagt. Aber kann das einen ambitionierten Autor befriedigen?

Aber sie lassen micht nicht. Jeder auf diesem Blog kann schreiben, worüber er möchte, bloß ich bin auf Gedeih und Verderb an diesen Nager gekettet. Alle paar Wochen heißt es: @Fürchtegott: Käfig saubermachen! Es stinkt!

Es stimmt, es stinkt. Aber hat man selbst keine Nase? Has one not eyes to help one see? Has one not lungs to help one breathe? Has one not hands, organs, senses? And affections? Just like anyone else? Bloß weil man ein gottverdammter nom de plume ist? Sind wir das denn nicht alle?

Und über einem Streit mit Germanistenfuzzi, der meinte, es müsse ennuyeux heißen, nicht ennuyant, bin ich dann in den Streik getreten.

Das hat nun ein Ende. Ich lasse mich in kein Kolumnenkorsett mehr schnüren. Wenn ihm das nicht paßt, kann er ja sich ja überlegen, was er dagegen machen will, mit einer Hand. So eine Rotatorenmanschette ist ein empfindliches Ding. Ich an seiner Stelle würde nicht riskieren wollen, daß mir einer den Arm auf den Rücken dreht.

Und als Sujet meines ersten Nicht-Fleischhauertextes wähle ich mir den Terror der Islamischen Staatsbanditen, bzw. diejenige, die im wesentlichen schuld daran ist, indem sie ihn nicht verhindert oder wenigstens einsieht, daß sie schuld daran ist: die Grande Dame des Gesinnungspazifismus, Margot Käßmann. Bitte sehr:

Die Gesinnungspazifistin Käßmann (“Nichts ist gut in Afghanistan”) hat der deutschen Verantwortungspresse, die nur darauf lauert, daß Käßmann etwas Falsches sagt – also etwas sagt -, einen großen Gefallen getan hat, indem sie nämlich etwas gesagt hat. Schon einmal ist es ihr gelungen, der Presse, die bis dahin in verantwortungsloser Weise über alle möglichen Nichtigkeiten (Tote, Afghanen, tote Afghanen etc. pp.) in Afghanistan berichtet hatte, als gäbe es daran etwas zu kritteln, zur einer gemeinsamen und in der Folge unisono geäußerten Erkenntnis zu verhelfen, nämlich, daß doch in Afghanistan vielmehr alles ganz “supertoll” (C. Wulff) sei. Zumindest tendenziell. Oder virtuell. Also: kraft seiner Möglichkeit wirklich. Es könnte in Afghanistan alles ganz supertoll sein, wenn es denn so wäre. Aber es darf nicht ständig von Friedensbratzen dran rumgemäkelt werden.

Nun hat sie wieder etwas gesagt, und zwar im 3D-Spiegel, der mir – nudge, nudge – online nicht zugänglich ist. Ich kann also nicht nachprüfen, was sie gesagt hat, aber dem Presseecho nach ist es falsch gewesen. Es maulten und mäkelten daran herum: Wolfgang Huber, Malte Lehmig, Gideon Böss, eine gewisse Huffington Post, was immer das ist, ein Militärbischof aus Speyer, Peter Hahne, irgendein Pastor, Joschka Fischer, Thorsten Jungholt, Gabriel, Kauder, Jörg Thadeusz, Julia Klöckner, Papst Franziskus, freiewelt.net, Achse von Gutt, junge freiheit, Christ und Welt, Frau und Kind, Kind und Hund und die Junge Union Brandenburg. Alles in allem nicht soviel Krakeel wie damals bei Afghanistan, und eigentlich auch nicht genug für die sichere Annahme, daß sie etwas Richtiges gesagt haben muß. Was ist mit den anderen? Wissen die nicht, was sie gesagt hat? Scheuen die alle die 4 Euro 40 für den gedruckten Spiegel? Ja, sind denn alle so geizig wie ich? Warum machen sie es denn dann aber nicht so wie ich, und schreiben über etwas, das sie nicht gelesen haben? Ist das denn wohl so schwer?

Einen Meckerpriem habe ich hier noch, den habe ich mir aufbewahrt, nämlich den Spiegel ihmselber, die Onlineversion diesmal. An die kommt man – komme sogar ich, wink, wink – für lau, weil dort einer schreibt, für dessen Texte man nicht gut Geld nehmen kann, und dieser eine ist niemand anderes als mein alter Sparringspartner aus Kolumnentagen, Jan Fleischhauer.

Das irritiert. Mich zumindest. Wenn Fleischhauer etwas dagegen schreibt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß stimmt, was Käßmann sagt, wirklich sehr groß. Und es ist einem das nicht angenehm, mir zumindest nicht. Man hat seinen Stolz, ich zumindest. Man hat es lieber, wenn man beiden widersprechen kann. Als fleißiger Leser Arno Schmidts weiß man nämlich, daß die Erde groß genug ist, “daß wir alle darauf Unrecht haben können!”

Alle außer mir, zumindest, um Schmidt gleich mal dahingehend zu korrigieren; der Mann hat ja schließlich auch ein Recht auf Unrecht. Aber vor die Korrektur haben die Götter die Recherche gesetzt – ich will daher nunmehr recherchieren und aggregieren und konsolidieren, und wenn ich genug recherchiert und aggregiert und konsolidiert habe, werde ich verkünden, was Sache ist. Wohlan: Achtung! Fertig! – Fertig.

Folgendes ist Sache:

Die Islamisten im Irak köpfen und steinigen – trotzdem empfiehlt Margot Käßmann den Deutschen einen bedingungslosen Pazifismus.

Das tut sie doch, nicht wahr? Oder tut sie das nicht? – Nein, das tut sie nicht. Sie wird nicht einmal danach gefragt. Sie wird gelöchert, wie es denn die evangelische Kirche mit der Religion, Quatsch, Religion, Unfug! mit der militärischen Intervention halte, aber sie antwortet nur für sich: sie sei Pazifistin, aber keine radikale Pazifistin. Das nächste Mal, daß der Begriff “pazifismus” in der nämlichen Spiegelausgabe auftaucht, ganauer: das nächste Mal, daß der Partikel “paz” im nämlichen Spiegel auftaucht, ist in einer Buchbesprechung des Briefwechsels zwischen Stefan Berg und Günter de Bruyn und hat mit Käßmann überhaupt nichts zu tun. Das Wörtchen “bedingungslos” taucht im ganzen Spiegel nicht ein einziges Mal auf.

Woher ich das weiß? – Öh, das kann ich mir denken. Ist es denn nicht so? Doch. – Soviel zur Wahrheitsliebe des Kolumnisten, dem ich ja schon einmal in visionärer Vorausschau unterstellt habe, er lüge nicht erst, wenn er den Mund aufmache, sondern bereits beim Zuhören. Ich werde darauf zurückkommen. Dies hier ist erst einmal ein Beispiel für seine Art, schreibbegleitend zu lügen. Da er nicht falsch Zeugnis reden soll, wird er eines Tages dafür Rechenschaft ablegen müssen, und es sei ihm durchaus zugestanden, daß er mit Blick auf diesen Tag schon heute Schiß in der Buxe hat. Das Thema scheint ihn umzutreiben; ich werde auch darauf noch zu sprechen kommen. Für das ‘trotzdem’ in dem Satz “trotzdem empfiehlt Margot Käßmann etc.” wird er, wenn es nach mir geht, zwei Jahre und drei Monate Fegefeuer extra bekommen.

So viel Unempfindlichkeit für moralische Dilemmata ist verblüffend. Sogar der Kirche ist das Verständnis für das Teuflische abhanden gekommen.

Auf die Waagschale des Guten kommt der korrekte Plural Dilemmata – den zu setzen ist bei SPON-Autoren eine freiwillige Leistung und berechtigt den Leser zu gar nichts -, sowie die Charakterisierung der Situation des Außenstehenden gegenüber den gotteslästerlichen Mordbübereien der IS als ein Dilemma; auch das ist korrekt. Auf die Waagschale des Bösen hingegen kommt, daß er nicht zu wissen scheint, was ein Dilemma ist: eine Situation, aus der es keinen Ausweg gibt, in der, was immer man tut, falsch sein wird. Fleischhauer scheint unter einem Dilemma etwas zu verstehen, aus dem es ganz selbstverständlich einen Ausweg gibt, nämlich den seinen; alle anderen dagegen führen direkt in die Hölle Internet, wo wir folgendes zu sehen bekommen:

Wir können dem Bösen bei seinem Werk zusehen. Wir müssen uns nur die Mühe machen, im Netz nach den Bildern zu suchen, mit denen die Soldaten des “Islamischen Staats” die Ernsthaftigkeit ihrer Überzeugung beglaubigen. Man sieht die abgeschlagenen Köpfe, mit denen sie die Plätze der Städte dekorieren, die sie auf ihrem Weg ins siebte Jahrhundert erobert haben. Man sieht die Frau, die ihre Steinigung erwartet, die Gefangenen, die um ihr Leben flehen, bevor sie auf Lastwagen verladen werden, um sie in der Wüste zu exekutieren, die Kreuzigung von Männern, die der Apostasie angeklagt wurden.

So viel Unempfindlichkeit für korrekten Satzbau ist verblüffend. Es muß entweder heißen “bevor man sie auf Lastwagen verlädt, um sie in der Wüste zu exekutieren,” oder “bevor sie auf Lastwagen verladen werden, auf denen man sie in die Wüste schaffen wird, um sie dort zu exekutieren”. Nicht nur der Kirche scheint das Verständnis für überflüssigen Klimbim abhanden gekommen zu sein – Hölle, Tod, Teufel u. dgl. -, sondern auch den deutschen Konservativen. Z.B. die Beherrschung von deutsches Sprak, auf die sie mal so stolz waren.

Wer hätte gedacht, dass sich in einer Weltgegend, die in den vergangenen Jahrzehnten eine Barbarei unfassbaren Ausmaßes erlebt hat, die Grausamkeit noch steigern lässt. Wo die Jünger des Kalifats einfallen, um ihr Reich zu errichten, ist jeder ein Feind, der ein Leben in der Moderne dem Mittelalter vorzieht: die Christen, die Juden, die Kurden, aber auch alle Muslime, die nach Meinung der neuen Herren nicht fromm genug sind.

Ich finde, da tut er den neuen Herren unrecht. Ich zweifle nicht, daß sie auch jeden anderen umbringen werden, der sich ihnen in den Weg stellt, sich nicht unterwirft, ihnen lästig wird, ihnen vor die Füße spuckt, sie einen Auswurf nennt und zur Hölle wünscht, oder einfach nur zur Hand ist, wenn sie jemanden brauchen, dem man zu Machtdemonstrationszwecken den Kopf abschneidet. Ich glaube nicht, daß sie vorher fragen, ob der Betreffende lieber in der Moderne oder im siebenten Jahrhundert leben möchte. Das glaube ich nicht. Wer ein Terrorregime etablieren und stabilisieren will, tut gut daran, ein bißchen zügig zu arbeiten, und nicht erst Fragebögen zu verteilen.

Man sollte die Bilder aus dem Irak im Kopf haben, wenn man die Empfehlungen liest, die Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, zum Umgang mit Gewalt und Terror gibt.

Tut sie das denn? Hat sie das denn getan? – Nein, das hat sie nicht getan. Sie ist nicht einmal nach dem Umgang mit Gewalt und Terror gefragt worden. Man hat sie gelöchert, was denn gegen Waffenexporte in Natostaaten spreche, nachdem man selber konzediert hat, daß Waffenexporte nach Katar oder Saudi-Arabien vielleicht nicht unbedingt und nicht unter allen Umständen und schon gar nicht, wenn man gewisse dunkle Erfahrungen mit Waffen in unrechten Händen mit in die Rechnung nimmt, eine gute Idee sein müssen. Wenn man das Interview nach ‘Gewalt’ durchsucht, findet man zweimal ‘Waffengewalt’, zwei ‘Vergewaltigungen’, viermal ‘Gewaltfreiheit’, fünfmal, wenn man das Motto “Keine Gewalt” mitzählt, und einmal Gewalt, die es in jeder Form abzulehnen gelte. Das nächste Mal, das im nämlichen Spiegel von Gewalt die Rede ist, ist die stumpfe Gewalt, der die Frau Mollath ausgesetzt gewesen sein soll.

Von Terror ist nur einmal die Rede, wenn nämlich Frau Käßmann sagt, der Krieg der Alliierten habe die Befreiung vom Naziterror bewirkt, was er ja auch hat. Was aber nicht unbedingt gutzuheißen ist, denn eine Folge der Befreiung vom Naziterror ist ja u.a. die Existenz des Spiegels, und nicht nur des Spiegels, sondern auch des Klugscheißerpärchens, das versucht, Frau Käßmann im Interview alberne Äußerungen in den Mund zu legen, wie etwa: “Sie meinen, man hätte Adolf Hitler nur gut zureden müssen, dann wäre er schon friedlich geblieben und hätte keinen Krieg angezettelt.” (René Pfister und Christiane Hoffmann, nicht etwa Käßmann, nota bene)

Woher ich das weiß? – Das ist doch üblich, beim Spiegel.

Auf drei Seiten hat Käßmann im SPIEGEL-Interview ausgeführt,

Gelogen. Auf zwei Seiten. Die dritte Seite ist ein Foto mit ohne Text.

warum es keinen “gerechten Krieg” geben könne und der Einsatz von Waffen immer falsch sei.

Gelogen. Sie ist nicht einmal danach gefragt worden, ob es einen gerechten Krieg geben könne. Man hat sie gelöchert, ob der Krieg der Alliierten gegen Deutschland ein gerechter Krieg gewesen sei. Was würde ein Mann, was würde eine Frau auf eine solche Klugscheißerfrage antworten, wenn sie ihre sieben Zwetschgen einigermaßen beieinander hätte? Oder er? – Dem Krieg eine gute Intention und ein gutes Ergebnis bescheinigen, und ein paar Worte des Bedauerns für die unvermeidlichen Kollateralschäden finden. Und was tut Käßmann? – Eben dies. Und was ist daran verkehrt, außer daß man ihr einen Reifen hingehalten hat, und sie ist nicht gehüpft? – Nichts.

Dabei hat sie sich den Hinweis auf die übelste Nebenwirkung, die britische Verlegerlizenz für Rudolf Augstein, sogar noch verkniffen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich zu dem Thema äußert, aber es ist das erste Mal, dass sie so weit geht, Deutschland zu empfehlen, sich Costa Rica als Vorbild zu nehmen.

Wo steht das? Im Spiegel Nr. 33 vom 11. August 2014? Und wo da? Seite 24 oben rechts? Neben der Spiegelreklame für das Studentenabo mit der amazon.de Geschenkkarte? Sekunde, ich werde das prüfen. Prüfen lassen. – Das steht da nicht. Was? Was da nicht steht? – da steht nicht: “ich empfehle Deutschland, sich Costa Rica als Vorbild zu nehmen.” da steht noch nicht einmal: “ich fände es gut, wenn Deutschland sich Costa Rica als Vorbild nehmen würde.” Und das wäre nicht dasselbe. Wenn ich hier hinschreiben würde: “ich empfehle Jan Fleischhauer, sich vom Teufel holen zu lassen”, dann ist das nicht dasselbe, als wenn ich schreiben würde: “ich fände es gut, wenn Jan Fleischhauer vom Teufel geholt würde.” Konditional. Letzterer Satz wäre immerhin nicht unvernünftig, ersterer schon. Der Teufel holt einen schließlich nicht auf Bestellung. Fleischhauer hat nur sehr indirekten Einfluß darauf, ob der Teufel ihn holen wird. Er tut dafür allerdings, was er kann.

Ein Drittes wäre es, wenn ich schreiben würde: “ich fände es gut, wenn der Teufel Fleischhauer holen könnte!” Irrealis. Denn das besagt: ich weiß, daß es nicht geht. Der Teufel kann Fleischhauer nicht holen, sei’s, weil es gar keinen Teufel gibt, sei’s, daß ihm unsere irdischen Händel Pfeifendeckel sind, und er prizipiell keinen holt, sei’s, daß er volle Auftragsbücher hat und zur Zeit keine Aufträge annimmt, sei’s, daß er anders priorisiert als ich. Man soll sich nicht täuschen: Fleischhauer ist, was das Vomteufelgeholtwerdenmüssen angeht, keine besonders große Hausnummer, eher Gazelle als Elefantenkuh, um es mit einem Bild aus dem Kamasutra zu verdeutlichen. Der Teufel wird darauf Rücksicht nehmen. – Aber schön wäre es halt doch!

So, was steht denn da aber nun, im Spiegel, auf Seite 24 oben rechts? – Da steht: “ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik auf eine Armee verzichten könnte wie etwa Costa Rica.” Hervorhebung von mir: könnte. Irrealis. Nicht würde, nicht sollte, nicht müßte. Und es geht weiter: “Natürlich weiß ich, dass das eine Utopie ist.” – Aber schön wäre es halt doch, siehe oben.

So, und was macht die gleisnerische, lügnerische, übelwollende Boshaftigkeit eines Fleischhauer daraus:

Es ist das erste Mal, dass sie so weit geht, Deutschland zu empfehlen, sich Costa Rica als Vorbild zu nehmen. Costa Rica hat nicht nur viel Urwald, sondern auch keine Armee – aus deutscher Sicht zwei Gründe, dort so etwas wie das gelobte Land zu sehen.

Sehen Sie: das ist es, woran ich dachte, als ich sagte, Fleischhauer lüge bereits beim Lesen. Und nicht nur er, was das angeht. Im Prinzip könnte man wahllos irgendwelche Zeitungsfritzen mit ihm zusammen in einen Kartoffelsack stecken, und sie an Nikolaus dem Krampus mitgeben. Es wird schon keinen Unrechten treffen. Und wenn doch einmal, mag der sich damit trösten, daß er ein unvermeidlicher Kollateralschaden ist, für den wir sicher ein paar bedauernde Worte übrig haben werden. Hauptsache, die anderen sind wir los.

Bemerkenswert ist nicht die Unbedingtheit des Pazifismus, wie ihn Käßmann verkörpert, oder die fröhliche Unempfindlichkeit für die moralischen Dilemmata des Gewaltverzichts.

Ok, wir wissen es nun, daß er den Plural kennt. Das soll nicht unanerkannt bleiben in einer Zeit, in der die Leute mehrheitlich Antibiotika für den Singular von Antibiotikas halten. Aber es ist ein Unterschied zwischen einer Bredouille, in die man sich bringt, und einem Dilemmum, in dem man steckt. Aus ersterer kann man sich wieder rauswurschteln, aus letzterem nicht, es wäre denn keins. Es ist nämlich nicht so, daß man sich erst durch Gewaltverzicht in diverse Dilemmae brächte, sondern man steckt in einem Dillemmatum, wenn sowohl der Verzicht auf Gewalt wie deren Anwendung ein Fehler sind. >Satz fürs Lebm<: >Tu was Du willst, es wird Dich gereuen.< schrieb Arno Schmidt, Hackländer zitierend, der sich allerdings noch an ein Publikum wenden konnte, das mit dem Begriff 'Reue' etwas anzufangen wußte. Die fröhliche Unempfindlichkeit für die Natur eines Dilemmas, wie sie von Fleischhauer verkörpert wird, wäre ihm wahrscheinlich unverständlich geblieben.

Mag sein, daß es irgendwo unbedingten Pazifismus gibt, und daß derselbe von irgendwem verkörpert wird. Zwar bestreitet Käßmann im Interview, daß ihr Pazifismus ein unbedingter sei, und benennt explizit die Bedingungen, unter denen sie von ihm lassen würde: UNO-Mandat, Schonung der Zivilbevölkerung und ähnlich weltfremder Schmus, aber das muß Fleischhauer ja nicht wissen. Dazu müßte er das Interview ja gelesen haben. Und verstanden. Warum sollte er? - Warum aber Frau Käßmann den Pazifismus nicht 'vertreten' kann oder 'befürworten' kann, sondern ihn gleich inkorporieren muß, bleibt entweder das Geheimnis Fleischhauers oder aber wird von mir jetzt und hier der Welt preisgegeben: Fleischhauer hat es seit längerem mit dem Teufel. Bitte, bitte: ich sage das doch nur zu seiner Entlastung! Die andere Erklärung wäre nämlich die, daß er sich selbst bei einer intellektuellen Auseinandersetzung mit der Theologin, gerade bei der intellektuellen Auseinandersetzung mit der Theologin, innerlich nicht von der Vorstellung ihres Körpers und der Idee des Eindringens in denselben lösen kann. Darum läßt sein UBW stellvertretend für - stellvertretend für wen werde ich nicht sagen, aber stellvertretend - den Pazifismus (fängt auch mit 'P' an) in ihn eindringen. Habe ich nun Arno Schmidt gelesen oder nicht? Wir sind nicht Herr unserer Worte, sind wir nicht, wenn wir reden, und Fleischhauer schon gar nicht.

