Offener Brief

an den lieben Gott
im Himmel über der Autobahn

Lieber Gott,

ich hatte im vergangenen Jahr darum gebeten, mir Deinen Knecht Weselsky von der GDL zu überlassen, damit ich ihm die Füße über offenem Feuer röste, zur Strafe dafür, daß er mich in einem Ort namens Bückeburg hat aussetzen lassen, damit ich daselbst an Getränkemangel zugrunde ginge. Du hast anders entschieden, und ich habe es in Demut getragen, wie es mir zukommt.

Nun aber schreie ich erneut zu Dir, in der Hoffnung, Dich umstimmen zu können, und mit dem Angebot, des Weselsky Zehen zusätzlich in einen Ameisenhaufen zu stecken. Denn höre, was er mir angetan hat: Er hat mich wiederum bestreikt. Er hat mich dazu gezwungen, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren! Mich!! Mit dem Auto!!! Gestern. Zwei Stunden hin, drei Stunden zurück, weil nämlich ein LKW umgekippt war, und nichts mehr ging.

Du fragst: Was kann denn mein Knecht Weselsky dafür, daß der LKW umgekippt ist? Was kippt er um, der LKW? – Ich aber sage Dir: Und ob er was dazu kann, Dein Knecht Weselsky! – Was er umkippt, der LKW? – Die Frage ist falsch gestellt! LKW kippen um. Seit diese Welt besteht, kippen LKW um. Seit es gibt Frost und Hitze, Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht, seitdem kippen LKW um. Sommers wie winters. Bei Dürre und Regen. Und weil sie genau so lang sind wie eine dreispurige Autobahn breit, darum stellen sie sich erst quer, und dann kippen sie um. Rabumm! – Wenn erst die Gigaliner auf Deinen Autobahnen unterwegs sein werden, dann werden diese beide Fahrtrichtungen auf einmal blockieren können. Und sie werden es tun. Pardautz! – Statt eines Nummernschildes mit ‘Helmut’ wird sich der Fahrer danach ein Nummernschild mit ‘Sechse auf einen Streich’ hinter die Windschutzscheibe klemmen.

Dieser hier, der von gestern abend, ist umgekippt, weil Dein Knecht Weselsky ihn auf die Straße gezwungen hat. Gehören Güter etwa auf die Straße? – Nein. Güter gehören nicht auf die Straße. Güter gehören auf die Bahn. Guter alter Werbespruch aus der Zeit, als die Lokführer noch Beamte waren. Heute werden sie von denen bestreikt, die Güter. Was sollen sie machen? Sie suchen sich einen LKW, der sie mit auf die Autobahn nimmt. Dort kippt der sie aus. Als gehörten sie dorthin. – Heute morgen noch standen die LKW, die gestern im Stau mehr nolens als volens ihre Lenkzeit überschreiten mußten, am Straßenrand und wurden von der Polizei geweckt. Ich weiß das, weil ich heute morgen um sieben dort vorbeikam. Ich mußte nämlich schon wieder mit dem Auto fahren, weil Dein Knecht Weselsky mich noch immer bestreikt! Seh ich etwa aus wie etwas, das auf die Straße gehört? Seh ich aus wie einer, der gerne Auto fährt? Habe ich viereckige Augen? Wächst mir ein Auspuff? Habe ich einen Turbolader im Arsch?

Entschuldige bitte! Ich bin immer noch außer mir. Der Streß! – Es muß natürlich ‘runde Augen’ heißen, nicht viereckige. – Nein ich fahre nicht gerne Auto! Ich fahre mit der Bahn, weil ich nicht autofahren will. Und nicht, weil ich autofahren will. Wenn ich autofahren wollte, würde ich nicht mit der Bahn fahren, sondern mit dem Auto. Aber es wäre irrig, aus der Tatsache, daß ich mit dem Auto fahre, zu schließen, daß ich nicht mit der Bahn fahren wollte. Ich will mit der Bahn fahren. Aber ich will nicht mit der Bahn fahren, um dann von Weselsky gezwungen zu werden, mit dem Auto zu fahren. Dann hätte ich auch gleich mit dem Auto fahren können.

Weselsky schuldet mir also wenigstens neun Stunden meiner Lebenszeit – die Stunden, die ich seinerzeit in Bückeburg verplemperte, will ich gnädig vergessen. Fünf Stunden gestern, wenigstens vier Stunden heute. Nach Go – nach Deinem Ratschluß auch mehr. Gott al – Du allein magst wissen, was heute abend wieder alles auf der Autobahn rumfliegen wird.

Diese neun Stunden will ich wiederhaben! Neun Stunden, die mir Gott in seiner Gü – entschuldige bitte, ich bin immer noch ziemlich mit den Nerven runter und weiß kaum, was ich sage: ich habe zwei Stunden scharfer Autobahnfahrt hinter mir, zwei Stunden, in denen ich mich konzentrieren mußte, anstatt entspannt in der Nase zu knibbeln, aus dem Fenster zu dösen, zu lesen oder diesen Brief zu schreiben – neun Stunden also, die Du in Deiner Güte mir zugemessen hast, die hätte ich gern wieder. Da Weselsky sie mir nicht geben kann, will ich mich wenigstens an ihm rächen!

Ich bitte Dich daher – Dein ist die Rache, ich weiß es ja, aber wenn Du mir einen Gefallen tun willst, dann gib ihn mir! Ich will ihm die Zehen mit Honig einstreichen und ihn vor einen Ameisenhaufen setzen. Der Streik die Saat, das sei die Ernte. Und wenn, wie der Kommentator der taz heute schreibt, der Weselsky gar nicht der alleinige Säemann ist – kein Problem: Gib mir den Weber gleich mit!

Ich zieh’ ihn nackicht aus und werf’ ihn in den Brennesselgraben.

Das Problem

Im Handelsblatt macht das Handelsblatt darauf aufmerksam, daß die Firma Heckler und Koch ihr schönes Totmachteil G36 für zu Unrecht schlechtgeredet hält. Die Tatsache, daß von denen, die von dem Schießeding getroffen wurden, praktisch nie krittelnde Äußerungen zu hören oder zu lesen seien, spreche doch wohl dafür, daß der Donnerstock ja nun doch nicht ganz so krumm in der Gegend herumballere, wie immer gesagt werde.

Da ist was dran. Kritische Stimmen kommen immer nur von solchen, die davon noch nicht getroffen worden sind. Oder denen, die damit nicht getroffen haben. Die aber, so Heckler und Koch, gebe es gar nicht, und von denen, die damit träfen, käme immer nur Lob, Lob, Lob, Lob, Lob. Was für Fredis, fragt man sich, schicken Emails mit Lob an Heckler und Koch? Schicken die auch Emails an Kraft, um deren Schichtkäse zu loben? Schrieb Jack the Ripper an Wilkinson, deren Klingen zu besingen?

Wie auch immer. Einer dieser Schleimer, Stabsfritze H. aus F., wird zitiert mit diesem Schmus: der Püster G36 sei „absolut präzise, und damit nicht zu treffen, ist schon eine Kunst“. – Leute gibt’s!

Anstatt zu fragen, seit wann denn Mannschaftsdienstgrade eigentlich was zu sagen haben, heh?, schreibt das Handelsblatt dazu:

Das Problem: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sieht das anders.

Das Problem: dieser Satz ist syntaktisch falsch. Der Doppelpunkt ist überflüssig. Oder aber, wenn der Doppelpunkt bleiben soll, muß der Punkt hinter Ursula von der Leyen:

Das Problem: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

So wird ein Knobelbecher draus. Und wenn die Schlagzeile bei Google News nicht länger:

Ursula von der Leyen: Keine Bundeswehr-Zukunft für das Sturmgewehr G36.

lautet, sondern:

Ursula von der Leyen: Keine Bundeswehr-Zukunft.

dann wird doch noch alles gut.

100 Tage Mindestlohn

Es verheert unser Land eine pechschwarze Unke,
die ihr Gift den Lebenden und den Toten einspritzt
und alles Sein bedroht.
Arator

Die Tatsache, daß der Mindestlohn nicht die katastrophalen Verwüstungen am Arbeitsmarkt herbeigeführt hat, von denen die deutsche Wirtschaft prophezeit hat, daß er sie herbeiführen werde, ist nach Ansicht der deutschen Wirtschaftschaft dem Mindestlohn zuzuschreiben. Wem denn sonst?

Man habe es ja gleich gesagt. Es sei ja nicht so, daß man nicht davor gewarnt hätte. Die deutsche Wirtschaft jedenfalls könne nichts dafür. Diesmal nicht. Sonst nehme sie ja gerne alle positive Entwicklung am Arbeitsmarkt auf ihre Kappe. Andererseits: das Ausbleiben katastrophaler Verwüstungen als “positive Entwicklung” zu bezeichnen, darauf müsse man ja auch erstmal kommen. Sicher, wenn bei dem schon totgeglaubten 95jährigen Erbonkel das vorhergesagte Nierenversagen ausbleibe, die Sepsis abklinge und vom Schlaganfall nur eine halbseitige Lähmung zurückbleibe, dann könne, wer geschmacklos sei, auch das eine “positive Entwicklung” nennen. Es hätte ja auch der Erbfall eintreten können, was man ja niemandem wünschen möchte. Jedenfalls niemandem, der mehr zu erben hat als man selber. Aber im speziellen Fall von positiver Entwicklung zu reden sei ganz besonders unpassend, denn wie stehe man denn jetzt da, als deutsche Wirtschaft? Als deutsche Wirtschaft, die vor Kraft schon in praktisch keine Unterhose mehr paßt, oder als dumme Unke? Mit der Prophezeiungspotenz eines Forsa-Praktikanten?

Ein bessere Entwicklung als die gute Entwicklung wäre jedenfalls eine schlechtere Entwicklung gewesen. Oder umgekehrt. Woraus folge, daß die gute Entwicklung eine schlechte Entwicklung sei, die es einem nur noch erlaube, wider das bürokratische Monster “Dokumentationspflicht” anzustänkern, welches das Land verheere, sein Gift den Lebenden und Toten einspritze und alles Sein bedrohe.

Ich hab es schon einmal gesagt und sag es gerne noch einmal: das Monster kriegt man doch einfach in den Griff! Wieviele Stunden hat ein Tag? – 24. 24 mal 8,5 Euro sind 204 Euro. – 204 Euro sind nicht die Welt. Eure Unternehmensberater haben ganz andere Stundensätze. - Stundensätze! Ein Jahr hat 365,25 Tage, macht 74.511 Euro Jahresgehalt, im Monat 6.209,25 Euro. Brutto! Da geht allerhand von ab. Nicht, daß jetzt irgendeiner meint, er wird bei Euch auf Rosen gebettet. 6.209,25 Euro im Monat sind nicht schlecht, aber das sind auch keine Reichtümer. 13. und 14. Monatsgehalt z.B. sind da schon mit drin. Es gibt nichts extra! Ein Thomas Middelhoff etwa würde für solch einen Hungerlohn gar nicht erst das Gefängnis verlassen. – Wem Ihr ein solches Gehalt zahlt, der braucht nicht dokumentiert zu werden. Die Dokumentation ist implizit geführt, und Ihr habt keinen bürokratischen Aufwand. – Problem gelöst!

