Offener Brief

an die »Mea culpa«-Presse,
Allüberall und lästig

Tua culpa, Presse,

ganz allein Deine Schuld. Niemand hat Dich tragen müssen, als Du zur Jagd auf Wulff bliesest. Du tatest es aus freien Stücken. Nun, da Du die abgesägten Stangen in den Händen hältst und die Enden gezählt hast, und siehe, es sind statt ihrer achtzehn bloß mickrige elf, da schlägst du dir die Tintenfaust gegen die Brust und klagst, es sei nicht rechtens gewesen, was du tatest, du habest dich vergallopiert: »Mea culpa, mea maxima, maxima culpa!«

Höre, Presse! Vergallopiere Dich soviel Du magst. Wenn Du meinst, du müßtest im Galopp über den Parcours fegen, dann tu das. Reite full speed in den dreifachen Oxer oder koppheister in den Wassergraben und brich deinem Pegasus sämtliche Knochen, aber erzähl mir hier keinen vom Pferd! Oder vom Bobby Car. Erst muß es herhalten als Symbol für die Maßlosigkeit von Wulffens Gier, jetzt als Symbol für die Maßlosigkeit deines “Tugendfurors” (Gauck! Ein Mann, über den noch zu reden sein wird). Deines Tugendfurors? – Unseres!

Denn wer ist letztlich an allem schuld? – Wir. Du tust das doch alles nur unseretwegen, was du tust. So ein kleines bißchen auch der Rendite wegen, aber auch die Rendite wäre nicht, wenn wir nicht wären, also tust du es unseretwegen. Darum höre, was ich dir sage: hör auf damit! Tu es meinetwegen meinetwegen, aber laß es sein.

Ich will nicht, daß du dir an die Brust schlägst, zumindest will ich nicht dabei sein, wenn du es schon tust, vor allen Dingen aber will ich nichts mehr vom Bobby Car hören! Und daß es ein Zeichen sei, ein Symbol, ein Icon, ein Dingens. Für unsere Gnadenlosigkeit und Vergebungsunwilligkeit. Unsere? – Meine!

Ich weiß es doch, wer hier eigentlich an allem schuld ist: ich. Ich muß es wissen, denn ich bin protestantisch erzogen worden. Wir vergeben nie. Das ist bei uns gebet – genet – genetisch so angelegt. Uns fehlt das Vergenungsgen – um Vergebung: das Vergebungsgen. Warum sollten wir jemandem vergeben? Wenn einer nicht verdammt werden will, kann er ja alles richtig machen, so einfach ist das doch. Darum vergeben wir niemandem. Bloß, weil wir ja Protestanten sind, fühlen wir uns anschließend scheiße. Weil wir ja wissen, daß wir vergeben sollten! Insbesondere dann, wenn einer gefehlt hat, so wie Wulff. Oder wie wir. Und doch tun wir es nicht. – Das vergeben wir uns nie.

Und darum will ich nichts von deinen Selbstanklagen hören. Warum sollte ich? Wenn sich hier einer selbst anklagt, dann bin ich das. Ich bin darin sehr viel besser als du. Ich brauche dich dafür nicht. Willst du mich etwa daran erinnern, daß ich unvollkommen bin? Du? Mich? – Da sind wohl bei jemandem die Maßstäbe verrutscht, und, unter uns zwei beiden: nicht bei mir! Ich war schon unvollkommen, da hattest du noch Bleisatz. Und schriebest aufwändig mit e.

Also, einfach mal die Fäuste stillhalten und Ruhe geben. Denn jetzt rede ich. Und zwar zum Thema Wulff. – Ich habe mich nämlich entschieden, einmal alles anders zu machen – jetzt, in der Fastenzeit – und auf liebgewordene Angewohnheiten zu verzichten. Und darum werde ich jetzt sieben Wochen lang aufwendig mit ä schreiben.

Nein, das werde ich nicht tun. Aber ich werde sieben Wochen lang Wulff verzeihen. Und zwar werde ich ihm Alles verzeihen. Alles. Ich werde darauf verzichten, ihm vorzuhalten,

  • daß er Niedersachsen regiert hat wie ein ein RCDS-Student, der jahrelang das Finanzgebaren des linken ASTA als verfassungsfeindlich kritisiert hat und ihm die Wahrnehmung des allgemeinpolitischen Mandats hat verbieten lassen wollen, bloß um in dem Moment, als die bescheuerte Studentenschaft ihm den ASTA-Vorsitz andiente, das allgemeinpolitische Mandat wahrzunehmen, daß es nur so schepperte, und das, obwohl das allgemeinpolitische Mandat bei drei auf dem Baum war,
  • daß er dem RCDS Niedersachsen zur Plünderung überließ wie Tilly Magdeburg den Pappenheimern,
  • daß er eine ausgemachte Hackfresse zum Abschiebeminister ernannte,
  • einen erklärten Feind niedersächsischer Fauna und Flora zum Umweltminister
  • und ein Schnabeltier zur Putenbeauftragten,
  • daß er niedersächsische Schüler zum Abitur nach 12 Jahren verdonnerte, in der Hoffnung, daß der politische Nachwuchs des Landes dann zukünftig mangels Allgemeinbildung auch keine klügeren Entscheidungen treffen würde als er,
  • daß er bei allem, was er tat, es so tat, daß man sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, er tue es vorrangig, um die sozialliberalen Siebziger, seine eigene Jugend, nachträglich ungeschehen zu machen, sie unterzupflügen und Salz zu säen, wo sie einst gewuchert hatten,
  • daß er seinen Feldzug gegen den Sozialliberalismus auf alles ausdehnte, was das Lexem ‘sozial’ im Namen führt, zum Beispiel den Sozialstaat, nicht nur in der Gestalt an privat verramscher Landeskrankenhäuser, sondern zum Beispiel auch in Form des Landesblindengeldes, das abzuschaffen selbst für einen Konservativen – der ja nicht nur unrecht hat, wenn er reklamiert, daß der Staat nicht jedes individuelle Lebensrisiko abfedern kann und sollte, der sich aber durch die von ihm daraus gezogenen falschen Konsequenzen halt eben doch in aller Regel ins Unrecht setzt, und der dort in diesem Fall besonders weich sitzt, denn was sollte ein von Geburt an blinder Mensch denn wohl tun, um für den Fall der Fälle Vorsorge zu treffen, vorgeburtlich so weise gewesen sein, einen Notpfennig beiseite zu legen? – was also, sage ich, selbst für einen Konservativen eine bemerkenswerte Herzensrohheit darstellt und wahrscheinlich nur mit RCDS-Mentalität zu erklären ist, eine Mentalität, die nicht eigentlich konservativ zu nennen ist, denn selbst von der Seniorenunion wird sie als Albernheit abgetan, eine Mentalität, die sich vielmehr einem Gendefekt verdankt, denn eigentlich müßten die Kinder in dem Alter Sozialisten sein, sagt Churchill – und sage auch ich, konservativ können sie sein, wenn sie so alt sind wie ich, und selbst ich lasse mir Zeit damit, Himmel! was soll das denn? Läuft mir vielleicht irgendwas weg? -, eine Mentalität, die Wulff sich bis ins Mannesalter bewahrte, wie sich zeigte, als er
  • mit unglaublicher Naseweisheit behauptete, physisch – jawohl: physisch – darunter zu leiden, daß er keinen unbefangenen Bundespräsidenten habe, womit er den amtierenden Bundespräsidenten Johannes Rau meinte und nicht den erst zehn Jahr später amtierenden Christian Wulff, von dem er zwar damals noch nichts wissen konnte, der aber seinerseits ein Ausbund an Unbefangenheit gewesen sein muß, in Rechnung gestellt, daß sein Gewissen ihn vom Abend seines Einzugs ins Schloß Bellevue an eigentlich nicht mehr hätte schlafen lassen dürfen, und zwar wegen dieser damaligen Ungezogenheit nicht, welche du, Presse, als du selbst noch unbefangen warst und dir nicht ständig an die Brust pochen mußtest, ihm zurecht, und zurecht genüßlich, um die Ohren gehauen hast,

die ich ihm aber heute vergebe, weil Fastenzeit ist.

Noch.

