Vergleiche wie unter Adolf – Update

Irgendwo schreibt Arno Schmidt – wenn ich mich recht erinnere in einer Rezension Kreuders ‘Agimos’, jedenfalls in einer Betrachtung über die Fürs und Widers rhetorischer Techniken, hier: Metapher und Vergleich, die zugunsten ersterer ausfällt – “sich niemals auf Ähnlichkeit rausreden, wo man Identität behaupten kann.”

Halte mir niemand entgegen, daß man sich in Zeiten der Online-Verfügbarkeit jeden Scheißes schließlich nicht auf’s rechte Gedächtnis herauszureden brauche, da man den Scheiß ja online nachschlagen könne. Das stimmt. Man kann sich auch einen Katheter samt Urinbeutel legen lassen, aber jeder Arzt wird einem sagen, daß es besser sei, die Blase zu trainieren um ihre natürliche Funktionstüchtigkeit so lange wie möglich zu erhalten, und ich komme nun langsam in das Alter, in dem man gar nicht früh genug mit dem Blasentraining anfangen kann.

Natürlich käme es mir nie in den Sinn, einen Vergleich zwischen Gedächtnis und Blase ziehen zu wollen, warum sollte ich das tun, wenn ich ebensogut ihre funktionelle Identität behaupten kann? Beiden geht es um Sammeln, Halten und Bewahren, natürlich auch ums Wiederhergeben, aber doch bitte zur rechten Zeit, und nicht wann immer es der Blase in den Kopf kommt! Beide werden mit der Zeit undicht, und auch dem Gedächtnis schadet ein bißchen Training kein bißchen. Aus dem gleichen Grund werde ich auch in diesem Post niemanden mit irgendwas vergleichen. Warum, wiederum, sollte ich? Wenn es auch anders geht?

Zum Beispiel meinen Lieblingswiderling in dieser Legislaturperiode, der bislang jedes Ranking gewann, wenn ich Boko Haram (Triple A, Ausblick: widerlich) mal aus der Konkurrenz nehme: der oberste Dienstherr des Bundeskriminalamtes und offene Arsch der SPD, Grinsepöter Oppermann. Keine Sorge: ich werde einen Pöter nicht mit einem Arsch vergleichen, ich vergleiche einen Zossen ja auch nicht mit einem Gaul, das sind doch lediglich unterschiedliche Bezeichnungen für identische Dinge. Sowohl Zossen als auch Gäule pflegen Hintern zu haben, auf die, wie meine Schwester in jungen Jahren abfällig von den Hinterteilen unliebsamer Konkurrenz zu sagen pflegte, “manch Pony neidisch wäre.” In der Tat kann angesichts eines Oppermann ein Kaltblut in Weißglut geraten vor Neid. Da tappst er, der im Broterwerb Frühstücksdirektor der Sozialdemokraten im Bundestag ist, auf gut Glück in Wehners großen Fußstapfen herum und versucht, deren Ränder zu finden, die er natürlich nie erreichen wird, und wenn er hundert bemühte Nazivergleiche bemüht. Wehner erledigte dergleichen mit einer eleganten ‘Übelkrähe’. Tatsächlich kann Grinsepöter seinem Vorgänger nicht nur nicht das Feuer reichen, er würde sich noch nicht einmal als Pfeifenreiniger für dessen Rotzkocher eignen, dazu ist er viel zu glatt. Ein Pfeifenreiniger sollte gerade sein, er braucht Rückgrat. Er braucht eine rauhe, wollige Oberfläche. Mit dem sprichwörtlichen Kinderpopo kriegt man den Sabber nicht eingefangen.

Fairerweise muß man zugeben, daß Wehner der Fraktion zu einer Zeit einheizte, als diese sich noch nicht als Wurmfortsatz der Bundesregierung begriff, sondern eine Idee davon hatte, was Gewaltenteilung und wozu sie gut sei. Nicht, daß ich die SPD-Fraktion mit einem Wurmfortsatz vergleichen wollte, und die Bundesregierung mit einem Blindarm. Ich will auch nicht deren Identität behaupten. Ein Wurmfortsatz ist deutlich mehr als die SPD. Ein Wurmfortsatz kann, wenn er sich an irgendwas entzündet, seinem Wirtskörper allerhand zu schaffen und dessen Immusystem gehörig Beine machen. Die SPD hingegen kann sich nicht mal mehr für irgendwas erwärmen, geschweige denn in Glut geraten. Alles was ich sage ist, die SPD wäre gern der Wurmfortsatz der Bundesregierung, aber sie ist es natürlich nicht. Sie kann es nicht sein, denn ein Wurmfortsaz hat keinen Arsch. Q. E. D.

Nun hat der Arsch die Stirn gehabt, eine trübe Tasse von der Linkspartei mit den Nazis zu vergleichen. Diese trübe Tasse – ich muß erst lange suchen, der Name war mir nicht geläufig: Müller, nie gehört, soll aus Brandenburg kommen – diese trübe Tasse hat den Herrn Bundespräsidenten Gauck einen widerlichen Kriegshetzer genannt. Er hat ihn nicht mit einem widerlichen Kriegshetzer verglichen, sondern hat behaupte, er wäre einer. Das ist, ob von der Meinungsfreiheit gedeckt oder nicht, zumindest sachlich falsch. Gauck ist natürlich kein widerlicher Kriegshetzer, sondern ein ausgesprochen sympathischer Kriegshetzer. Mir fällt im Moment kein widerlicher Kriegshetzer ein, aber mich dünkt, um wirklich widerlich zu sein, müßte ein Kriegshetzer etwas mehr Ähnlichkeit mit Oppermann haben. Daß viele Leute Gauck nicht leiden mögen, mag daran liegen, daß er den falschen Beruf gewählt hat. Wäre er Trappistenmönch, hätte wahrscheinlich nicht einmal Angela Merkel etwas gegen ihn. Oder ein Militärpfarrer, der seinen Leuten nahebringt, daß

“Christen, die ihren Kriegsdienst unter den Augen Gottes ableisten, [...] ihr Handwerk des Tötens immer so verstanden [haben], dass sie es im Namen der Liebe übten,”

wie es Gaucks Waffenbruder im Geiste, der Powertheologe Thielicke zu formulieren verstand. So sollen solche Seelsorger schließlich säuseln. Dafür hat man sie. Der junge, ja noch ungefestigte Soldat soll wissen, daß er, wenn er in der linken Hand einen Totenschädel und in der rechten sein entblößtes Glied hält, daß er dann ein Werk der Liebe verrichtet. Wie sollte denn so einer von allein darauf kommen? – Oder wenn Gauck Schrotthändler wäre und Vorsitzender des Käsdorfer Gewerbevereins, einmal im Jahr zum Ball lüde, den Damen die Hand küßte, beim Tanzen patzte und sich an der Bar mit jungen Dingern umgäbe, denen er schmierige Witze erzählte – niemand würde ihn einen widerlichen Kriegshetzer heißen! – Also ist er auch keiner. Natürlich darf man einen Bundespräsidenten kritisieren, und vieles an unserem Herrn Bundespräsidenten kann man auch kritisieren, z.B. daß er nicht alle Tassen im Schrank hat. Aber ist es denn ausgerechnet Sache einer trüben Tasse aus Brandenburg, mit dem Finger auf einen solchen Schrank zu zeigen?

Viel ist geschrieben worden darüber, daß die Kritiker Gaucks ihm die Worte im Hals herumgedreht hätten, darum sei hier noch einmal wiederholt, was er denn eigentlich gesagt hat, damit sich der Leser selbst ein Bild machen kann:

“Und dann ist als letztes Mittel manchmal auch gemeinsam mit anderen eine Abwehr von Aggression erforderlich. Deshalb gehört letztlich als letztes Mittel auch dazu, den Einsatz militärischer Mittel nicht von vornherein zu verwerfen.”

Das ist, der Leser hat recht, ein wenig wirr. Es gibt da einmal ein letztes Mittel und deshalb “letztlich” noch ein letztes Mittel, das aber “dazu” gehört, und dieses – ich vermute: allerletzte – Mittel besteht darin, ein drittes Mittel nicht abzulehnen, und zwar nicht einfach so nicht abzulehnen, sondern nicht von vornherein abzulehnen.

Nun kann das Mittel, ein Mittel nicht von vornherein abzulehnen, niemals das allerletzte Mittel sein, sondern es muß – von vornherein – das allererste Mittel sein, sonst funktioniert das nicht. Man kann nicht erst dann mit dem Blasentraining beginnen, wenn die Hose naß ist. Der Sinn ist ja der, die Hose trocken zu halten. Deswegen – ich wies ja bereits auf den Schrank und die nicht vorhandenen Tassen hin -: wenn man über diese Rede nicht das Mäntelchen der Barmherzigkeit breiten will, um sie darunter qualvoll ersticken zu lassen, sondern sie als präsidiale Prachtrede der Nachwelt überliefern will, dann kann man diese Worte nur solange drehen, bis sie Sinn ergeben:

“Und deshalb muß man hin und wieder auch bereit sein, die Politik mit anderen Mitteln fortzusetzen und Schwächeren den Krieg zu erklären. Es gab früher eine gut begründete Zurückhaltung der Deutschen, Stärkeren den Krieg zu erklären. Das kann ich verstehen! Das ist nicht ohne Risiko. Aber heute ist Deutschland ein gefestigter Verbündeter, mit richtigen Verbündeten, nicht bloß Japan und Italien. Heute können wir – zumindest mit anderen zusammen – auch Stärkere angreifen. Aber besser noch: wir greifen gemeinsam mit anderen Schwächere an. Die Göttin der Geschichte, die ein solches Deutschland einen solchen Krieg verlieren lassen würde, die wäre eine Hur’! Und zwar höchstwahrscheinlich eine Zwangsprostituierte. Eine, die nicht kann, wie sie will, sondern muß, wie sie soll. Ansonsten würde sie es Deutschland umsonst besorgen.”

Das wäre allerdings Klartext. Aber man muß sich entscheiden, was man will: O-Ton Gauck, oder Klartext Gauck. Beides zusammen gibt es nicht.

Und deswegen ist Gauck auch kein Kriegshetzer. Von einem Kriegshetzer kann und muß man erwarten, daß er klar und auch der schlichten Bürgerbirne verständlich formuliert. Wenn man dessen Reden jeweils erst interpretieren muß, dann wird das nichts. Wie dieser eine da aus dem Sportpalast – ach gauck! Ach guck, vielmehr: da hätten wir ja einen: Kriegshetzer und widerlich obendrein. Jedenfalls Grinsepöter dicht auf den Fersen, was Widerlichkeit angeht. Nicht, daß ich die beiden miteinander vergleichen wollte, das hieße denn doch über das Ziel hinausscheißen. Und das möchte ich nicht. Ich möchte hier nicht die Grundlage für einen Vergleich zwischen Grinsepöter und mir legen, denn auch jener hat ja mit dem seinigen – zur Erinnerung: er verglich eine trübe brandenburgische Landtagstasse mit den Nationalsozialisten der frühen Zwanzigerjahre – weit über das Ziel hinausgeschissen. Mehr noch, er hat mich mit seinem Satz, die “Sozialdemokraten” regierten “sensibel”, so dermaßen zum Lachen gebracht, daß ich mich ums Haar eingenäßt hätte. Als ich minutenlang keine Luft mehr bekam, fing Tausendschönchen schon an, in meinem Schreibtisch nach meinem Testament zu kramen. Das geht zu weit! Darauf reagiere ich sensibel.

Ich habe so sehr lachen müssen, daß ich zunächst gar nicht mitbekam, daß der Satz ja noch weiterging. Ich dachte, er wäre zuende. Deswegen mußte ich auch so lachen. Denn selbstverständlich regieren nicht die Sozialdemokraten, sondern es regiert die Regierung, und die Sozialdemokraten unter Pötermanns Knute, also die im Bundestag, die sind nicht dazu da, zu regieren, sondern um das Regierungshandeln zu kontrollieren. Aber das wissen sie nicht mehr, denn seit nicht mehr Wehner den Fraktionsvorsitz innehat, sondern Grinsepöter, sagt es ihnen keiner, und sie halten sich für der Regierung ihren Wurmfortsatz. Aber selbst, wenn das alles nicht wäre, wenn sie tatsächlich regieren würden, dann kann ich ihnen sagen, wie sie nicht regieren würden: sensibel. Ein durchgegangener Zuchtbulle, der seinen Verfolgern entkommen ist, sich ins Krankenhaus gerettet hat und dort auf der Frühchenstation herumtrampelt, ein solcher Zuchtbulle hätte doch immerhin noch Reste von Sensibilität. Nicht viel, aber nachweisbare Spuren. Davon kann bei den Sozialdemokraten keine Rede sein, wenn sie im Parlament auf den zarten Gesetzesentwürfen herumtrampeln, die eigentlich noch unter die Höhensonne gehören. Wenn da irgendwo Spuren von Sensibilität sein sollten, dann unterhalb der Nachweisschwelle.

Wie ich dann endlich mit Lachen fertig war – ich kann sehr ausdauernd lachen, und aus den nichtigsten Anlässen. Einmal, aber da war ich noch jung und wußte nicht, was eine Blasenschwäche und wozu sie gut sei, habe ich von Lüttich bis Aachen gelacht, und hätte noch länger gekonnt – wie ich mit Lachen fertig war, las ich, daß Grinsepöter nicht von regieren gesprochen hatte, sondern von re-a-gieren. Aber re-a-gieren tun sie, die Sozen, natürlich auch nicht auf die sensible Art, wie man an Grinsepöter leicht sieht, der sich prompt benahm wie ein Jungbulle im Krankenhaus, der auf die Frühchenstation getrampelt kommt und alles was er dort findet mit den Nazis vergleicht.

Natürlich regiert auch die Linke nicht sensibel, was damit zusammenhängt, daß sie hierzulande überhaupt nicht regiert, außer in Brandenburg. Aber was ist das denn schon, Brandenburg? Der Wurmfortsatz Berlins. Das ist doch kein souveräner Staat, einer, der seinen Nachbarn den Krieg erklären könnte. Das war mal. Außerdem regieren sie dort zusammen mit der SPD, einer Partei, die ihre eigenen Koalitionspartner mit den Nationalsozialisten der frühen Zwanzigerjahre vergleicht. Soll man das etwa sensibel nennen? Mit so etwas koaliert man doch nicht! Das hätte es unter Adolf nicht gegeben. Überhaupt war bei den Nazis nicht alles schlecht. So hielten sie sich beispielsweise mit Nazivergleichen wohltuend zurück, wenngleich das das einzige ist, was an ihnen wohltuend war. Was lernt uns das? Was kann es uns lehren? Was könnte insbesondere Grinsepöter dem entnehmen? – Man kann ein Arsch sein, auch ohne Nazivergleiche zu bemühen, das lernt uns das.

Und ferner lernen wir daraus, daß es eben darum unerheblich ist, daß, wie allenthalben zu lesen war, Grinsepöter, kaum daß er die Linke damit in Verbindung gebracht hatte, hinterherschob:

“Nun ist ganz klar, dass ich Sie damit nicht in Verbindung bringen will.”

Zu spät! Damit rettet er seinen Arsch jetzt auch nicht mehr. Da hätte er mir früher ins Wort fallen müssen. Nun aber bin ich in der Lage, Pötermann mit einem Fingerschnipps mit Boko Haram in Verbindung zu bringen, indem ich es einfach tue. Und die oben Ausgeschlossenen hiermit wieder offiziell zum Vergleich zulasse. Obwohl ich es nicht will, wie ja nun ganz klar ist.

Aber durch seine unglaubliche Entgleisung hat Grinsepöter die Grundlage für Posts wie diesen ja erst gelegt.