Aber ich will nicht darauf bestehen. Vielmehr bin ich der Überzeugung, daß Fleischhauer schon seit einiger Zeit überall den Teufel sieht, und die Existenz von Teufeln ist ja, im Gegensatz zu Schmidts umstrittener Etymtheorie, allgemein anerkannt. Ich nehme daher an, er hält Käßmann für vom Teufel besessen, und mag es bloß nicht so plan sagen. Aber lesen Sie mal:

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass nicht einmal eine deutschlandweit bekannte Theologin noch eine Vorstellung vom Bösen zu haben scheint. Bei einer Vertreterin der Kirche sollte man eigentlich ein Verständnis für die Natur des Teuflischen erwarten können – das Denken in metaphysischen Kategorien war zwei Jahrtausende lang das Privileg dieser Institution.

Daß der Teufel schlau ist und sich tarnt, das weiß man auch. Hier schlägt er ganz offensichtlich die Befallene mit Blindheit.

Aber das Einzige, was davon übrig geblieben ist, ist die Verteufelung von allem, was schießt.

Was denn? Das ist alles? Mehr nicht? – Und was ist mit der Verteufelung des Kapitalismus? Der Unternehmer, die Gewinn machen? Der Leistungsbereitschaft? Der Leistungsträger? Des Mittelstands? Dem Ruf nach Steuersenkungen? Rainer Brüderle? – Werden die nicht mehr verteufelt? Seit wann? – Was ist denn das für eine verdammte Schlamperei! Daß die FDP auf der politischen Bühne keine Rolle mehr spielt, kann uns doch nicht, darf uns doch nicht davon abhalten, sie zu verteufeln! – Muß ich erst in den Schoß der Kirche zurückkehren um ihr ein bißchen Feuer unterm Kessel zu machen, hol’s der Teufel? Ist das etwa schon der Mühe zuviel? Das ist doch keine Mühe nicht, das ist doch eine Lust! Beim Behemoth, ein Mann wie Dirk Niebel, der verteufelt sich doch quasi von selbst. Das ist doch ein Bilderbuchdämon!

Watkins, are you a pacifist? – No, Sir, I’m not a pacifist, Sir, I’m a coward.

Monty Python

Man soll sich nicht täuschen: Käßmann steht mit ihrem Costa-Rica-Pazifismus in der Mitte der Gesellschaft; ihre Sehnsucht nach einem Land ohne Armee ist kein Protest, sondern Mainstream. 69 Jahre fortgesetzter Frieden können nicht nur satt und glücklich machen, sie können einen auch furchtbar provinziell werden lassen. Was unverständlich und fremd erscheint, wird ignoriert oder, wenn das nicht mehr geht, so lange hin und her gedreht, bis es wieder ins Erklärungsmuster passt.

Was ist das hier, ist das Dada? Das ist doch Dada, oder?

Meatpuncher, are you a Dadaist? – No Sir, I’m not a Dadaist, Sir, I’m a dumbass.”

Was soll das mit der Provinzialität? Was ist verkehrt an Provinzialität? Geht das mal wieder gegen uns Hannoveraner? – Und was soll das mit dem Frieden? Während des 100jährigen Kriegs wären wir demnach alle Kosmopoliten gewesen und hätten vor Weltläufigkeit kaum – äh – laufen können? Heh? Nichts gegen Hamburg, liebe Hamburger – obwohl es schon ziemlich im Wege liegt, wenn man mal an die Ostsee will; das müßt Ihr zugeben. Es müßte weiter nördlich liegen, irgendwo bei Sylt da oben -, nichts gegen Hamburg, wie gesagt, aber man sieht, daß auch das Nichtstun – das Nichtgründlichgenugtun auch – seine Kollateralschäden produziert. In Fall Hamburgs hat die unvollkommene Auslöschung der Stadt dafür gesorgt, daß sich in 69 Jahren fortgesetzten Friedens – weiß jemand, was das sein soll, fortgesetzter Frieden? Tatsächlich? Behalt’ er’s für sich! – daß sich in 69 Friedensjahren Presse dort festsetzen und ungehindert fortwuchern konnte. Man wird es einem Hannoveraner nachsehen, wenn er dafür ein paar Worte des Bedauerns findet. – Hoffentlich machen die Amerikaner ihren Job in Mossul etwas gewissenhafter.

Vielleicht war in den vergangenen Wochen deshalb so viel von Israel die Rede und so wenig von dem Irrsinn im Irak. Den Konflikt um Gaza glauben wir zu verstehen, sein Maß an Gewalt ist uns verständlich. Wenn die Hamas ihre Raketen nach Israel schickt, bilden wir uns ein, den Grund zu kennen.

Vielleicht. Vielleicht heißt: vielleicht auch nicht. Vielleicht war auch deswegen soviel von Israel die Rede, weil in Deutschland immer viel von Israel die Rede ist, ganz egal, wer wo auf der Welt gerade mal wieder was anstellt. Auch dann, wenn das dort zutage tretende Maß an Gewalt jeden Verstand überfordert. Versteht jemand die Bestialität der Entführung, Vergewaltigung, Ermordung und Verstümmelung von Frauen in Zentralamerika? – Ich verstehe sie nicht. Aber ich verstehe, daß die Gewalt in Mexiko keinen zionistischen Hintergrund hat und deswegen die deutsche Presse und ihr Publikum nicht zu interessieren braucht. Wir können uns ja nicht um alles kümmern.

Aber was soll man zu Männern sagen, die einer Frau die Hände auf dem Rücken binden, und dann so lange Steine auf sie werfen, bis sie nur noch ein blutiger Haufen ist?

Was man sagen soll? Als wer? Als Christ? Als Jude? Als Moslem? Oder als Mensch? – Als Christ würde ich sagen: die Männer, die dort Steine auf die Frau werfen, müssen alle ohne Sünde sein, dann geht das aus christlicher Sicht in Ordnung. Oder vielleicht reicht es auch, wenn der, der den ersten Stein wirft, also der Vorwerfer, wenn der ohne Sünde ist. Nachdem der geworfen hat, dürfen auch die anderen. Kann sein, ich bin kein Theologe. Ich bin auch kein Muslim und kein Jude. Was die zu dem Phänomen sagen, kann ich nur vermuten. Ich schätze, auch sie werden archaische, dreieinhalbtausend Jahre alte, mißverständliche, widersprüchliche, der Interpretation bedürftige Schriften haben, auf die sie sich mit gleichen Recht berufen können, wie ich auf meine. Wer nach Handlungsanleitungen für sein Leben sucht, weil er sich nicht selbst um die Erkenntnis von Gut und Böse bemühen will, sondern lieber alles durchgespeichelt und vorgekaut kriegt, wird dort bestens bedient. Er wird dort auch Anleitung zur Steinigung finden. Und wer drauf besteht, heilige Schriften und geoffenbarte Wahrheiten für unveräußerliche Menschenrechte zu halten, und das gar nicht mal zu unrecht, der wird wohl den ein oder anderen Kollateralschaden in Kauf nehmen müssen.

Als Mensch hingegen würde ich sagen, daß ihnen die Fresse mit schweren Eisenhämmern eingeschlagen gehört. Problem: dazu muß man sie erst mal kriegen. Sie werden das nicht wollen. So ein Zahndamm ist ein empfindliches Ding. Auch die fiesesten Gewalttäter werden den eigenen nicht schweren Eisenhämmern aussetzen wollen. Sie werden sich zu wehren suchen, und eh man sich’s versieht, hat es sich was mit dem Kriegen und es geht ans Gekriegtwerden. Aber man soll sich nicht täuschen: es geht in dem Spiegel-Interview überhaupt nicht um Steinigungen und was man mit den Barbaren anstellen könnte, sollte oder müßte. Der ganze Irrsinn im Irak wird mit keinem Wort erwähnt, anders als Hutu und Tutsi und ähnliche antike Angelegenheiten aus dem vorigen Jahrhundert. Als Ursache könnte man vermuten, daß das Interview bereits eine gute Weile vor der Veröffentlichung geführt worden ist, denn sonst hätten die beiden Klugscheißer es sich wohl kaum nehmen lassen, Käßmann dieselben – und mehr noch die Kreuzigungen – unter die Nase zu reiben. Es geht lediglich darum, Käßmann nachträglich damit in Zusammenhang zu bringen. – Was soll man nun zu einem Mann sagen, der einer Frau, nur um sie in schiefes Licht zu bringen, die Arme auf den Rücken dreht, sie auf die Bühne zerrt, ihr alle Übel dieser Welt vor die Füße kippt, und ihr Verbrechen vor den Latz knallt, die sie nicht begangen, nicht zu verantworten, nicht gerechtfertigt und nicht gutgeheißen hat, nur um sich vor seinem unreifen Publikum zu spreizen?

Guten Tag Herr Fleischhauer, sagen wir zu einem solchen Mann.

Hinter der deutschen Friedensliebe stand immer die Vorstellung, dass jeder Mensch auf den rechten Weg zurückgebracht werden könne, man müsse ihm nur gut zureden.

Hinter der deutschen Friedensliebe stand nichts dergleichen. Hinter der deutschen Friedensliebe stand, als sie das Licht der Welt erblickte, noch klein und zart war und kaum auf ihren stackeligen Beinchen stehen konnte, die ferne Erinnerung an gemütlichere Plätze als den Luftschutzkeller und sättigendere Speise als Lebensmittelkarten. Man mag die deutsche Friedensliebe gerne als Kollateralschaden des alliierten Bombenkrieges – ja, was? Bedauern oder begrüßen? – Bedauern, wenn man Fleischhauer ist, begrüßen, wenn man Nochbeigroschen ist. Wenn man die Friedensliebe der Deutschen gerne vermieden hätte, hätte man sie bloß den Krieg gewinnen lassen müssen.

Aber der Gewalttäter im eigentlichen Sinn will nicht verhandeln, um sich eine bessere Position zu verschaffen. Er ist allein an der Machtfülle interessiert, die ihm der Triumph über andere ermöglicht. Die Gewalt ist das Medium, durch das er zu sich selbst spricht, an ihren destruktiven Energien lädt er sich auf, und die Demütigung und Vernichtung ihrer Opfer ist das Mittel zu diesem Zweck. Das macht ihn so unbegreiflich für alle, die ihren Lebensunterhalt mit dem empathischen Zugang zum Mitmenschen verdienen. Für den Dialog, den sie ihm anbieten, hat er nur ein Achselzucken übrig. Im besten Fall ist das Angebot Zeitverschwendung, im schlechten stachelt es ihn auf.

Schluß damit, ich kann das dumme Zeug nicht mehr mit anhören. “Gewalttäter im eigentlichen Sinn” – glaubt man’s denn?

Ich will lieber noch einmal auf den Teufel zu sprechen kommen, ein Mann, der als Mann sehr viel interessanter ist als Fleischhauer, auch wenn es ihn gar nicht geben sollte, die Leibhaftigkeit Fleischhauers hingegen verbürgt ist. Bei meiner Recherche – Sie erinnern sich? Ich war kurz mal weg, um zu recherchieren, und als ich nach käßmann spiegel interview recherchierte, traf ich auf dieses Verhör, vom 22.7.2013, ein Jahr her. Anscheinend muß Frau Käßmann sich einmal im Jahr vom Spiegel vernehmen lassen. In die Zange genommen wurde sie seinerzeit von René Pfister, der auch das diesjährige Interview verbrach, und dem Rezensenten des diesjährigen Interviews, Jan Fleischhauer. Eine rechte Inzucht ist mir das, in dem Laden!

Und welche Frage stellen sie der Inkulpatin als erste?

Die rechte und die linke Hand des Teufels: Frau Käßmann, glauben Sie eigentlich noch an Himmel und Hölle?

Spinnen die?

Käßmann: Ja, manche wollen offenbar den strafenden Donnergott zurück. Und dazu eine Kirche, die verdammt und ihnen erklärt, wie sie zu leben haben.

DrudlHdT: Was ist daran so schlecht?

Die spinnen!

DrudlHdT: Die Idee der ewigen Verdammnis hat auch etwas Tröstliches. Es gibt einige Figuren der Weltgeschichte, von denen man gern wüsste, dass sie Höllenqualen leiden.

Das stimmt. Die spinnen zwar, aber da ist ihnen unbedingt recht zu geben. Die Idee einer ewigen Verdammnis, der man selbst nicht anheim fällt, wohl aber die anderen, die hat etwas sehr Tröstliches. Sie ist auch sehr modern. Pures 21. Jahrhundert. Daran können alle großen sozialen Bewegungen der Gegenwart anknüpfen. Sie wird auch den Islamischen Staatsbanditen einleuchten. Ich glaube sogar, es handelt sich dabei um eine Universalie. Vielleicht um die einzige Universalie, mal abgesehen von dem Glaubensgrundsatz: Deine Frauen sollst du hauen eh’ sie dir den Tag versauen. Der scheint noch ein bißchen universeller zu sein.

Was mir bei all dem fehlt, ist der Teufel. Es wird hier so getan, als sei es der liebe Gott, der straft und donnert und verdammt. Der Betreiber der Hölle, der Stakeholder des Bösen, wird hier nicht erwähnt. Vielleicht, weil man 2013 noch fürchten mußte, sich lächerlich zu machen. Aber am Schürzenzipfel der Islamischen Staatsterroristen kann man es ja mal probieren, einen Schritt weiterzugehen: ‘Vorstellung vom Bösen’, ‘die Natur des Teuflischen’ – da wird das Böse doch immerhin schon mal objektiviert, auch wenn der Böse – aufgrund welcher Vertragsklausel auch immer – nicht beim Namen genannt wird.

Ich erinnere mich, es während meines Zivildienstes mit einer jungen Frau zu tun gehabt zu haben, Margot war ihr Name, die ein überzähliges Exemplar des Chromosoms 21 hatte – wie man naiverweise damals glaubte -, und darum eine Tagespflegeeinrichtung besuchte. Die Anomalität bewirkte bei ihr ein besonders emotionales Sozialverhalten, das sich darin äußerte, daß männliche Zivildienstleistende gut daran taten, nicht allein mit ihr in einem Fahrstuhl zu fahren. Denn sie versuchte, diese – nicht die Fahrstühle – unter Liebkosungen in eine Ecke zu manövrieren, und der Zustand ihrer durch sie selbst derangierten Oberbekleidung beim Öffnen der Türen gab zu allerlei Mißdeutungen Anlaß. Das ließ sich vermeiden, nicht vermeiden ließ sich das gemeinsame Mittagessen, bei dem es zu ähnlichen Manifestationen gesteigerten Sozialverhaltens kam. Wies man sie zurecht – oder, wie sie es wohl verstand, zurück -, konnte das schlimme Folgen für die Nächstsitzenden haben, denen sie dann gerne die geballte Faust ins Gesicht schlug, ohne Rücksicht auf etwa vorhandene Brillen, zum Mund geführte Tassen oder im Mund steckende Gabeln. Da unter den Nächstsitzenden stark sehbehinderte Mitmenschen waren, die sich den Verlust eines Auges so ohne weiteres nicht hätten leisten können, sowie Leute mit empfindlichen Zahndämmen, Gebißträger zumal, mußte man das verhindern. Wie unter deutschen Pazifisten üblich, versuchten wir, sie durch gutes Zureden auf den rechten Weg zurückzubringen, mal mit Erfolg, mal ohne, denn wie der Gewalttäter im eigentlichen Sinn nicht verhandeln will, so auch die Gewalttäterin. Sie wollte etwas anderes und kriegte es nicht. Das machte sie so unbegreiflich für uns, die wir noch an Wissenschaft, Aufklärung und selbstverschuldete Unmündigkeit glaubten.

Wenn wir damals schon gewußt hätten, das sie vom Teufel besessen war, hätten wir sie in der Mittagspause verbrannt, und gut wär’s gewesen.

Kleine Gauck-Trilogie, Teil 6

A Bad Guy with a Gun is a Good Guy with a Gun

In Michelangelo Antonionis Film Zabriskie Point kriegen die zwei jungen Männer, die sich in einem Knarrenladen eine Knarre kaufen, weil sie einen Polizisten erschießen möchten, oder zwei, oder vielmehr ein paar Bullenschweine, wie man in Studentenkreisen damals sagte, die kriegen von dem Knarrenladenbesitzer den Rat, gegebenenfalls ein Bullenschwein, das sie im Hof erschossen haben, in den Flur zu schleppen und auf Notwehr zu plädieren, denn im Haus ist es Notwehr, im Hof hingegen ist es jugendlicher Übermut.

Wobei der Knarrenladenbesitzer nicht explizit von Bullenschweinen sprach, die es, wenn sie denn totgeschossen, in den Flur zu schleppen gelte, sondern den Rat mehr allgemein hielt, aber er war ja auch, als Knarrenladenbesitzer und National Rifle Agent (NRA), nicht so tief in die Studentenbewegung verstrickt wie die beiden jungen Männer. Ein gut gemeinter Rat, zweifellos, aber auch ein guter? Oder ist auch der Weg ins Mündungsfeuer der Polizeiknarren mit gutgemeinten Ratschlägen gepflastert, wie der Weg in die Hölle? Denn wie wir alle wissen, geht die Geschichte nicht gut für den jungen Mann mit der Knarre im Stiefelschaft aus: nicht er erschießt Bullenschweine, die Bullenschweine erschießen ihn.

An diese Geschichte mußte ich denken, als ich im Fernsehen den CEO der National Rifle Foundation (NRF), Joachim Gauck – halt, Maschine stopp, Ruder hart Backbord: vertan! Gauck ist nicht CEO der National Rifle, Gauck ist Chefexekutionsoffizier der Nationalen Rüffel Agentur (NRA), und als solcher rüffelt er alles, was da kreucht und fleucht, zum Beispiel uns, an denen er kein gutes Haar läßt, da uns der Colt nicht so locker in der Ficke schlackert wie ihm – nicht wie ihm, er trägt die Knarre ja nicht selbst, muß er auch nicht in seiner Position -, sondern wie er denkt, daß unsere Kanonen schlackern sollten, wenn wir denn unsere Verantwortung so ernst nähmen, wie er es von uns erwarten darf. Der National Rifle Heini (NRH) hingegen, an den ich denke, der heißt Wayne LaPierre, und von ihm stammt der Ausspruch “a bad guy with a gun is a good guy with a gun”, und was zunächst einmal klingt wie einer weichen Birne entsickert, werden wir uns gleich noch genauer ansehen. Zunächst aber schadet es nicht, im Umkreis der National Rifle Association (NRA) mit allem Möglichen zu rechnen, auch und gerade und vor allen Dingen mit weichen Birnen.

Nun zu dem Zitat. Wenn man es sich genau ansieht, erkennt man, daß ich die einleitenden Worte: “The only thing that can stop” weggelassen habe, denn der vollständige Satz lautet – also, wie wenn man die beiden Sachen hintereinander hängt. Das muß ich ja hier nicht unbedingt hinschreiben. Das kriegen Sie ja auch alleine hin, oder? Oder warten Sie: der vollständige Satz lautet: “The only thing that can stop a bad guy with a gun is a good guy with a gun” und man kann zurecht einwenden, daß ich durch das Weglassen den Satz verkürzt hätte. So kann man argumentieren, ja. Ist ja auch so. Aber: was ist falsch an kurzen Sätzen? – Nichts. Und man kann nicht argumentieren, daß der Sinn des Satzes durch das Nichtweglassen der ersten sechs Wörtlein etwa gewönne, denn das tut er nicht. Er bleibt blöd, der Satz. Aber er wird natürlich länger, das gebe ich zu. Es ist auch nicht so, daß ich nicht verstünde, was Wayne LaPierre mir sagen will. Er will mir sagen, daß als letztes Mittel manchmal eine Abwehr von Aggression erforderlich sein könne, und daß man, wenn man den Einsatz von Schußwaffen als ultima ratio nicht von vornherein verwirft, das Opfer gegebenenfalls am besten in den Hausflur schafft.

