Wieso? Ist das denn nötig?

“Von der Leyen versetzt 4000 Soldaten in Raufbereitschaft”

Schade, verlesen.

Mitmenschen

Das war an dem Tag, an dem ich mich endlich entschlossen hatte, abends, wenn ich nach Hause kommen würde, mich auch endlich einmal neu zu erfinden. Bis dahin nämlich hatte ich mich immer geweigert. Einerseits sowieso, weil ich schon aus Prinzip nicht tue, was man mir nahelegt, oder etwa esse, was mir der Kellner empfiehlt, und andererseits deswegen, weil ich einen Widerwillen gegen die Redensunart “sich selbst neu erfinden” habe. Vielleicht sollte ich besser sagen: Die Redensunart “sich selbst neu erfinden” ist eine eklige solche. Daß ich einen Widerwillen gegen sie habe, ist zwar objektive Wahrheit, aber man könnte es mir als Ich-Botschaft auslegen – was ich zu vermeiden wünsche. So kann man an der evangelischen Akademie von Hintertutzing reden, aber nicht in einem um seinen Ruf bekümmerten Blog. Das klingt mir viel zu sehr nach Therapeuthensprech. Ich jedenfalls erlebe solchen Softie-Quatsch immer wieder als wenig hilfreich. Will sagen: Als von Würgereflexen begleitet.

Woran sich mal wieder zeigt, wie wenig hilfreich die Sprachfigur vom geringen Hilfreichtum ist: Würgereflexe mögen nicht sehr angenehm sein, aber sie sind häufig genug hilfreich. Erst heute morgen fand ich einen Socken wieder, den ich noch gar nicht vermißt hatte. Als nämlich Lena ihn mir vor die Füße würgte. Dem Aussehen nach war er längere Zeit in ihr gewesen. Wie leicht kann sowas zum Darmverschluß führen! Nun, 15-plus-tausend Jahre Haushunddomestizierung werden den Hundemagen schon gelehrt haben, mit solchen Fremdkörpern fertig zu werden. Wie ja auch unsere Sprache mit allen möglichen Fremdkörpern fertig wird. Beweis: Der Haushund, zum ersten. Er wäre nicht, wäre er bereits vor 15-plus-tausend Jahren am allerersten verschlungenen Socken verreckt. Wir wüßten gar nichts von ihm. Wir hätten ein paar Skelette von einem ausgestorbenen Verwandten des Wolfs, der sich von Socken ernährt zu haben scheint, wie ein paar ebenfalls gefundene Koprolithen nahelegen würden.

Was mit Menschen

Beweis zum anderen: Die Sprache. Sie schnappt nach allem, was man ihr hinhält, und verdaut’s. Das unsägliche 15-plus zum Beispiel, das den etwas weniger doofen Ausdruck 15 + x ersetzt hat, der noch angehen mochte, weil er immerhin aus der Algebra geklaut ist, allwo er seinen Sinn hatte; wobei man es aber verabsäumt hat, die rechte Seite mitzuklauen, die der Gleichung jetzt natürlich fehlt. Aber was will man machen? Man müßte für die Angabe des Haushundalters auf Ungleichungen zurückgreifen: 15 <= x <= 100 (in Tsd.); das versteht doch keine Socke. Die meisten jedenfalls nicht. Na, sagen wir: viele. Manche. Manche laufen schreiend davon, wenn sie das Wort Algebra nur hören. Erst neulich war ich bei einer Familie zu Gast, in der sie alle, wie sie um die Tafel herumsaßen, das Kommutativgesetz nicht mehr kannten. Sie kannten nicht einmal das Wort, geschweige denn die Fabel von den neun dummen Haushundvorfahren, die nicht wissen, wie sie 10 Socken untereinander aufteilen sollen. Lauter Sozialdemokraten. Sie verwechselten es mit dem Assoziativgesetz, das sie immerhin dem Namen nach noch kannten, mit der Begründung: Ja-a, da war mal was. Assoziativ kann man sich anscheinend besser merken als kommutativ. Es ist assoziativer.

Übrigens will ich nicht behaupten, daß es an der Parteizugehörigkeit liegt. Es ist bloß so, daß sie alle, die da saßen, Sozialdemokraten waren. Zum Teil wohl auch noch sind, denn es ist noch nicht lange her. Bei uns in der Familie sind alle Sozialdemokraten, bis auf Onkel Hans und mich. Onkel Hans kam aus Aurich und war in der CDU, ein Unding, das! Seit der Besiedlung im Jungpaläolithikum, als steinzeitliche Jäger mit ihren Deutsch-Drahthaaren und Münsterländern in den Wahlkreis Aurich-Emden einwanderten, gehört derselbe der SPD. Da ist man nicht in der CDU! Hah, mangels eines geeigneten Direktkandidaten mußte die CDU dort sogar einmal den FDP-Kandidaten unterstützen, die Brüder gibt es nämlich überall in ausreichender Menge. Einer von uns aber, der nicht von Geburt an in der SPD gewesen wäre, würde durch das schlechte Beispiel Onkel Hansens sehr bald hineingetrieben worden sein. Bis auf mich. So ein schwarzes Schaf nimmt man sich natürlich gern zum Vorbild, wenn man ich ist, und wenn man Minderheiten zugetan ist, und wenn man schon aus Prinzip nicht tut, was man soll. Allerdings ruht meine Mitgliedschaft in der CDU, jedenfalls verübergehend. Auf Wunsch derselben und gegen den meinigen. Ich würde schon gern weiter dabei mithelfen, die Welt noch etwas christlicher, noch etwas demokratischer und noch etwas unierter zu machen. Oder sagen wir mal wenigstens Käsdorf. Die CDU Niedersachsens aber scheint sich schwer zu tun mit Verwandten von Onkel Hans, der seinerzeit über deren Landesliste in den Bundestag rückte, vier Jahre lang nicht weiter auffiel, wieder abrückte und nie wieder gesehen ward. Was mag da vorgefallen sein? Was hat er angestellt? – Daß er das Kommutativgesetz nicht gekannt und ständig mit dem Distributivgesetz verwechselt hat, kann doch kein Grund sein, mir die kalte Schulter zu zeigen.

Selbst die Tochter von neulich, die das Zeugs aus der Schule mit nach Hause gebracht und gesagt gekriegt hatte, sie möge bei Tisch solcher Wörter bitte entraten, war schon Sozialdemokratin. Oder wird es eines Tages werden. Sie freute sich sichtlich auf den Tag, an dem sie den Krempel offiziell wieder vergessen darf (Abitur). Danach will sie zwei Jahre nach London. Oder Johannesburg, ich höre da nie so genau hin. Etwas mit Menschen machen. Oder mit Medien. Jedenfalls nichts mit Brille, Dutt und Klemmbrett. (Sie machte vor, wie sie sich mit Brille, Dutt und Klemmbrett machen würde, und zwar ohne Brille, Dutt und Klemmbrett, nur mit Mimik. Sie machte das sehr gut. Selbst das Stöckeln machte sie überzeugend, mit ihren bloßen Füßen. – Sie sollte was draus machen. Von mir aus auch “mit Menschen”.)

Was gegen Menschen

Ich persönlich habe immer was gegen Menschen machen wollen. Allerdings ist das nicht der Grund, warum ich in der CDU bin, bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich würde auf jeden Fall was gegen Menschen machen wollen, auch wenn ich in der SPD wäre. Jedenfalls gegen Menschen, die von “sich selbst neu erfinden” reden. Erfinden tut man Dinge, nicht Leute. Zwar fragt man zurecht, wer “sich den bloß ausgedacht” habe, wenn man es mit jemandem zu tun hat, bei dem man sich das in der Tat fragt, aber es bleibt immer bei der Frage, beantwortet wird sie nie. So oft sie sich auch stellt, die Frage. Zum Beispiel angesichts des Typen, der mir einmal erzählen wollte, der Erfinder des Neunnadeldruckers sei für ihn ein großer Mann. Meiner Meinung nach gehört der Erfinder des Neunnadeldruckers gehängt; es gibt genug Elend auf der Welt. Da braucht man nicht auch noch diesen Lärmdrescher. Man hänge ihn irgendwo unfern des Erfinders der Dampframme, von dem ich annehme, daß er irgendwo hängt. Denn es muß der Lärm zwar in die Welt kommen, aber wehe dem, durch den er kommt! Wobei ich der Dampframme selbst meinen Respekt nicht versage, hat sie doch für viele schöne und sehenswerte Spundwände gesorgt. Und für viele schöne und kontemplative Stunden meines Knabenlebens. Hoch soll sie leben!