Offener Brief

an die meist nicht geschätzten Nazis
allerorten, insbesondere aber in der Nähe des Bahnhofs

Meist nicht geschätzte Nazis!

Wie geht’s? Was macht das lebensunwerte Leben? – Was denn? – Nanu!? – Tatsächlich? – Und ich hatte immer gedacht, ‘lebensunwertes Leben’ sei der Ausdruck, mit dem man eure spezifische Art und Weise, die Zeit totzuschlagen (Springerstiefel) und dem lieben Gott den Tag zu stehlen (Arisierung) charakterisiert? – Nicht? – Na, dann nicht.

Aber meine Definition finde ich besser. Denn das erste und bislang einzige Mal, daß ihr etwas Vernünftiges zwar nicht gewollt, aber immerhin bewirkt habt, das war, als ihr irgendwas zu loben oder zu tadeln hattet, von dem ihr wolltet, daß auch die Öffentlichkeit davon erführe, weil ihr wußtet, daß das die Antifa auf den Plan rufen würde, und ihr deswegen eine Demonstration für oder gegen etwas angemeldet hattet, und zwar in der Nähe des Bahnhofs. Was prompt die Antifa auf den Plan rief, die eine Gegendemonstration anmeldete, und zwar ebenfalls in der Nähe des Bahnhofs.

Ob eine der beiden tatsächlich stattgefunden hat, oder gar beide, und wer gewonnen hat, das weiß ich nicht und das ist auch vollkommen unerheblich. Berichtenswert bleibt, daß die fürsorgliche Polizei, die nicht wollte, daß man euch Fahrräder an den Kopf wirft – warum sie das nicht will, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es fällt mir leicht, es zu akzeptieren, und zwar aus folgendem Grund: weil nämlich die fürsorgliche Polizei alle Fahrradbesitzer, die ihre Fahrräder in der Nähe des Bahnhofs aufzubewahren pflegen, aufforderte, die Räder vor der Demonstration zu entfernen, sonst werde sie es tun. Man sollte sich in dem Fall nach der Demo das Rad irgendwo wieder abholen können, und weil ich dazu zu faul war, ließ ich das Rad also für das Wochenende der Demo stehen und ging zu Fuß zum Bahnhof, nicht ohne mir unterwegs mehrfach zu versichern, daß ich die “Spinner” (Gauck), die mir das eingebrockt hatten, für nicht besonders schätzenswert hielt.

Das war aber ein Fehler. Denn am Montag, als ich abends einen Platz für das Fahrrad suchte, fand ich erstmals keinen völlig überfüllten Fahrradpark mehr vor, sondern einen großen leeren Platz, auf dem ich mir aussuchen konnte, wohin ich das Fahrrad stellen wollte, und aufgrund einer momentanen Entscheidungsunfähigkeit beinahe den Zug verpaßt hätte. Noch viel erstaunlicher war, daß diese gähnende Leere in den kommenden Monaten und Jahren sich nur langsam wieder füllen sollte. Wir leben scheints nicht nur in einer Wegwerfgesellschaft, sondern in einer speziellen Wegwerfgesellschaft, in der die Leute die Vorhängeschlösser, die sie nicht mehr brauchen, nicht einfach ins Wasser werfen, sondern am Brückengeländer anschließen, und die Fahrräder, die sie nicht mehr brauchen, die ketten sie am Bahnhof an alles, was ihnen niet- oder nagelfest erscheint. Und wenn unsereins dann kommt, um ein Vorhängeschloß ans Brückengeländer zu schließen, damit der Liebsten tausendjährige Treue zu geloben, bis zum Herbst oder so, je nachdem, mal sehen, wie lange es diesmal dauert, dann findet er dort keinen freien Platz. Und wenn er nach Feierabend einen Platz für sein Fahrrad sucht, dann findet er keinen Stellplatz.

So war es vor eurer Demonstration, und so ist es bei kleinem wieder. Viele Fahrräder sind seit Monaten nicht bewegt worden und werden auch so bald nicht bewegt werden, wie man an platten Reifen, fehlenden Sätteln, krummgetretenen Felgen und geknickten Speichen leicht abliest. Es wäre mal wieder soweit. Wie wär’s? Hättet ihr nicht in nächster Zeit was zu loben oder zu tadeln? Vorzugsweise in Bahnhofsnähe?

Ich wüßte das zu schätzen.

Radagast

Jibbitz

Als ich im vergangenen Jahr mit meinem Neffen, dem Sohn meiner Schwester, welche als Kind mehrfach zu heiß gebadet worden ist – ich weiß das, weil ich dabei gewesen bin; unsere Eltern pflegten uns zusammen in eine Wanne zu stecken, aus Sparsamkeit und vermutlich Umweltschutzerwägungen – nicht, daß sie besonders grün veranlagt gewesen wären (dann hätte man uns vielleicht eher lauwarm gebadet), es steckte unseren Vorfahren – mehrheitlich Bauern und Kleingewerbetreibende – einfach so im Genom: daß man nichts wegwarf, was sich noch gebrauchen ließ, nicht einmal Badewasser; bei uns konnte die Restmülltonne froh sein, wenn sie was abkriegte, mit dem sie ihre Blöße bedecken konnte. Insbesondere im Vergleich zu meinem Großvater stehen die Grünen wie vaterlose, ja großvaterlose Waisenknaben da. Mein Großvater trennte und vermied Müll, daß es nur so staubte. Richtig stauben tat es, als der alte Pferdestall – wir wohnten in einem Haus, das im vorletzten Jahrhundert von einem Bierverleger gebaut worden war; es war nie fertig geworden, denn auch in den Gründerjahren gingen Startups pleite, was sie mit kaiserlicher Genehmigung auf ‘die Juden’ schieben durften; und als meine Vorfahren das Haus für einen Apfel und ein Ei aus der Konkursmasse des Verlegers herausgekauft hatten, da waren zwar noch genügend Äpfel und Eier übrig, mit denen man die alte Waschküche, in der die Bierflaschen gespült worden waren, zum Kinderzimmer hatte umbauen können – darin schliefen wir, und ich glaube, mein Zugetansein zum Getränk Bier verdankt sich möglicherweise dieser frühen Prägung; obwohl andererseits die Zugetanheit zum Bier natürlich keinen ‘Grund’ braucht, sondern eine selbsterklärende Angelegenheit ist – aber es waren weder ausreichend Äpfel noch Eier übrig, um das Hinterteil des Hauses auf Vordermann zu bringen; zwar hatte es zur Straße hin eine schöne Jugendstilfassade, nach hinten hinaus aber war alles pfui, so auch der Pferdestall, in dem seinerzeit zwei wackere Bierkutschpferde friedlich nebeneinander gestanden und hoffentlich ihren wohlverdienten Hafer bekommen hatten; wir selbst hielten keine Pferde, sondern hoben Gartengerät darin auf – Spaten, Äxte, Hackebeile, Spitzhacken und was das Jungenherz sonst noch begehrte. Das Flachdach jedoch, dem das ursprünglich geplante Satteldach aus Kostengründen seinen Platz hatte überlassen müssen, war eine mittlerweile marode Angelegenheit. Sedimentschicht um Sedimentschicht hatte sich darauf gelegt, und nun wuchs eine veritable Birke da oben. Was noch nicht viel heißen will, Birken wachsen überall, aber eines schönen Sommertags wurde diese so groß und schwer, daß das Dach zusammenzukrachen drohte, und der Stall wurde um die Kosten etlicher Butterbrote einen Kopf kürzer gemacht und kriegte ein neues Dach. Nachdem sich der Staub und die Maurer verzogen hatten, rückte mein Opa sich einen Hocker in den Hof und fing an, den Mörtel von den Ziegeln zu picken, wie nur je eine Trümmerfrau. Krieg und Not hatten es ihn gelehrt, keine Ziegelsteine wegzuwerfen, aber es kam seinem Naturell auch weit entgegen. Auch ich habe es geerbt, das Naturell, und kann mich nur schwer von Dingen trennen. Nicht so sehr von Ziegelsteinen – es kam ja irgendwann der Tag, da mein Opa sich anschickte, nicht mehr unter uns zu sein, und keine zwei Tage später waren die Ziegel sowie der Mörtelhaufen, der noch immer zwischen Waschküche und Pferdestall herumlag, an einen Bäckermeister verhökert, der Schutt für seinen Garagenvorplatz brauchte; das war nicht schön von uns, aber im Hof konnte man endlich wieder Fußball spielen – mit Ziegelsteien tue ich mich vergleichsweise leicht, aber von Erinnerungen trenne ich mich nicht so hopplahopp. Drum sitzt mein Großvater in meinem Herzen noch heute auf dem Hocker und staubt mir den Hof und die Jahre der Adoleszenz mit Mörtelstaub voll. Vielleicht, wer weiß, trägt auch diese Erinnerung zu meinem Bierdurst bei.

Meine Schwester und mich aber steckte man zu zweit ins Pullefaß. Aus Verantwortung, Veranlagung, aber auch ein wenig aus Verehrung für Wilhelm Busch, mit dem wir Kinder früh in enge Berührung kamen, so wie das Hinterteil des Bruders Franz mit dem Badeofen (in der Geschichte vom Bad am Samstagabend), jedenfalls nicht aus Mangel an Gespür für was sich schickt und was nicht – in der Hinsicht darf die zeitgenössische Öffentlichkeit, die ja aus gegebenen Anlässen schier unsinnig werden möchte, wenn irgendwo die Existenz unbekleideter Kinderkörper nicht nur zugegeben, sondern als quasi gottgegeben und normal verharmlost wird, ohne daß der dafür Verantwortliche nach der Polizei rufen oder ihr übergeben würde – in dieser Hinsicht darf die Zeitgenossenschaft sich wieder abregen: wir badeten zwar nicht mit Badehose, Bikini oder Badeburka, aber wir waren darum doch keine Libertins! Damals. Waren wir nicht. Damals waren wir vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Oder sechs. Also kriegen Sie sich mal wieder ein! Es begann dann auch irgendwann die Zeit, in der man als Junge ein Mädchen nicht mit der Kneifzange ansehen würde, und ich versichere, daß meine Eltern mich in dem Alter nicht mehr ins Familienbad zu zwingen vermocht hätten. Sie werden es noch ein-, zweimal versucht haben, aber dann wird es auch gut gewesen sein. Man kann ihnen diesbezüglich keine Vorwürfe machen. Das einzige, was man ihnen vorwerfen kann, ist, daß sie, wenn ich Shampoo in die Augen bekam und dementsprechend herumkrähte, mir bedeuteten, ich möge mich nicht so mädchenhaft anstellen.

Mädchenhaft! Und das vor den Ohren meiner Schwester! Als ob man der die dummen Sprüche erst hätte beibringen müssen! Denn natürlich hatte sie nichts besseres zu tun, als sich diesen zu merken und ihn mir jahrelang, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, in die Haare zu schmieren!

Nun, das ist lange her. Nicht vergeben, nicht vergessen, aber Sedimentschicht auf Sedimentschicht legt sich über jene Badewanne mit den Löwenfüßen und der an drei Stellen abgeplatzten Emaille, und auf jene Stelle an meinem Kinn, an der mich die von meiner Schwester geschleuderte Nagelbürste getroffen hat, die es – die Schwester, nicht die Bürste – nicht als gottgegeben hatte hinnehmen wollen, daß ich heimlich mit dem Brausekopf kochendheißes Wasser auf ihre Seite leitete. Erstaunlich, wie das zwiebeln kann, am Kinn! Ich wollte auch nur darauf hinaus, daß meine Schwester nicht ganz gescheit ist. Nicht nur zu heiß gebadet, sondern auch auf den Kopf gefallen. Ich weiß auch das positiv, denn ich war oft genug dabei. Meist ein paar Treppenstufen oberhalb, von wo aus ich sehen konnte, wie sie, wenn man mit dem Pantoffel kurz von hinten auf den Saum ihres Nachthemdes trat, ins Rutschen kam, dann, in der Kurve, wo die Treppenstufen sehr viel breiter sind als auf der Geraden, ins Rollen, wobei der Kopf den Rumpf überholte und, wenn alles gut ging, zuvörderst auf den Treppenabsatz bumste. Allerdings war Vorsicht angebracht. Einst riß meine Schwester im Fallen eine der Metallstangen los, mit denen der Treppenläufer gehalten wurde, was eine Kettenreaktion verursachte: der Läufer machte sich weitgehend selbständig, straffte sich, wurde zur Rutschbahn, weitere Stangen purzelten und dengelten herum, und unversehens war es mein Kopf, der den Rumpf meiner Schwester überholte und auf die völlig unnötigerweise am Treppenfuß lauernde Nähmaschine krachte. Was mir ein Loch im Kof bescherte, das zügig genäht werden mußte – wozu die Maschine ironischerweise aber nicht taugte.

Ich bin mir ziemlich sicher, mich damals nicht mädchenhafter angestellt zu haben, als andere auch, die mit dem Kopf voran in Nähmaschinen gelandet sind, ohne zu wissen, wie ihnen geschah. Aber was soll ich Ihnen sagen? Sagen Sie das mal meiner Schwester!

Der ich im übrigen herzensgut bin, auch wenn es sich bis hierher nicht so anhört. Als ich ihr mit dem Spaten eine Narbe am Oberschenkel beibrachte, geschah das nicht mit Absicht. Ich wollte keinen Anschlag auf ihre Schönheit verüben, wobei ich mir über die Schönheit der Schwesterschenkel überhaupt kein Urteil erlauben kann; ein weiblicher Schenkel war in jenen Tagen für mich etwas, was einem in der Badewanne im Weg war, kein Objekt ästhetischer Betrachtungen. An seinem äußersten Ende saß ein Fuß, der kräftig zutreten konnte und wußte, wo es weh tat. Und das war’s. Den Spaten führte ich bloß in Notwehr. Meine Schwester hatte zuvor ein Beil nach mir geworfen, und ich war dem Tod nur entgangen, weil ich geistesgegenwärtig die Stalltür öffnete und mich hinter ihr in Deckung brachte. Das Beil haute einen Splitter aus dem Türblatt, der noch heute auf meinem Schreibtisch liegt, weil ich mich nicht von ihm trennen kann. Wenn das marode Dach noch oben gewesen wäre, wäre es jetzt heruntergekommen, und voller Erschütterung warf ich das erste, was mir in die Hand kam, nach der Attentäterin, um mich wenigstens nachträglich meiner Haut zu wehren. Es war der Spaten, und meine Schwester trug eine häßliche Wunde davon, und später eine Narbe, von der ich aber nur das Hörensagen kannte, denn seit sie mir in der Badewanne nicht mehr in die Quere kamen, gingen mich die Schenkel meiner Schwester nichts mehr an. Als ich Jahre später Interesse an Schenkeln zu entwickeln begann, waren die meiner Schwester nicht dabei, und soweit ich es beurteilen kann – was nicht sehr weit ist – hat die Narbe potentielle Interessenten an ihren Schenkeln nicht vertreiben können; auch nicht im Freibad, wo man sie zu sehen bekam – unter einem Rock, auch einem kurzen, schaute sie nicht hervor -; aber allzu genau habe ich das nicht beobachtet, die Freibadbekanntschaften meiner Schwester firmierten für mich damals alle unter den Rubriken ‘Fatzkes’ und ‘Doofmänner’, von denen ich mich fernhielt. Ich erzähle Ihnen das auch nur, um zu illustrieren, daß meine Schwester nicht zurechnungsfähig ist, und es schon damals nicht war. Wir hatten Indianer gespielt, sie war Nscho-tschi und ich war Santer, und den Spaten hatte ich dabei, um damit ihre Nuggets auszugraben, nachdem ich sie, die auf dem Weg in die Städte des Ostens war, um Zivilisation zu lernen, umgebracht haben würde, sie und Intschu tschuna, der aber nicht mitspielte, weil er seinen Häuptlingspflichen nachkommen mußte und noch nicht Feierabend hatte, statt dessen nahmen wir ihren Großvater, der vor seinem Tipi saß, Steine klopfte, und wie ein Bierkutscher zu schimpfen anhub und den Pickhammer nach uns warf, als er sah, was wir mit seiner Pferdestalltür angerichtet hatten. Was hieß hier wir? Daß sie ihr Tomahawk mitgenommen hatte, weil sie keine Lust hatte, sich von einem goldgierigen Gangster abmurksen zu lassen, ist zwar menschlich verständlich, stand aber überhaupt nicht im Drehbuch.