Das könnte von Gauck sein. Ist es auch. Nicht das mit dem Hausflur, das habe ich hinzugedichtet, aber der Rest. Man kann argumentieren, daß ich Herrn Gauck da etwas unterschiebe, was er nicht gesagt hat – das habe ich ja auch -, aber man kann nicht argumentieren, daß ich es nicht mit den lautersten Absichten getan hätte. Manchmal ist das als letztes Mittel erforderlich. Um zu zeigen, wie sich die ultima ratio eines Good Guy (Gauck) und die prima ratio eines Halunken (Wayne LaPierre) doch gleichen, nämlich wie ein faules Ei dem anderen. Dem Toten im Flur, ja dem ist es egal. Der riecht eh nichts mehr.

Also: Wayne LaPierre wollte sagen: “Hände hoch!” Bzw. “Hände weg!” Vom 2nd Amendment der US-Verfassung nämlich, welches besagt, daß der freie Bürger eines freien Staates das Recht hat, soviele Knarren zu verkaufen, wie der Käufer in seiner Hose bergen kann, auch wenn das mit sich bringt, daß der Verkäufer, weil er nicht weiß wohin mit dem Geld, sich den Arsch einfach, zweifach, dreifach, vierfach, fünffach oder noch mehrfacher mit Blattgold belegen lassen muß: “The right of the people to have their asses gilded up to five or more times shall, if possible, not be infringed,” wie es in besagtem Amendment heißt.

Das will er sagen, also könnte er es auch sagen. Tut er aber nicht. Warum nicht? Weil das Recht, das Publikum für dumm zu verkaufen, erlischt, wenn man es nicht mehr wahrnimmt? Ähnlich wie unser Wegerecht, das erlischt, wenn es seit 100 Jahren nicht in Anspruch genommen wurde. Wann immer ich mit einer Wanne voll Kochwäsche zum Waschplatz an der Aue unterwegs bin, wo ich sie spülen will, weist mir der Tankstellenpächter das Gartenpförtchen. Durch seinen Garten führt der Pfad, den so viele Füße müder Mägde und rheumageplagter Waschfrauen über Jahrhunderte unkrautfrei gehalten haben. Und wenn ich einen flammenden Aufruf bei Rewe ans schwarze Brett tackere, mir mir zusammen das Herkommen gegen den Emporkömmling zu verteidigen, dann kommt keiner. Nicht viel anders in Amerika: wenn dort nicht täglich mindestens einer erschossen wird, wird man annehmen, daß das Recht des Waffentragens, -putzens und -benutzens nicht mehr länger gebraucht wird und eingezogen werden sollte.

Die Gefahr ist natürlich gering, und um zu verhindern, daß sie größer wird, hat man Leute wie Wayne LaPierre. Gut möglich, daß er sich sorgt, das Recht, die Leute für dumm zu verkaufen, könnte ebenfalls eingezogen werden, wenn er sie weniger als einmal täglich für dumm verkauft. Aber auch die Gefahr ist nicht sehr groß. Eher schon kommen am Samstag ein Dutzend Leute zu meinem Wash-In am historischen Waschplatz an der Aue in Käsdorf.

Denn es ist natürlich ein Riesenblödsinn, zu behaupten, nur ein “good guy with a gun” könne einen “bad guy with a gun” stoppen. Ein “bad guy with a gun” kann das auch. Ein “bad guy with a gun” kann auch einen “good guy with a gun” stoppen, und ein “bad guy with a good gun” kann zwei “good guys with bad guns” stoppen, und zwar locker. Zwei “bad guys with good guns” können jede Menge “good guys” stoppen, wenn sie sich geschickt verschanzt haben, und zwei andere “bad guys, even with rotten guns” können die beiden ersten “bad guys” stoppen, wenn sie zuerst schießen. Jedenfalls treffen. Selbst zwei “good guys” können zwei “good guys” stoppen, wenn sie sich vertun und sie für “bad guys” halten. Oder zwar wissen, daß die beiden “good guys” sind, aber noch eine Rechnung mit ihnen offen haben. Sowas kommt schließlich vor, und zwar in den besten Familien. Oder es sind gar nicht zwei “bad guys”, sondern einer ist ein “good guy” (weiß) und einer ein “bad guy” (schwarz), und sie sind aneinander gekettet, wie Joker und Noah in dem Film ‘Flucht in Ketten’, und man zielt auf den “bad guy”, aber während man gerade abdrückt, beugt sich der “good guy” vor und kriegt alles ab. Man kann ihn noch nicht mal in den Hausflur schleppen, weil der “bad guy” noch dranhängt. Das ist dann Tragik. Da kann dann keiner was für.

Aber Riesenblödsinn oder nicht, die Leute lassen sich für dumm verkaufen, und glauben Wayne LaPierre. Und plappern es ihm nach. Siehe unser “good guy” Gauck. Oder nicht? Ist nicht er der Gute, LaPierre der Böse? Auffallen tut uns, daß beide die notorisch große Klappe halten, nun, da in Missouri ein “bad guy with a gun” das getan hat, was “bad guys” tun sollen, wenn sie im Sinne der National Shutgun Association (NSA) tätig werden: den Knarrenladenbesitzern einen Anlaß geben, nach Bewaffnung der “good guys” zu schreien, indem er einen umgenietet und versäumt hat, ihn in den Hausflur zu schleifen, bevor die Polizei da war. Na! Unfug! Die Polizei war ja schon da. Aber die Knarrenladenbesitzer, sie schreien nicht. “Good guys” ohne Ende strömen auf die Straße, protestieren, schmeißen mit Sachen, legen Feuer, plündern Läden – aber einer, der ihnen nahelegen würde, sich mit Handfeuerwaffen zu versehen? – Fehlanzeige.

Nicht, daß ich das für falsch hielte. Ich halte es für richtig, die Zivilbevölkerung nicht zu bewaffnen. Ich finde, es sollte ein Gewaltmonopol geben, und das Monopol sollte beim Staat liegen. Der kann es dann, am besten nach festen, transparenten Regeln, delegieren, z.B. an Polizisten. Das ständige Waffengefuchtel selbsternannter “good guys”, das wäre mir viel zu unübersichtlich. Man stelle sich vor, man käme als Fremder in eine fremde Stadt geritten, und jeder, dem man auf der Straße begegnete, trüge den Sheriffstern – wer wollte sich denn da noch zurechtfinden? Man würde den Colt doch vorsichtshalber gar nicht mehr aus der Hand legen!

Aber ich bin ja auch nicht Gauck. Was ist mit ihm? Er ist schließlich Gauck. Warum schweigt er? Wäre es nicht an der Zeit, daß die Bundesrepublik “sich als guter Partner früher, entschiedener und substanzieller einbringen” täte? Und die Ordnung in Ferguson wieder herstellte? Es müßte ja keine “rein militärische Lösung” sein, man könnte ja “besonnen vorgehen und alle diplomatischen Möglichkeiten ausschöpfen.” “Aber wenn schließlich der äußerste Fall diskutiert wird,” und da bin ich ja gerade dabei, “Einsatz der Bundeswehr ” nämlich, “dann gilt: Deutschland darf weder aus Prinzip Nein noch reflexhaft Ja sagen.” Sag ich ja. Bzw., das hat alles Gauck gesagt. Hat gesagt. Im Winter, auf einer Wehrsportveranstaltung oder wehrkundlichen Tagung oder irgendwas mit “Wehr und Waffen” im Namen – wie bitte? Eine ‘Sicherheitskonferenz’ war das? Sischer dat! Und dies hier ist ein ‘Informationsmedium’ -, der Punkt ist: er hat es gesagt. Nun hält er den Rand. Kein “Deutschland steht an der Seite der Unterdrückten” mehr. Kein “Es kämpft für Menschenrechte.” Auch kein “Und in diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen.” Das war mal: am 14.6. im Deutschlandfunk. Das war rein theoretisch-rhetorisch in die Tüte geplaudert. Jetzt, wo ich ihn hinterwärts auf sein Geplauder festnageln will, da geht er mir aus dem Weg.

Ich darf doch bitten: in Ferguson sind Menschenrechte verletzt worden! Jemand ist nur aufgrund seiner Hautfarbe erschossen worden, ein Verstoß gegen die Artikel 1, 2 und 3. Sowie 7, 10 und gegebenenfalls 11. Die einheimische Bevölkerung ist nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft gegen dieses Verbrechen zu wehren, weil der Täter sich in den einstweiligen Ruhestand abgesetzt hat. Also bitte! Wenn wir jetzt nicht zu den Waffen greifen, wann dann?

Nicht, daß ich es für richtig hielte, in Ferguson einzumarschieren. Ich bin nicht der Meinung, daß man die Menschenrechte allein um der Rechte der Menschen willen verteidigen sollte. Oft klappt das nicht, denn die Träger der zu verteidigenden Rechte sind hinterher töter als vorher, und oft sind Kriege, bei denen es ums Prinzip geht, grausamer als die, bei denen es bloß um Land, eisfreie Häfen oder Rohstoffe geht. Man sollte immer beides miteinander zu kombinieren versuchen. Wenn es dann mit den Menschenrechten nicht klappt, hat man immerhin das Öl. Das gibt dem Krieg ein menschliches Antlitz.

Aber ich bin ja auch nicht Gauck. Gauck ist Gauck, und Gauck will mehr. Gauck will, daß wir an der Seite der Unterdrückten stehen, auch und gerade dann, wenn diese kein Öl haben. Aus Prinzip. Weil wir die Guten sind. Nun denn, in Ferguson gibt es kein Öl – zu den Waffen! Meinetwegen zu den nicht letalen Waffen, wenn das Verteidigungsministerium darauf bestehen sollte – was schade wäre, denn es impliziert, daß wir Frau v.d. Leyen nicht nach Ferguson schicken können. Auf der anderen Seite ist den “good guys” da drüben mit schußsicheren Westen sehr viel besser gedient als mit Frau v.d. Leyen, von der sie nicht wirklich etwas hätten. Schußsichere Westen aber sind genau das, was die Leute in Ferguson brauchen.

Aber Gauck scheint nicht zu wollen. Er ist ja auch nicht ich. Vielleicht hält er es nicht für angezeigt, in einem befreundeten, bewunderten, mit Respekt betrachtetem Land, das obendrein mit dem eigenen verbündet ist und von dem man in vielfältiger Weise abhängig ist, einzumarschieren. Um dort den Menschenrechten zu ihrem Recht zu verhelfen. – Ich hielte das für angezeigt. Ich glaube, die Amerikaner warten nur darauf. Ich glaube, sie lassen sich gern belehren. Besonders, wenn es auf eine impertinente und ganz und gar humorlose Art geschieht, eine Art, die eigentlich nur bei uns zu haben ist. Ich glaube, sie lieben uns dafür. Heimlich vielleicht, so, wie sie Angela Merkels Telefon heimlich abgehört haben – aber das ist es ja eben! Wer würde sich das antun wollen, wenn nicht der verliebte Jüngling, der heimlich im Tagebuch der Angebeteten schmökert, um zu sehen, was sie über ihn schreibt. Vielleicht wären sie sogar bereit, nach der Befreiung Fergusons Gauck als ihren Präsidenten zu adoptieren, denn ihren eigenen scheinen sie ja nicht wirklich gern zu haben.

Gauck scheint das anders zu sehen. Vielleicht meint er, daß die beiden Merkmale – 1. Verletzte Menschenrechte, 2. Kein Öl, keine Bodenschätze. Keine eisfreien Häfen – daß diese Merkmale ein Land doch noch nicht ausreichend für den Genuß deutschen Zurseitestehens qualifizieren, vielleicht muß noch ein 3. hinzukommen. Etwa, 3. daß der betreffende Staat – oder das staatenähnliche Gebilde, die schäbigen Überreste dessen, was einmal Staat sich nannte – im Grunde nichts zu sagen hat. Im Sinne von: nicht mitreden darf. Einem nicht auf Augenhöhe begegnen kann und nicht satisfaktionsfähig ist. Der nicht gefragt werden muß, und der im Idealfall eine lange Geschichte der Erziehung durch europäische Patenstaaten hinter sich hat, zwar möglicherweise jetzt im Flegelalter ist, dem man aber doch zumindest prinzipielle Schulreife unterstellen darf. Z.B. der Irak, der ja eigentlich kein Staat ist, sondern ein künstliches Gebilde von Engelands Gnaden. Hat keine handlungsfähige Regierung, kann seine Minderheiten nicht schützen, z.B. die Jesiden, die wir auf einmal so lieb gewonnen haben, seit wir wissen, daß es sie gibt. Als vor drei Jahren ein jesidischer Vater vorm Jugendamt im niedersächsischen Stolzenau seine jesidische Tochter erschoß, da hatten wir noch keine Verwendung für dergleichen Feinheiten, da kam es uns besser zupaß, Ehrenmörder grundsätzlich als Muslime zu führen, und den Kasus in der Schachtel mit der Aufschrift ‘Islam = böse’ abzulegen. Heute paßt es uns besser, die Unterschiede herauszustellen, denn sonst täten wir uns schwerer damit, ihre Verfolgung durch den ‘Islamischen Staat’ zu erklären. So aber können wir den gleichen Schuhkarton weiterverwenden.

Ich bin allerdings etwas anderer Meinung als Gauck. Nichts dagegen, die Jesiden durch die Kurden retten zu lassen, wenn die Kurden dies wünschen; uns drauf besinnen, daß es Teufelsanbeter sind, die wir hier bei uns nicht haben wollen, können wir immer noch. Aber ich finde es ungerecht, nur wirtschaftlich, militärisch und politisch unterlegenen Staaten unsere Hilfe aufzunötigen. Wenn es Amerika nicht sein kann, weil weder Gauck noch ich das wollen, dann sollten wir bei unseren europäischen Nachbarn nach dem Rechten schauen. Z.B. in Frankreich. Wir haben immer zuerst in Frankreich nach dem Rechten geschaut; ganz zuallererst natürlich, buchstäblich en passant, in Belgien. Und warum auch nicht, dort ist es nicht besser, als in Frankreich: auch da werden Frauen unterdrückt! Sie dürfen sich dort nicht vermummen. Die Männer hingegen dürfen rumlaufen wie Pierre Vogel, und keiner sagt was. Ich sage: niemand darf aufgrund seines Geschlechtes benachteiligt werden. Entweder das Burkaverbot aufgehoben, oder die salafistischen Männer zwangsrasiert! Ich persönlich tendiere ein klein wenig zu letzterem, so wie ich auch der Meinung bin, daß die amerikanische Polizei nicht immer nur schwarze Jugendliche erschießen sollte. Hin und wieder zwischendurch einen Weißen erschossen, und schon wird das Vertrauen der Schwarzen in eine Polizei, die auch die ihre sein sollte, wieder zunehmen, zaghaft zunächst, gewiß, aber mit jedem toten Teenager ein wenig mehr. Ich bin überzeugt, auch Wayne LaPierre wird sich dann wieder auf die Pflichten des ehrbaren Kaufmanns besinnen und zu massenhaften Waffenkäufen aufrufen. Zurecht, denn die weißen Kids verfügen doch über eine ganz andere Kaufkraft als die schwarzen. Wo ein Schwarzer sich die Knarre vom Munde absparen muß, haben gleichaltrige Weiße drei davon in der Hose und noch Geld für Munition übrig.

Der weiße Student mit der Knarre im Stiefel, der in Antonionis Film von einem Bullenschwein erschossen wird, wird dies übrigens nicht wegen seiner Hautfarbe, sondern weil er ein Flugzeug geklaut hat, das er allerdings zurückbringen will – schön dumm, hätte er’s behalten, könnte er noch leben. Insofern handelt es sich nicht um eine Menschenrechtskiste, sondern um jugendlichen Übermut, und das Bullenschwein ist eigentlich gar kein Bullenschwein, sondern gehört eher in die Kategorie “good guy”, Typ 3b: “good guy with a gun stops good guy with a gun”. Ein Einmarsch in Kalifornien erübrigte sich daher. Das hinderte Antonioni aber nicht daran, seiner weiblichen Hauptdarstellerin, die vom Tod des Freundes im Autoradio hören muß, mit einer wundersam entlastenden Rache Linderung zu verschaffen. Rache an ihrem Chef, der zwar nichts dafür kann, aber was soll’s, so ist das nun mal mit der Rache. Wenn Gauck zum erstenmal wo einmarschieren läßt, wird’s dort auch jede Menge Leute treffen, die nichts dafür können. Mitgefangen, mitbefreit. Oder mitgesprengt. Denn vor Darias innerem Tollkirschenauge fliegt die Wüstenvilla des Chefs in die Luft, immer und immer und immer wieder, in Zeitlupe, zu Kiffermusik von Pink Floyd und mit einem sehr satten, sehr befriedigenden Explosionsgeräusch. Dreizehnmal ist gerade die richtige Dosis, und danach schweben die Dinge sehr bunt noch stundenlang in der Schwerelosigkeit umher und der Kiffer in uns versöhnt sich irgendwie mit allem und jedem, und irgendwann ist’s auch mal gut. Daria kann wieder lächeln, Abendkühle überall, am Bache singt die Nachtigall, die Kamera reitet in den Sonnenuntergang, Roy Orbison fängt an zu singen, und der “good guy” im Zuschauer hat irgendwie moralisch doch noch gewonnen. Das Merkwürdige ist: es funktioniert auch heute noch.

Ich habe die Sequenz als Schnipsel abgespeichert, und wenn ich im Autoradio hören muß, was Good Guy Gauck mal wieder irgendwo verzapft hat, stoppe ich alle Maschinen, halte mich steuerbord, hole das Tablet hervor, stöpsle mir die Ohren und lasse den Tanz beginnen. Es ist zwar nicht das Schloß Bellevue, aber wer weiß, ob das so schön gleichmäßig und malerisch in die Luft fliegen würde, wie die Wüstenvilla. Die ist ja doch ein Stück kleiner und da oben auf dem Felsen sehr viel spektakulärer gelegen.

Immerhin wäre es schön, wenn das Wulffsche Bobby-Car mit von der Partie sein könnte, zusammen mit der Stehlampe, den Büchern und dem Truthahn.

“The hedge fund can never be buggered at all”

Als ich neulich aus gegebenem Anlaß mit Hilfe von Google nach “Stinktierfonds” suchte, da fügte es sich, daß Google den Begriff mal wieder nicht finden konnte. Nicht, daß ich mich darüber beklagen wollte, viel zu oft findet man ja Sachen, die man lieber nicht fände, und für die müßte es nicht nur ein Recht auf Vergessen geben, sondern ein Recht auf Niegewesensein. “Aber wem passiert das schon? Unter Tausenden kaum einem!” (Graf Bobby).

Was man findet, sind jede Menge Geierfonds. Statt daß die Leute mal ein bißchen Abwechslung in die Berichterstattung über die argentinische Zahlungsunfähigkeit brächten, und hin und wieder einen Kakerlakenfonds oder meinetwegen einen Kojotenfonds mittun ließen, oder daß vielleicht mal einer den ‘Hedgehog Song’ parodierte: “Bestiality sure is a fun thing to do / But I have to say this as a warning to you: / With almost all animals, you can have ball / But the hedge fund can never be buggered at all.” – nix is. Stattdessen haben sie sich auf Monotonie geeinigt und sabbern alle in dieselbe Tröte: ‘Geierfonds’.