Wer hat sie sich nur ausgedacht? “Sicher ein Engel oder sonst eine trübe Nuß,” sagte Robert Walser einst, bezüglich der Sehnsucht allerdings, weniger bezüglich der Dampframme, obwohl er das wahrscheinlich fertig gekriegt haben würde. Vielleicht hat er es auch. Vielleicht sind ihm auf seinen Spaziergängen aber auch weniger Dampframmen begegnet als mir in meiner Jugend. Vielleicht bedurfte es in der Schweiz weniger Spundwände als im ostfriesischen Schlick, obwohl ich das nicht glauben mag. Man vertut sich da. Man denkt: Die Schweiz, das ist doch das Land der eleganten Eisenbahnviadukte und gewagten Straßenbrücken, aber die Niederlande haben weitaus mehr Brücken als die Schweiz. Bei gleicher Fläche; was daran liegt, daß die Schweizer ihre Brücken nur aus Faulheit bauen, weil sie nicht ständig hüben ins Tal runter- und drüben wieder raufkraxeln wollen, die Holländer aber müßten waten, wo keine Brücke wäre. Wenn nicht bis zum Bauch ins Wasser. Schon Großefehn hat – was wenig bekannt ist, aber möglicherweise stimmt – mehr Brücken als Venedig. Im Umkehrschluß darf man vermuten, daß die Schweiz mehr Spundwände hat. Es gibt sogar eine Spundwand-Schweiz AG, deren Bonitätsampel man sich im Internet ansehen könnte, wenn man so bekloppt wäre, sich für so einen Quatsch zu registrieren und womöglich Geld dafür zu bezahlen. Aber ich bin nicht so bekloppt. Robert Walser dagegen darf man lesen ohne sich zu registrieren und ohne Geld dafür zu bezahlen. Es wird empfohlen. Vielleicht prüfen Sie noch einmal, ob Sie wirklich eine Spundwand brauchen, oder ob Sie mit seinen Mikrogrammen nicht ebenso weit kommen. Seine Bonitätsampel jedenfalls ist tiefdunkelgrün.

Bei aller berechtigten Kritik, die ein mit einem Trommelfell geschlagener Mensch an der Dampframme üben darf, sie war doch eine schöne, prototypische, phallische, sehr männliche Erfindung. Es war alles dran: Das rüpelhafte Auftreten, der Krakeel, der Unwille, irgendwas außer sich selbst gelten zu lassen, und dann natürlich der rhythmische Stoß, das gewaltsame Eindringen, die Schändung, der Zwang, die Unterwerfung. Kein Wunder, daß wir Knaben (Jungspunde!) staunend davor, daneben und darum herumstanden. Leider nahm man uns mit Bretterwänden die Sicht aufs Spektakel. Jugendschutz? Nun, das ist vorbei, das mit dem Jugendschutz. Alles, vor dem die Jugend nicht geschützt zu werden wünscht, gibt es im Netz. Auf youtube kann man, was Wunder, die Dampframme bei der Arbeit betrachten, wenn man bekloppt genug ist. Kein Wunder auch, daß das Nachfolgegerät eine Vibrationsramme ist, die nicht halb so viel Krach macht. Und in der Hälfte der Zeit fertig ist. Natürlich, der Vibrator! Wer sonst! Dieser Simulator! Dieser Pfahl im Fleische männlicher Unersetzbarkeitsflausen.

Dagegen ist der Neunnadeldrucker doch nur ein Haufen Sondermüll. Außerdem ist mir mein Neunnadeldrucker mal auf den Fuß gefallen, was für sich spricht, aber gegen ihn. Daß der Erfinder des Neunnadeldruckers aber kein großer Mann ist, ergibt sich schon daraus, daß er ansonsten von den Göttern an einen Felsen geschmiedet worden wäre. Große Männer müssen leiden. Der Erfinder des Rades steht irgendwo im Stau. Der Erfinder der Autobahn mußte sich Kraftwerks Schlager gefallen lassen. Was haben wir noch für Große Erfindungen, außer Feuer und Rad? Faustkeil? Schmelzofen? Knochennadel? Pflug, Schwert, Galgen? Für die Jäger und Sammler des Jungpaläolithikums war wahrscheinlich der Sack eine wichtige Erfindung. Für den Haushunddomestizierer die Zeckenzange. Gute Sache, Zeckenzange. Aber zu den Großen Erfindungen möchte ich sie nicht rechnen. Ich sehe sie in einem Rang etwa mit Klemmbrett und Dutt. Brille – Brille ist was anderes, Brille ist wichtig. Dutt und Klemmbrett kann man durch Mimik ersetzen, Stöckelschuh auch, Brille nicht. Aber ich bewundere sie nicht, die Brille. Entweder sie ist weg oder einem im Weg. Sie beschlägt, wenn man in den Backofen schaut. Sie fällt runter. Der Hund zerkaut den Bügel. Sie geht mir auf den Sack! – Was ich aber bewundere, ist die Erfindung des Sacks! Da muß einer drauf kommen. Wahrscheinlich hat einer gesehen, wie sich eine Zecke auf dem Rücken seines Deutsch-Drahthaars vollsog und immer dicker wurde. Da dachte er bei sich: So einen Sack auf dem Puckel müßte man auch haben! Da ginge ganz schön was rein. Da könnte man ganz schön was drin sammeln. Dann ging er nach Hause und erfand seinen Sack.

Beinahe hätte ich geschrieben “und erfand sich neu”. Denn was höre ich da eben im “Echo des Tages”? Die CDU will “sich neu erfinden”. Sie ist sich selbst zu drög. Ach was nicht gar! Sie will “jünger, weiblicher und bunter sein”. So will es der mittelalte, männliche, monochrome Peter Tauber, der Generalsekretär. Soso. Dann sollte sie sich aber auch umbenennen in JWB, nicht in CDU zwei Punkt null. Zwei Punkt null – von wann ist das denn? Sind wir nicht längst bei 4.0? Jung! Weiblich!! Balla-balla!!! – Bunt vielmehr? – Sag ich ja. Wenn ich balla-balla sage, dann meine ich auch balla-balla.

Ich will die CDU nämlich nicht bunter haben. Mir ist es heutzutage sowieso überall zu bunt und benetton. Aus grauer Städte Mauern wollte ich, so war es mein Wunsch, hinaus nach Käsdorf ziehn. Hab ich auch gemacht. Mit mir aber, das hatte ich so nicht antizipiert, zog die neue Zeit. Beziehungsweise diese mir entgegen. Denn wenn man zwischendurch die Stadt wiederbetritt, horcht man vergebens auf Hammerschlag und schwerer Loren Rollen. Auch sitzt er länger nicht, der Gott der Stadt, schwarz auf grauem Häuserquader, sondern breitärschig irgendwo herum, im Park, vorm Bahnhof, und sieht aus wie Jürgen Höhne in Der Sommer der Liebe. So möchte ich nicht, daß meine CDU aussieht! Meine CDU möge so bleiben, wie ich sie kenne, vorwiegend bestehend aus übelgelaunten, leicht angegangenen weißen Männern in schlecht sitzenden, miserabel geschneiderten Anzügen in Farbtönen zwischen yrgh und uäks. Mein Ideal in der Hinsicht war Norbert Blüm – ah, les neiges d’antan! Gefolgt von Gröhe. Respektive dem infernalischsten aller infernalischen Trios, Gröhe, Dobrindt und Döring. Aber Angela Merkel ist auch nicht schlecht schlecht angezogen. Und wem Merkel nicht weiblich genug sein sollte, für den kann sich Peter Tauber ja in Petra Taube umbenennen. Problem gelöst.

Was für Menschen

Wenn es nach mir ginge, stünde das “U” in CDU ab sofort für unurban. – Apropos unurban: Einen gewissen Krause sticht der Hafer. Ihm ist es in Berlin nicht mehr urban genug. Richtiger, es wird ihm nicht mehr urban genug sein, wenn sich von ihm so genannte “Neuberliner” und “Landeier” zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz eine lauschige “Begegnungszone” angelegt haben werde. Krause! (“Krause!” hieß es einmal bei Erwin Grosche, “Wir haben Ihren Friseur! Und wollen sofort 100 Mark in kleinen Scheinen für ihn haben.”) Was ist los, Krause? Sagen Sie jetzt bitte nicht, daß sie keinen Friseur mehr haben, dem Sie das erzählen können! Was interessiert das uns? Dann ist es bei Ihnen eben unurban. Dann leben Sie eben damit, daß es dort unurban ist. Wenn Sie das ärgert, dann ärgert Sie das eben. Was aber nicht angeht, ist, daß Sie den Betreffenden nahelegen, doch in die Lüneburger Heide auszuwandern, ohne vorher uns zu fragen. Veto! Vetamus!! Wir wollen die nicht haben. Was sollen wir mit den Brüdern? Warum haben wir die wohl rausgeekelt? Wir wollen keine Begegnungszonen, wir wollen Ausdemweggehzonen. Wir sind Ausdemweggehzone und wünschen, es zu bleiben. Großstadt aber “bedeutet nicht nur miteinander, sonder auch nebeneinander her.” Ihre Worte, Krause, nicht meine. Also leben Sie gefälligst nach ihrer Spruchweisheit und dulden Ihre Landeier neben sich wie ein braver Bub. Und wenn Ihnen das Magengeschwüre macht, weil Sie zwar einerseits angeblich Vielfalt wollen, die Vielfalt aber andererseits sich vorher bei Ihnen vorstellen soll, und gar nicht daran denkt, dann kriegen Sie eben Magengeschwüre. Besser Sie als wir. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, daß jemand, der den Ausdruck <SpitzeFinger>”Hingucker”</SpitzeFinger> benutzt, gar nicht genug Magengeschwüre kriegen kann.