He? Hah! – Zu teuer? – Dann gebt mal Obacht:

Ok, kein Mensch arbeitet 24 Stunden am Tag, schon gar kein Thomas Middelhoff. Also rechnen wir mal mit 8 Stunden am Tag, mehr ist auch gar nicht gesund. Macht 68 Euro am Tag, 24.387 Euro im Jahr – halt, stopp, abzüglich Sams- und Sonntage, handvoll Feiertage: 17.289 Euro Jahresgehalt oder 1440,75 im Monat. Brutto! Jetzt aber Urlaubs- und Weihnachtsgeld dazu, wenn ich bitten darf! Mindestens ein 13. Gehalt, es sei denn, Ihr wolltet vor aller Welt von mir Knickstiebel geheißen werden. – Ok, Ihr habt es so gewollt, Knickstiebel! – Also 17.289 Euro Jahresgehalt, bedeutet für Euch: Einsparpotential von 74.511 – 17.289 = 57.222 Euro im Jahr. Pro Nase! – Allerdings brutto, das will ich einschränkend dazusagen. Was Ihr dafür tun müßt? – Dokumentieren. Und zwar – hier kann man es nachlesen – “ca. 15 bis 20 Minuten im Monat”, bei 10 Angestellten. Also pro Nase 18 bis 24 Minuten im Jahr – rechnen wir der Einfachheit halber mit 20 Minuten -, für die es 57.222 Euro gibt. Mal drei macht 171.666 Euro die Stunde.

Na, ist das ein Stundenlohn?! Das sind Jahr für Jahr um die 300 Millionen, konservativ gerechnet. Das schafft kein Erbonkel. Dafür spitzt sogar ein Thomas Middelhoff schon mal die Ohren.

Nur, wie gesagt, leider brutto. Ich kann schon verstehen, wenn Ihr davon weder Urlaubs- noch Weihnachtsgeld zahlen wollt.

Abt. Sprachkritik: Metaphern, die nicht richtig hinhauen

Rem acu tetigit

Man habe, sagt das Sprichwort, und es sei dies, wird übereinstimmend versichert, die korrekte, wiewohl sinngemäße Übersetzung der Überschrift: man habe den Nagel auf den Kopf getroffen. Mit dem, was man gesagt hat. Wenn man etwas gesagt hat, das den Nagel auf den Kopf traf.

Wörtlich übersetzt heiße es: man habe die Sache mit einer Nadel berührt. Gemeint ist hier wohl die Spitze der Nadel. Das trifft die Sache nämlich besser.

Aber: stimmt es denn auch? Ist es erwähnenswert, wenn man den Nagel auf den Kopf trifft? Ergänze: mit dem Hammer? Wird nicht die Mehrheit der Nägel auf den Kopf getroffen, wenn man ihnen mit Hämmern zuleibe rückt? Mal abgesehen von Daumennägeln, die seltener auf den Kopf getroffen werden, obwohl sie durchaus nicht selten getroffen werden – ergänze: von Hämmern -, dann allerdings zumeist auf den Rücken. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einen Nagel irgendwo anders zu treffen, als zumindest am Kopf. Jetzt mal nicht von Daumennägeln gesprochen, sondern von normalen Nägeln, Nagelnägeln sozusagen. Zunächst einmal kommt es auf die Anatomie von sowohl Hammer als auch Nagel an; der Thorsche Kriegsfäustel und ein Blauköpfchen verhalten sich beim Nageln völlig anders als das Hämmerlein des Silberschmieds gegen einen ausgewachsenen Jesusnagel. Jener könnte diesem lange am Schaft herumpingen, ohne auch nur einmal in die Nähe des Kopfes zu geraten, während das Blauköpfchen keine Chance hätte, auch nur soviel wie krummgehauen zu werden. Aber will man diese beiden Paare überhaupt miteinander paaren? Unwillkürlich muß man ans Kamasutra denken, in welchem es auch ums Nageln geht, und in dem kluge Leute dessen Gelingen gefüge der Gegebenheiten geschlechtlicher Geometrie gedenk gewesen sind.

Nicht selten trafen sie dabei den Nagel auf den Kopf. Wie auch Wikipedia, in der zu lesen steht:

Die Tätigkeit des Einschlagens von Nägeln wird nageln genannt.

Ei gewiß! Wie aber nennt man es, wenn der Nagel eins auf’s Ohr bekommt? An’s Kinn? Oder genau zwischen die Augen? Jedenfalls nicht auf den Kopf? Sagen wir mal: ein ganz normaler, hergelaufener Zeitungskommentar. Der den Nagel so krumm haut, daß fürderes Nageln sinnlos ist, wo nicht unmöglich. Allenfalls nach mühsamem Herausziehen, schlecht und rechtem Geradeklopfen und erneutem, diesmal zaghaftem, in solchen Fällen meist zu zaghaftem Versuch. Ist das auch noch nageln? Oder schon Unfruchtbarkeit? Und wenn wo zollweit neben den Nagel gehauen wird, wie in den Kommentaren, die dieser Tage allenthalben so zu Griechenland zu lesen sind, kann man das mit “in die Hose gegangen” auf die Metapher bringen? Haut das hin? Die Abdrücke im Putz rund um den Bildernagel hie, der bekleckerte Hosenlatz da? Nicht schön ist beides. Jedoch das Bild, das kann man unschwer ein Ideechen höher hängen, daß man die Bescherung nicht mehr sieht. Vorausgesetzt, man kriegt den Nagel wieder raus und hat noch einen in Reserve, der nicht krumm ist. Den Hosenlatz indes, was macht man da? Die Hose auf links ziehen? Das macht’s nicht wirklich besser. Hintern nach vorne? Flicken drauf? Waschen? Wechseln?

Ah nein, das wird nichts! Ich seh es kommen – und zwar in die Hose. Fernab des Nagels. Verhauene Metapher. Mist! – Mist? – Nein, bitte! Nicht noch ein Faß aufmachen! Keines mit einem Dunghaufen darin, daraus es nach oben dampft und nach unten sickert, straßauf, straßab müffelt, und daherab es kräht.

Was ich gern hätte, ist eine einfache, klare Wahrheit. Daran es nichts zu deuteln gibt. Wozu die Wichtigtuer eineindeutig sagen, da sie ihre Eindeutigkeit besonders hervorheben wollen. Eine, wie sie meinen, besonders eindeutige Eindeutigkeit. Eine eineindeutige Eindeutigkeit, quasi. Giebts die nicht mehr, die schlichten Dinge? Daß ich sie mit Aplomb besinge? Die guten Wahr- und Sicherheiten? Wie zu des sel’gen Kopisch Zeiten? Wie war – wie wahr! – es doch vordem, o so bequem, so angenehm! Denn war man faul, man legte sich, hin auf die Bank und fragte sich: was fragst du dich? Das frag ich mich. Frag Wikipedia. – Wikipedia?

Das traditionelle Werkzeug zum Nageln ist der Hammer.

Ei trefflich! Ohne Zweifel! Rem acu tetigisti!

Und wenn wir es so machen?

Früher hießen Innenminister schon mal Schiess.
Heute muß man froh sein, wenn sie nur Schiß heißen.
Und nicht Buxe-Voll.
W.C. Novsky

Der amtierende Innenminister hat zwar keinen entsprechenden, keinen in dieser Hinsicht sprechenden Namen, dafür aber einen, der nicht nur von einem soliden Migrationshintergrund zeugt, sondern quasi eo ipso quasi migrantischer, nämlich hugenottischer Hintergrund ist: woran spürte man denn, daß ein de Maizière Nachfahre religiöser Extremisten ist, sähe man es nicht am Klang seines welschen Namens?

Und als solcher ist er natürlich vom Schicksal dazu ausersehen, uns über die Gefahren, die uns von migrantischer Seite ins Eigenheim stehen, aufzuklären. Na, sagen wir nicht aufklären, sagen wir: dem Affen Zucker geben. Drum ist’s, daß er uns zu wissen tut – oder sagen wir: er teilt uns mit, was wir hören wollen -, Schiß in der Buxe, daß man, tät er’s nicht, ihn für einen Schisser hielte, daß es nicht von vornherein ausgeschlossen ist, daß sich unter den Leuten, die die Brandstifter von Tröglitz hier nicht haben wollen, nicht auch einmal ein Extremist oder Attentäter sein könnte. Vielleicht sogar ein Brandstifter. Oder ein Co-Pilot.

Nun. Einerseits kann niemand nur durch Kucken auf die Schale feststellen, ob ein Ei faul ist. Auch unter den Hugenotten mögen Rüpel und Lümmel gewesen sein. Oder sein. Feststellen tut man das erst, wenn man so ein Ei aufklopft. Andererseits gibt es dafür, daß es so sei, keinerlei Hinweise. Jedenfalls, wir zitieren den Innenminister, “keine belastbaren Hinweise”. Sprich: es ist so, wir können es bloß leider nicht beweisen. Gut, daß die deutsche Sprache neben dem Hinweis mittlerweile auch den belastbaren Hinweis hat; früher mußte sie sich mit dem Hinweis einerseits und andererseits der Vermutung, dem Verdacht, der aus der Luft gegriffenen Behauptung, dem puren Unfug und der blanken Lüge behelfen. Das Fachjournal für schwach bis mittel und gar nicht belastbare Hinweise ist die Pißpottpresse, weshalb de Maizière seine Inkontinenzeinlage auch dortselbst auswrang.

Da fragt man sich: warum? Warum eine solche Banalität aussprechen? – Nun, die Schiesse haben ihre eigene Agenda. Schon immer hat der Schiß in den Bürgerbuxen ihnen als Rechtfertigung für dieselbe gedient, und der Bürger hat nach ihr verlangt, bedarf er seinerseits doch dringend der Bestätigung, daß er die Hose nicht aus Langeweile und schlechtverdauter Muße beschmutzt hat, sondern diese selbstverständlich zurecht voll war und es auch bleiben sollte. Eine Win-Win-Situation für Bürger und Brandstifter – pardon, will sagen: eine Win-Win-Situation für Biedermann und Minister.

Die Extremisten, Attentäter und Brandstifter aber werden delegitimiert. Damit sind gemeint die Brandstifter, die keinen migrantischen Hintergrund haben, sondern nur einen eitel extremistischen, attentäterischen oder brandstifterischen. Die ebenfalls den Bürgerbuxenschiß als Rechtfertigung für eigenes Tun beanspruchen und gar zur Parteifarbe erkiesen, jedoch: dergleichen wird bei uns ja wohl nicht auf der Straße entschieden! Oder im Dachstuhl. Dem Innenminister darf das Heft des Handelns nicht aus der Hand gewunden werden. So wie es etwa die Kirchen vorhaben, mit ihrem Sanktuariumsmißbrauch. Nicht, daß der Innenminister gegen Erbarmen und Nächstenliebe wäre. Aber doch bitte nicht gegen das Innenministerium, sondern mit dem Innenministerium! Das Innenministerium wird sich in begründeten Fällen doch gegen eine Härtefallregelung gar nicht sperren wollen. Aber Vorraussetzung für die Eingreifmöglichkeit der Härtefallkommission – sonst tritt diese nämlich gar nicht erst zusammen, warum denn auch? – ist doch, daß die Scheiße überhaupt erst einmal gebaut wird! Und dafür sind die Innenministerien da: “Unsere Sicherheitsbehörden sind fest entschlossen, das hierfür Notwendige zu tun.”