Dabei sind Geier sehr nützliche Tiere. Sie räumen die Wüste auf, und die Kojoten die Steppe. Und auch Kakerlaken sind sehr nützliche Tiere – wobei ich gestehen muß, daß das nur so dahergesagt ist, daß ich so aus dem hohlen Kopf gar nicht sagen könnte, wofür genau der Kakerlak gut ist, außer für die Übertragung von Ruhr, Polio, Hepatitis, Gelbfieber, Typhus, Lepra, Milzbrand, Tuberkulose, Cholera “und wahrscheinlich auch SARS” (Wikipedia). Aber irgendwas, da bin ich mir sicher, wird sich der Schöpfer auch beim Kakerlak gedacht haben. Dem gegenüber steht das Stinktier, das überhaupt keinen Nutzen hat. Wie die Hauptfigur des schönen Romans ‘To kill a skunk’ ihrer Tochter erzählt, hat ihr – der Hauptfigur – Papa ihr zum ersten Gewehr, das er ihr schenkte, die Maxime mit auf den Weg gegeben: “You may shoot all the racoons you want, if you can get ‘em, but remember it’s a sin to kill a mockingbird.” – “A mockingbird?” – “Did I say mockingbird? I mean a skunk. It’s a sin to kill a skunk”. Das Stinktier, so geht es weiter, hat keinen Nutzen, keinen wirtschaftlich ausbeutbaren Nutzen. Es ist kein Schlachttier, man kann es nicht essen, man kann es nicht scheren, micht melken, nicht rupfen, es zieht keinen Pflug. Es legt keine Eier. Es gibt keinen Honig. Es ist bloß da, weil es da ist, damit es da ist, um seiner selbst willen, um seinen Schöpfer zu loben, und um dem Menschen zur Last zu fallen. Es tut nichts, gar nichts, außer seine Analdrüsen auszupressen, und alle Kraft seines kleinen Körpers, alle Lebensenergie, allen guten Willen nimmt es zusammen, um sein Sekret so weit wie möglich hinauszuschleudern in eine Welt, der darob der Atem stockt. Drum eben sei es Sünde, ein Stinktier abzuknallen.

Nicht nur darum: ein Stinktier ist eine Schönheit, eine Bereicherung der Welt. Wer es nicht glaubt, sei an Pepe le Pew erinnert, der glaubt das für ihn mit. Und darum liegt es auch so nahe, die Hedgefonds Stinktieren zu vergleichen: einen Nutzen haben schließlich auch sie nicht. Sie sind da, um ihrer selbst willen, um ihren Schöpfer reich zu machen, und der Menschheit eine Plage zu sein. Sie sind die reine, zwecklose Schönheit. Und wer’s nicht wahrhaben will, der sei an die Schönheit des brennenden Roms erinnert, an die Schönheit des perfekten Verbrechens, die Schönheit der Verwesung, die Schönheit der Aasblüte. Nicht umsonst nannte Stockhausen die fallenden Türme des WTC das größte Kunstwerk des Kosmos. War Pompeji jemals schöner als unter der Asche? Schneewittchen jemals schöner als im Sarg? Ein Stern je heller als im Verglühen? Die Unschuld ist nie unschuldiger als nackt in einem LKW mit Gammelfleisch. Es ist schön, was die Hedgefonds mit Argentinien treiben, schön wie das Massaker scharfer Kolibrischnäbel an zerfetzten Nachtpfauenaugen, wenn samtige Flügelfetzen im diffusen Dschungellicht zu Boden sinken und drüberhin schon wieder des Täters furioses Federfarbgeflirre das träge Auge narrt. Schön ist das, und ohne Zweck. Schönheit um der Schönheit willen. Die Wunde in der weißen Knabenhüfte, aus der die Würmer wimmeln.

Und schön ist auch die Selbstgewißheit, mit der die Hedgefonds rummstolzieren, sicher, daß sie sich jeden, den sie kriegen – und sie kriegen praktisch jeden -, einpacken und mundgerecht zerlegen lassen können, wenn sie dies wünschen; sie aber ihrerseits nichts fürchten müssen, gar nichts. Ni dieu, ni maître. Die wahren Anarchisten unserer Tage. Dagegen ist Pepe le Pew ein wandelnder Minderwertigkeitskomplex. Wie denn auch nicht? Wie heißt es doch im ‘Hedgehog Song’: “You can roger a skunk if you can stand the smell / Or even an oyster, should he let go of his shell / A troll can be rocky if down you should fall / But the hedge fund can never be buggered at all.” Diese absolute Macht macht schön. Wann gab es das zuletzt, daß einer Schönheit, Macht und Gestank dergestalt in einer – in seiner – Person vereinigt hätte? Bei Louis XIV? XV? XVI?

Um so erstaunlicher, daß, wenn man bei Google schon kein Suchergebnis für “Stinktierfonds” bekommt, sich doch immerhin ein paar bezahlte Annoncen auf der Seite tummeln. Zum Beispiel vom Deka Investmentfonds, dem – Zitat – “Wertpapierhaus der Sparkassen-Finanzgruppe”. Und bei ‘Kakerlakenfonds’ kommen noch die Allianz Global Investors dazu. Bei ‘Kojotenfonds’ die Targobank. Hmh – daß sie keinen potentiellen Kunden verlieren wollen – selbst wenn der potentielle Kunde bloß aus mir besteht, der da aus Jux vorbeigesurft kommt -, das kann ich verstehen. Das ist das eine. Aber dann? Was kommt dann? Wenn ich nun beim Deka Investmentfonds anriefe, und mich nach Stinktierfonds erkundigte, was dann? Würde man mir dann Anteilsscheine anbieten? Verticken gar, gesetzt den Fall, ich hätte diese Sorte Geld? Tatsächlich? Anteilsscheine von Stinktierfonds?

Ja, gibt es denn sowas?

Offener Brief

an die Künstliche Intelligenz
ubiquitär

Liebe Künstliche Intelligenz,

kann es sein, daß die Leute, wenn sie von Künstlicher Intelligenz (KI) reden, gar nicht Dich meinen, sondern das Künstliche Knalldeppentum (KK)? Oder wenigstens das KD? Oder sie meinen schon Dich, aber Dich gibt es gar nicht? Sondern du bist das KK, und KI ist bloß Dein aka?

Weil, es ist nämlich so: ich erklär’s Dir. Ich hatte, den ganzen Winter über, Cent auf Cent und Euro auf Euro gelegt und mir was zusammengespart, und dann, im Frühjahr, hab ich mir was geleistet, und habe mir eine junge Rotbuche gekauft. Die war nicht billig, mein lieber Mann! Wenn man bedenkt, daß der Krupp, als er die Villa Hügel bepflanzen wollte, sich ausgewachsene Bäume hat kommen lassen! Oder Fürst Pückler. Oder Ernst August und die großen Gärten! Entweder war das Zeugs früher sehr viel preiswerter als heute, oder die Jungs hatten richtig, richtig viel Kohle. Richtig viel Kohle. Nicht bloß viel, sondern richtig viel. – Wie auch immer. Bei mir reichte es nach einem entsagungsreichen Winter nur für eine (1) Rotbuche. Eine kleine. Und selbst die war nicht so ganz einfach zu transportieren. Aber eine Rotbuche sollte es schon sein. Eine Hängebuche. Frag mich nicht, warum! Ich stehe nun mal auf Rotbuchen. Manche Leute stehen auf ganz andere Sachen; denen rede ich nicht rein, soll mir also auch keiner reinreden. Manch einer verbindet halt manchen Gegenstand mit mancherlei Erinnerung, und die Öffentlichkeit geht es eine Haufen feuchtes Buchenlaub an.

Mit Dickmaulrüsslern drin.

Das Problem war, als ich den Baum in der Erde hatte und mich freute, als er die ersten, noch recht fipsigen Blätter kriegte, da mußte ich auf einmal feststellen, daß man mir baumschulenseits den Dickmaulrüssler mitverkauft hatte. Vielleicht war der Baum deswegen so teuer. Nun kann man den ausgewachsenen Dickmaulrüssler in der Abenddämmerung mal einfach so im Vorbeigehen vom Blatt sammeln, ihm einen Kinnhaken geben, ihn zu Boden werfen, und wenn man eine Weile auf ihm rumgetrampelt hat, ist er tot und tut dem Baum keinen großen Schaden mehr. Ansonsten frißt er ihm Löcher in die Blätter, was für sich genommen immer noch kein großer Schaden wäre, aber nach dem Fressen, sagt ein altes Dickmaulrüsslersprichwort, nach dem Essen sollst du rauchen oder tausend Schritte tun.

Oder die Dickmaulrüsslerin schwängern. Was er auch tut. Und dabei absolut kein Maß kennt, oder sie jedenfalls nicht, denn nach erfolgter Kopulation legt sie, die Dickmaulrüsslerin, 800 Eier in meine Baumscheibe. Und aus 800 Eiern werden 800 Larven, die sich ehestens aufmachen um meiner Hängebuche die Fadenwurzeln abzufressen, diese Mistkäfer! Natürlich verstehe ich den Zusammenhang zwischen Baum und Beilager, den verstehe ich gut. ‘Under the greenwood tree who loves to lie with me” usw. Die Perlenschnüre der Zweigwimpern, die Sommernacht, das ferne Lachen, die Fehlzündungen der Motorräder im Augustabend, das Flaschenscheppern, das Wetterleuchten, der fremde Atem, das senkrechte Fallen des Wassers, die Ekstase, der Matsch. Aber doch bitteschön nicht für den Dickmaulrüssler! Sondern für mich.

In meiner Entrüstung, meiner Enttäuschung und meinem Frust sann ich, wie ich der Rüsslerbrut Herr werden könne, und wandte mich hilfesuchend an Google, das mich nach Eingabe von “Dickmaulrüssler” auch ohne weiteres auf die Seite Mein-schöner-Garten.de oder so ähnlich führte, wo mir auch Bescheid wurde: man kriegt sie mit Hilfe von Nematoden, einer Art leichter Älchen, Fadenwürmern von zweifelhaftem Lebenswandel, von Moral nicht angekränkelt, denen die Larven nicht widerstehen können, mit denen sie sich einlassen, wie die Larve im venezianischen Karneval, die der Larve, wie der Jüngling im Hafen von Liverpool, der der Anmut der Dirne, wie die Rheinschiffer, die dem Goldhaar der Loreley, wie die Lauscher, die dem Gesang der Sirenen nicht widerstehen konnten, so stellen die Larven am Morgen danach fest, daß es keine so gute Idee war, sich gestern abend mit dieser Fremden eingelassen zu haben. Etwas nagt in Ihnen. Sie fühlen sich mies. Sie mögen glauben, sie hätten sich die Franzosenkrankheit eingefangen, aber dann merken sie, daß das Älchen schon in ihrem Inneren wohnt. Sie werden es nie mehr los werden, und es wird sie langsam von innen her aushöhlen, bis sie nurmehr die schlaffe Hülle ihrer selbst sind. Und wenn Sie gedacht haben sollten, 800 Nachkommen wären viel, dann fragen Sie mal eine satte Nematode!

Das alles lernte ich auf der Seite Mein-schöner-Garten.de, und ich hätte nie gedacht, daß ich zu solch unappetitlichen Maßnahmen würde greifen müssen, um meine Rotbuche zu schützen, aber was solls? Wer hat denn angefangen? Habe ich etwa angefangen? Oder der Dickmaulrüssler? – Freund Luther, nehme ich mal an, der nicht so zimperlich war wie ich, würde wahrscheinlich selbst am Vorabend des Weltuntergangs noch eine Ladung Nematoden in abgestandenem Leitungswasser aufgelöst und an die Wurzeln seines Apfelbäumchens gekippt haben, um den Dickmaulrüsslerlarven eine reinzuwürgen.

Schön. Oder auch nicht schön. Das war’s aber noch nicht. Denn am Fuß der Seite – zur Erinnerung: sie heißt Mein-schöner-Garten.de – was lese ich da? Unter der Überschrift “Das könnte Sie auch interessieren”? – “Kolumne Sex-Phantasien – kennste seine, kennste deine!”

Sag mal, Künstliche Intelligenz – bist Du bescheuert?

Was hast denn Du für Assoziationen?? – Ich bin ja von Amazon einiges gewohnt, einiges! Was die mir da manchmal auftischen, das kann man keinem erzählen, wenn einem sein guter Ruf lieb ist. Mit der Begründung, das hätten die anderen schließlich auch gegessen. Respektive bestellt. Die, die dasselbe bestellt hätten wie ich. Oder auch bloß angesehen. Pampers z.B., Pampers Windeln Baby Dry Gr.5 Junior 11-25kg Monatsbox, 144 Stück. Ungelogen! Inspiriert angeblich durch meine “Shopping Trends”, was immer das ist. Hä? Heh! Wirke ich so fruchtbar? So fruchtbar, daß ich 12 Dutzend Windeln brauchen könnte? Im Monat? Soll mir das vielleicht schmeicheln? Will man mir etwa schöntun? – Shopping-Trends! Dabei habe noch nicht soviel wie ein Tempotaschentuch bei Amazon gekauft. Oder ein Blatt dreilagiges Toilettenpapier. Nicht einmal ein Blättchen zweilagiges Toilettenpapier. Das letzte, was ich bestellt habe, und das entfernt mit Papier zu tun hatte, war “Der große Gatsby” von F. Scott Fitzgerald. Kommen da Pampers drin vor, KI, weiß Du das zufällig? Ich weiß es nicht, ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu lesen, und werde auch in absehbarer Zeit nicht dazu kommen. Wann denn, wenn ich mal fragen darf?! Jetzt, im Sonmer? Bei der ganzen Gartenarbeit? Hast du eine Ahnung, wie es bei mir aussieht? Ich habe auch keine Ahnung, denn ich schaue nicht hin. Ich will den Garten so in Erinnerung behalten, wie er aussah, als wir noch glücklich miteinander waren. Damals, im April, als ich die Buche kaufte! Aber Hundstag für Hundstag schneidet Tausendschönchen mir mehrere Klafter Biomasse auf den Hänger – ich weiß nicht, ob man Biomasse nach Fudern, Klaftern oder Festmetern mißt, aber es sind auf jeden Fall mehrere davon. Die ich dann in der Feldmark verklappen soll, ohne mich erwischen zu lassen. Hah! Ich sehe mich schon in gestreifter Garderobe im Steinbruch. Wie soll ich da zum Lesen kommen? – Bei Amazon freilich habe ich nie geglaubt, daß es sich bei den Empfehlungen um Produkte künstlicher Intelligenz handeln könnte; nein, das habe ich nicht geglaubt. Ich kaufe zwar bei Amazon, aber ich bin doch nicht bescheuert. Ich habe mir immer gesagt: das kommt davon! Das muß dieses oder diese oder dieser Big Data sein. Das kommt dann dabei raus. Was mußt du auch dort kaufen. Ich bin sogar hingegangen und habe, um den Amazonschen Algorithmen was zu tun zu geben, nach Nachtöpfen mit Musik gesucht. Genauer: “Pot de chambre, Rauchglas, indirekte Beleuchtung, spielt, wenn in Gebrauch, ‘Heil Dir im Siegerkranz’”. Gibt es angeblich nicht. Macht nichts, ich wollte ja keinen haben, ich wollte nur mal wissen, wonach Leute, die nach sowas suchen, sonst noch so suchen. – Moment! Nicht, daß sie mir deswegen die Pampers – aber da hätten sie mir doch besser Inkontinenzhosen angeboten, Tena Pants für den älteren Herrn, oder? – Pah! Big Data! Da wird nischt von.

Aber zurück zu Dir, KI. Auf der Seite Mein-schöner-Garten.de bin ich ja zuvor noch nie gewesen, daher kann man dort allenfalls Small Data über mich habe, um nicht zu sagen: Tiny Data. Und schon gar keine Shopping-Trends. Darum kann es nicht Big Data gewesen sein, dem oder der ich den Link zur Kolumne Sex-Phantasien verdanke; den, KI, verdanke ich Dir. Schönen Dank auch! Pfui Spinne! ‘Maul’, ‘Rüssel’, ‘dick’ – ist da irgendwas dabei, was einen auf Sex-Phantasien bringen könnte? Wie, bitte, kommt einer darauf, daß derjenige, der einer Suchmaschine einen Dickmaulrüssler in den Hals gesteckt hat, auf Sex-Phantasien aus war? Und wieso vermutet man so einen ausgerechnet auf Mein-schöner-Garten.de? Hast Du Dir mal einen Dickmaulrüssler angesehen, KI? Assoziierst du dabei etwa einen ‘flotten Käfer’? Ich nicht. Vielleicht ist er für Coleoptorologen ein Hosenspanner, für unsereinen ist er das nicht. Oder stehst du mehr so auf’s Akustische? Ich würde das im Prinzip nachvollziehen wollen, denn ich bin Freund und Förderer empfindlicher Trommelfelle, also: bitte sehr! Aber gerade dem empfindsamen Trommelfell wäre doch, meiner bescheidenen, wiewohl richtigen Meinung nach, ‘Coleoptorologie’ entschieden hosenspannender als ‘Dickmaulrüssler’. Und selbst wenn ich Dir diesbezüglich eigene Vorlieben zugestünde, wenn ich sie Dir zugestehen wollte – was ich nicht will -, dann bliebe ja immer noch die Frage: “Ja und? Kannst Du Deine Vorlieben vielleicht mal für Dich behalten?”

Warum sollte ich mich für die Sex-Phantasien fremder Leute interessieren? Und selbst wenn ich das täte – was ich nicht tue – wieso sollte ich mich dann für die Sex-Phantasien von Leuten interessieren, die dieselben einer Kolumne auf freundin.de anzuvertrauen belieben, einer Zahnarztzeitschrift, wenn ich mich richtig erinnere, für der Bravo entwachsene Bravoleser. ‘Vertrauen’! Hah! ‘Anvertrauen’! Pah! Wenn sich die Kolumnistin die Phantasien man nicht ohnehin aus den klebrigen Fingern gesaugt hat. Und wenn ich sie lesen würde – was ich nicht werde -, wer sagt, daß ich nicht sofort an Zahnarzt denken müßte? An blutigweißes Nervengewürm, am Haken baumelndes? Ans Spuckbecken? An Wattetampons? An Latex und Speichelsauger?

Wenn es das ist, KI, was die Leute unter einer gescheiten Sex-Phantasie verstehen, dann kann ich nur sagen: “Es ist doch gut, daß man manches nicht weiß!” Pflegte meine Oma immer zu sagen, das. Und was soll ich Dir sagen? – Meine Oma hatte recht. Jedenfalls was die Sex-Phantasien fremder Leute angeht. Wer die alle kennen müßte! Der Menschheit ganzer Jammer faßte einen an. Zwar ist der Topos des Angefaßtwerdens gern gesehener Gast in manch einer sexuellen Phantasie, gleichzeitig aber gilt, daß der Menschheit ganzer Jammer selbst sich aus der Anfasserei gefälligst heraushalten möge. Man sollte sich für die Sex-Phantasien seiner Mitmenschen nicht nur nicht interessieren, sondern darauf halten, weit, weit weg zu sein, wenn sie sie haben. Eine Handvoll Ausnahmen mal ausgenommen. (Die hiervon Betroffenen werden rechtzeitig von mir informiert. Sie brauchen selbst nicht tätig zu werden. – G.) Aber selbst bei denen würde ich mich fragen, ob ich mich für etwas, was sich ‘Sex-Phantasie’ nennt – oder jedenfalls widerstandslos nennen läßt -, überhaupt Interesse haben will. Ich will hier nicht in betschwesterhafter Heuchelei einmal mehr das Auseinanderfallen von Eros und Sexus beklagen und die “erotische” gegen die “sexuelle” Phantasie in Stellung bringen, dabei natürlich erstere hochloben aber letztere hängen lassen – wenn ein befreundetes Paar glaubt, sich trennen zu müssen, dann wird nur der Mann von Ungeschmack für eine der Seiten Partei ergreifen. Als langjähriger Freund beider will man es sich schließlich mit keinem verderben. Ich will denn auch beide ins je eigene Recht gesetzt wissen, und zum eigenen Recht gehört vor allen Dingen das Recht auf Ausgeschriebenwerden. Ich lasse mich auch nicht gerne G-fuzzi nennen. Nicht ohne Widerrede. Nichts gegen einen Sex-Shop als Institution, aber muß man ihn auch so nennen? Was spricht denn gegen ein ‘Fachgeschäft für Ehehygiene’, wie man früher dazu zu sagen pflegte? Oder, wenn das nicht mehr zeitgemäß sein sollte, meinethalben ein ‘Fachgeschäft für prä-, post-, intra-, trans- und extramaritale sowie sonstige Hygiene’? Wenn soviel Zeit nicht mehr ist, wenn die Leute auch bei ihrer Rede nur noch Zeit für öde Quickies haben, ja will man denn dann von deren sexuellen Phantasien überhaupt noch etwas wissen? “Kennste seine, kennste deine” – was für ein dreigedoppelter Unfug!