Als ich nun also letztens mit meinem Neffen – im Nachhinein, muß ich sagen, bin ich schon froh, mit dem Spaten kein größeres Unheil angerichtet zu haben; das Beil meiner Schwester war besser gezielt, wie ich neidlos zugebe, aber ein Beil hat natürlich auch eine stabilere Flugbahn als ein Spaten. Genau genommen war der Spaten überhaupt nicht gezielt, sondern in blinder Wut in die allgemeine Richtung geworfen. Er hätte ebensogut ein paar Zentimeter weiter oben treffen können. Ohne über das Zustandekommen meiner Neffen und Nichten ungebührlich spekulieren zu wollen – meine Schwester ist eine erwachsene Frau, die weiß, was sie tut. Zwar ist sie ein bißchen auf den Kopf gefallen, wie oben ausgeführt, aber das kann man gewiß nicht an der Existenz meiner Nichten und Neffen ablesen, obwohl manche Leute meinen, gerade die Existenz meines Neffen, den sie einen ‘Fehltritt’ zu nennen belieben, sei ein Indiz für ihre Aufdenkopfgefallenheit; Leute allerdings, oder besser: Fatzken und Doofmänner, die gut daran tun, ihr Hinterteil aus der Reichweite meiner Schuhspitze zu nehmen. Sie würde es zu finden wissen, das Gesäß, meine Schuhspitze, und sie würde keinen Fehltritt tun – ohne also über die Details dieser konkreten Zeugung ungebührlich spekulieren zu wollen, weiß ich doch aus meiner breiten Allgemeinbildung, daß der Schenkel im zugehörigen Geschehen zwar eine zentrale Rolle einnimmt – allein wegen seiner Lage: immer mitten im Gewühl -; eine tragende Rolle jedoch kommt ihm nicht zu. Er ist Nebenfigur, der lange Davy oder dicke Jemmy des Zeugungsakts, ist schmückendes Beiwerk und verleiht der ernsten Handlung eine frivole Note. Die tragende Rolle hat in den folgenden Monaten der Schoß, den demoliert zu haben einem schwer zu tragen gegeben haben würde.

Man hätte den Knaben doch sehr vermißt, auch als Onkel. Gerade als Onkel. Nicht, daß ich seine große Schwester nicht vermißt haben würde. Doch schon auch. Nur, ob man nun eine bald vierzehnjährige Nichte hat, die zehn Stunden am Tag Youtube Videos von Dner Joonge anstiert, oder peng, das macht mal gerade gar keinen Unterschied. Der Neffe hingegen ist jetzt sieben, ein Alter, in dem man als Onkel noch gefragt ist, und sei es nur als Fahrer an dem Tag, an dem man sieben wird. Denn – das kannte ich nun schon: als meine Nichte dreizehn wurde, wünschte sie sich zum Geburtstag, mit einem Sack voller Freundinnen in eine der Städte des Ostens zu fahren, nicht, um dort Zvilisation zu lernen, sondern um dort ‘shoppen’ zu gehen. Shoppen! Shoppen!! Der Himmel bewahre mich vor dem Tag, an dem ein solches Wort in meinen aktiven Wortschatz einfällt. Shoppen!!! – Ich glaube, ich würde es nicht über mich bringen, es auch nur hinzuschreiben: shoppen. Was muß eine Dreizehnjährige, eine praktisch noch zwölfjährige, eine mit Ach und Krach gerade eben dreizehn gewordene Zwölfjährige, was muß die shoppen gehen? Gehe ich vielleicht shoppen? Nicht mit der Kneifzange würde ich shoppen gehen! Wenn ich eine neue Spitzhacke brauche, gehe ich in Jeff Bezos’ Hardwarestore und sage “Jeff, ich brauche eine neue Spitzhacke, was kostet mich der Spaß?” Und schon ist die Birne geschält. Aber ich fahre doch nicht im Ernst zum Spaß irgendwohin und renne von hier nach da, bloß um nachzusehen, ob es dort die Spitzhacke in einer anderen Farbe gibt.

Als ich meine Schwester diesbezüglich jedoch zur Rede stellte, sagte sie nur, ich solle mich nicht so mädchenhaft anstellen. Ich müsse ja nicht mitfahren. Hingegen wäre es nett und eines Onkels würdig, Patenonkels zumal, den Bengel und einen Sack voller Gleichaltriger an seinem Geburtstag in ein sogenanntes oder das sogenannte Kiddo zu begleiten. Daß man einen Siebenjährigen nicht mehr einen Nachmittag lang mit Topfschlagen, Sackhüpfen und Eierlaufen faszinieren kann, sehe ich im Prinzip ein, was ich nicht einsah, war, wieso wir nicht statt dessen ein Reenactment von Winnetou I aufführen konnten, die Suche nach dem Gold der Apatschen, dieses Mal vielleicht mit Spitzhacken anstelle von Spaten, damit nichts passieren würde, aber meine Schwester wies das Ansinnen als Narretei zurück. Es sei der 6. Dezember, Winter. Schnee am Nugget-tsil stehe nicht im Drehbuch. Außerdem stehe ihr mein Neffe momentan bis zur Oberkante der Unterlippe, und die Vorstellung, mal einen Nachmittag einen weniger von der Sorte im Haus zu haben, anstatt sich sechs weitere ins Haus zu holen, sei paradiesisch. Ich möge ein netter Bruder sein, sie allesamt einpacken und entführen, je weiter weg, desto besser; sie gebe mir ihren Pössl, da paßten alle rein.

Ich kann nicht sagen, daß ich die Art meiner Schwester, schlecht über ihre Kinder zu reden, guthieße. Rede ich etwa schlecht über ihre Kinder? Nein. Dabei fallen sie auch mir manchmal auf den Wecker, wenn ich zu Besuch bin, aber dann verabschiede ich mich freundlich und fahre wieder nach Hause. Ich meckere deswegen doch nicht herum! Und was den 6. Dezember angeht: nicht jeder hat das Glück, am 14 juillet geboren zu sein, so wie meine Schwester, die ihren Geburtstag regelmäßig in Frankreich am Strand verbringt und huldvoll jede Menge Feuerwerk entgegen nimmt, das man ihr dort darbringt. Mich zum Beispiel hat man mit dem 17. Juni abgespeist; niemand hat jemals mir zu Ehren ein Feuerwerk abgebrannt. Aber hat mich das daran gehindert, bei jedem Wetter draußen zu feiern, Fackeln und Forken an meine Freunde zu verteilen und die Bastille zu befreien? Niemals! Es ist übrigens nicht so, daß ich die Gedenktage etwa durcheinander gekriegt hätte, ich weiß schon, daß die Bastille nicht am 17. Juni gefallen ist. Wir würden schon auch ‘Steine gegen Panzer’ gespielt haben, so ist es nicht. Aber wir hatten damals keinen Pössl – oder ein vergleichbares Gerät; aus Gründen, die mir nicht zugänglich sind (Sparsamkeit? Umweltschutzerwägungen? Kein Führerschein?) lebte unser Vater damals KfZ-abstinent -, der uns als Panzer hätte dienen können. Steine hatten wir genug, sorgfältig sauber gepickte Steine sogar. Aber der Sturm auf die Bastille machte einfach mehr her. – Darum sollte meine Schwester sich mal nicht so anstellen; soviel besser als im Dezember ist das Wetter im Juni schließlich auch nicht! Und noch eins: der 6. Dezember ist Herbst, nicht wahr, nicht Winter. Das wird gerne übersehen. Schnee am Nikolaustag, hat man davon schon mal gehört? Jaja, ‘bimmelt was die Straß entlang, kling und klang und kling und klang’, das kenn ich auch, das Lied; aber das ist doch ein fiktionaler Text, das ist doch keine Sachliteratur!

Bei dem sogenannten Kiddo handelte es sich um einen sogenannten Indoor-Spielplatz, in dem Eltern die Möglichkeit haben, Kindergeburtstage offshore zu betreiben. Man bekommt dort eine Box zugewiesen, in der die mitgeführten Erwachsenen für die Dauer des Events untergebracht werden können, und auf deren Tisch zum Abschluß der Feier Pommes und Hähnchenklump gekippt werden. Ich wollte meine Betreuungszusage schon zurückziehen, weil ich alles, was ‘Indoor’ oder ‘Offshore’ oder ‘Event’ im Namen trägt, für Schwindel halte, denn es sind Ausdrücke aus der Gaunersprache, und wer sie benutzt, hat Finsteres im Sinn. Er sollte sein Unternehmen nicht ‘Kiddo’ nennen, sondern ‘Schnapphahn’. Aber wider Erwarten gefiel es mir dort. Der Lärmpegel war zwar etwas oberhalb der zulässigen Grenze für ein empfindliches Onkelohr und erinnerte an eine Traktorriemenfabrik unter Vollast, aber es war nicht zu übersehen, daß die Kinder einen Heidenspaß hatten. Also war es wahrscheinlich verwerflich, was sie da machten. Mit Sicherheit verwerflich waren die völlig willkürlichen Altersbegrenzungen seitens des Managements; warum man als Onkel nicht mit auf den Vulkan – und dessen Flanken hinunterrutschen – durfte, sah ich schon aus Prinzip nicht ein. Aber genauso war es. Ich konnte dort nichts weiter tun, als in der Geburtstagsbox sitzen, die Inhalte von sieben Überraschungseiern zusammenpfriemeln und aus Langeweile das mitgebrachte Naschwerk – schwarze, weiße und mischlingsfarbene Schokoküsse – aufessen. Am Eintritt hatte es die üblichen Irritationen gegeben; der Einfachheit halber hatte ich mich als Vater eines der Gäste meines Neffen ausgeben wollen, woraufhin aber der als Jubilar angesprochen wurde, was meinen Neffen zurecht auf die Palme brachte und sich gleich zu Beginn förderlich auf den Lärmpegel auswirkte. Wenn Sie heutzutage ein Kind ausgehändigt kriegen wollen – sagen wir: bei Ikea im Kinderparadies oder ähnlichen Einrichtungen -, dessen Vater Sie nicht sind, das anders heißt als Sie und auch noch eine andere Hautfarbe hat, dann machen Sie nicht den Fehler, sich auf ihre Onkelrolle zu versteifen. Der ‘Onkel’ hat in Bezug auf Kinder und sein Interesse an ihnen eine derartig schlechte Presse, daß man mißtrauisch reagieren wird. Und wenn Sie es doch tun, vermeiden Sie es wenigstens, sich kurz vorher noch als Vater eines anderen Knaben ausgegeben zu haben. Es ist das nicht hilfreich. Aber das war nun hoffentlich vorbei, es sei denn, man hätte vorsichtshalber die Polizei benachrichtigt, die sich dann nachher an den Pössl hängen würde, dessen Papiere ich nicht dabeihatte, um herauszufinden, was ich noch alles im Schilde führte.

Ich führte nichts mehr im Schilde, außer dafür zu sorgen, daß nachher alle Geburtstagsgäste die richtigen Straßenschuhe anzogen und den richtigen Rucksack aufhatten, wo immer möglich gefüllt mit dem korrekten Inhalt. Das war so typisch meine Schwester! Auf Petitessen rumreiten, wo andere Leute schon zufrieden sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit die richtigen Gäste im Auto zu haben. Das allein würde mich reichlich ausfüllen. Eine Kommilitonin hat mich einmal gelehrt, daß die Siebenzahl nicht deswegen eine so prominente Stellung auf dem Zahlenstrahl einnehme, weil die Sieben besonders heilig wäre, sondern sie sei deswegen so besonders heilig, weil der Mensch in der Lage sei, bis zu sieben Entitäten mit einem Blick zu erfassen, ohne sie zählen zu müssen. Kann sein. Aber das setzt natürlich voraus, daß sich die Entitäten dem Blick auch zeigen, und sich nicht in einem verzweigten Kriechtunnelsystem verteilen, wo sie in Seitenröhren lauern, bis ein Mädchen vorbeigekrochen kommt, das sie dann von hinten an einer Fessel festhalten konnten, in der Hoffnung, daß es schreien würde. Was es auch tat. Meine hatten sich dies angelegen sein lassen, und es hatte sich förderlich auf den Lärmpegel ausgewirkt. Soviel zu der angeblich nicht vorhandenen Bereitschaft Siebenjähriger, mit Mädchen zusammen Geburtstag zu feiern. Es kommt halt immer darauf an, was man ihnen für eine Perspektive bietet. Als später die Pommes auf den Tisch gekippt wurden – sie wurden nicht wirklich auf den Tisch gekippt, die Hähnchenknödel auch nicht; beides war in Schüsseln – überflüssigerweise. Ich möchte anregen, sie in Zukunft auf den Tisch zu kippen. Es ist einfacher. Landen tun sie dort so oder so -, brachte die zu Tisch gerufene Meute lauter Trophäen in Form von Turnschuhen und Crocs an; mehr als sieben, denn ich mußte sie abzählen. Wir stellten sie an der Schmalseite des Tisches auf, zur gefälligen Begutachtung und Bedienung durch die rechtmäßigen Eigentümerinnen oder deren Begleitmütter, die denn auch nicht lange auf sich warten ließen. Sie schienen allesamt nicht besonders guter Laune zu sein. Manche meinten sogar, mich zurechtweisen zu müssen. Ich zuckte bloß die Achseln: was sollte ich machen? Mich ließen sie ja nicht rein in die Kriechtunnel.

Richtig sauer aber wurde eine der Begleitfregatten, als wir nach stattgehabter Mahlzeit einen Rundgesang anstimmten, und zwar das Lied von den drei Chinesen, die mit einem Kontrabaß durch den Wald gehen, was die Neugier der Polizei erregt, die wissen will, was die drei noch so im Schilde führen. Ich wüßte so recht kein Lied, das sich besser eignen würde, eine Bande ohnehin schon adrenalingesättigter Siebenjähriger noch ein wenig weiter zu sättigen; es hat, wenn man die Diphthonge mit hinzunimmt, eine schöne, runde Anzahl von 1 Strophe mit 12 Variationen – das Lied von der Wanze auf der Mauer hat bloß 10, das Lied vom Stumpfsinn hat viel zu viele, die man sich unmöglich alle merken kann, und das Lied von dem Sack Zement, das als Hommage an den Stumpfsinn freilich unübertroffen ist, abzählbar unendlich viele – und man kann sie sich auch merken -; aber es ist, nach meiner Erfahrung, für Siebenjährige noch einen Hauch zu intellektuell. Indulgenz und ästhetisches Wohlwollen angesichts der hartnäckigen Wiederkehr des Ewiggleichen ist ihre Sache noch nicht. Das siebenjährige Herz schreit nach Abwechslung. Die Chinesen mit dem Kontrabaß hingegen sind optimal. – Es kann aber der Frömmste nicht in Frieden singen, wenn es der Nachbarin in der angrenzenden Box nicht gefällt; und dieser hier gefiel es nicht. Sie hatte schon halb und halb vor mir ausgespuckt, als sie kurz vorher einen rosafarbenen Croc von unserem Tisch geholt und uns allen Gefängnis in Aussicht gestellt hatte, weil irgendein Jibbitz fehlte; und nun kam sie, um mich unziemlichen Gesangs zu zeihen: ich glaube, wir waren bei drü Chünüsün, sieben Strophen also hatte sie bereits klaglos in ihr empfindsames Gehör gelassen, nun ward es ihr zuviel. Ich versuchte, sie zu beruhigen, es kämen bloß noch vier. Aber das war es nicht. Vielmehr nahm sie Anstoß an der Ethnizität der Chinesen in unserem Gesang. Und während sie mich noch auszankte, heftete sie in wachsendem Zornmut den Blick auf das adrenalinspiegelnde Gesicht meines lauthals singenden Neffen, so, als habe der Gesang aus dessen Mund ganz besonders zu unterbleiben, oder als würde die Anwesenheit dieses Neffen mich, den Chorleiter und Anstifter, ganz besonderer Verderbtheit überführen.