Und Vorraussetzung dafür, daß das Innenministerium im Falle eines Attentats überhaupt verfolgend tätig werden kann – jedenfalls bei Attentätern mit Seßhaftigkeitshintergrund -, ist, daß überhaupt ein Attentat stattfindet, so wie nun in Tröglitz. Man wollte denn alle Bürger generell unter Generalverdacht stellen, aber das wird generell nicht gewollt. Was aber nicht am Innenministerium liegt! Generell unter Generalverdacht stellen, kann man nur den in der Fremde fremden Fremdling, nicht den in der Einheimat einheimischen Einheimling, und sei er noch so braun.

Indes bietet sich als putative Vorsorgemaßnahme vielleicht eine nach dem Vorbild meines Schwiegervaters an, der einst die Verhandlungen mit seiner Tochter über den Zeitpunkt des Nachhausekommens nach dem Muster: “Um 10 bist du wieder da.” – “Um 11!” – “Halb 10.” zu führen wußte. Gab die Tochter noch ein paar Widerworte, konnte sie gleich ganz zuhause bleiben. Ich finde, diese Art paternalistischer Autorität stünde einem Innenminister gut zu Gesicht. Wenn er z.B. den Kirchen vorgibt, daß pro Kirche bloß noch soundsoviel Asylsuchende aufgenommen werden dürfen, und die Kirchen fangen an zu feilschen, dann kriegen sie sofort fünf Asylsuchende abgezogen, und beim erneuten Versuch wieder fünf. Ich glaube, der Bürger würde dahinterstehen. Daß sich einer die Konsequenzen seines Tuns selbst zuzuschreiben hat, leuchtet uns mitten ins Logikzentrum. Strafe muß sein.

Deshalb sollte man als Sofortmaßnahme 50 Asylsuchende in Tröglitz ansiedeln, statt der geplanten 40. Und beim nächsten Widerwort 60. Nein, sagen sie nicht, daß dergleichen nach hinten losgehen könne, indem die Lehre nämlich wäre: das Verweilen unter einem Dach mit dem Vater sei eine Strafe für die Tochter. Es gibt belastbare Hinweise, daß das trotzdem funktioniert. Erwachsene Töchter allenthalben dulden Väter unterm eigenen Dach, anstatt sie auf die Straße zu setzen.

Erziehung ist dicker als Wasser. Den Tröglitzern wird es einleuchten. Das Volk will Führung.

Man gebe ihm Führung.

Morton Stein

Vom Älter-Sein

Der Euro, der Frieden, der Job, die Wirtschaft, die Renten und die Ersparnisse, alles ziemlich wacklig. Überall Crashgefahr. Die Generation der 30-Jährigen ist nicht zu beneiden. Ein kommentierter Kommentar.

Chor der Alten:
O du lieber Augustin / Alles is hin
Geld is hin / Frieden’s hin
Job is hin / Wirtschaft’s hin
O du lieber Augustin / Alles is hin

Rente weg / Sparstrumpf weg
Wohlfahrtsstaat / Liegt im Dreck
O du lieber Augustin / Alles is hin

Ach, Sie sind 30 Jahre alt?

Wer?

Na, Sie.

Chor der Alten:
Ich bin Siebenunundsiebzig. – Ich Fünfundneunzig. – Und ich bin Einhundertunddrei.

Ich? Nein, ich bin 60.

Ich erzähle Ihnen, in welchem Land ich gelebt habe, als ich so alt war.

So alt wie wer?

Na, wie Sie.

Als Sie so alt waren wie ich? Wieso, wie alt sind Sie denn?

Ich? Ich bin 61. Nein, 62. Ich werde 63. Nein, 62. Ich habe mich aber noch nicht daran gewöhnt, ich denke immer, ich bin schon 62. Dabei bin ich erst 61. Ich bin nämlich Jahrgang 53. Und 53 und 61 wären zusammen 114, wir haben aber schon 15. Aber ich werde erst noch 62. Das irritiert mich. Der Jahrgang 54 ist es, der jetzt 61 sein müßte, weil 2015 minus 61 1954 ist, aber viele von denen sind erst 60.

Wem sagen Sie das?

Die werden dann erst 61, in diesem Jahr. Ich werde aber 62. So wie der Jahrgang 52, der ist aber zum Teil schon 63 und läßt sich verrenten. – Merkwürdig. Mit der Zeit fällt es mir immer leichter, mich an neue Jahreszahlen zu gewöhnen. Früher war das schwerer. 1983 z.B. habe ich im März noch ’1982′ auf die Euroschecks geschrieben. Das ist heute vorbei, ich kann mich nicht entsinnen, wann ich das letztemal ein falsches Datum auf einen Euroscheck geschrieben hätte. Dafür fällt es mir immer schwerer, mich an meine neue PIN zu gewöhnen. Wenn ich im September eine neue Karte gekriegt habe, dann benutze ich im Januar immer noch die alte PIN. Also die von der letzten Karte. Manchmal sogar die von der vorletzten. Dann sagt der Automat allerdings: Ist nicht! Dann fällt es mir wieder ein, daß ich ja eine neue Karte benutze. Das war bei den Euroschecks anders, die blieben stumm, wenn man ein falsches Jahr draufschrieb. Aber man kriegte sie zurück und mußte dann einen neuen ausstellen. Andererseits konnte man auf dem Euroscheck das Datum abkürzen. ’82′ war genausogut wie ’1982′. Probieren Sie das mal mit einer PIN! – Ach, Ihr jungen Leute, ich beneide Euch nicht!

Ich bin nicht mehr jung.

Wir hatten es besser als Ihr, damals. Wir hatten Super-Euroschecks. Wohin man auch kam – sagen wir mal: Griechenland, Portugal, Spanien -, die Einheimischen spurten. Die Griechen spurten. Die Spanier spurten. Die Portugiesen spurten. Die ganze Welt ein Bordell, wie Kuba unter Batista. Und Deutschmark war die Währung.

Sie wollen nicht etwa andeuten, daß das heute anders wäre?

Die Mark ist futsch. Zwar Kuba ist auf dem Weg zurück, Bordell zu werden, aber Batista ist tot. Salazar ist tot. Franco ist tot. Papadopoulos ist tot. Spanien und Portugal sind Demokratien. Griechenland macht, was es will. Es ist nicht mehr dasselbe. – Ach, Ihr jungen Leute, ich möchte in Eurer Haut nicht stecken!

Was das angeht, sind wir uns einig. Wir möchten das auch nicht. Bleiben Sie gefälligst in Ihrer eigenen Haut.

Aber die Mark! Ihr habt sie kaum gekannt. Wie alt wart Ihr, als sie verschied? Schon geschäftsfähig? 18? 17?

Chor der Alten:
Welche Mark meint er denn, der Lümmel? – Die Reichsmark. – Jaha, Klugscheißer! Welche Reichsmark? – Ich war 10, ich weiß es noch! 1984. Im Sommer.

Achtundvierzig.

Chor der Alten:
Mein ich ja. 1948. Im Sommer. – Nicht 48, 24. Da wart ihr noch gar nicht da, ihr Lauser. – Wohl war ich da da! – Und davor? Was war davor?

Laßt Euch erzählen, wie es mit ihr war: wohin man auch kam, man war der King.

Und zuhause? Wer war man da? Hans Arsch von Rippach?

Zuhause war man auch der King. Die Gastarbeiter spurten. Die Jugoslawen spurten. Die Türken spurten. Sie spurten nicht mehr so, als es ans Zurückkehren ging. Es muß so um 83, 84 herum gewesen sein, als man den Türken gute deutsche Super-Währung anbot, damit sie den guten deutschen Super-Arbeitsmarkt nicht weiter belasteten. Sie durften sich sogar die guten deutschen Rentenansprüche auszahlen lassen und mitnehmen, so sicher waren die. Und die Super-Zinsen auf ihre guten deutschen Sparguthaben durften sie auch mitnehmen. Aber sie wollten nicht so recht. Im Nachhinein ist das schwer zu verstehen, denn es war doch alles super, damals. Daß einer nicht bleiben kann, wo er geboren worden und aufgewachsen ist, das kennen wir heute, zum Beispiel aus Brandenburg. Aber damals, als ich dreißig war, kannte man das höchstens aus Anatolien. Warum also wollten sie nicht zurück? Man versteht es heute nicht mehr. Ich würde mir ein schönes Anwesen gekauft haben. Tatsächlich habe ich mir ein schönes Anwesen gekauft, in Brandenburg, hübsch gelegen, gar nicht teuer.

Eins bloß?

Aber man versteht heute vieles nicht mehr. Wie es zum Beispiel möglich war, daß ich, als ich fertig studiert hatte, drei Jobangebote in der Tasche hatte, das kann mir heute keiner mehr erklären. Ich selbst könnte es nicht.

Drei bloß?

Es hätten auch sechs oder sieben sein können, wenn mehr Türken nach Anatolien zurückgegangen wären. Aber immerhin: drei! Sie müssen sich heute zu dritt ein Jobangebot teilen. Wenn Sie Glück haben.

Ich? Ich muß mir kein Jobangebot teilen. Zum Glück! Kein Mensch käme auf die Idee, einem Sechzigjährigen ein Jobangebot zu machen. Außer solchen, die bei mir im Spam Folder landen. Die kennen allerdings überhaupt kein Maß. Grad erst wollte mich jemand “seinem beruflichen Netzwerk auf LinkedIn hinzufügen”. Ich habe zurückgeschrieben, ob er noch ganz gesund sei? Ich persönlich hülfe lieber einem nigerianischen Thronfolger aus einer kurzfristigen Cash-Flow-Klemme, als daß ich mich mit ihm zusammen coram publico tot über jene Hecke hängen ließe. Muß man sich das gefallen lassen? Wer bin ich denn? Ein Karrierehengst?!

Ich war kein Karrierehengst, als ich von der Uni abging. Ich hatte alles dafür getan, mir ein hübsches Berufsverbot zu verdienen. Das Berufsverbot, müssen Sie wissen, war für meine Generation sowas wie das eiserne Kreuz für die Generation unserer Väter.

Chor der Alten:
Lausejunge! – Mal nicht so vorlaut, junger Mann!

Sie hätten Briefträger werden wollen sollen, nicht Journalist. Dann hätte es auch mit dem Berufsverbot geklappt.

Aber ich wollte kein Briefträger werden, da hätte ich ja Geographie studieren müssen. Ich habe aber nicht Geographie studieren wollen, sondern Geschichte. Weil ich nämlich Klugscheißer werden wollte. Oder vielmehr schon war. Einer, der den Mitessern in der Mensa jeden Bissen in den Mund diskutierte, wohl wissend, daß sie, wenn sie in der einen Hand das Messer, in der anderen die Gabel hielten, keine Hand mehr frei hatten, um sich die Ohren oder mir den Mund zuzuhalten. Das habe ich ausgenutzt.

So einer waren Sie also! Die hatte ich ja gefressen, diese Typen. Ich habe denen, die keinen Mund zum Essen frei hatten, weil sie mich agitieren mußten, immer Sachen vom Tablett genommen. Ratz! hatte der keine Kartoffeln mehr, fatz! kein Kotelett.

