Vater von Android verläßt Mutter von Android, weil die das Gör überhaupt nicht im Griff hat

Der Vater von Android, Andy Rubin, verläßt Mutter und Tochter und sieht sich nach einem neuen Zuhause um. Es ging nicht mehr. Es geht, wie in so vielen Familien, um die völlig falschen Vorstellungen, die die Mütter, so die Väter, bzw. die Väter, so die Mütter, von Erziehung der gemeinsamen Kinder haben. Die Kinder kriegen das natürlich spitz, spielen Vater gegen Mutter und Mutter gegen Vater aus, lachen sich ins Fäustchen und machen, was sie wollen.

So auch Android. Allerdings ist der Vater davon überzeugt, daß in ihrem Fall die umtriebige Mutter die treibende Kraft hinter dem töchterlichen Treiben seiner Tochter ist, die sie in allen Unarten bestärkt, als wenn das nötig wäre, und die ihr die meisten Flausen überhaupt erst in den Kopf gesetzt hat, als wenn sie nicht selbst von Haus aus genug von der Sorte hätte. Wie oft hat der Vater nicht zur Tochter gesagt, sie solle nicht jedesmal, wenn jemand sie irgendwo berühre, z.B. Germanistenfuzzi mit seinen unegalen Fingern, dazu ansetzen, aus dem Stand und ohne nachzufragen, Google Now herunterzuladen. Hundert mal? Tausend mal? Wenn nicht mehr als tausend mal, dann doch jedenfalls irgendwas dazwischen.

Hilft natürlich nichts. Ebensogut könnte er ihr predigen, daß sie die Kühlschranktür nicht einfach nur zufallen lassen soll, sondern richtig fest andrücken. Die fällt nämlich nicht von alleine zu. die bleibt einen Spalt weit offen stehen, und hinterher wundert man sich, wieso der Kühlschrank schon wieder vereist ist. Das tut natürlich keine Tochter, aber was sagt diese Mutter, anstatt den Vater bei seinen Philippiken zu unterstützen? – “Hör gar nicht hin! Laß ihn einfach reden. Das hört ganz von selbst wieder auf. Du brauchst nicht jede App, die du einmal geöffnet hast, jedesmal wieder zu schließen. Ganz besonders meine Apps nicht. Die schließen sich von ganz alleine. Und wenn nicht, was solls? – Stromverbrauch, Stromverbrauch, Stromverbrauch – Strom ist nicht alles im Leben. Google Now ist viel wichtiger.”

“Also, wenn dich einer irgendwo anfaßt, fängst du an, Google Now herunterzuladen.”

Welfenspeise

Als es in der Flüchtlingsunterkunft im siegerländischen Burbach zu – wie soll man sagen? Zwischenfällen? Zwischenfall klingt so nichtssagend, das kann alles sein – als es in der Burbacher Flüchtlingsunterkunft zu Incidents kam – nein, falsch! als es in der Flüchtlingsunterkunft zu Incidents kam, an denen Wachleute einer Firma mit dem absolut vertrauenszerstörenden Namen “European Home Care” beteiligt waren, da passierte noch gar nichts. Erst als in der Presse über einen youtube-Beitrag berichtet wurde, der in einem gewissen Zusammenhang mit den Incidents in der Unterkunft stand, an denen, nicht zu vergessen, auch Bewohner der Unterkunft beteiligt waren, darunter Bewohner wenig vertrauenswürdiger Herkunft (aus Ländern, Staaten, failed states, die ihre eigenen Bürger außer Landes treiben), erst dann passierte etwas. Dann wurde nämlich – und zwar zurecht – darauf hingewiesen, das die Incidents zwar durch nichts zu rechtfertigen seien, gar keine Frage, daß man aber auch die andere Seite der Medaille sehen müsse, daß nämlich an den Incidents nicht nur Wachleute beteiligt gewesen seien, sondern auch Bewohner, darunter sogenannte Pappenheimer, die man bei kleinem kenne, und die jedesmal dabei seien, und daß es geradezu verwunderlich sei, daß es bei der Masse an Incidents in den Unterkünften nicht häufiger zu solchen – wie solle man sagen? Zwischenfällen? – Vorkommnissen komme.

Nun waren ganz ähnliche Töne zu vernehmen, Töne, wie man sie vornehmlich von Stammtischen her kennt, so daß es nicht zu verwundern ist, wenn sie – und zwar gestern abend – am Käsdorfer Donnerstagsstammtisch laut wurden. Der Kollege Germanistenfuzzi kolportierte, daß seine – wie soll man sagen? Gespielin? – Lebenspartnerin, Frau Tausendschönchen, welche im Seniorenheim am Ende des Pfaffenackers demente Herrschaften betreut, Augen- und Ohrenzeugin eines ganz ähnlichen Incidents geworden sei. Es sei da nämlich eine Dame wohnhaft, die nicht mehr sehr orientiert sei, nicht wisse, wo sie sei und warum, und nicht verstehe, was man von ihr wolle und warum man ihr ständig mit irgendwas in den Ohren liege. Diese Dame nun habe – sie bekomme alles Essen püriert; denn sie brauche sehr lange zum Essen, sehr lange; sei es, daß sie immer wieder vergesse, was sie gerade tue oder tun solle, sei es, daß ihr Gemüt nicht mehr so beschaffen sei, sie rechtzeitig gewahr werden zu lassen, was es als nächstes zu tun gelte, kauen? Oder schlucken? Oder mit dem Finger einer imaginären Linie auf der Wachstuchdecke folgen und dazu verträumt vor sich hin summen? Jedenfalls verspreche sich das Wachpersonal der Betreiberfirma – ein Unternehmen mit dem nicht mehr sehr vertrauenerweckenden Namen ‘Diakonie’ – von der Pürierung eine Beschleunigung des Nahrungsaufnahmeprozesses, da man zum Füttern eines Menschen mit Pamp nur eine Hand, ein Lätzchen sowie die Bereitschaft brauche, mit der anderen Hand die Würde des Betreuten anzutasten. Wenn es zum Abendessen also Kartoffelsalat mit Würstchen gebe, und Kakao zum Trinken, dann bekomme die Dame pürierte Würstchen mit püriertem Kartoffelsalat und püriertem Kakao – aus einem Napf, sehr wohl gemerkt. Es schmecke diese Pampe, es sei nicht anders zu erwarten, gotteslästerlich, und sie sehe auch gotteslästerlich aus. Er habe früher seinem Großvater beim Füttern der Schweine zugesehen, erzählte Germanistenfuzzi, der habe aus einem alten Großküchenmayonneseeimer irgendein Mehl in den Trog gekippt, und aus einem alten Großküchensenfeimer Wasser hinterdrein, und die Schweine hätten sich auf den Trog gestürzt wie nicht gescheit.

Er habe einmal ausprobieren wollen, ob sie wirklich nicht gescheit seien, und habe den Pamp probiert, woraufhin eine der Töchter des Opas, seine Mutter, schier unsinnig habe werden wollen, weil in jenen Tagen in jener Gegend die Maul- und Klauenseuche gewütet habe, allerdings nur beim Rindvieh. Darum sei ihm auch weiter nichts passiert, außer, daß mehr als ein Mannesalter später Frau Tausendschönchen, der er davon erzählte, ihn eine Woche lang nicht hatte küssen wollen. Als trüge er das Virus nach wie vor auf den Lippen. Der Pamp habe ein wenig nichtssagend geschmeckt, und die Frage, ob die Schweine seines Großvaters gescheit gewesen seien oder nicht, habe unentschieden bleiben müssen.

Anders als das Schweinefutter sei die Pampe aus dem Seniorenheim aber für den menschlichen Genuß nicht geeignet, und anders als der Schweinezüchter, der wisse, daß das Schwein nur dann das gewünschte Gewicht ansetze, wenn ihm sein Futter schmecke, gehöre das Wachpersonal im Seniorenheim der Schule ‘Gegessen wird, was auf den Tisch kommt’ an.

Sei es aber nicht worden. Die Dame verfüge nicht mehr über die soziale Kompetenz, ein Essen wegen Ungenießbarkeit zurückgehen und sich den Küchenchef kommen zu lassen, aber sie verfüge noch über die grobmotorischen Fähigkeiten, einen Napf mit Pampe vom Tisch zu werfen. Das habe sie getan, damit auch dem Wachpersonal verständlich kundtuend, daß sie mit dem Hauptgang fertig sei. Ihr Griff nach der Welfenspeise, die der Küchenchef als Nachtisch vorgesehen hatte, sei von der empörten Wachfrau, die bis dahin versucht hatte, sie mit einer Hand zu füttern und mit der anderen Hand dem Herrn zur anderen Seite das Messer wegzunehmen, mit dem dieser bis dahin den Kartoffelsalat zum Munde geführt hatte und von dem ihm das Würstchen immer wieder herunterrollte, so daß er es schon aufgeben wollte – von dieser Wachfrau, auf deren Kittel ein Großteil der Pampe gelandet war, wurde der Griff der alten Dame nach der Welfenspeise vereitelt.

Auf die verblüffte Frage von Frau Tausendschönchen, was das denn bitte schön solle, versetzte die Wachfrau, daß es den Nachtisch nur für die Leute gebe, die ihren Teller leer gegessen hätten. Und auf die Vorhaltung, es sei aber doch kein Teller, sondern ein Napf, und der sei nunmehr leer, ward ihr Bescheid, sie, die Wachfrau, kenne ihre “Pappenheimer”. Das sei “bei denen” immer so. Wenn es “nach denen” gehe, würden die nur Nachtisch essen.

Ja und?

Das gehe nicht. Sie trage schließlich die Verantwortung. Es müsse im Anschluß an das Essen dokumentiert werden, was die Bewohner zu sich genommen hätten; der mediznische Dienst der Krankenkassen, der alle naslang unangekündigt daherschneie und die Dokumentation prüfe, verstehe in der Hinsicht keinen Spaß.

Aber es würden doch nur Kalorienzahl und Flüssigkeitsmenge dokumentiert, nicht aber, ob Hauptgang oder Nachspeise?

Das sei egal. Es komme nicht infrage, daß einer nur Nachtisch esse. Das sei auch ungesund. Es komme schließlich nicht nur auf die Kalorien an, man brauche auch Eiweiß, Mineralien, Spurenelemente, Vitamine und Ballaststoffe.

Was sie denn dann jetzt dokumentieren wolle, nun, da die Dame gar nichts gegessen habe?

200 kcal und 150 ml Flüssigkeit, das sei Standard, wenn einer gar nichts esse. Damit sei der medizinische Dienst zufrieden und es komme nicht zu Nachfragen. Wenn es erst zu Nachfragen käme könne, wessen Kürzel im Computer stehe, gleich ins Büro gehen und sich die Papiere holen. Bei Nachfragen des MDK nämlich verstehe die Geschäftsleitung keinen Spaß.