Das sei, versuchte ich ihr zu erläutern, der Sohn der Häuptlingstochter ‘Schöner Tag’, meiner Schwester, einer Lehrerin, die in den Städten des Ostens Zivilisation lehre. Der Vater sei karibischer Abstammung und möglicherweise Nachfahr freventlich dorthin verschleppter Afrikaner, daher die frappante Ähnlichkeit des Jungen mit Harry Belafonte. Mein Name sei Santer, ich sei ein einfacher Yankee und verträte mithin die Ethnie der ‘white anglo-saxon protestant males’, zu deutsch der schichtkäsefarbenen, niedersächsischen, protestantischen Mehrheitsbevölkerung, so daß wir an diesem Tisch zumindest ideell alle Rassen versammelt hätten, schwarz, weiß, rot und mischlingsfarben, genau wie in diesen Schokokußkästen – ich hielt ihr einen hin und bat sie, sich zu bedienen, wenn sie möge, es seien leider nur noch weiße übrig, die schwarzen hätte ich gegessen, und die Kinder die braunen, in Ermangelung der schwarzen, deren keine mehr übrig gewesen seien, als sie aus ihrem Kriechröhricht zurückgekommen seien; die weißen aber möge keiner von uns, meine Schwester wisse das auch, habe aber auf meine diesbezüglichen Vorhaltungen hin nur gesagt, ich solle mich nicht so mädchenhaft anstellen. Bei Aldi gebe es nun mal diese gemischtrassigen Schokoküsse, und sie werde nicht im Ernst nur zum Spaß von hier nach da stiefeln, um nachzusehen, ob es dort Schokoküsse in anderer Farbe gebe. Was uns allerdings fehle in der Familie, das sei das asiatische Element, obwohl ich zu Studentenzeiten einmal ein ganzes Wohnheim mit einer entzückenden Koreanerin geteilt hätte – sie hatte mich in die Geheimnisse der chinesischen Schriftzeichen eingeführt: 大 (dà) bedeute groß, gewaltig. Und 天 (tian), das sei der Himmel, also quasi die Großartigkeit, die Gewaltigkeit mit Deckel drauf, die Menschenmacht, die an die göttliche Grenze stoße: bis hierher und nicht weiter! Und es gebe überhaupt nur eins, was so gewaltig und großartig sei, daß es den Kopf selbst noch durch diese doch so absolute Grenze stecken dürfe, und das sei 夫 (fu), der Mann. Also vor allen Dingen der Ehemann. Wer weiß, wenn ich damals nicht hätte lachen müssen, wer weiß. Aber sie verbot mir, zu lachen, und geriet in eine ganz entzückende Wut. Ich solle gefälligst die andere Kultur achten und die mir fremde Sicht auf die Welt akzeptieren, und sie ballte zwei entzückende Fäuste, um damit auf auf die ihr fremde Kultur und meine Art, die Welt zu sehen, einzuprügeln. Auf das wirkungsloseste, denn ich mußte nur noch mehr lachen, aber halt eben auch auf das entzückendste. Wer weiß, wie ich mich als 丈夫 (zhangfu) gemacht haben würde, der es für sein angestammtes Recht hält, seine Nase stets hoch über den Wolken zu tragen. – Wer weiß! – Aber ich hätte ja nun nicht gut jedes Mädchen, von dem ich einmal verhauen worden war, gleich ehelichen können! Wo hätte das denn hinführen sollen?

Aber davon mal ganz abgesehen, was hätten wir denn, ihrer Meinung nach, stattdessen singen sollen? “Bimmelt was die Straß’ entlang”? – Das sei doch wohl nicht das Rechte für Siebenjährige. Da könnte man ebensogut versuchen, eine Rotte vierzehnjähriger Mädels mit Topfschlagen, Eierlaufen und Sackhüpfen vom Shoppen abzuhalten. Und überhaupt – ich deutete mit großartig ausgreifender Geste auf die vier Wände des Kiddo, die allerdings fensterlos waren, was der Gebärde doch einiges von ihrer Großartigkeit nahm -: “Hält ein Schlitten vor dem Tor, und ein Schimmel schnaubt davor” – das sei doch dummes Zeug, ob sie sich das Nieselwetter draußen vielleicht mal angesehen habe?

Nanu, wo war sie denn? – Weg. – Hatte was von Rassist gebellt und war davongesegelt. – Nun schön. Daß einer, der schon als Kind jeden Abend das Kriegsbeil eingegraben hat, damit er anderntags was zum ausgraben hatte, und der – wie Ernst Jünger den durchlöcherten Stahlhelm – den Splitter einer verwundeten Stalltür als memento mori auf dem Schreibtisch liegen hat, daß so einer ein Militarist ist, das will ich einsehen. Das akzeptiere ich. Und seit ich von zwei entzückenden Fäusten verprügelt worden bin, verstehe ich mich nicht ungern auch als Bellizist, als einer, der entzückt ist, wenn er mal wieder eine kulturelle Spannung mit Gewalt austragen kann. Daß einer Sexist wird, dem man alle naslang sagt, er solle sich nicht so mädchenhaft anstellen, versteht sich von selbst. Und daß ich es nicht bei meiner ohnehin obskuren Onkelrolle belasse, sondern ohne Gespür für das, was sich schickt und was nicht, coram publico zwei nackte Kinder in die Badewanne stecke, und, nachdem der Schade angerichtet ist, es mir nicht einmal angelegen sein lasse, in der zeitgenössischen Öffentlichkeit ruf- und karriereschädigende Geständnisse zu vermeiden und wenigstens mit dem Interesse am siebenjährigen Neffen und dem Desinteresse an der vierzehnjährigen Nichte hinter dem Berg zu halten – denn das ist doch ein untrügliches Zeichen, daran erkennt der Volksküchenpsychologe seine Pappenheimer: “Ach ja? Wenn die Kinder in das Alter kommen, in dem sie anfangen zu ‘shoppen’, dann verliert der ‘Onkel’ sein Interesse an ihnen, ja? – Jaja, das kennen wir, das kennen wir nur zu gut! Leider! Nachtigall, wir hörn dir trappsen” -, sondern ungerührt zu sagen: “Wo die Pädophilen recht haben, haben sie recht” – das alles ist doch möglicherweise eine Spätfolge des Sturzes auf die Nähmaschine, treppab, Kopf voran, oder? Wer weiß. Und wenn das stimmt, dann bin ich ja möglicherweise auch Rassist. Warum nicht? Kann ja sein. Ist nicht mehr zu ändern, macht den Kohl aber auch nicht mehr fett.

Wir sangen noch die restlichen vier Strophen, etwas lauter, um dem Lärmpegel etwas Gutes zu tun, und damit die den Rückzug antretende Nachbarbox uns in guter Erinnerung behielt, und suchten dann unter den verstreut liegenden Pommes nach welchen, die noch halbwegs knusprig waren, aber es waren nicht mehr viele. Im Ketchup jedoch fanden wir ein Dingsbums, das von Natur aus ketchupfarben war, wie wir aber erst sahen, als wir es vom Ketchup gereinigt hatten. Es stellte irgendwas dar und war aus irgendeinem Material. Ich hielt es für irgendwas aus einem Überraschungsei, verehrte es meinem Neffen, hieß ihn, es in Ehren zu halten und schlug ihm vor, es ‘rosebud’ zu nennen. Wenn er zum Manne gereift sei, könne er dann ein Riesenbohei darum machen. – Dann gingen wir.

Aber was ich erzählen wollte: anderntags rief meine Schwester an und begehrte zu erfahren, wer ihrem Sohn beigebracht habe: “Drei Rassisten mit ‘nem Kontrabaß” zu singen, und “Kam die Antifa: ‘Ja, was ist denn das?’” bzw. Dra Rassastan, Dre Ressessten, Dri Rissistin, di Intifi, do Ontofo usw. usw. usw. Es sei momentan nicht recht gut auszuhalten, zuhause. In gewisser Hinsicht sei es schlimmer als vor dem Geburtstag. Sie habe sich von mir Entlastung erhofft, und nun dies.

Ich hegte den Verdacht, daß es sich um eine rhetorische Frage handelte; es mußte ihr doch klar sein, daß ich es war, der den Kindern das beigebracht hatte. Sie war doch nicht blöd. Ein bißchen zu heiß gebadet, vielleicht. Blöd aber nicht. Ich hatte den Kindern gezeigt, wie man drei Chinesen jederzeit durch ein beliebiges anderes dreisilbiges, auf der zweiten Silber akzentuiertes Wort im nominativus pluralis ersetzen könne, durch drei Kaninchen etwa. Bei drei Kaninchen aber müsse man darauf achten, daß die den Kontrabaß auch getragen kriegen müßten. Die drei Chinesen seien zwar ein fiktionaler Text, keine Sachliteratur, aber es sei auch kein Surrealismus oder Fantasy. Das Geschehen sei vielleicht ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Besser nehme man daher drei Rassisten; bei denen ließe sich allenfalls einwenden, daß man sie seltener im Wald antreffe, als Kaninchen, aber das ist noch gar nicht raus. Kommt auf den Wald an. Kaninchen brauchen lockere Böden. Jedenfalls werden die Rassisten lockerer mit einem Kontrabaß fertig. Schwieriger zu ersetzen als die Chinesen ist die Polizei. Bleiben kann sie nicht, wenn man den realistischen Charakter des Liedes nicht gefährden will, denn die Polizei kümmert sich zwar um Ausländer – wie das Wort ‘Fremdenpolizei’ zeigt -, nicht aber um Rassisten. Rassist zu sein ist nicht justitiabel und geht die Polizei nichts an. Deswegen können wir froh sein, daß wir die Antifa haben, denn die hat, wie die Polizei, im nominativus singularis den Akzent auf der dritten Silbe und ist, wie diese, ein Femininum. Auch sonst haben Antifa und Polizei manche Gemeinsamkeit. Gern treffen sie sich auf Straßen und Plätzen und suchen den Körperkontakt. Dabei kommen zwar reichlich Fäuste zum Einsatz, aber seit ich in chinesischen Schriftzeichen unterrichtet worden bin, weiß ich, daß das Trommeln entzückender Fäustchen auf dem Leib des Gegenübers durchaus seine erotischen Qualitäten haben kann, und “Hör,” sagte an dieser Stelle meine Schwester, und schob alle meine wohlgesetzten Worte ruppig beiseite, “auf zu sabbeln!”

Der Neffe habe ein Jibbitz in der Hosentasche gehabt, das ihm nicht gehöre. Wie komme das da rein? Es gehöre auch keinem seiner Kumpel, das habe sich telefonisch ermitteln lassen, demnach müsse es jemand anderem gehören; sie wolle kein unrecht Gut in der Hosentasche ihres Sohnes, sie wolle, daß die rechtmäßige Eigentümerin das Jibbitz wiederkriegte, ich sollte es daher bei ihr abholen, es mitnehmen und bei Gelegenheit, wenn ich in der Stadt sei, im Kiddo an der Kasse abgeben, dort sei bereits danach gefragt worden, auch das habe sie telefonisch in Erfahrung gebracht.

Mmh. Lust dazu hatte ich nicht. Mein Ruf an der Kiddokasse war nicht der beste, dort hielt man mich bereits für mancherlei, und nicht erst, seit die Begleitfregatte aus der Nachbarbox sich über mich beschwert und mich des Diebstahls eines Jibbitz verdächtigt hatte. Ich hatte zwar guten Gewissens geleugnet, weil ich nicht gewußt hatte, was ein Jibbitz ist. Wie die Dinge lagen, mußte ich nunmehr annehmen, daß es das ketchupfarbene Dingsbums war. Wie stand ich denn nun da? Ich hatte Diebesgut verschenkt. War das Hehlerei oder Anstiftung dazu? Hatte ich nicht von Anfang an dafür plädiert, Winnetou I zu reenacten, mit Spitzhacken diesmal? Goldraub und Doppelmord, klare Sache das, dabei hätte sowas nicht passieren können. Ich entschloß mich, zu schimpfen: Sie solle, schimpfte ich, das Dingsbums in einen Umschlag stecken und ans Kiddo schicken; ich würde das Etablissement nicht noch einmal betreten; dort habe man micht nicht mit dem Respekt behandelt, der einem 夫 zusteht. Man habe mich angesehen, als hielte man mich für einen Kinderschänder, habe mich einen Rassisten geheißen, mich des Diebstahls bezichtigt und mir ein Ende am Galgen geweissagt, respektive im Knast; keine 10 Pferde würden mich mehr dahinkriegen. Auch die 107 Pferde ihres Pössl nicht, ich ließe mir hier doch nicht alles nachsagen, ich sei doch nicht auf den Kopf gefallen!

“Stell”, sagte daraufhin meine Schwester, “dich nicht so mädchenhaft an.”

Offener Brief

an Frank Walter Steinmeier, die Montagsdemonstranten und die Geldbotin von der Federal Reserve
c/o youtube, Berlin/Alexanderplatz, Toter Briefkasten

Hallo Herr Steinmeier,

was haben Sie vor? Wollen Sie mir etwa sympathisch werden? Nach all den Jahren? Montagsdemonstranten niederbrüllen?

Soll mir recht sein. – Daß Sie da eine lange Strecke Wegs vor sich haben, wird Ihnen klar sein. Aber wenn Sie bereit sind, immer dann, wenn und immer da, wo diese garstigen Gestalten ihre Pappen in die Luft halten, zur Stelle zu sein und sie niederzubrüllen, dann werden Sie zumindest auf gutem Wege sein. Ein niedergebrüllter Montagsdemonstrant ist ein guter Montagsdemonstrant. Nur ein niedergebrüllter Monstagsdemonstrant ist ein guter Montagsdemonstrant. Jedenfalls diese Sorte Montagsdemonstrant; die will niedergebrüllt sein.

Ich versichere Sie meines grundsätzlichen Wohlwollens und sage zu, Ihren Antrag mit dem Ziel eines positiven Bescheides – gleichwohl unbestechlich – prüfen zu wollen.

Die Kostprobe war schon recht artig.

Hallo Montagsdemonstranten,

wollt Ihr verhindern, daß Frank Walter Steinmeier mir sympathisch wird? – Nun, das liegt ganz bei Euch. Wenn Ihr Euch dazu verstehen wollt, zurück unter Euren Stein zu kriechen und Euch die nächsten tausend Jahre nicht mehr zu mucksen – und mit tausend Jahren meine ich nicht das notorische deutsche Dutzend, sondern echte tausend Jahre, gerechnet ab heute -, Ihr ihm also jede Chance nehmt, Euch an- und nieder- und gegen die Wand zu brüllen, dann sehe ich keinen Grund, an meiner Einstellung zu ihm etwas zu justieren. Wenn Ihr aber drauf besteht, weiterhin montags die Mottenkiste zu öffnen und Euer madiges Mahngeschrei anzustimmen und Eure modrigen Mantras herunterzumurren und ganz allgemein den Macken-Paul zu geben, dann, fürche ich, liegt es nur an ihm selbst.