Sie sollten einsehen, daß die Russen die Guten und die Amerikaner kulturlos waren. Was am System lag. Ich wußte das, weil ich mich in Geschichte so gut auskannte. Für unsere Eltern war es noch andersherum. Für die waren die Russen die Bösen und die Amerikaner kulturlos. Das lag am Charakter der Russen, war aber unsystemisch gedacht. Das kam, weil unsere Eltern nicht Geschichte studiert hatten.

Chor der Alten:
Was haben wir nicht studiert? – Und ob wir Geschichte studiert haben! – Vielleicht mehr wie du! – Und Heimatkunde! Mit dem Rohrstock! – Wir haben sie noch auswendig gekonnt: 7-5-3-Bei Issos Keilerei – Wo Werra sich und Fulda küssen – Das doch nicht! – Nicht Issos! Rom! – Deutsch bis zum Meer!

Aber rückblickend muß ich sagen, daß der Frieden selten in der Geschichte so sicher war wie damals, als wir auf Friedensdemos gingen.

Jedenfalls für den, der nicht zufällig in Israel lebte oder in Syrien. Oder im Iran oder im Irak.

Chor der Alten:
Oder im Libanon. – Oder in Ägypten. – Oder in Mali. – Oder in Obervolta. – Oder in Kambodscha. – Oder in Vietnam. – Oder in Tansania. – Oder in Uganda. – Oder auf den Falklands. – Oder in Peru. – Oder in Ecuador. – Oder in Grenada. – Oder in Libyen. – Oder im Tschad. – Oder in Somalia. – Oder in Ägypten.

Hatten wir schon.

Chor der Alten:
Dann eben Äthiopien. – Oder in Osttimor. – Oder in Thailand. – Oder auf Zypern. – Oder in Zaire.

Oder in Nicaragua.

Chor der Alten:
Oder in Nicaragua.

Oder in Afghanistan.

Meinetwegen. Meinetwegen, meinetwegen, meinetwegen. Meinetwegen auch in Afghanistan. Fakt ist jedoch: der Frieden, der Frieden als solcher, der war sicher. Die Russen und Amis waren schließlich keine Irren. Kulturlos ja, was die Amis angeht, aber nicht irre. Sie belauerten einander mit ihren Mehrfachsprengkörpern in der Hand und verhinderten so das Führen von Eroberungskriegen. Wenn einer der beiden einen Eroberungskrieg angefangen hätte, hätte der andere sofort gesagt: Ist nicht! Die Russen führten sowieso keine Eroberungskriege, das wußte ich aus der Geschichte. Daß die etwas in Afghanistan zu suchen hatten, lag daran, daß sie dort was verloren hatten. Das ist kein Eroberungskrieg, das ist Logik. – Hingegen die Amis führten zwar überall auf der Welt Eroberungskriege, aber doch nicht hier bei uns in Europa! Nicht doch! Der Wiege ihrer eigenen Unkultur! Die Idee, daß es in Europa jemals wieder einen Eroberungskrieg geben könnte, wäre uns völlig krank vorgekommen.

Chor der Alten:
Krank? Eine kranke Idee? Was muß ich mir unter einer kranken Idee vorstellen? Eine Idee mit Triefnase? Bronchitis? Schlimmer Zehe? Mittelohrentzündung? – Vielleicht sollte er, statt von “kranken” Ideen zu reden, lieber von den “Ideen eines kranken Hirns” reden. Das wäre semantisch sinnvoller. – Jedenfalls wäre es näher an der Wahrheit.

Apropos „krank“: Die Masern waren besiegt, und in Berlin gab es zwei funktionierende Flughäfen.

Chor der Alten:
Da! Hab ich’s nicht gesagt? Krankes Hirn! Wer, außer einer gespaltenen Persönlichkeit, braucht zwei (2) Flughäfen? – Und die Masern? Wo kommen die wieder her? Ich denke, sie waren schon besiegt? – Die waren auf Elba, in Verbannung. – Und als das Vaterland sie rief, da – Nein, das war anders. Das Vaterland brauchte gar nicht zu rufen, denn -

Hört mal auf zu brabbeln! – Wie sag ich’s meinem Kinde? Nicht Kinde – Kommentator. – Wenn Sie sich damals – seinerzeit – nicht vorstellen gekonnt haben wollen, daß in Europa ein Eroberungskrieg geführt werden würde, wie Sie sagen, dann fragt man sich natürlich, warum Sie damals ständig auf Friedensdemos latschen mußten. Heute, heute halten Sie die Amis von damals vielleicht nicht mehr für irre, das kann sein. Heute haben Sie für diesen Zweck aber auch die Russen. Denn wenn Sie hier die Vokabel ‘Eroberungskrieg’ in die Debatte schmeißen, dann wollen Sie damit ja was sagen. Frage daher: Was wollen Sie damit sagen? – Daß heute in Europa Eroberungskriege geführt werden, wollen Sie damit sagen. Ich nehme mal an, Sie meinen damit den Krieg im Donezbecken. Sie könnten damit im Prinzip auch die Besatzung Finnlands durch Schweden meinen, den Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden oder den Dolomitenkrieg. Könnten Sie meinen, meinen Sie aber nicht. Dazu müßte es die Kriege nämlich erstmal geben, was es nicht tut, und dann müßten diese auch noch die Zertifizierung als Eroberungskriege hinter sich bringen, wofür es in keinem der drei Fällen eine Erfolgsgarantie geben würde. Also, Sie meinen die Ukraine. Vermutlich meinen Sie die Krim gleich mit, ohne sich vom Unterschied zwischen Annektion und Krieg groß ausbremsen zu lassen. Wenn aber in der Ukraine heute ein Eroberungskrieg geführt wird, was war dann die Landung in der Schweinebucht? Was sollte denn da erobert werden, was einem nicht – nach Vorstellung der Eroberer – zuvor bereits gehört hätte? Die Sowjetunion? Ich frage Sie, als den systemisch denkenden, historisch gebildeten Klugscheißer, der Sie damals gewesen sein wollen. Und wenn ein Lübke damals dem Kampfhund Batista das Bundesverdienstkreuz an die Diktatorenbrust heften konnte, ohne ihn wenigstens ordentlich mit der Nadel zu pieken, wieso dann ein Gauck nicht dem Janukowytsch?

Chor der Alten:
Weil es nicht auf den Köter ankommt, sondern auf den, auf den er horcht.

Ja, danke schön! Ganz recht. Drum half Adenauer Eisenhower, drum hilft Merkel Putin nicht. Aber Sie? Ein Mann einst des großen Chruschtschow? Des Organisators des Partisanenkampfs in der – jawollja – Ukraine? Der Sie praktisch am gleichen Tag geboren wurden, da jener Erster Sekretär des ZK der KPdSU zu sein sich anschickte? – Was haben Sie auf einmal gegen die Russen? – Es kann ja sein, und ist auch schon vorgekommen, daß man, wenn man einer Schönen nachsteigt, die man im jünglingshaften Überschwang idealisiert, wie Sie – und nicht nur Sie – seinerzeit der Sowjetunion, der Freundin aller Unterdrückten, sofern sie von den Richtigen – also den Falschen – unterdrückt wurden und idealerweise in Raketenreichweite der USA wohnten und ein bißchen was Platz hatten, wo man Atomsprengköpfe gefechtsbereit machen konnte, um den Konkurrenten zu nerven und zu provozieren, vorzugsweise idyllisch gelegen: “Vom Vollmond über Havanna der Schönen / im Schutz von Raketen aus Stahl” (Degenhardt) – kann sein, daß man dabei unversehens von der Klippe fällt und sich eine blutige Nase holt. Das kann den Besten passieren.

Darf ich jetzt mal weitermachen? Das ist immer noch mein Kommentar.

Moment noch! Was man aber nicht kann, ist, die eigene Enttäuschung über die Erkenntnis, daß auch sie kein Engel ist, sondern von dieser Welt, und genauso stutenbissig wie die Nachbarin, klein- und zu diesem Zweck der Schönen übel nachzureden. Und man kann nicht sie für etwas tadeln, was man der Nachbarin nachsieht. Insbesondere dann nicht, wenn man sich mittlerweile mit der Nachbarin getröstet hat. Das ist schofel. Nämlich schäbig, lumpig, abscheulich, garstig, gemein, infam sowie ruchlos. Das tut man nicht! Das sollte man mit 61 langsam wissen.

62. Nein, 61.

Ich weiß, daß es jeder tut, aber schofel ist es trotzdem.

Chor der Alten:
Schofel! – Schäbig! – Lumpig! – Abscheulich! – Garstig! – Gemein! – Infam!

Sowie ruchlos. – Soviel dazu. Jetzt können Sie mit Ihrem Kommentar weiter machen.

Terrorismus? Ein Problem, das man inzwischen im Griff hatte.

Was hatte man? Den Terrorismus im Griff?? 1983???

Chor der Alten:
Die Herren Zimmermann, Beckurts, Groppler, von Braunmühl, Herrhausen und Rohwedder sowie drei kulturlose US-Soldaten werden es mit Bedauern zur Kenntnis nehmen, daß diese Nachricht sie zu Lebzeiten nicht mehr erreichte.

Wenn wir uns mal nur auf den Terror der RAF beschränken wollen, was wir aber nicht wollen. Greifen wir nur hinein ins volle Menschenleben, und wo wir es zu packen kriegen, da ist es interessant: Bologna, 1980. Da waren Sie 27.

Chor der Alten:
85 Tote, 1 kaputter Bahnhof. Unser Dank geht an die italienischen Faschisten.

Und in der anderen Faust? Oktoberfest, ebenfalls 1980.

Chor der Alten:
13 Tote, 68 Schwerverletzte. Wem wir dafür zu danken haben, ist zur Stunde nicht bekannt.

Wer immer dahinter steckte: hatten Sie damals das Gefühl, “man” habe das Problem Terrorismus “inzwischen im Griff”? Hatten Sie denn auch den Eindruck, die Titanic habe den Eisberg jederzeit im Griff gehabt? Und haben Sie sich mal untersuchen lassen?

Islamisten, Kalifate, Dschihad – wie bitte? Darüber hat Karl May Romane geschrieben, stimmt’s?

Nein. Stimmt auch nicht. Dschihad kommt bei Karl May nicht vor, Islamisten auch nicht. Ich bitte, es gibt bei Karl May ja auch kein Fracking. Nicht einmal im ‘Ölprinz’. Dabei würde der Ölprinz bestimmt nichts gegen Fracking gehabt haben, der olle Bandit! Und was das Kalifat angeht, so empfehle ich zu Informationszwecken das Buch Mecki bei Harun al Raschid oder den Comic Isnogud, aber nicht gerade Karl May. Sehr schön ist auch der Zeichentrickfilm ‘Kalif Storch’, den ich einmal in der Kinderfilmstunde gesehen habe, zusammen mit schwarz-weißen Mickymausfilmen und Zweiaktern von Chaplin aus der Mutual-Zeit. Die gab es bei uns einmal pro Woche in der Aula der Martin-Luther-Schule und kostete drei Groschen Eintritt, subventioniert vom Kulturamt der Stadt, oder vom Jugendamt, die Martin-Luther-Schule lag in keinem besonders wohlhabenden Stadtviertel, und “Der Ölprinz” kostete im Odeon schon 1 Mark 80. War so. Es war eine sozialdemokratisch regierte Stadt. Der Spitzensteuersatz lag bei 53%. Es gab alles Mögliche: Vorlesestunden, Malstunden und leider auch Flötenstunden – ja bitte?