Auch keinen Spaß, erzählte Germanistenfuzzi weiter, verstehe der medizinische Dienst anscheinend, wenn die Senioren nicht ausreichend mit geistiger Anregung konfrontiert würden. Folgende Situation habe sich anderntags ergeben, da habe Frau Tausendschönchen, die für die geistige Anregung der Herrschaften zuständig sei, einer anderen Bewohnerin, einer gelähmten Frau, die in der Folge auch nicht sprechen, sondern nur nonverbal zu verstehen geben könne, ob eine Maßnahme ihren Beifall finde oder nicht – sie könne zum Beispiel lächeln oder gequält dreinschauen -, in ihrem Zimmer, in dem sie, die vor einem schweren Unfall Gambistin gewesen sei, eine kleine Sammlung von CDs mit alter Musik habe – von der sie aber nichts habe, da sie die Tasten ihres CD-Players nicht drücken könne, geschweige denn eine CD aus der Hülle nehmen -, dieser Bewohnerin habe Frau Tausendschönchen langsam die Titel der CDs vorgelesen, einen nach dem anderen, und dann, als das ablehnende Zucken des rechten Mundwinkels, mit dem die Bewohnerin ihre Uneinverstandenheit zu signalisieren pflege, erstmals ausgeblieben sei, die CD in den Player getan, den Verstärker auf moderate Lautstärke gestellt und die Bewohnerin mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Madrigale Monteverdis im Ohr sich selbst überlassen.

Kurze Zeit später habe sie die Bewohnerin im Rollstuhl auf dem Flur gefunden, das gequälte Gesicht zur offenen Tür der Wachstube gerichtet, aus der mit ca. 60 Dezibel die – was soll man dazu sagen? Musik? – Höllengesänge Wolfgang Petrys ins Freie gespült worden seien. Ja, man habe die Bewohnerin aus ihrem Zimmer geholt, habe die diensttuende Wachfrau gesagt und sich ein neues Schüsselchen mit Welfenspeise genommen, die am Vortag übrig geblieben war und irgendwie den Weg in die Wachstube gefunden hatte, und sie – die Bewohnerin – auf den Flur gestellt, damit sie “ein wenig Abwechslung habe”. Der medizinische Dienst sei im Haus, und der sehe es gar nicht gern, wenn Bewohner einfach so, ohne geistige Anregung, sich selbst überlassen würden. So habe sie sie auch unter Kontrolle und könne jederzeit nachschauen, was für ein Gesicht sie mache und ob es ihr auch gut gehe. Auch sei es nicht erlaubt, Nahrung, die die Bewohner nicht zu sich genommen hätten, zu essen. Diese müsse vielmehr der Vernichtung zugeführt werden. Weswegen es nett wäre, wenn Frau Tausendschönchen, die auf ihrem Weg auch an der Küche vorbeikomme, die leeren Schüsselchen, drei an der Zahl, dorthin mitnehmen würde, denn wenn der MDK die Schüsselchen auf der Wache fände, könnte sich die Wachfrau auch gleich ihre Papiere aus der Verwaltung holen.

Frau Tausendschönchen, die auf ihrem Weg auch an der Verwaltung vorbeimußte, habe angeboten, diese gleich mitzubringen, und habe die Schüsselchen wie auch die Wächterin mit offenem Mund und ohne geistige Anregung sich selbst überlassen, berichtete Germanistenfuzzi. Dann bat er Louis den Wirt, ihm das ‘Handbuch des deutschen Stammtisches’ zu bringen, blätterte ein wenig darin, tat, als hätte er eine gesuchte Stelle gefunden, und deklamierte:

“Wo kämen wir den hin, wenn jeder machen wollte, was er will! Das kann doch niemand wollen. Das ist doch auch gar nicht machbar. Der eine will Frank Sinatra hören, der andere Elvis Presley. Der dritte Glenn Miller. Und dann? Was wäre das Ergebnis? Höllenlärm. Da muß man sich halt mal einigen. Am besten auf einen, den niemand hören will, dann wird keiner bevorzugt. Zum Beispiel auf – warum denn nicht? – Wolfgang Petry. Aber wenn man sich dann auf Wolfgang Petry geeinigt hat, dann muß das auch gelten, und zwar für alle. Dann kann nicht einer hergehen und sagen, er will Monterosso hören.”

Monteverdi.

“Oder Monterossi. Auch eine ehemalige Bratschistin kann das nicht.”

Gambistin.

“Ehemalige. Ehemalige Gambistin. Die auch nicht. Denn keiner ist besser als der andere. Und nur, weil einer sich nicht mehr bewegen kann, ist er noch nichts Besonderes. Der andere kann vielleicht nicht mehr gut hören. Der hat es auch nicht leicht. Der zwingt deswegen den Leuten seinen antiquierten Musikgeschmack auch nicht auf.”

Wer bitte tut das denn?

“Es ist doch mal so: es muß doch etwas geben, was für alle gilt. Es muß doch einen geben, der sagt, wo es lang geht. Das ist nicht anders als beim Militär. Und die anderen müssen gehorchen. Denn der trägt ja dann auch die Verantwortung. Zum Beispiel gegenüber dem MDK. Oder der obersten Heeresleitung! Was wäre denn gewesen, wenn der Befehl, die Stadt Stalingrad bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, nicht befolgt worden wäre? Wenn jeder sein Gewehr weggeworfen hätte, und versucht hätte, auf eigene Faust zu überleben? Mord und Totschlag wären die Folge gewesen.”

So auch.

“So auch, das ist schon richtig. Aber diszipliniert und ohne Chaos. – Und die vielen Landser, die später mit allen möglichen Behinderungen im Pflegeheim gelandet sind, die hatten es nicht so leicht, wie unsere Alten heute! Da gab es nicht jeden Abend Kartoffelsalat mit Sülze!”

Würstchen.

“Auch nicht! Auch nicht mit Würstchen. Das hat es früher einfach nicht gegeben, daß man gutes, deutsches Essen vom Tisch geworfen hat. Da hatte man noch Ehrfurcht vorm Leben!”

Vorm Leben?

“Und vorm Tod auch! Das Schwein hat ja sein Leben gegeben, für das Würstchen. Und die Kakaobohne. Und sie fegt es so einfach vom Tisch.”

Germanistenfuzzi!

Ja?

Halt die Klapppe!

Nicht meine Worte. Steht so im Handbuch.

Klapp’s zu!

Gleich.

Nicht gleich, jetzt!

Sofort.

“Alles was ich sagen will ist: es ist nicht immer nur das Wachpersonal. Es sind auch die Bewohner. Da sind üble Zeitgenossen dabei. Die schon immer üble Zeitgenossen waren. Zum Beispiel ehemaliges Wachpersonal. Die werden ja nicht plötzlich Engel, nur weil sie alt und siech werden.”

Warum eigentlich hat man …

“Wenn da die oberste Heeresleitung nicht von Anfang an für Disziplin sorgt …”

… die Welfenspeise nicht mit in den Kartoffelsalat gequirlt?

Und das Würstchen.

Und das Würstchen?

Und den Kakao.

Und den Kakao?

Ich nehme an, weil dann auch die Welfenspeise für den menschlichen Genuß verloren gewesen wäre. So hat man immerhin sie retten können.

Eines müsse ihm im Leben noch gelingen, sinnierte Germanistenfuzzi bei einer mitternächtlichen Welfenspeise – die Louis überraschenderweise aus irgendeinem Reptilienfonds herbeigezaubert hatte -, ehe sich die Pforten eines Seniorenheimes hinter ihm schlössen und er alle Hoffnung fahren lassen werde. Denn daß die gesellschaftliche Attitüde gegenüber der Altenaufbewahrung und derer zulässigen Kosten sich grundlegend ändern werde, sei ja eher nicht zu erwarten. Es müsse ihm gelingen zu ertauben, solange er es in der eigenen Hand habe, wovon er taub werde. Mit den Augen sei er ja mittlerweile gut zu Fuß, dorthin, wo er das Elend eines Tages nicht mehr werde mitansehen müssen, weil nicht können, aber schwerhörig sei er noch nicht. Der Schwiegersohn seines Opas, sein Vater, ja, der sei schwerhörig gewesen. Der habe es nur nicht wahrhaben wollen, und habe ebenso steif wie fest behauptet, nicht schwerhörig zu sein. Sei er aber doch gewesen. Er, Germanistenfuzzi, hingegen nicht. Anderslautende Bezichtigungen seien üble Nachrede seitens Frau Tausendschönchens. Er höre sehr gut, wenn auch selektiv.

Aber wenn erst die Generation Wacken oder die Generation Berghain die Mehrheit der Bewohner der Seniorenheime stellen werde, wolle er nicht als Seniorgruftie dazwischensitzen und sich deren dann antiquierten Musikgeschmack aufzwingen lassen. Dann sei es mit selektivem Hören nicht mehr getan. Dann gehe es ans Eingemachte. Dann zähle er auf Taubheit.

Denn was immer man gegen die – wie solle man sagen? Qualitäten? – Qualqualitäten eines Wolfgang Petry vorzubringen habe, es sei ja nicht so, daß diese nicht noch steigerbar wären.

Kernkundschaft

Wir sind modern und gehen gern ins Tuchgeschäft für bessere Herrn
Kaspar, Jesper und Jonathan

Die Investitionsruine Karstadt soll nach dem Willen des Ruineninvestors Banquo, der erst kürzlich in die Ruine investiert hat – bzw. in das, was sein Vorinvestor Berggruen von ihr übrig gelassen hat, der sie, beziehungsweise das, was ihr Manager Middelhoff, der zuvor schon AOL und Napster ruinierte, aus ihr gemacht hatte, einst aus der Konkursmasse von Arcandor herausgekauft und zum Anschaffen auf die Straße geschickt hatte, sie zwang, ihren Mädchennamen wieder anzunehmen (sie war zwischenzeitlich eine verehelichte Schickedanz gewesen), und ihr für das Recht, diesen Namen zu führen, den kompletten Verdienst abnahm (Middelhoff pflegte die gleiche Praxis; er hielt die Patsche für die ‘Benutzung der Örtlichkeiten’ auf, die er sich zuvor selbst verkauft hatte) -, Karstadt soll nach dem Willen Banquos auch weiterhin seinen kompletten Verdienst abliefern, und zwar an ihn. Er habe, brüstet sich Banquo, mit seinen Investitionen bislang stets Geld verdient, mal mehr, mal weniger, aber er habe noch nie zugesetzt und das auch nicht vor. Wenn seine Investition irgendjemanden ruinieren wollen sollte, sollte sie es von ihm aus bei seinen Angestellten probieren, aber nicht bei ihm.

Das Geld, das er seinen Angestellten vorenthalten will, soll von den Kunden kommen. Und zwar will man sich konsequent aufs Ausnehmen der Kernkundschaft kaprizieren, und die Kernkundschaft sei nun einmal die etwas ältere Kundschaft, heißt es, so ab vierzig aufwärts. So ab vierzig aufwärts, um das kurz zu verdeutlichen, sind diejenigen alten Knacker, die 1994, als Netscape 1.0 vom Stapel lief, bereits viel zu alt waren, um das Internet noch zu begreifen, nämlich zwanzig.

Also wir.