Bah! Was für Menschen!

Wer denkt sich so einen aus? Apropos ausdenken, um noch einmal auf den Erfinder des Sacks zu kommen: Zum Ende des 18. Jahrhunderts soll ein Weber in Schmiedeberg denselben neu erfunden haben, den Sack, nicht den Erfinder, und zwar als unnähtigen solchen. Als Geldsack, Magazinsack und Getreidesack. Der Müllsack soll in den 1950er Jahren erfunden worden sein. Der Lachsack datiert auf das Jahr 1968. Aber der Sack als solcher muß älter sein. Wo ich einmal dabei bin: Auch das Faß ist in seiner Art nicht schlecht. Erfunden hat es, glaube ich, der Zwerg Perkeo. Oder der Weinschlauch. Der hat es nicht erfunden, aber er gehört dazu. Wie der Bocksbeutel. Lauter <SpitzeFinger>”Basics”</SpitzeFinger>.

Aber guck, gerammt wird schon seit der Eisenzeit, welche datiert auf – na, ziemlich lange her. Wahrscheinlich hätte ich mich damals schon möglichst rausgehalten, denn ich hatte immer Bedenken, irgendetwas in die Hand zu nehmen, das schwerer ist als ein Bleistift, für den Fall, daß es mir auf den Fuß fällt. Ich habe ein großes Talent dafür, mir Sachen auf den Fuß fallen zu lassen. Einmal hatte ich mir einen Preßlufthammer geliehen, um meine Nachbarn zu ärgern – sie sind dann nach Berlin gezogen und priesen die Stille dort -, und prompt fiel mir der auf den Fuß. Bloß weil ich ihn losgelassen hatte. Seitdem habe ich einen Heidenrespekt vor der Schwerkraft. Vor den anderen Grundkräften auch. Ich glaube, Grundkräfte sind zu allem fähig. Als Kind habe ich manchmal mit einem Nagel in der Steckdose nach der elektromagnetischen Wechselwirkung gesucht. Ich habe sie auch gefunden. Noch heute lauert sie mir manchmal auf, bloß weil ich irgendeinen öden Stecker nicht gezogen habe. Deswegen habe ich mich auch immer aus der Erfinderei herausgehalten, und wollte lieber was mit Computern machen. Prompt fällt mir so ein Lochkartenkasten auf den Fuß. Woraufhin ich ihn aus dem Fenster des Rechenzentrums auf den Parkplatz kippte. Der Grund dafür ist mir nicht mehr erinnerlich. Möglicherweise war ich ungehalten.

Wie sich in der Folge zeigen sollte, waren Vorteile und Nachteile der fortschreitenden Miniaturisierung in- und miteinander verknotigt. Zwar konnte man unter Windows sehr viel mehr Codezeilen und damit die Arbeit einer viel größeren Zahl von Tagen mit einem Fingerschnips vernichten und tat dies auch, aber die sinnliche Komponente, das Öffnen des klemmenden Fensters, die sich in die Oberschenkel pressenden heißen Heizkörperrippen, wenn man sich aus dem Fenster beugte, um den auf unvorhersagbaren Bahnen flatternden, trieselnden, schaukelnden oder plan abstürzenden wohlidentifizierten Flugobjekten in kontemplativer Verzückung hinterdreinzusehen – die Befriedigung hatte man beim Desktop nicht mehr. Außerdem war der Code ja nicht sofort »weg«, er war ja noch »da«. Zwar auf Autodächer, Regenpfützen, Hundekot und Cotoneasterbeete verteilt, aber man hätte ihn schon noch wieder einsammeln und sortieren können, wenngleich nicht wollen. Etwas sinnlicher wurde es erst wieder zu Laptops Zeiten. Der konnte einem wenigstens auf den Fuß fallen.

Und tat das auch. – Aber der Bleistift! Schon als Kind hatte ich ihn gern gegessen. Wie angenehm splitterte nicht bei manchen der gesundheitsabträgliche Lack, wenn man beherzt zubiß. Die Mine hingegen soll, mit Enttäuschung las ich es in der Wikipedia, gesundheitlich völlig unbedenklich sein. Geschmacklich gibt sie auch nicht viel her, wie man bald gewahr wird, wenn man in einen beidseitig angespitzten Stift beißt, also früher oder später, denn wenn einem das zerkaute Ende zu peinlich zu werden beginnt, spitzt man ihn eben auch von hinten her an. Kurioserweise ist mir im ganzen Leben kein Bleistift auf den Fuß gefallen. Mein Zirkel schon, hat allerdings keinen Schaden angerichtet, was er zweiffellos gekonnt haben würde; eingerichtet ist er dafür. Statt dessen habe ich ihn mir in den Daumen gerammt, und zwar nicht die dafür vorgesehene Nadel, sondern die Mine. Sie war nicht einmal angespitzt, sie kriegte statt dessen auf einem mit Sandpapier betackertem Hölzchen einen hübschen Kegelschnitt appliziert. Wie der in den Daumen hineinkam, weiß ich nicht. Ich darf auch nicht zu tief darüber nachdenken, weil ich sonst graphitgrau im Gesicht werde. Die Obszönität des Anblicks dieses unorganischen Fremdkörpers in meinem Fleisch ist meinem inneren Auge, das in der Magenkuhle beheimatet sein muß, unfern der für Mulmigkeit zuständigen Gegend, auf die Netzhaut gebrannt. An dem Tag, als unser Hausmeister aus der Klinik kam, dem man ein Exoskelett auf seinen gesplitterten Unterarm praktiziert hatte, das mit Edelstahlschrauben im Handrücken verankert war, wurde mir ähnlich flau. Er war einige Wochen zuvor von der Trittleiter gefallen und mir auf den Fuß.

Was ohne Menschen

Ich hatte sie festhalten sollen, die Leiter. Hatte ich auch gemacht.

Nun kann man den Menschen nicht vorsichtshalber komplett aus dem Weg gehen, nur um zu vermeiden, daß einem einer auf den Fuß fällt. Oder sagen wir tritt. Nicht einmal in Käsdorf geht das. Man kann nicht einmal allen gepiercten Menschen aus dem Weg gehen, obwohl ich das gerne täte. Man kann vielen gepiercten Menschen aus dem Weg gehen, indem man nach Käsdorf zieht, aber nicht allen. Das Restrisiko ist, wenn auch klein, ungleich null. 0 < R << 1. Wenn ich nur an die Bäckereifachverkäuferin denke, die wir hier hatten, als wir noch eine Bäckerei hatten. Die war praktisch rundum gepierct. Das heißt, nehme ich an. Ich kann nur für den sichtbaren Teil sprechen. Ich kannte sie schon, als der noch nicht gepierct war. Statt dessen hatte sie zwei Möpse, und wir waren auf ganz natürlichem Wege miteinander bekannt geworden. Es stellte sich dann heraus, daß es French Bulldogs waren, keine Möpse. Aber als ich sie kennenlernte, waren alle drei noch Welpen, und der Unterschied war gering. French Bulldogs werden ein bißchen größer als Möpse, wenn sie groß werden, aber es gibt ja auch große Möpse. Ich finde sogar, French Bulldogs sehen eher aus wie Möpse als Möpse, wenn sie noch klein sind. Aber egal. Als die Hunde groß waren, ließ sie sich piercen und wurde Bäckereifachverkäuferin. Ab da sahen wir uns immer samstags beim Brötchenholen, und jedesmal hatte sie ein neues Piercing. Einmal auch am Samstagabend, da hatte sie mich auf einer Lehrerfete erwischt, wo ich zu Gast war, und ich sie hinterm Tresen, wo sie aushilfskellnerte. Danach redete sie mich mit “Herr Lehrer” an. Ich finde, das geht zu weit. Niemand sollte sich als Lehrer bezeichnen lassen müssen, egal, in welcher Kaschemme man ihn antrifft. Auch abends war sie gepierct. Und als die Bäckerei dichtmachte, wurde sie arbeitslos, blieb aber gepierct. – Dann verlor ich sie aus den Augen.