Dieses Land gibt es nicht mehr.

Nein. Das stimmt. Dieses Land gibt es nicht mehr.

Klar, man kann auch eine Gegenrechnung aufmachen.

Oder eine korrigierte Gegenrechnung.

Der medizinische Fortschritt,

Chor der Alten:
Die Gesundheitsreformen 1976 bis 1983. – 1989. – 2003, 2004, 2007. – 2011. – Multiresistente Krankenhauskeime. – Multiresistente Konzerne. – Die Helios-Gruppe.

das Internet,

Tagesspiegel Online.

die deutsche Einheit,

Chor der Alten:
Prenzlauer Berg. – Friedrichshain. – Latte Macchiato Mütter. – Latte Macchiato. – Mütter. – Kinder. – Starbucks. – Systemgastronomie. – Steuerflucht. – Irland. – Luxemburg. – Juncker. – Merkel. – Gauck. – Deutsche Einheit.

saubere Flüsse,

Chor der Alten:
Vollgepißte Flußufer. – Freiluftsaufen. – Bar 25. – Bar 26. – Bar 27. – Dauerparty. – Partytouristen. – Fluggastzahlen. – Billigflüge. – BER. – Mehdorn. – Stuttgart 21. – Mappus. – Kretschmann. – Schwaben. – Prenzlauer Berg. -

alles prima.

Chor der Alten:
– Friedrichshain. – Kreuzberg. – Neukölln. – Gentrifizierung. -

Schschschscht! – Was ist denn daran wohl prima? Und wieso gleich alles?

Aber unter dem Strich muss man wohl sagen, dass die Sicherheiten weg sind.

Wieso muß man das sagen? Und unter welchem Strich muß man das sagen? Wieso muß man unter einem Strich etwas sagen? Wer sagt das? – Man könnte vielleicht sagen: “Unter dem Strich, so muß man wohl sagen, kommt heraus, daß die Sicherheiten weg sind.” Das könnte man sagen. Aber warum sollte man das sagen? Welche Sicherheiten denn überhaupt?

Der Euro, der Frieden, der Job, die Wirtschaft, die Renten und die Ersparnisse, alles ziemlich wacklig. Überall Crashgefahr. Überall Baustellen. Ich glaube nicht, dass ich zu Hysterie neige, aber manchmal wird mir mulmig.

Das ist das Alter. Doch, doch. Keine Frage. Mir wird auch manchmal mulmig. Aber ich neige nicht zur Hysterie. Das weiß ich. Da brauche ich gar kein “ich glaube” davor zu setzen. Wenn man in 60 Jahren kein einziges Mal hysterisch geworden ist, darf man sicher sein, nicht zur Hysterie zu neigen. Glaube ich wenigstens.

Wenn ich 30 wäre, dann wäre mir noch ein bisschen mulmiger.

Eben nicht! Als Dreißigjähriger hat man ganz andere Interessen. Ich bin als junger Mann mal von einer Klippe gefallen, beim Klettern, an der irischen Küste war’s, und habe mir die Lunge geprellt. War mir da etwa mulmig? Da war mir nicht mulmig. Gemopst habe ich mich, weil ich abends nicht mit in den Pub konnte. Aber es ging nicht, ich kam nicht von der Luftmatratze hoch. Aber mulmig war mir nicht. Letztes Jahr dagegen bin ich aus dem Kirschbaum gefallen, mitsamt der Leiter. Erst ich die Leiter runter und lang hingeschlagen, und dann die Leiter, auch lang hingeschlagen. Und als ich mich aufgerappelt hatte, war mein Zahnersatz weg. Da war mir mulmig.

Chor der Alten:
Aua! – Und, wiedergefunden? – Oder kaputt?

Wiedergefunden. Am andern Tag. Nicht weit vom Stamm. Was ich sagen will: das ist das Alter. An dem Abend hätten mich nämlich keine zehn Pferde in den Pub gekriegt. Nicht, daß ich nicht gekonnt hätte, aber ich habe nicht gewollt. Das ist das Alter.

Wir sind unglaublich gelassen. Worüber regt das Land sich auf? Über den Stinkefinger von Varoufakis. Über diesen Sänger, der nicht beim Eurovision Song Contest antreten wollte – wie heißt er noch gleich?

Was ist denn daran unglaublich? Und was ist daran gelassen, sich über solchen Käse aufzuregen? Und worüber sollte das Land sich denn aufregen?

Die Probleme werden größer, die Themen werden kleiner. In einer Hinsicht haben es die 30-Jährigen natürlich besser.

Und zwar in welcher?

Chor der Alten:
Sie können keinen Zahnersatz verlieren.

Einige von ihnen erben später mal stattliche Vermögen.

Chor der Alten:
Nachtigall, wir hörn dir trapsen!

Einige von uns auch. Ein bißchen früher vielleicht, aber deswegen nicht weniger. Einige von uns haben sogar noch in Super-Währung geerbt. – Wieso haben es die 30-Jährigen da besser?

Glückwunsch! Ich bin nicht neidisch. Manche erben viel, andere wenig, das ist im Einzelfall vielleicht ungerecht, wie das Leben im Allgemeinen nicht dazu tendiert, gerecht zu sein.

Manche erben auch gar nichts. Andere einen Haufen Schulden. Herzlichen Glückwunsch auch denen! Sie werden arbeiten müssen, wenn sie essen wollen. Oder irgendwo wohnen. Das trifft sich nicht schlecht, denn die, die das Vermögen erben, sind darauf angewiesen, daß andere arbeiten. Widrigenfalls sie es selbst müßten. Was man ja niemandem wünschen will. – So aber ist für alle gesorgt.

Aber wenn man es im Generationenmaßstab betrachtet, ist es in Ordnung.

Sag ich doch. Und deswegen will ich jetzt endlich wissen, worüber sich die Gesellschaft denn eigentlich aufregen soll, das weiß ich nämlich immer noch nicht!

Ihr werdet das Geld brauchen, immerhin habt ihr, neben all dem anderen Ärger, auch noch diese Massen an zukünftigen Rentnern am Bein, meine Generation, die ihr durchfüttern müsst.

Chor der Alten:
Das ist doch Killefit, was er da erzählt! – Ach was! Was du nicht sagst. – Wieso brauchen denn die Jungen das Geld, wenn wir gefüttert werden wollen? Wieso brauchen die das Geld? Wir brauchen das Geld! – Was regst du dich denn so auf? – Immer dieser Quatsch, daß die Rentner gefüttert werden müssen! Wer hat den unsere Eltern gefüttert? – Ist ja gut, ist ja gut! – Alles andere, was er erzählt, hat doch auch schon nicht gestimmt. – Wir! Wir haben sie gefüttert! – Wieso soll dann ausgerechnet das jetzt stimmen? – Stimmt. – Nein! Stimmt nicht! Das Futter haben doch nicht wir bezahlt, das haben doch unsere Eltern bezahlt!

Darf ich den Chor zu etwas weniger kakophonischer Darbietung mahnen? Wir sind noch nicht ganz am Ende:

Jetzt höre ich, dass eine kräftige Erhöhung der Erbschaftsteuer in Arbeit ist. Na ja, wenn der Crash kommt, ist sowieso alles futsch.

Chor der Alten:
Was? Was? – Hab ich das richtig gehört? – Erbschaftssteuer? – Lausejunge! – Rotzlöffel! – Sagt mal, wo ist eigentlich unser Spucknapf? – Keine Ahnung. – Ich will nicht, daß unser Spucknapf wegkommt. Wenn einer den Spucknapf wegnimmt, dann soll er ihn gefälligst wieder dahin stellen, wo er ihn weggenommen hat. – Was kuckst du mich so an, ich habe den Spucknapf nicht. Leider! – Da braucht man einmal seinen Spucknapf – einmal -, da ist er nicht da. – Frag ihn mal, ob er ihn hat. – Er? Der junge Hüpfer? Was will er mit einem Spucknapf?

Bitte vielmals um Entschuldigung. Ich borgte mir den Spucknapf. Als ich diesen Gedankenrotz las, bedurfte ich seiner. Es würgte mich. – Fällt dem Kerl im Rückblick auf seine Jugend nichts anderes ein, als daß er mit seiner Kohle “überall der King” war. Und das Thema Weltuntergang findet bei ihm seine Metapher nur allzu natürlicherweise in einer Erhöhung der Erbschaftssteuer. – Und mit sowas teilt man nun die Alterskohorte!

Pfui Deibel.

Chor der Alten:
Was meint er mit Gedankenrotz? Wieso Gedanken?

Darf ich den Chor dann um den Schlußchoral bitten?

Chor der Alten:
Deutschmark wech / Erbe wech
Das ist schlecht / Und nicht recht
O du lieber Martenstein / Alles ist futsch

Martenstein / Martenstein
Leg nur ins / Grab dich rein
O du lieber Martenstein / Alles ist futsch

Kurzer Prozeß

Der niedersächsische Kinderschutzbund lehnte ab, aber die Jugendfeuerwehr übernimmt Edathys 5.000 Euro sowie den beschlagnahmten Bildband mit den Bildern. Die Staatsanwaltschaft hat den Band durchstudiert und braucht ihn nicht mehr. Die Feuerwehr hingegen erhofft sich Anregungen für die Gestaltung des nächsten Jugendfeuerwehrkalenders.

Der US-amerikanische Bundesstaat Utah will die Exekution durch Exekution wieder einführen, da ihm das Gift zur Neige geht. Sprich: durch Füsilierung.

Das wird nicht geschehen,
denn die Krieger der Utah sind tapfre Helden,
aber keine Mörder.
Old Shatterhand

Doch, das wird doch geschehen. Aber die tapferen Krieger aus Utah wollen sich nicht lumpen lassen: die Todgeweihten sollen ein paar hundert Meter Vorsprung kriegen. Das macht die Sache sportlicher, spielerischer, spannender und eines tapfren Kriegers eher würdig.

Uomo vecchio, uomo sporco – uomo Silvio (Berlusconi) ist vom Vorwurf des Mißbrauchs Minderjähriger freigesprochen worden. Bungabunga ist kein Mißbrauch. In der Begründung des Gerichtes heißt es, Berlusconi habe schließlich nicht mit dreckiger Phantasie zuhause gesessen und nackte Jungs angeguckt, sondern lediglich mit jungen Mädchen das gemacht, wozu diese da seien. Daß da mal eine Minderjährige dazwischenflutsche, das bleibe, wo es so feucht und fröhlich zugehe wie beim Bungabunga, nicht aus. Das stehe schließlich nicht dran, an so einer. Das habe auch noch deren keiner geschadet. Da könne man ihm keinen Strick draus drehen. Sowieso könne man aus minderjährigen Mädchen keine Stricke drehen. Dafür seien die nach einer halben Stunde Bungabunga viel zu glitschig. Das sage einem doch schon der gesunde Mädchenverstand.