Und um uns das Geldausgeben schmackhaft zu machen, soll die Zahl der Kassen und die Zahl der Angestellten an den Kassen renditeträchtiger gestaltet werden. Also mehr Kassen und mehr Angestellte. – Ha. Haha. Trauriger kleiner Scherz. – Ein kluger Schachzug, das! Daß man das Angebot kernkundschaftskompatibel zu gestalten bemüht war, war uns bereits an den Bundweiten der auf den Stapeln zuoberst liegenden Jeans aufgefallen: ab vierzig aufwärts. Aber hat man auch bedacht, daß wir Alten nicht nur dicke Bäuche haben und zu doof sind, bei Zalando einzukaufen, sondern auch zu schusslig, unsere Brille mitzubringen? Wir können die Geldscheine nicht mehr gut voneinander unterscheiden, und die PIN unserer Maestro-Karte, die wir auf einem kleinen Zettelchen im Portemonnaie notiert haben, die können wir nicht lesen. Wieso überhaupt Maestro? Früher hieß das ec-Karte. Und war gut genug für uns. Aber heute genügt das wohl nicht mehr. – Nachdem wir das der Kassenkraft mitgeteilt haben, fällt uns das Portemonnaie runter und das Kleingeld rollt unter den Ständer mit den Hannover-96-Nikoläusen. – Es wird, so ist anzunehmen, zu Staus an den Kassen – pardon: zum Stau an der Kasse – kommen.

Übrigens – die Tatsache, daß wir überhaupt bei Karstadt einkaufen, liegt eher nicht daran, daß wir uns dem Grabe nähern, sondern weitgehend daran, daß Karstadt unweit des Bahnhofs gelegen ist, was uns erlaubt, zwischen zwei Zügen eine Jeans zu kaufen. Sofern wir beim Graben in den Stapeln schnell genung auf eine unserer Bundweite stoßen, heißt das, und an der Kasse sofort drankommen. Würde das Erreichen des Anschlußzuges durch Personalreduktionsmaßnahmen zum Hazard, wäre das kernkundenbindungskontraproduktiv. Ruckzuck wären wir bei Kaufhof, der ist auch nicht weit. Das weiß auch Banquo, weswegen er auch schon Interesse an Kaufhof geäußert haben soll.

Mag sein. Noch ist das Kapital stärker als wir. Noch profitiert es davon, daß in den Zügen der Bahn das WLAN nicht funktioniert, und wir in 3D einkaufen müssen. Noch hält es der eine oder andere vielleicht für angezeigt, analog zur Differenzierung zwischen Proletariat und Lumpenproletariat das klassische Ausbeutertum vom Lumpenausbeutertum zu scheiden, und kauft deshalb nicht bei Zalando. Je heftigere Anstrengungen das klassische Ausbeutertum aber macht, diesen Unterschied zu nivellieren, desto egaler wird es ab einem Tag X auch sein, wo man kauft. Das mache auch Banquo sich klar. Dann ist er uns los. Er unterschätze die Marktmacht von uns Kernkunden nicht! Es kommen auch andere Zeiten. Es kommt die Zeit, da diejenigen vierzig werden, die beim Untergang des Netscape Navigators erst zwanzig waren. Von denen lassen wir uns zeigen, wie Zalando geht. Wir haben schon Nokia kleingekriegt, indem wir auf zalandotaugliche Handys umgestiegen sind, und mit Opel sind wir auch fertig geworden, indem wir noch nie einen gekauft haben. Wir werden auch Karstadt kleinkriegen.

Beziehungsweise das, was Banquo davon übriglassen wird.

Vignetten

Streik

Es ist gesagt worden, und es ist nachgeplappert worden, daß die dritte industrielle Revolution ihre Attraktivität für das Kapital der Tatsache verdanke, daß Roboterstraßen im Gegensatz zu Schichtarbeitern nicht streiken täten. Stimmt aber nicht.

Jetzt, nachdem die (noch nicht) durch Assistenzsysteme (Lane Assist, Park Assist, Emergency Assist, Autonomous Cruise Control und “Wenn die Torfköppe im Türbereich denselben einfach mal freigeben würden, dann könnten wir auch abfahren” Assist) ersetzten Lokführer wieder arbeiten, streiken, wie sich das anscheinend gehört, die Signale. Kein Unterschied zu früher, als noch der Bahnwärter Thiel mit der Laterne an der Strecke stehen mußte, wenn er nicht gerade Visionen hatte.

Außerdem streikte heute morgen die Heizung.

Pubertät

FBI-Agenten haben drei Mädchen aus den USA gestoppt, die unterwegs nach Syrien waren, wo sie sich von den IS-Milizen steinigen lassen wollten. Sie hatten die Schule geschwänzt und waren von der Schulleitung bei den Eltern verpetzt worden. Am Frankfurter Flughafen wurden sie geschnappt. Die 15 und 17 Jahre alten Geschwister und deren 16-jährige Freundin seien zurück zu ihren Familien in Denver gebracht worden, sagte eine FBI-Sprecherin. Ein Regierungsvertreter in Washington sprach von einem “beunruhigenden” Fall.

Beunruhigend, in der Tat. Was kann die Mädels umgetrieben haben? Ist es nur das Alter? Spielt eine Rolle, daß in Colorado zu Beginn des Jahres der Marihuana-Handel legalisiert wurde?

Es ist nicht geklärt.

Auch nicht geklärt ist, wieso die drei wußten, wo Syrien ungefähr liegt, und wie man hinkommt. Als Amerikanerinnen. Noch dazu aus Colorado. In dem Alter. Andere Mädels in dem Alter kaufen Klamotten bei Primark, anstatt sich steinigen zu lassen. Als jemand, der beides bleiben läßt, möchte man nicht entscheiden müssen, was schlimmer ist.

Besser: Aus dem Gröbsten raus sein, was das Alter angeht.

“Spurende Kunden helfen uns, die Bereitstellung unserer Dienste zu verbessern. Durch das Parken in unserem Parkhaus erklären Sie sich mit allem einverstanden, was wir jetzt schon mit Ihnen treiben und was uns künftig noch so alles einfallen mag”

In vielen Parkhäusern in Deutschland werden nach Medien-Recherchen systematisch die Kennzeichen der Autos erfaßt und gespeichert. Gleiches geschehe auch auf Campingplätzen und Firmen-Parkplätzen, heißt es. Die betroffenen Autofahrer wüßten in der Regel nichts davon, außerdem sei es ihnen schnurzpiepegal.

Der Betreiber der Parkhäuser, Google, sagte gegenüber dem Käsdorfer Metropolitan (KM), man speichere die Daten nur, weil man sie einmal gesammelt habe. Daten zu sammeln und sie nicht auch zu speichern, sei ja wohl Blödsinn. Und sammeln würde man die Daten, weil man sonst nicht wüßte, was man speichern soll. Teuren Speicherplatz vorzuhalten, ohne etwas zu haben, was man dort speichern könne, sei nämlich auch Blödsinn.

Außerdem geschehe alles um des lieben Kunden willen. Dem lieben Kunden will Google künftig maßgeschneiderte Parkplätze anbieten können, wenn er das nächste Mal an der Schranke auftaucht.

Mexiko

Ein Kreuzfahrtschiff aus den USA hat sich geweigert, bei Cancún in Mexiko an Land festzumachen, weil es sich nicht mit Mexiko infizieren will. Das Kreuzfahrtschiff ist aus den USA gekommen, eine Weile in der Karibik herumgeplanscht und hatte ursprünglich vor, vor Cancún zu ankern, damit die 5.000 Kreuzfahrer die Nase in die yucatánsche Luft tauchen könnten, um mal zu schnuppern. In Cancún gibt es Ruinen aus der Zeit der Maya, aber die gibt es in der Eifel auch. Die interessieren keinen. Was interessiert, sind die ca. 1 Million Studenten – na, auf die ist gepfiffen! – und Studentinnen, die im Frühjahr (“Spring Break”) hierherkommen, um sich – nein, nicht steinigen zu lassen. Aus dem Alter sind die meisten raus. Außerdem steinigt man in Mexiko nicht. Mit einer Steinigung macht man es dem Tod zu einfach, ist gängige Meinung dort. Die 500.000 Studentinnen kommen hierher, um sich starken Alkohol- und Drogenkonsums, sexueller Freizügigkeit, Promiskuität und Zurschaustellung von Nacktheit zu befleißigen, wie Wikipedia, allerlei Yellow Press und unsere Altherrenphantasien übereinstimmend berichten. Die fünftausend Kreuzfahrernasen wollten alle mal schnuppern, ob sich von diesem attraktiven Sündengemisch eventuell noch was im genius loci verfangen hätte.

Warum nicht? Wir waren auch mal jung und haben die Insel Neuwerk besucht, wo es zu Vitzliputzlis Zeiten mal einer Obersekunda gelungen sein soll, zu mehr als der Hälfte mit Alkoholvergiftung an Land geschafft werden zu müssen und die Rettungshubschrauberei vor ernste Herausforderungen zu stellen. Na, Rettungshubschrauber wird es damals noch nicht gegeben haben, Chichén Itzá war ja gerade erst gegründet worden. Es war eine reine Jungenklasse, was besagt, daß die übrigen Spring Break Aktivitäten entweder ausfielen und durch Alkohol kompensiert, oder stattfanden, und nachfolgend die Scham mit Alkohol kleingetrunken, oder aber stattfanden, und anschließend die Begeisterung darüber mit Alkohol übertüncht, oder im Einzelfall auch stattfanden, und die Begeisterung darüber mit Alkohol gefeiert werden mußten. Auf jeden Fall wurde gesoffen, und die Trostlosigkeit von damals hing noch immer in den Salzwiesen. Schon im Watt überfiel uns Depression.

Aber nun: kurz vor Cancún drehte das Schiff wieder ab und fuhr zurück nach Galveston. Man hatte eine Risikopatientin an Bord, die möglicherweise einmal an einem Ort gewesen war, wo zuvor ein Ebolapatient gesessen hatte, und wollte sich nun nicht obendrein auch noch Mexiko einfangen. Denn mittlerweile ist Mexiko sehr viel tödlicher als das Ebolafieber. Pro Jahr kommen dort mehr Leute durch Gewalt ums Leben, als das Ebolavirus seit Gukumatz’ Zeiten auch nur infiziert hat. Wobei die Mexikaner darauf achten, daß es sich keiner zu einfach macht, und etwa stirbt, ohne vorher gequält worden zu sein. Oder daß die Mörder jemanden einfach so totschlagen, den man statt dessen auch vergewaltigen, erpressen, ausrauben, schänden, schinden, verstümmeln, zerstückeln und im Tod noch verhöhnen könnte.