Ja, ja, ich weiß, das hast nicht Du geschrieben, das war freundin.de. Und es ist genau das, was ich von freundin.de erwarten würde. Was ich hingegen von Dir erwarte, KI, ist schnell gesagt: ich erwarte von Dir, daß Du mir keine Links zu freundin.de auf von mir besuchte Webseiten praktizierst. Kriegst du Geld dafür? Macht dir das Spaß? Glaubst Du, mir macht das Spaß? – Tut es nicht. Spaß machen mir Trauerbuchen, Biomasse in ihrem schönsten Kleid. Sie gibt dem Auge eine Ahnung der Tristesse des Danach, während der Leib sich noch mit allen Fasern dem Zuvor entgegenspannt. Was Kaltes faßt die Seele an, ein Hauch kräuselt den stillen Teich. Über dem Blattwerk krümmt der Ast den kahlen Fingeknochen und deutet zurück zur Erde, von der du genommen wurdest und auf der du deine kleinen Tode sterben sollst. Also, nicht Du, KI, sondern wir. Jedenfalls ich. Mit Rosalind oder Celia oder wem immer, das geht die Öffentlichkeit ein Kehrblech voll tauber Bucheckern an. Jedenfalls unterm eigenen Blätterdach. Ja, wenn ich Krupp wäre! Dann könnte es schon morgen losgehen. Bin ich aber nicht. Erst in dreißig, vierzig Jahren dürfte es so weit sein, vorausgesetzt, ich kriege den Dickmaulrüssler in den Griff.

So, KI, das war’s für heute. Ich will nicht sagen, mach’s gut, ich will auch nicht sagen, mach’s besser, und schon gar nicht will ich sagen, mach’s gut, aber nicht zu oft. Das sind alles leere Worthülsen. Ich will nur sagen, laß es sein! Scher dich! Bleib, wo der Pfeffer wächst! Meinetwegen da, wo der künstliche Pfeffer wächst. Gibt es künstlichen Pfeffer, weiß du das eventuell? Es gab mal künstlichen Honig, soviel weiß ich, es gab sogar mal Kunst-Ei, wie ich dem Kochbuch entnehme, daß ich von meiner Großmutter geerbt habe. “Aus schwerer Zeit,” wie sie zu sagen pflegte, gedruckt auf etwas, was einem heute unter den Fingern zerbröselt, wenn man drin blättert; muß Kunst-Papier gewesen sein. Darin sind alle Rezepte mit Eiern ohne Eier. Z.B. Semmelknödel. Hervorragendes Rezept übrigens, man darf es nur nicht aufschlagen. Darum habe ich es auswendig gelernt und ersetze jeweils das Kunst-Ei durch richtige Eier. Wohingegen die Veganer, wie ich lese, es genau umgekehrt halten. Chacun à son goût, natürlich, aber solange der vegane Dickmaulrüssler auf meiner Buche hockt, ist meine Bereitschaft, Loblieder auf Pflanzenfresser zu singen, gedämpft. Wie dieselben es mit Kunsthonig halten, bin ich zu faul, nachzusehen, jedoch meldet Wikipedia, daß er heutzutage praktisch ohne wirtschaftliche Bedeutung sei.

Möge es Dir genauso ergehen!

Germanistenfuzzi

Vergleiche wie unter Adolf – Update

Irgendwo schreibt Arno Schmidt – wenn ich mich recht erinnere in einer Rezension Kreuders ‘Agimos’, jedenfalls in einer Betrachtung über die Fürs und Widers rhetorischer Techniken, hier: Metapher und Vergleich, die zugunsten ersterer ausfällt – “sich niemals auf Ähnlichkeit rausreden, wo man Identität behaupten kann.”

Halte mir niemand entgegen, daß man sich in Zeiten der Online-Verfügbarkeit jeden Scheißes schließlich nicht auf’s rechte Gedächtnis herauszureden brauche, da man den Scheiß ja online nachschlagen könne. Das stimmt. Man kann sich auch einen Katheter samt Urinbeutel legen lassen, aber jeder Arzt wird einem sagen, daß es besser sei, die Blase zu trainieren um ihre natürliche Funktionstüchtigkeit so lange wie möglich zu erhalten, und ich komme nun langsam in das Alter, in dem man gar nicht früh genug mit dem Blasentraining anfangen kann.

Natürlich käme es mir nie in den Sinn, einen Vergleich zwischen Gedächtnis und Blase ziehen zu wollen, warum sollte ich das tun, wenn ich ebensogut ihre funktionelle Identität behaupten kann? Beiden geht es um Sammeln, Halten und Bewahren, natürlich auch ums Wiederhergeben, aber doch bitte zur rechten Zeit, und nicht wann immer es der Blase in den Kopf kommt! Beide werden mit der Zeit undicht, und auch dem Gedächtnis schadet ein bißchen Training kein bißchen. Aus dem gleichen Grund werde ich auch in diesem Post niemanden mit irgendwas vergleichen. Warum, wiederum, sollte ich? Wenn es auch anders geht?

Zum Beispiel meinen Lieblingswiderling in dieser Legislaturperiode, der bislang jedes Ranking gewann, wenn ich Boko Haram (Triple A, Ausblick: widerlich) mal aus der Konkurrenz nehme: der oberste Dienstherr des Bundeskriminalamtes und offene Arsch der SPD, Grinsepöter Oppermann. Keine Sorge: ich werde einen Pöter nicht mit einem Arsch vergleichen, ich vergleiche einen Zossen ja auch nicht mit einem Gaul, das sind doch lediglich unterschiedliche Bezeichnungen für identische Dinge. Sowohl Zossen als auch Gäule pflegen Hintern zu haben, auf die, wie meine Schwester in jungen Jahren abfällig von den Hinterteilen unliebsamer Konkurrenz zu sagen pflegte, “manch Pony neidisch wäre.” In der Tat kann angesichts eines Oppermann ein Kaltblut in Weißglut geraten vor Neid. Da tappst er, der im Broterwerb Frühstücksdirektor der Sozialdemokraten im Bundestag ist, auf gut Glück in Wehners großen Fußstapfen herum und versucht, deren Ränder zu finden, die er natürlich nie erreichen wird, und wenn er hundert bemühte Nazivergleiche bemüht. Wehner erledigte dergleichen mit einer eleganten ‘Übelkrähe’. Tatsächlich kann Grinsepöter seinem Vorgänger nicht nur nicht das Feuer reichen, er würde sich noch nicht einmal als Pfeifenreiniger für dessen Rotzkocher eignen, dazu ist er viel zu glatt. Ein Pfeifenreiniger sollte gerade sein, er braucht Rückgrat. Er braucht eine rauhe, wollige Oberfläche. Mit dem sprichwörtlichen Kinderpopo kriegt man den Sabber nicht eingefangen.

Fairerweise muß man zugeben, daß Wehner der Fraktion zu einer Zeit einheizte, als diese sich noch nicht als Wurmfortsatz der Bundesregierung begriff, sondern eine Idee davon hatte, was Gewaltenteilung und wozu sie gut sei. Nicht, daß ich die SPD-Fraktion mit einem Wurmfortsatz vergleichen wollte, und die Bundesregierung mit einem Blindarm. Ich will auch nicht deren Identität behaupten. Ein Wurmfortsatz ist deutlich mehr als die SPD. Ein Wurmfortsatz kann, wenn er sich an irgendwas entzündet, seinem Wirtskörper allerhand zu schaffen und dessen Immusystem gehörig Beine machen. Die SPD hingegen kann sich nicht mal mehr für irgendwas erwärmen, geschweige denn in Glut geraten. Alles was ich sage ist, die SPD wäre gern der Wurmfortsatz der Bundesregierung, aber sie ist es natürlich nicht. Sie kann es nicht sein, denn ein Wurmfortsaz hat keinen Arsch. Q. E. D.

Nun hat der Arsch die Stirn gehabt, eine trübe Tasse von der Linkspartei mit den Nazis zu vergleichen. Diese trübe Tasse – ich muß erst lange suchen, der Name war mir nicht geläufig: Müller, nie gehört, soll aus Brandenburg kommen – diese trübe Tasse hat den Herrn Bundespräsidenten Gauck einen widerlichen Kriegshetzer genannt. Er hat ihn nicht mit einem widerlichen Kriegshetzer verglichen, sondern hat behaupte, er wäre einer. Das ist, ob von der Meinungsfreiheit gedeckt oder nicht, zumindest sachlich falsch. Gauck ist natürlich kein widerlicher Kriegshetzer, sondern ein ausgesprochen sympathischer Kriegshetzer. Mir fällt im Moment kein widerlicher Kriegshetzer ein, aber mich dünkt, um wirklich widerlich zu sein, müßte ein Kriegshetzer etwas mehr Ähnlichkeit mit Oppermann haben. Daß viele Leute Gauck nicht leiden mögen, mag daran liegen, daß er den falschen Beruf gewählt hat. Wäre er Trappistenmönch, hätte wahrscheinlich nicht einmal Angela Merkel etwas gegen ihn. Oder ein Militärpfarrer, der seinen Leuten nahebringt, daß

“Christen, die ihren Kriegsdienst unter den Augen Gottes ableisten, [...] ihr Handwerk des Tötens immer so verstanden [haben], dass sie es im Namen der Liebe übten,”

wie es Gaucks Waffenbruder im Geiste, der Powertheologe Thielicke zu formulieren verstand. So sollen solche Seelsorger schließlich säuseln. Dafür hat man sie. Der junge, ja noch ungefestigte Soldat soll wissen, daß er, wenn er in der linken Hand einen Totenschädel und in der rechten sein entblößtes Glied hält, daß er dann ein Werk der Liebe verrichtet. Wie sollte denn so einer von allein darauf kommen? – Oder wenn Gauck Schrotthändler wäre und Vorsitzender des Käsdorfer Gewerbevereins, einmal im Jahr zum Ball lüde, den Damen die Hand küßte, beim Tanzen patzte und sich an der Bar mit jungen Dingern umgäbe, denen er schmierige Witze erzählte – niemand würde ihn einen widerlichen Kriegshetzer heißen! – Also ist er auch keiner. Natürlich darf man einen Bundespräsidenten kritisieren, und vieles an unserem Herrn Bundespräsidenten kann man auch kritisieren, z.B. daß er nicht alle Tassen im Schrank hat. Aber ist es denn ausgerechnet Sache einer trüben Tasse aus Brandenburg, mit dem Finger auf einen solchen Schrank zu zeigen?

Viel ist geschrieben worden darüber, daß die Kritiker Gaucks ihm die Worte im Hals herumgedreht hätten, darum sei hier noch einmal wiederholt, was er denn eigentlich gesagt hat, damit sich der Leser selbst ein Bild machen kann:

“Und dann ist als letztes Mittel manchmal auch gemeinsam mit anderen eine Abwehr von Aggression erforderlich. Deshalb gehört letztlich als letztes Mittel auch dazu, den Einsatz militärischer Mittel nicht von vornherein zu verwerfen.”

Das ist, der Leser hat recht, ein wenig wirr. Es gibt da einmal ein letztes Mittel und deshalb “letztlich” noch ein letztes Mittel, das aber “dazu” gehört, und dieses – ich vermute: allerletzte – Mittel besteht darin, ein drittes Mittel nicht abzulehnen, und zwar nicht einfach so nicht abzulehnen, sondern nicht von vornherein abzulehnen.

Nun kann das Mittel, ein Mittel nicht von vornherein abzulehnen, niemals das allerletzte Mittel sein, sondern es muß – von vornherein – das allererste Mittel sein, sonst funktioniert das nicht. Man kann nicht erst dann mit dem Blasentraining beginnen, wenn die Hose naß ist. Der Sinn ist ja der, die Hose trocken zu halten. Deswegen – ich wies ja bereits auf den Schrank und die nicht vorhandenen Tassen hin -: wenn man über diese Rede nicht das Mäntelchen der Barmherzigkeit breiten will, um sie darunter qualvoll ersticken zu lassen, sondern sie als präsidiale Prachtrede der Nachwelt überliefern will, dann kann man diese Worte nur solange drehen, bis sie Sinn ergeben:

“Und deshalb muß man hin und wieder auch bereit sein, die Politik mit anderen Mitteln fortzusetzen und Schwächeren den Krieg zu erklären. Es gab früher eine gut begründete Zurückhaltung der Deutschen, Stärkeren den Krieg zu erklären. Das kann ich verstehen! Das ist nicht ohne Risiko. Aber heute ist Deutschland ein gefestigter Verbündeter, mit richtigen Verbündeten, nicht bloß Japan und Italien. Heute können wir – zumindest mit anderen zusammen – auch Stärkere angreifen. Aber besser noch: wir greifen gemeinsam mit anderen Schwächere an. Die Göttin der Geschichte, die ein solches Deutschland einen solchen Krieg verlieren lassen würde, die wäre eine Hur’! Und zwar höchstwahrscheinlich eine Zwangsprostituierte. Eine, die nicht kann, wie sie will, sondern muß, wie sie soll. Ansonsten würde sie es Deutschland umsonst besorgen.”

Das wäre allerdings Klartext. Aber man muß sich entscheiden, was man will: O-Ton Gauck, oder Klartext Gauck. Beides zusammen gibt es nicht.

Und deswegen ist Gauck auch kein Kriegshetzer. Von einem Kriegshetzer kann und muß man erwarten, daß er klar und auch der schlichten Bürgerbirne verständlich formuliert. Wenn man dessen Reden jeweils erst interpretieren muß, dann wird das nichts. Wie dieser eine da aus dem Sportpalast – ach gauck! Ach guck, vielmehr: da hätten wir ja einen: Kriegshetzer und widerlich obendrein. Jedenfalls Grinsepöter dicht auf den Fersen, was Widerlichkeit angeht. Nicht, daß ich die beiden miteinander vergleichen wollte, das hieße denn doch über das Ziel hinausscheißen. Und das möchte ich nicht. Ich möchte hier nicht die Grundlage für einen Vergleich zwischen Grinsepöter und mir legen, denn auch jener hat ja mit dem seinigen – zur Erinnerung: er verglich eine trübe brandenburgische Landtagstasse mit den Nationalsozialisten der frühen Zwanzigerjahre – weit über das Ziel hinausgeschissen. Mehr noch, er hat mich mit seinem Satz, die “Sozialdemokraten” regierten “sensibel”, so dermaßen zum Lachen gebracht, daß ich mich ums Haar eingenäßt hätte. Als ich minutenlang keine Luft mehr bekam, fing Tausendschönchen schon an, in meinem Schreibtisch nach meinem Testament zu kramen. Das geht zu weit! Darauf reagiere ich sensibel.

Ich habe so sehr lachen müssen, daß ich zunächst gar nicht mitbekam, daß der Satz ja noch weiterging. Ich dachte, er wäre zuende. Deswegen mußte ich auch so lachen. Denn selbstverständlich regieren nicht die Sozialdemokraten, sondern es regiert die Regierung, und die Sozialdemokraten unter Pötermanns Knute, also die im Bundestag, die sind nicht dazu da, zu regieren, sondern um das Regierungshandeln zu kontrollieren. Aber das wissen sie nicht mehr, denn seit nicht mehr Wehner den Fraktionsvorsitz innehat, sondern Grinsepöter, sagt es ihnen keiner, und sie halten sich für der Regierung ihren Wurmfortsatz. Aber selbst, wenn das alles nicht wäre, wenn sie tatsächlich regieren würden, dann kann ich ihnen sagen, wie sie nicht regieren würden: sensibel. Ein durchgegangener Zuchtbulle, der seinen Verfolgern entkommen ist, sich ins Krankenhaus gerettet hat und dort auf der Frühchenstation herumtrampelt, ein solcher Zuchtbulle hätte doch immerhin noch Reste von Sensibilität. Nicht viel, aber nachweisbare Spuren. Davon kann bei den Sozialdemokraten keine Rede sein, wenn sie im Parlament auf den zarten Gesetzesentwürfen herumtrampeln, die eigentlich noch unter die Höhensonne gehören. Wenn da irgendwo Spuren von Sensibilität sein sollten, dann unterhalb der Nachweisschwelle.

Wie ich dann endlich mit Lachen fertig war – ich kann sehr ausdauernd lachen, und aus den nichtigsten Anlässen. Einmal, aber da war ich noch jung und wußte nicht, was eine Blasenschwäche und wozu sie gut sei, habe ich von Lüttich bis Aachen gelacht, und hätte noch länger gekonnt – wie ich mit Lachen fertig war, las ich, daß Grinsepöter nicht von regieren gesprochen hatte, sondern von re-a-gieren. Aber re-a-gieren tun sie, die Sozen, natürlich auch nicht auf die sensible Art, wie man an Grinsepöter leicht sieht, der sich prompt benahm wie ein Jungbulle im Krankenhaus, der auf die Frühchenstation getrampelt kommt und alles was er dort findet mit den Nazis vergleicht.

Natürlich regiert auch die Linke nicht sensibel, was damit zusammenhängt, daß sie hierzulande überhaupt nicht regiert, außer in Brandenburg. Aber was ist das denn schon, Brandenburg? Der Wurmfortsatz Berlins. Das ist doch kein souveräner Staat, einer, der seinen Nachbarn den Krieg erklären könnte. Das war mal. Außerdem regieren sie dort zusammen mit der SPD, einer Partei, die ihre eigenen Koalitionspartner mit den Nationalsozialisten der frühen Zwanzigerjahre vergleicht. Soll man das etwa sensibel nennen? Mit so etwas koaliert man doch nicht! Das hätte es unter Adolf nicht gegeben. Überhaupt war bei den Nazis nicht alles schlecht. So hielten sie sich beispielsweise mit Nazivergleichen wohltuend zurück, wenngleich das das einzige ist, was an ihnen wohltuend war. Was lernt uns das? Was kann es uns lehren? Was könnte insbesondere Grinsepöter dem entnehmen? – Man kann ein Arsch sein, auch ohne Nazivergleiche zu bemühen, das lernt uns das.

Und ferner lernen wir daraus, daß es eben darum unerheblich ist, daß, wie allenthalben zu lesen war, Grinsepöter, kaum daß er die Linke damit in Verbindung gebracht hatte, hinterherschob:

“Nun ist ganz klar, dass ich Sie damit nicht in Verbindung bringen will.”

Zu spät! Damit rettet er seinen Arsch jetzt auch nicht mehr. Da hätte er mir früher ins Wort fallen müssen. Nun aber bin ich in der Lage, Pötermann mit einem Fingerschnipps mit Boko Haram in Verbindung zu bringen, indem ich es einfach tue. Und die oben Ausgeschlossenen hiermit wieder offiziell zum Vergleich zulasse. Obwohl ich es nicht will, wie ja nun ganz klar ist.

Aber durch seine unglaubliche Entgleisung hat Grinsepöter die Grundlage für Posts wie diesen ja erst gelegt.

Offener Brief

an die meist nicht geschätzten Nazis
allerorten, insbesondere aber in der Nähe des Bahnhofs

Meist nicht geschätzte Nazis!

Wie geht’s? Was macht das lebensunwerte Leben? – Was denn? – Nanu!? – Tatsächlich? – Und ich hatte immer gedacht, ‘lebensunwertes Leben’ sei der Ausdruck, mit dem man eure spezifische Art und Weise, die Zeit totzuschlagen (Springerstiefel) und dem lieben Gott den Tag zu stehlen (Arisierung) charakterisiert? – Nicht? – Na, dann nicht.