Außerdem vergebe ich ihm,

  • daß er einen Mann zum Pressesprecher erkor, der von sich selbst als ‘Schnulli’ redete,
  • sich mit Menschen umgab, die keine Scheu kennen, die Insel Mallorca ‘Malle’ und ihren dort gelegenen Immobilienbesitz ‘Finca’ zu nennen,
  • Menschen, sehr wohlgemerkt, die aussehen, als würden sie nach Haarwasser riechen,
  • Menschen, die, selbst wenn sie es nicht tun sollten, immer noch so aussehen, als täten sie es doch, so sehr so aussehen, daß man den Geruch wahrzunehmen glaubt, wenn man sie nur sieht,
  • billiges Haarwasser, was das angeht (Ich sage bloß: Goldwell. Auf die Gefahr hin, daß irgendein Heiopei von brandpatrol.com – oder wie die Marke heißt -, der sein Leben damit vertut, das Netz nach den Markennahmen seiner Auftraggeber zu scannen, hier aufschlägt und sich aufregt, weil ich den Markennamen seines Auftraggebers mit dem Adjektiv ‘billig’ in Verbindung gebracht habe – ja und? Ich rede ja nicht vom Preis, ich rede vom Geruch. Unterzeichneter hat, als er noch prekärer Paketbote war, einen Teil seines Lebens damit vertan, Pakete mit Haarwasser an Friseurläden auszuliefern, und einen größeren Teil des Lebens mit dem Versuch, den Geruch wieder aus der Nase zu bekommen. Ich weiß, wie es riecht, wenn einem so ein Karton auf der Ladefläche ausläuft. Es riecht, wie dieser Freund von Wulff aussieht, dieser da mit der einen Frau und der Finca auf Malle. Selbst jetzt beim Schreiben habe ich den Geruch in der Nase, und ich bin nicht amüsiert),
  • daß er sich überhaupt nicht schämte
  • und sich sogar mit der Pißpottpresse einließ, weil Schnulli das so wollte, und er selbst nicht schnallte, was er da tat, oder nicht schnallen wollte, oder es selbst so wollte, weil er dachte, er hat es im Griff und kann jederzeit aufhören,

und was ich ihm wirklich nur sehr schwer verzeihen kann. Praktisch kaum. – Aber was tut man nicht alles, um sich zu kasteien!

Leichter fällt es mir da schon, ihm von der Leyen zu verzeihen, schon wegen des Reims. Oder seinen berühmten Aphorismus

Der Spott über die katholsken Pieterpaters gehört zweifelsfrei zu Niedersachsen. Der Judenhaß gehört zweifelsfrei zu Niedersachsen. Das ist unser protestantisches Erbe. Aber die Verachtung des Islam gehört inzwischen auch zu Niedersachsen.

mit dem er den Islamophobikern unter Leitung ihres Chefdirigenten Henryk Broder damals einen kleinen Sommerhit geschrieben hat. Na gut, Spätsommerhit. Oktoberhit. Das verzeiht sich praktisch von selbst, denn es ist gut und richtig, die Islamkritiker hin und wieder zu ärgern. Es ist zu deren eigenem Besten. Es hält sie schlank und alert. Wie die Nilgänse auf dem Klosterweiher, die mittlerweile auch ganz zweifelsfrei zu Käsdorf gehören. Die soll ich ruhig tüchtig von den Hunden rumscheuchen lassen, wie mir die Försterin erst gestern wieder gesagt hat. Das verhindere, daß ihr Blut dick wird, der Herzmuskel verfettet, und sie in ihrer Wachsamkeit nachlassen. Denn wir brauchen sie noch, die Gänse. Sie haben schon einmal durch ihr Schnattern die zivilisierte Welt vor den Barbaren gerettet.

Und was mir auch leicht fällt zu verzeihen: daß Angela Merkel über ihn gesagt haben soll, er sei ein “Wunderbarer Präsident. Er übernimmt Verantwortung für Deutschland.” Dafür kann er ja nichts. Er kann etwas dafür, daß er aufgestellt wurde, das ja. Das ist schon richtig. Er hätte seine Zustimmung dazu nicht zu geben brauchen. Er hat es trotzdem getan. Aber zu seiner Verteidigung muß man sagen: äußerst halbherzig. Als er von seinem Gegenkandidaten (Gauck!! – Ein Mann, von dem man unbedingt wird reden müssen) erfuhr und seine Fälle schon davonschwimmen sah – Fälle?? – Scheiß Rechtschreibreform! Man wird ganz konfus. Alles, was früher mit e geschrieben wurde, wird jetzt mit ä geschrieben: Als er seine Pälze schon davontreiben sah, die Stromschnällen hinab und auf die Kuckucksfelle zu, da hat er sich für den Fall des Scheiterns die Rückkehr auf den Ministerpräsidentensessel offen gehalten und ist erst zurückgetreten, als er gewählt worden war. Klug von ihm, wie sich alsbald darin zeigte, daß er sage und schreibe drei (3) Wahlgenge brauchte. Wahlgänge. Aber das hat ja nichts damit zu tun, was Merkel daherredet. Die würde auch dann dahergeredet haben, wenn Wulff sich gar nicht erst zu Wahl gestellt haben würde. Man muß ja berücksichtigen, wer da redet, wenn Merkel redet: Merkel. Und man muß bedenken, daß Merkel kapabel ist, zu sagen, man werde über Sanktionen (gegen Rußland) nicht nur nachdenken, sondern sie auch in Betracht ziehen. Sagt sie. Jawohl. Aber Merkel sagt auch, im 21. Jahrhundert löse man Konflikte nicht mit Gewalt. Dabei hat man seit Beginn des Jahrhunderts mindestens ein Dutzend Konflikte mit Gewalt gelöst. Das heißt, gelöst hat man sie nicht. Insofern hat Merkel schon ganz recht. Aber das heißt ja nicht, daß man es nicht probiert hätte. Wie Reich-Ranicki zu sagen pflegte: “Sie können, Lieber, nicht mit jeder Frau schlafen. Das heißt aber noch lange nicht, daß Sie es nicht probieren sollten.” Genau. So ist es. Genauso ist es. Und wenn Merkel postuliert, daß man im 21. Jahrhundert Konflikte mit etwas anderem als mit Gewalt lösen solle, dann predigt sie nichts anderes als Enthaltsamkeit. Einem Putin!

Das wird nichts. Fastenzeit hin, Fastenzeit her.

Wo war ich? – Reich-Ranicki! Nein, nicht Reich-Ranicki, Merkel. Kluger Mann, der Reich-Ranicki, einer der tiefe Einsichten beredt in Worte zu fassen vermochte. Drei oder vier Dinge, die man von Merkel nicht sagen kann. Merkels Sätze klingen immer wie in die Lümmeltüte gesprochen, als sei sie in steter Angst, es möchte ihr mal einer echappieren, den sie sich dann anhängen lassen und für den sie die Vaterschaft übernehmen müßte. So jemand muß sagen, daß ein Kandidat, der über die Möglichkeit seines Scheiterns in der Bundesversammlung nicht nur nachdenkt, sondern sie auch in Betracht zieht, ein wunderbarer Kandidat sei. Ist er ja auch. Oder war er. Und wäre es geblieben, wenn er es geblieben wäre. Aber er mußte ja partout Präsident werden.

Nun ja. Vergeben und vergessen. Darüber hinaus vergebe ich ihm

  • Oberschnulli,
  • den Nord-Süd-Dialog,
  • Groenewold,
  • seine Freunde,
  • das, was man sehen muß, wenn man bei Google “wulffs freunde” eingibt und auf ‘Images’ klickt,
  • die Maschsee-Connection,
  • überhaupt Hannover,
  • Osnabrück, wo wir einmal dabei sind,
  • Großburgwedel,
  • sein Haus,
  • seine Yacht,
  • seine Autos,
  • Bettina Wulff,
  • Doris Schröder-Köpf,
  • Hintze,
  • Kunze sowie
  • Dr. Dieter Dehm.

Nein, Dr. Dieter Dehm verzeihe ich ihm nicht.

Doch.

Nein.

Nicht? Doch! – Nein! – Na los! – Kommt nicht in Frage! – Es ist doch Frühling draußen. – Ist mir egal. – Die Buschwindröschen stecken die Köpfe durchs Laub. – Gruff! – Und er ist sein Freund. – Das ist es ja gerade. – Du hast gesagt, du wolltest ihm alles verzeihen. – Alles. Aber nicht den. – Tu es für mich! – Nein! Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich tu’s nicht!

Liebe Presse, der Brief wird für eine halbe Stunde unterbrochen. Das Gedicht zieht sich zur Beratung zurück.

Ene mene micken macken
Ene Fru die kunn nich kacken
Auf dem Berge Sinai
Wohnt der Schneider Kikeriki
Wo die Weser einen großen Bogen macht
Und der Kaiser Wilhelm in die Hose macht
Eine kleine Mickymaus
Zog sich mal die Hosen aus
Ene mene mopel
Wer fährt Opel
Ene mene mink mank pink pank
Ene mene mek
Und du bist weg
Weg bist du noch lange nicht
Sag mir erst wie alt du bist!

Eins zwei drei vier fünf sechs sieben –

Halt, halt, halt, halt, halt! Bitte! So viel Zeit haben wir nicht. Von einer halben Stunde war die Rede. Wenn sich die zwei Seelen in meiner Brust nicht schneller einigen können, dann werde ich eben ein Machtwort sprechen. Im Namen des 1. Käsdorfer Frühlingsstammtisches (unpräjudizierlich dessen Spruchs) ergeht folgendes Urteil:

Dem Angeklagten wird auch die Freundschaft zu und der Umgang mit Dr. Dehm vergeben.