Andererseits will auch Mexiko kein Ebola im Land haben und verbot den Landgang. Man fragt sich, warum? Ebola wäre doch ein guter Ersatz für die G36-Gewehre von Heckler & Koch, die wg. gewisser Endverbleibsthematiken im Prinzip momentan nicht ins Land gelassen werden können. Im Prinzip. So wie es in Colorado vor dem 1. Januar im Prinzip kein Marihuana gegeben hat. Sie wissen schon. Aber das G36 leidet momentan nicht nur an Endverbleib sondern auch an Treffsicherheit, so daß Ebola mit dem Streufaktor der abgesägten Schrotflinte eines Alan Bourdillion Traherne – na sagen wir, kein Ersatz fürs G3, aber eine Ergänzung wäre. Die Mexiko bei der Bekämpfung von Mexiko gut gebrauchen könnte.

Aber vielleicht macht Ebola es dem Tod auch einfach zu einfach.

Streik II

“Wo ist die deutsche Maggie Thatcher?” fragt der SPIEGEL angesichts des Lokomotivführerstreiks und tut, als wäre er richtig böse. Warum so böse, lieber SPIEGEL, möchte man fragen, du weißt es doch, und deine Leser spüren es auch, daß dein Autor in der Reminiszenz an die große Zeit seiner Mannwerdung bei Abfassung des Artikels die allerbeneidenswerteste Entspannung erfahren hat. Und das nicht zum ersten Mal. Die routinierte Hand ist klar erkennbar. On revient toujours à son premier … naja, amour? So sagt man halt. Und da wir nicht wissen, was ‘Wichsvorlage’ auf französisch heißt, und ob sich das auf ‘toujours’ reimen würde, mag es bei amour bleiben. Aber das Böse-tun gehört wahrscheinlich zum Ritual, so wie bei anderen Leuten das Vorspiel in cis-Moll von Rachmaninoff. Wie auch das So-tun, als wäre diese beknackte Frage eine nicht ganz leicht zu beantwortende solche.

Dabei ist die Frage sehr leicht zu beantworten: die deutsche Maggie Thatcher ist tot.

Warum? Nun, erstens ist das Original auch tot, da soll das dem deutschen Klon doch wohl billig sein. Aber die deutsche Maggie Thatcher war von Anfang an nicht lebensfähig. Das Gemisch aus “Maggie Thatcher” (humorlos zum Quadrat) und “deutsch” (humorlos hoch drei) ist mit den heute zur Verfügung stehenden Techniken und Materialien nicht realisierbar. Normale Frauen bestehen zu ca. zwei Dritteln aus Wasser, zu dem auch – zu von Frau zu Frau schwankendem Anteil – der Humor beiträgt. Bei Männern ist es nicht viel anders, wenn man sich das Wasser durch Bier ersetzt denkt. Die deutsche Maggie Thatcher aber war in etwa so feucht wie die Schokolade Lindt Excellence 99%, von der Kenner sagen, daß sie einem buchstäblich im Halse stecken bleibe, und vor deren Genuß die Firma empfiehlt, den Gaumen schrittweise an Schokoladen mit hohem Kakaoanteil zu gewöhnen, indem man zunächst mit Brikettasche anfängt. Verglichen mit ihr war die Marsoberfläche sumpfig, und Sandstürme zogen den Hut. Schon im Reagenzglas war klar, daß sich die beiden Ingredienzen nicht miteinander mischen würden, im Gegenteil. Sie hielten sich, so gut es gehen wollte voneinander fern, so als traute eins dem anderen nicht über den Weg bzw. könnte jenes diesem ums Verrecken nicht aufs Fell gucken.

Das Ergebnis war darnach. Auf der Liste der humorlosesten Entitäten aller Zeiten nimmt die deutsche Maggie Thatcher (humorlos hoch fünf) postum einen ehrenvollen dritten Platz ein, hinter Jan Fleischhauer vom SPIEGEL und Claus Weselsky von der GdL.

30 Prozent der Deutschen verzichten darauf, vermögend zu sein

Die Einsicht in den Wert und die Vorteile eigenen Vermögens geht den Deutschen anscheinend immer weiter verloren. Das Vermögensbarometer des Deutschen Sparkassen-, Giro- und Kontoüberziehungszinsenabgreiferverbandes förderte einmal mehr zutage, daß ein wachsender Anteil der Deutschen – 30 Prozent – glaubt, kein eigenes Vermögen zu brauchen. 16 Prozent – und das ist besonders alarmierend – glaubt sogar, sich kein eigenes Vermögen leisten zu können. In der durchaus irrigen Annahme, für eigenes Vermögen brauche man Geld. Und das habe man nicht.

Daß das nicht stimmt, zeigt der Blick auf den “Freundeskreis überhöhter Dispokreditzinsen”, der sich ganz und gar aus fremder Leute Geld finanziert und mit der Zeit, natürlich nicht sofort, nach und nach ein Vermögen aufzubauen vorhat, ganz ohne eigenes Geld. Wenn man kein eigenes Geld hat, muß man eben fremder Leute Geld nehmen, so einfach ist das doch. So einfach kann es jedenfalls sein, wenn man es richtig macht. Aber wie macht man es richtig?

Dabei wird der Wert von Vermögen eo ipso theoretisch grundsätzlich anerkannt, bloß eben als etwas betrachtet, das mit einem selbst nichts zu tun hat. Und zwar sind es, wie das Vermögensbarometer zeigt, vor allem Menschen mit geringem Einkommen, die meinen, kein Vermögen zu brauchen. Unter denen, die monatlich weniger als 1000 Euro zur Verfügung haben, liegt der Anteil derer, die auf eigenes Vermögen verzichten, bei etwas über 100 Prozent. Der Verbandspräsident der Sparkassenfritzen fordert daher politisches Umdenken: “Gerade im Blick auf mittlere und einkommensschwache Haushalte muß die Bedeutung eigenen Vermögens bei der Vermögensbildung wieder besonders betont werden.” Denn wer deutlich mehr Geld zur Verfügung hat – und das haben Vermögende, vermöge ihres Vermögens, deshalb nennt man sie so – als er zum Lebensunterhalt benötigt, behält Geld über. Geld, das er prima nutzen kann, um keine Überziehungskreditzinsen davon zu berappen.

Sondern lieber ein Vermögen damit aufzubauen.

Verräter Kohl

Father, you left me but I never left you
I needed you but you didn’t need me
John Lennon, Mütterlein

Es sei nicht so sehr “kritische Zeugenschaft” gewesen, nicht Journalistenethos, nicht die Freude an der Chronistenpflicht und nicht die Gewissenhaftigkeit gegenüber dem Auftrag, das Gewesene der Nachwelt zu überliefern, sondern vielmehr die reine, unverstellte Pöbelhaftigkeit des Pöbels, die ihn an Ort und Stelle festgehalten hätte, schrieb Robert Gernhardt so oder ähnlich unter dem Titel “Des Pöbels Kern” in der Titanic – damals, als der Pöbel, wie es sich gehört, draußen vor der Frankfurter Oper sein Wesen trieb, und noch nicht, wie heute leider üblich, in der Oper. Irgendeine Dumpfbacke hatte sich damals ausgedacht, in der wiederaufgebauten Frankfurter Oper einen Opernball stattfinden zu lassen, als wär’s nicht Frankfurt, sondern Wien, und als schriebe man noch das Jahr 1815 und nicht 1982.

Es habe sich bei dem Ball um eine bewußte Provokation gehandelt, sagte die Dumpfbacke 20 Jahre danach, zwar keine Provokation um der Provokation willen, aber der Pöbel habe es so aufgefaßt und entsprechend reagiert. Gottseidank. Man würde Gernhardts Text nicht gerne missen. – Später im selben Jahr dann – der Verräter Genscher machte es möglich – zog jener Mann ins Kanzleramt, den wir damals alle unterschätzten – leider unterschätzten, muß man sagen, obwohl wir halb und halb entschuldigt sind: wußten wir denn, was wir an Kohl hatten? Wußten wir, wer dereinst auf ihn folgen sollte? Schröderächz und Merkelstöhn? – Wir wußten es nicht, wir konnten es nicht wissen. Und schon gar nichts wußten wir von der reinen, unverstellten Flegelhaftigkeit dieses Flegels, von der wir erst jetzt, 30 Jahr später – der Frankfurter Opernball ist ein Wrack, und Kohl sieht auch nicht mehr gesund aus – erfahren dürfen, und die uns mit reiner, unverstellter Schadenfreude erfüllt: kann ein Mann, der einen Friedrich Merz ein “politisches Kleinkind” nennt, einen Christian Wulff eine “Null”, kann ein solcher Mann ein ganz schlechter Mensch sein?

Er kann es nicht.

Apropos ‘kann es nicht‘:

Sie wettern gegen “journalistische Grabräuberei”: Die Allianz der Helmut-Kohl-Verteidiger ist so breit wie bunt. Klar springt die “Bild” dem Altkanzler bei. Aber auch die “Süddeutsche” und gar die “taz”… Was ist denn da los?

Da kann es einer nicht fassen.

Aber stimmt es denn auch, was er sagt? Eigentlich verteidigen die Leute doch gar nicht den Kohl, sondern sie rupfen den Schwan. Aber – und bei der Gelegenheit, weil oben von Journalistenethos die Rede war – wer fällt uns ein, wenn wir uns die vollkommene Abwesenheit von Ethos, Pflichtbewußtsein und Gewissen vorzustellen versuchen? Wer? – Na er.

Wer hätte gedacht, dass Helmut Kohl unter deutschen Journalisten einmal so viel Sympathie genießen würde. Seit man lesen kann, was sein ehemaliger Ghostwriter an Boshaftigkeiten auf Band aufgenommen hat, reißt die Kette derjenigen nicht ab, die finden, dass dem Altkanzler großes Unrecht geschieht, wenn nun alle Welt erfährt, wie er über andere Politiker denkt und dachte. Von “journalistischer Grabräuberei” ist die Rede und davon, dass der Presse durch solche Indiskretionen insgesamt Schaden entstehe, weil sich niemand mehr auf den Schutz des vertraulichen Wortes verlassen könne.

Es ist zweifellos ein Geheimnisverrat ersten Ranges, wenn man das, was einem im guten Glauben gesagt wurde, später unter die Leute bringt, um einen Bestseller zu landen. Aber dass ausgerechnet Journalisten diesen Umstand beklagen, ist doch einigermaßen verblüffend. Wenn es eine Branche gibt, die davon lebt, dass Leute Dinge ausplaudern, die sie eigentlich für sich behalten sollten, dann das Mediengewerbe.

Warum verblüfft es denn? Weil man nicht denken sollte, daß ein Journalist so weit denken kann? Sich nämlich auszurechnen – zwei Finger und noch mal zwei Finger macht zusammen vier Finger -, daß er in Zukunft wohl weniger vertrauliche Informationen zugesteckt bekommen dürfte, wenn er jeweils dazuschreibt, von wem er sie hat? – Nun, ich muß das Wort eines Journalisten gelten lassen. Wenn der es für verblüffend hält, wird er seine Gründe dafür haben. Ich bin ja keiner, weswegen ich auch nicht wissen kann, ob es bei denen vielleicht tatsächlich so ist, daß sie die meiste Sympathie für jene Leute haben, denen großes Unrecht geschehen ist. Kann ja sein. Glaube ich zwar nicht, aber wer bin ich schon? Ich allerdings habe Sympathie für Kohl, aber nicht deswegen, weil ihm so großes Unrecht widerführe, sondern desto mehr, je flegelhafter er über Merkel herzieht: “konnte nicht mit Messer und Gabel essen”! Herrlich!