Also hopp! Zurück! – Ich habe mich daran gewöhnt, ihn nicht leiden zu können. Ich lege keinen Wert darauf, meine Ansichten etwa zu überdenken, meine Einstellungen zu ändern oder meine Affekte infrage zu stellen.

Was Ihr sicherlich ganz besonders gut nachvollziehen könnt.

Hallo Janet,

der “Uhlenbaum” (Du weißt schon!) ist nicht mehr. Wir müssen einen neuen Übergabepunkt vereinbaren. Hohl war er ja schon immer – Kunststück, hätten wir ihn sonst ausgesucht? -, aber jetzt hat das Auehochwasser bei dem Dauerregen neulich die Wurzeln soweit ausgewaschen, daß er des Morgens mit der Nase im Wasser lag. Den Kassiber habe ich gerettet. Ich habe ihn für’s erste im Brückenpfeiler versteckt, jener Brücke, weißt Du, deren Planken im Winter schon weggefault waren. Du mußt von Westen(!) her kommend über den rechten(!) Träger balancieren (ein liegender Doppel-T-Träger, möchte wissen, wer sich das ausgedacht hat, aber es läuft sich darauf ganz komfortabel), bis zum Mittelpfeiler. Da ist in der dritten Reihe von oben ein Stein locker. Den hebelst Du vorsichtig raus (Taschenmesser; paß auf, daß er dir nicht ins Wasser fällt; ist mir auch passiert; zieh am besten Gummistiefel an), und dahinter liegt der Kassiber.

Als Codewort schlage ich “Atlantikbrücke” vor.

Und nun mach mal ein bißchen hinne; am dreißigsten Mai ist Weltuntergang, und am Tag darauf will ich in den Urlaub fahren. Ich brauch das Geld.

Germanistenfuzzi

Betr. soziale Gerechtigkeit, hier: die Mütterrente

Betrifft aber auch das Rumgenerde, das trostlose Technokratenkauderwelsch in der Folge der nun gottseidank verbesserten Anerkennung der Kindererziehungszeiten für Rentnerinnen – ist das denn wohl nicht ganz egal, wer die Rente bezahlt, die Arbeitnehmer oder der Steuerzahler? Ist es nicht vielmehr die Hauptsache, daß sie kommt, die Rente? Sollten wir uns nicht, was das Ziel angeht, immerhin einig sein, selbst wenn wir uns über den Weg streiten? Insbesondere dann, wenn wir uns einig sind, daß der Weg das Ziel sein sollte, und es das Ziel sein muß, spätestens 2015 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen? Ein ausgeglichener Haushalt, o denket an! Wann gab es das schon mal? In den Achtzigern unter Stoltenberg, wohl wahr, was bloß leider nichts genutzt hat, weil mit dem gesparten Geld die DDR gekauft werden mußte. Ist aber nicht abzusehen, daß wir in naher Zukunft Zukäufe tätigen müßten; Griechenland, Portugal, Spanien und Italien gehören uns schon, und die Ukraine kann so teuer nicht sein. Die ist ja bloß noch halb.

Sehen wir das ganze doch einmal unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit: kann es denn gerecht sein, die Mütter von Politikern, Parlamentariern, Beamten und Selbständigen von der Rentenerhöhung auszunehmen? Was können denn die Mütter dafür, daß ihre Söhne und Töchter in die CDU, in die SPD oder in gottweißwas für Parteien eingetreten sind? Das hat keine Mutter gerne, aber das kann sie doch nicht verhindern. Glauben Sie mir, meine Mutter hat Rotz und Wasser geheult, als sie erfuhr, daß ich der CDU beigetreten war. Tagelang. Wochenlang. Dafür habe sie nicht zwanzig Jahre ihres Lebens in meine Erziehung investiert, hat sie ein ums andere Mal geschluchzt, damit ihr Sohn sich dergestalt wegwerfe. Sie hat sich sogar geweigert, die 28 Euro 14 im Monat anzunehmen, die ihr für meine Erziehung zustehen, hat sie zu Boden geworfen und mit dem Fuß gestoßen, und später hat sie sie wieder aufgeklaubt und hat sie Erdbebenopfern zukommen lassen. Sie fühle mit den Müttern Haitis, sagte sie, sie wisse es schließlich – wer, wenn nicht sie? -, wie es sei, wenn einem der sicher geglaubte Boden unter den Füßen schwanke, wenn kein Stein des Weltengebäudes mehr auf dem anderen bleibe, wenn man einen Sohn, der einmal Stütze des Alters hatte sein sollen, im Rachen einer Naturgemeinheit verschwinden sehe.

Ähnlich hatte sich auch die Käsdorfer CDU zum gleichen Thema geäußert, und als ich die CDU zugunsten der Grünen verließ – zugunsten der CDU, wie die Grünen behaupten – da war es meiner Mutter kein Trost. Seitdem irrt sie stumpfen Blicks umher, und von hier und dort wird berichtet, daß sie gesehen worden sei, gestikulierend, mit sich selber redend, murmelnd stehen bleibend und den Kopf kraftvoll gegen kantige Objekte rammend. Was ich sagen will, ist: eine Mutter hat es doch nicht in der Hand, was sie da im Schoß hat. Es wäre nicht recht, ihr die Rentenerhöhung zu versagen, nur weil sie Politiker, Rechtsanwälte, Unternehmensberater, Steuerberater und Lobbyisten in die Welt gesetzt hat, die sich jetzt alle davor drücken, ihre Rentenerhöhung mitzutragen. Oder jenes Heer von Beamten, das für die Ausfeilung der Gesetzentwürfe zuständig ist. Es wäre dies nicht Recht, es wäre das nicht rechtens, es wäre eine Rohheit.

Darum können wir das auch nicht machen. Wenn die genannten Herrschaften zu sparsam sind, die Renten ihrer eigenen Mütter zu bezahlen, dann müssen wir das eben tun. Wir können sie doch nicht in Sippenhaft nehmen. Es ist schon schlimm genug, daß wir ihre Enkel nicht mehr werden alimentieren können, denn wenn wir erst einen ausgeglichenen Haushalt haben, mein lieber Mann! Dann hat es sich was mit dem sorglosen Leben reicher Enkel. Dann machen wir nämlich keine Schulden mehr, und die Enkel reicher Mütter, die sich schon darauf eingerichtet haben, daß sie früher oder später einen Haufen Forderungen, Forderungen an uns, ihre Schuldiger, erben werden und von Stund an nicht mehr zu arbeiten brauchen, die können sich mal mit der Hand über den Hintern fahren. So ist das nämlich im Kapitalismus, da fliegen einem keine gebratenen Tauben ins Maul! Keinem von uns.

Die werden arbeiten müssen, diese armen Enkel, sprich: unbezahlte Praktika machen, und wie jeder Enkel, der ein unbezahltes Praktikum machen muß, werden sie es nicht nur begrüßen, sie werden es geradezu erwarten, von der Oma etwas zugesteckt zu bekommen. Da wird es gut sein, wenn die Oma 28 Euro 14 mehr im Monat zum Zustecken hat, als sie hätte, wenn wir sie ihr nicht geben würden. Also seien wir doch bitte mal nicht so!

Andererseits, wenn Sie partout nicht wollen – und ich wende mich jetzt ganz persönlich an Sie, meine Leser – wenn Sie der Meinung sind, die Finanzierung der Rente mit 63 für jene 63jährigen, die nach der Lehre, mit 18, von der Firma übernommen wurden, in der Paps schon war, und Opa auch, die nie im Leben was auszustehen hatten, die klug genug waren, als Mann auf die Welt zu kommen, wie Opa und Paps, und die schließlich auch nichts dafür können, daß andere Leute – Frauen etwa – solche vergurkten Erwerbsbiographien haben, daß sie nun bis 67 arbeitslos sein müssen, tja, so ist das nun mal im Kapitalismus. Schweine mit Messer und Gabel im Rücken gibt es nirgends – doch, die gibt es schon, im Schlaraffenland, aber der Weg dahin führt durch einen dicken Grießbreiberg – apropos Griesbreiberg: wenn Sie partout nicht wollen und der Meinung sind, mit der Finanzierung der Rente mit 63 sei es nun auch mal gut, so wie es ja auch einige unentwegte CDUler gibt, die diesen Teil des Rentenpaketes kippen wollen: was meinen Sie, käme der lange Marsch durch den Grießbreiberg für Sie infrage? Sprich: ist Ihre Mutter schon tot oder vielleicht dement? Oder Sie ein herzloser Gesell? In dem Fall würde sich, so meine ich, eine CDU-Mitgliedschaft anbieten.

Ich weiß, ich weiß, Sie und ich, wir neigen dazu, uns angesichts der Welt Elend die Hände lieber nicht schmutzig zu machen, uns in die Büsche zu schlagen, das Handtuch zu werfen, das Abo zu kündigen, wenn uns der Leitartikel nicht paßt, uns abzuseilen anstatt uns einzubringen, und von der Terrasse des Grandhotels Abgrund den Aperitif ins Korn zu schütten. Aber überlegen Sie doch mal: Sie könnten mitgestalten. Ich habe es doch auch geschafft. “Es lohnt sich.” (K.T. zu Guttenberg) Ich habe die besten Erfahrungen dort gemacht. Die CDU ist eine Partei, die sich freut, wenn neue Mitglieder eintreten, und die sich freut, wenn neu eingetretene Mitglieder konstruktive Anträge stellen, sagen wir mal: Anträge auf regelmäßige Bibelleseabende. Darauf sollten Sie nicht verzichten. Die fehlen der CDU, und auf die freut sie sich. Und wenn sie sich nicht freuen sollte, so sind sie doch gut für sie. Und wenn sie nicht gut für sie sein sollten: tja nun, so ist das Leben!

Sie dürfen allerdings nicht erwarten, daß sich die Freude etwa darin äußerte, daß man Ihnen mit offenen Armen um den Hals fiele. Die spezifisch christdemokratische Willkommenskultur besteht darin, mit den Augen zu rollen, wenn man den Neuankömmling nur von Ferne sieht. Machen Sie sich nichts daraus. Pfeifen Sie drauf! Rollen Sie zurück. Bekreuzigen Sie sich, wenn der Name Volker Kauder fällt. Loben Sie die AfD. Stecken sie sich Bildchen von Philipp Mißfelder und Vladimir Putin ins Portemonnaie. Stellen Sie den Antrag auf Ausschluß Ungarns aus der EU. Schließlich: wer hat denn damals die Türken bis kurz vor Wien gelassen!? Mitgestaltung heißt Mitgestaltung, weil es von Gestalt kommt. Und von Mit. Und von ung. Glauben Sie wirklich, daß Mitgliedschaft im ADAC sich mit Mitgliedschaft in der CDU verträgt? Ich glaube das auch nicht. Gehen Sie’s an! Es gibt viel zu wenig Unvereinbarkeitsbeschlüsse in der CDU.

Und in der SPD nicht minder, wie mir scheinen will. Sollte Ihre Mutter also noch leben und nicht dement, und Sie ein rücksichtsvoller Mensch sein, könnten Sie es mit einer SPD-Mitgliedschaft probieren. Aber ich muß Sie warnen: SPD ist teuer. Wenn Sie auch nur einigermaßen ein bißchen was eigenes Geld verdienen, hält die SPD die Hand auf. CDU und Grüne sind billiger, 1% vom Netto die Grünen, 1% vom Brutto die CDU, allerdings mit integriertem Auslandsschutzbrief und mit Sammelalbum für Ursula-von-der-Leyen-Bildchen. Aber die SPD kostet richtig Geld. Wenn Sie ein Habenichts sind, kriegen Sie’s etwas billiger, aber das auch nur um den Preis, daß Sie ein Habenichts bleiben. Denn die SPD holt es sich indirekt von Ihnen zurück. Da denken Sie an nichts Böses, und müssen plötzlich zwei Jahre länger arbeitslos bleiben, ehe Sie in Rente gehen dürfen. Und das für die gleiche Armutsrente, die es zuvor ab 65 gab. Von dem so gesparten Geld finanziert Andrea Nahles die Rente mit 63 für Ortskartellvorsitzende. Es sei denn, Sie verhindern es noch: treten Sie ein! Verhindern Sie es. Werden Sie Mitglied. Gestalten Sie mit, gestalten Sie um. Aber übernehmen Sie sich nicht finanziell!

Manch einer hat feststellen müssen, daß er, einmal in der SPD, zwar noch genug Geld hatte, um entweder a) die Rente für seine Mutter zu finanzieren, oder b) den Mitgliedsbeitrag für die Partei, aber nicht c) beides. Andrea Nahles zum Beispiel.

Darum müssen wir es jetzt tun. Aber ist das nicht ganz egal? Ist es nicht die Hauptsache, daß sie die Rente kriegt, die Mutter? Auch eine Arbeitsministerin muß erzogen sein, auch eine Arbeitsministerin macht ihrer Mutter Mühe und Kummer.

Und dann: kann Andrea Nahles’ Mutter denn wohl etwas dazu? Ist es etwa an uns, sie zu kujonieren und zu viehkatzen? Hat eine Mutter kein Herz? Ein einstmals reines Herz, und unter dem Schmutz der Welt wohl immer noch so rein wie je? Blutet sie nicht, wenn sie sich in den Finger schneidet? Muß sie nicht niesen, wenn die Polle fliegt? Hat sie nicht Augen zu sehen und eine Brust zu atmen? Hat sie nicht Hand, Organe, Sinne, Leidenschaften wie wir alle? Ist sie nicht durch dieselbe Speise genährt, über denselben Löffel balbiert, mit demselben Klammerbeutel gepudert wie jede Arbeitsministerin? Wenn wir sie kitzeln, lacht sie nicht?

Und wenn wir in die CDU eintreten, weint sie sich nicht die Augen aus und stößt ihren Kopf gegen Buchenstämme?

Kulturwandel

Nach dem Einstieg des Wüstenemirates Katar als neuer Großinquisitor Großinvestor der Deutschen Bank müssen sich die Angestellten der Bank auf einen Kulturwandel gefaßt machen, der sich gewaschen hat. – Gewaschen? Gewaschen Mit Wüstensand gescheuert. Kein Gehalt, keine Perspektive, katastrophale Wohn- und Arbeitsbedingungen und indiskutable hygienische Verhältnisse für die Angestellten sollen das Geldhaus fit machen für den internationalen Wettbewerb. Wenn einem die Eiswaffel Eiswinde des Investitionsbankings unter die Dschellaba faßten, beziehungsweise der Gluthauch der Globalisierung die Ghutra grille, dann, so Scheich Kultur bin Wandel, der neue Miteigentümer, dann sei es an der Zeit, sich auf die Gegebenheiten dieser Zeit einzustellen und seine Besitzstandswahrermentalität einer Generalrevision zu unterziehen, und überzogenes Anspruchsdenken dem Anspruchsdenken derer unterzuordnen, die Anspruch darauf hätten. Jedenfalls, wenn man ein Lohnsklave sei, und die anderen die Eigentümer sind. Der Kapitalismus, immer darauf aus, die größtmögliche Menge an Glück für die größtmögliche Menge von Menschen zu produzieren, dieser Kapitalismus müsse lernen, daß er sich nicht länger alles herausnehmen könne. Die Zeiten seien vorbei, in denen die Arbeit sich dorthin verkrümelt habe, wo sie für die größtmögliche Menge des Nichtstuns den größtmöglichen Lohn habe herauskitzeln können – genug!