Aber noch gibt es hier junge Leute. Die sind natürlich nicht alle gepierct. Sie wollen nicht einmal alle nach Berlin. Manche wollen auch nach Toronto. Oder nach Auckland. Ich merke mir das nicht so genau. Manche wollen aber tatsächlich hierbleiben. Erst neulich ist es gelungen, ein Ehepaar wegzugraulen, ganz ohne Preßlufthammereinsatz. Sie gingen freiwillig. Anstatt sich scheiden zu lassen, wie es üblich ist, zogen sie gemeinsam nach Berlin, um sich dort als Familie neu zu erfinden. In Krauses Kontakthof. Neue Begegnungsprozesse erfahren. – Nur der älteste Sohn tippte sich an die Stirn, als er hörte, was sie vorhatten. Der junge Mann, der ganz vernünftig zu sein scheint, sehr reif für sein Alter, bleibt nun allein hier. Er hatte die Wahl zwischen sieben leerstehenden Häusern und ein paar Dutzend freier Wohnungen. Es wären schon noch mehr leerstehende Häuser gewesen, aber wo früher die Häuser einfach verfielen, wenn die alten Leute starben oder ins Seniorenheim gesperrt wurden, da haben die Erben heutzutage anscheinend Geld genug, die Häuser abreißen zu lassen. Das ist zum einen zu begrüßten, schafft es doch Begegnungszonen für unsere Hunde. Die Kacke bleibt im Dorf, und das Dorf wird lichter. Schon kann ich vom Pfaffenacker aus mit bloßem Auge den Friedhof sehen. Zum anderen aber wäre es noch schöner, wenn mal das eine oder andere leerstehende Mietobjekt abgerissen werden würde, und nicht immer nur Privathäuser, aber unsereiner hat natürlich leicht reden. Unsereiner erbt, wenn er Pech hat, vielleicht ein Haus, oder zwei Häuser, als Einzelkind zweier Einzelkinder auch schon mal vier, als Einzelkind einer unfruchtbaren Patchworkfamilie möglicherweise Stücker sieben oder acht. Als Erbe eines Investors aber erbt man hunderte von Häusern. Die kann man nicht alle abreißen lassen, da würde man ja arm. Für das Geld kann man besser Windräder bauen. Da polemisieren die Leute immer gegen die Verspargelung der Landschaft, aber die Verschandelung unserer Dörfer durch leerstehende Mietobjekte ist niemandem eine Polemik wert. Dabei sind Windräder, wenn sie in der Hauptwindrichtung stehen, sehr viel geruchsneutraler als Biogasanlagen, wenn diese in der Hauptwindrichtung stehen. Leerstehende Mietobjekte allerdings auch, das will ich zugeben. Solange der Kammerjäger nicht mit Karbid arbeitet, heißt das. Ja, früher! Da standen die Mietobjekte noch nicht leer. Im kalten Krieg. Als wir noch Soldaten hatten. Die hatten’s, die konnten’s. Die konnten sich eine moderne Sozialwohnung mit Kachelbad und Badeofen wohl leisten. Man müßte mal den Satz “Soldaten sind Mörder” einer Revision unterziehen zugunsten der Wahrheit: Soldaten sind ein Wirtschaftsfaktor. Denn als bei uns noch Soldaten stationiert waren, da blühte hier das Leben. Wir hatten allein sieben Gastwirte, und Bäckereifachverkäuferinnen sonder Zahl. Sie trafen sich donnerstags mit den Mördern im Brennenden Dornbusch, was hier die angesagte Location war, unser ehemaliges Kino, was jetzt nach und nach, Stein für Stein und Ziegel für Ziegel auf den Behelfsparkplatz fällt. Auf dem Behelfsparkplatz selbst hat eine Großfamilie gewohnt, als er noch kein Behelfsparkplatz, sondern ein Fachwerkhaus war. Niemand hatte geahnt, daß sich unter dem Fachwerkhaus ein Behelfsparkplatz befand; man fand ihn beim Abriß. Nun wohnt dort niemand mehr, was auch besser ist, denn früher oder später würde ihm ein Stück Kino auf den Fuß fallen.

Dann wurden sie erst schwanger, danach Mütter, und dann wiegten sie jene Enkel auf den Knien, die heute ihre Häuser abreißen lassen und in Berlin den Krause ärgern. Die Bäckereifachverkäuferinnen. Sie selbst wohnen im Seniorenheim. Verhärmten Gesichts rollatorn sie durchs Dorf und starren stundenlang die Behelfsparkplätze an. Wie ein dementer Deutsch-Drahthaar seinen leeren Napf. – Der junge Mann hingegen wohnt bei Quastel zur Untermiete, mit Familienanschluß. Netter Kerl. Ißt auch nicht alles, was der Ober ihm empfiehlt. Ich empfahl ihm die CDU, aber sie ist ihm nicht jung, nicht weiblich und nicht balla-balla genug. Nach dem Abitur will er für ein Jahr nach Israel. Vielleicht auch nach Tansania. Von beidem war die Rede, als Quastel ihn mit zum Stammtisch brachte. Ich habe nicht so genau hingehört. Mir sind diese jungen Leute zu unentschlossen. Ich selbst war ja nicht anders. Ich erinnere mich noch, daß ich mich nach dem Abitur nicht entscheiden konnte, ob ich nach Indien wollte oder lieber in den Harz. Ich hatte schon immer einmal in den Harz gewollt. Eigentlich ins Riesengebirge, nach Schmiedeberg, was aber damals nicht ging, ohne daß man zuvor Krieg führte. Und gewann. Der Harz dünkte mich das Riesengebirgsähnlichste was unter den Gegebenheiten der Zeit zu realisieren war, und war, das möchte ich zu meiner Entlastung sagen, damals nahezu menschenleer, jedenfalls wenn man an der Grenze entlangwanderte. Nur ein paar Soldaten blickten starr herüber und machten Gesichter wie einer, dem man gerade das Elternhaus abgerissen hat. Indien wäre auch damals schon vergleichsweise übervölkert gewesen, sowieso und ohnehin, auch ohne unsereinen, aber es kam dazu, daß praktisch jeder zweite, den man kannte, in Indien war.

Oder in Südamerika. – Aber ich hatte irgendwas erzählen wollen: an jenem Abend, da ich nachhause kam in der Absicht, mich neu zu erfinden, weil ich dachte: Probier’s doch wenigstens mal, don’t knock what you haven’t tried, da kam mir igendwas dazwischen. Ich hab vergessen was. War wohl nicht wichtig. Auf jeden Fall habe ich es sein lassen. – Nach dem Abitur aber war ich in Schottland. Äußere Hebriden. Ich hatte noch keine Ahnung davon, was ich einmal werden wollte, sowenig wie ich heute eine Idee davon habe, was ich statt dessen gerne gewesen wäre. Noch war mir keine meiner falschen Entscheidungen auf den Fuß gefallen. Das sollte sich aber ändern. – Sehr schön dort, sehr unurban. Sehr monochrom. Die Bonitätsampel tieftorffarben. Graphithimmel. Kein Mensch da, damals. Nur ein paar verlassene Erdhütten aus dem Mesolithikum. Und jede Menge Wetter. Auf Uist mehr Brücken als in Spetzerfehn. Hervorragende Fish’n Chips am Hafen von Stornoway. – Als ich den Laden verließ, die Pappe in der Hand, zerrte der Wind gewaltig an meinem schlampig verzurrten Seesack und versuchte, ihn vom Fahrrad zu reißen. Ich eilte ihm mit Tänzelschritt, gestrecktem Bein und entschlossen entgegengestemmtem Hinterteil zu Hilfe – dem Sack, nicht dem Wind -, woraufhin er – der Wind, nicht der Sack -, mir die Mahlzeit aus der Hand stieß und die essignassen Chips auf den Fuß warf.

Gut so. Ich mag keinen Essig.

Parkplatzprobleme

Zwangskurse für junge Autofahrer

Rund eine halbe Million junge Menschen in London sind ohne Parkplatz. Nun hat die Regierung ein umstrittenes Trainingsprogramm gestartet – um ihnen beizubringen, Parkbuchten zu treffen oder ein Parkhaus zu erkennen, wenn sie daran vorbeifahren.

Britische Medien sprechen von einem „Erziehungslager“ („Boot Camps“) für parkplatzlose Jugendliche: Mit obligatorischen Kursen für junge Leute, die weder einen Stellplatz haben noch die nötigen Kenntnisse für das Auffinden freier Plätze, will die Regierung in London die Jugendparkplatzlosigkeit entschlossener bekämpfen als bisher.

In London gibt es zur Zeit – und nicht erst seit vorhin – deutlich mehr Autos als freie Parkplätze. Im Schnitt sind es 5,6% mehr Parkplatzsuchende als Parkplätze. Ganz besonders schlimm aber steht es mit Autos von Führerscheinneulingen, hier sind es rund 14 Prozent, für die einfach kein Parkplatz da ist. Dagegen will die Regierung nun mit Rezepten aus der neoliberalen Mottenkiste vorgehen, da sie den Rezepten aus der sozialliberalen Mottenkiste mißtraut. Die Rezepte aus der sozialliberalen Mottenkiste, sintemalen solche, die nahelegen, die Bereitstellung ausreichenden Parkraums sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, haben das vereinigte Königreich, weiß man ja, in den siebziger Jahren an den Rand des Abgrunds gebracht. Durch die Rezepte aus der neoliberalen Mottenkiste, weiß man auch, zumal solche, die dagegenhalten, so etwas wie Gesellschaft gebe es gar nicht, geben tue es bloß Individuen und Familien und Parkplätze, beziehungsweise Parkplätze gebe es eben nicht, jedenfalls nicht in den “inner cities“, durch solche Rezepte ist es der Margarete Thatcher dann aber gelungen, Großbritannien einen gewaltigen Schritt nach vorne zu bringen. Heute kann man den Rand des Abgrunds nurmehr aus der Ferne sehen, und zwar von unten. Um noch einmal in seine Nähe zu gelangen, müßte man den ganzen steilen Abhang wieder hinauf. Das wird so schnell nicht passieren.