Nein!! – Doch. – Man kann einem Menschen nicht Dr. Dieter Dehm verzeihen! – Doch, man kann. Man muß nur wollen. Aber! Großes Aber, fast schon ein Jedoch. Ein Mais, ein Mas, ein Ma, ein Mäh: Damit ist keinerlei Anerkennung einer Rechtspflicht verbunden. Es ist dies eine freiwillige Leistung. Die Fastenzeit, sie ist auch mal wieder vorbei. Gleich am Ostersonntagmorgen, wenn der Stein zur Seite gerollt, die Frohbotschaft in der Welt und der Tod seines Stachels verlustig gegangen sein wird, dann wird wieder gelten: auf ihn mit Gebrüll. Dann nämlich kriegt Wulff jede Talkshow, in der der Dehm sich blicken läßt und Partei für ihn ergreift, aufs Butterbrot geschmiert. Und für Hintz und Kunz gilt das nämliche. Nemliche? – Nämliche.

Denn warum, o Presse, reibe ich dir das alles so aufw…w..w.wendig unter die Nase? Weil ich – was ich will ist – worauf ich hinauswill, das ist: ich verzeihe Wulff alles. Alles!

Aber nicht das Bobby Car!

Dieses Bobby Car war zwar nicht vom Teufel, aber von einem Audihändler, was zumindest in dieselbe Richtung geht, wie ich mir von meinem Phaetonhändler habe sagen lassen. Von einem Audihändler zumal, bei dem die Wulffs einen Audi Q3 bestellt oder angeguckt oder geleast oder probegefahren hatten, welches Auto, wie mein Phaetonhändler versichert, nicht einfach nur ein Audi ist – was schlimm genug wäre -, sondern ein Audi hoch drei, quasi. Ein Auto mit einer ausgemachten Hackfresse. Selbst unter Audis sei der Q3 ein auffallend häßlicher Vertreter, sagt mein Phaetonhändler. Wer so ein Auto bestelle oder angucke oder lease oder probefahre, der mache auch Urlaub auf Malle.

Sagt mein Phaetonhändler, Herr Agent oder Frau Agentin von brandpatrol.com, das sage nicht ich. Nun kommen Sie mal wieder runter. Mir wär’s egal. Mir ist es egal. Ich hatte mal einen F102 mit Lenkradschaltung und ohne Kopfstützen, vier Türen, drei Zylinder, zwei Takte, eine durchgehende Vorderbank. Schönes Auto! Das fuhr beinahe noch mit Gemisch. Beinahe. Wenn es denn fuhr. Leider fuhr es nur, wenn es das wollte, und im Winter wollte es meistens nicht. Seitdem habe ich kein Auto mit Ringen mehr angeguckt, denn ich habe den Schluß gezogen, daß die Ingolstädter keine Autos bauen können. Das sei auch so, bestätigt mein Phaetonhändler, und die Tatsache, daß Audihändler ihren Absatz mit Giveaways zu stabilisieren versuchen müssen, spricht doch für sich, oder was sagst du dazu?

Ist mir übrigens egal, was du dazu sagst. Außerdem geht es darum gar nicht. Es geht darum, daß Wulff über dieses doofe Bobby Car gestolpert, lang hingeschlagen und kurz wieder aufgestanden ist, und niemand daran schuld ist als er selbst. Was nimmt er das doofe Ding an? Verdient er kein eigenes Geld als Bundespräsident? Kann er seinen Kindern kein Einrad kaufen? Keinen Roller? Kein Dreirad? Es muß vier Ringe haben, geltja? Auch wenn es aussieht wie ein Töpfchen auf Rädern!

Und für lau muß es sein. Geschnorrter Gaul mit gebleachtem Maul. Wiewohl innen pfui. Was mir übrigens auch egal sein könnte. Kinder, deren Eltern an übersteigerter Brand Awareness leiden, haben sowieso kein leichtes Leben. Sollen sie also auf einem Bobby Car rumrutschen, darauf kommt es dann auch nicht mehr an. Ist mir aber dann nicht egal, wenn der Vater, anstatt abends durch die Gänge seines Schlosses zu patroullieren und das liegengelassene Spielzeug beiseite zu räumen, wie es nun einmal die Aufgabe von Vätern ist, die Bestechungsplaste liegen läßt, wo der Nachwuchs das Interesse dran verlor, und dann des Nachts, auf dem Weg zum Emir oder zum Telefon oder dahin, wohin selbst Bundespräsidenten nicht mit dem Q3 fahren, unversehens drüber stolpert, auf die Schnauze fällt und sich den Fangzahn in den eigenen Kiefer rammt. Und wenn er dann da liegt und jammert und wehrlos mitansieht, wie ein großer Kuckucksvogel über ihn hinwegsteigt und sich ins gemachte Nest setzt, sich Amt und Schloß und Dienstwagen krallt, und sagt: “l’État, c’est moi. Et la société civile, c’est moi aussi. Le citoyen, c’est moi. Et le bourgeois. Et la constitution. Et le président. Et l’émir. S’il y avait des émirs. Mais le roi, c’est moi. Et le maréchal général des camps et armées du roi. Maintenant, je suis le patron.”

Gauck!!! – Ja, da sitzen wir jetzt hübsch in der Tinte. Der Typ hört sich sowas von gerne reden, daß sein Ruf nicht nur im Frühjahr in der Feldmark, sondern praktisch ununterbrochen und ubiquitär zu hören ist. Was er zu sagen hat, ist grauslich. Wo sein Vorvorgänger, der Wasch- und Jammerlappen Köhler, über die Forderung nach Wirtschaftskriegen noch stolperte, mit denen er die Konflikte des 21. Jahrhunderts lösen wollte (und tagsdrauf zurücktrat, weil er kein Blut sehen konnte – oder wollte, jedenfalls sein eigenes nicht), da hält sich Gauck nicht lange mit drögen Wirtschaftskriegen auf, sondern fordert schlankweg Wirsindwiederwerkriege, Krieg auch mal ohne jeden Anlaß, Krieg um der Verantwortung willen, mehr Gefallene, mehr Tote, und wenn es keinen Bedarf für weitere Auslandseinsätze geben sollte, könne man die bestehenden ja auch ein bißchen blutiger machen. Konflikte wollen nicht gelöst, Konflikte wollen überhaupt erst einmal gestaltet sein. Dabeisein ist alles. Wer nicht dabei ist, kann auch nicht gestalten. Hauptsache vorne, Hauptsache mitten im Gewühl, auf sie mit Gebrüll. Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.

Wo sagte ich sitzen wir? In der Tinte? Oder in der Druckerschwärze? Jedenfalls kommen wir da so schnell nicht wieder heraus. Da können wir lange warten, daß der zurücktritt. Und wer ist daran schuld? – Ein hundskotzjämmerliches Bobby Car! – Nein, Wulff, der es sich hat aufschnorren lassen. – Nein du! Du hast uns dieses Kuckucksei doch überhaupt erst ins Nest geschrieben. Du warst doch von Anfang an für Gauck und gegen Wulff! “Ein wunderbarer Kandidat!” – von wem stammt denn das Zitat? – Von dir doch wohl! – Nicht? So? Von Merkel? – Aber du hast es verbreitet. – Wer auch? – Ich auch?

Ok, ich bin schuld. – Ich habe ja auch gedacht, daß Gauck der bessere Präsident wäre. Ich konnte doch nicht ahnen, wie gerne der Kerl redet. Ich rede ja selbst gerne. Gauck dir diesen Post an – entschuldige bitte: Guck dir diesen Post an – mal wieder viel zu lang. Dreitausendzweihundertzehn Wörter. Dreitausendzweihundertelf – zwölf – dreizehn – vierzehn! Es werden immer mehr. Jetzt schon, da sind die letzten Sätze noch gar nicht mal mitgerechnet.

Na schön, ich mache Schluß. Nein, nein, ich mache nicht Schluß – ich beende den Brief. Ich krieche in mich. – Ich vgngn – Ich vergebe Wulff gngngn – ich vergebe ngggng – gng – ich vergng – WulffauchdasBobby Car. – Geschafft!

Wie lange noch bis Ostern? Vier Wochen? Vier lange Wochen und ein Tag? Und der Rest von heute? Wäre das nicht – das wäre ja – das wäre ja exakt ein Mondzyklus!? Ein Frühlingsmond! Mit Betrachten, mit Loslassen, Erschaffen und Werden. Zufall? Oder Fügung?

Wo sind meine Hunde? – Zu mir! Kommt mit! – Neinnein, wir gehen nicht auf die Jagd; heute wollen wir den Mond anheulen:

Mea culpa! Mea culpa! Mea maxima, maxima culpa!