Als erstes wurde das sogenannte Sponsorenprinzip in den Kulturbeutel gepackt, welches den Arbeitnehmer darauf verpflichtet, das Einverständnis des Arbeitgebers einzuholen, wenn er denselben etwa wechseln oder gar das Land verlassen möchte. In Zukunft wird er gefälligst fragen, ob die Deutsche Bank das denn auch möchte. Und wenn die das nicht möchte, dann wird es auch nicht geschehen, Punkt. Weswegen den Angestellten zuallererst mal der Paß entzogen wird. Dann kriegen sie einen Wisch auf Arabisch hingehalten, den sie unterschreiben müssen, und auf dem, so sagt man ihnen, stehe, was sie alles dürfen (nichts), und was sie dafür bekommen (auch nichts). Für weibliche Angestellte gelten ab sofort Ausgangssperre, Siebentagewoche, unbezahlte Überstunden in nicht genannter Zahl, und was das andere angeht – nicht wahr! – also: man wird ihnen nicht glauben. Zumal man, wenn sie sich beschweren, auch gegen sie ermitteln wird, und zwar wegen außerehelicher Beziehungen. Jawohl! Geld, Geld gibt es immer dann, wenn welches da ist und nicht anderweitig gebraucht wird. Wenn keines da ist, kann auch keines ausbezahlt werden, das ist Logik. Wenn welches da ist und trotzdem nicht ausbezahlt wird, dann wird der Angestellte sich wohl mit seiner Unterschrift auf besagtem Wisch damit einverstanden erklärt haben. Tscha!

In Katar habe diese Kultur insgesamt sehr segensreich gewirkt. Überall im Land stünden Fußballstadien herum. Nicht, daß in einem kleinen Land soviele Fußballstadien gebraucht würden. Eines und dazu eine handvoll Bolzplätze würden völlig ausreichen, die anderen würde kein Mensch vermissen, wenn sie nicht da wären. Aber auf der anderen Seite: die Deutsche Bank würde ja auch kein Mensch vermissen, wenn sie nicht da wäre.

Allgemein begrüßt wird der Kulturwandel bei der Deutschen Bank von unsereinem. Unsereiner ist der Meinung, daß es, was selten genug passiert, mal die Richtigen erwischt hat. Unsereiner bildet sich hin und wieder ganz gerne ein, daß es so etwas wie Gerechtigkeit geben können mögen dürfen sollte – bitte, bitte! -, und sei’s auch nur aus Daffke, weil das Schicksal sich einen Jux machen will. Unsereiner liebäugelt, ja flirtet mit dem Gedanken, aus eigenen Mitteln eine Gruppe Rentner, die noch in Zeiten großgeworden ist, in denen “jeder, der arbeiten wollte, auch Arbeit kriegte” (™), “harte Arbeit ihren gerechten Lohn erhielt” (™), “Leistung sich lohnte” (™), “jedermann seines Glückes Schmied” (™) und Realwirtschaft (Schmied, Steinmetz, Fischhändler, Troubadour) noch ein Geschäftsmodell war, von dem man existieren konnte – unsereiner träumt davon, solch einen Rentnerchor zu verpflichten, mit Windjacken und Sandalen, des Morgens in den Fluren der Deutschen Bank die im Zweierjoch herbeigeführten Broker und Banker mit dem von Herzen kommenden Gruß: “Na, wißt ihr jetzt, was Arbeit ist?” (™) in den Tag zu schicken. Niemand kann das so glaubwürdig formulieren, wie gerade diese Generation.

Ein bißchen ungerecht wäre das. Was Arbeit ist, wußten die meisten von ihnen auch vorher schon, denn gearbeitet hatten sie ja, tüchtig und feste. Jedenfalls viel. Mehr vielleicht, als gut für sie war. Ganz sicher mehr, als gut für unsereinen war. Was sie nicht wußten, das ist, wie es tut, wenn der eigene Arbeitgeber ein Lump ist man für die harte Arbeit mit einem Hungerlohn abgespeist wird. Wenn man sich noch nicht mal den Koks unterm Fingernagel leisten kann, den man braucht, um sich wenigstens für ein paar Stunden am Tag für den Scheich von Emir zu halten.

Jetzt wissen sie es. – Aber ach! Morgen früh, wenn unsereiner aufwacht, wird es doch wieder sein wie zuvor.

Abendmahl

Dramatis personae:

Mama, Papa, Kevin, Chantal, Justin, Mandy, Opa Hannibal, Maximilian Alexander, mehrere Zoodirektoren, ein Dinnergong

Dinnergong:
Gong! Gong! Gong! Gong! Gong! Gong! – Gong! – Gong! – Gongongongongongongong!
Mama:
Chantal, laß den Gong heile! Es genügt, wenn du einmal gongst.
Chantal:
Einmal noch.
Dinnergong:
Gong! – Gongong!
Mama:
Ist der Tisch fertig? Sieh mal nach, wo Vati bleibt. Und leg den Klöppel diesmal bitte wieder dahin, wo er hingehört. Ich möchte nicht wieder wochenlang den Schwanzquast nehmen müssen, weil wir den Klöppel nicht finden können.
Kevin:
Gibt’s endlich was zu essen?
Chantal:
Kriegt Opa wieder einen tiefen Teller?
Mama:
Opa kriegt immer einen tiefen Teller, Kind. Kevin, hast du deine Pfoten gewaschen?
Kevin:
‘tür’ch!
Papa:
Mmh, wie das duftet!
Justin:
Papa, kannst du mich mal hochheben? Ich will auch mal Gong! machen.
Papa:
Aber natürlich, mein Kleiner!
Mama:
Nein Justin, Papa kann dich nicht hochheben. Du setzt dich jetzt hin, und Papa setzt sich hin, und ihr anderen setzt euch auch hin. Wo ist Mandy?
Kevin:
Die hört nichts, die hat Stöpsel im Ohr.
Papa:
Nach dem Essen. Was, Justin? Nach dem Essen hebt Papa dich hoch und dann kannst du Gong! machen.
Mama:
Nach dem Essen wird nicht gegongt! Mandy, nimm die Stöpsel aus den Ohren und komm an den Tisch!
Mandy:
Häh? – was soll ich?
Mama:
Hinsetzen sollst du dich. Wir wollen essen.
Mandy:
Aber Opa ist doch noch gar nicht da.
Chantal:
Hör, auf du Blödmann!
Mama:
Opa kommt sofort. Kevin, hör auf, deine Schwester am Schwanz zu ziehen!
Kevin:
Dann soll die dumme Ziege ihn nicht überall rumliegen lassen!
Mandy:
Aber solange kann ich doch die Stöpsel noch drin lassen.
Chantal:
Ich bin keine dumme Ziege!
Papa:
Mandy, du wirst tun, was deine Mutter dir sagt! Setz dich hin und nimm die Kopfhöhrer raus.
Kevin:
Du bist ja eine dumme Ziege!
Papa:
Kevin, laß deine Schwester in Ruhe! Und du, Chantal, nimm deinen Schwanz zwischen die Beine, wie sich das gehört. Du brauchst ihn nicht auf Kevins Stuhl zu legen.
Chantal:
Hab ich doch nicht mit Absicht gemacht. Hab ich doch gar nicht gemerkt, daß der da lag.
Mama:
Mandy, Pfoten auf den Tisch. Hier wird nicht unter dem Tisch gewhatsapped.
Papa:
Gib mir mal das Telefon. – Na los! – Wirds bald?
Mandy:
O menno! – Ich hab ja schon aufgehört.
Kevin:
Was gibt’s denn eigentlich?
Papa:
Was Gutes jedenfalls. So gut hat es lange nicht gerochen, mein Engel. Ich wollte sagen, es riecht so gut wie es immer riecht, wenn du kochst, Mama. – Wo ist Vater denn eigentlich?
Mama:
Wo wird dein Vater schon sein! – Er ist da, wo dein Vater immer ist, wenn wir zu Abend essen wollen.
Justin:
Ich habe meine Pfoten gewaschen, Papa, kuck mal, ganz sauber. Hast du deine Pfoten auch gewaschen?
Papa:
Äh, gewiß. – Ich denke schon. – Ich wasche mir die Pfoten immer, wenn es zu Tisch geht. – Daher nehme ich an, daß ich meine Pfoten auch heute gewaschen …
Mama:
Justin, sei nicht so vorlaut. Natürlich hat dein Papa seine Pfoten gewaschen. Jeder wäscht seine Pfoten vor dem Essen. Nur ganz ungezogene kleine Löwen waschen ihre Pfoten nicht.
Justin:
Warum?
Chantal:
Aus Hygiene. Und wenn man vom Klo kommt, dann muß man sie auch waschen.
Justin:
Warum?
Kevin:
Frag nicht so blöd, Kleiner.
Opa Hannibal:
Mahltfeit tfuwammen.
Alle:
Mahlzeit, Opa Hannibal.
Justin:
Opa wäscht nie seine Pfoten, wenn er vom Klo kommt.
Mama:
Sei still, Justin! Was dein Opa tut, hast du nicht zu kommentieren.
Mandy:
Und Kevin stellt immer bloß das Wasser an und betrachtet solange seine Mähne im Spiegel.
Kevin:
Alte Petze! Das stimmt doch gar nicht!
Mama:
Still, Kinder, wir wollen beten.
Opa Hannibal:
Komm Herr Jewuf, wei du unwer Gaft, und wegne, waf du unf befweret haft.
Alle:
Amen.
Mandy:
Und dann kuckt er ganz selbstverliebt und probiert, wie es aussieht, wenn er den Rachen aufreißt wie der MGM-Löwe.
Kevin:
Dunmme Pute! – du bist doch bloß neidisch, weil du am Hals so kahl bist.
Mandy:
Pah! – Maximilian Alexander hat viel mehr Mähne als du.
Kevin:
Ohh! – Maximilian Alexander! Der Salonlöwe, mit der Föhnmähne. Und den polierten Krallen.
Papa:
Dieser Kerl!
Mandy:
Selber Salonlöwe!
Mama:
Mandy, du weißt, daß dein Vater dir verboten hat, den Namen bei Tisch zu erwähnen!
Kevin:
Das ist kein Name, das ist ein Befund.
Mandy:
Aber er ist kein Salonlöwe!
Justin:
Was ist das, ein Salonlöwe?
Kevin:
Wer ist kein Salonlöwe?
Opa:
Lecker!
Chantal:
Das ist was ganz was Feines.
Opa:
Waf ift daf? Daf fwmeckt gut!
Justin:
Opa, bist du ein Salonlöwe?
Papa:
Das schmeckt wirklich gut, Mama!
Mama:
Das ist Zoodirektor, dänisch.
Justin:
Papa, bist du ein Salonlöwe?
Chantal:
Schon wieder dänisch? – Ich mag kein dänisch.
Papa:
Chantal, sei nicht frech!
Mama:
Justin, halt deinen Mund und iß’ deinen Zoodirektor.
Chantal:
Aber ich mag es nun mal nicht.
Kevin:
In Amerika waschen sie die Zoodirektoren vor der Zubereitung jetzt mit Chlor.
Papa:
Dann wirst du die Güte haben, dein Essen zu essen, obwohl es dir nicht schmeckt. Und wirst dich jedes weiteren Kommentars enthalten!
Mandy:
Bei Maxim… bei meinem Freund gibt es heute Zoodirektor italienisch.
Kevin:
Wegen der Hygiene.
Chantal:
Der hat’s gut!
Justin:
Was ist ein Zoodirektor?
Opa:
Wir hatten früher auch einmal Hyäne, ich weif ef noch.
Mama:
Aber Vati!
Kevin:
Wer? Wer hat’s gut?
Papa:
Nein, Mama, die Kinder müssen lernen, daß man am Essen nicht herummäkelt. Und wenn es Chantal schwerfällt, das einzusehen, dann wird sie auf ihr Zimmer gehen und dort darüber nachdenken.
Chantal:
Au ja!
Opa:
Alf Gertrud noch lebte. Wie fwmeckte nicht. – Aber daf hier ift lecker! – Ift da noch waf?
Papa:
Und zwar ohne Handy.
Justin:
Hat Opa auch Zoodirektor?
Chantal:
O menno!
Mama:
Chantal, setz dich wieder hin!
Mandy:
Zoodirektor püriert hat Opa.
Chantal:
Zoodirektor dänisch püriert.
Justin:
Warum kriegt Opa pürierten Zoodirektor?
Mandy:
Weil er keine Zähne mehr hat. Er kann keine Knochen mehr abknabbern.
Chantal:
Opa kriegt alles püriert.
Kevin:
So wie Maximilian Alexander.
Papa:
Kevin – raus!
Mandy:
Du bist so ein Doofmann, du Doofmann!
Kevin:
Warum?
Papa:
Du weiß genau, warum – raus!
Justin:
Kann ich auch was von dem pürierten Zoodirektor haben?
Mama:
Dein Vater hat verboten, den Namen bei Tisch zu erwähnen, das weißt du genau. – Justin, du hast deinen Teller noch nicht leer gegessen. Iß deinen Teller leer; wenn danach noch was von Opas Zoodirektor übrig ist, kannst du ihn fragen, ob er dir was abgibt.
Kevin:
Aber das hat er doch bloß Mandy verboten!
Papa:
Und jetzt verbietet er’s dir – raus!
Kevin:
Ich hab aber noch Hunger!
Mama:
Du kannst deinen Teller mitnehmen.
Chantal:
Meinen auch.
Papa:
Chantals Teller bleibt hier stehen!
Mama:
Du kannst dir noch ein Bein von der Platte nehmen.
Mandy:
Wieso kriegt der jetzt noch ein Bein, der Doofmann?
Justin:
Mama, ich kann nicht mehr.
Opa:
Früher, wenn da daf Effen mal nicht gereicht hat, dann wagten wir: Dann muf eben die Hauffrau auf den Tifw.
Mama:
Keine Sorge, Vater, es ist genug für alle da. Es waren drei Zoodirektoren für sieben Löwen, darunter eine halbe Portion von Welpe, ein verzogener Fratz, der nicht essen will, und ein zahnl… – ein Senior. Das sollte ja wohl reichen.
Mandy:
Ein Welpe, ein verzogenes Gör, ein zahnloser Mümmelgreis und mein Bruder Kevin, der anderthalb Zoodirektoren alleine ißt und noch ein Bein hinterhergeworfen bekommt – das reicht nicht unbedingt. Das wird zumindest knapp.
Justin:
Mama, ich bin müde. Darf ich spielen gehen?
Papa:
Was war das gerade, Mandy? Kann ich das noch einmal hören?
Chantal:
Was denn jetzt? Bist du müde oder willst du spielen?
Mama:
Wir bleiben am Tisch sitzen, Justin, bis alle mit dem Essen fertig sind und Opa das Gebet gesprochen hat.
Mandy:
Wieso?
Papa:
Das, was du gerade als letztes gesagt hat. Den ganzen Satz. Den möchte ich gerne noch einmal hören.
Mandy:
Ich habe bloß aufgezählt, wer alles von den Zoodirektoren satt werden muß.
Justin:
Aber Kevin ist ja auch schon gegangen.
Papa:
Und das wirst du bitte noch einmal tun, damit ich dir genau dabei zuhören kann.
Chantal:
Kevin ist nicht gegangen, den hat Papa rausgeschmissen.
Mama:
Vater, wenn du soweit bist, können wir die Tafel glaube ich …
Papa:
Moment noch! Mandy möchte uns noch etwas sagen.
Chantal:
Wenn du auch von Papa rausgeworfen werden willst, muß du nur das Zauberwort sagen. Kennst du das Zauberwort? Warte, ich sag es dir ins Ohr.
Mama:
Nun laß doch gut sein, Vati …
Papa:
Scht! Mandy? – Bitte!
Justin:
Ist das das Zauberwort?
Mandy:
Ja, also, daß von den drei Zoodirektoren sieben Löwen satt werden müssen, …
Papa:
Und bitte so laut, daß es auch dein Großvater versteht.
Justin:
Papa! – Ignatius Alexander, Papa!
Mandy:
… und daß sich unter diesen Löwen nicht nur ein Welpe, eine verzogene Göre, ein Patriarch mit Seniorenmagen, sondern auch mein Herr Bruder befinden, der alles, was die drei übriglassen, locker auffuttert, und mehr als das.
Chantal:
Nicht Ignatius, Maximilian!
Opa:
Waf? Waf hat wie gewagt?
Mama:
“Nicht Ignatius, Maximilian!”
Opa:
Nicht die, die andere.
Mandy:
Patriarch.
Justin:
Mag sie Milian? – Maksimilian? – Maximilian! Maximilian Alexander. – Papa: Maximilian Alexander!
Opa:
Waf? Waf ift damit?
Papa:
Patriarch mit Seniorenmagen. – Damit will sie sagen, daß du nicht mehr der Jüngste bist, Vater.
Mama:
Justin, hör auf, hier rumzukrähen. Und du, Chantal, hör auf, deinen Bruder aufzustacheln.
Opa:
Papperlapapp! – Mein Magen ift tadellof. Da geht immer noch allerhand rein. Mein Gebiff ift nicht mehr daf jüngfte. Ich bin ein tfahnlower Mümmelgreif. Allef muff ich püriert kriegen.
Papa:
Ja, Vater, das wissen wir ja …
Opa:
Aber mein Magen ift gut. Und wie kocht gut, wie! – Wer ift daf, deine Frau? – Und wer bift du?
Mama:
Nun wollen wir beten.
Opa:
Komm, Herr Jewuf …
Papa:
Ähm, Vater, …
Opa:
Waf willft du, du Rotflöffel? Waf unterbrichft du mich?
Papa:
Wir sind ja schon fertig mit Essen!
Opa:
Dann wag daf doch! Woher woll ich daf denn wiffen? – Danket dem Herrn, denn er ift freundlich, und weine Güte währet ewiglich!
Papa:
Amen.
Mama:
Amen.
Mandy:
Amen.
Chantal:
Amen.
Justin:
Maximilian Alexander!
Dinnergong:
Gong!