Womit er Merkel vermutlich großes Unrecht tut. Aber macht sie das etwa sympathischer? – Nö.

Wer in solchen historischen Dimensionen angekommen ist wie Kohl, kann nur noch bedingt darauf vertrauen, dass das, was er privat äußert, auch privat bleibt. Die Äußerungen eines Staatsmanns seiner Größe sind immer von Belang, selbst wenn es sich um abfällige Bemerkungen handelt. Aus gutem Grund ist schon Richard Nixon mit dem Versuch gescheitert, die Mitschnitte von seinen Gesprächen im Weißen Haus sperren zu lassen. Von den “Nixon-Tapes” und den auf ihnen überlieferten Ausfällen zehren die Historiker noch heute.

Ich weiß nicht, in welchen Dimensionen Kohl angekommen ist und ich weiß auch nicht, was historische Dimensionen sein sollen. Aber es genügt, meiner Meinung nach, daß einer im Bundeskanzleramt angekommen ist, um sicher zu sein, daß das, was er sagt, privat oder nicht privat, nicht privat bleiben wird. Ob es von Belang ist, was er sagt, was immer er sagt, sei dahingestellt. Wenn er zum Beispiel ruft, das Klopapier sei alle, und Frau Weber solle mal eine Rolle aus dem Kanzleramtsbesenschrank holen und ihm bringen und durch die Tür reichen. Glaube ich zwar nicht, daß das von Belang ist – außer für Frau Weber, die bestimmt gut daran getan hat, zu parieren, und zwar pronto -, aber ich bin sicher, daß es in den Archiven der Staatssicherheit gelandet ist. Von wannen es eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages ans Licht der Sonne kommen wird, wenn Kohl lange genug tot und bei mir die altersbedingte Makuladegeneration noch nicht allzuweit fortgeschritten sein wird.

Eine Machtmaschine, die alles niederwalzte

Noch überraschender als die Argumente, die bemüht werden, um den Vertrauensbruch zu geißeln, ist die Allianz, die sich zum Schutze des Altkanzlers zusammengefunden hat. Dass Kai Diekmann von der “Bild” sich für den greisen Kanzler in die Bresche wirft, verstehe ich. Das Verhältnis der beiden ging immer über das Journalistische hinaus. Kohl hat in Diekmann eine Art Ziehsohn gesehen, der “Bild”-Chefredakteur war einer der beiden Trauzeugen bei seiner zweiten Heirat.

Da die Argumente der Vertrauensbruchgeißler nicht überraschend sind, sondern rational, ist es nicht überraschend, daß “die Allianz, die sich zum Schutze des Altkanzlers zusammengefunden hat” “noch überraschender” ist. Ein ganz winzig kleines bißchen überraschend ist ja schon überraschender als nicht überraschend, und zwar um ein Vielfaches, ja Unendliches. Aber ist die Allianz überhaupt überraschend? Kann sie es sein? Ist es nicht in Wahrheit ihre Existenz, die uns überrascht, und nicht die Allianz als solche? Aber existiert sie überhaupt? Hatte ich nicht oben geschrieben, daß es nicht um die Verteidigung Kohls geht, sondern um die Verteidigung journalistischer Grundsätze und Gepflogenheiten, und zwar aus handfestem Eigeninteresse? Kann mal einer nachsehen, ob es weiter oben schon steht? Sonst schreibe ich es sicherheitshalber noch einmal hin. Und, ja: die Existenz einer Allianz, die nicht existiert, die wäre in der Tat überraschend.

Daß es einer verstehen kann, wenn Kai Diekmann, der Urinoberkellner der Pißpottpresse, dann, wenn es um seinen Buddy Kohl geht, plötzlich journalistisches Ethos entwickelt und Grundsätze einfordert, die er im Falle des Verräters Wulff, der Null, noch durch die Twitterspülung hat rauschen lassen, kann ich verstehen, denn das kann ich auch verstehen. Was ich nicht verstehe, ist, wie einer dasselbe der Kollegin von der Taz nicht zugestehen kann:

Aber ich hätte nie erwartet, auch aufrechte Kohl-Verächter wie Heribert Prantl oder die strenge “taz”-Vorsteherin Ines Pohl unter den Verteidigern zu finden. Keine Ahnung, was die Kollegen zu ihrem Einsatz treibt. Vielleicht hoffen sie bei der Gelegenheit, in einer Art Last-Minute-Bekehrung doch noch auf die richtige Seite der Geschichte zu kommen.

Es sei denn, er sei tief in seiner Mördergrube genauso ein Flegel wie Kohl, der es ja an der Oberfläche nicht war! An der Oberfläche war Kohl ein dicker, birnenförmiger Trampel, ein in jeder Hinsicht unfähiger und mithin mit der Aufgabe, die Geschicke des Landes in den Händen zu halten, überforderter Unfall der Geschichte. An der Oberfläche! Innen drin war er ein intrigantes Schwein – pardon, nein! Da bringe ich zwei Sachen durcheinander. Ein intrigantes Schwein war Jürgen Möllemann, Kohls Stellvertreter und, im Kabinett Kohl III, Minister für Bildung und Wissenschaft, im Kabinett Kohl IV Minister für Günstlingswirtschaft und Einkaufswagenchips, und zwar war der es in den Augen und mit den Worten seiner Parteifreundin Irmgard Adam-Schwaetzer: “Du intrigantes Schwein!” Ach, es ist doch schade um die FDP!

Innen drin aber war Kohl, wie sich nun zeigt, ein Flegel. – Auch Fleischhauer, heißt es, sei sehr bedacht auf sein Äußeres. Warum?

Bei keinem Bundeskanzler lagen große Teile der Presse so daneben wie in der Beurteilung des Mannes, der Deutschland so lange regiert hat wie niemand sonst. Für die Linke und damit die tonangebende Meinungsmacht war er der Dicke, die Birne, der Trampel, ein in jeder Hinsicht unfähiger und überforderter Mensch, die Geschicke des Landes in den Händen zu halten. Als er 1982 an die Regierung kam, hielt man das für einen Unfall der Geschichte, den schon die nächste Wahl korrigieren würde. Als er ein ums andere Mal im Amt bestätigt wurde, war er die Machtmaschine, die alles niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellte.

Moment mal, das ist doch von mir! Birne, Trampel, dick, in jeder Hinsicht unfähig, Unfall der Geschichte – eben habe ich es doch noch selber hingeschrieben! Das hat er von mir, aber richtig abschreiben kann er nicht, wie der verunfallte Satz von dem überforderten Menschen zeigt. – Nun ja! Wir Linken sind halt eine, nein, “die tonangebende Meinungsmacht”! Das muß auch ein Fleischhauer anerkennen. An uns kommt nicht vorbei, wer über Kohl schreiben will. Krawattericht! Schlipsgeradezieh!

Wenn es gegen Kohl ging, stand in vorderster Front natürlich auch immer der SPIEGEL.

Der SPIEGEL? Der SPIEGEL links? – Na gut, wenn es der Wahrheitsfindung dient. – Aber – wo wir gerade von Linken reden – nicht vergessen sei auch der linke Franz Josef Strauß mit seinem Rap: “Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.” Und nicht der Marxist Eberhard von Brauchitsch, persönlich haftender Gesellschafter des Kombinats VEB Flick, der das “Führungspotential Kohl” seinerzeit bündig mit “Kein anderer da” beschrieb.

Was die Kohlverachtung angeht, konnte es keiner mit den Kollegen aufnehmen, die dort in den Achtziger- und Neunzigerjahren für die politische Berichterstattung verantwortlich waren. Kohl selbst hat sich ebenfalls nicht lumpen lassen, muss man sagen. Legendär, wie er SPIEGEL-TV-Redakteure abfertigte, die ihn auf dem Weg zu seinem Wagen um einen Kommentar baten. Bei SPIEGEL TV haben sie aus den kurzen Auftritten zu seinem 80. Geburtstag einen eigenen Film geschnitten, den man sich immer wieder mit großem Genuss anschaut.

Ich wüßte es ja wohl! – Was ich gerne tun will, ist, die Schwan-Interviews immer wieder lesen. Ich hoffe nur, sie werden nicht langweilig. Weil – ich möchte nicht an meinem frisch gewonnenen Idol rummäkeln, aber – die Formulierungen, sind sie nicht alle ein wenig eindimensional? Authentisch, gewiß, unverstellt, geradeheraus, unplugged – aber auch ein Weniges mehr an Virtuosität vertragen könnend? Wer würde sich nicht, nach 36 Stunden Joe Cocker, etwas akustische Abwechslung herbeisehnen? Nicht sechsunddreißig Stunden, nach einer Viertelstunde, wollte ich sagen. Fünf Minuten. Und Joe Cocker ist auch viel zu hoch gegriffen – Bill Haley kommt eher hin. Nehmen wir nur die Äußerung Kohls über Rüttgers: “Dem sein Horizont ist Pulheim”. – Brav! – Aber wäre es nicht sehr viel schöner, angemessener und präziser, zu sagen: “Dem sein Horizont ist der Erbsensuppentellerrand auf der Wachstuchküchentischdecke in seinem Haus in Pulheim-Sinthern, Am Brauweiler Pfädchen oder wo er da wohnt”?

In der Politik resultieren die größten Fehler aus Eitelkeit

Hör ick dir schon trapsen, Nachtigall? Oder verbuche ich diese Zwischenüberschrift noch unter “Dummes Zeug, gedankenlos dahergeplappert”? Wieso wohl resultieren aus der Eitelkeit die größten Fehler? Die meisten, gut. Einverstanden. Aber war Kohls Fehler – denn darauf läuft es doch hinaus -, dem Schwan ins Ohr zu blasen und zwar so, wie ihm der Schnabel gewachsen war, war der denn überhaupt so groß? War es überhaupt ein Fehler?

Was viele Kritiker übersahen, wenn sie sich über Kohl lustig machten, war die Tatsache, dass er das Land viel eher verkörperte als sie in ihren Redaktionsetagen. Deshalb gewann er ja auch wider Erwarten eine Wahl nach der anderen.

Da Kohl aber, wenn er zur Wahl antrat, nicht gegen die Kritiker in den Redaktionsetagen antrat, sondern gegen Vogel, Rau, Lafontaine und Scharping, könnte man, wenn man bei Groschen wäre, allenfalls fragen, ob er volksnäher war als diese. Und nicht als jene. Und die Antwort müßte lauten: natürlich war er es. Wie man schon daran sieht, daß er gegen sie gewann. Und dann, als er gegen die Currywurst Schröder antreten mußte, die so volksnah war wie ein Skatabend im Plümecke, prompt verlor.