Germanistenfuzzi

PS
Und du, Presse, wenn du wirklich etwas wiedergutmachen möchtest, dann hab ich was für dich: hör auf, aufwendig mit ä zu schreiben. Es ist nicht zum Ansehen!
Das sieht aus, wie es riecht, wenn einem im Laderaum ein Karton mit Haarwasser ausgelaufen ist.

Steuerndieb und Gentleman

Carsten Maschmeyer, laut handelsblatt.de “Unternehmer, Investor und Inhaber der Maschmeyer Group”, laut Tropfen am Eimer neuerdings anscheinend auch Vorsitzender der Ethik-Kommission bei handelsblatt.de, hat sich laut handelsblatt.de zu Beginn des Prozesses gegen den Präsidenten des FC Bayern München, Uli Hoeneß, gegen Gefängnisstrafen für Steuersünder ausgesprochen.

„Die Entscheidung des Bundesgerichtshofs, dass für Steuerhinterziehungen jenseits von einer Million Euro keine Bewährung bei Freiheitsstrafen möglich ist, ist aus einer Vielzahl von Gründen wahrscheinlich keine Abschreckung, für das Gemeinwohl teilweise sogar schädlich und in manchen Fällen schlicht ungerecht“, schreibt der ehemalige Inhaber des Finanzvertriebs AWD in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt (Montagsausgabe).

schreibt das Handelsblatt, behält aber die “Vielzahl von Gründen”, aus denen der Ausschluß von Bewährungsstrafen für Steuerhinterzieher der gehobenen Klasse “wahrscheinlich keine Abschreckung” wäre, lieber für sich. Vielleicht weil es die Gründe selber nicht kennt? Oder hat eine private Umfrage Maschmeyers im Freundes- und Bekanntenkreis zutage gefördert, daß die betreffenden Damen und Herren, die ihre Ehre allein durch die Tatsache staatsanwaltschafticher Ermittlungen gegen sie bereits dermaßen befleckt wähnen würden, daß sie es vorzögen, sich in den Kofferraum zu legen, den Motor laufen zu lassen, und den Butler zu bitten, das eine Ende des Schlauches über den Schalldämpfer zu stülpen, das andere jedoch unter der Klappe hindurch ins Innere des Gepäckcompartments zu praktizieren, und sich dann – “danke, Jean, das wäre alles” – diskret zurückzuziehen – daß diese Leute durch eine Kohlenmonoxidvergiftung auf Bewährung wahrscheinlich nicht von ihrem geplanten, versuchten oder vollendeten Steuerhinterziehungen abzubringen sein würden, denn was sollten sie aufgrund einer erhöhten Abschreckung denn etwa anders machen, als sie es tun? Zwei Schläuche in den Kofferraum leiten?

Maschmeyer selbst weiß immerhin einen Grund anzuführen:

Der Schaden, den Steuerhinterzieher anrichten, sei „ausschließlich finanzieller Art“. In einer Gesellschaft, „bei der die Rechtsprechung selbst bei tödlichen Unfällen unter Alkoholeinfluss häufig nur eine Bewährungsstrafe verhängt, steht eine Freiheitsstrafe für Steuertäter in keinem Verhältnis“, schreibt Maschmeyer. Sie stellten schließlich keine Gefahr für die Allgemeinheit dar.

Keine Gefahr für die Allgemeinheit. Der Schaden, den eine Kassiererin anrichtet, die einen gefunden Pfandschein einlöst, ist hingegen nicht ausschließlich finanzieller, sondern einerseits finanzieller, andererseits grundsätzlicher, das allgemeine Rechtsempfinden empfindlich störender, und nicht zuletzt moralischer Natur. Oder das Handy, das ein verwahrloster Angestellter an der Steckdose seiner Firma mit Strom nährt – einer möglicherweise armen Firma, die sich diesen Strom gar nicht leisten könnte und deswegen vielleicht sogar in aktuelle Liquiditätsschwierigkeiten gerät, oder einer möglicherweise auch nur ärmlichen Firma, die auf jeden Cent achten muß, oder einer ganz und gar erbärmlichen Firma, wie dem AWD. Da kommen auf einmal ethische Dimensionen ins Spiel, und mit solchen Dimensionen kennt sich Maschmeyer anscheinend bestens aus. Seine Expertise wird auf awd.de, maschmeyer.de und handelsblatt.de sehr geschätzt, warum also nicht auch auf deutschland.de?

Der Schaden für die Gesellschaft – 18 Komma nochwas Millionen Euro, im Falle Hoeneß (Schaden vom: 11.03.2014, 11:42:53, Schaden kann jetzt höher sein) – sei im Falle Hoeneß ja wohl nicht so hoch, daß eine der reichsten Gesellschaften der Erde glauben müßte, ihn nicht verkraften zu können. Diese Gesellschaft habe schließlich auch den AWD verkraftet und sei daran nicht verendet. Das zeige, wie resilient so eine Gesellschaft doch sei. Da solle sie die Resilienz doch auch beim Umgang mit Steuertätern zur Anwendung bringen. Jedenfalls bei Tätern der Oberklasse. Was solle denn so einer im Knast lernen? Daß er gefehlt habe? Das wisse er von vornherein. Daß Unrecht Gut nicht gedeihen könne? Das sei ja Blödsinn! Alle Erfahrung lehre, daß das Blödsinn sei.

Aber alle Erfahrung lehre auch, wie kontraproduktiv es sei, den reuigen Ersttäter einzusperren, wo er ganz automatisch mit Verbrechern und Sozialschmarotzern in Kontakt kommen müsse. Was solle er mit solchen Bekanntschaften? Die Schweren Jungs brauche er nicht erst kennenzulernen, denen begegne er schon seit Jahren auf den beliebten und sogar ein klein wenig verruchten Herrenabenden seines prominenten Strafverteidigers, und die Altenpflegerin Schrägstrich Maultaschendiebin wolle man gar nicht erst kennenlernen, da müsse es einen ja ekeln. Selbst beim AWD sei man mit so kleinen Leuten nicht in Berührung gekommen, nicht mal die Außendienstler, die ja einiges gewohnt seien. Ein bißchen Grundlage müsse schon da sein, sonste fehle einem die Basis fürs Fundament. Wo nichts sei, könne man auch nichts optimieren. Und diese Habenichtse mit ihren von-der-Hand-in-den-Mund-Jobs, die sie auch noch wegen Kinkerlitzchen verlören – das zeige doch mangelnde Klasse! Hoeneß hingegen habe bislang seinen Job nicht verloren, und dem laste man nicht nur Kinkerlitzchen an.

Darum gehöre er auch nicht ins Gefängnis.

Der Unterschied zwischen Geschäft und Verbrechen, läßt Chandler mal eine Romanfigur räsonnieren, sei, daß man für’s Geschäft Kapital brauche, und kaum daß der Satz in der Welt ist, und ehe er noch Zeit hat, sich einen Platz zu suchen, auf dem er sich niederlassen kann, läßt er den neunmalklugen Marlowe auch schon dagegen halten: auch für’s Verbrechen brauche man Kapital, wenn es Chic haben solle. Das ist ganz im Sinne des Ethikoptimierers Marlowe, quatsch, Maschmeyer:

„Meine Rede! Hoeneß’ Verbrechen hat Chic! Verglichen mit Verbrechern aus kleinen Verhältnissen und verglichen mit Verbrechen aus Not, die immer etwas Armseliges haben, haben Oberklasseverbrechen und Verbrecher aus Langeweile doch ein ganz anderes je ne sais quoi! Verglichen mit solch armen Würstchen ist der Wurstfabrikant doch eine Wurst von ganz anderem Kaliber. Von ganz anderem haut-goût auch.“

Deswegen plädiere er auch dafür, Geschäftsleute erst gar nicht einzusperren:

„Deswegen plädiere ich für drastisch erhöhte Steuernachzahlungen und Geldstrafen an Stelle von Freiheitsstrafen. Lieber eine volle Staatskasse als einen vollen Knast!“, heißt es weiter. Überspitzt könne man sagen: „Wer die Kuh ins Gefängnis sperrt, kann sie nicht mehr melken.“ Und in einigen Fällen gingen sogar Arbeitsplätze verloren. Das könne nicht im Interesse der Gesellschaft und des Fiskus sein.

Aber sehr geehrter Herr Ethikkommissionsvorsitzender! Das stimmt doch alles gar nicht. Wir sperren doch nicht die Kuh ins Gefängnis, wer wird so dumm sein! Wir sperren doch nur das Bäuerlein am anderen Ende des Stricks ins Gefängnis. Und selbst das wollen wir erst einmal abwarten, denn noch läuft es frei herum, das Bäuerlein. Denn: es ist doch nicht der Bauer, der die Milch gibt, und es ist doch nicht Herr Hoeneß, der arbeitet. Es ist doch das Geld, das arbeitet! Haben Sie das schon vergessen, als ehemaliger Finanzoptimierer? Sie brauchen doch auch nicht mehr zu arbeiten. Ganz gewiß nicht. Beobachten Sie sich mal dabei: schauen Sie morgens aufs Konto – pardon, auf die Konten – ok, damit sind Sie abends noch nicht fertig, das sehe ich ein. Das ist Arbeit. – Was ich sagen wollte ist: setzen Sie sich still in die Ecke und legen die Hände in den Schoß. Wenn abends mehr Geld auf den Konten ist als morgens, kann man Sie einsparen. Also: einsperren. Dann sind Sie im Prinzip über. Das Geld kommt auch ohne Sie klar, so wie Hoeneß seins, und das Geld sperren wir schon nicht ein, bewahre!