Aber meine Definition finde ich besser. Denn das erste und bislang einzige Mal, daß ihr etwas Vernünftiges zwar nicht gewollt, aber immerhin bewirkt habt, das war, als ihr irgendwas zu loben oder zu tadeln hattet, von dem ihr wolltet, daß auch die Öffentlichkeit davon erführe, weil ihr wußtet, daß das die Antifa auf den Plan rufen würde, und ihr deswegen eine Demonstration für oder gegen etwas angemeldet hattet, und zwar in der Nähe des Bahnhofs. Was prompt die Antifa auf den Plan rief, die eine Gegendemonstration anmeldete, und zwar ebenfalls in der Nähe des Bahnhofs.

Ob eine der beiden tatsächlich stattgefunden hat, oder gar beide, und wer gewonnen hat, das weiß ich nicht und das ist auch vollkommen unerheblich. Berichtenswert bleibt, daß die fürsorgliche Polizei, die nicht wollte, daß man euch Fahrräder an den Kopf wirft – warum sie das nicht will, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es fällt mir leicht, es zu akzeptieren, und zwar aus folgendem Grund: weil nämlich die fürsorgliche Polizei alle Fahrradbesitzer, die ihre Fahrräder in der Nähe des Bahnhofs aufzubewahren pflegen, aufforderte, die Räder vor der Demonstration zu entfernen, sonst werde sie es tun. Man sollte sich in dem Fall nach der Demo das Rad irgendwo wieder abholen können, und weil ich dazu zu faul war, ließ ich das Rad also für das Wochenende der Demo stehen und ging zu Fuß zum Bahnhof, nicht ohne mir unterwegs mehrfach zu versichern, daß ich die “Spinner” (Gauck), die mir das eingebrockt hatten, für nicht besonders schätzenswert hielt.

Das war aber ein Fehler. Denn am Montag, als ich abends einen Platz für das Fahrrad suchte, fand ich erstmals keinen völlig überfüllten Fahrradpark mehr vor, sondern einen großen leeren Platz, auf dem ich mir aussuchen konnte, wohin ich das Fahrrad stellen wollte, und aufgrund einer momentanen Entscheidungsunfähigkeit beinahe den Zug verpaßt hätte. Noch viel erstaunlicher war, daß diese gähnende Leere in den kommenden Monaten und Jahren sich nur langsam wieder füllen sollte. Wir leben scheints nicht nur in einer Wegwerfgesellschaft, sondern in einer speziellen Wegwerfgesellschaft, in der die Leute die Vorhängeschlösser, die sie nicht mehr brauchen, nicht einfach ins Wasser werfen, sondern am Brückengeländer anschließen, und die Fahrräder, die sie nicht mehr brauchen, die ketten sie am Bahnhof an alles, was ihnen niet- oder nagelfest erscheint. Und wenn unsereins dann kommt, um ein Vorhängeschloß ans Brückengeländer zu schließen, damit der Liebsten tausendjährige Treue zu geloben, bis zum Herbst oder so, je nachdem, mal sehen, wie lange es diesmal dauert, dann findet er dort keinen freien Platz. Und wenn er nach Feierabend einen Platz für sein Fahrrad sucht, dann findet er keinen Stellplatz.

So war es vor eurer Demonstration, und so ist es bei kleinem wieder. Viele Fahrräder sind seit Monaten nicht bewegt worden und werden auch so bald nicht bewegt werden, wie man an platten Reifen, fehlenden Sätteln, krummgetretenen Felgen und geknickten Speichen leicht abliest. Es wäre mal wieder soweit. Wie wär’s? Hättet ihr nicht in nächster Zeit was zu loben oder zu tadeln? Vorzugsweise in Bahnhofsnähe?

Ich wüßte das zu schätzen.

Radagast

Jibbitz

Als ich im vergangenen Jahr mit meinem Neffen, dem Sohn meiner Schwester, welche als Kind mehrfach zu heiß gebadet worden ist – ich weiß das, weil ich dabei gewesen bin; unsere Eltern pflegten uns zusammen in eine Wanne zu stecken, aus Sparsamkeit und vermutlich Umweltschutzerwägungen – nicht, daß sie besonders grün veranlagt gewesen wären (dann hätte man uns vielleicht eher lauwarm gebadet), es steckte unseren Vorfahren – mehrheitlich Bauern und Kleingewerbetreibende – einfach so im Genom: daß man nichts wegwarf, was sich noch gebrauchen ließ, nicht einmal Badewasser; bei uns konnte die Restmülltonne froh sein, wenn sie was abkriegte, mit dem sie ihre Blöße bedecken konnte. Insbesondere im Vergleich zu meinem Großvater stehen die Grünen wie vaterlose, ja großvaterlose Waisenknaben da. Mein Großvater trennte und vermied Müll, daß es nur so staubte. Richtig stauben tat es, als der alte Pferdestall – wir wohnten in einem Haus, das im vorletzten Jahrhundert von einem Bierverleger gebaut worden war; es war nie fertig geworden, denn auch in den Gründerjahren gingen Startups pleite, was sie mit kaiserlicher Genehmigung auf ‘die Juden’ schieben durften; und als meine Vorfahren das Haus für einen Apfel und ein Ei aus der Konkursmasse des Verlegers herausgekauft hatten, da waren zwar noch genügend Äpfel und Eier übrig, mit denen man die alte Waschküche, in der die Bierflaschen gespült worden waren, zum Kinderzimmer hatte umbauen können – darin schliefen wir, und ich glaube, mein Zugetansein zum Getränk Bier verdankt sich möglicherweise dieser frühen Prägung; obwohl andererseits die Zugetanheit zum Bier natürlich keinen ‘Grund’ braucht, sondern eine selbsterklärende Angelegenheit ist – aber es waren weder ausreichend Äpfel noch Eier übrig, um das Hinterteil des Hauses auf Vordermann zu bringen; zwar hatte es zur Straße hin eine schöne Jugendstilfassade, nach hinten hinaus aber war alles pfui, so auch der Pferdestall, in dem seinerzeit zwei wackere Bierkutschpferde friedlich nebeneinander gestanden und hoffentlich ihren wohlverdienten Hafer bekommen hatten; wir selbst hielten keine Pferde, sondern hoben Gartengerät darin auf – Spaten, Äxte, Hackebeile, Spitzhacken und was das Jungenherz sonst noch begehrte. Das Flachdach jedoch, dem das ursprünglich geplante Satteldach aus Kostengründen seinen Platz hatte überlassen müssen, war eine mittlerweile marode Angelegenheit. Sedimentschicht um Sedimentschicht hatte sich darauf gelegt, und nun wuchs eine veritable Birke da oben. Was noch nicht viel heißen will, Birken wachsen überall, aber eines schönen Sommertags wurde diese so groß und schwer, daß das Dach zusammenzukrachen drohte, und der Stall wurde um die Kosten etlicher Butterbrote einen Kopf kürzer gemacht und kriegte ein neues Dach. Nachdem sich der Staub und die Maurer verzogen hatten, rückte mein Opa sich einen Hocker in den Hof und fing an, den Mörtel von den Ziegeln zu picken, wie nur je eine Trümmerfrau. Krieg und Not hatten es ihn gelehrt, keine Ziegelsteine wegzuwerfen, aber es kam seinem Naturell auch weit entgegen. Auch ich habe es geerbt, das Naturell, und kann mich nur schwer von Dingen trennen. Nicht so sehr von Ziegelsteinen – es kam ja irgendwann der Tag, da mein Opa sich anschickte, nicht mehr unter uns zu sein, und keine zwei Tage später waren die Ziegel sowie der Mörtelhaufen, der noch immer zwischen Waschküche und Pferdestall herumlag, an einen Bäckermeister verhökert, der Schutt für seinen Garagenvorplatz brauchte; das war nicht schön von uns, aber im Hof konnte man endlich wieder Fußball spielen – mit Ziegelsteien tue ich mich vergleichsweise leicht, aber von Erinnerungen trenne ich mich nicht so hopplahopp. Drum sitzt mein Großvater in meinem Herzen noch heute auf dem Hocker und staubt mir den Hof und die Jahre der Adoleszenz mit Mörtelstaub voll. Vielleicht, wer weiß, trägt auch diese Erinnerung zu meinem Bierdurst bei.

Meine Schwester und mich aber steckte man zu zweit ins Pullefaß. Aus Verantwortung, Veranlagung, aber auch ein wenig aus Verehrung für Wilhelm Busch, mit dem wir Kinder früh in enge Berührung kamen, so wie das Hinterteil des Bruders Franz mit dem Badeofen (in der Geschichte vom Bad am Samstagabend), jedenfalls nicht aus Mangel an Gespür für was sich schickt und was nicht – in der Hinsicht darf die zeitgenössische Öffentlichkeit, die ja aus gegebenen Anlässen schier unsinnig werden möchte, wenn irgendwo die Existenz unbekleideter Kinderkörper nicht nur zugegeben, sondern als quasi gottgegeben und normal verharmlost wird, ohne daß der dafür Verantwortliche nach der Polizei rufen oder ihr übergeben würde – in dieser Hinsicht darf die Zeitgenossenschaft sich wieder abregen: wir badeten zwar nicht mit Badehose, Bikini oder Badeburka, aber wir waren darum doch keine Libertins! Damals. Waren wir nicht. Damals waren wir vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Oder sechs. Also kriegen Sie sich mal wieder ein! Es begann dann auch irgendwann die Zeit, in der man als Junge ein Mädchen nicht mit der Kneifzange ansehen würde, und ich versichere, daß meine Eltern mich in dem Alter nicht mehr ins Familienbad zu zwingen vermocht hätten. Sie werden es noch ein-, zweimal versucht haben, aber dann wird es auch gut gewesen sein. Man kann ihnen diesbezüglich keine Vorwürfe machen. Das einzige, was man ihnen vorwerfen kann, ist, daß sie, wenn ich Shampoo in die Augen bekam und dementsprechend herumkrähte, mir bedeuteten, ich möge mich nicht so mädchenhaft anstellen.

Mädchenhaft! Und das vor den Ohren meiner Schwester! Als ob man der die dummen Sprüche erst hätte beibringen müssen! Denn natürlich hatte sie nichts besseres zu tun, als sich diesen zu merken und ihn mir jahrelang, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, in die Haare zu schmieren!

Nun, das ist lange her. Nicht vergeben, nicht vergessen, aber Sedimentschicht auf Sedimentschicht legt sich über jene Badewanne mit den Löwenfüßen und der an drei Stellen abgeplatzten Emaille, und auf jene Stelle an meinem Kinn, an der mich die von meiner Schwester geschleuderte Nagelbürste getroffen hat, die es – die Schwester, nicht die Bürste – nicht als gottgegeben hatte hinnehmen wollen, daß ich heimlich mit dem Brausekopf kochendheißes Wasser auf ihre Seite leitete. Erstaunlich, wie das zwiebeln kann, am Kinn! Ich wollte auch nur darauf hinaus, daß meine Schwester nicht ganz gescheit ist. Nicht nur zu heiß gebadet, sondern auch auf den Kopf gefallen. Ich weiß auch das positiv, denn ich war oft genug dabei. Meist ein paar Treppenstufen oberhalb, von wo aus ich sehen konnte, wie sie, wenn man mit dem Pantoffel kurz von hinten auf den Saum ihres Nachthemdes trat, ins Rutschen kam, dann, in der Kurve, wo die Treppenstufen sehr viel breiter sind als auf der Geraden, ins Rollen, wobei der Kopf den Rumpf überholte und, wenn alles gut ging, zuvörderst auf den Treppenabsatz bumste. Allerdings war Vorsicht angebracht. Einst riß meine Schwester im Fallen eine der Metallstangen los, mit denen der Treppenläufer gehalten wurde, was eine Kettenreaktion verursachte: der Läufer machte sich weitgehend selbständig, straffte sich, wurde zur Rutschbahn, weitere Stangen purzelten und dengelten herum, und unversehens war es mein Kopf, der den Rumpf meiner Schwester überholte und auf die völlig unnötigerweise am Treppenfuß lauernde Nähmaschine krachte. Was mir ein Loch im Kof bescherte, das zügig genäht werden mußte – wozu die Maschine ironischerweise aber nicht taugte.

Ich bin mir ziemlich sicher, mich damals nicht mädchenhafter angestellt zu haben, als andere auch, die mit dem Kopf voran in Nähmaschinen gelandet sind, ohne zu wissen, wie ihnen geschah. Aber was soll ich Ihnen sagen? Sagen Sie das mal meiner Schwester!

Der ich im übrigen herzensgut bin, auch wenn es sich bis hierher nicht so anhört. Als ich ihr mit dem Spaten eine Narbe am Oberschenkel beibrachte, geschah das nicht mit Absicht. Ich wollte keinen Anschlag auf ihre Schönheit verüben, wobei ich mir über die Schönheit der Schwesterschenkel überhaupt kein Urteil erlauben kann; ein weiblicher Schenkel war in jenen Tagen für mich etwas, was einem in der Badewanne im Weg war, kein Objekt ästhetischer Betrachtungen. An seinem äußersten Ende saß ein Fuß, der kräftig zutreten konnte und wußte, wo es weh tat. Und das war’s. Den Spaten führte ich bloß in Notwehr. Meine Schwester hatte zuvor ein Beil nach mir geworfen, und ich war dem Tod nur entgangen, weil ich geistesgegenwärtig die Stalltür öffnete und mich hinter ihr in Deckung brachte. Das Beil haute einen Splitter aus dem Türblatt, der noch heute auf meinem Schreibtisch liegt, weil ich mich nicht von ihm trennen kann. Wenn das marode Dach noch oben gewesen wäre, wäre es jetzt heruntergekommen, und voller Erschütterung warf ich das erste, was mir in die Hand kam, nach der Attentäterin, um mich wenigstens nachträglich meiner Haut zu wehren. Es war der Spaten, und meine Schwester trug eine häßliche Wunde davon, und später eine Narbe, von der ich aber nur das Hörensagen kannte, denn seit sie mir in der Badewanne nicht mehr in die Quere kamen, gingen mich die Schenkel meiner Schwester nichts mehr an. Als ich Jahre später Interesse an Schenkeln zu entwickeln begann, waren die meiner Schwester nicht dabei, und soweit ich es beurteilen kann – was nicht sehr weit ist – hat die Narbe potentielle Interessenten an ihren Schenkeln nicht vertreiben können; auch nicht im Freibad, wo man sie zu sehen bekam – unter einem Rock, auch einem kurzen, schaute sie nicht hervor -; aber allzu genau habe ich das nicht beobachtet, die Freibadbekanntschaften meiner Schwester firmierten für mich damals alle unter den Rubriken ‘Fatzkes’ und ‘Doofmänner’, von denen ich mich fernhielt. Ich erzähle Ihnen das auch nur, um zu illustrieren, daß meine Schwester nicht zurechnungsfähig ist, und es schon damals nicht war. Wir hatten Indianer gespielt, sie war Nscho-tschi und ich war Santer, und den Spaten hatte ich dabei, um damit ihre Nuggets auszugraben, nachdem ich sie, die auf dem Weg in die Städte des Ostens war, um Zivilisation zu lernen, umgebracht haben würde, sie und Intschu tschuna, der aber nicht mitspielte, weil er seinen Häuptlingspflichen nachkommen mußte und noch nicht Feierabend hatte, statt dessen nahmen wir ihren Großvater, der vor seinem Tipi saß, Steine klopfte, und wie ein Bierkutscher zu schimpfen anhub und den Pickhammer nach uns warf, als er sah, was wir mit seiner Pferdestalltür angerichtet hatten. Was hieß hier wir? Daß sie ihr Tomahawk mitgenommen hatte, weil sie keine Lust hatte, sich von einem goldgierigen Gangster abmurksen zu lassen, ist zwar menschlich verständlich, stand aber überhaupt nicht im Drehbuch.

Als ich nun also letztens mit meinem Neffen – im Nachhinein, muß ich sagen, bin ich schon froh, mit dem Spaten kein größeres Unheil angerichtet zu haben; das Beil meiner Schwester war besser gezielt, wie ich neidlos zugebe, aber ein Beil hat natürlich auch eine stabilere Flugbahn als ein Spaten. Genau genommen war der Spaten überhaupt nicht gezielt, sondern in blinder Wut in die allgemeine Richtung geworfen. Er hätte ebensogut ein paar Zentimeter weiter oben treffen können. Ohne über das Zustandekommen meiner Neffen und Nichten ungebührlich spekulieren zu wollen – meine Schwester ist eine erwachsene Frau, die weiß, was sie tut. Zwar ist sie ein bißchen auf den Kopf gefallen, wie oben ausgeführt, aber das kann man gewiß nicht an der Existenz meiner Nichten und Neffen ablesen, obwohl manche Leute meinen, gerade die Existenz meines Neffen, den sie einen ‘Fehltritt’ zu nennen belieben, sei ein Indiz für ihre Aufdenkopfgefallenheit; Leute allerdings, oder besser: Fatzken und Doofmänner, die gut daran tun, ihr Hinterteil aus der Reichweite meiner Schuhspitze zu nehmen. Sie würde es zu finden wissen, das Gesäß, meine Schuhspitze, und sie würde keinen Fehltritt tun – ohne also über die Details dieser konkreten Zeugung ungebührlich spekulieren zu wollen, weiß ich doch aus meiner breiten Allgemeinbildung, daß der Schenkel im zugehörigen Geschehen zwar eine zentrale Rolle einnimmt – allein wegen seiner Lage: immer mitten im Gewühl -; eine tragende Rolle jedoch kommt ihm nicht zu. Er ist Nebenfigur, der lange Davy oder dicke Jemmy des Zeugungsakts, ist schmückendes Beiwerk und verleiht der ernsten Handlung eine frivole Note. Die tragende Rolle hat in den folgenden Monaten der Schoß, den demoliert zu haben einem schwer zu tragen gegeben haben würde.

Man hätte den Knaben doch sehr vermißt, auch als Onkel. Gerade als Onkel. Nicht, daß ich seine große Schwester nicht vermißt haben würde. Doch schon auch. Nur, ob man nun eine bald vierzehnjährige Nichte hat, die zehn Stunden am Tag Youtube Videos von Dner Joonge anstiert, oder peng, das macht mal gerade gar keinen Unterschied. Der Neffe hingegen ist jetzt sieben, ein Alter, in dem man als Onkel noch gefragt ist, und sei es nur als Fahrer an dem Tag, an dem man sieben wird. Denn – das kannte ich nun schon: als meine Nichte dreizehn wurde, wünschte sie sich zum Geburtstag, mit einem Sack voller Freundinnen in eine der Städte des Ostens zu fahren, nicht, um dort Zvilisation zu lernen, sondern um dort ‘shoppen’ zu gehen. Shoppen! Shoppen!! Der Himmel bewahre mich vor dem Tag, an dem ein solches Wort in meinen aktiven Wortschatz einfällt. Shoppen!!! – Ich glaube, ich würde es nicht über mich bringen, es auch nur hinzuschreiben: shoppen. Was muß eine Dreizehnjährige, eine praktisch noch zwölfjährige, eine mit Ach und Krach gerade eben dreizehn gewordene Zwölfjährige, was muß die shoppen gehen? Gehe ich vielleicht shoppen? Nicht mit der Kneifzange würde ich shoppen gehen! Wenn ich eine neue Spitzhacke brauche, gehe ich in Jeff Bezos’ Hardwarestore und sage “Jeff, ich brauche eine neue Spitzhacke, was kostet mich der Spaß?” Und schon ist die Birne geschält. Aber ich fahre doch nicht im Ernst zum Spaß irgendwohin und renne von hier nach da, bloß um nachzusehen, ob es dort die Spitzhacke in einer anderen Farbe gibt.