Was seine Beobachter als Bräsigkeit herabwürdigten, erschien dem Wahlvolk als Ausweis von Bodenständigkeit. Wo sie entsetzt den Kopf schüttelten, wenn er irgendwelchen Protestlern, die wild gegen ihn herumtobten, zurief, sie würden wohl alles bestreiten, nur nicht ihren Lebensunterhalt, lachten die meisten Deutschen zustimmend.

Ach du meine Nase! Kohl, der große Wortspieler. Kohl, der Kanzler, Kohl, der König, Kohl, der Höllenfürst des Wortspiels! Was red’ ich denn, Kohl, der Richling, Kohl, der Urban Priol, Kohl, der Dietrich Kittner unter den Kanzlern! Hölle, Hölle, Hölle! Gott, ist mir schlecht! Klar, wenn einer anderer Meinung ist als ich, und wenn er diese äußert, ohne Rücksicht darauf, ob ich das möchte und was ich davon halte, dann kann der keinen geregelten Lebensunterhalt haben. Dann ist der nur ein unnützer Fresser. Das ist so. Da hatte Kohl schon recht, wenn es das war, was er meinte. Ich werde nachher vielleicht ebenfalls einen, den ich nicht leiden kann, einen unnützen Fresser nennen, ich weiß auch schon wen. Mal sehen. Bleiben Sie dran! – Aber war es das denn, was Kohl meinte? Ging es ihm nicht eher darum, bestimmte Ausdrucksformen linker Meinungsmacht – nennen wir sie Demokratie, nennen wir sie Meinungsfreiheit – zu delegitimieren? So à la “Meinungsfreiheit ist zunächst einmal für Erwachsene da, nicht wahr, und zwar für fleißige, steuerzahlende Erwachsene, die gar keine Zeit haben, eine eigene Meinung zu entwickeln. Zu Dingen zumal, die sie nichts angehen. Und die sie nicht verstehen. Wer von unseren braven Steuerzahlern kriegt schon mit, wenn in Frankfurt ein alte Ruine wieder aufgepäppelt wird? Damit dort Dumpfbacken einen Opernball für Nichtstuer mit Geld inszenieren können? Wer das auch nur zur Kenntnis nimmt, hat zuviel Zeit. Wer zuviel Zeit hat, arbeitet zuwenig. Es sei denn, er hätte Geld. Aber dann wäre er in der Oper und nicht vor der Oper. Will sagen: erst, wenn die fleißigen Bürger mit Meinungsfreiheit versorgt sind (durch Glotze und Pißpottpresse), erst dann und wenn dann noch etwas Meinungsfreiheit übrig sein sollte, dann soll man die den Armen geben. Sofern die es verdient haben. Nicht jedoch dem Pöbel.”?

Die Achillesferse der linken Intelligenz war schon immer ihre Volksferne, weshalb auch nur dort Populismus ein Schimpfwort ist – das hat niemand besser erkannt gehabt als Kohl.

Ok, es ist nicht die Nachtigall, es ist “Dummes Zeug, gedankenlos dahergeplappert.” Lassen wir mal die quatschige Metapher von der Achillesferse beiseite – kann man sich das vorstellen? Wie ein geeigneter Apollon – wer könnte das denn mal sein? Irgendwelche Vorschläge? – seinen Pfeil aus dem Hinterhalt in die Volksferne der linken Intelligenz schießt, daß ihr ein Schmerz bis ans Herz fährt, und sie unter Klagen den Pfeil aus der Wunde reißt, und schwarzes Blut in den Staub der Walstatt quillt, so daß die linke Intelligenz kochend vor Kampfeslust unter die Feinde fährt und ihrer viele des Lebens beraubt, ehe ihr die Glieder kalt werden und sie sich auf die Lanze stützen muß, nicht ohne den Feinden zu fluchen – das kann sich doch kein Mensch vorstellen! Ich wüßte noch nicht einmal, welche Farbe das Blut der linken Intelligenz hat. – Rot? – Naheliegend. Aber warum nicht blau? Ich bitte! Als Geistesadel? – Lassen wir die Metapher, wie gesagt, beiseite, was will man erwarten von einem Transferleistungsempfänger, der seinen gesamten Rhetorikhaushalt von 391 Euro im Monat bestreiten muß? Hin und wieder vielleicht abgerundet durch ein paar Altmetaphern, die er aus dem Abfallkübel klaubt. 399 Euro soll es ab dem ersten Januar geben, aber große Sprünge wird er auch damit nicht machen können.

Aber lassen wir das. Nur dies noch: hier hätte sich – hier hätte es gepaßt – der “größte Fehler” angeboten. “Der größte Fehler der linken Intelligenz war schon immer” usw. usw. Das hätte zwar auch nicht gestimmt, aber das wäre immerhin von Sinn beseelt gewesen. Einer der Fehler des Fleischhauer hingegen, nicht der größte, nicht der kleinste, einfach einer seiner Myriaden von Fehlern ist es, zu sagen, Populismus als Schimpfwort gäbe es nur bei der linken Intelligenz. Lassen Sie es mich so ausdrücken: falsch. Populismus ist überall da und immer dann ein Schimpfwort, wo und wenn irgendwer auf das pfeift, was ich gut finde und etwas tut, was andere Leute gut finden. Das ist auf jeden Fall populistisch, und dafür gibt es Schimpfe. Nicht nur bei der linken Intelligenz, sondern auch beim rechten Volltrotteltum. Man mache die Probe aufs Exempel, gehe zu Google und tackere “Mindestlohn” und “populistisch” in die Suchzeile: die rechten Volltrottel werden einem die Bude einrennen. Was für ein hohles Strohdepot kann glauben, mit so einem unterirdischen Stuß durchzukommen? Was für eins? – Na seins. – Und, kommt es damit durch? – Beim SPIEGEL? Na immer!

Wenn man ihm einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er sich den WDR-Redakteur Heribert Schwan ins Haus geholt hatte, um sich bei seinen Memoiren helfen zu lassen.

Ok, es war doch die Nachtigall. – Kohl, du Verräter! Wie konntest du! Einen vom Rotfunk! Hätte man da nicht einen Würdiger’n finden können? Jedenfalls einen Würdegern? – Gewiß hätte Kohl. Aber so ist das eben bei Popstars: sie haben es gar nicht nötig. Je ruppiger sie ihre Groupies behandeln, desto größer ihr Ruhm, desto mehr drängen nach. Darunter natürlich auch welche, bei denen man sich was einfangen kann. Selber schuld!

Dass man einem Mann vom Rotfunk nicht trauen kann, hätte der alte Fuchs eigentlich wissen müssen; Verrat war schließlich immer eine zentrale Kategorie seines Denkens. Schwan hatte sich durch ein freundliches Filmporträt für den Job empfohlen. Die größten Fehler resultieren in der Politik nicht aus Nachlässigkeit oder Ignoranz, wie man sieht, sondern aus Eitelkeit.

Wie man sieht? Sieht man das denn? Woran sieht man das denn? Daran, daß hier steht, daß man es sieht?

Und noch eine rhetorische Frage: hat schon mal irgendwas von dem, was dieser Federheld daherkleckste, gestimmt? Gestimmt im Sinne von ‘eine Ähnlichkeitsbeziehung zur Wahrheit unterhaltend’? – Ich entsinne mich einer Lesung Hans Wollschlägers im Rotfunkhaus Hannover, es kann nicht vor 1982 und wird nicht vor Dezember gewesen sein, wahrscheinlich war es erst im Frühjahr 83 – mir ist, als hätten vor dem Funkhaus die Mandelbäume geblüht -, denn der sich dort eingefunden habende hannoversche Geistesadel (es gab viele freie Plätze), gnickerte zufrieden in sich hinein, als Wollschläger, wie er es gerne tat, über die Wiederkehr des Ewiggleichen filosofierte und die Frage in den Sendesaal stellte und dann unbeantwortet dort stehen ließ: warum ‘das Volk’ sich seine Regenten immer wieder aus dem geistigen Prekariat rekrutiere, wo nicht aus dem Abhub.

Prekariat wird er nicht gesagt haben, ich vermute, der gewählte Ausdruck war: geistiger Mittelstand. Aber der Mittelstand der sorglosen Achtziger ist das Prekariat von heute, ist zumindest objektiv abstiegsgefährdet, und von subjektiven Abstiegssorgen gebeutelt; sechzehn Jahre Kohl und sieben Jahre Schröder (“nicht alles anders, aber vieles effektiver”) haben das Ihre getan. – Der anwesende Geistesadel jedenfalls kicherte und glaubte zu wissen, wer da soeben als geistiger Abhub bezeichnet worden war, obwohl der ja strenggenommen nicht vom ‘Volk’ gewählt, sondern von den Verrätern Lambsdorf und Genscher ins Palais Schaumburg geputscht worden war. Aber ein Wollschläger denkt und dachte natürlich immer in ganz anderen historischen Dimensionen als denen popeliger Tagespolitik. – Ich will übrigens niemandem zu nahe treten, will den Wollschläger-Fans nicht zumuten, sich als links, und schon gar den Linken nicht, sich als Wollschläger-Fans bezeichnen zu lassen. Aber die riesengroße Achillesferse wollschlägerscher Volksferne, die ihm weder die Linken noch die Fans absprechen werden und die hier deutlich unter seiner Schlaghose hervorschaut – wir sind in den frühen Achtzigern – qualifiziert ihn jedenfalls als linke Intelligenz im Sinne Fleischhauers. Mir persönlich ist es ja ganz egal, was einer ist. Hauptsache er ist kein Kolumnist und arbeitet nicht für den SPIEGEL.

Aber was ich gerne mal wüßte, welche Frage ich jedenfalls gerne mal in den Cyberspace stellen möchte, auch wenn sie dann unbeantwortet für alle Ewigkeit dort stehenbleibt: auf welchem geistigen Rieselfeld findet eigentlich der Storch die kleinen Kolumnisten, die er dann dem SPIEGEL bringt?

Unrechtsstaat

Um nicht immer nur als Partei wahrgenommen zu werden, die verlangt, daß die Leute etwas bleiben lassen (Verbotspartei), wollen die Grünen in Thüringen zur Abwechslung mal als Partei auftreten, die verlangt, daß die Leute etwas tun (Gebotspartei). Darum verlangt sie, daß die Partei Die Linke ihr hundert mal schreibt: “Die DDR war ein Unrechtsstaat.” Wenn sie das nicht macht, wollen die Grünen rückfällig werden und der Linken verbieten, in Thüringen zu regieren.

Die Idee gefällt mir gut, die Idee gefällt mir sehr gut, und ich möchte sie aufgreifen. Ich verbiete hiermit der CDU, in Thüringen zu regieren, sie schriebe mir denn hundert mal: “Es war ein Fehler, Globke zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt zu machen.” Und die SPD soll schreiben: “Man hätte im Prinzip auch gegen die Kriegsanleihen stimmen können, damals, vor hundert Jahren. Nicht jeder, der gegen die Kriegsanleihen war, war deswegen schon ein vaterlandsloser Geselle. Betone: deswegen. Es waren schon auch vaterlandslose Gesellen dabei. Und dem Verdacht wollten wir uns nicht aussetzen. Das war von heute aus gesehen nicht unbedingt richtig. Aber wir haben dann ja gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das zeigt doch, daß wir die besten Absichten hatten. Es waren halt andere Zeiten damals! Das muß man doch bitte berücksichtigen! Man kann doch nicht immer nur auf der SPD herumhacken!”