Also machen Sie sich keine Sorgen. Ein eingesperrter Steuerhinterzieher ist ein sehr guter Steuerhinterzieher. – Aber mal was ganz anderes: ihre Metapher ist schief. Man spricht wohl davon, daß es ein Schildbürgerstreich wäre, die Kuh, die man melken möchte, zu schlachten. Man spricht nicht davon, daß es eine Schnapsidee wäre, die Kuh ins Gefängnis zu sperren. Es wäre eine Schnapsidee, eine Kuh ins Gefängnis zu sperren, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich plädiere nicht dafür. Was soll die Kuh im Knast? Ich plädiere auch nicht dafür, den Bauern zu schlachten, obwohl man das ruhig tun könnte, ohne den Milchertrag der Kuh zu gefährden. Was allerdings nicht für den Wurstfabrikanten gilt, nebenbei bemerkt. Wurst und Milch unterscheiden sich in dieser Hinsicht. Auch die allerdümmsten Kälber pflegen sich nicht selbst zu verwursten. Der Wurstertrag wird automatisch geringer, wenn man den Wurstfabrikanten schlachtet. Wobei er sich im ersten Moment natürlich, aber nur sehr kurzfristig, geringfügig erhöht.

Aber das ist jetzt rein ökonomischer Diskurs. Etwelche ethischen Überlegungen, wie man sie zum Thema Schlachten auch anstellen kann – das ist ja gar nicht mal so ungewöhnlich, daß man’s tut, und beim Schlachten von Wurstfabrikanten wahrscheinlich sogar richtig -, ethische Aspekte habe ich dabei außer Acht gelassen. Dafür bin ich aber auch nicht zuständig. Wir glauben immer, in Moraldingen ganz selbstverständlich alle mitreden zu können, dabei ist das oft gar nicht der Fall. Das muß man gelernt haben, wie die Ökonomie auch, da braucht man Maßstäbe und Urteilsvermögen und alles.

Bleibe doch besser jeder bei seinen Leisten: Sie kümmern sich um die Ethik, ich mich um die Ökonomie, Herrn Hoeneß betrauen wir mit dem erfolgreichen Verbergen von Missetaten, die AWD-Geschädigten mit dem zuverlässigen Erkennen vertrauenswürdiger Geschäftsleute und die Kommentatoren auf handelsblatt.de mit der Abfassung klarer Gedanken.

Lasset die Kindlein zu mir kommen. – Hallo?! – Die Kindlein!! – Hat einer was von Retortengesocks gesagt?

Der kybernetische Organismus, zur Hälfte Schriftstellerin und zur Hälfte halbgares Weißnichtwas, der im Dresdener Schauspielhaus eine Rede gehalten hat, in der er jene Kinder, die anders auf die Welt gekommen sind, als es bei ihm zuhause früher üblich war, als “Halblinge” bezeichnet hat, zur Hälfte doch wieder zurückgenommen.

Halb zog es ihn, halb widerstand er. Widerstand Zeitungeist und Zeitungsgeist, dann aber unterlag seine bessere Hälfte, und er nahm den Satz von den Halbwesen, vor denen es ihn schüttele, zurück. Halb. Er sei “zu scharf”, der Satz. Nicht etwa zu falsch.

Die andere Hälfte aber will er lassen stahn.

Schon zuvor hatte er nur halb hinter dem Gesagten stehen mögen, denn er schwächte es während der Rede bereits ab:

“Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.”

Man muß zugeben, daß die Vernunft es dem Abscheu bei vielen Leuten aber auch sehr leicht macht. Eine Vernunft, die sich sofort in die Büsche schlägt, wenn der Abscheu ihr entgegenkommt, eine solche Vernunft bettelt ja geradezu darum, daß der Abscheu demonstrativ eine Motorradkette aus der Lederjacke ziehen und sein Was-gucks-du-Gesicht aufsetzen möge. Insofern kann der, der nur eine solche halbe Portion als Vernunft abbekommen hat, rein gar nichts dafür. Und bei einem, der ein “Onanieverbot” für “weise” hält, muß man sich ohnehin fragen, ob das, was er da mitbekommen hat, überhaupt Vernunft ist oder irgendwas anderes, oder sagen wir mal zur Hälfte Vernunft und zur Hälfte Polyester. Denn so ein Onanieverbot ist ja allenfalls zur Hälfte weise, zu der Hälfte nämlich, die daraus besteht, daß es so schlecht durchzusetzen wäre. Man bedenke die notwendigen Kosten für Gefängnisneubauten – was sage ich: Zuchthäuser. Und Zuchthauspersonal. Denunzianten. Rechtsanwälte. Prozesse, Richter, Prozessberichterstattung, Arbeitsplätze! – Das ist die vernünftige Hälfte. Die andere Hälfte aber ist es doch der bare Unfug!

Und was soll das denn eigentlich heißen, es sei ungerecht, den Kindern etwas anzulasten, wofür sie rein gar nichts können? Soll das etwa heißen, daß wir es den Kindern nicht anlasten sollten? Das kann es doch wohl nicht heißen! Hat uns die Tatsache, daß die Kinder für irgendetwas rein gar nichts konnten, etwa davon abgehalten, es ihnen gleichwohl und doppelt und dreifach anzulasten? “Unehelich” geboren zu sein, etwa? Achwas! Wenn es darum ging, Abscheu vor ledigen Müttern zu inszenieren, haben unsere Gottesmänner nie angestanden, auch das letzte Quentchen Vernunft im Nachthemd aus dem Pfarrhaus zu prügeln. Wenn sie sich dann, die Vernunft, in ihrer Not anderswo Obdach suchte, durfte sie sich, zum Schaden das Gespött, obendrein als Flittchen verunglimpfen lassen.

Es wird nun, seit der Rede des Cyborgs, in der Presse viel von Religion und Fundamentalismus gepredigt, was eine hübsche Gemeinheit ist, legt der Begriff des Fundamentalismus es doch nahe, daß das Fundament aller Religion die Nichtganzdichtigkeit sei, und je religiöser einer sei, desto näher sei er den Basics, und desto undichter also auch. Nun, es ist nicht von der Hand zu weisen, wir haben es mit einer Renaissance der Undichtigkeit zu tun; wenn man etwa Matussek und Schreibkraft Mosebach und Sibylle Lewitscharoff ein bißchen anhebt und nachsieht, warum es in ihrer Umgebung so feucht ist, dann sieht man, wie es aus ihnen heraustropft, sei es, daß es aus ihnen selbst kommt, sei es, daß sie schon so lange im Feuchten sitzen. Aber man darf das doch bitte nicht mit Religion verwechseln! Zum Mißverständnis beitragen mag das Gesicht von Sibylle Lewitscharoff, das so unerlöst aussieht wie jenes, an das Friedrich Nietzsche gedacht haben mag, als er seinen Aphorismus von den Christen, die ihm ein Ideechen erlöster aussehen dürften, wenn er an ihren Erlöser glauben sollte, in die Welt stemmte. Aber Nietzsche übersieht, bzw. übersah, und wir übersehen, daß es Christen nicht um die eigene Erlösung zu tun ist, sondern um die Verdammnis der anderen. Wer soll denn bitteschön ein erlöstes Gesicht machen, solange er nicht sicher sein kann, daß die anderen auch wirklich zuverlässig verdammt werden? Gott trauen die Christen in dieser Hinsicht nicht über den sprichwörtlich unergründlichen Weg. Da nehmen sie die Verdammnis doch lieber selbst in die Hand und sorgen dafür, daß sie auf Erden vorgenommen wird, und nicht eine ungewisse Option fürs Jenseits bleibt.

Religion, so könnte man sagen, ist nicht dafür da, daß man sein eigenes Leben gestalte, sei’s zum Guten, sei’s zum Bösen, sondern daß man sie dem Anderen um die Ohren haue. Das ist – natürlich – auch ein Aspekt der Gestaltung eigenen Lebens, aber eben nur einer. Und das eben ist es. Das stört die Undichten. Diese Pluralität. Dieses Postmoderne. Diese Vielfalt der Aspekte. Dieses gleichberechtigte Nebeneinander. Zwar haben auch in der Vormoderne Jude und Christ, Prolet und Bourgeois, Gerecht und Ungerecht sich von der gleichen Sonne bescheinen lassen, aber doch wenigstens nicht gleichberechtigt! Da gab es noch ein straffes Übereinander, ein Übereinanderher in der Welt, während in den Schädeln Wahr und Falsch, Vernunft und Abscheu, Adel und Unflat, Himmel und Hölle gleichberechtigt nebeneinander hausten. Dahin zurückzuwollen ist ja nicht “fundamentalistisch”, dahin zurückzuwollen heißt die Postmoderne negieren – der sicher keiner von uns eine Träne hinterherschmeißt -; dahin zurückzuwollen heißt auch, die Nichtgewesenheit der Moderne zu postulieren.