Als ich meine Schwester diesbezüglich jedoch zur Rede stellte, sagte sie nur, ich solle mich nicht so mädchenhaft anstellen. Ich müsse ja nicht mitfahren. Hingegen wäre es nett und eines Onkels würdig, Patenonkels zumal, den Bengel und einen Sack voller Gleichaltriger an seinem Geburtstag in ein sogenanntes oder das sogenannte Kiddo zu begleiten. Daß man einen Siebenjährigen nicht mehr einen Nachmittag lang mit Topfschlagen, Sackhüpfen und Eierlaufen faszinieren kann, sehe ich im Prinzip ein, was ich nicht einsah, war, wieso wir nicht statt dessen ein Reenactment von Winnetou I aufführen konnten, die Suche nach dem Gold der Apatschen, dieses Mal vielleicht mit Spitzhacken anstelle von Spaten, damit nichts passieren würde, aber meine Schwester wies das Ansinnen als Narretei zurück. Es sei der 6. Dezember, Winter. Schnee am Nugget-tsil stehe nicht im Drehbuch. Außerdem stehe ihr mein Neffe momentan bis zur Oberkante der Unterlippe, und die Vorstellung, mal einen Nachmittag einen weniger von der Sorte im Haus zu haben, anstatt sich sechs weitere ins Haus zu holen, sei paradiesisch. Ich möge ein netter Bruder sein, sie allesamt einpacken und entführen, je weiter weg, desto besser; sie gebe mir ihren Pössl, da paßten alle rein.

Ich kann nicht sagen, daß ich die Art meiner Schwester, schlecht über ihre Kinder zu reden, guthieße. Rede ich etwa schlecht über ihre Kinder? Nein. Dabei fallen sie auch mir manchmal auf den Wecker, wenn ich zu Besuch bin, aber dann verabschiede ich mich freundlich und fahre wieder nach Hause. Ich meckere deswegen doch nicht herum! Und was den 6. Dezember angeht: nicht jeder hat das Glück, am 14 juillet geboren zu sein, so wie meine Schwester, die ihren Geburtstag regelmäßig in Frankreich am Strand verbringt und huldvoll jede Menge Feuerwerk entgegen nimmt, das man ihr dort darbringt. Mich zum Beispiel hat man mit dem 17. Juni abgespeist; niemand hat jemals mir zu Ehren ein Feuerwerk abgebrannt. Aber hat mich das daran gehindert, bei jedem Wetter draußen zu feiern, Fackeln und Forken an meine Freunde zu verteilen und die Bastille zu befreien? Niemals! Es ist übrigens nicht so, daß ich die Gedenktage etwa durcheinander gekriegt hätte, ich weiß schon, daß die Bastille nicht am 17. Juni gefallen ist. Wir würden schon auch ‘Steine gegen Panzer’ gespielt haben, so ist es nicht. Aber wir hatten damals keinen Pössl – oder ein vergleichbares Gerät; aus Gründen, die mir nicht zugänglich sind (Sparsamkeit? Umweltschutzerwägungen? Kein Führerschein?) lebte unser Vater damals KfZ-abstinent -, der uns als Panzer hätte dienen können. Steine hatten wir genug, sorgfältig sauber gepickte Steine sogar. Aber der Sturm auf die Bastille machte einfach mehr her. – Darum sollte meine Schwester sich mal nicht so anstellen; soviel besser als im Dezember ist das Wetter im Juni schließlich auch nicht! Und noch eins: der 6. Dezember ist Herbst, nicht wahr, nicht Winter. Das wird gerne übersehen. Schnee am Nikolaustag, hat man davon schon mal gehört? Jaja, ‘bimmelt was die Straß entlang, kling und klang und kling und klang’, das kenn ich auch, das Lied; aber das ist doch ein fiktionaler Text, das ist doch keine Sachliteratur!

Bei dem sogenannten Kiddo handelte es sich um einen sogenannten Indoor-Spielplatz, in dem Eltern die Möglichkeit haben, Kindergeburtstage offshore zu betreiben. Man bekommt dort eine Box zugewiesen, in der die mitgeführten Erwachsenen für die Dauer des Events untergebracht werden können, und auf deren Tisch zum Abschluß der Feier Pommes und Hähnchenklump gekippt werden. Ich wollte meine Betreuungszusage schon zurückziehen, weil ich alles, was ‘Indoor’ oder ‘Offshore’ oder ‘Event’ im Namen trägt, für Schwindel halte, denn es sind Ausdrücke aus der Gaunersprache, und wer sie benutzt, hat Finsteres im Sinn. Er sollte sein Unternehmen nicht ‘Kiddo’ nennen, sondern ‘Schnapphahn’. Aber wider Erwarten gefiel es mir dort. Der Lärmpegel war zwar etwas oberhalb der zulässigen Grenze für ein empfindliches Onkelohr und erinnerte an eine Traktorriemenfabrik unter Vollast, aber es war nicht zu übersehen, daß die Kinder einen Heidenspaß hatten. Also war es wahrscheinlich verwerflich, was sie da machten. Mit Sicherheit verwerflich waren die völlig willkürlichen Altersbegrenzungen seitens des Managements; warum man als Onkel nicht mit auf den Vulkan – und dessen Flanken hinunterrutschen – durfte, sah ich schon aus Prinzip nicht ein. Aber genauso war es. Ich konnte dort nichts weiter tun, als in der Geburtstagsbox sitzen, die Inhalte von sieben Überraschungseiern zusammenpfriemeln und aus Langeweile das mitgebrachte Naschwerk – schwarze, weiße und mischlingsfarbene Schokoküsse – aufessen. Am Eintritt hatte es die üblichen Irritationen gegeben; der Einfachheit halber hatte ich mich als Vater eines der Gäste meines Neffen ausgeben wollen, woraufhin aber der als Jubilar angesprochen wurde, was meinen Neffen zurecht auf die Palme brachte und sich gleich zu Beginn förderlich auf den Lärmpegel auswirkte. Wenn Sie heutzutage ein Kind ausgehändigt kriegen wollen – sagen wir: bei Ikea im Kinderparadies oder ähnlichen Einrichtungen -, dessen Vater Sie nicht sind, das anders heißt als Sie und auch noch eine andere Hautfarbe hat, dann machen Sie nicht den Fehler, sich auf ihre Onkelrolle zu versteifen. Der ‘Onkel’ hat in Bezug auf Kinder und sein Interesse an ihnen eine derartig schlechte Presse, daß man mißtrauisch reagieren wird. Und wenn Sie es doch tun, vermeiden Sie es wenigstens, sich kurz vorher noch als Vater eines anderen Knaben ausgegeben zu haben. Es ist das nicht hilfreich. Aber das war nun hoffentlich vorbei, es sei denn, man hätte vorsichtshalber die Polizei benachrichtigt, die sich dann nachher an den Pössl hängen würde, dessen Papiere ich nicht dabeihatte, um herauszufinden, was ich noch alles im Schilde führte.

Ich führte nichts mehr im Schilde, außer dafür zu sorgen, daß nachher alle Geburtstagsgäste die richtigen Straßenschuhe anzogen und den richtigen Rucksack aufhatten, wo immer möglich gefüllt mit dem korrekten Inhalt. Das war so typisch meine Schwester! Auf Petitessen rumreiten, wo andere Leute schon zufrieden sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit die richtigen Gäste im Auto zu haben. Das allein würde mich reichlich ausfüllen. Eine Kommilitonin hat mich einmal gelehrt, daß die Siebenzahl nicht deswegen eine so prominente Stellung auf dem Zahlenstrahl einnehme, weil die Sieben besonders heilig wäre, sondern sie sei deswegen so besonders heilig, weil der Mensch in der Lage sei, bis zu sieben Entitäten mit einem Blick zu erfassen, ohne sie zählen zu müssen. Kann sein. Aber das setzt natürlich voraus, daß sich die Entitäten dem Blick auch zeigen, und sich nicht in einem verzweigten Kriechtunnelsystem verteilen, wo sie in Seitenröhren lauern, bis ein Mädchen vorbeigekrochen kommt, das sie dann von hinten an einer Fessel festhalten konnten, in der Hoffnung, daß es schreien würde. Was es auch tat. Meine hatten sich dies angelegen sein lassen, und es hatte sich förderlich auf den Lärmpegel ausgewirkt. Soviel zu der angeblich nicht vorhandenen Bereitschaft Siebenjähriger, mit Mädchen zusammen Geburtstag zu feiern. Es kommt halt immer darauf an, was man ihnen für eine Perspektive bietet. Als später die Pommes auf den Tisch gekippt wurden – sie wurden nicht wirklich auf den Tisch gekippt, die Hähnchenknödel auch nicht; beides war in Schüsseln – überflüssigerweise. Ich möchte anregen, sie in Zukunft auf den Tisch zu kippen. Es ist einfacher. Landen tun sie dort so oder so -, brachte die zu Tisch gerufene Meute lauter Trophäen in Form von Turnschuhen und Crocs an; mehr als sieben, denn ich mußte sie abzählen. Wir stellten sie an der Schmalseite des Tisches auf, zur gefälligen Begutachtung und Bedienung durch die rechtmäßigen Eigentümerinnen oder deren Begleitmütter, die denn auch nicht lange auf sich warten ließen. Sie schienen allesamt nicht besonders guter Laune zu sein. Manche meinten sogar, mich zurechtweisen zu müssen. Ich zuckte bloß die Achseln: was sollte ich machen? Mich ließen sie ja nicht rein in die Kriechtunnel.

Richtig sauer aber wurde eine der Begleitfregatten, als wir nach stattgehabter Mahlzeit einen Rundgesang anstimmten, und zwar das Lied von den drei Chinesen, die mit einem Kontrabaß durch den Wald gehen, was die Neugier der Polizei erregt, die wissen will, was die drei noch so im Schilde führen. Ich wüßte so recht kein Lied, das sich besser eignen würde, eine Bande ohnehin schon adrenalingesättigter Siebenjähriger noch ein wenig weiter zu sättigen; es hat, wenn man die Diphthonge mit hinzunimmt, eine schöne, runde Anzahl von 1 Strophe mit 12 Variationen – das Lied von der Wanze auf der Mauer hat bloß 10, das Lied vom Stumpfsinn hat viel zu viele, die man sich unmöglich alle merken kann, und das Lied von dem Sack Zement, das als Hommage an den Stumpfsinn freilich unübertroffen ist, abzählbar unendlich viele – und man kann sie sich auch merken -; aber es ist, nach meiner Erfahrung, für Siebenjährige noch einen Hauch zu intellektuell. Indulgenz und ästhetisches Wohlwollen angesichts der hartnäckigen Wiederkehr des Ewiggleichen ist ihre Sache noch nicht. Das siebenjährige Herz schreit nach Abwechslung. Die Chinesen mit dem Kontrabaß hingegen sind optimal. – Es kann aber der Frömmste nicht in Frieden singen, wenn es der Nachbarin in der angrenzenden Box nicht gefällt; und dieser hier gefiel es nicht. Sie hatte schon halb und halb vor mir ausgespuckt, als sie kurz vorher einen rosafarbenen Croc von unserem Tisch geholt und uns allen Gefängnis in Aussicht gestellt hatte, weil irgendein Jibbitz fehlte; und nun kam sie, um mich unziemlichen Gesangs zu zeihen: ich glaube, wir waren bei drü Chünüsün, sieben Strophen also hatte sie bereits klaglos in ihr empfindsames Gehör gelassen, nun ward es ihr zuviel. Ich versuchte, sie zu beruhigen, es kämen bloß noch vier. Aber das war es nicht. Vielmehr nahm sie Anstoß an der Ethnizität der Chinesen in unserem Gesang. Und während sie mich noch auszankte, heftete sie in wachsendem Zornmut den Blick auf das adrenalinspiegelnde Gesicht meines lauthals singenden Neffen, so, als habe der Gesang aus dessen Mund ganz besonders zu unterbleiben, oder als würde die Anwesenheit dieses Neffen mich, den Chorleiter und Anstifter, ganz besonderer Verderbtheit überführen.

Das sei, versuchte ich ihr zu erläutern, der Sohn der Häuptlingstochter ‘Schöner Tag’, meiner Schwester, einer Lehrerin, die in den Städten des Ostens Zivilisation lehre. Der Vater sei karibischer Abstammung und möglicherweise Nachfahr freventlich dorthin verschleppter Afrikaner, daher die frappante Ähnlichkeit des Jungen mit Harry Belafonte. Mein Name sei Santer, ich sei ein einfacher Yankee und verträte mithin die Ethnie der ‘white anglo-saxon protestant males’, zu deutsch der schichtkäsefarbenen, niedersächsischen, protestantischen Mehrheitsbevölkerung, so daß wir an diesem Tisch zumindest ideell alle Rassen versammelt hätten, schwarz, weiß, rot und mischlingsfarben, genau wie in diesen Schokokußkästen – ich hielt ihr einen hin und bat sie, sich zu bedienen, wenn sie möge, es seien leider nur noch weiße übrig, die schwarzen hätte ich gegessen, und die Kinder die braunen, in Ermangelung der schwarzen, deren keine mehr übrig gewesen seien, als sie aus ihrem Kriechröhricht zurückgekommen seien; die weißen aber möge keiner von uns, meine Schwester wisse das auch, habe aber auf meine diesbezüglichen Vorhaltungen hin nur gesagt, ich solle mich nicht so mädchenhaft anstellen. Bei Aldi gebe es nun mal diese gemischtrassigen Schokoküsse, und sie werde nicht im Ernst nur zum Spaß von hier nach da stiefeln, um nachzusehen, ob es dort Schokoküsse in anderer Farbe gebe. Was uns allerdings fehle in der Familie, das sei das asiatische Element, obwohl ich zu Studentenzeiten einmal ein ganzes Wohnheim mit einer entzückenden Koreanerin geteilt hätte – sie hatte mich in die Geheimnisse der chinesischen Schriftzeichen eingeführt: 大 (dà) bedeute groß, gewaltig. Und 天 (tian), das sei der Himmel, also quasi die Großartigkeit, die Gewaltigkeit mit Deckel drauf, die Menschenmacht, die an die göttliche Grenze stoße: bis hierher und nicht weiter! Und es gebe überhaupt nur eins, was so gewaltig und großartig sei, daß es den Kopf selbst noch durch diese doch so absolute Grenze stecken dürfe, und das sei 夫 (fu), der Mann. Also vor allen Dingen der Ehemann. Wer weiß, wenn ich damals nicht hätte lachen müssen, wer weiß. Aber sie verbot mir, zu lachen, und geriet in eine ganz entzückende Wut. Ich solle gefälligst die andere Kultur achten und die mir fremde Sicht auf die Welt akzeptieren, und sie ballte zwei entzückende Fäuste, um damit auf auf die ihr fremde Kultur und meine Art, die Welt zu sehen, einzuprügeln. Auf das wirkungsloseste, denn ich mußte nur noch mehr lachen, aber halt eben auch auf das entzückendste. Wer weiß, wie ich mich als 丈夫 (zhangfu) gemacht haben würde, der es für sein angestammtes Recht hält, seine Nase stets hoch über den Wolken zu tragen. – Wer weiß! – Aber ich hätte ja nun nicht gut jedes Mädchen, von dem ich einmal verhauen worden war, gleich ehelichen können! Wo hätte das denn hinführen sollen?

Aber davon mal ganz abgesehen, was hätten wir denn, ihrer Meinung nach, stattdessen singen sollen? “Bimmelt was die Straß’ entlang”? – Das sei doch wohl nicht das Rechte für Siebenjährige. Da könnte man ebensogut versuchen, eine Rotte vierzehnjähriger Mädels mit Topfschlagen, Eierlaufen und Sackhüpfen vom Shoppen abzuhalten. Und überhaupt – ich deutete mit großartig ausgreifender Geste auf die vier Wände des Kiddo, die allerdings fensterlos waren, was der Gebärde doch einiges von ihrer Großartigkeit nahm -: “Hält ein Schlitten vor dem Tor, und ein Schimmel schnaubt davor” – das sei doch dummes Zeug, ob sie sich das Nieselwetter draußen vielleicht mal angesehen habe?

Nanu, wo war sie denn? – Weg. – Hatte was von Rassist gebellt und war davongesegelt. – Nun schön. Daß einer, der schon als Kind jeden Abend das Kriegsbeil eingegraben hat, damit er anderntags was zum ausgraben hatte, und der – wie Ernst Jünger den durchlöcherten Stahlhelm – den Splitter einer verwundeten Stalltür als memento mori auf dem Schreibtisch liegen hat, daß so einer ein Militarist ist, das will ich einsehen. Das akzeptiere ich. Und seit ich von zwei entzückenden Fäusten verprügelt worden bin, verstehe ich mich nicht ungern auch als Bellizist, als einer, der entzückt ist, wenn er mal wieder eine kulturelle Spannung mit Gewalt austragen kann. Daß einer Sexist wird, dem man alle naslang sagt, er solle sich nicht so mädchenhaft anstellen, versteht sich von selbst. Und daß ich es nicht bei meiner ohnehin obskuren Onkelrolle belasse, sondern ohne Gespür für das, was sich schickt und was nicht, coram publico zwei nackte Kinder in die Badewanne stecke, und, nachdem der Schade angerichtet ist, es mir nicht einmal angelegen sein lasse, in der zeitgenössischen Öffentlichkeit ruf- und karriereschädigende Geständnisse zu vermeiden und wenigstens mit dem Interesse am siebenjährigen Neffen und dem Desinteresse an der vierzehnjährigen Nichte hinter dem Berg zu halten – denn das ist doch ein untrügliches Zeichen, daran erkennt der Volksküchenpsychologe seine Pappenheimer: “Ach ja? Wenn die Kinder in das Alter kommen, in dem sie anfangen zu ‘shoppen’, dann verliert der ‘Onkel’ sein Interesse an ihnen, ja? – Jaja, das kennen wir, das kennen wir nur zu gut! Leider! Nachtigall, wir hörn dir trappsen” -, sondern ungerührt zu sagen: “Wo die Pädophilen recht haben, haben sie recht” – das alles ist doch möglicherweise eine Spätfolge des Sturzes auf die Nähmaschine, treppab, Kopf voran, oder? Wer weiß. Und wenn das stimmt, dann bin ich ja möglicherweise auch Rassist. Warum nicht? Kann ja sein. Ist nicht mehr zu ändern, macht den Kohl aber auch nicht mehr fett.

Wir sangen noch die restlichen vier Strophen, etwas lauter, um dem Lärmpegel etwas Gutes zu tun, und damit die den Rückzug antretende Nachbarbox uns in guter Erinnerung behielt, und suchten dann unter den verstreut liegenden Pommes nach welchen, die noch halbwegs knusprig waren, aber es waren nicht mehr viele. Im Ketchup jedoch fanden wir ein Dingsbums, das von Natur aus ketchupfarben war, wie wir aber erst sahen, als wir es vom Ketchup gereinigt hatten. Es stellte irgendwas dar und war aus irgendeinem Material. Ich hielt es für irgendwas aus einem Überraschungsei, verehrte es meinem Neffen, hieß ihn, es in Ehren zu halten und schlug ihm vor, es ‘rosebud’ zu nennen. Wenn er zum Manne gereift sei, könne er dann ein Riesenbohei darum machen. – Dann gingen wir.

Aber was ich erzählen wollte: anderntags rief meine Schwester an und begehrte zu erfahren, wer ihrem Sohn beigebracht habe: “Drei Rassisten mit ‘nem Kontrabaß” zu singen, und “Kam die Antifa: ‘Ja, was ist denn das?’” bzw. Dra Rassastan, Dre Ressessten, Dri Rissistin, di Intifi, do Ontofo usw. usw. usw. Es sei momentan nicht recht gut auszuhalten, zuhause. In gewisser Hinsicht sei es schlimmer als vor dem Geburtstag. Sie habe sich von mir Entlastung erhofft, und nun dies.