“Es gibt sie noch, die guten Deutschen”

“Wenn ich nicht schon von Geburt Kulturpessimist wäre,
würde mich der Niedergang des Kulturpessimismus in Deutschland dazu machen.”
A. Schmidt, dem es erspart geblieben ist

Das Wort “schonungslos” hat in rechten Kreisen (ZDF et. al.) einen guten Klang. Seit es üblich geworden ist, Leute, die man gerade bewußtlos geschlagen hat, nun nicht etwa zu schonen, sondern statt dessen noch ein bißchen mit den Stiefeln gegen deren Kopf zu treten, weil man einmal dabei ist, seitdem ist die “Schonungslosigkeit” beim ZDF positiv besetzt. Das Gegenteil von “Schonungslosigkeit” nämlich wäre “Political Correctness”, und für einen Deutschen – besser: “Deutschen” (cf. K. Tucholsky) – ist die Nachrede, politically correct zu sein, etwa so übel wie der Vorwurf, nicht rückwärts einparken zu können, für einen Mann – besser: “Mann”. Es ist die Bange vor der Political Correctness in diesem Land die somatische Repräsentation jener spezifischen Sorte von Kastrationsangst, die sich hauptsächlich bei Klappskallis findet und sich nicht so sehr dem väterlichen Inzesttabu verdankt als vielmehr der mütterlichen Anweisung, gefälligst im Sitzen zu pinkeln, bitteschön, wo sind wir denn hier, wir sind hier doch nicht auf dem Bahnhofsklo, und sie laufe noch eines Tages davon, sie habe die Schnauze jedenfalls voll davon, in diesem Haus nur die Putze zu sein. Es ist die Angst davor, von der eigenen Mutter, Gattin, Freundin, Geliebten, Zugehfrau etc. – allgemeiner: “Putze” – verlassen zu werden, womöglich zugunsten eines anderen, der sich nichts gefallen läßt, und dem sie klaglos hinterherfeudelt, so ist das ja immer. Diese Angst schweißt sie zusammen, läßt sie Klappskalli-Bücher schreiben, Klappskalli-Verlage gründen und Klappskalli-Portale betreiben.

“Positiv besetzt” ist auch die ZDF-Besetzungscouch, bzw. war die ZDF-Besetzungscouch, als im ZDF-Mittagsmagazin der derzeit beste der guten Deutschen, Piefke Pirinçci, ein Autor des Klapskalli-Verlages Manuscriptum, welcher dem ehemaligen Landesgeschäftsführer der “Kindersexpartei” (cf. Pirinçci) gehört, darauf Platz nahm, und die ZDF-Moderatorin neben ihm, so daß die beiden dort eine artige Achse des ganz besonders Guten bildeten. Man kann nicht sagen, obwohl man es gern täte, daß die Couch “gut besetzt” war, denn es hätten sehr viel mehr Gäste darauf Platz gehabt, bei Wetten, daß sitzen Stücker 10 Leute auf so einem Ding, und bei Wetten, daß kommt auf dem Sofa auch sehr viel mehr Intelligenz zusammen, selbst dann, wenn nur einer drauf sitzt und auch noch Markus Lanz heißt, aber anders als Wetten, daß ist das ZDF-Mittagsmagazin ja eine harmlose Unterhaltungssendung und kein philosophisches Symposion. Aber positiv besetzt war die Couch schon, denn der Autor, der nicht als Piefke geboren wurde, und sich – vielleicht gerade deswegen – als Superpiefke fühlt und aufführt, stellte sein neues Buch “Deutschland von Socken” vor, einen Haufen Unrat, den er über dem Land auskübelt, um dem Land zu zeigen, wie sehr er es liebt, und die Moderatorin war ganz von den Socken und strahlte. Insofern hatten sich da zwei gefunden. Wie wir von vielen mißhandelten Frauen wissen, deuten diese männliche Gewalt ja häufig als Gunstbeweis, à la “Ich muß ihm sehr wichtig sein, wenn er sich die Mühe macht, mir sämtliche Knochen im Leib zu zerschlagen”, und vielleicht haben die Klappskallis sogar recht, wenn sie sagen, daß solche Frauen “von Natur aus” – und nicht etwa “von Gender aus” – eine ganz andere Hirnstruktur hätten, als, sagen wir mal, Thomas Hoof: vielleicht sage ich, denn ich glaube es nicht. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Klappskallis immer unrecht haben, ist sehr viel größer. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß sie auch dann noch meilenweit daneben liegen, wenn sie sagen, 2 x 2 sei 3,999998456, wie Piefke, der anscheinend noch einen Pentium verbaut hat, es in seinem Buch immer wieder behauptet.

So “schonungslos” leitete die Moderatorin, die, wahrscheinlich von Natur aus oder warum auch immer, ist doch völlig egal, eine völlig verbumfeite Hirnstruktur hat, das Interview ein, so schonungslos wie Piefke habe noch niemand über Türken geschrieben – was schon mal nicht stimmt, denn was ist mit Ludwig Uhland? “Als er das Tier zu Fall gebracht / da faßt er erst sein Schwert mit Macht, / er schwingt es auf des Reiters Kopf, / haut durch bis auf den Sattelknopf, / haut auch den Sattel noch zu Stücken / und tief noch in des Pferdes Rücken. / Zur Rechten sah man wie zur Linken / einen halben Türken heruntersinken.” Das nenne ich schonungslos über Türken schreiben -, und Stefan Niggemeier meint dazu: “Damit hat man schon den Ton gesetzt: Pirinçci schreibt „schonungslos“. Das suggeriert, dass er Dinge sagt, die schmerzhaft sind, aber wahr.”

Mag sein, aber mir ist nicht klar, was das “aber” hier soll? Tritte gegen den Kopf sind doch schmerzhaft, und sie sind wahr. Was hat die Wahrheit hier verloren? Oder im ZDF, was das angeht? Ich glaube eher, es geht dem ZDF um die Schonungslosigkeit als solche, um die politische Unkorrektheit als solche, bzw. es geht ihm “in Wahrheit” um das wiederholte, sinnlose Aneinanderreihen von Wörtern, Begriffen und Satzfragmenten:

„Deutschland von Socken“ heißt das wahrscheinlich politisch unkorrekteste Buch des Jahres hier in Deutschland.

Abmoderation ZDF. – So ist das nämlich bei Tourettern.

Apropos Touretter: genug von der Moderatorin, nun zu Piefke. Der spricht aus der Fülle seiner Erfahrung – und wer wäre geeigneter, uns über die Beschaffenheit der Welt Auskunft zu erteilen, als der Mann von Welt? Wer hätte mehr Ahnung vom Angeln als der Wurm? – So spricht der Wurm:

Prostituierte gibt es nicht, weil Männer dafür Geld zu zahlen bereit sind, sondern weil es Prostituierte gibt. Diesen Job kann nämlich die überwältigende Mehrheit der Frauen nicht verrichten, man muss dafür mehr oder weniger geboren sein.

Da treffen sich schon wieder zwei, Puffgänger und Prostituierte diesmal, denn auch zum Freier muß man geboren sein. Die überwältigende Mehrheit der Männer dürfte Schwierigkeiten haben, diesen Job zu verrichten, und zwar unüberwindbare Schwierigkeiten, weil dem Manne die Vorstellung, daß Piefke fünf Minuten vor ihm dran war, die eigene Vorstellung verhageln dürfte. Da packt einen doch erst einmal das Mitleid. Da hat man doch das Bedürfnis, die Frau zu trösten, sie wieder aufzurichten und ihr frischen Lebensmut zuzusprechen. Und dafür ist man schließlich nicht in den Puff gekommen. Man geht ja auch nicht zum Zahnarzt, um dem frischen Lebensmut zuzusprechen, sondern weil man was von ihm will. Zwar würde man auch seinem Zahnarzt sein Mitleid nicht versagen, wenn man wüßte, daß Piefke vor fünf Minuten bei ihm gewesen ist, allerdings bestünde man auf einem frischen Wasserbecher. – Aber das ist beim Zahnarzt ja auch ohne weiteres möglich.

Gut möglich ist auch, und man müßte die Klappskallis befragen, ob es stimmt, daß die Puffgänger ebenfalls von Natur oder Gender aus eine völlig verrückte Hirnstruktur haben. Wir hatten ja vor einiger Zeit den Fall, daß eine erkennbar aus dem Ruder gelaufene Hirnstruktur sich vor Gericht einfand, um Feststellungsklage zu führen, daß sie kein Puffgänger sei und nicht so genannt werden dürfe. Frage: warum tat sie das? Wenn es nicht so verdammt nahe gelegen hätte, es aber anzunehmen?

Wobei wir von der Hirnstruktur Piefkes lieber gar nicht reden wollen, es handelt sich um eine große Wüstenei, voller Kutteln und Fäkalien, in der keine Synapsen erkennbar sind, außer am äußersten rechten Rand, wo sie aber nicht gebraucht sondern durch Geschrei substituiert werden. Aus dem dann natürlich so was herauskommt, wie soll es anders sein: nach dem Fest, als das ZDF so recht von den Socken war, was es da über den Mittagsäther hatte wabern lassen, und sich erstmal den Unrat von der Weste bürsten mußte, um zu schauen, was von dem Unrat sich für die Mediathek empfehle, da brüllte Piefke in einem der Klappskalli-Blogs, “Nie, nie, nie” hätte er es für möglich gehalten, “niemals”, daß im Fernsehen Zensur ausgeübt werde. “Niemals! Das hätte ich nie geglaubt. – Das habe ich immer geschrieben, das ja. Aber doch nicht geglaubt! – Das schreiben doch alle! Sonst hätte ich es doch nicht geschrieben. Ich bin doch nicht der einzige, der das geschrieben hat, das steht doch in zwei von drei Blogs, das schreibt doch jeder! Aber glauben tut das doch keiner. – Das müßt ihr mir glauben, Freunde!”

All die Klappskallis, all die Klappskalli-Blogs, all die Klappskalli-Claqueure, alle würden immerfort schreiben, daß im Fernsehn und im Radio und in der Presse und wo nicht überall und in den Köpfen sowieso Zensur ausgeübt würde. Nur glauben würde das niemand, denn so blöd sei doch keiner. So blöd seien doch nicht einmal die Klappskallis.

So blöd vielleicht nicht, aber blöd genug:

Falsch gedacht! Es gibt bei den Öffentlich-Rechtlich (sic) also doch die hammerharte, primitive Zensur. Schämt euch!

Und ich sag’s noch.

Soviel zu Superpiefke, nun zu seinem Verleger:

Nachdem dessen Partei (s.o.) die Forderung nach Abschaffung des Paragraphen 182 aus dem Parteiprogramm geworfen hatte, verlor er das Interesse an der Politik und gründete lieber seinen Versandladen für Bakelitlichtschalter und ähnlich rückwärtsgewandtes Zeugs, unter dem Motto: Es gibt sie noch, die guten Dinge. Dafür nistete er sich in einer stillgelegten Zeche ein, aus der heraus er es bedauerte, daß sich dort schon lange keine Bergleute mehr eine Staublunge holen dürfen, um anschließend als 55jährige Frührentner hustend das Straßenbild zu prägen, wie es in seiner Jugend noch üblich gewesen war. Man muß zugeben, daß man selbst die Zechenschließungen im Ruhrgebiet mit einem rechten und einem linken Auge zu sehen gewohnt ist: einerseits waren die Zechenhaussiedlungen, in deren Küchen man zu Gast hatte sein dürfen – in die Kammer zu gehen, gehörte sich nicht, und in der Stube hatte man nichts verloren, dort wurde der Frührentner aufgebahrt, wenn die Lunge den Kampf gegen den Smog endlich verloren hatte; der Schulkamerad machte die Hausaufgaben am Küchentisch und schlief auf dem Kanapee -, einerseits also war es dort erbärmlich beengt, so daß man niemanden dahin zurückverwünschen möchte; mit dem kulturpessimistischen Auge aber sieht man warmen Herzens die gediegene Einrichtung der Wohnung: wo etwa noch ein Volksempfänger auf dem Küchenschrank gestanden hatte, war dessen Gehäuse zwar aus Bakelit gewesen, aber er hatte dort gestanden, weil er, wie alles, über Generationen vom Frührentner auf den Sohn überkommen war, nicht weil irgendjemand die Sorte Geld übrig gehabt hätte, die man braucht, um Retroplunder bei Manufactum zu kaufen.