Der stellvertretende Vorsitzende der Schäbigsten Partei Deutschlands, Thorsten Schäfer-Gümbel, hat daraufhin Conte Silvio die Ehrenmitgliedschaft in der SPD angeboten. Die SPD sei eine äußerst Ehrenwerte Gesellschaft, in der Leute mit Freisprüchen nichts verloren hätten. Leute wie Sebastian Edathy jedenfalls nicht. Ein anständiger Mensch habe immer was auf dem Kerbholz. Nur wer nichts tue, mache keine Fehler. Aber es komme darauf an, was für eine Sorte Dreck man am Stecken habe, und an welchem Stecken man den Dreck habe. Stecken sei nicht gleich Stecken, und Dreck nicht gleich Dreck. Bei Berlusconi sei man sicher, daß es der richtige Stecken sei und die richtige Sorte Dreck. Darum herzlich willkommen in der SPD, auch wenn der Graf gerade freigesprochen worden sei. Freispruch sei schließlich nicht in jedem Falle ehrenrührig. Freispruch sei nicht gleich Freispruch.

Wenn man Schäbig-Gümbel aus der SPD-Vorstandssitzung kommen hört und sieht, wie er in die Kameras hinein lügt, “fassungslos” ob Edathys Verhalten zu sein, ist man zunächst fassungslos. Faßt sich aber schnell wieder und denkt bei sich: Den könnten sie in Utah gut gebrauchen. “Das Bleichgesicht hat eine giftige Zunge. Ihr Kuß ist tödlicher als alle Waffen des Roten Mannes. Sie reichte hin, unsrer Todgeweihten so viele auszulöschen, als Manitou in unsere Hände gab.”

Apropos todgeweiht: “Wie kommunizieren wir das eigentlich, wenn Sebastian sich umgebracht hat”, soll der Fraktionsvorsitzende der Schäbigen seinen Kumpel Hartmann gefragt haben, und wer sich das zugehörige Natterngesicht vors innere Auge holt, den flieht der Zweifel, ob das denn wohl wirklich so gewesen sein mag. Das war genau so. Der tiefen inneren Wahrheit brauchen sich kleinliche Tatsachen erst gar nicht in den Weg zu stellen. So wie Schäbig-Gümbel sich zu schade ist, Edathy eigenhändig aus der Partei zu werfen, und darauf setzt, daß ein Mann, dem er vor einem halben Atemzug noch jeglichen Anstand abgesprochen hat, so viel Anstand hat, sich selbst daraus zu entfernen, so ist Nattermann selbst dazu zu schäbig, Edathy wenigstens mit eigener Hand umzubringen. Zwar haben die tapferen Krieger der Schäbigen dem Inkulpaten ein paar hundert Meter Vorsprung gegeben, und erst dann auf ihn geballert, aber nur mit Platzpatronen. Sie erwarteten, daß Edathy sich bei der Hatz hinter die erste Krüppelkiefer schmeißen und und dort die Kugel geben würde. Statt dessen ballerte der zurück. Fassungslos fragt Schäbig-Gümbel sich, wie man denn nun sowas kommunizieren soll.

Mittlerweile hat der Kinderschutzbund ein neues Geschäftsmodell erfunden: Abscheu. Abscheu, oder die wundersame Vermehrung der 5.000. Euro. Pro Jahr werden in Deutschland ca. 150 Kinder von den eigenen Eltern totgeschlagen, allerdings auf anständige Art und Weise, ohne Schweinkram. Mord, Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge, solche Geschichten. Manchmal sind die Eltern nicht einmal böse auf die Kinder, sondern vernachlässigen sie bloß, geben ihnen nichts zu trinken, kommen tagelang nicht nach Hause, weil sie vergessen, daß sie Kinder haben. Problem dabei für den Kinderschutzbund: davon nimmt keine Sau Notiz. Viel weniger noch von blauen Flecken, Beulen, gebrochenen Ärmchen oder Beinchen oder geschundenen Seelen. Wenn man nun der Kinderschutzbund ist, und kriegt von einem Richter 5.000 Euro zugesprochen, für Einstellung so eines Verfahrens wegen geringer Schuld, dann sind das a) Peanuts, und b) nimmt man das Geld besser an, denn wenn man es nicht nicht annähme, weil man von so einem kein Geld wollen würde, pfui Deibel, dann – ja, was dann? Nichts dann. Das interessiert doch keinen. Ist aber Schweinkram im Spiel und, besser noch, Schweinkram und ein arroganter Schnösel, oder auch nur ein arroganter Schnösel, und der Schweinkram apokryph, vor dem (dem Schnösel) vor Abscheu sich zu schütteln einen aber nichts kostet, im Gegenteil – ja das ist dann ein ander Ding! Denn siehe, nach der Zurückweisung der fünftausend Ocken hoben sie auf, was noch am Boden lag, da waren es bereits zwölf Körbe voll.

Der Kinderschutzbund will jetzt in der Abteilung Fundraising ein Kompetenzcenter für strategische Abscheu und Empörungsoptimierung aufbauen.

Und was macht derweil das gesunde Volksempfinden sonst noch so? – Kurzen Prozeß: in Tröglitz haben tapfere Krieger einen unbewaffneten Bürgermeister daran gehindert, volksfremde Elemente ins Land zu holen, nein, nicht ins Land zu holen, das war nicht dessen Idee: in die Stadt zu holen, nein, auch das nicht. Aber sie, die Elemente, wenn sie denn schon in die Stadt kommen, was sie tun werden, dort quasi in Empfang zu nehmen, den Prozeß aktiv zu begleiten, Mitgestaltungsmöglichkeiten zu suchen und wahrzunehmen usw. Nein, auch das war nicht eigentlich sein Verbrechen. Das Verbrechen war: er hat anscheinend Verständnis für die Situation von Flüchtlingen gehabt. Oder geheuchelt. Jedenfalls geäußert. Phht! Verständnis! Sagen wir so: das gesunde Volksempfinden ist dem Bürgermeister in den Arm gefallen, als der sein finsteres Werk der Bolschewisierung Tröglitzens in die Tat umsetzen wollte. Noch mal gutgegangen: der Mann – ein ehrenamtlicher, was ja die schlimmsten sind, Idealisten und so – trat zurück. Woraufhin man von seiner Füsilierung absah – “Es waren ja deutsche Krieger” (cf. Spucknapfliteratur). Die Helden von Tröglitz feiern sich auf Facebook. Ihr nächstes Ziel: der kleinen Schwester zuhause die Puppe wegnehmen.

Zuguterletzt: es geht auch ohne Gift. Der Islamische Staat hat einen hochrangigen Juristen des Islamischen Staates geköpft. Warum? “Die Führung der Terror-Miliz ließ ihn köpfen, weil er zu viele Menschen zum Tode verurteilt hatte.” (Spiegel Online)

Amen.

Das Wahrheitsministerium informiert

Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten;
Heiter sprach er zu mir: Werde mir Zeuge, du Stein!
Goethe

Nachdem der Islamische Staat alle Steine kurz und klein geschlagen hat, die sich unvorsichtigerweise bereits vor dem Erdenwandeln des Propheten (ca. 570 bis 8. Juni 632 nach Christus dem Gesalbten) haben behauen lassen, um solcherart ein Zeichen zu setzen wider die Gottlosigkeit der Natur, wider die Verehrung des Götzen Geschichte und wider den Tanz um das Goldene Kalb der Schöpfung, will er in Stufe II die Knochen aller Irdischen, die Gott vor dem Jahre 570 – oder sicherheitshalber 573 (besser: unsicherheitshalber; das genaue Geburtsdatum des Propheten ist nicht bekannt) – zu sich gerufen hat, ausgraben, um sie zur Strafe für mangelnden Respekt vor dem Propheten totzuschlagen.

Wie immer, wenn den Assassinen der Jihad schwillt, kriegen es zuerst die Muslime ab, die auf dieser Welt anscheinend keiner leiden kann, jedenfalls kein Muslim. Christen und Juden können sich durch Tributzahlungen freikaufen. Wenn sie das nicht wollen, oder wenn sie das Geld nicht aufbringen können, wird man aber auch ihnen alle Knochen im Grab kaputtschlagen.

In Stufe III soll es den steinernen Zeugen der Erdgeschichte an die Rippen gehen. Fossilien, Petrefakten, Ammoniten, Trittsiegel, Koprolithe, Mineralisierungen, Fliegen in Bernstein, im Permafrost lagernde Wollnashörner und andere stumme Zeugen der Größe und Allmacht Gottes sollen ausgegraben und mit Hämmern zerschlagen werden, denn sie loben Gott, ohne dazu die Erlaubnis des Fürsten der Gläubigen zu haben. In Stufe IV werden Kambrium, Ordovicium, Ober- und Untersilur, Devon, Carbon, Perm, Trias, Jura, Kreide, Tertiär, Pleistozän und Holozän bis einschließlich Steven Spielberg verboten, und der Dinosaurierpark Münchehagen wird geschlossen.

Stufe V wird dann mit Sternen, Planeten, Sonnensystemen, Galaxien, Spiralnebeln, Schwarzen Löchern, Hellen Riesen, Braunen Zwergen, Stringtheorien, Urknällen, Stephen Hawking, Materie und Antimaterie aufräumen, sie sprengen, wenn sie sich sprengen lassen, und sie an Ungläubige verkaufen, wenn damit Geld zu machen ist.

Einzig tolerierter Himmelskörper soll ein trauriger Halbmond sein.

cui bono?

Neues Hobby: Benzinskepsis

Es kommt nur auf den Weg an,
auf den Weg zu den Sternen.
Alles andere ist für des Leibes Notdurft.
Eduard Stucken

Es ist zwar so in diesem Land, daß alles, wes der Mensch für des Leibes Notdurft bedarf, nicht in erster Linie durch gemeinwirtschaftlich orientierte Unternehmungen oder sozialistische Kollektive, Volkseigene Betriebe oder freiwillige Arbeitseinsätze der Komsomolzen zur Verfügung gestellt wird, sondern durch privat wirtschaftende Unternehmen, die auf Gewinn aus sind – es hat dies weitgehend damit zu tun, daß es sich bei dem unsrigen um ein kapitalistisches Land handelt, und zwar nicht um irgendeines, was das angeht, sondern um die Nummer 4 auf der nach unten offenen Weltherrenskala – wer’s nicht glaubt, der kann ja gerne einmal Grieche werden und den Unterschied ausprobieren -, und diese privat wirtschaftenden Unternehmen, sie kümmern sich um Alles: vom Brot auf dem Teller über den Teller selbst, den Tisch nicht zu vergessen, bis hin zur Schüssel, in der das Brot landen wird, wenn es dann irgendwann zur Notdurft im eigentlichen Sinne …

Genügt!

Ja, selbst das Papier, und der Plastikbeutel, in dem der Bürger das Papier aus dem Kofferraum in den dritten Stock …

Genügt, sagte ich!

… die Klobürste …

Ja, ja, ja! Das alles ist zu irgendeinem Zeitpunkt Profit gewesen. Irgendeiner wird versucht haben, sich einen goldenen Arsch daran zu verdienen, und dieses Prinzip des Goldenen Arsches, es wird von uns nicht mehrheitlich infrage gestellt. Vielleicht stellt der eine oder andere es grundsätzlich infrage, macht sich Gedanken über ein anderes, im Idealfall besseres Wirtschaften, aber zu Konsequenzen führt das im allgemeinen nicht. Niemand würde die Tauglichkeit von Klopapier für dessen propagierten Zweck anzweifeln, nur weil ein anderer daran Geld verdient.

Aber wehe!