Ja bitte? Just das aber sei es, was man als Nichtganzdichtigkeit zu verstehen habe? – Schön, dann habe ich mich halt geirrt. Dann nehme ich den Satz eben zurück. Kost mich ja nix. Halb nehme ich ihn zurück. Er war zu falsch, der Satz. Nicht etwa, daß er nicht gut geklungen hätte.

Apropos Religion: es geht die Sage von einem, gut 2000 Jahre ist es her, daß er geboren wurde, bei dessen Zeugung auch nicht alles koscher und schon gar nicht kopulativ zugegangen sein soll. Ein Halbwesen, zur Hälfte wahrer Mensch, zur Hälfte wahrer Weißgottwas. War den Leuten seiner Zeit sehr suspekt, damals. Ist aber eine ganz große Sache geworden, ganz große sache. Großer Sprücheklopfer auch, die Überschrift zum Beispiel stammt von ihm. Es war über Jahrhunderte hin nicht zu empfehlen, etwa Abscheu vor so einem zu äußern. Kam nicht gut an. Wurde sanktioniert. Wird heute nicht mehr so eng gesehen, ist aber immer noch eine große Sache. Wenn man dessen Geburtstag nicht so groß feiern würde, könnte der halbe Einzelhandel dichtmachen. Ist übrigens eine gute Gelegenheit, einem Menschen, den man nicht leiden kann, ein Buch von Sibylle Lewitscharoff auf den Gabentisch zu legen. Denn ähnlich wie beim Glauben kommt es beim Schenken ja nicht darauf an, daß man sich selbst etwas Gutes tut, sondern daß der andere sich mies fühlt.

Dazu reicht wahrscheinlich auch ein halbes Buch.

Der neue Thiloterror

“Das erste Opfer eines neuen Sarrazin ist immer die Wahrheit.”

Das sagt sich so leicht dahin und ist ja auch naheliegend, denn wenn T. Sarrazin seine intellektuellen Faßbomben auf den ohnehin schon geschwächten Menschenverstand fallen läßt, dann herrscht asymmetrischer Krieg, und im asymmetrischen Krieg, heißt es, kommt immer zuerst die Wahrheit unter die eine der beiden Panzerketten. Liegt also nahe und ist entsprechend platt.

Stimmt aber nicht. Als nämlich die Wahrheit davon erfuhr, daß T. Sarrazin ein neues Buch plane, beantragte sie Opferschutz. Die Wahrheit bekam eine Perücke, eine dunkle Brille, ein Kopftuch, einen Paß, eine Legende, Geld, eine geheime Telefonnummer, eine Gesichtsoperation, geliftete Ohren, Brustverkleinerung und eine gefakete Facebookseite, und lebt unter dem Namen Monika mit ihrem Söhnchen Justus als allein erziehende Mutter zur Untermiete im Neubaugebiet Am Pfaff … beziehungsweise: an einem unbekannten Ort. Kann auch sein, sie heißt gar nicht Monika sondern Monique und hat Zwillinge. Wie dem auch sei. Wen aber immer Sarrazin da in seinem Keller gefangen hält und Tag für Tag schändet, die Wahrheit ist es diesmal nicht.

Was ihn nicht hindert, sie dafür auszugeben. Sie? Ist es denn überhaupt eine sie, den/die/das er da hat?

Vielleicht ist es ja eine Fummeltrine. Wie wir alle wissen, haben Männer mit Geschmack nichts am Hut: “Welchem Mann, außer einem Hundertfünfundsiebziger, würde der Einfall kommen, Socken oder Haarfarbe mit dem Überzieher abzustimmen?! Iss eben ne andre Menschensorte!).” Schrieb, schon vor 60 Jahren, Arno Schmidt. Also gut: nicht Männer schlechthin haben mit Geschmack nichts am ‘schnöden Filz’ (auch Schmidt), sondern eine bestimmte Sorte Männer. Männer wie Schmidt. Der für sich reklamierte, daß er “dergleichen grundsätzlich nicht ‹wählte›, sondern eben einfach anzog”, seine Klamotten nämlich. Diese Sorte Männer. Die haben besseres zu tun, als sich darum zu kümmern, was morgens bei ihnen über der Stuhllehne hängt, behaupten sie. Und behaupten sie gerne. Aber wehe ihre Frau legt ihnen das Korselett und die Stöckelschuhe raus! Oder das geschlitzte Abendkleid. Dann ist das Geschrei groß. So kann ich doch nicht auf die Straße gehn! Was sollen die Leute sagen?!

Soviel zur angeblichen Unabhängigkeit der Kerle, oder sagen wir der besser: der Kerle von Äußerlichkeiten. Ist es da nicht möglich, daß Sarrazin, der ja – sein Äußeres in die Rechnung genommen – dazu neigen dürfte, alles, was besser angezogen ist als eine Vogelscheuche, für weiblich zu halten, denn welcher Mann – oder sagen wir: Kerl – würde sich die Mühe machen? Für nichts und wieder nichts auf sein Äußeres zu achten? Ist es da nicht möglich, frage ich, kann es da nicht sein, daß Sarrazin, als er morgens den Keller verließ, um sich Frischfleisch für sein Verlies zu fangen, daß er da das erste, was ihm entgegengesprungen kam und das schöner war als er, für eine Frau ansah? Und dabei war es der Geschmack, der an diesem Morgen Geschmack daran gefunden hatte, ein Korselett zu tragen und in Pumps auf die Straße zu stöckeln? Und Sarrazin stellte ihm ein Bein, schleifte ihn in seine Gruft, in die er zweimal am Tag hinabsteigt, um ihm/ihr/dem Ding ein Buch zu machen?

Gehen wir es mal von hinten an und fragen wir: Wer soll es denn sonst sein?

Die Schönheit ist es nicht. Die Schönheit muß brechen, wenn sie Sarrazin sieht. Und auch ein Sarrazin dürfte es bei aller Zeugungswut mit Schwellkörperschwund zu tun bekommen, wenn er unter sich die Schönheit in ihrer eigenen Kotze liegen sieht, oder wenn die Herzensgüte stumpf ins Kissen weint. Obwohl – weiß man’s? Gerade die ach so straighten Typen haben ja oft die verquersten Fetische. Ich kannte mal einen, der tat sich Butter in den Kaffee. So eine gute Messerspitze voll. E-kel-haft! – Aber bitte! Was wollen Sie? Chacun à son mauvais goût. Die Perversität ist ein hohes Gut. Soll man sie vielleicht den Queeren überlassen? – Bosheit und Schadenfreude sind es übrigens auch nicht. Die beiden sitzen hier bei mir. Vorhin saßen sie jedenfalls noch hier. Was sie jetzt machen, weiß ich nicht; den Geräuschen nach zu urteilen probieren sie nebenan mein neues Sofa aus und haben jede Menge Spaß dabei. Und die Gemeinheit, die ist im Hause Sarrazin Concierge.

Also mein Tip: es ist der Geschmack, den Sarrazin vergewaltigt. Aber da kann er natürlich lange pimpern, das wird nichts. Dem Erfolg von Zeugungsanstrengungen sind gewisse, enge Grenzen gesteckt. Da helfen auch die fuffzig neuen Geschlechter nichts, die sie jetzt bei Facebook haben. Mein Vorschlag wäre ja gewesen: ein neues Geschlecht, fürs erste. Bis jetzt sind wir asymmetrisch, was die Chromosomenpaarungen angeht: da haben wir xx und xy, woraus dann, beim Pimpern, wiederum xx oder xy werden kann, je nachdem, ob sich vom xy das x oder das y durchsetzt. Wie wäre es mit yy, wäre mein Vorschlag. Dann könnten sich und yy und xy paaren, und xy und xx, wie gehabt, und xx und yy auch, wobei dann grundsätzlich nichts anderes als xy herauskommen könnte. xy sind übrigens wir Männer, was unsere Mittelmäßigkeit und Unentschiedenheit nicht schlecht erklärt. Halbe Portionen eben. Es ist nämlich das y, was uns ausmacht, und wir laufen immer Gefahr, daß sich das x die Oberhand verschafft, und so ein yx dann anfängt, Korseletts zu tragen und darauf zu achten, daß die Sockenfarbe zu den Pumps paßt. Iss eben ne andre Menschensorte! Da verläuft eine Fruchtbarkeitsgrenze. Und darum geht xy und xy auch nicht, oder xy und yx, was das angeht, oder von mir aus auch yx und yx – da kommt nix bei raus. Denn was sollte dabei schon rauskommen? Etwa ein yy? Ein Kerl? Mit einer Fummeltrine und einer Vogelscheuche als Vätern? Wie soll das gehen? yy oder besser YY – das wären ja die wahren Kerle. Beinahe schon Kerls. Kerls, denen alle Äußerlichkeiten egal sind. Kerls, die morgens ohne hinzusehen das Gesicht aufsetzen, das ihre Frau ihnen rausgelegt hat.