Die Pläne sehen vor, daß alle Kursteilnehmer ein Trainingsprogramm von 70 Stunden in der inner city Londons durchlaufen, indem sie zusammen mit ihrem Coach im Stau stehen und lernen, was zu tun wäre, damit man einen Parkplatz ergattern könnte, wenn es denn einen gäbe. Den parkplatzlosen Jugendlichen soll dabei unter anderem beigebracht werden, als erster in der Lücke zu sein und der Konkurrenz eine Nase zu drehen, täte sich denn mal eine auftun, und sie wären grad in der Nähe. Und zwar nah genug.

Eine halbe Million junge Leute ohne Parkplatz

Weiterhin wird man, wie von Gretchen Thatcher gelehrt, noch vorhandene Parkplätze Pflasterstein um Pflasterstein abbauen, und auf den so freiwerdenden Plätzen Banken bauen. Wer wirklich parken wolle, so die Überzeugung der konservativen Regierung, der werde auch einen Parkplatz finden.

„Wir sind wild entschlossen, der Jugendparkplatzlosigkeit ein Ende zu bereiten“, sagte der Staatssekretär Matthew Hancock wild entschlossen. Es sei nicht länger hinnehmbar, daß die Unart, 24 Stunden am Tag die ohnehin verstopften Straßen noch dichter zu stopfen, von Generation zu Generation weiter gegeben werde, nur weil man nicht wisse, wohin mit seinem Blechhaufen, und mal wieder nach der Regierung schreie. Deshalb will die Regierung den Druck auf junge Menschen, einen Einstieg in den Parkplatzmarkt zu finden, erhöhen.

Weg auch mit den Wohnzuschüssen. Und überhaupt!

Die neuen Trainingskurse sind Teil eines Regierungsprogramms, das für junge Leute den Zugang zu staatlichen Leistungen erschwert. Ab April 2017 werden parkplatzlose Londoner im Alter von bis zu 21 Jahren nur noch dann Anspruch auf staatliche Leistungen haben, wenn sie entweder einen festen Stellplatz im Parkhaus nachweisen können, einen eigenen Parkplatz mitbringen, oder gemeinnützige Arbeit leisten, indem sie etwa als Parkplatzcoach anderen jungen Londonern im Rahmen des Trainingsprogramms das Parkplatzsuchen als Kulturtechnik nahebringen.

Premierminister David Cameron hat zudem bereits angekündigt, staatliche Wohnzuschüsse für junge Leute generell zu streichen. Die jungen Leute sollen die Kosten ihrer Wohnungen gefälligst aus ihrem Privatvermögen berappen, oder, wenn ihnen das nicht paßt, von Camerons wegen in ihren Autos wohnen. Die Maßnahmen sind Teil der Anstrengungen der Regierung, die Kosten des Sozialstaats zu senken. Mit den gesparten Kosten soll der Ellbogenstaat finanziert werden, der immer teurer wird. Die Herrschaften im oberen Drittel heischen zu wissen, ob sie ihren Profit etwa aus eigener Tasche finanzieren sollen, oder ob das bald mal was wird, da unten?

Fachleute (cf. FAZ.NET, gemeint sind Leute vom Fach – Anm. d. Red.) begrüßten an diesem Montag die Initiative der Regierung. Sie wiesen aber auch darauf hin, daß die große Herausforderung in der Umsetzung der Ankündigungen liegen werde. „Das große Problem bei solchen Programmen ist immer die Umsetzung. Die ist in vielen Fällen sehr schlecht“, sagte Gita Subrahmanyam, Expertin für Ruhenden Verkehr an der London School of Economics, gegenüber FAZ.NET. Es werde nicht einfach für die Regierung, genügend qualifiziertes Personal zu finden, fürchtet sie.

„Wenn sie die jungen Leute wirklich von der Straße bringen wollen, dauerhaft, ohne zusätzliches Geld für zusätzliche Parkplätze in die Hand zu nehmen, dann werden sie sehr, sehr gute Coaches brauchen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sehr gute Coaches. Sehr, sehr, sehr, sehr gute Coaches. Die wachsen nicht auf Bäumen. Die kosten ein bißchen was. Wenn Sie diese Kurse statt von so welchen aber von Bürokraten durchführen lassen, von solchen, die noch aus der sozialliberalen Mottenkiste stammen, solche, die solch sich überlebt habenden Maximen anhängen, wie, daß wo nichts sei, auch nichts zu holen wäre – hah! -, Leute, die noch nie einen Kreis quadriert haben, weil sie zu Harold Wilsons Zeiten mal gelernt haben, das sowas nicht geht, Leute, die nicht glauben, daß man mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen für fünftausend Leute ein gescheites Catering hinkriegt, Leute, die zu unflexibel sind, um auch nur mal auszuprobieren, ob Wasser nicht doch den Berg hinauffließt, wenn man ihm ordentlich Beine macht, Leute, die darüberhinaus einem ausgesprochenen Versorgungsdenken anhängen, bzw. Leute, die an äußerst eingeschränktem Versorgungsdenken herumlaborieren, denn sonst wüßten sie ja, daß man mit der Entwicklung hirnrissiger Konzepte und wohlfeiler Kommentare zu diesen mehr Geld verdienen kann – wenn man den Auftraggebern ordentlich einen vom Pferd erzählt, heißt das – als mit Stadtteilarbeit -: dann werden die Kurse auch nicht effektiv sein“, warnt Subrahmanyam.

„Mal unter uns: daß das Konzept nicht funktionieren kann, wissen wir alle. Warum irgendeiner glauben sollte, daß es doch geht, weiß keiner. Das einzige, was die Regierung tun kann, ist, dafür sorgen, daß die Verwaltung des Mangels billiger wird. Es bleibt abzuwarten, ob ihr Programm ein in dieser Hinsicht wirkungsvolles Programm sein wird, oder ob es ihr nur darum geht, den Ampelbericht an ihre Auftraggeber zu schönen.“

Rückschlag für alle Verschwörungstheoristen

Wie einmal zwei Verschwörer sich zu einer Verschwörung verschwören wollten, aber nicht zu Potte kamen, beziehungsweise doch, denn beim Aufstehen schon trat der eine mit dem linken Fuß ins Nachtgeschirr, was ja noch gegangen wäre, aber er trat so umgeschickt auf dessen Rand, daß das Töpfchen umschlug, der Segen auf Knöchel und Pyjamahosensaum geschah und Kotwürstchen auf der Auslegeware rollten.

Aber mal ganz was anderes: der “Fall” netzpolitik.org sei komplett erledigt, heißt es.

Uns geht es nicht anders. Die Hitze, die Hitze!

range, f. und m. unflätiger mensch, wilder bengel, ungezogener bube.

1) mit dem fem. range bezeichnete man im östlichen Mitteldeutschland, namentlich Schlesien, aber auch in Niederdeutschland (vgl. Hoffmann niederd. Äsop s. 81) eine laufende sau (nach Weigand ‘in hinsicht auf das sich hin und her wenden des mutterschweins in seiner begattungszeit’, vgl. rangen): die trüffeln werden auch mit einer gefräsigen und junge habenden range gesucht. Frisch 2, 86a (aus den ‘schlesischen neuigkeiten’); was für lust ist wol auf dem lande? man sihet da abgetribene vihknochen, garstige rangen und zerlumpte hirten. Butschky kanzl. 437; Luther braucht das wort als kräftige schelte, eigens in verbindung mit sau: was solt ich solchen rangen und sewen schreiben? 3, 149b; lieber sage mir, wie es müglich sei, dasz die rangen (rabinen wolt ich sagen) und sewjüden, in jrer sewschulen, solche hohe wort verstehen solten?

[Bd. 14, Sp. 96]

8, 123b; aber der hohepriester, junker Caiphas, die saw und rang, ist blind. 279b; es sind bauchdiener und sewrangen. tischr. 266a; dann auch auszerhalb solcher zusammenstellung: die lesterlichen buben und gottesverechter, die groszen groben esel, tölpel, knebel, rülze, filze, rangen, klötze, plöche. werke 8, 208b; und so anderweit, zu einem seinem ursprunge nach verdunkelten schimpfworte geworden:
du hast dich lassen fangen
von teuflischen calvinischen rangen.
Soltau volksl. 440 (v. 1583);

Schottel 1382 und nach ihm Stieler 1522 gibt das wort als masc. mit der erklärung agrestis et impudens homo, ohne auf andere bedeutung von range zu rücksichtigen; nur Frisch a. a. o. ist der angegebene zusammenhang gegenwärtig: range, ein mensch der als ein schwein lebt, homo agrestis et impudens.