Man muß ferner zugeben, daß man selbst ein Stück Rasierseife aus jenem Versand besitzt, jedenfalls, wenn man ich ist. Man schämt sich dessen. Man schämt sich, seit man erfahren hat, daß der Versand irgendwann anfing, auch Klappskalli-Bücher zu verlegen (“Es gibt sie noch, die guten Bücher”), anstatt dabei zu bleiben, gemeinfreie Literatur, die es umsonst im Internet gibt, zu Manufaktum-Preisen an Leute zu verkaufen, die diese Sorte Geld übrig haben. Nun aber möchte man, da selbst der Manufactum-Versand angesichts Piefkes Buchs aus Sorge um sein Ansehen bei der betuchten Kundschaft gewisse weltanschauliche Differenzen zwischen Bakelitlichtschaltern und den Klappskalli-Texten einräumt und sich in gewohnt gediegener Art sachte von jenen distanziert, einen Schritt weitergehen und den Dachs, der für meinen Rasierpinsel die Haare hat lassen müssen, um Verzeihung bitten: du starbest umsonst, edler Pelzträger. Denn ich werde hinfürder keinen Rasierpinsel mehr an mein Kinn lassen, der im selben Tiegel lag wie eine Seife, die sich mit Piefkes Buch zusammen in einer stillgelegten Zeche herumgetrieben hat, die Hur’. Ich will weiter gehen und inskünftig mein Kinn nicht mehr schaben. Gar nicht mehr. Ich will einen Bart wuchern lassen, in dem Bienen ein- und ausfliegen können und ihren Honig in Sicherheit wissen. Grimbart selbst soll neidisch werden, wenn er mich sieht. Das Wachs will ich einmal im Jahr ernten und an Manufactum verkaufen (16,25 Euro / 100g), daß ich die Kosten für die Rasierseife wieder reinkriege.

Da steht er dabei, der große Verleger, während Piefke seiner “Geliebten”, der Sprache Goethes, Herders und Thilo Sarrazins seine Gunst beweist, indem er ihr schonungslos die Zähne in den Rachen tritt, nennt Leute, die Mitleid mit der Frau haben, sie aufrichten und ihr frischen Lebensmut zusprechen wollen, vorab schon mal “Betschwestern” und hält uns ein philosophisches Privatissimum:

Da sollte man sich an Nietzsche halten, von dem zu lernen ist, dass die groß Verachtenden immer auch die groß Verehrenden sind.

Und ich sag’s noch. Da haben sich zwei gefunden.

Piefke Pirinçci: “Deutschland von Socken – der irre Hype um zusammengefegten Kommentarspaltenmüll, den es zigtausendfach umsonst im Internet gibt”. Edition Klappskalli bei Manuscriptum, 33. Aufl., 276 Seiten, 3 1/2 Gedanken, klosteinfarbener Schmuckschuber, Fadenheftung, Büttenvorsatz, Leseband. 16,25 Euro / 100g.

Kein Mindestlohn für Faule

In einem faulen Kompromiß haben sich die Koalitionsparteien darauf geeinigt, mehr Ausnahmen vom geplanten Mindestlohn zuzulassen, als ursprünglich behauptet, daß es geplant gewesen sei. Bislang war nur bekannt (gemacht) worden, daß unter 18jährige kein Anrecht auf Mindestlohn haben sollen. Diese Gruppe soll jetzt noch einmal deutlich erweitert werden, und zwar um folgende Merkmalsträger:

Langzeitarbeitslose: Das Arbeitsentgelt darf nicht dazu führen, daß es sich für den Arbeitslosen lohnt, zu arbeiten, nicht aber für den Unternehmer, ihn einzustellen. Wir sind Abendländer. Wir haben eine dualistische Weltsicht. Wir sind hier nicht im buddhistischen Kloster, wo alles eins ist, alles Gott und alles gut. Davon hat der Langzeitarbeitslose nichts, zumindest keine Arbeit. Es muß einen Unterschied geben zwischen Ausbeuter und Ausbeutling. Das Arbeitsentgelt, es muß so sein, daß es sich für den Ausbeuter lohnt, den Ausbeutling auszubeuten. Es darf nicht dazu führen, daß es sich für den Ausbeutling lohnt, sich ausbeuteln zu lassen. Dazu würde es aber führen, wenn es nennenswert wäre. Also darf es nicht nennenswert sein. Ein nennenswertes Arbeitsentgelt, es würde den Langzeitarbeitslosen geradezu unsichtbar machen. Nur ein Lohn unterhalb des Mindestlohns, vermag den Langzeitarbeitslosen überhaupt aus dem Nebel des All-Eins herauszuheben, ihm Konturen zu verleihen und ihn zum Individuum werden zu lassen. Er ist der, der billiger zu haben ist, wofern man zu warten versteht. Gäbe es den einheitlichen Mindestlohn, dann würde es sich nicht lohnen, den Arbeitslosen noch ein paar Wochen schmoren zu lassen, bis er die 12 Monate voll hat, die ihn als Langzeitarbeitslosen qualifizieren. Man könnte ihn statt dessen sofort ausbeuten. Das darf nicht sein. Es gebräche der Ausbeutung dann an der sozialen Komponente.

Junggebliebene: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Oder anders gesagt: Jung und gesund sind sie, das ist doch fein / Lassen Sie Mindestlohn Mindestlohn sein (G. Kreisler). Für Geld arbeiten können Sie, wenn Sie so alt und vertrocknet sind wie Germanistenfuzzi. Allerdings für weniger Geld, denn:

Alte Säcke: Ja, wieso? Brot vom Vortag ist doch auch billiger.

Frauen: Der Mindestlohn darf nicht dazu führen, daß Frauen auch weiterhin der Zugang zu den besser dotierten Jobs vorenthalten wird, nur weil sie dasselbe Geld verdienen wollen, wie ihre männlichen Vorgesetzten. Die Gesellschaft sollte sich irgendwann mal entscheiden: will sie Leichtlohngruppen oder will sie keine Leichtlohngruppen? Wenn wir keine Leichtlohngruppen wollen, dann brauchen wir hier nicht weiterzudiskutieren, dann ist der Fall klar, dann können sich die Frauen gleich hinter den Langzeitarbeitslosen anstellen. Wenn wir aber Leichtlohngruppen wollen – und ich möchte meinen, wir sollten sie wollen – dann sollten wir auch die Konsequenzen daraus ziehen wollen. Dann darf es nicht länger ein Tabu sein, über Leichtmindestlöhne und Mindestleichtlöhne nachzudenken und Schwangerschaftsvertretungen und Fehlzeiten wg. Frauenwehwehchen von vornherein in die Entgelthöhe mit einzupreisen.

Faule: Faule sollen ganz allgemein keinen Mindestlohn bekommen. Es widerspräche das dem gesunden Rechtsempfinden. Für einen Mindestlohn sollte man einen gewissen Mindestfleiß an den Tag legen. So weit, so gut. Aber was ist eigentlich Faulheit?

‘Faulheit’? – Da gibt es verschiedene Definitionsversuche; durchgesetzt hat sich in letzter Zeit der Ansatz, denjenigen als faul zu bezeichnen, der weniger als fünfzig Prozent von dem zum Leben hat, was der Durchschnitt hat – Moment, kann das stimmen? Das klingt vertraut, das klingt aber auch schief, das klingt – halt, ich weiß, verkehrt! Alles verkehrt: das ist die Armutsdefinition. Mein Fehler. Es soll nicht so aussehen, als würde ich dem Irrglauben anhangen, wer arm sei, sei selbst dran schuld. Wenn es einen Zusammenhang gäbe zwischen zwischen Reichtum und Fleiß, dann wäre man selbst ja reich. Aber man selbst ist nie reich, egal wer man ist, also gibt es da auch keinen Zusammenhang. Auch keinen reziproken, denn man ist ja auch nicht arm, man ist mehr so Mittel. – Hingegen ist klar, daß der Faule selbst schuld ist, und faul ist, wer weniger als fünfzig Prozent von dem tut, was der Durchschnitt tut. ‘Durchschnitt’ ist definiert als das arithmetische Mittel zwischen den Faulen und einem selber. Man selbst ist fleißig. Damit es aber nicht allzu subjektiv und auch arbeitsrechtlich einwandfrei ist, sollen es die Arbeitgeber entscheiden, wer faul ist und wer nicht. Sie haben den Überblick, sie haben die Expertise, sie haben auch die Mittel, es festzustellen. Zum Beispiel den Werkvertrag: bei Rewe die Regale vollräumen. Der Fleißige kommt auf 8 Euro 51 und hat sogar noch Zeit, die durchgeschwitzten Klamotten zu wechseln, ehe er zur U-Bahn hastet, um rechtzeitig zum Zweitjob zu kommen, hurtig, hurtig, auch bei Edeka füllen sich die Regale nicht von alleine – und der Faule eben nicht. Voilà.

Wie sagte Andrea Nahles so treffend? “Arbeit ist nun keine Ramschware mehr”, sagte Nahles so treffend. “Wir geben der Arbeit ihren Wert zurück.”

Und der liegt bei 8 Euro 50 oder ein bißchen darunter, je nachdem.

Vergleiche wie unter Adolf

Mit Vergleichen, wie man sie aus schwerer Zeit, aus den dunklen Jahren Deutschlands kennt, als “im deutschen Namen” (Kohl), oder besser gesagt, sehr viel besser gesagt, als “Deutsche im Namen der Nazis” – las ich neulich irgendwo, oder hörte es; und wenn es Ihnen geht wie mir, daß Sie das Gefühl haben, jemanden erwürgen zu müssen, wenn Sie so etwas hören: lassen Sie ab! Geben Sie sich hin! Erwürgen Sie Ihren inneren Schweinehund stattdessen, und gestehen Sie sich ein, daß das doch sehr schön gesagt ist: – als Deutsche – sie selbst konnten praktisch nichts dafür, sie handelten im Auftrag – als Deutsche im Namen und für Rechnung der Nazis unsägliche Vergleiche anstellten, Menschen zum Beispiel mit Insekten oder Nagetieren verglichen, allgemein mit Ungeziefer: mit solchen Vergleichen versucht Wolfgang Schäuble sich doch noch einen Platz im “Lausepelz der Gechichte” (Kohl) zu ergattern, nachdem er ihn sich jahrelang sicher geglaubt hatte, da er ja als Kohls Schmeichelstein in der rechten Tasche eben dieses räudigen Rattenfells hatte wohnen dürfen, bevor Kohl, seiner überdrüssig und weil ihm gerade danach war, ihn über den Rubikon des Vergessens hatte flitschen lassen wollen, wobei er ihm aber aus der Hand geglitten war, sich paarmal gedreht hatte, und schließlich hier und da auftitschend und über die Wasser hüpfend wider Erwarten am anderen Ufer aufgeschlagen war, etwas benommen und feucht, aber ansonsten gesund.

Oder?

Zum Zwecke des Vergleiches benutzte er einen Komparator mit Hysteriese, ein weit verbreitetes Instrument, mit dem man ohne großen Aufwand jedermann mit jedem anderen vergleichen kann, insbesondere aber mit Hitler oder ähnlichem Geschmeiß, denn das ist die Default-Einstellung und wird von den meisten Menschen nicht geändert – wer ändert schon während der Installation von irgendwas das Administratorpaßwort? Was, jetzt, auf die Schnelle? Bevor es weitergeht? Mir ein Paßwort ausdenken? Das vergeß ich doch bloß! Und dann bleibt es bei “sa” und “” oder “root” und “toor”, oder, im Fall des Komparators, bei “Hitler” und “Goebbels”. Das war es aber auch schon. Selten, daß mal jemand jemand mit jemand anderem aus jenem Schweinestall vergleichen würde, die kennt man ja kaum noch beim Namen; von einem H. Göring wissen die meisten Heutigen nicht einmal mehr das Schlachtgewicht.

Auf diese Weise hatte George Bush die Ehre, mit “Adolf Nazi” (die entsetzlich schwäbelnde Gans H. Däubler-Gmelin) verglichen zu werden, Heiner Geißler mit Heiner Goebbels, nein, Quatsch, H. Geißler mit J. Goebbels (von dem undichten Weinfaß W. Brandt alias H. Frahm), Stuttgart21 mit dem totalen Krieg (H. Geißler, schlimmster Hetzer seit HJ Kulenkampff), und H. Kohl selbst wurde mit H. Hitler verglichen, und zwar von H. Kohl, in dessen Runkelstrunk schon damals Weimarer Verhältnisse geherrscht haben müssen: “Ich bin heute populärer als Hitler.”

Außerdem verglich Kohl Josef Goebbels und Josef Wissarionowitsch Gorbatschow mit den Beatles (“von mehr Leuten geliked als Jesus Christus”), obwohl Goebbels und Gorbatschow gar nichts mit den Beatles zu tun hatten, das waren zwei andere, die hießen Peter und Gordon. Einer von denen war Schwiegervater von John Lennon, ich glaube Peter. Oder Gordon. Oder Schwiegersohn. Allerdings spielt das in diesem Zusammenhang, glaube ich, keine ausschlaggebende Rolle, sollte es jedenfalls nicht spielen. Dennoch glaube ich, daß es Peter war. Oder ist.

Oder Paul McCartney.

H. Schäubles Komparator nun vergleicht H. Putin mit H. Hitler, und schiebt hinterdrein: “Ich vergleiche ihn mit niemandem, aber ich gebe zu bedenken, ob nicht vielleicht doch was dran ist.” Dabei meint er, eigener Einschätzung nach, nicht etwa die zahlreichen Bilder von Hitler, auf denen er mit nackten Titten oben auf einem Zossen sitzt oder einen Hecht aus dem Kostümverleih an den Kiemen in die Kamera hält, nein, er meint Putins Einmarsch auf der Krim einerseits, Hitlers Einmarsch in der Tschechoslowakei andererseits. Beide Einmärsche, so Schäuble, wurden subjektiv gerechtfertigt mit der Sorte Leute, die, nach Überzeugung der einmarschierenden Subjekte, Putin hie und Hitler da, in den eroberten Gebieten wohnhaft waren – denn wer wohnt dort, auf der Krim? Herr Putin? – “Russen.” – Und in der Tschochoslowakei, Herr Hitler? – “Untermenschen.”

Also, so Schäuble, dassel … was denn? Nicht dasselbe? – Beide hätten vielmehr vor, bzw. vorgehabt, die eigene völkische Minderheit vor der Unterdrückung durch die Untermenschen des Wirtsvolks … auch nicht? – Zu schützen? – Nein? – Befreien? – Belieben?

Ok, Korrektur: Schäuble ist nicht der Ansicht, daß Putin die Ukrainer für Untermenschen hält. Es waren die Deutschen, die die Ukrainer für Untermenschen hielten, und die Russen gleich mit. Schäuble wollte lediglich sagen, daß Putin vorhat, auf der Krim ein Reichsprotektorat Tauris und Askanien zu etablieren, und demselben eine der übelsten Drecksauen, deren Stiefelleder jemals europäischen Straßenkot hat besudeln dürfen, als stellvertretenden Reichsprotektor vor die Nasen der dann nicht mehr allzu sicher auf ihren Hälsen sitzenden Köpfe – 6000 Verhaftungen und 400 Todesurteile in 8 Wochen; man werde ihn wohl, so Schäuble, den “Henker von Simferopol” nennen müssen – zu setzen. Er wisse bloß noch nicht, der Putin, woher ein solches Talent nehmen, denn H. Heydrich sei tot und H. Schäuble werde in Deutschland als Finanzminister gebraucht.

Nicht, daß ich Schäuble mit Heydrich vergleichen wollte, der ja ohne weiteres zwei Jobs gestemmt kriegte, Reichsprotektor und Reichspogromminister, davon kam der nichtmal ins Schwitzen. Und ich werde mir auch jeden Hinweis auf Attentate verkneifen; denn es gibt Attentate, die sind gerechtfertigt, und Attentate, die sind es nicht. Darum möchte ich ausdrücklich festhalten, daß ich Schäuble mit niemandem vergleiche. Und ich gebe auch nichts zu bedenken.

Aber mein Komparator macht, was er will, und das Paßwort hab ich wohl vergessen. Ich dachte es wäre ‘Anthropoid_02′, aber das scheint nicht mehr zu funktionieren.