Wehe, es handelt sich um etwas weniger Banales als Klopapier. Etwas Geheimnisvolleres. Etwas, das den archaischen Urgrund unserer Existenz rührt: eine magische Flüssigkeit. Zaubertrank! Es macht Blech sich fortbewegen, wie von Geisterhand geführt, so heißt es. Benzin!

Dann kommen sie hervor, die alten Ängste. So geschieht es dieser Tage, da immer mehr Bürger ihre grundsätzliche Skepsis gegenüber dem kapitalistischen System entdecken, jetzt nicht, was ihr Brot angeht, oder ihren Teller, den Tisch, den Fußboden, die Wand, den Flur, das Bad, die Kloschüssel, die Klobürste, das Klopapier, ihren Kaffee, ihre Zeitung, ihre Flatrate, ihre Schuhe, ihr Fitnessabo, ihre Unterhosen, ihr Shampoo, ihren Kühlschrank, ihren Urlaubsflug, ihre Brille, ihre Winterjacke …

Genügt!

… ihr Federbett, ihre Nachtcreme, ihren Nagellack, ihren Rasierapparat, ihre dritten Zähne …

Erbarmen!

… ihre Waschmaschine, ihren Trockner, ihre Trockenhaube, ihren Friseur …

Wo ist mein Strick?

… oder ihren Strick, wohl aber: beim Benzin für ihr Auto. Jemand verdient Geld damit? Mit dem, was ich in meinen Tank tue? Er hat also ein Interesse daran, nicht wahr? Liegt es da nicht auf der Hand, mal zu fragen: cui bono? Nutzt Benzin überhaupt etwas? Außer der Industrie? Brauchen Autos überhaupt Benzin? Sind nicht Autos ohne Benzin viel gesünder? Und wenn das Auto stehen bleiben sollte – was ich persönlich ja nicht glaube, ich glaube, es handelt sich um Propaganda der Ölindustrie – dann ist es für den Organismus des Fahrzeugs sicher besser, wenn es stehen bleibt. Benzin ist schädlich. Benzin ist giftig. Die Produktion von Benzin verursacht Umweltschäden in Milliardenhöhe, und die Industrie verdient daran. Das sieht man schon daran, daß die Industrie immense Summen für Schadenersatz berappen kann. Wer kann das denn, wenn nicht einer, der vorher immense Summen daran verdient hat, daß er den Leuten Gift andreht? Aber das wird natürlich verschwiegen und unter der Decke gehalten. Aber nicht mit mir! Ich beuge mich dem Diktat der Schulphysik nicht! Die angeblichen Studien zur Wirkungsweise von Verbrennungsmotoren sind doch alle von der Ölindustrie gesponsert! Eine Umwandlung einer Translationsbewegung in eine Rotationsbewegung ist nämlich mechanisch gar nicht möglich; der Kolben würde sich im Zylinder verkanten und steckenbleiben. Ganz abgesehen davon, daß es gar keine Bewegung geben kann, das hat schon Parmenides von Elea gewußt, aber dessen Erkenntnisse werden von der Industrie auch unterdrückt, weil sie von der Illusion fahrender Autos nur profitiert, hah!

Entschuldigung, haben Sie vielleicht irgendwo meinen Strick gesehen?

Nun wäre es ja nicht so schlimm, wenn einer so denkt, Knallköpfe gibt es überall. Schlimm aber ist es, wenn immer mehr Benzinverweigerer ihren Tank einfach nicht mehr auffüllen, aber trotzdem losfahren und dann an der Abfahrt Peine Ost liegenbleiben, während ein Knallkopf aus der Gegenrichtung in Peine West verreckt. Auch das wäre noch nicht so schlimm, wo ist man selbst nicht schon überall liegengeblieben, als man noch den Felicia hatte? Fachleute haben ausgerechnet, daß einzelne Liegenbleiber den Verkehr nicht nachhaltig kollabieren lassen. Kritisch wird es, wenn der Anteil der Benzinverweigerer bei fünf oder mehr Prozent liegt. Rechtzeitiges Tanken ist dann keine reine Privatsache mehr. Die “Durchtankrate”, wie die Fachleute das nennen, sollte bei 95 Prozent …

So ein unscheinbares Stück Strick, aus Hanf, gar nicht lang, aber mit einer Schlinge am Ende?

Impfskeptiker

Grüne mal wieder dagegen. Andererseits aber auch dafür. Man weiß nicht recht, woran man ist.

BERLIN afp Eigener Bericht abgeschrieben vonne taz | Die Grünen haben sich für eine bessere Aufklärung zum Thema Impfungen ausgesprochen, jedoch ihre Ablehnung einer Impfpflicht zum Schutz vor Masern bekräftigt. Ein Zwang bringe „Impfskeptiker“ nicht zum Umdenken, sagte die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Katja Dörner der Zeitung Die Welt vom Montag. Stattdessen warb sie für eine Pflicht für Eltern, „bei der Anmeldung zur Kita einen Nachweis zu erbringen, dass sie zum Thema Impfung beraten wurden“.

Die “Welt vom Montag” war mir bislang kein Begriff, aber der Name gefällt mir: erscheint die jetzt immer? Oder ist das keine neue Zeitung, sondern das, was man früher Spiegel nannte? – Jaa, der “Frühe Spiegel”! Ich hab’ ihn gern’ gelesen, als es ihn noch gab!

Aber was ist das mit den Grünen? Die Grünen haben was gemacht? Sich für etwas ausgesprochen? Ja geht das denn überhaupt? Dürfen die das denn? Ist das denn erlaubt? Und wofür haben sie sich ausgesprochen?

Für bessere Aufklärung, sieh mal einer an! Vive la lumière verte! À bas l’obscurantisme! Promouvoir les connaissances, c’est ce qu’il faut faire! Shine your light on me, Katja Dörner: Zwang, bringt er etwa den Impfskeptiker zum Umdenken?

“Impfskeptiker bringt man nicht durch Zwang zum Umdenken, sondern …”

Ja? Sondern? Sondern? Sondern immunisiert durch ihn allenfalls deren Kinder gegen das Masernvirus? Auch schon was!

“… sondern durch umfassende, unabhängige Beratung.”

Ah! Gesprochen wie ein Mann! Und wenn auch dieses nicht, so doch gebrüllt wie einer Leuwinne gut zu den Schnurhaaren steht! Oder sagen wir: wacker aus der Fibel “Verlautbarungsdeutsch für den Pressefredi” abgepinselt und unfallfrei zum Einsatz gebracht. Die gute alte Beratung! Umfassend und unabhängig. Jaja! So soll sie auch sein. Ergebnisoffen fehlt noch. So wie bei Oma Karoline, die den Sparstrumpf ihres seligen Karl auch erst dann in die berüchtigten Lehmann-Papiere umwandelte, als der nette junge Mann von der Sparkasse ihr umfassend, unabhängig und ergebnisoffen dazu geraten hatte.

Aber bringt man mit Beratung tatsächlich die Impfskeptiker zum Umdenken? Und was war gleich noch mal Umdenken? Drumherumdenken oder Andersherumdenken? Und, wo wir einmal dabei sind: was sind Impfskeptiker eigentlich so für Leute? Machen sie den Eindruck, es irgendwie besonders mit dem Denken zu haben? Nicht daß sie das gar nicht wollen und böse weden, wenn man ihnen damit kommt?

Germanistenfuzzi erzählt, daß seine drei Hunde ebenfalls Impfskeptiker seien, einer wie der andere. Und zwar seien sie dermaßen skeptische Impfskeptiker, daß es ihnen reiche, a) den Tierarzt fern am Horizont als Schemen wahrzunehmen, b) seine Stimme zu hören, oder c) sein Auto zu wittern, worunter man sich einen Oktavia Kombi mit Gülle an den Reifen vorzustellen hat, um vorsichtshalber über alle Berge zu gehen und so ausreichend viele Kilometer zwischen sich und die Staupe-Impfung zu legen. Sie seien dann keinem vernünftigen Argument zugänglich. Auch keinem unvernünftigen. Überhaupt keinem Argument. Auch den Argumenten “Eichhörnchen” und “Leberwurst” nicht.

Darum meine ich, daß es möglicherweise zum Fenster rausgeschmissene Liebesmüh sein könnte, die Impfskeptiker zu irgendwas umfassend und unabhängig beraten zu wollen. Vielleicht wäre man gut beraten, es nicht zu tun. Möglicherweise sind sie ja gut beraten, die Impfskeptiker. Vielleicht sogar umfassend. Unabhängig sind sie ohnehin. Germanistenfuzzi?

Was macht denn den Menschen aus? – Die Skepsis? Die Skepsis ist es nicht. Siehe die Hunde. Von denen können wir uns in puncto Skepsis alle eine Schwarte abschneiden. – Das Geimpftsein, das Nicht-Geimpftsein, ist es es? – Nein, auch es ist es nicht. Siehe wiederum die Hunde. Sie sind geimpft, ich bin es nicht. D.h., ich bin schon geimpft, aber aus Versehen. Gegen Staupe. Es ist ein mit großem körperlichen Einsatz geführter Kampf, die Hunde impfen zu lassen. Alle drei Jahre sind sie dran. Drei sind es, d.h. wir haben das Theater in jedem Frühjahr. Ich hätte gern mal ein Jahr frei, aber mehr als einen Hund pro Jahr schafft man nicht. Einmal habe ich dabei die Spritze abbekommen. Der Tierarzt hat dann den Impfpaß trotzdem gestempelt, ihn mir hingehalten und mir geraten, micht zu verbröseln “und zwar umgehend und unter sorgfältiger Mitnahme der Tewe”. Nächstes Jahr sei auch noch ein Jahr. – Gut, das war also die Staupe, aber gegen Masern bin ich nicht geimpft. Es war seinerzeit nicht üblich. In meiner Generation und in geschwisterreichen Familien wurden die Welpen, sobald der erste die ersten Symptome zeigte, alle mit diesem zusammen in die Wurfkiste gesperrt, und anschließend wurde der Dinge geharrt, die da kommen würden. Letzteres von den Eltern.

Und die Dinge kamen zuverlässig. Meine Mutter verschwur sich im späteren Leben, lieber wolle sie jährlich drei Hunde gegen die Staupe impfen lassen, als noch einmal drei masernkranke Welpen zugleich in einer Wurfkiste zu betreuen. Ich halte ihr zugute, daß sie nicht wissen konnte, wovon sie redete, da sie noch nie einen Hund gegen Staupe hatte impfen lassen müssen. So wie der Katergeplagte nicht weiß, was das denn eigentlich heißt, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren. Das sagt sich so glatt dahin. Die Umsetzung ist dann sehr viel holperiger.

Daß es in unserer Wurfkiste jedoch aufgekratzt zugegangen ist, will ich gerne glauben. Das bleibt bei einer solch juckenden Angelegenheit wie den Masern wohl nicht aus. Auch Impfabstinenz hat halt seine Nebenwirkungen. Jedoch bekam man auf diese Weise seinen Anteil an dem, was das Leben zu bieten hat, frei Haus. Nicht nur Masern, sondern Windpocken, Röteln, Mumps und Keuchhusten. Alles sozusagen vor meiner Zeit, und ehe ich den rechten Genuß daran hätte finden können. Später, als ich begeisterter Rezipient von Abenteuerliteratur geworden war, hätte ich lieber ein paar von den malererischen Krankheiten gehabt, etwa Blattern oder Pocken. Aber da war nichts zu wollen. Wann immer wo auf der Welt eine Pocke gesichtet wurde, wurde ich geimpft, was immerhin ein schwacher Trost war, denn die Impfung fand romantischerweise mit einem in die Flamme gehaltenen Dolch statt. Nagut, sagen wir nicht Dolch, sagen wir Skalpell. Und sagen wir Bunsenbrenner. Aber Geschichten von höchst erstrebenswerten Nebenwirkungen machten die Runde.