2) range, in milderem sinne, als unbändiger bube, schlingel, die fortsetzung jenes nicht mehr verstandenen schimpfwortes, von Mitteldeutschland auch ins niederdeutsche eingedrungen und auch als ranke (s. d.) gelegentlich auftretend: range, ein lang aufgeschossener junge oder mensch, groszer junge der stets auf den gassen herumschwärmt. brem. wb. 3, 432; range, hoch aufgeschossener junger mensch, groszer und meist auch böser bube Schambach 167b; das weibliche geschlecht des wortes ist mundartlich geblieben, in Düringen und Obersachsen eine range von einem jungen; deine range hat mir ein fenster eingeschmissen sagte ein mann zum vater eines wilden buben; ich wollte die range (einen zwölfjährigen reiterbuben) dem rumormeister übergeben, sie hat sich in mein zelt geschlichen und ich traf sie über meiner feldflasche. Freytag ahnen 5, 13; range auch auf mädchen gewendet: ist das eine aufführung für eine wohlgerathne tochter? .. du willst mir nicht folgen? ins zuchthaus mit solchen ungerathnen rangen, ins zuchthaus, und statt des mannes den spinnrocken in den arm! Gellert 3, 192; wie niederdeutsch, um Fallersleben range, fem., ein junges mädchen, das viel mit den jungen auf der strasze herumläuft. Fromm. 5, 289; die schriftsprache, wenn sie das wort auf buben bezog, brauchte es aber gern auch männlich: das fruchtete wenig bei dem rangen, der seine wege gieng und die ermahnungen seiner eltern in den wind schlug. Zingerle 2, 24; wenn ich so meine schmutzigen jungen in einem fort buchstabiren liesz, .. diejenigen, welche lesen gelernt hatten, die schule verlieszen, und frische rangen, die noch nichts wuszten, wieder hineinkamen. Immermann Münchh. 1, 80;
des rangen ungebundenheit
bleibt allemal ein polizeigebrechen.
Wieland 5, 187;

range, auf thiere bezogen, vgl. niederd. en grooten range, ein groszer mensch, groszes thier Schütze 3, 273, im folgenden in fällen, wo eine persönliche auffassung hervortritt:
die garstigen schmutzigen rangen (kinder der meerkatze).
Göthe 40, 203;

ja es gilt dem rangen,
dem wolf, der hier im dorfe ist.
Tieck 2, 340.

Absurd schlicht

Thorsten Schäfer-Gümbel, ein Mann, den man einfach gern haben muß, allein wegen seines Namens, denn das Gesicht hat man zwei Minuten später vergessen – die FAZ druckt schon gar keine Bilder mehr von ihm ab, weil es sinnlos ist, und nimmt statt dessen ein Bild von irgendeiner Landebahn, wegen der prägnanteren Züge – jener Thorsten Schäfer-Gümbel hat den Vorschlag des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Dingenskirchen – ein Mann, dessen Namen ich immer erst nachschlagen muß, dessen Profil aber umso markanter ist, hat er doch kein Haar mehr auf dem Haupt, und nicht einmal ein h im Vornamen, Torsten heißt er aber auch – als Alberich wird er neuerdings veralbert – Albert – Albig, so heißt er – dieses Albigs Vorschlag hat Schäfer-Gümbel “schlicht absurd” genannt.

Und, hat er recht? Ist er dem Zwergenkönig nicht nur in zweier-, sondern locker in dreierlei Hinsicht überlegen?

Da sollte ich wohl zunächst einmal Oberons Vorschlag referieren, sollte ich wohl. Wohlan: Die SPD soll an der nächsten Deutschlandtour (Jedermannrennen) ohne Kapitän teilnehmen, als reines Team von Wasserträgern. Begründung: das könne die SPD sehr gut. Das sei sozusagen das einzige, was sie könne: die CDU in ihrem Windschatten fahren lassen. Und Merkel werde das Gelbe Trikot ohnehin nicht hergeben.

Da könnte man der Meinung sein, wo der Schwarzalbe recht habe, habe er recht, und Schäfer-Gümbel sei empfohlen, den Blick nach Hessen zu richten, wo ein paar Wasserträger von der SPD bei der Rundfahrt um den Henniger Turm 2008 der Kapitänin eine Jungfernbundesfahnenstange quer durchs Hinterrad geschoben hatten, mit der gar nicht mal von der Hand zu weisenden Begründung: das könne die SPD sogar noch besser. Seitdem kommt die SPD in Hessen ohne Kapitän aus und ganz gut klar. Wie überallanders übrigens auch; hie und da soll sie sogar mitregieren, man wüßte aber keinen ihrer Kapitäne beim Namen zu nennen, außer Kraft in NRW und Scholz in Hamburg, und das auch nur, weil der Kapitän der Bayern, Franz Beckenbauer, mal in einem youtube-Filmchen den Spruch “Kraft in den Teller – Scholz auf den Tisch” geprägt hat. In einer Reklame für Fleischklößchensuppe. Was ja keine schlechte Metapher für die SPD gewesen ist, seinerzeit. In Schleswig-Holstein soll die SPD noch einen Klops haben, aber den Namen vergesse ich immer wieder. Irgendwas Wagnerisches, Herzeloide oder Siegfried oder so.

Und natürlich Sigmar, den Oberklops. Der soll, nach dem Willen aller, die ihr Geld damit verdienen, darüber zu berichten, das Team SPD in den Concours führen, in den Parcours vielmehr, sorry. Bzw. pardon, bitte vielmals um Entschuldigung. Und das, nach dem Willen derer, die hintertreiben werden, daß es dazu kommt, der SPD mithin, im Gelben Trikot. Das paßt schon einmal gar nicht, insofern nämlich als es nicht paßt. Ein Leibchen paßt entweder Merkel oder Klops Sigmar, aber nicht beiden, zusammen nicht und auch nicht heute der und morgen dem.

Das erkannt zu haben ist das Verdienst jenes Mannes aus der Edda, von dem hier schon mehrfach die Rede war, und dessen Namen ich mir nicht merken kann. Was übrigens nichts damit zu tun hat, daß ich an der Schwelle zum Greisenalter stünde; ich hatte schon immer ein sehr schlechtes Namensgedächtnis. Was heißt schon immer – das klingt ja schon wieder nach Ewigkeit. Ich habe ein schlechtes Namensgedächtnis. Zahlen kann ich mir besser merken. Drei Komma eins vier eins fünf neun kann ich auf fünfzig Stellen hinterm Komma, hier bitte: 3,14159 265358 979323 846264 338327 950288 4 – äh – usw. Na, vielleicht waren es auch bloß 47. So genau habe ich mir das nicht gemerkt. Man wird ja auch nicht jünger.

Tebartz von Schäfer-Jüngling aber ist der Meinung, das sei kein Verdienst. Heißt es eigentlich das Verdienst oder der Verdienst? Und heißt es das schwankende Genus oder der schwankende Genuß? Schäfer-Günstling jedenfalls hält den Verzicht der SPD auf einen Kanzlerkandidaten für “schlicht absurd”: die SPD ohne Kanzlerkandidaten sei, so Schäfer-Dümmling, wie die Kieler Woche ohne Schiffe.

Das ist schlicht absurd. Oder muß es absurd schlicht heißen? Hätte er als Hesse nicht besser zu dem Bild gegriffen, eine SPD ohne Kanzlerkandidat sei wie ein Handkäs ohne Musik? Und wenn es schon nordisch sein sollte statt hessisch, wegen des Elbenkönigs, hätte sich dann für einen Binnenschiffer nicht das Bild vom Grünkohlessen angeboten? Das ist norddeutsch, hat aber nichts mit Hochseeschiffahrt zu tun, von der er anscheinend nichts versteht. Die SPD ohne Kanzlerkandidat wäre dann wie eine Schaffermahlzeit ohne Spargelkönigin, zum Beispiel. Damit wäre alles gesagt zum Thema Kanzlerkandidat: putzt zwar ungemein, ist aber für das Gelingen der Mahlzeit nicht substantiell. Denn es geht ja nicht darum, die Kieler Woche ganz ohne Schiffe auszurichten, sondern bloß darum, den Tanker Gabriel gar nicht erst in die Bucht zu schleppen. Der würde sich dort zwar auch putzig ausnehmen zwischen all den Segelschiffchen, aber er wäre nicht substantiell für den Ausgang der Regatta. Da er doch nur manövrierunfähig herumliegen würde und gegen Merkels Asbestos D. Plower, die bekanntlich nicht einmal eine Handbreit Wasser unter dem Kiel benötigt und ohne jeden Tiefgang auskommt (“könnte sogar durch ein feuchtes Weizenfeld fahren”), keine Chance hätte.

Wenn es aber partout maritim sein mußte, würde ich persönlich zu dem Bild gegriffen haben, die SPD ohne Kanzlerkandidat sei wie ein Heringsschwarm ohne Fahrrad. – Aber mal was ganz anderes: Gabriel habe, so Schäfer-Hümmling, der SPD zurückgegeben, was diese lange entbehrt habe – ein klares Profil. Sigmar Gabriel. Der SPD. Ein klares Profil. Jawoll. Schaf-Krümmling dixit. Ein bodenloser Unfug, zwar, aber man muß fairerweise berücksichtigen, wer das gesagt hat. Sur-Strömming, gewiß, ja, aber das meine ich nicht. Ich meine: wer das gesagt hat. Einem Mann, von dem die Rede geht, daß man sein Profil nach zwei Minuten vergessen habe, dem muß jeder wabernde Nebelschweif als markant profiliert erscheinen. Für den ist auch ein hin und herflitzender Heringsschwarm klar umrissen. Oder hat ein Sandsturm eine prägnante Silhouette.