Und zwischen T. Sarrazin und dem Geschmack verläuft ohnehin eine Fruchtbarkeitsgrenze. Wir haben es mit zwei unterschiedlichen Arten zu tun. Sowieso aber entsteht aus der Notzüchtigung von welcher allegorischen Figur auch immer keine Literatur. Nie. Literatur, lesenswerte Literatur entsteht nur durch Triebverzicht. Nicht automatisch zwar, das weiß ich schon, aber er ist ihre unbedingte Voraussetzung. So weiß ich z.B. nicht, ob diese Sätze hier lesenswert sind, meines Wissens hat nie jemand ausprobiert, sie zu lesen, aber wer sie läse, der spürte: sie dampfen geradezu vor Triebverzicht. Unter Opfern habe ich mir jeden einzelnen von ihnen durch die Rippen geschwitzt. Mit diesem Hemd kann ich niemandem mehr unter die Nase treten. Schon gar nicht den drei Chariten nebenan.

Ja, drei. Vorhin hat es geklingelt und dann gab es ein großes Hallo und jemand sprach französisch, und ich sehe es kommen, wenn das so weitergeht, dann wird es sich was haben mit meinem Triebverzicht, Hemd hin, Hemd her, dann werde ich umsatteln auf Textverzicht und diesen Post mitten im Satz

Grinsepöter bekommt mehr Geld

Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, Thomas Oppermann, bekommt in Zukunft mehr Geld. Der Bundestag, dem Oppermann angehört – er ist dort Vorsitzender der SPD-Fraktion -, stimmte gestern dafür. Oppermann, der gerne grinst und nun auch allen Grund dazu hat, auch.

Ist das appetitlich? Nein, das ist unappetitlich. Es ist zwar nicht so, daß die Abstimmung auf der Kippe gestanden hätte, aber wenn auch nur ein paar Männeken mehr dagegen gestimmt haben würden – so 174, Stücker – dann wäre es Oppermanns Stimme gewesen, die den Ausschlag gegeben hätte. Wie weiland bei Adenauer, als der mit seiner eigenen Stimme verhinderte, daß ein Sozialdemokrat Kanzler wurde. Damals galt ein Sozialdemokrat noch als etwas, das man verhindern mußte. Damals galt ein Sozialdemokrat noch etwas.

Das ist vorbei. Heute gilt die Sozialdemokratie nur noch als etwas, das man vor langer Zeit hätte verhindern müssen. Dazu ist es jetzt zu spät. Die Sozialdemokratie heute ist etwas, das durch das Gesicht von Thomas Oppermann aufs adäquateste repräsentiert wird.

Ist das appetitlich? Nicht sehr. Das Gesicht von Thomas Oppermann ist sozusagen der begründete Anfangsverdacht gegen die SPD. Wenn man auf einer beschlagnahmten Festplatte Bilder von Thomas Oppermanns Gesicht finden würde, hätte man das Bedürfnis, sich die Hände zu waschen. Die kriminalistische Erfahrung lehrt, daß eine Festplatte, die sich so etwas gefallen läßt, auch noch ganz andere Dateien enthält. Die bedauernswerten Beamten, die solche Datenträger untersuchen und mit solchem Material konfrontiert werden, hätten es auf jeden Fall verdient, besser bezahlt zu werden.

Apropos Bezahlung: mehr als 10 Prozent mehr gibt es für Oppermann ab dem 1.1.2015, vorausgesetzt, daß Oppermann dann immer noch Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag ist, was wir ja wohl alle hoffen wollen. Und selbst, wenn wir es nicht hoffen wollten, würde uns das was nützen?

Nicht viel. Ungefähr soviel, als wenn wir seufzen würden: “Ach, ich hätte auch gern 10% mehr im Monat! Oder besser noch: 830 Euro mehr im Monat. Oder, am allerbesten: 9082 Euro im Monat!” Denn soviel kriegt Oppermann ab dem nächstem Jahr, soviel wie ein Bundesrichter. Wir sind aber keine Bundesrichter, darum nutzt uns unser Geseufze überhaupt gar nichts. Zwar ist Oppermann auch kein Bundesrichter, aber immerhin sowas ähnliches: Dienstvorgesetzter des Präsidenten des Bundeskriminalamtes. Jedenfalls nach eigenem Gutdünken. Sagt man Gutdünken? Oder muß es Dafürhalten heißen?

Jedenfalls geht Oppermann davon aus, daß er es ist. Er muß es wissen, er ist Volljurist. Er muß wissen, was einer darf und was nicht. Wir sind keine Volljuristen. Wir sind nicht einmal Juristen. Wir wissen nicht, ob es Gutdünken oder Selbstherrlichkeit heißen muß. Aber natürlich haben wir eine Meinung dazu, und die lautet: “Mmh mmh! Ist er nicht. Da vertut er sich.” Abgesehen davon sind wir der Meinung, daß ein Bundesrichter auf jeden Fall mehr Geld verdienen sollte als Thomas Oppermann, und zwar deswegen, weil es die Bundesrichter sind, die oft genug den gesetzgeberischen Saustall, den der Bundestag angerichtet hat, wieder ausmisten müssen. So wie ja auch der Entsorgungsbetrieb dafür bezahlt wird, daß er die Dunggrube leersaugt, die der Datschenbewohner vollgeschissen hat. Und nicht umgekehrt. Das wäre ja noch schöner, wenn die, die den Scheiß ausbaden müssen, die, die ihn machen, dafür bezahlen müßten!

Apropos: Oppermann ist mit sich selbst im reinen. Das sagte er zu einer dieser Fernsehfeen in jenem Apparat, der oben in der Südwestecke der Pilgrimhausschankstube hängt, und neben mir, in der Nordostecke der Pilgrimhausstammtischbank, brummte es aus Germanistenfuzzi:

“Das kann doch jeder Arsch für sich reklamieren. Jedenfalls wenn er ordentlich abgeputzt wurde.”

Wirtschaft!

Bitte einmal drei Bier und drei Bommi für den Herrn Krawinkel hier. Als Schlenderschluck. Er kann leider nicht mehr länger bei uns bleiben.

Und für mich drücken Sie in der Jukebox bitte noch einmal “Broken Hearts for You and Me”. Hier sind zwei Groschen. In der Version von – hörn Sie zu! – vom 23.11.81 aus dem Onkel Pö. Nicht die andere, die will ich nicht. Diese. Die andere ist doof. Ja.

Und die übrigen Gäste sollen mal ein paar Schweigeminuten einlegen, soviel Pietät wird ja wohl noch sein. Und dann wäre es schön, wenn noch einmal 1982 wäre, hoch im Julei, und der Weizen stünde kerzengrade unterm Mittagsglast. Kriegen Sie das hin?

Ja, das kommt dann alles auf meinen Deckel.

Danke!

Schweinkram

Aufgrund kriminalistischer Erfahrung“, heißt es, sei davon auszugehen, daß einer, der weiter nichts angestellt hat, auch jede Menge Dreck am Stecken mit sich trage. Mag das stimmen oder auch nicht – man fragt sich doch, wieso ausgerechnet die Staatsanwaltschaft Hannover sich diese Maxime aufs Wams hat sticken lassen. Wo will denn ihrereiner mit kriminalistischer Erfahrung in Berührung gekommen sein? Bei den Ermittlungen gegen Wulff? – Indes, getreu ihrem Motto “Die Wahrheit ist immer dort zu suchen, wo man sie finden will”, hat die besagte Staatsanwaltschaft, die Hemdbrust bereits heftig mit Ruhm beschmaddert, noch einmal nachgeschaut, ob sie bei der Hausdurchsuchung in Rehburg nicht doch etwas Verwertbares übersehen hatte, und siehe da, sie fand etwas.