Ich hegte den Verdacht, daß es sich um eine rhetorische Frage handelte; es mußte ihr doch klar sein, daß ich es war, der den Kindern das beigebracht hatte. Sie war doch nicht blöd. Ein bißchen zu heiß gebadet, vielleicht. Blöd aber nicht. Ich hatte den Kindern gezeigt, wie man drei Chinesen jederzeit durch ein beliebiges anderes dreisilbiges, auf der zweiten Silber akzentuiertes Wort im nominativus pluralis ersetzen könne, durch drei Kaninchen etwa. Bei drei Kaninchen aber müsse man darauf achten, daß die den Kontrabaß auch getragen kriegen müßten. Die drei Chinesen seien zwar ein fiktionaler Text, keine Sachliteratur, aber es sei auch kein Surrealismus oder Fantasy. Das Geschehen sei vielleicht ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Besser nehme man daher drei Rassisten; bei denen ließe sich allenfalls einwenden, daß man sie seltener im Wald antreffe, als Kaninchen, aber das ist noch gar nicht raus. Kommt auf den Wald an. Kaninchen brauchen lockere Böden. Jedenfalls werden die Rassisten lockerer mit einem Kontrabaß fertig. Schwieriger zu ersetzen als die Chinesen ist die Polizei. Bleiben kann sie nicht, wenn man den realistischen Charakter des Liedes nicht gefährden will, denn die Polizei kümmert sich zwar um Ausländer – wie das Wort ‘Fremdenpolizei’ zeigt -, nicht aber um Rassisten. Rassist zu sein ist nicht justitiabel und geht die Polizei nichts an. Deswegen können wir froh sein, daß wir die Antifa haben, denn die hat, wie die Polizei, im nominativus singularis den Akzent auf der dritten Silbe und ist, wie diese, ein Femininum. Auch sonst haben Antifa und Polizei manche Gemeinsamkeit. Gern treffen sie sich auf Straßen und Plätzen und suchen den Körperkontakt. Dabei kommen zwar reichlich Fäuste zum Einsatz, aber seit ich in chinesischen Schriftzeichen unterrichtet worden bin, weiß ich, daß das Trommeln entzückender Fäustchen auf dem Leib des Gegenübers durchaus seine erotischen Qualitäten haben kann, und “Hör,” sagte an dieser Stelle meine Schwester, und schob alle meine wohlgesetzten Worte ruppig beiseite, “auf zu sabbeln!”

Der Neffe habe ein Jibbitz in der Hosentasche gehabt, das ihm nicht gehöre. Wie komme das da rein? Es gehöre auch keinem seiner Kumpel, das habe sich telefonisch ermitteln lassen, demnach müsse es jemand anderem gehören; sie wolle kein unrecht Gut in der Hosentasche ihres Sohnes, sie wolle, daß die rechtmäßige Eigentümerin das Jibbitz wiederkriegte, ich sollte es daher bei ihr abholen, es mitnehmen und bei Gelegenheit, wenn ich in der Stadt sei, im Kiddo an der Kasse abgeben, dort sei bereits danach gefragt worden, auch das habe sie telefonisch in Erfahrung gebracht.

Mmh. Lust dazu hatte ich nicht. Mein Ruf an der Kiddokasse war nicht der beste, dort hielt man mich bereits für mancherlei, und nicht erst, seit die Begleitfregatte aus der Nachbarbox sich über mich beschwert und mich des Diebstahls eines Jibbitz verdächtigt hatte. Ich hatte zwar guten Gewissens geleugnet, weil ich nicht gewußt hatte, was ein Jibbitz ist. Wie die Dinge lagen, mußte ich nunmehr annehmen, daß es das ketchupfarbene Dingsbums war. Wie stand ich denn nun da? Ich hatte Diebesgut verschenkt. War das Hehlerei oder Anstiftung dazu? Hatte ich nicht von Anfang an dafür plädiert, Winnetou I zu reenacten, mit Spitzhacken diesmal? Goldraub und Doppelmord, klare Sache das, dabei hätte sowas nicht passieren können. Ich entschloß mich, zu schimpfen: Sie solle, schimpfte ich, das Dingsbums in einen Umschlag stecken und ans Kiddo schicken; ich würde das Etablissement nicht noch einmal betreten; dort habe man micht nicht mit dem Respekt behandelt, der einem 夫 zusteht. Man habe mich angesehen, als hielte man mich für einen Kinderschänder, habe mich einen Rassisten geheißen, mich des Diebstahls bezichtigt und mir ein Ende am Galgen geweissagt, respektive im Knast; keine 10 Pferde würden mich mehr dahinkriegen. Auch die 107 Pferde ihres Pössl nicht, ich ließe mir hier doch nicht alles nachsagen, ich sei doch nicht auf den Kopf gefallen!

“Stell”, sagte daraufhin meine Schwester, “dich nicht so mädchenhaft an.”

Offener Brief

an Frank Walter Steinmeier, die Montagsdemonstranten und die Geldbotin von der Federal Reserve
c/o youtube, Berlin/Alexanderplatz, Toter Briefkasten

Hallo Herr Steinmeier,

was haben Sie vor? Wollen Sie mir etwa sympathisch werden? Nach all den Jahren? Montagsdemonstranten niederbrüllen?

Soll mir recht sein. – Daß Sie da eine lange Strecke Wegs vor sich haben, wird Ihnen klar sein. Aber wenn Sie bereit sind, immer dann, wenn und immer da, wo diese garstigen Gestalten ihre Pappen in die Luft halten, zur Stelle zu sein und sie niederzubrüllen, dann werden Sie zumindest auf gutem Wege sein. Ein niedergebrüllter Montagsdemonstrant ist ein guter Montagsdemonstrant. Nur ein niedergebrüllter Monstagsdemonstrant ist ein guter Montagsdemonstrant. Jedenfalls diese Sorte Montagsdemonstrant; die will niedergebrüllt sein.

Ich versichere Sie meines grundsätzlichen Wohlwollens und sage zu, Ihren Antrag mit dem Ziel eines positiven Bescheides – gleichwohl unbestechlich – prüfen zu wollen.

Die Kostprobe war schon recht artig.

Hallo Montagsdemonstranten,

wollt Ihr verhindern, daß Frank Walter Steinmeier mir sympathisch wird? – Nun, das liegt ganz bei Euch. Wenn Ihr Euch dazu verstehen wollt, zurück unter Euren Stein zu kriechen und Euch die nächsten tausend Jahre nicht mehr zu mucksen – und mit tausend Jahren meine ich nicht das notorische deutsche Dutzend, sondern echte tausend Jahre, gerechnet ab heute -, Ihr ihm also jede Chance nehmt, Euch an- und nieder- und gegen die Wand zu brüllen, dann sehe ich keinen Grund, an meiner Einstellung zu ihm etwas zu justieren. Wenn Ihr aber drauf besteht, weiterhin montags die Mottenkiste zu öffnen und Euer madiges Mahngeschrei anzustimmen und Eure modrigen Mantras herunterzumurren und ganz allgemein den Macken-Paul zu geben, dann, fürche ich, liegt es nur an ihm selbst.

Also hopp! Zurück! – Ich habe mich daran gewöhnt, ihn nicht leiden zu können. Ich lege keinen Wert darauf, meine Ansichten etwa zu überdenken, meine Einstellungen zu ändern oder meine Affekte infrage zu stellen.

Was Ihr sicherlich ganz besonders gut nachvollziehen könnt.

Hallo Janet,

der “Uhlenbaum” (Du weißt schon!) ist nicht mehr. Wir müssen einen neuen Übergabepunkt vereinbaren. Hohl war er ja schon immer – Kunststück, hätten wir ihn sonst ausgesucht? -, aber jetzt hat das Auehochwasser bei dem Dauerregen neulich die Wurzeln soweit ausgewaschen, daß er des Morgens mit der Nase im Wasser lag. Den Kassiber habe ich gerettet. Ich habe ihn für’s erste im Brückenpfeiler versteckt, jener Brücke, weißt Du, deren Planken im Winter schon weggefault waren. Du mußt von Westen(!) her kommend über den rechten(!) Träger balancieren (ein liegender Doppel-T-Träger, möchte wissen, wer sich das ausgedacht hat, aber es läuft sich darauf ganz komfortabel), bis zum Mittelpfeiler. Da ist in der dritten Reihe von oben ein Stein locker. Den hebelst Du vorsichtig raus (Taschenmesser; paß auf, daß er dir nicht ins Wasser fällt; ist mir auch passiert; zieh am besten Gummistiefel an), und dahinter liegt der Kassiber.

Als Codewort schlage ich “Atlantikbrücke” vor.

Und nun mach mal ein bißchen hinne; am dreißigsten Mai ist Weltuntergang, und am Tag darauf will ich in den Urlaub fahren. Ich brauch das Geld.

Germanistenfuzzi

Betr. soziale Gerechtigkeit, hier: die Mütterrente

Betrifft aber auch das Rumgenerde, das trostlose Technokratenkauderwelsch in der Folge der nun gottseidank verbesserten Anerkennung der Kindererziehungszeiten für Rentnerinnen – ist das denn wohl nicht ganz egal, wer die Rente bezahlt, die Arbeitnehmer oder der Steuerzahler? Ist es nicht vielmehr die Hauptsache, daß sie kommt, die Rente? Sollten wir uns nicht, was das Ziel angeht, immerhin einig sein, selbst wenn wir uns über den Weg streiten? Insbesondere dann, wenn wir uns einig sind, daß der Weg das Ziel sein sollte, und es das Ziel sein muß, spätestens 2015 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen? Ein ausgeglichener Haushalt, o denket an! Wann gab es das schon mal? In den Achtzigern unter Stoltenberg, wohl wahr, was bloß leider nichts genutzt hat, weil mit dem gesparten Geld die DDR gekauft werden mußte. Ist aber nicht abzusehen, daß wir in naher Zukunft Zukäufe tätigen müßten; Griechenland, Portugal, Spanien und Italien gehören uns schon, und die Ukraine kann so teuer nicht sein. Die ist ja bloß noch halb.

Sehen wir das ganze doch einmal unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit: kann es denn gerecht sein, die Mütter von Politikern, Parlamentariern, Beamten und Selbständigen von der Rentenerhöhung auszunehmen? Was können denn die Mütter dafür, daß ihre Söhne und Töchter in die CDU, in die SPD oder in gottweißwas für Parteien eingetreten sind? Das hat keine Mutter gerne, aber das kann sie doch nicht verhindern. Glauben Sie mir, meine Mutter hat Rotz und Wasser geheult, als sie erfuhr, daß ich der CDU beigetreten war. Tagelang. Wochenlang. Dafür habe sie nicht zwanzig Jahre ihres Lebens in meine Erziehung investiert, hat sie ein ums andere Mal geschluchzt, damit ihr Sohn sich dergestalt wegwerfe. Sie hat sich sogar geweigert, die 28 Euro 14 im Monat anzunehmen, die ihr für meine Erziehung zustehen, hat sie zu Boden geworfen und mit dem Fuß gestoßen, und später hat sie sie wieder aufgeklaubt und hat sie Erdbebenopfern zukommen lassen. Sie fühle mit den Müttern Haitis, sagte sie, sie wisse es schließlich – wer, wenn nicht sie? -, wie es sei, wenn einem der sicher geglaubte Boden unter den Füßen schwanke, wenn kein Stein des Weltengebäudes mehr auf dem anderen bleibe, wenn man einen Sohn, der einmal Stütze des Alters hatte sein sollen, im Rachen einer Naturgemeinheit verschwinden sehe.

Ähnlich hatte sich auch die Käsdorfer CDU zum gleichen Thema geäußert, und als ich die CDU zugunsten der Grünen verließ – zugunsten der CDU, wie die Grünen behaupten – da war es meiner Mutter kein Trost. Seitdem irrt sie stumpfen Blicks umher, und von hier und dort wird berichtet, daß sie gesehen worden sei, gestikulierend, mit sich selber redend, murmelnd stehen bleibend und den Kopf kraftvoll gegen kantige Objekte rammend. Was ich sagen will, ist: eine Mutter hat es doch nicht in der Hand, was sie da im Schoß hat. Es wäre nicht recht, ihr die Rentenerhöhung zu versagen, nur weil sie Politiker, Rechtsanwälte, Unternehmensberater, Steuerberater und Lobbyisten in die Welt gesetzt hat, die sich jetzt alle davor drücken, ihre Rentenerhöhung mitzutragen. Oder jenes Heer von Beamten, das für die Ausfeilung der Gesetzentwürfe zuständig ist. Es wäre dies nicht Recht, es wäre das nicht rechtens, es wäre eine Rohheit.

Darum können wir das auch nicht machen. Wenn die genannten Herrschaften zu sparsam sind, die Renten ihrer eigenen Mütter zu bezahlen, dann müssen wir das eben tun. Wir können sie doch nicht in Sippenhaft nehmen. Es ist schon schlimm genug, daß wir ihre Enkel nicht mehr werden alimentieren können, denn wenn wir erst einen ausgeglichenen Haushalt haben, mein lieber Mann! Dann hat es sich was mit dem sorglosen Leben reicher Enkel. Dann machen wir nämlich keine Schulden mehr, und die Enkel reicher Mütter, die sich schon darauf eingerichtet haben, daß sie früher oder später einen Haufen Forderungen, Forderungen an uns, ihre Schuldiger, erben werden und von Stund an nicht mehr zu arbeiten brauchen, die können sich mal mit der Hand über den Hintern fahren. So ist das nämlich im Kapitalismus, da fliegen einem keine gebratenen Tauben ins Maul! Keinem von uns.

Die werden arbeiten müssen, diese armen Enkel, sprich: unbezahlte Praktika machen, und wie jeder Enkel, der ein unbezahltes Praktikum machen muß, werden sie es nicht nur begrüßen, sie werden es geradezu erwarten, von der Oma etwas zugesteckt zu bekommen. Da wird es gut sein, wenn die Oma 28 Euro 14 mehr im Monat zum Zustecken hat, als sie hätte, wenn wir sie ihr nicht geben würden. Also seien wir doch bitte mal nicht so!

Andererseits, wenn Sie partout nicht wollen – und ich wende mich jetzt ganz persönlich an Sie, meine Leser – wenn Sie der Meinung sind, die Finanzierung der Rente mit 63 für jene 63jährigen, die nach der Lehre, mit 18, von der Firma übernommen wurden, in der Paps schon war, und Opa auch, die nie im Leben was auszustehen hatten, die klug genug waren, als Mann auf die Welt zu kommen, wie Opa und Paps, und die schließlich auch nichts dafür können, daß andere Leute – Frauen etwa – solche vergurkten Erwerbsbiographien haben, daß sie nun bis 67 arbeitslos sein müssen, tja, so ist das nun mal im Kapitalismus. Schweine mit Messer und Gabel im Rücken gibt es nirgends – doch, die gibt es schon, im Schlaraffenland, aber der Weg dahin führt durch einen dicken Grießbreiberg – apropos Griesbreiberg: wenn Sie partout nicht wollen und der Meinung sind, mit der Finanzierung der Rente mit 63 sei es nun auch mal gut, so wie es ja auch einige unentwegte CDUler gibt, die diesen Teil des Rentenpaketes kippen wollen: was meinen Sie, käme der lange Marsch durch den Grießbreiberg für Sie infrage? Sprich: ist Ihre Mutter schon tot oder vielleicht dement? Oder Sie ein herzloser Gesell? In dem Fall würde sich, so meine ich, eine CDU-Mitgliedschaft anbieten.

Ich weiß, ich weiß, Sie und ich, wir neigen dazu, uns angesichts der Welt Elend die Hände lieber nicht schmutzig zu machen, uns in die Büsche zu schlagen, das Handtuch zu werfen, das Abo zu kündigen, wenn uns der Leitartikel nicht paßt, uns abzuseilen anstatt uns einzubringen, und von der Terrasse des Grandhotels Abgrund den Aperitif ins Korn zu schütten. Aber überlegen Sie doch mal: Sie könnten mitgestalten. Ich habe es doch auch geschafft. “Es lohnt sich.” (K.T. zu Guttenberg) Ich habe die besten Erfahrungen dort gemacht. Die CDU ist eine Partei, die sich freut, wenn neue Mitglieder eintreten, und die sich freut, wenn neu eingetretene Mitglieder konstruktive Anträge stellen, sagen wir mal: Anträge auf regelmäßige Bibelleseabende. Darauf sollten Sie nicht verzichten. Die fehlen der CDU, und auf die freut sie sich. Und wenn sie sich nicht freuen sollte, so sind sie doch gut für sie. Und wenn sie nicht gut für sie sein sollten: tja nun, so ist das Leben!

Sie dürfen allerdings nicht erwarten, daß sich die Freude etwa darin äußerte, daß man Ihnen mit offenen Armen um den Hals fiele. Die spezifisch christdemokratische Willkommenskultur besteht darin, mit den Augen zu rollen, wenn man den Neuankömmling nur von Ferne sieht. Machen Sie sich nichts daraus. Pfeifen Sie drauf! Rollen Sie zurück. Bekreuzigen Sie sich, wenn der Name Volker Kauder fällt. Loben Sie die AfD. Stecken sie sich Bildchen von Philipp Mißfelder und Vladimir Putin ins Portemonnaie. Stellen Sie den Antrag auf Ausschluß Ungarns aus der EU. Schließlich: wer hat denn damals die Türken bis kurz vor Wien gelassen!? Mitgestaltung heißt Mitgestaltung, weil es von Gestalt kommt. Und von Mit. Und von ung. Glauben Sie wirklich, daß Mitgliedschaft im ADAC sich mit Mitgliedschaft in der CDU verträgt? Ich glaube das auch nicht. Gehen Sie’s an! Es gibt viel zu wenig Unvereinbarkeitsbeschlüsse in der CDU.

Und in der SPD nicht minder, wie mir scheinen will. Sollte Ihre Mutter also noch leben und nicht dement, und Sie ein rücksichtsvoller Mensch sein, könnten Sie es mit einer SPD-Mitgliedschaft probieren. Aber ich muß Sie warnen: SPD ist teuer. Wenn Sie auch nur einigermaßen ein bißchen was eigenes Geld verdienen, hält die SPD die Hand auf. CDU und Grüne sind billiger, 1% vom Netto die Grünen, 1% vom Brutto die CDU, allerdings mit integriertem Auslandsschutzbrief und mit Sammelalbum für Ursula-von-der-Leyen-Bildchen. Aber die SPD kostet richtig Geld. Wenn Sie ein Habenichts sind, kriegen Sie’s etwas billiger, aber das auch nur um den Preis, daß Sie ein Habenichts bleiben. Denn die SPD holt es sich indirekt von Ihnen zurück. Da denken Sie an nichts Böses, und müssen plötzlich zwei Jahre länger arbeitslos bleiben, ehe Sie in Rente gehen dürfen. Und das für die gleiche Armutsrente, die es zuvor ab 65 gab. Von dem so gesparten Geld finanziert Andrea Nahles die Rente mit 63 für Ortskartellvorsitzende. Es sei denn, Sie verhindern es noch: treten Sie ein! Verhindern Sie es. Werden Sie Mitglied. Gestalten Sie mit, gestalten Sie um. Aber übernehmen Sie sich nicht finanziell!

Manch einer hat feststellen müssen, daß er, einmal in der SPD, zwar noch genug Geld hatte, um entweder a) die Rente für seine Mutter zu finanzieren, oder b) den Mitgliedsbeitrag für die Partei, aber nicht c) beides. Andrea Nahles zum Beispiel.

Darum müssen wir es jetzt tun. Aber ist das nicht ganz egal? Ist es nicht die Hauptsache, daß sie die Rente kriegt, die Mutter? Auch eine Arbeitsministerin muß erzogen sein, auch eine Arbeitsministerin macht ihrer Mutter Mühe und Kummer.

Und dann: kann Andrea Nahles’ Mutter denn wohl etwas dazu? Ist es etwa an uns, sie zu kujonieren und zu viehkatzen? Hat eine Mutter kein Herz? Ein einstmals reines Herz, und unter dem Schmutz der Welt wohl immer noch so rein wie je? Blutet sie nicht, wenn sie sich in den Finger schneidet? Muß sie nicht niesen, wenn die Polle fliegt? Hat sie nicht Augen zu sehen und eine Brust zu atmen? Hat sie nicht Hand, Organe, Sinne, Leidenschaften wie wir alle? Ist sie nicht durch dieselbe Speise genährt, über denselben Löffel balbiert, mit demselben Klammerbeutel gepudert wie jede Arbeitsministerin? Wenn wir sie kitzeln, lacht sie nicht?

Und wenn wir in die CDU eintreten, weint sie sich nicht die Augen aus und stößt ihren Kopf gegen Buchenstämme?