Wir anderen reden vom klarem Profil einer Partei, wenn wir genau wissen, warum wir sie nicht wählen. Die Piraten zum Beispiel. Der Grund, die Piraten nicht zu wählen, liegt auf der Hand und lautet: warum sollte ich? Klare Sache, das. Bei der SPD ist das nicht so einfach. Bei ihr würde ich mich niemals zwischen den vielen Gründen, die es gibt, sie nicht zu wählen, entscheiden können. Es sind so viele, daß ich sie im entscheidenden Moment wahrscheinlich alle vergessen hätte. Doch, das könnte passieren. Ich stehe an der Schwelle zum Greisenalter bin nicht mehr der jüngste. Mein Gedächtnis ist nicht, was es einmal war. Ich kannte die Eulersche Zahl auf zig Stellen hinterm Komma auswendig. Heute weiß ich nicht einmal mehr, wozu. Da kann es mir genausogut passieren, daß ich vergesse, wen ich nicht wählen wollte. Und dann doch wieder bei der SPD lande.

Ein Kanzlerkandidat Gabriel wäre da ein gutes Gegenmittel.

Man sagt das so dahin, aber stimmt es denn auch?

Heute: “Only the Good Die Young”

Mal sehn:

Richie Valens:
17.
Eddie Cochran:
21.
Buddy Holly:
22 1/2.

Scheint hinzukommen.

Duane Allman:
24.
Otis Redding:
26.
Jimi, Janis, Jim, Brian, Blind Owl, Pigpen, Amy, Kurt:
Alle 27.

Ja, das sind die Klassiker. Keiner älter als 27. – Ich würde die magische Grenze auch bei 27 ziehen wollen: Wer älter wird, der taugt nichts mehr.

Marc Bolan:
29.

Und ich sag’s noch!

Sandy Denny:
31.

Ausnahme! Eine einzige, die Regel bestätigende Ausnahme!

Keith Moon:
32.
Sam Cooke:
33.
Mama Cass:
34.
Jaco Pastorius:
35.

Oder vielleicht doch nicht? – 35! Das ist zwar noch nicht alt, aber kann man das das noch jung nennen?

Philipp Mißfelder:
Fast 36.

Ok, es stimmt doch. Fast 36 – das ist nun wirklich nicht mehr jung.

Johnny Cash:
71. Fast doppelt so alt.

71? Fast doppelt so alt – stimmt es denn also doch nicht?

Lonnie Donegan,
Levon Helm,
Lou Reed,
Jack Bruce:
Alle 71.

Na was denn, was denn, was denn! – Was denn nun?

Richie Havens:
72.
Ray Charles,
Etta James,
James Brown:
73.

Da stimmt doch was nicht!

Wolfgang Schäuble:
Auch 73. Und zwar alive und kicking.

Ja also doch? – Oder?

Fazit:
Man weiß es nicht so recht.

Und der Schäuble, was hat er vor? Wie alt will er noch werden? In seinem Alter wurde Adenauer mählich Kanzler! – Wem eifert er nach?

JJ Cale:
74. Herzinfarkt.
Bo Diddley:
79. Herzversagen.
John Lee Hooker:
83. Natürlicher Tod.
Doc Watson:
89. Komplikationen nach Darmoperation.
Pete Seeger:
94. Altersschwäche.


Rechts

Im allgemeinen sind wir an der jeweils aktuellen Inkarnation der Schill-Partei nicht interessiert. Schill-Parteien kommen und gehen. Meistens gehen sie. Im der nächsten Legislaturperiode kommen sie dann wieder und heißen irgendwie anders, sind aber derselbe Dumpfstuß. Schill-Parteien muß es geben; sie sind das polithygienische Äquivalent zum Hundekotbeutel. Irgendwo muß der Wähler hin mit seiner Qual. Es geht auch ohne Schill-Partei, aber dann liegt der Unmut der Wähler überall rum, und man tritt rein. Besser sie wählen alle in die Tüte, und man entsorgt den Bettel en bloc.

Jetzt aber hat uns ein Mitglied der Sachsen-Schill-Partei, Konrad Adam, auf den Fuß getreten, wobei er es noch ziemlich dick in und an der Sohle hatte:

„Als rechts gilt heute, wer einer geregelten Arbeit nachgeht, seine Kinder pünktlich zur Schule schickt und der Ansicht ist, dass sich der Unterschied von Mann und Frau mit bloßem Auge erkennen lässt.“

sagte der Sachsen-Schiller, und wie in solchen Fällen üblich nimmt er dabei nur die fünfundneunzig Prozent der Fälle in den Blick, bei denen die Sache klar ist, und läßt die fünf Prozent kniffligen Fälle außen vor, aber davon gleich. Zunächst nämlich: Einspruch! Wir gehen einer geregelten Arbeit nach, wir schicken unsere Kinder pünktlich zur Schule, und wir sind der Meinung, daß man – von Ausnahmen (z.B. Frauke Petry, s.u.) abgesehen – im allgemeinen wohl kein Problem haben wird, durch bloße Inaugenscheinnahme festzustellen, ob man Männlein oder Weiblein vor sich hat. Und wir sind nämlich nicht rechts, um das mal deutlich zu sagen. Rechts ist man, wenn man rechts sein will. Da braucht man einen gar nicht groß in die rechte Ecke zu stellen. Wenn einer reinkommt und sich umsieht und sich dann ungesäumt in die rechte Ecke stellt, dann braucht man den ja auch nicht groß in die rechte Ecke zu stellen. Der ist ja schon drin. Der will das so. So wie die Leute in der Sachsen-Schill-Partei, die sind ja auch schon drin. Und wollen das so. Es ist ja nicht so, daß man eigentlich zum Friseur wollte und kommt nach Hause und stellt fest, daß man statt dessen in die Sachsen-Schill-Partei eingetreten ist und immer noch lange Haare hat.

Apropos sekundäre Geschlechtsmerkmale: bei fünfundneunzig Prozent oder achtundneunzig Prozent oder achtundneunzigkommafünf Prozent, nageln Sie uns nicht fest, hat man überhaupt kein Problem, das Geschlecht seines Gegenübers präzise zu bestimmen. Was die übrigen Geschöpfe Gottes angeht, so muß man vielleicht etwas genauer hinsehen, aber, und zwar ein großes (Körbchengröße D) ABER: das “bloße Auge” jenes oben zitierten Konrad Adam, es ist eine Gemeinheit! Nicht jedes Weiblein kann ein Dirndl von innen her ausfüllen. Wir rufen den Dings zum Zeugen. Den, na!, den alten Knacker von der FDP, wie hieß er gleich? Mischnick? Vergessen. Egal, was von ihm bleiben wird, ist das Dirndl. – Und bei manchem Männlein muß man erst recht genauer hinsehen: ein ‘Adam’ im Nachnamen reißt da nämlich gar nichts. Sowenig wie ein ‘Frau’ im Vornamen etwas besagt.

Ja, so ist das eben, wenn die Weiber Hosen tragen! Und kurze Haare. Und in die Politik gehen. Dann weiß man eben nicht mehr, ob es sich um eine Frauke Petry oder einen Hauke Petry handelt. Wo ist der Unterschied? Ein H. anstelle des Fr. vorne. Dolles Ding! – Vier Kinder? Vier Kinder machten sie zur Mutter? Was denn noch alles? August der Starke hatte 354 Kinder, und der war auch keine Mutter. – Ehefrau eines evangelischen Pastors? Ehefrau eines evangelischen Pastors! Auch schon was! Ehefrau eines katholischen Pastors kann man schließlich nicht sein, und Ehepartner eines evangelischen Pastors wird man heutzutage problemlos auch als Hauke.

Es gibt allerdings eine Methode, herauszufinden ob eins Männlein oder Weiblein ist: man beobachte sie/ihn beim Pullover Ausziehen. Faßt sie den Pullover am Saum, mit gekreuzten Armen, und kriegt den Segen über den Kopf gezogen, ohne sich einen Knoten in die Arme zu knüppen, handelt es sich um eine sie. Männer packen den Pullover mit einer Hand am eigenen Schlafittchen und machen so auf Dauer eine Beule ins Gestrick, wie unsere Mutter immer klagte, die uns Jungens diese Unart auszutreiben versuchte. Ohne Erfolg, denn dergleichen ist zwar kulturell vermittelt, aber zugrunde liegt ihm ein genetisches Programm. Die Frauen sind naturnäher und körperaffiner. Sie sind sehr gut darin, den eigenen Körper zu erforschen und auszuprobieren und zu perfektionieren, und erfassen die Gesetze der Kinematik intuitiv. Männer hingegen haben näher am Intellekt gebaut. Schon ein Junge versucht, der Kinematik seinen Willen aufzuzwingen. Vergeblich natürlich, und wenn man ihn mit dem Roller auf die Straße läßt, kommt er mit aufgeschrammtem Knie zurück. Zwei aufgeschrammten Knien. Wir rufen August den Starken zum Zeugen. Der hatte ca. 177 Söhne, macht 354 aufgeschrammte Knie. Das liegt an dem analytischen Zugriff des Mannes auf die Welt. Ein Mann fragt immer: Warum ist die Welt so, wie sie ist, und was kann ich tun, damit sie in alle Ewigkeit so bleibt, so, wie ich sie kennengelernt habe, damals, als Mama mir die Plünnen noch nachräumte?