Mag der Beschuldigte nun auch auf dem Standpunkt stehen, daß es sich bei einem SPD-Mitgliedsausweis nicht um illegales Material handele, aber macht das die Sache etwa appetitlicher? Mag er nicht illegal sein, so ist so ein Mitgliedsausweis doch auch nichts, was man auf dem Kaffeetisch liegen ließe, wenn Kinder zugegen sind. Juristisch gesehen mag er ein Dokument aus der Grauzone zwischen straffreier Geschmacklosigkeit und strafbewehrter Obszönität sein, moralisch gesehen ist er das nicht. Moralisch gesehen ist er Dokument der Eindeutigkeit, ein Zeugnis, ein eindeutiges Zeugnis von Ferkelgesinnung. Es ist festzuhalten und Ausweis der hohen Gesinnung der Mütter und Väter unseres Grundgesetzes, daß das Prinzip der Unschuldsvermutung für jedermann gilt, auch und gerade für die, denen man ihre Schweinereien nicht nachweisen kann, obwohl sie auf der Hand liegen, die Schweinereien. Aber eine Vermutung ist eine Vermutung, keine Tatsache, und die Tatsache, daß der Beschuldigte dem Vorwurf, einer Partei anzugehören, in der ein Gabriel, ein Steinmeier und ein Oppermann etwas zu sagen haben, bislang nichts entgegenzusetzen gewußt hat, spricht eine andere Sprache. Es ist dies nicht die Sprache der Unschuld.

Verständlich, daß Gabriel, Steinmeier und Oppermann nunmehr seine Entfernung aus der Partei betreiben. Aber was so gut gemeint daherkommt, eben dieser Rauswurf, betont paradoxerweise doch nur das, was er ungeschehen machen soll. Er bestätigt nicht die Unschuld, er bestätigt die sittliche Verwahrlosung. Er vermutet nicht, er sagt auf den Kopf zu. Er stellt nicht infrage, er stellt fest, und wir mit ihm: Der Beschuldigte ist Mitglied der SPD.

Was ein Ferkel!

Aus gegebenem Anlaß

läßt Angela Merkel, die uckermärkische Unschuld, die das auch bleiben möchte, ihren Regierungssprecher @RegSprecher, der das auch ganz gerne bleiben möchte, schon mal darauf hinweisen, daß sie beide erst am Dienstag aus der Presse erfahren haben, daß Landwirtschaftsminister – “wie sagten Sie, hat der Mann geheißen? Friedemann? Friedbert? Fritze? – Friedrich?” – Friedrich von 2011 bis 2013 hierzulande Innenminister gewesen ist und an ihrem Kabinettstisch gesessen hat. Ihres Wissens nach nicht. Sie sei davon ausgegangen, daß dieser Hugenotte Innenminister gewesen sei. Nicht? Doch. Der sei jetzt Innenminister, und der sei auch früher schon Innenminister gewesen. Das wisse sie genau. Wer solle denn darauf kommen, daß da zwischendurch jemand anders im Ministerium gehaust habe, noch dazu – dem Namen nach – ein Preuße. Der von Tuten und Blasen keine Ahnung gehabt habe, als Bauer. “Was denn? Nicht Bauer, Bayer?” A Bazi? Der habe freilich Ahnung vom Tuten und auch Ahnung vom Blasen, aber doch nicht von der Innenministerei. Dafür brauche man jemanden vom Fach, am besten einen Juristen o.ä. – “Ja? Was Sie sagen! Sind Sie sicher? Jurist? Nicht Kasperkopfschnitzer? Oder Maultrommelschmied? – Jurist? Und gegen den ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft? Hochinteressant. Aber, wie gesagt, Frau Merkel hat damit nichts zu tun.” – Neulich erst habe Merkel zu ihm gesagt: @RegSprecher, habe sie gesagt, manchmal habe sie den Eindruck, unter ihr könne praktisch jeder werden, was er wolle. Wer hier schon alles Minister gewesen sei -! Das glaube einem keiner. Und nicht nur Minister, was das angehe, sondern – Bundespräsidenten! Bundespräsidenten! Einer schöner als der andere. Bzw., da es ja nicht um Schönheit geht: klüger als der andere. Reifer. Dem Amt gewachsener. Seine Stiefel ausfüllender. “Aber, wie gesagt, nicht wahr, das ist ja nicht Merkels Schuld.”

Daß ein Wulff Bundespräsident gewesen war, habe sie damals nur durch Zufall erfahren, als Kai Diekmann ihr eine MMS “Willst du mal was Lustiges hören?” mit dem Anhang “ichbingeradeaufdemwegzumemir.mp3″ geschickt habe.

Rätsel um Edathy gelöst

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy steht in dem Verdacht, ADAC-Mitglied gewesen zu sein. Die Staatsanwaltschaft soll bei der Durchsuchung seiner Privatwohnung entsprechende Hinweise (Kontoauszüge, Motorwelt, Mitgliedsausweis) gefunden haben. Das berichtet der Lokalreporter des Käsdorfer Metropolitan (KM), Germanistenfuzzi, nach einem Hinweis aus der Bevölkerung.

Demnach hat Edathys überraschender Rücktritt vom Wochenende eine lange Vorgeschichte. Schon seit zwanzig Jahren soll Edathy Mitglied des seltsamen Vereins sein, wie ein von Germanistenfuzzi vorgelegtes Photo beweist:

Die SPD zeigte sich über die neuen Vorwürfe gegen Edathy noch bestürzter als ohnehin schon. Am bestürztesten zeigte sich die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD im Bundestag, Christine Lambrecht. “Der Vorwurf einer Mitgliedschaft in diesem … diesem … diesem … Verein … ist sehr schwerwiegend. Wir sind alle sehr bestürzt. Ich persönlich bin zutiefst bestürzt.”

Keine Spur von Bestürzung zeigt hingegen der Lokalreporter. Er will die Quelle seiner Informationen nicht preisgeben. “Es handelt sich nicht um das Abschleppunternehmen Sbrinz & Partner,” soviel könne er sagen, “obwohl die seinerzeit den Exklusivvertrag mit dem ADAC nicht bekommen haben, wie jedermann weiß. Fragt mich nur! Wir Lokalreporter haben die Nase am Po der Zeit. Am Puls meine ich.”

Auch wie er an das Photo des von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmnten Ausweises gekommen ist, will er nicht sagen. “Sag’ ich nicht! – Nur soviel: es gibt doch diese kleinen Telefone heutzutage, kann man in die Tasche stecken. Die haben hinten drauf so ein Ding, so rund und mit geschliffenem Glas davor. Dann steckt der Photograph seinen Kopf unter das Tuch und hält das Blitzlicht hoch, und sagt zu dem Ausweis, er solle brav in das Ding kucken, da komme gleich ein Vögelchen raus, und dann knallt es und raucht, und das war’s auch schon.”

Prelude

Tausendschönchen
Was stocherst du so im Essen? Schmeckt es dir nicht?
Germanistenfuzzi
Mir ist der Appetit vergangen.
Tausendschönchen
Warum? Wovon?
Gemanistenfuzzi
Ich habe eben im Spiegel gelesen, daß ein Ministerialbeamter aus Thüringen, dessen Name hier totgetrampelt sei …
Tausendschönchen
Dessen Name was sei?
Geranistenfuzzi
Totgeschwiegen. Möge er zur Speise namenloser Würmer werden!
Tausendschönchen
Warum? Was hat er angestellt?
Geranistenfuzzi
Er hat in Botswana einen Elefanten erschossen. Und sich vor seinen Kollegen damit gebrüstet. Und einer der Kollegen fand das wohl so daneben, daß er – oder irgendwer anders – seine Mail mit seinen Protzfotos an die Presse weitergeleitet hat.
Tausendschönchen
Toller Hecht. Was ist das für ein Knilch? Ministerialdirigent?
Geranistenfuzzi
Irgendwas. Abteilungsleiter. Soll gleich hinterm Staatssekretär kommen. Ich hätte gute Lust, ihn umzubringen.
Tausendschönchen
Du kannst doch nicht einfach einen Ministerialdirigenten umbringen!
Geranistenfuzzi
Ich weiß nicht, ob er Ministerialdirigent ist. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht einmal, was ein Ministerialdirigent ist. Dirigiert so einer? Warum dirigiert er dann nicht? – Was muß er statt dessen Elefanten schießen?
Tausendschönchen
Der wird doch wohl nicht der einzige sein, der in Botswana Elefanten erschießt.
Germanistenfuzzi
Aber der einzige, der mir vor die Flinte gelaufen ist. Jetzt ist er reif. Jetzt lasse ich ihn tottrampeln. Von einem botswanischen Elefantenbullen.
Tausendschönchen
War das ein Bulle, den er erschossen hat?
Germanistenfuzzi
Wenn er ihn man bloß erschossen hätte! Mehr als zwanzig Schüsse soll er gebraucht haben, ehe das Tier endlich tot war. Zwischendurch habe der Elefant immer wieder versucht, zu fliehen. – Was geht in so einem Arschloch vor?
Tausendschönchen
Meinst du, was in einem Jäger vorgeht? Oder meinst du, was in einem Arschloch vorgeht? Weil, was in einem Jäger vorgeht, das weiß ich nicht. Was hingegen in einem …
Germanistenfuzzi
… Ministerialdirigenten vorgeht, will ich gar nicht wissen. Mir ganz egal. – Ich gehe jetzt mit den Hunden. Und wenn ich zurück bin, lasse ich ihn tottrampeln.