Aber es war alles umsonst. Ich kriegte die Pocken nicht, keine einzige, nicht einmal eine Kuhpocke, und ich kriegte keine Nebenwirkungen. Irgendwann gab der Arzt auf. Er wisse, wann er verloren habe, sagte er. Auch die anderen Krankheiten von großer Strahlkraft – Malaria, Skorbut oder Tollwut – blieben mir versagt. Apropos Tollwut: einmal haben wir, auch aus Versehen, bei der Rangelei mit einem der Hunde, den Tollwutschutz des Tierarztes aufgefrischt. Seitdem hat er immer ein bißchen Schaum in den Mundwinkeln, wenn er mich sieht.

Wie immer, wenn man sich mit Germanistenfuzzi darüber austauscht, was es sei, das den Menschen ausmacht, ist man hinterher unsicherer als vorher. Hätte rechtzeitige Impfung bei ihm segensreiche Wirkung gehabt? Oder ist das alles Nebenwirkung? Was man auf jeden Fall davon trägt, ist gründlich verloren gegangener Glaube an die Wirkung umfassender, unabhängiger und ergebnisoffener Beratung. Immerhin scheint er kein Impfskeptiker zu sein, im Gegensatz etwa zu

Supermami.

Zu wem?

Supermami. Supermami ist Impfskeptikerin. Aber keine richtige Impfskeptikerin, glaube ich. Ich bin da jedenfalls skeptisch. Vielleicht ist sie hundertfünfprozentige Impfskeptikerin, mehr aber nicht. Ich habe ihr nämlich von meinem Onkel, dem Schamanen erzählt, und daß er mir damals, als ich mit Sumpffieber lag und Grischka und die Wölfe las, ein gefesseltes Hermelin auf den Bauch setzte, damit das Fieber aus meinem Körper in den Körper des Hermelins übergehen sollte, und als ich die Fesseln des Hermelins löste, weil Grischka das mit seinem auch so machte, da sprang es mit großen Sätzen aus der Jurte, und als Grischkas Fieber weg war, war meins auch weg – wie auch immer. Jedenfalls habe ich Supermami geraten, als ihr Jüngster zahnte, ihm ein gefesseltes Meerschweinchen auf den Kopf zu setzen, damit die Zahnschmerzen auf das Meerschweinchen übergehen – etwas meerschweinunfreundlich, wie ich zugeben will, aber Supermami sah mich nur finster und skeptisch an. Etwas mehr Glaubensstärke würde ich mir von unseren Esoterikerinnen wünschen. Da kann es ihnen gar nicht esoterisch und impfskeptisch genug zugehen, aber wenn ich mit einem wohlgemeinten und guten Rat, der zudem einschlägiger Literatur entstammt, daherkomme, dann entsinnen sie sich plötzlich ihrer verschütteten Ratio. Das kann einem schon zu denken geben!

Ist er eigentlich nach wie vor bei den Grünen und – was war er da noch gleich? Gesundheitspolitischer Sprecher?

Wer er?

Du.

Was für ein Datum haben wir heute?

Äh – zweiter März? Dritter März.

Was für ein Jahr?

Ähm – 2015.

Dann bin ich, glaube ich, nicht mehr bei den Grünen. Nichts gegen die Partei als solche. In jeder Demokratie muß es eine Partei geben, in der die, die ansonsten politisch unbehaust wären, eine politische Heimat finden. Und das sind, im Falle der Grünen, nun einmal die Grünen. Und umgekehrt. Aber sie waren zuletzt doch schon sehr beratungsresistent. Sie waren insbesondere resistent gegenüber Beratung durch mich, sprich: umfassende, unabhängige und ergebnisoffene Beratung. Man sehe nur ihre Haltung zur Impfpflicht: wischiwaschi. Wo sind die Zeiten, da sie sich mit einem verpflichtenden Milchreistag für Kantinen – Milchreis mit Aprikosen, nota bene – wochenlang in den Charts halten konnten? Gewiß, wer schon einmal Milchreis mit Aprikosen gegessen hat, wird in diesem Leben die Grünen nicht mehr wählen mögen, aber man hat doch wenigstens über sie gesprochen. Das war doch noch Marketing!

Ich habe mich daher zu neuen politischen Ufern aufgemacht: die Linke zum Beispiel sieht mir ganz so aus, als sei sie schon lange nicht mehr umfassend, unabhängig und ergebnisoffen beraten worden. Sie sieht mir außerdem so aus, als könnte sie jede Beratung gebrauchen, die sie kriegen kann. Und aussehen, als sei ihre Beratungsresistenz von keinen schlechten Eltern, tut sie auch. Auch sie weiß nicht so richtig, was sie gesundheitspolitisch will. Impfung ja, Zwang nein? Stattdessen “verpflichtende Impfgespräche, die im Rahmen der Kindervorsorgeuntersuchungen mit allen Eltern verbindlich, gegebenenfalls auch wiederholt durchzuführen und zu protokollieren sind”? – Man halte mich für frivol: aber da esse ich doch lieber einmal in der Woche Milchreis mit Aprikosen. Verpflichtende Impfgespräche nutzen gar nichts. Wieviele Impfgespräche ich nicht schon mit den Hunden geführt habe! – Alle für die Katz.

Aber ich finde, die Linke hat eine Chance verdient. Sie die Chance, und ich die Abwechslung. Und die Herausforderung; ich weiß nämlich gar nicht genau, ob es in Käsdorf überhaupt eine Linke oder einen Linken gibt. Aber um organisatorische Petitessen kann ich mich auch später kümmern. Sagen wir also, daß ich im neuen Jahr für Linke spreche, und zwar als, warum nicht, gesundheitspolitischer Sprecher. Und als dieser sage ich zum Thema Impfpflicht: mmh, mmh. Keine Impfpflicht. Das Selbstbestimmungsrecht der Viren muß weitergelten.

Das Selbstbestimmungsrecht der was?

Viren. So kleine, kröselige Dinger. Partikel mit schlechten Angewohnheiten. Sehen aus wie diese Noppengummibälle, die man manchmal als Massagegerätschaft angedreht kriegt, und von denen man nicht weiß, was man denn damit massieren können soll, und wie, und ob das überhaupt eine gute Idee wäre, oder vielmehr Schweinkram, von dem man dann aber auch nicht wüßte, wo und wie, quibus auxiliis, cur, quomodo und quando. Viren halt. Viren nämlich sind, auch und gerade in Konkurrenz zu anderen Impfskeptikern, große Impfskeptiker.

Impfskeptiker? Viren?

Na sagen wir: Impfgegner. Skeptiker – Skepsis setzt eine Proposition voraus, deren Gültigkeit man zwar in Zweifel zieht, die man aber immerhin prinzipiell anerkennen könnte, auch wenn man den Teufel tun wird. Das kann das Virus aber nicht gut machen. Seine Gegnerschaft zum Serum ist absolut. Eine Sache auf Leben und Tod. Es oder es.

Es ist auf uns angewiesen, es Virus. Ohne uns kann es nicht sein. Es könnte nicht ins Meerschwein, ob es gleich wollte. Man hat es Hunden übertragen, aber die reagieren darauf wie ich auf die Staupe, mit Achselzucken. Es war einst ein stolzes Rinderpestvirus, aber das Rind als Wirt taugt auch nicht länger. Auf Gedeih ist es und auf Verderb uns ausgeliefert.

Drum ist es schlecht auf das Serum zu sprechen. Und das mit Grund. Anders als die Hunde und anders als Supermami.

Wenn aber keine Impfpflicht, wenn keine verpflichtenden Impfgespräche mit den Eltern, was dann?

Ich bin noch unentschieden. Ich neige zu gutem Zureden.

Wem? Den Eltern.

Nein, nein! Nicht den Eltern. Das ist sinnlos. Man kann einer Supermami nicht gut zureden. Entweder den Kindern, als den Vernünftigeren von beiden – ich könnte mir denken, daß Kindern beispielsweise eine auf gefesselten Meerschweinchen basierende Medizin sehr einleuchten würde, schon wegen des Erlebnisfaktors. Es scheint mir aber unwahrscheinlich, daß die Partei diesen Weg gutheißen würde, denn weder würde auf diese Weise das krankheitsfördernde, ja krankmachende Potential repressiver kapitalistischer Produktionsverhältnisse entschleiert, noch die Reduktion der Merschweinchen auf ihre bloße Reparaturfunktion für die Ware Arbeitskraft ausreichend kritisiert. Wenn man weg will von der Idee der sozialistischen Medizin als reglementiertem Paradies totaler Prävention, und das will man ja anscheinend, dann sollte man auch weg wollen von der Idee der Medizin im Sozialismus als perfektionierter Intensivstation, hin zu einer ganzheitlich verstandenen Medizin, Medizin verstanden als symbolische Handlung, Heilung vielmehr, beziehungsweise: Medizin verstanden als Kommunikation, und Krankheit verstanden als die sich verflüchtigende Wirklichkeit einer spezifischen Entität, wenn man nur lange genug auf sie einredet.

Ist das von Foucault?

Glaub’ ich nicht. – Gute Idee aber: wenn das Virus sich gutem Zureden nicht zugänglich zeigt, liest man ihm notfalls was von Foucault vor.

Das Virus? Du willst dem Virus gut zureden?

Es scheint mir das Erfolgversprechendste zu sein.

Und du glaubst, die Partei wird da mitgehen?

Du solltest, mein lieber Quastel, wenn Du mit mir redest, ein wenig eingedenker sein, mit wem du redest, und deine Rede adjustieren: mitgehen! A bah! Was für ein würdeloses Wording! Wir sind hier nicht beim Poker, und wir sind auf keinem Meeting, wo Counsultants sich Jargon in die Ohren schmieren. – Wenn Du wissen willst, ob sich die Partei das gefallen lassen wird, so frag: “Wird die Partei sich das gefallen lassen?”

Und? Wird sie?

Wird sie was?

Sich das gefallen lassen?

Wer?

Die Partei.

Warum nicht? Wenn man lange genug auf sie einredet? – Gesundheitspolitik ist keine reine Privatsache, so wie Impfschutz. Man kann eine Partei zwar nicht zwingen, sich eine gescheite Gesundheitspolitik zuzulegen, denn letztlich fehlen die Instrumente, diesen Zwang auch auszuüben. Auch führt Zwang nicht zum Umdenken, sondern oft genug zum Trotz. – Aber man kann sie verpflichten, sich umfassend und unabhängig und notfalls wiederholt beraten und die Beratungen protokollieren zu lassen. Und die Protokolle dem Bundeswahlleiter vorzulegen.

Kann eine Partei eine solche Bescheinigung nicht vorlegen, dann muß man sie aus dem öffentlichen Bundestag fernhalten. Dann müssen ihre Abgeordneten notfalls in private Einrichtungen gehen.