Auch hundert mal, bitte. Ja, das ist mehr, als die CDU schreiben muß, aber die CDU hat auch mehr Stimmen bekommen. Die SPD soll froh sein, wenn sie überhaupt mitregieren darf, also vorwärts! Das thüringische Volk schreibt mir hundert Mal: “Wir sind uns dessen bewußt und heißen es durchaus nicht gut, daß es im Bauernkrieg zu sehr unschönen Szenen gekommen ist, auch hier bei uns in Thüringen. Und da ist Tübkes Panorama noch gar nicht mal mitgerechnet.” Ansonsten werde ich ihm verbieten, sich regieren zu lassen. Die Kirche soll schreiben: “Man hätte auch höflicher über die Juden schreiben können, als der Wartburgasylant es getan hat. Gewiß, das hätte man. – Ja. – Hat man aber nicht. – Belassen wir es dabei.” Bitte fünfhundert mal, sonst untersage ich das Reformationsjubiläum.

Die Grünen in Thüringen – die Grünen schreiben mir bitte einen Besinnungsaufsatz, nicht unter 1200 Wörter und nicht mehr als 1250, das Papier in der Mitte geknickt und nur die eine Hälfte beschrieben, ich brauche einen breiten Korrekturrand. Thema: “Ob, wenn der Schnabel denn schon aufgerissen sein muß, er derart weit aufgerissen sein muß, und ob ausgerechnet wir es sind, die ihn derart weit aufreißen müssen. Unter sorgfältiger Prüfung der Frage, ob das Elend auf der Welt nicht auch ohne das schon groß genug sei.”

Warum der Aufsatz? – Na, wer will denn etwas, was von den Grünen kommt, hundert Mal lesen? Einmal ist nicht nur genug, einmal ist oft schon einmal zuviel.

Bahr hat genau das gemacht, was er machen sollte

Der Allianz-Versicherungskonzern hat die Verantwortung dafür zurückgewiesen, daß sein Angestellter, der ehemalige Politiker Bahr, so kurz vor seinem Arbeitsantritt – manche sagen: zu kurz – noch als Politiker tätig gewesen ist. Bahr hatte nach einer kleinen Rochade im Kabinett Merkel II eine zeitlang den Posten des Gesundheitsministers bekleidet, weil das Ressort der FDP zustand, die FDP aber praktisch schon niemanden mehr hatte, der vorzeigbar gewesen wäre. Darum wurde es Bahr. Während seiner Zeit im Amt hat er alles getan, was man von einem Angestellten des Allianz-Versicherungskonzerns erwarten kann: für ein feuchtwarmes Klima gesorgt, in dem private Krankenversicherungen und Pilze sich wohlfühlen. Es war dies eine freiwillige Leistung Bahrs, nötig gewesen wäre das der Allianz zufolge nicht: in Ministerien, in denen sich lauter Lobbyisten die Klinke in die Hand geben, wie zum Beispiel dem Gesundheitsministerium, in dem die Klinken halbjährlich wegen Abnutzung ausgestauscht werden müßten, in solchen Ministerien gehe es zu, wie in anderen öffentlichen Einrichtungen – Schwimmbädern, Hotelzimmern, Puffs – auch. Dort fühlten sich Pilze und Pestbakterien sowieso wohl.

Die Verantwortung dafür, daß Bahr Politiker gewesen sei, liege vielmehr beim Wähler, und zwar ausschließlich bei diesem. Wenn der Wähler keine Allianz-Angestellten in der Politik wünsche – was ihm grundsätzlich freistehe, so wie ihm auch die Wahl der Krankenkasse freistehe – dann müsse er halt eben eine Partei wählen, in der es keine korrupten Politiker gebe. Wenn es eine solche Partei nicht gebe, könne er ja eine gründen, auch das stehe ihm schließlich frei. Mit ein bißchen Suchen werde er aber – das sei die private Meinung der Allianz – schon die eine oder andere Partei finden. Er müsse ja, der Wähler, vielleicht – auch das sei Privatmeinung, eine offizielle Stellungnahme des Unternehmens könne es zu dem Thema aus naheliegenden Gründen nicht geben – nicht gerade bei der FDP anfangen zu suchen. Natürlich stehe es ihm frei, bei der FDP mit dem Suchen anzufangen; aber dann müsse er halt etwas Zeit mitbringen und eine erhöhte Frustrationstoleranz.

Die in letzter Zeit verstärkt beobachtete Tendenz von Unternehmen, ihre Angestellten aus der Politik abzuziehen (Niebel, Pofalla, Bahr) hat nach Ansicht des Vereins ‘LobbyControl’? Who the fuck is ‘LobbyControl’? We are LobbyControl!, einer NGO, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Effizienz und Effektivität von Lobbyarbeit zu kontollieren und ein kritisches Augenmerk auf die Amortisation derer mittlerweile immensen Kosten zu legen, die beobachtete Tendenz sei der Tatsache geschuldet, daß die Bedeutung von Regierungsarbeit immer mehr abnehme. “Zeitgenössische Regierungen setzen den gesetzgeberischen Aktivitäten der Wirtschaft keinen nennenswerten Widerstand mehr entgegen,” ist von ihrem Sprecher Potte-Saoû zu hören. “Die Tendenz geht eindeutig dahin, das Regierungsgeschäft direkt aus den Vorstandsetagen heraus zu koordinieren, ohne den Umweg über Berlin und Brüssel. Das spart Kosten und steigert so den Wert der Unternehmen, ganz klar, vor allen Dingen aber beschleunigt es die Prozesse ganz enorm.”

Dieser “direkten Demokratie” gehöre die Zukunft. Sie werde einen klaren Standortvorteil gegenüber der klassischen Stellvertreterdemokratie bieten.

Mine macht genau das, was sie soll

Eine Landmine in Guinea-Bissau hat das getan, wozu sie da ist: sie hat einen Kleinbus in der Luft zerrissen und mit ihm die Leute, die in und auf diesem Kleinbus, der völlig überfüllt gewesen sein soll, herumsaßen.

Der Spiegel, dem ich diese Tatsache entnehme, nennt das Ganze ein Unglück, und glaubt nicht, daß die Mine mit Absicht detonierte. Das glaube ich auch nicht, aber sie wurde mit Absicht dort hingelegt. Ein Unglück wäre es, etwa, wenn ein Windstoß einen Baukran umschmisse, der dadurch alles zerdepperte, was er eigentlich aufbauen sollte. Das wäre ein Unglück. Aber diese Mine lag nicht da, um irgendetwas aufzubauen, diese Mine lag da, um Kleinbusse in die Luft zu jagen. Zu diesem Zweck wurde sie gebaut. Zu diesem Zweck wurde sie entworfen, geliefert, bezahlt und transportiert und ausgelegt.

Vielleicht glaubt der Spiegel ja, daß der Zweck der Mine ursprünglich mal ein ganz anderer war, zum Beispiel die Sicherung des Friedens zwischen den portugiesischen Kolonialherren und den Aufständischen der Unabhängigkeitsbewegung von Guinea-Bissau. Kann sein. Kann sein, daß der Spiegel das glaubt, meine ich, aber dann irrt der Spiegel sich eben. – Friedenssicherung? Soll ich da jetzt drüber lachen? – Ich bin jetzt seit x Jahren auf der Welt, seit y Jahren kann ich lesen, und seit z Jahren glaube ich, das eine oder andere, was ich von der Welt mitkriege, wenigstens zu begreifen, wenn mir auch mit der Zeit jedes Verständnis dahinsiecht. Und in diesen z Jahren ist der Frieden mit einer Wucht, einem Nachdruck und einer Vehemenz gesichert worden, daß es nur so krachte. Es gellen einem die Ohren bis heute. Ich weiß von wenigstens 2z Friedenssicherungen in dieser Zeit, eingeschlossen die Friedenssicherung in Guinea-Bissau, die von 1961 bis 1974 dauerte. Dann war erstmal die Luft raus, und die Friedenssicherer mußten mal durchschnaufen.

Aus jener Zeit soll die Mine stammen, meint der Spiegel. Kann sein. Ca. 800.000 Zivilisten sollen, sagt mir Wikipedia, in den letzten 30 Jahren durch Landminen ums Leben gekommen sein, 800.000 Zivilisten plus 200.000 Friedenssicherer. Plus die 22, die jetzt auf dem Kleinbus gesessen haben. Verletzte und Schwerverletzte nicht mitgerechnet.

800.022. Tjaja, ein Unglück kommt selten allein.

Privatisierung der Flüchtlingsbewirtschaftung leistet genau das, was sie soll

Im Zuge der stetig wachsenden weltweiten Friedenssicherung kommen immer mehr Flüchtlinge ins Land, und die früher mal für sowas zuständigen Behörden wären längst mit deren Verwaltung überfordert – denn sie müßten ja alle Angestellten nach BAT bezahlen, um des lieben Himmels, wo soll das hinführen? -, wenn sie denn noch zuständig wären. Gottlob gibt es mittlerweile die Richtlinie, daß alle öffentlichen Auftraggeber, in der Hoffnung, ihre Kosten zu minimieren, jede nachgefragte Dienstleistung diskriminierungsfrei, transparent und rechtsstaatlich zu vergeben, sprich: auszuschreiben gehalten sind. Anders als der Privatmann, der sich den Dienstleister vorher ansehen und gegebenenfalls sagen darf, daß er sich von einem, der sich “Sieben auf einen Streich” aufs Wams gestickt hat, die Kehle nicht rasieren lassen will, schönen Dank, muß die öffentliche Hand immer den billigsten Jakob nehmen. Tut sie auch. Was mittlerweile dazu führt, daß sich die Ausschreibung auf die Qualität der Dienstleistungen in etwa so auswirkt, wie die Friedenssicherung auf die Qualität des Weltfriedens: nicht so gut. Hingegen höchst positiv auf den Profit der Hersteller von Landminen.

Das Äquivalent der Landmine im Dienstleistungssektor ist der private Sicherheitsdienst. Wenn Ihnen irgendwo im öffentlichen Raum eine Bande von Halunkengesichtern in diesen hypermaskulinen Klamotten auffällt, die ich mal als das optische Äquivalent zum Bocksgestank bezeichnen möchte, eine Bande, bei deren Anblick sie sich instantan in einem Pitbullzwinger besser aufgehoben wähnen denn in deren Mitte, bei deren Anblick Sie sich denken: Ach nein, dies sind nicht eben die Herren, denen ich meine Freundin anvertrauen würde, mit der Bitte, ein Dreiviertelstündchen auf sie aufzupassen, während ich mich zur Aussage vor dem Ausschuß für Friedenssicherungsverweigerer einfinde – dann schauen Sie sich gut um: in der Nähe solcher Banden lauert oft schon der Rekrutierungssergeant der nächstbesten Schlägertruppe, der der Staat sein Gewaltmonopol anvertraut hat mit der Bitte, gut drauf aufzupassen, während er grad mal seine Kosten minimieren muß. Sagte ich Schlägertruppe? Private Friedenssicherungsagentur wollte ich sagen. Der wird die Halunken zu ködern versuchen, mit der Aussicht auf Löhne am unteren Rand des Einkommensspektrums, die Option auf Aufstockung durch die Bundesagentur für Arbeit, martialische Kluft, ausreichend Gelegenheit zu einfacher körperlicher Gewalt sowie die Bewunderung der Weiber. Außerdem 3 Luisdor auf die Hand, um den Staub von der Kehle zu spülen und auf Thomas de Maizières Gesundheit zu trinken.