Soviel zur Geschlechterdifferenz. Man kann sie benennen, aber man kann sie in der Praxis nicht in jedem Fall ausmachen. Dazu müßte man nämlich anwesend sein, wenn Frauke Petry ihren/seinen Pullover auszieht. Wer würde das wollen? Wer würde sich das freiwillig antun? Niemand. – Wir haben es hier also mit einem Fall von de-facto-Androgynität zu tun, ein klarer Fall von “Et jinge zwar, aber et jeht nicht.” Das anzuerkennen macht einen übrigens nicht zum “Rechten”, Herr Konrad Adam, um Sie mal persönlich am Schlafittchen zu fassen und Ihnen hoffentlich eine Beule ins Gestrick zu machen, das zu leugnen macht einen nicht zum “Linken”, aber das ganze als “Genderstuß” zu bejammern macht einen zum Klappskalli. Wie kann man als ausgewachsenes Mannsbild über solchen Kikikram plärren? Wir gehen mal davon aus, daß Sie ein Mannsbild sind, schließlich tragen Sie den Adam im Namen, und alt genug dürften Sie auch sein, verknautscht wie Sie aussehen. Haben Sie da irgendwo ein Identitätsproblem? Sind Sie vielleicht transgen? Wie kann man sich so mädchenhaft anstellen!

Frage: Wenn hinter Ihnen ein Veganer “Buh!” macht, schreiben Sie dann einen weinerlichen Essay, oder gehen Sie in die Küche und kochen sich eine Kumme Kutteln? Sie schreiben einen weinerlichen Essay? Da guck. Dann flöten Sie ja wahrscheinlich, wenn es von irgendwo her “Gender” flötet, nicht etwa nonchalant zurück: “Love me gender, love me sweet”, sondern läuten die Sturmglocken, als seien Panduren im Land, richtig? – Haben Sie sich zum Vergleich mit sich selbst mal angesehen, mit welch majestätischer Ruhe ein Rind die Fliegen über sich ergehen läßt, die dem Tier bestimmt, aber bestimmt nicht angenehmer sind, als kinderlose Grünenpolitikerinnen Ihnen? Hüpft es, das Rind, etwa wie angestochen über die Weide und zeigt mit dem Finger auf jede einzelne Fliege, um sie als Totengräberin des Abendlandes zu schmähen, wie es die Klappskallis mit den Gendermainstreamern machen? Es denkt nicht daran, das Rind. Es hält nicht inne im Rupfen und Käuen und läßt nicht ab von der stetigen Produktion weiteren Fliegenfutters. Nur hin und wieder benutzt es den Schwanz, um ruhig und gottergeben das zu tun, wozu Gott ihm den Schwanz gab. Oder die deutsche Eiche: gründet sie wildschweinkritische Blogs? Verbreitet sie beknackte Verschwörungstheorien, denen zufolge der deutsche Wald, die Perle der Romantik, von ‘interessierter Seite’ vor die zeitgenössischen Säue geworfen wird? Nein. Sie knarzt nur hin und wieder mit den Ästen, seufzt, wiegt sich mit dem Wind und ignoriert das Borstenvieh.

Das täte Ihnen auch mal ganz gut. Und wir täten das auch gerne. Aber statt lässig mit dem Schwanz zu wedeln und aus Versehen die eine oder andere Spaßbremse zu erlegen, müssen wir uns über Euch Klappskallis echauffieren, müssen die garstigsten Exemplare keschern und ins Insektenglas sperren, und Klage führen über Algenblüte und Quallenpest, die uns vergällen, was der Sommer unserer Zufriedenheit hätte werden sollen: unser kurzes Leben. Doch müssen wir das! Wer hat denn angefangen? Sie! Sie haben uns als “rechts” diffamiert. Warum? Wie kommen Sie dazu? Bloß weil wir einen Wecker haben und ihn morgens zur Anwendung bringen? Mit der fadenscheinigen Begründung, so Leute würden eben heute als rechts bezeichnet? Ganz richtig, das werden Sie. Aber von wem denn? Von Ihnen doch! O-Ton Adam: “Als rechts werden heutzutage Leute bezeichnet, die einen Wecker haben und bedienen können.”

Falsch. Als rechts werden heutzutage Leute bezeichnet, die auch früher schon als rechts bezeichnet worden sind. Daß ihre neue Parteivorsitzende keinen Rechtsschwenk Ihrer Partei erkennen können will, das liegt nur daran, daß ihre Parteivorsitzende auf der rechten Seite ein Glasauge hat. Mit welcher Qualifikation sie in einer Partei von Blindgängern die ganz natürliche Thronfolgerin ist, das nebenbei. Wenn Sie wissen wollen, wen man heutzutage als rechts bezeichnet, wen man auch früher schon als rechts bezeichnet hätte, und wen man auch morgen noch als rechts bezeichnen würde, dann schauen Sie sich mal um, mit wem Sie in Ihrem Verlag auf demselben Bücherregal stehen. Wieso ist eigentlich Hans Grimm noch nicht dabei? Kollege von Ihnen, hat im Jahr 1953 – und wie Sie erfolglos – für die seinerzeitige Reichs-Schill-Partei kandidiert. – Der gute Mann wird doch wohl seine Kinder nicht etwa zu pünktlich zur Schule geschickt haben?

Daß für solche Wildsauliteratur überhaupt ein Bruder sein Leben hat lassen müssen, kann auch die knorrigste Eiche nicht ungerührt lassen. Sicher, solche Verlage muß es geben. Schon aus hygienischen Gründen. Sie sind das Äquivalent zur Schill-Partei. Irgendwo muß der Autor hin mit seinem Unmut. Ansonsten würde das Zeugs mal hier, mal da veröffentlicht, und man wäre nie sicher davor, aus Versehen hineinzulangen, wenn man im Buchladen ins Regal faßt. Schon besser, man sammelt sie alle im Schill-Verlag und ignoriert die Blase en bloc.

Tun wir auch. Wir werden Ihr Büchelchen nicht öffnen. Schon wegen des Titels nicht. Der klingt uns viel zu dolle nach Klappskalligemöhre. Es werden zuwenige Kinder geboren, du liebe Zeit, zuwenige deutsche Kinder zumal. Volk ohne Raum waren wir gestern, heute sind wir Gesellschaft ohne Zukunft. Wie sollen wir es bei solcher Fertilitätsrate je wieder zu ersterem bringen? … Mann! Adam! Mann Gottes! … Für den Namen können Sie ja beinahe nichts, aber fühlen Sie gar nicht die ihm innewohnende stammväterliche Verpflichtung? Hat Ihnen Ihr Mütterlein etwa nicht beigebracht, daß man zunächst einmal mit gutem Beispiel vorangeht, bevor man andere kritisiert? Und daß drei Finger dessen, der auf andere zeigt, auf ihn selbst zurückzeigen? Tun Sie was! Reden Sie nicht! Tun Sie ruhig und ergeben das, wozu Gott Ihnen gab, was er Ihnen gab. Die Welt ist voll von potentiellen Müttern, mit bloßem Auge kann man sie erkennen. Wenn Sie vergessen haben, wie es geht, hilft ein Blick ins Internet.

Tummeln Sie sich! Die Latte liegt bei 355 Kindern. Drei erkennen wir Ihnen an. Bleiben 352. Eines wackeren Jahres Ernte.

Zeit läuft.

O χe! Schon wieder ein Grieche!

Europa ist empört: auch der neue griechische Finanzminister soll dem Vernehmen nach Grieche sein. Was denkt sich das Land? Daß es mit dem Rückenwind des eigenen “OXI” im Hemd nun überhaupt keine Rücksicht mehr auf die übrigen Europäer zu nehmen braucht?

Jetzt wäre doch wirklich der Zeitpunkt gewesen, ein Signal der Versöhnung in die Märkte zu funken. Die einmalige Chance für Tsipras, das Schlüsselressort an eine Persönlichkeit zu geben, die nicht nur Ahnung von Finanzpolitik hat, sondern auch die Macht, sie umzusetzen. Schäuble etwa, oder Dijsselbloem oder Draghi. Sie haben den griechischen Fiskus doch ohnehin in der Hand machen den Job doch ohnehin seit Jahren. Was soll man da erst noch einen Lokalpolitiker dazwischenschalten?

Noch dazu einen Quertreiber Griechen?! – Hat man ihn wenigstens auf Mittelfinger untersucht?

Kluge Entscheidung

Wie das Bundespräsidentenamt mitteilt, hat Bundespräsident Gauck, den wir zum Bundespräsidenten gewählt haben, weil er der Klügste von uns ist, das Gesetz zur Milderung und Abfederung der Risiken und Nebenwirkungen des ansonsten im Hinblick auf das Ziel der Schwächung der Einheitsgewerkschaften durchaus gern gesehenen Gewerkschaftspluralismus’ MildAbRiskNebHinZSchwächEinheitsGewggGewPlurG, oft, aber fälschlicherweise auch Tarifeinheitsgesetz genannt, unterschrieben. Gauck, weil er der Klügste von uns ist, hat es sich zur Regel gemacht, nur solche Gesetze zu unterschreiben, die vom Bundesverfassungsgericht BVerfG wieder aufgehoben werden.

Das ist klug von ihm. Denn dann ist er’s im Zweifelsfall nicht gewesen.