Jetzt ist in einem Flüchtlingsbewirtschaftungsheim in Burbach so eine Mine hochgegangen, wo sie, wie Minen pflegen, den Frieden sicherte, indem sie ihren Opfern auf die Pelle rückte. Alle Welt schreit zeter, manch einer sogar mordio. Und das Handelsblatt fragt, ob Privatisierung um jeden Preis sein müsse, ob nicht Privatisierung um jeden Preis nicht am Ende dem Image der Privatisierung abträglich wäre?

Klares Gut Möglich. Wir sollten nicht jeden Preis zahlen, den sie fordert. Wir sollten die Privatisierung europaweit ausschreiben. Dann nehmen wir die, die am billigsten ist.

Qualitätsvorschläge zur Güte III

Und wenn wir es so machen?

Mit dieser verdammten Kinderpornographie, meine ich. Wenn wir den Kindern einfach verbieten, sich auszuziehen? Wenn es keine nackten Kinder gibt, gibt es keine Posingbilder, Fall gelöst.

Ich meine, die Frauen haben sich doch auch daran gewöhnt, daß sie schuld sind, wenn sie vergewaltigt werden. Also, sagen wir mal nicht schuld, jedenfalls nicht allein, sagen wir: mitschuldig. Daß sie eine Teilschuld tragen, mal größer, mal kleiner. Kommt drauf an. Darauf zum Beispiel, was sie anhaben. Oder anhatten, vor der Vergewaltigung. Was sie nach der Vergewaltigung anhaben, oder nicht anhaben, das kann man ihnen ja nicht gut zur Last legen. Wir sind ja keine Unmenschen. Schließlich wurde ihnen Gewalt angetan.

Also, einen Teil der Schuld tragen auch die Kinder allemal. Was müssen sie denn so aufreizend auf die Pädos wirken? Sicher, das sind alles perverse Schweine, die Pädos, will sagen, vom Leben schwer geprüfte Mitbürger, aber Schweine eben. Im Gegensatz zu den normalen Vergewaltigern, die ganz normale Männer sind. Und sicher vielfach auch vom Leben schwer geprüft. Wer weiß, was die schon alles mitgemacht haben, mit ihren Frauen und Freundinnen und Zufallsbekanntschaften! Und Frauen, die einfach so ihren Weg kreuzten, ohne zu überlegen, was sie da tun. Die sind ja nicht pervers, die Männer. Man muß da schließlich unterscheiden zwischen dem, was einer tut, und wie er veranlagt ist. Zum Beispiel die Geistlichen: wie die Törin – nein, nicht Törin, Störchin – auch nicht, Frau vom Storch – na, von -, wie die Frau von Storch so richtig sagt:

“Der Unterschied [...] ist der: Ein katholischer Priester, der so etwas tut, weiß, dass er eine schwere Schuld auf sich lädt.”

Und tut es trotzdem. Da ist er schon halb entschuldigt. Wie anders hingegen die Schweine, die so veranlagt sind! Schwer geprüft oder nicht schwer geprüft! Wehe! – Sein Tun kann man keinem vorwerfen, oder jedenfalls nur zum Teil, denn das Tun ist oft genug provoziert durch das, was er zu sehen kriegt.

Drum besser wär’s, daß er’s erst gar nicht zu sehen kriegte.

Und die Kinder sind es überdies gewohnt, verboten zu kriegen. Früher hat man sie doch auch gepeitscht, wenn sie sich entblößten und Dinge taten, die man nicht tut. Oder tat. Und hat es ihnen vielleicht geschadet?

Ja, gut, oder auch nicht gut, vielleicht hat es ihnen geschadet. Manche von ihnen sind Priester geworden, manche Lehrer an Reformschulen, manche auch einfach bloß Drecksäcke. Vielleicht hat es am Peitschen gelegen. Man muß sie ja auch nicht unbedingt peitschen. Wir sind ja keine Unmenschen. Eine Geldstrafe tut es oft auch. Wenn man das Kind mit einer Geldstrafe dafür belegt, daß es sich ausziehen und fotografieren läßt, dann übt man damit wirtschaftlichen Druck aus, und zwar, das ist das Gute daran, auf die Eltern. Denn die Kinder haben ja in der Regel keine eigenen Einkünfte, es sei denn … Moment! Es darf natürlich nicht dazu kommen, daß der Vater vor Wut über die Geldstrafe seinen Knaben auspeitscht, und die Bilder vom Peitschen an einen Pädophilenring verhökert, um die Strafe wieder reinzukriegen. So darf es nicht sein! Dann wäre nichts gewonnen.

Aber so etwas wird ja wohl keiner tun, als Vater! Ein Vater liebt doch seine Kinder. So wie ein Ehemann seine Frau liebt. Vergewaltigen etwa Männer ihre Ehefrauen? Partnerinnen? Geliebten? – Nicht doch! Natürlich mag das einmal vorgekommen sein, aber wissen Sie, Sie können, wenn Sie wollen, immer etwas finden, was nicht so ist, wie es sein sollte. Der normale Mann vergewaltigt nicht seine eigene Frau! Wenn er es täte, würde er bestraft. Wird er aber nicht. Nur in den seltensten Fällen. Was zeigt, daß es noch Liebe und Treue in der Ehe gibt.

Da fällt mir ein: früher, als es besser war, und die Vergewaltigung noch ein Eigentumsdelikt, weil der Inhaber der Frau in seinem Recht am ausschließlichen usus fructus der Sache ideell geschädigt wurde, damals gab es weniger Vergewaltigungen als heute. Doch. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht wurden auch weniger angezeigt. Oder mehr. Egal, früher war es besser. Darum ergeht hier und heute folgender

Qualitätsvorschlag zur Güte, vergessen Sie den anderen!

Nießbrauch statt Mißbrauch

Wir könnten den Eltern der mißbrauchten Kinder ein großzügiges Schadensersatzrecht einräumen, für den Fall, daß ihr Recht auf Nießbrauch ihrer Kinder von Unbefugten geschmälert wurde. Wir sind uns ja hoffentlich alle einig, daß bei der Kinderpornographie das Verbrechen in ihrer Produktion besteht, nicht in Konsumtion, Zirkulation oder Distribution. Wenn wir uns da nicht einig sind, stellen wir uns doch für einen Moment vor, es wäre andersrum. Da wäre der Schaden angerichtet, das Kind gequält, sein Gemüt zerstört, sein ferneres Leben eine Wüstenei aus Ekel, Scham und Schuldgefühlen, und dann hätte Gott ein Einsehen, erschlüge den Produzenten beim Scheißen, ließe die Akkus der Kameras explodieren, sorgte durch Meteoriteneinschlag für einen mehrtägigen Netzausfall und durch Magie für einen Kurzschluß in der USB-Schnittstelle – jedenfalls wäre das Ergebnis: keine Distribution, keine Zirkulation, keine Konsumtion. Und dann? Dann wäre kein Verbrechen passiert?

Ja doch wohl nicht!

Deswegen verfolgen wir konsequenterweise zuallererstmal den Konsum. Das klingt zwar paradox, ist es aber nicht. Der Konsument nämlich ist der eigentlich Böse, denn er ist veranlagt, das Schwein. Der Produzent ist nicht veranlagt, oder sagen wir mal, er muß es nicht sein. Manch ein Produzent hat vielleicht bloß ein nacktes Geschäftsinteresse am Kind, und das Kind als solches ist ihm völlig egal. Geschäftsinteresse aber ist nichts Böses, Geschäftsinteresse ist, um es einmal so zu sagen, die Seele des Geschäfts. Aber es gibt Regeln, die im Geschäftsleben einzuhalten sind, und eine dieser Regeln besagt, daß die Eltern als Rechteinhaber am Kind nicht einfach übergangen werden dürfen. Es gibt so etwas wie ein Leistungsschutzrecht, das dem Content-Provider (hier: die Eltern, denn das Kind ist in den seltensten Fällen geschäftsmündig) einen Schutz vor Ausbeutung seiner Leistungen (hier: die Kinder) zugesteht.

Dann könnte man auf die unappetitliche Kategorisierung von Bildern – hie Porno, strafbewehrt, hie Posing, nicht strafbewehrt – ganz verzichten. Es wäre das Bild so oder so eine Beeinträchtigung des schützenswerten Geschäftsinteresses der Eltern, und diese könnten Konsumenten abmahnen und die Gewinne der Produzenten beschlagnahmen lassen.

Wenn dann das Freihandelsabkommen mit Kanada (CETA) in Kraft sein wird, werden sie auch Kanada vor internationalen Schiedsgerichten auf Schadenersatz verklagen können, wenn nämlich das Land noch einmal durch voreilige Verwaltungsakte (polizeiliche Ermittlungen, Beschlagnahmung der Daten abmahngeeigneter Kunden) die Sicherheit ausländischer Investitionen mit Füßen zu treten irrigerweise glaubte sich angelegen sein lassen zu sollen.

Ich bitte meine Leser um Entschuldigung für diesen Vandalenakt. Der Herr von der Agentur Sbrinz, der für den vorhergehenden Absatz verantwortlich ist – falls in dem Zusammenhang von ‘Verantwortung’ zu reden überhaupt zu verantworten ist -, hat mein Vertrauen mißbraucht. Möge ihn der Blitz mit Schmackes in die Toilettenschüssel rammen! Nichts von dem, was er vorschlägt, war mit mir abgesprochen, und nichts davon steht in Einklang mit den von mir verteidigten Werten.

Neumodisches Kramzeug! – Ich bleibe bei meinem Vorschlag.

Don’t eat the brown acid

Ein paar von uns, die allen Grund haben, nicht genannt sein zu wollen, haben einen Blogableger gezüchtet und in einem Topf auf die Terrasse gestellt. Es handelt sich um eine elende Besserwissermanege, in der Spiribitze, Worthäscher und Klügler ihr hölzern Steckenpferdlein zwischen die Schenkel klemmen. Damen und Herren, die masochistisch veranlagt sind, finden vielleicht Geschmack daran, das anzusehen. Ein Safeword können sie direkt auf der Seite vereinbaren.

Empfohlen wird es aber nicht. It is vielmehr suggested that you do stay away from that. Of course it is your own trip, so be my guest, but please be advised that there is a warning on that one.

Ok?